Jetzt schritt unser Zug mehrere Tage lang gerade nach Osten. Den ersten Tag ging es ein großartiges, zwischen wilden, nackten Felswänden eingeschnittenes Tal hinauf, in welchem der Anambaruin-gol, mit blauschimmerndem, glattem Eise bedeckt, im Winterschlafe lag (Abb. 178, 179, 180). Einige Steinhütten zeigten, daß Mongolen das Tal dann und wann besuchten. Gerade unter dem Passe, der die östliche Grenze des Tales bildet, ließen wir uns in der Kälte nieder. Eine Herde von 12 Archaris kletterte geschickt und mit affenartiger Sicherheit auf einigen Felsvorsprüngen neben unserem Wege umher. Während sie die Karawane betrachteten, schlich sich Schagdur unter ihren sicheren Aussichtspunkt. Der Schuß rollte wie ein Echo zwischen den Bergwänden, und ein kolossaler Widder taumelte haltlos aus einer Höhe von 50 Meter herunter. Es wird von diesen wilden Schafen erzählt, daß sie, wenn sie auf ihren Felsenpfaden stolpern und ausgleiten, immer auf die Hörner fallen und dadurch die Wucht des Anpralls dämpfen. Schagdurs Opfer gehorchte diesem Gesetze sogar im Tode, denn er schlug mit den Hörnern polternd auf das Geröll auf. Unser Weg war lang gewesen, und im Lager war viel zu tun. Erst um Mitternacht kamen die Leute mit dem Archari, das sie auf ein Kamel geladen hatten, an. Es war mörderisch kalt in dem Winde, −28,5 Grad. Man glaubte, die Kälte in der klaren Nachtluft förmlich zittern zu sehen, und der Mond stand hoch und hell über den Schneefeldern der Gebirge.
Am folgenden Tag überschritten wir noch einen Paß und gelangten in die Gegenden des Gebirges, aus denen die Sommerflüsse südwärts nach dem Zaidambecken gehen. An einer Stelle sahen wir dessen Sandwüste zwischen isolierten, mächtigen Bergkomplexen.
So wanderten wir durch diese wilde Gebirgswelt nach Osten weiter. Wir hatten unter der Kälte und dem Winde zu leiden, es fehlte an Feuerungsmaterial, und ein paar Packleitern gingen darauf. Die Tiere hatten es auch nicht besser, denn die Weideplätze waren ebenso selten wie spärlich, und sogar die Quellen waren knapp. Den Kamelen macht es nichts aus, ein paar Tage zu dursten, die Pferde aber kauten Schnee, wenn sich ihnen weiter nichts bot. Im Norden erhebt sich das mächtige Massiv des Anambaruin-ula, im Süden ein kleinerer Bergrücken. Als es am 6. Januar Tag wurde, sahen wir offene Ebenen im Süden und Südosten und vor uns hatten wir jetzt das Hochlandbecken, das Särtäng heißt und von Särtängmongolen bewohnt wird, die mit den Bewohnern von Zaidam stammverwandt sind.
Fern im Osten sieht man den Bulungir-nor und die Wasserläufe, die sich in diesen kleinen See ergießen. Die vortrefflichen Weiden, die uns nach dem platten Lande zogen, waren jetzt freilich gelb, aber unsere Tiere würden sich nichtsdestoweniger dort sattfressen können, und wir wollten sie, obwohl es schon zu dämmern anfing, gern noch zum Abend erreichen. Einige schwarze Punkte hier und dort hielten wir für Zelte und Herden, aber die Entfernung war zu groß, um etwas deutlich erkennen zu können, und nach einer Weile hüllte sich das Land in Dunkelheit. Schagdur und Mollah sprengten voraus; eine Stunde später erhellte ein Feuer die Nacht; sie hatten augenscheinlich den Rand der Steppe erreicht und dort trockenes Gras und Gestrüpp in Brand gesteckt. Die langsam gehende Karawane brauchte noch zwei Stunden, um dorthin zu gelangen; als wir aber einmal da waren, durften die Tiere ungeknebelt die ganze Nacht grasen. In solchen Gegenden laufen sie nicht fort.
Als ich am folgenden Morgen geweckt wurde, hatten die Leute schon weiter im Süden einige Zeltlager entdeckt, nach denen wir unsere Schritte hinlenkten. Zuerst gelangten wir an drei Jurten, um welche herum große Herden von Rindern, Pferden und Schafen weideten. Eine alte Frau kam herausgelaufen und empfing uns ohne eine Spur von Furcht; sie fuhr, während sie schwatzte, ganz ruhig mit ihrer Handarbeit — Schnurdrehen — fort. Doch bat sie uns, ja nicht hier zu bleiben, denn hier seien nur Frauen und Kinder zu Hause; wir zogen deshalb weiter, bis wir drei andere Jurten erreichten, wo zwei Männer versicherten, daß wir willkommen seien und unsere Zelte bei ihnen aufschlagen könnten.
Wir hatten es gut bei diesen freundlichen, gastfreien Mongolen von Sando, die uns verkauften, was wir an Proviant brauchten, aber keine Karawanentiere abgeben konnten. Die Gegend war übrigens sehr spärlich bevölkert; nur einige wenige Jurten waren auf der Ebene zu sehen. Eine große Karawane war kürzlich nach dem Tempel von Kum-bum und eine zweite nach Sa-tscheo aufgebrochen. Die Mongolen, die noch hier waren, besuchten uns alle. Ich frischte bald das Mongolische, das ich auf meiner früheren Reise gelernt hatte, wieder auf, und überdies war Schagdur ein vorzüglicher Dolmetscher; es war ja seine Muttersprache, die er hier zu seiner Freude wiederfand.
Nach einigen angenehmen Rasttagen, während welcher die Kälte auf −32,5 Grad hinunterging, traten wir den Rückweg nach dem Anambaruin-gol an, diesmal aber auf der Nordseite des Gebirgsstockes gleichen Namens. In vier Tagen zogen wir nach Norden über diese Kette, welche die Fortsetzung des Astin-tag bildet. Wir lagerten zuerst am Bulungir-nor, wo die Wölfe rings um unser Lager heulten, nachher in bergigen Gegenden. Der Hauptpaß Scho-ovo (der kleine Obo) ist eine scharf ausgeprägte Schwelle, und besonders der Nordabhang ist ungeheuer steil. Die Kamele mußten, um nicht kopfüber in den Abgrund zu stürzen, einzeln geführt werden. Ein mächtiger Fluß rauscht im Sommer durch das nördliche Quertal und hat nur zu deutliche Spuren seiner aushöhlenden, einsägenden Tätigkeit hinterlassen. Rebhühner kamen in Menge vor, und ich lebte während der ganzen Reise durch den Anambar-ula von nichts anderem, obgleich wir Schaffleisch vollauf hatten.
Von dem kleinen, am Nordfuße des Gebirges liegenden Aule Scho-ovo an ging unser Weg nach Westen. Wir waren hier von der Stadt Sa-tscheo oder Tung-chuan (von den Muselmännern Dung-chan genannt) nur noch eine Tagereise entfernt. Vielleicht war es ein Glück, daß wir diesen Ort während der Unruhen in China, von denen wir allerdings nichts gehört hatten, nicht besuchten. Unser Führer war ein netter alter Mongole (Abb. 181, 183), der die Gegend ganz genau kannte, uns fünf Kamele bis nach dem Anambaruin-gol vermietete und uns einen reichlichen Vorrat von Gerste, soviel wir transportieren konnten, verkaufte. Der Boden war jetzt überall mit Schnee bedeckt, aber nicht so hoch, daß unsere Tiere sich nicht an den Lagerplätzen an Gras hätten sattfressen können. Er war auch von unzähligen Schluchten durchsägt, die bis zu 10 Meter tief waren und steile, schwer zu erklimmende Wände hatten. Der nächste Lagerplatz hieß Dawato; dort tobte ein verwünschter Wind, der vom Gebirge herabstürzte. Es scheint eine Art lokaler Föhn zu sein, denn er hörte sofort auf, als wir am nächsten Tag einen kleinen Paß überschritten hatten, und er erhöhte die Minimaltemperatur auf −16 Grad.
Am 18. Januar gelangten wir an das Tal von Dschong-duntsa, eine sehr breite, 50 Meter tief in mächtige Geröllbette eingeschnittene Furche (Abb. 182). Von dem Stocke des Anambaruin-ula gehen unzählige derartige Täler nach Norden, vereinigen sich nach und nach zu Hauptbetten und laufen in die Wüste hinaus, wo sie jedoch bald aufhören. Nur dadurch, daß wir eine kleine Schlucht, die in das obengenannte Haupttal ausmündet, hinuntergingen, konnten wir seinen Boden überhaupt erreichen (Abb. 184, 185, 186). Sie schlängelt sich wie ein Korridor, in dem das Echo hellklingt, zwischen lotrechten Geröllwänden hin. Sie hat ziemlich steiles Gefälle und wird immer enger und dunkler. Doch nach einer letzten Biegung wird es wieder hell, und das sonnenbeleuchtete Tal mit seiner Vegetation und seinem eisbedeckten Flusse strahlt uns wie durch eine geöffnete Pforte entgegen. Auf dem linken Ufer des Flusses lagerten wir in einer großartigen, phantastischen Natur.
Die Talmündungen, die vom Gebirgsstocke des Anambaruin-ula ausgehen, sind wahrhaft großartige, entzückende Gegenden. In einer von ihnen, die Lu-tschuentsa heißt, lagen in einem Walde von kleinen Weiden mächtige Eistafeln, an den Bachufern wuchs prachtvolles Gras, und Steinhütten und Gerstenfelder verkündeten, daß sich hier vor noch gar nicht langer Zeit Mongolen aufgehalten haben (Abb. 187, 188). Der Weg selbst ist um so schlechter, mit Riesenschluchten bis ins Unendliche und mit zahllosen kleinen Furchen dazwischen. Sie sind oft tief zwischen lotrechten Wänden eingeschnitten; das Ganze ist ein Meer von Geröll, malerisch, aber beschwerlich. Die Karawane verschwindet manchmal in diesen Rinnen und taucht an einer weniger steilen Stelle wieder auf.
Bei dem Lager am Gaschun-gol schoß Schagdur ein wildes Kamel. Diese Tiere kommen in der Gegend ziemlich häufig vor, bald nördlich von unserem Wege auf den untersten Abhängen des Gebirges und am Rande der Wüste, bald auch, merkwürdigerweise, in den südlichen Tälern, wo es meiner Meinung nach nicht schwer sein müßte, ganze Herden in Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg gibt, hineinzutreiben. Wir sahen sie oft in Herden von 15–20 Tieren.
Am 24. Januar wurde die letzte Strecke bis Chan-ambal zurückgelegt, wo wir auf derselben Stelle wie vor drei Wochen lagerten. Nahe dabei trafen wir die einzige Karawane, die wir auf dieser ganzen viermonatigen Reise sahen, zwei Chinesen, die auf zehn Kamelen gedörrte und gefrorene Fische nach Sa-tscheo brachten. Sie kamen, wie sie sagten, aus Lovo-nur, d. h. Lop-nor. Ich wollte ein oder zwei Pakete ihrer Fische erstehen, aber sie weigerten sich hartnäckig, uns etwas zu verkaufen. Meine Leute schlugen vor, wir sollten uns ganz einfach nehmen, was wir brauchten, aber ich bin nicht für Gewalt und zog es vor, die Chinesen unbehelligt weiterziehen zu lassen.
Mit der Rückkehr an diesen Lagerplatz, der von Abdall gerechnet Nr. 131 war, hatten wir den Anambaruin-ula umgangen, aber den eigentlichen Zweck des ganzen Umweges, uns Kamele zu verschaffen, nicht erreicht. Wir hatten nicht einmal ein Pferd kaufen können, und unsere Karawane war durch den Umweg ermüdet worden. Die Kamele befanden sich noch in guter Verfassung, aber mehrere Pferde zeigten schon Symptome der Erschöpfung. Der Gewinn der Reise war, daß wir ein geographisch sehr merkwürdiges Land kennengelernt hatten.
Große Strecken unbekannten Landes lagen noch vor uns, und in der Zusammensetzung der Karawane mußte eine Änderung vorgenommen werden. Sechs Pferde, die nicht aussahen, als hätten sie noch Kräfte genug für zweimonatige Strapazen, wurden ausgeschieden, und alles, was sich entbehren ließ oder jetzt nicht notwendig war, von unserem Gepäck abgesondert, besonders alle Gesteinproben und Skelette. Mit dieser kleinen Karawane sollten Tokta Ahun und Ahmet nach Abdall zurückkehren. Ersterer hatte außerdem folgende wichtige Aufträge auszuführen. Mit den müden Pferden sollte er sich von Abdall nach Tscharchlik begeben und dort von Tscherdon und Islam Bai allerlei später für uns notwendige Proviantartikel erhalten, worüber ich ihm schriftlichen Befehl an die beiden mitgab. Sodann hatte er wieder nach Abdall zurückzukehren, um uns von dort aus entgegenzukommen, und den Postdschigiten, der der Verabredung gemäß während meiner Abwesenheit vom Generalkonsul in Kaschgar in Tscharchlik angelangt sein mußte, ebenfalls mitzunehmen. Der Dschigit sollte hierbei noch immer dafür verantwortlich sein, daß mir die Posttasche in unverletztem Zustande übergeben würde. Von Kum-tschappgan sollte Tokta Ahun drei volle Tagereisen am Nordufer des Kara-koschun entlangreiten, drei frische Pferde mitnehmen und in einer geeigneten Gegend ein Standlager errichten. Zwei Kähne und einige gut mit der Gegend bekannte einheimische Fischer hatte er ebenfalls mitzubringen.
Nachdem diese Hilfsexpedition einen guten, angenehmen Rastplatz ausgesucht, sollte sie dort eine Hütte bauen, ihre Netze auslegen und Enten fangen, damit wir, die aus der Wüste kommen würden, nach den Anstrengungen Obdach und Verpflegung vorfänden. Auf einem nach Norden weithin sichtbaren Hügel sollten sie zweimal täglich, um 12 Uhr mittags und nach Einbruch der Dunkelheit, ein Feuer anzünden, dessen Rauchwolken und Schein uns als Leuchtturm dienen könnten. An dem verabredeten Vereinigungspunkte drei Tagereisen nordöstlich von Kum-tschappgan mußten sie sich in spätestens 45 Tagen, vom 27. Januar an gerechnet, einfinden und sofort mit dem Signalisieren beginnen, sowie geduldig auf unsere Ankunft warten, falls wir aufgehalten werden sollten. Tokta Ahun war betrübt, daß er sich von uns trennen sollte, aber ich tröstete ihn damit, daß es sein Vorteil sein würde, wenn er seinen Auftrag gut ausführe.
So dezimiert, zogen wir am 27. Januar weiter, um die Wüste Gobi gerade nach Norden zu durchwandern. Wir marschierten also durch das Tal hinunter, das der Anambaruin-gol durch die Bergkette des Astin-tag geschnitten hat. An einer Flußbiegung standen drei von Äckern umgebene mongolische Steinhütten. Das Tal erweitert sich, die Berge auf seinen Seiten bilden isolierte Partien, Hügel und wellenförmiges Land, das schließlich in die Wüste übergeht. Auch der Fluß wird schwächer, seine Uferterrassen werden immer niedriger, seine Eisschollen immer dünner, und nur ein unbedeutendes Rinnsal rieselt noch unter ihnen. Der Schnee wird immer seltener, und es war deutlich zu beobachten, daß er bald ganz aufhören würde.
An dem Punkte, wo die letzten Eisschollen im Tale lagen, machten wir eine bedeutungsvolle Rast. Wo und wann würden wir das nächste Mal Wasser finden? Darüber schwebten wir in gänzlicher Ungewißheit. Der Sicherheit halber befahl ich, für 10 Tage Eis mitzunehmen. Die Eisdecke des Bettes wurde aufgebrochen und fünf Säcke mit dicken Scheiben gefüllt. Ein Sack reichte, unserer Ansicht nach, volle zwei Tage für Leute und Tiere.
Die schon vorher ansehnlichen Lasten der Kamele wurden hierdurch noch vergrößert, aber das Terrain war gut, und es ging eben und langsam bergab. Es ist herrlich, das Gebirge hinter sich lassen zu können und erst in einer freundlicheren Jahreszeit dorthin zurückzukehren.
Nur ich, Schagdur und Faisullah durften an diesem Tage reiten, doch sobald die Zugordnung in Gang gekommen war, sollten wir die vier Pferde abwechselnd benutzen.
Je weiter wir uns von der Bergkette entfernen, desto mehr schmelzen die Einzelheiten ihres Aufbaues zusammen; aber je weiter wir gelangen, desto deutlicher zeichnen sich dafür ihre beiden Rücken ab. Der hintere, den die Mongolen Tsagan-ula (das weiße Gebirge) nennen, erhebt sich hoch und dominierend mit seinem schön gezeichneten, schneebedeckten Kamme; der vordere, nördliche, den der Fluß durchbricht, steht schwarz da und hat gemäßigtere, sanftere Linien.
Das Terrain und die Landschaft verändern sich vollständig; das Geröll, das uns seit einem Monat zu schaffen machte, wird spärlicher und hört ganz auf, der Boden wird weicher, und wir können zwischen den Schneeflecken reiten, so daß die Pferde von den unangenehmen Schneesohlen, die sich unter den Hufen bilden, verschont bleiben. Hier und dort ist die aus Teresken und Tamarisken bestehende Steppenvegetation recht üppig. Im Norden versperren niedrige, rötliche Berge die Aussicht über das Wüstenmeer. Neben einem kleinen Hügel fanden wir einen vortrefflichen Platz für das Lager. Dürre Büschel versahen uns mit Kamelfutter und Feuerung, und in einer Spalte lag noch eine letzte Schneewehe, so daß wir den Eisvorrat nicht anzubrechen brauchten. Zwei wilde Kamele wurden von den Hunden in die Flucht gejagt, liefen aber so schnell längs des Fußes der Hügel hin, daß die Hunde, wie sehr sie sich auch anstrengten, so weit hinter ihnen zurückblieben, daß an ein Einholen gar nicht zu denken war.
Der nächste Tag brachte uns pfeifenden westlichen Sturm, der mit aufgewirbeltem Staub und schweren, grauen Wolken gesättigt war. Für die Pferde wurden einige Eimer Schnee über dem Feuer geschmolzen, die Kamele aber und die Hunde konnten sich selbst von den Schneewehen versehen. Wir näherten uns dem Fuße des Wüstengebirges. Die Steppenvegetation ist oft außerordentlich üppig. Sie besteht aus jenen holzigen, oft ziemlich hohen, Nadeln tragenden Sträuchern und Büschen, welche die Muselmänner „Tschakkande“ und „Köuruk“ nennen und die mit der gewöhnlichen Tamariske verwandt sind. Manchmal sind sie vertrocknet, und dann liegen ganze Wagenladungen vortrefflichen Brennmaterials bereit, so daß man oft in Versuchung gerät, nur um ihretwillen zu lagern.
Wir überschreiten ein sehr breites, aber wenig tief eingeschnittenes Bett, dem alle Gewässer der Gegend zuströmen. Das Bett geht nach Westnordwest, in der Richtung des Lop-nor-Beckens. Obwohl das Gefälle auf der anderen Seite außerordentlich stark wurde, war es für uns doch leicht, über den niedrigen Paß der Wüstenkette hinüberzukommen, auf dessen anderer Seite die Zelte zwischen weichen, trockenen und angenehmen Sanddünen aufgeschlagen wurden. Unterhalb des Passes begann jetzt auch „Suk-suk“ (Saksaul, Anabasis ammodendron) aufzutreten.
Während des Marsches am 29. Januar verloren wir uns wieder in einem Gewirr von nicht sehr hohen Bergen. Von neuem stießen wir auf einen deutlichen Weg aus früheren Zeiten. Am Boden war keine Spur mehr davon zu sehen; er war schon lange von der Zeit vertilgt worden, aber auf allen Hügeln und Vorsprüngen standen kleine Steinmale oder Wegzeichen, deren wir wohl 20 zählten. Gewöhnlich bestehen sie aus einer großen und einer kleinen Steinplatte, die sich aneinanderlehnen, oder auch aus einem würfelförmigen Steine, der zwei aufeinandergelegte runde Steine trägt. Daß es sich hier nicht um einen zufälligen Jägerpfad handelt, beweisen die Steinmale. Jäger finden sich überall zurecht und bleiben nicht ausschließlich auf bekannten Wegen, Steinmale aber sind nur für Reisende nötig, die sonst nicht wissen, wo der Weg geht. Wahrscheinlich war es die Fortsetzung des Weges, den wir schon im Astin-tag gesehen hatten, und ohne Zweifel ist er von Pilgern benutzt worden. Er wird wohl ziemlich alt sein; die Steinmale kann nur die Verwitterung vernichten, denn keine Stürme können sie hier mit Sand verschütten oder umwerfen.
Nachdem wir noch einen kleinen Paß überschritten hatten, lag das gelbe Meer der Wüste vor uns. Seine Dünenwellen sahen unheimlich und bizarr aus. In der letzten Talmündung wurde Rast gemacht. Man hat hier das Gefühl, sich an der Küste des Wüstenmeers zu befinden. Auf einer Anhöhe thronte ein letztes Steinmal. Saksaule wuchsen hier üppig und erreichten eine Höhe von 3 Meter.
Die letzten Ausläufer auf beiden Seiten dieser Talmündung sind zur Hälfte versandet. Die Dünen klettern hoch an ihnen hinauf. Sie versinken in die unbekannte Tiefe des Wüstenmeers. An Niederschlägen fehlt es in diesen Wüstenbergen nicht. Von Zeit zu Zeit fällt hier Regen, dessen Wasser sich zu einem Bach vereinigt, der, wenn auch von kurzer Dauer, doch eine bedeutende Wassermenge führen zu können scheint. Und daß er eine achtunggebietende Kraft besitzt, sehen wir an seiner sich zwischen kolossalen Sanddünen hinschlängelnden Rinne. Bald läuft diese nach Osten, biegt aber, wenn sie auf einen Sandberg stößt, nordwärts ab, bald nach Westen, um, von einer anderen Düne abgedrängt, wieder nach Norden zu gehen. Ohne einen solchen natürlichen Korridor wäre es ziemlich schwer gewesen, sich einen Weg durch diesen gewaltigen Flugsandgürtel zu bahnen, und man erstaunt, daß die Erosion stark genug ist, den Sand zu bekämpfen.
Den ganzen Tag ging ich zu Fuß voraus, um nicht in dem ewigen, eisigen Winde zu erfrieren. Dann und wann guckt eine zur Hälfte begrabene Saksaulpflanze aus dem Sande. Die gestern noch außerordentlich zahlreichen Spuren von wilden Kamelen und Antilopen haben ganz aufgehört; die scheuen Tiere wollen das Terrain überschauen und hüten sich vor einer so schmalen, gefährlichen Passage. Noch mehrere Kilometer vom Fuße des Gebirges entfernt liegen Granitstücke von Kubikmetergröße auf dem Sande. Weshalb liegen sie da? Weshalb begräbt sie der Triebsand nicht? Dies muß seinen Grund in den Bahnen haben, die der Wind beschreibt und die keine Ablagerung in der Nähe eines solchen Hindernisses zulassen.
Allmählich wird das Bett weniger ausgeprägt, sein Boden ist oft versandet, und die Dünen auf den Seiten erreichen nicht mehr die himmelstürmende Höhe wie am Fuße des Gebirges. Die kleine Wüstenkette, die wir in zwei Pässen überschritten haben, gleicht einem Wellenbrecher, der die Ausbreitung des Flugsandes nach Süden unmöglich macht. Sie schützt den nördlich vom Astin-tag liegenden Steppengürtel.
Schließlich hörte das Bett zwischen den Dünen auf, bildete vorher aber noch eine Erweiterung, die einem kleinen See glich, obwohl keine Spuren von Wasser entdeckt werden konnten. Im Norden dieser Bodensenkung erhob sich ein hoher Dünenwall, und von seinem Kamme erblickten wir das eigentliche Wüstenmeer in seiner ganzen, großartigen Öde; es sah ebenso aus wie in so vielen anderen Gegenden, in denen ich die Wüste Gobi durchwandert hatte. Nicht die kleinste Pflanze überschritt die Grenze; im Norden, Osten und Westen sah man nichts als Sand, Sand und wieder Sand (Abb. 189, 192).
Wie gewöhnlich in den Sandwüsten ging ich zu Fuß voraus, und nur langsam konnte die Karawane meinen schnellen Schritten folgen. Ich glaubte an mein altes Wüstenglück und war überzeugt, daß ich auch jetzt die Meinen durch die Gefahren der Dünenberge lotsen würde. Ich hatte das Fernglas bei mir, suchte die ebensten Flächen aus und freute mich über die Einsamkeit und die große Stille.
Das heutige Lager wurde mitten in der Sandwüste aufgeschlagen, wo ringsherum nichts als Sand zu sehen war.
Während des folgenden Tagemarsches wurden die Dünen immer niedriger und gingen schließlich in den darunterliegenden Lehmboden über, der in mehrere ungleiche Etagen von nach Norden abfallenden Terrassen ausgearbeitet ist. Am 1. Februar wurde diese Landschaftsform noch ausgeprägter (Abb. 190). Die Terrassen zeigen wie Finger nach Nordnordost und sind oft 50 Meter hoch. Gegen Abend erreichten wir zu unserer freudigen Überraschung wieder einen Steppengürtel, wo Kamisch und Tamarisken üppig wucherten und Spuren von Wölfen, Antilopen und Kamelen einander kreuzten. Ein Brunnen gab in einer Tiefe von 1,14 Meter salzhaltiges aber trinkbares Wasser (Abb. 191). Es quoll jedoch so langsam aus dem auf blauem Ton ruhenden Sandlager, daß es nur den Appetit der Kamele nach „mehr“ reizte.
Noch einen Tag erfreuten wir uns des Steppengürtels und folgten den Pfaden der wilden Kamele nach Norden. Sogar eine Gruppe knorriger Pappeln wurde passiert. Doch nur in einer von ihnen war noch ein Fünkchen Leben; die übrigen waren lauter geschlagene Helden.
Bei dem Lager, das hier aufgeschlagen wurde, es war Nr. 138, hatten wir alles, dessen wir bedurften, und wir verbrachten hier zwei sehr notwendige Ruhetage. Während ich eine Sonnenobservation machte, buken die Männer Brot und hielten große Wäsche. Ein sehr ergiebiger Brunnen spendete den Kamelen für lange Zeit Wasser. Sie tranken je sieben Eimer. Das Wasser war fast ganz süß, und dadurch, daß wir es in dem offenen Becken gefrieren ließen, konnten wir unseren Eisvorrat vergrößern.
Hinter diesem Punkte folgte wieder sterile Wüste, aus deren lockerem Lehmboden vom Winde sehr eigentümliche, bis zu 8 Meter hohe Kegel und Würfel geformt worden sind, die oft täuschende Ähnlichkeit mit Ruinen von Häusern und Mauern haben. Am Abend wurde ein wichtiger Punkt erreicht, und jetzt kam Mollahs Wegkenntnis zum erstenmal zur Geltung. Er war mehrmals mit Karawanen von Abdall nach Sa-tscheo und zurück geritten, hatte dabei stets den Astin-joll (den unteren Weg) durch die Wüste benutzt und kannte dort alle Brunnen und ihre Namen. An einem der letzteren, Atschik-kuduk (der salzige Brunnen), schlugen wir jetzt unsere Zelte auf. Er verdiente seinen Namen, denn das Wasser war selbst für die Kamele absolut untrinkbar. Spuren in dem feuchten, salzhaltigen Boden verrieten, daß vor gar nicht langer Zeit eine Karawane von Abdall nach Sa-tscheo hier vorbeigezogen war und ohne Zweifel Fische, welche die Chinesen sehr lieben, transportiert hatte.
Dieser Wüstenweg ist schon von Kosloff, Bonin und möglicherweise auch von Marco Polo bereist worden. Es war meine Absicht, ihn nur zu kreuzen und direkt nach Norden weiterzuziehen, aber die Klugheit gebot uns doch, uns nicht in unbekannte Wüstengegenden hineinzuwagen, ohne mit einem genügenden Eisvorrat versehen zu sein. Der nächste Brunnen im Westen war der Tograk-kuduk (Pappelbrunnen); dort sollte das Wasser nach Mollahs Versicherung gut sein. Wir begaben uns also dorthin und ruhten einen Tag, an dem ein bedeutender Eisvorrat von dem Brunnen geholt wurde (Abb. 193). Es war keine Kunst, die Säcke zu füllen, da die Kälte noch −27,5 Grad betrug. Bei Tage war es allerdings nur ein paar Grad kalt.
Als wir uns am 8. Februar nordwärts auf eine lange, ziemlich waghalsige Reise ohne Rasttage begaben, hatten wir also für Menschen und Tiere auf mindestens zehn Tage Wasser.
Durch dichtes Schilf, das von der Kälte gelb und dürr geworden ist und knisternd bricht, wenn wir hindurchschreiten, geht es einem unbekannten Lande entgegen, aus dem nie zuvor eine Kunde zur Kenntnis der Europäer und ebensowenig der Asiaten gelangt ist. Ich ging, wie gewöhnlich, weit voraus. Unzählige Spuren von wilden Kamelen und Antilopen zeigen sich in allen Richtungen, Kulane aber gibt es in dieser Gegend nicht; die Luft ist wohl zu dicht für ihren geräumigen Brustkorb. Auf einmal hört der Vegetationsgürtel auf und endet mit einem Labyrinth von Lehmkegeln, die tote Tamarisken tragen. In einer Bodensenkung, wo das Erdreich feucht aussah, hielt ich es für der Mühe wert, noch einen Brunnen zu graben. Im Norden erhob sich eine wohl 70 Meter hohe Terrasse. In eine ihrer Talmündungen wollten wir hineinziehen.
Die Karawanenglocken kommen immer näher. Die Weide war an dieser Stelle gut, und die Kamele sollten noch einmal eine stärkende Mahlzeit haben. Der Brunnen gab leidliches Wasser, und aus der Winterkälte machten wir uns wenig; sie wurde durch prächtige Feuer gemildert.
Ein passendes Tal lockte uns in seine Mündung hinein, und einen ganzen Tag ritten wir durch seine Rinne nach Norden. Der Boden hebt sich außerordentlich langsam, für das Auge geradezu unmerklich. Nach vorhandenen Karten von Innerasien müßte hier eine gewaltige Bergkette liegen, aber die Anhöhen, die wir jetzt auf allen Seiten sahen, waren so unbedeutend, daß sie kaum den Namen Berge verdienten. In einer kleinen Schlucht fand ich Stücke eines uralten Eisentopfes von sphärischer Form und einen Dreifuß, der unten einen Ring hatte. Offenbar waren hier in früheren Zeiten Chinesen oder Mongolen vorbeigekommen. Waren wir hier vielleicht wieder auf die Fortsetzung des Weges, den wir im Astin-tag gesehen hatten, gestoßen, oder war dies ein alter Weg nach Chami?
Daß wir uns in einer Gegend befanden, wo einstmals menschliche Verbindungsstraßen gelegen haben mußten, wurde uns während der folgenden Tagereise völlig klar. In dem breiten, offenen Tale, dem wir nach Norden folgten, zeigten sich nämlich oft Steinmale und Steinhaufen. Da, wo das Tal in flaches, wellenförmiges Terrain auslief, teilte sich der alte Weg. Eine Reihe von Steinmalen erstreckte sich nach Westsüdwesten, eine zweite nach Nordwesten. Der erste dieser beiden Wege hat wahrscheinlich nach den Ruinen geführt, die wir früher am Nordufer des Lop-nor gefunden hatten. Der zweite, den wir einschlugen und der nach Turfan zu gehen schien, führte uns auf einen niedrigen, rötlichschimmernden Kamm von ganz verwittertem Granit. Fern im Norden wurde die Aussicht durch eine etwas höhere Kette versperrt. Die Landschaft ist seltsam, öde, verlassen und stumm. Wie die Menschenspuren uralt sind, ihre Bedeutung verloren haben und nur noch in den Steinmalen als Erinnerungen aus vergangenen Zeiten dastehen, so sind auch die Bergketten hier auf dem Wege, vom Erdboden vertilgt worden. Wenn man an Tibet gewöhnt ist, kann man sich beinahe nicht entschließen, diese kleinen Landrücken Berge zu nennen. Sie sind zerfallende Ruinen von einstmals hohen Bergketten, welche jetzt durch die Einwirkung der in der Atmosphäre wirkenden Kräfte Stück für Stück zerstört werden. Doch denselben von Osten nach Westen gerichteten Parallelismus wie in Tibet finden wir auch hier wieder.
In einer geschützten Spalte auf der Nordseite des Kammes fanden wir eine liegengebliebene Schneewehe, die den Kamelen sehr zupasse kam. Vielleicht hat dieser Schnee sie vor dem Verdursten gerettet, denn zum Wasser hatten wir noch sehr weit.