Schmetterlinge tun uns nach dem Auskriechen keinen Schaden mehr. Sie breiten ihre Flügel aus, fliegen umher und saugen den Honig aus den Blumen. Die starken Freßwerkzeuge der Raupe sind verschwunden und federartige Lippen nehmen deren Stelle ein. Ihre Unterkiefer sind sehr lang geworden und in eine lange Röhre zusammengerollt (S. 18), die einem zierlichen Elefantenrüssel ähnlich sieht. Wenn das Insekt den Rüssel nicht gebraucht, ist dieser unter seiner Lippe aufgerollt, aber wenn es den Honig in den Blüten erreichen will, rollt es den Rüssel auf und steckt ihn in die Blüten.
Am frühen Morgen oder am Abend im August kann man den Ligusterschwärmer (siehe bunte Tafel II. 1) mit seinen rötlichbraunen Vorderflügeln und den schönen rosigen, schwarz gestreiften Hinterflügeln sehen, wie er seinen Kopf in die Geißblattblüten in der Hecke steckt. Oder der große Taubenschwanz flattert im Sonnenschein über ein Blumenbeet im Garten oder saugt Honig aus den tiefen Blüten der Nelken und Natterzunge. Ihr könnt ihn teils an dem summenden Geräusch erkennen, das er mit seinen Flügeln verursacht, und teils daran, daß er sich nicht auf den Blumen niederläßt, sondern im Fliegen Honig saugt.
Dann ist da der Totenkopf, der größte deutsche Schwärmer, der seinen sonderbaren Namen von der gelben Zeichnung auf dem Rücken seiner Brust hat, die wie ein Totenschädel aussieht. Er hat braune Vorderflügel und gelbe Hinterflügel mit dunkeln Querbändern, die Fühler und der Rüssel sind sehr kurz. Man kann ihn finden, wenn man nach Sonnenuntergang im Herbste an den Hecken sucht; er schwärmt daran entlang und ist durchaus nicht so selten, wie man glaubt; aber er fliegt nur am Abend.
Wenn man einen dieser großen Schwärmer fängt, so wird man überrascht sein zu sehen, wie verschieden er von der Raupe ist, aus der er sich entwickelt hat. Die sechs Beine an den drei Ringen der Brust sind noch da, aber über ihnen stehen vier prächtige Flügel. Sie bestehen aus einer feinen durchscheinenden Haut und sind über und über mit Schuppen bedeckt, die wie Dachziegel geordnet sind. Wie sorgfältig man auch immer einen Schwärmer oder einen Tagschmetterling fängt, es wird immer ein feiner Staub an den Fingern zurückbleiben. Jedes Teilchen dieses Staubes ist eine fein gefärbte Schuppe, und diese geben dem Schwärmer seine schönen Farben. Die Schmetterlinge werden Lepidoptera genannt, und dieses Wort bedeutet „Schuppenflügler“. Die Raupe hat sechs kleine Augen, so winzig, daß wir sie nicht bemerken. Der Schwärmer hat diese auch noch, aber er hat nebenbei zwei prachtvolle, kugelartig hervorgewölbte Augen (e, siehe Abbildung) an beiden Seiten des Kopfes. Sie bestehen aus hunderten von kleinen Einzelaugen, so daß der Schwärmer nach allen Seiten hinsehen kann, obgleich er die Augen nicht bewegt. Die Augen des Totenkopfschwärmers glänzen selbst in der dunklen Nacht wie rote Lichterchen.
Der Körper des Falters besteht aus drei Teilen. Sein Hinterleib ist eiförmig zugespitzt, seine breite Brust trägt die Beine und die Flügel, und am Kopfe befinden sich die großen Augen (e), die Fühler und der Saugrüssel (s. Abb. S. 18). Die Fühler oder Antennen sind breit in der Mitte, spitz am Ende und meist fein gesägt oder gekämmt. Daran kann man Dämmerungs- und Nachtfalter von Tagfaltern unterscheiden. Denn die Fühler der Tagfalter sind fast immer rund, am Ende keulenartig verdickt und ganz glatt.
Ein anderer Unterschied zwischen ihnen ist der, daß bei den Tagfaltern die Flügel in der Ruhe aufrecht stehen, so daß ihre oberen Enden sich berühren, während sie bei den Schwärmern flach an dem Rücken liegen, wie das Dach eines Hauses auf den Mauern ruht.
Zu den häufig vorkommenden Schmetterlingen, die man finden kann, gehört der Weidenholzbohrer. Er hat einen kurzen Körper und graubraun, verschwommen weißgrau gezeichnete Flügel mit dunklen Wellenlinien. Man findet ihn auf Weiden und Pappeln. Er fliegt nicht viel umher, denn er hat keinen Rüssel und nimmt während seines kurzen Schmetterlingslebens keine Nahrung zu sich. Er sucht nur eine Stelle, wo er seine Eier ablegen kann, aus denen eine nackte rote Raupe auskriecht. Diese Raupe bohrt sich in einen Baumzweig und lebt dort Jahre lang, indem sie sich von seinem Holze nährt.
Viele Schwärmerraupen leben im Innern von Baumstämmen und Zweigen. Wenn man an einem heißen Sommertage die Johannisbeersträucher überblickt, wird man zuweilen einen hübschen kleinen Schwärmer finden mit schlankem, schwarzgelben Körper, dünnen Beinen, langen Fühlern und klaren, durchsichtigen Flügeln; er sieht ganz anders aus wie die meisten Schmetterlinge. Dies ist der Johannisbeer-Glasflügler (vergleiche bunte Tafel II. 5), der nur am Rande seiner Flügel Schuppen hat. Er sieht gewissen Wespen sehr ähnlich. Dieser Glasflügler legt seine Eier in die Zweige der Johannisbeerbüsche, und seine kleine gelbe Raupe, die eine dunkle Linie auf dem Rücken hat, frißt sich in das Mark der Zweige hinein. Man sollte immer die toten oder verdorrten Zweige von den Johannisbeerbüschen entfernen, aus Furcht, daß vielleicht diese Raupen darin sitzen könnten.
Ein anderer Schwärmer, den man im hellen Sonnenschein umherfliegen sehen kann, ist von dunkelblau-grüner Farbe mit sechs roten Flecken auf den Flügeln. Es ist das Blutströpfchen oder Widderchen (s. Abb. S. 21), dessen Kokons man im Mai an den langen Grashalmen der Wiese befestigt finden kann. Im August ist der Schmetterling ausgekrochen und fliegt von Blume zu Blume.
Auch einen Spinner werdet ihr wahrscheinlich gerne kennen lernen, weil seine Raupe sich zu einer Kugel zusammenballt, wenn man sie aufnimmt. Sie frißt gern vom Salat und Stachelbeersträuchern, und wenn sie sich verpuppen will, beißt sie ihre langen Haare ab und verwebt sie in den Kokon. Wenn der Spinner auskriecht, läuft er abends über die Blumenbeete und fliegt nicht sehr hoch. Er ist allgemein als Bärenspinner oder brauner Bär bekannt (vergleiche bunte Tafel II. 4) und ist der größte Spinner, den wir haben. Seine Vorderflügel sind hellgelb mit welligen dunkelbraunen Streifen. Die Hinterflügel sind hellrot und schwarzblau gefleckt. Die Brust hat ein hellrotes Band und sein Hinterleib ist scharlachrot mit schwarzen Querstreifen. Wenn man die Bärenraupe im frühen Sommer findet, sie in einem Kasten, der mit Draht vergittert ist, hält und fleißig mit Taubnesseln füttert, so kann man die Puppe und den prächtigen Bärenspinner daraus entstehen sehen.
Versuche einen Schwärmer, einen Glasflügler, einen Bärenspinner und die Puppe eines Ligusterschwärmers zu finden. Fange so viele Raupen und Puppen wie möglich und nimm immer etwas von der Pflanze mit, wovon sie sich nähren.