Die gerichtliche Medicin war, seitdem unter Karl V. im Jahre 1553 als Constitutio criminalis Carolinensis das erste Buch über dieses Fach erschienen war, zu jeder Zeit und überall der Spiegel der herrschenden medicinischen, juridischen, philosophischen und selbst der religiösen Anschauungen. Wenn ich also im Anschlusse an die zwei Aufsätze des Herrn Dr. Karl v. Scherzer[176] einen kleinen Auszug aus einem Buche über gerichtliche Medicin bei den Chinesen bringe und einige Beobachtungen hinzufüge, welche ich bei der Behandlung meiner chinesischen Patienten auf Java gemacht habe, so wird dadurch vielleicht ein Streiflicht geworfen auf die Anschauungen der Chinesen, welche trotz der grossen Literatur über ihre Sitten und Gebräuche den Bewohnern Europas so gut wie unbekannt sind.
Bei dem Lesen dieses Buches, welches vor mehr als 30 Jahren von dem chinesischen Dolmetsch C. F. M. de Grijs in den Mittheilungen der »Bataviaasch Genootschap van Kunsten en Wetenschappen« erschien, und von welchem ich mir einen Separatabdruck besorgen liess, ging es mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. Denn nur wenige seiner Theorien sind dem europäisch geschulten Arzte verständlich, und ich kann ruhig sagen: Auf keiner einzigen Zeile dieses 118 Seiten starken Büchleins ist etwas zu finden, woraus der europäische Gerichtsarzt neue Belehrung schöpfen könnte.
Da die letzte Vorrede zu der »Sammlung von ausgewischtem Unrechte«, geschrieben von Li-koan-lan den 27. August 1796, also schon hundert Jahre alt ist und ich nicht in der Lage war, den Herrn de Grijs zu interpelliren, ob seine Uebersetzung die eines noch jetzt in China gebrauchten Lehrbuches sei, wandte ich mich an den Professor de Groot, welcher in Leyden an der Akademie für indische Beamte die chinesische Sprache docirt, mit der Bitte, mir seine Ansichten darüber mitzutheilen, und in liebenswürdiger Weise beantwortete er diese Frage dahin, dass »China sich niemals viel verändert hat und sich niemals verändert«, dass also dieses Büchlein »ein ausgezeichnetes Hülfsmittel sei, um die chinesischen Anschauungen socialer, juridischer und medicinischer Natur kennen zu lernen«.
In China erschien die erste gerichtliche Medicin unter dem Namen »Gesammelte Auszüge von ausgewischtem Unrecht« zur Zeit der Regierung des Kaisers Jun-yu in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts (1241–1255), also 300 Jahre früher als oben erwähnte Constitutio criminalis Carolinensis, und erlebte seit dieser Zeit mehrere verbesserte und vergrösserte Auflagen.
In der mir vorliegenden Auflage war es geradezu unmöglich, eine wissenschaftliche Grundlage der gerichtlichen Medicin zu entdecken, und ich verstehe es, wenn mir Professor de Groot schrieb, dass die chinesischen Aerzte sich allerlei Büchlein bedienen, welche auf keiner wissenschaftlichen Basis beruhen, sondern nur auf philosophischen Speculationen und auf einiger Empirie. Ich selbst habe gewiss mehr als tausend chinesische Patienten behandelt, und in vielen Fällen war mein ärztlicher Rath erst dann eingeholt worden, nachdem der chinesische Doctor ohne Erfolg die Patienten behandelt hatte. Es war mir jedoch niemals gelungen, ein deutliches und einheitliches Bild ihrer Therapie zu bekommen. Nach der Lectüre dieses Büchleins jedoch und nach dem Lesen des Briefes von Professor de Groot wurde es mir deutlich, dass dies eben unmöglich war. Ich kann also in den folgenden Zeilen nur eine Blumenlese bringen aus diesem Buche, und es dem Leser überlassen, sich darüber ein Urtheil zu bilden.
Die Obduction wird nicht von den Gerichtsärzten selbst vorgenommen, sondern von Beamten der niedersten Rangclassen, welche so wenig Vertrauen bei den Gerichtsärzten geniessen, dass fast durch die ganze »Thanathologie« wie ein rother Faden die Warnung vor dem Unfug dieser Leute läuft.
»Es geschieht, dass Schreiber oder Todtenbeschauer an die nächsten Nachbarn vorher Nachricht geben, wenn eine Obduction soll gehalten werden und sie lassen entfliehen, und nur entfernte Nachbarn oder alte Leute, Frauen und Kinder, jünger als 16 Jahre, gefangen nehmen.« Seite 10.
Auf Seite 19 wird nach einer weitschweifigen Vorrede das Suchen nach Wunden folgendermaassen beschrieben:
»Beim Untersuchen einer Leiche, bei welcher die Wunden noch nicht deutlich zu sehen sind, gebraucht man Essig und das résidu (d. i. was bei der Weinbereitung im Fasse zurückbleibt) und legt es auf die Wunden im Freien, und hält ein frisch geöltes Tuch oder einen durchsichtigen Sonnenschirm über die Leiche. Will man die Stelle besehen, wo die Wunde ist, so hält man den Sonnenschirm gegen die Sonne und schaut dann nach der Wunde, welche hierauf sichtbar wird. Bei bewölktem Himmel muss man ein Holzkohlenfeuer machen und dann auf gleiche Weise nach den Wunden schauen. Wenn auf diese Weise die Wunden noch nicht zu sehen sind, dann nimmt man weisse Zwetschken, welche man fein zerreibt und auf die verwundete Stelle legt, und lässt es darauf liegen« u. s. w.
Auf Seite 24: »Wenn während der heissen Monate an den Oeffnungen des Körpers noch keine Würmer zu sehen sind, und diese zuerst an den Schläfen, dem Atlas, auf den Rippen und auf dem Bauche zum Vorschein kommen, dann ist sicher auf dieser Stelle eine Wunde.«
Auf Seite 26: »Die Todtenbeschauer thun auf Ersuchen anderer Leute oft Rubia mangista in den Essig und reiben damit die verwundete Stelle ein. Auf diese Weise werden die Wunden unsichtbar. Es giebt Bösewichte, welche Leichen kaufen, sie verwunden und andere Leute fälschlich des Mordes beschuldigen ...., sie bestechen die Todtenbeschauer, um mit Eisenvitriol, Gallnüssen, Sapanholz die nebligen, blaurothen Wunden nachzumachen, während die Todtenbeschauer die Wunden an die Beamten dictiren.«
Wenn vor einigen Jahren der deutsche Kaiser die europäischen Mächte vor einer mongolischen Invasion warnte, dann verrieth er eine richtige Auffassung der chinesischen Zustände, der chinesischen Ausdauer und der chinesischen Zähigkeit. Ja, noch mehr, ich zweifle keinen Augenblick, dass in den künftigen Jahrhunderten die mongolische Rasse Europa überschwemmen werde. Java ist diesbezüglich eine Demonstration ad oculos; beinahe der ganze Kleinhandel und beinahe der ganze Grossgrundbesitz ist heute schon in den Händen der Chinesen. Von den Ursachen und Verhältnissen, welche diese Thatsachen ermöglichten, will ich nur die Zähigkeit der Chinesen, so weit sie auch auf unser Thema Bezug hat, näher besprechen. Diese ist gross. In ihrem Leben spotten sie geradezu allen Regeln der Hygiene, und doch vermehren sie sich wie — Kaninchen. Eine junge schöne Frau hatte z. B. einen so schweren Blutverlust erlitten, dass sie wie ein Wachsbild beinahe pulslos zu Bette lag, als meine ärztliche Hülfe eingeholt wurde. Keine wie immer geartete manuelle Hülfeleistung wurde von Seite der Familie erlaubt.
Der Tod schien mir nach dieser heftigen Hämorrhagie post abortum unvermeidlich, und doch erholte sie sich nur durch eine medicamentöse Behandlung so vollkommen, dass sie nach Jahresfrist einem 5 Kilo schweren Knaben das Leben gab. (Ich muss bemerken, dass auf Java beinahe niemals echte chinesische Frauen gesehen werden, sondern solche, die einem ehelichen oder unehelichen Verhältnisse mit einer javanischen Frau entstammen.) Wenn ich absehe von einigen sehr reichen Chinesen, welche bereits in zweiter Generation auf Java leben und sich den Luxus eines europäischen Haushaltes erlauben, so sah ich bei allen anderen fürchterliche Unreinlichkeit und Schmutz. Das Schlafzimmer z. B. war bei 90 pCt. der von mir besuchten chinesischen Familien nicht länger als das Bett und vielleicht nur um einen halben Meter breiter; die Bettwäsche und das Moskitonetz hatten durch Alter und Schmutz eine unkennbare Farbe; auf dem Boden dieses Zimmerchens, welches weder eine hölzerne, noch eine steinerne Bedeckung hatte, wurden die Sputa und der Inhalt des Magens deponirt, ohne an eine sofortige Entfernung zu denken. Und doch standen noch in diesem kleinen Raume ein kleiner Altar und die Geldtruhe, worin sich oft Tausende Gulden befanden. Der Chinese ist übermässig im Essen und in der Liebe, und doch wimmelt es im chinesischen Viertel von zahllosen Kindern. Magenkatarrhe, Leberkrankheiten, Fettsucht, Erschöpfung durch den Missbrauch des Opiumrauchens kamen mir ebenso oft zur Behandlung wie die Tropenfieber, und doch sieht man zahlreiche chinesische Greise. Ihre Zähigkeit muss man also bewundern.
In dem vorliegenden Büchlein über gerichtliche Medicin umfasst die Lehre der Vergiftungen 14 Blattseiten, von welchen ich natürlich nur einige Zeilen mittheilen kann.
Auf Seite 81 z. B.: »Es kommen nicht wenige Todesfälle vor, welche dadurch bedingt sind, dass irrthümlicher Weise solche Speisen gegessen werden, deren Charakter miteinander in Streit ist; so mag man z. B. frischen Wein nicht gebrauchen mit Honig oder den Flussfisch »Tung« mit Russ, welcher aus dem Kamin gefallen ist, da dies alles bald den Tod zur Folge haben und den Zweifel erregen würde, ob nicht eine Vergiftung vorliege, was ein grosser Irrthum sein würde.«
Auf Seite 82: »Bei einer Todtenbeschauung von einem Vergifteten nehme man eine silberne Exploitivnadel, welche in einem Aufguss von Mimosa saponaria[177] gewaschen wurde, steckt sie in den Mund der Leiche und stopft den Mund mit Papier zu. Wenn man nach einiger Zeit die Nadel wieder herauszieht, so ist sie blauschwarz und bleibt es auch wenn man sie mit demselben Abguss wiederum wäscht. Wenn jedoch keine Vergiftung geschehen ist, bleibt die Nadel silberweiss.«
Etwas praktischer ist folgendes Experiment.
Seite 83: »Man nehme etwas gekochten Reis, stopfe ihn in den Mund und in die Kehle der Leiche, bedecke den Mund 24 Stunden lang mit Papier, nehme dann den Reis aus dem Munde und gebe ihn einem Huhn zu essen. Stirbt das Huhn, dann lag eine Vergiftung vor.«
Von dem stärksten Gift, welches ebenfalls durch die Nadelprobe erkannt wird und der »Seide essende Wurm« in den Provinzen Canton und Kwang-si Joh-sse-ku genannt wird (weil es wie eine Heuschrecke aussieht), wird auf den Seiten 84 und 85 ausführlich gesprochen.
»Um dieses Gift zu bereiten, wurden hundert kriechende Thiere und Insecten gefangen und in einen Topf gegeben. Nach einem Jahre schaut man nach, und es ist nur ein Thier übrig geblieben, welches die andern aufgegessen hat. Dieses Thier enthält erwähntes Gift und kann sich wie Teufel und Geister unsichtbar machen. Wenn es sich einrollt, sieht es aus wie ein Ring. Es verzehrt alte Seidenstoffe, gerade wie der Seidenwurm Maulbeerblätter. In Sze-tsuen, Ho-kwang, Canton und Tokio giebt es böse Leute, welche diese Würmer in Speise und Trank mengen, um die Menschen zu vergiften. Wer dies Gift gebraucht, stirbt sofort, was den Würmern Freude schafft, den Besitzer der Würmer täglich reicher und reicher macht. Es ist sehr schwer, von diesem Wurm abzukommen, da weder Feuer noch Wasser, weder Schwert noch Messer über ihn etwas vermögen. Wenn jedoch der Besitzer das doppelte Quantum von Gold, Silber und Seide nimmt, den Wurm hineinlegt und das Ganze an der Heeresstrasse weglegt, dann wird ein Vorbeigehender es aufnehmen und der Wurm wird ihm folgen. Wenn der Besitzer dies nicht thut kriecht der Wurm ihm in den Bauch, frisst Magen und Därme auf und geht dann weg.«
Zum Schluss will ich nur noch jenen Theil des Capitels bringen, in welchem die Blutprobe die Verwandtschaft streitender Parteien beweisen soll.
Seite 36: »Es ist noch eine Methode, um Blut zu untersuchen; zwei Personen geben sich einen Stich und lassen Beide einen Tropfen Blut in das Wasser fallen. Sind die Personen factisch Vater und Kind, Mutter und Kind, oder Mann und Frau, dann fliesst das Blut zusammen; besteht jedoch keine Verwandtschaft, dann geschieht dies nicht. Will ein Sohn oder eine Tochter das Skelet des Vaters oder der Mutter agnosciren, dann befehlen die Beamten, dass der Sohn oder die Tochter mit einer Nadel sich stechen und einen Tropfen Blut auf das Skelet fallen lassen. Wenn dieses das Blut von einem der Eltern ist, dringt das Blut in die Knochen, im anderen Falle nicht. Wenn jedoch die Knochen mit Salzwasser gewaschen sind, dann wird das Blut nicht eindringen, wenn auch eine Verwandtschaft zwischen den Beiden bestanden hat. Das ist ein Kunstgriff, dessen sich schlechte Leute bedienen, und man passe also gut auf.«
Ich zweifle, ob es einem Anderen gelingen wird, aus dieser Blumenlese oder aus dem ganzen Büchlein über die chinesische gerichtliche Medicin, herausgegeben von dem Herrn Li-koan-lan im Jahre 1796, eine einheitliche wissenschaftliche Basis heraus zu finden. Mir gelang es nicht!
Jedem Arzte, welcher bei den Chinesen Javas eine grosse Praxis erlangen will, möchte ich den Rath geben, sich mit der causalen Behandlung chronischer Krankheiten nicht viel einzulassen. Der Chinese beurtheilt den Arzt nach dem momentanen Erfolg, und diesem entspricht am meisten die symptomatische Behandlung; ja noch mehr; wenn er auch in Java geboren und bis auf den Zopf beinahe ganz in den Sitten und Gebräuchen der Europäer aufgegangen ist, in einer holländischen Schule die holländische und französische, und vielleicht auch die englische Sprache erlernt hat, und seine Schwester unter Leitung einer europäischen Gouvernante selbst das Klavierspiel sich aneignet, wird er in acuten Krankheiten zwar einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen und einige Tage dessen Behandlung sich unterwerfen. Bei chronischen Krankheiten oder bei acuten Krankheiten (wie dem Typhus z. B.), welche wochenlang dauern, wird er aber gewiss eine Dukun kommen lassen, und entweder dem europäischen Arzte den Abschied geben oder hinter dessen Rücken die javanische oder halbeuropäische Heilkünstlerin zu Rathe ziehen, weil die Behandlungsweise dieser Frauen seinen Anschauungen näher steht, als die des europäischen Arztes. Will man nicht, wie es einem meiner Collegen passirte, die unangenehme Erfahrung machen, dass man am vierten oder fünften Tage mit den Worten: Apa mau tuwan? = Was wünscht der Herr? empfangen wird, dann stelle man so bald als möglich die Vertrauensfrage; so bald es nöthig wurde, dass ich nach dem vierten Tage kommen sollte, frug ich den Patienten oder einen seiner Verwandten: »Wünschen Sie, dass ich morgen wieder zu dem Patienten komme?« und in den meisten Fällen bekam ich zur Antwort: »Wenn es dem Patienten nicht besser geht, werde ich den Herrn Doctor davon verständigen.« Natürlich giebt es Fälle, in welchen eine solche Vertrauensfrage ganz überflüssig ist. Ich behandelte z. B. das Kind eines angesehenen chinesischen Kaufmanns, Lie Tiauw Poo war sein Name, welches einen eitrigen Erguss in der linken Brusthöhle hatte; den 10. September 1895 wurde ich zu dem kleinen, zweijährigen Patienten gerufen, und zwei Tage später hatte ich durch eine Probepunction die Bestätigung meiner Diagnose erhalten; ich theilte dem Vater mit, dass Eiter niemals aufgesogen werde, dass eine Operation unvermeidlich sei, und dass es vielleicht 2–3 Wochen dauern könne, bis der kleine Patient geheilt sein würde. In diesem Falle stellte ich während der ganzen Behandlungsdauer niemals die Vertrauensfrage; der Vater sah ja ein, dass anfangs täglich und später in grösserem Zeitraume ein Verbandwechsel eintreten müsse; dennoch wundert es mich heute noch, dass er es bis zum 3. October, also durch 24 Tage mit mir ausgehalten hat; an diesem Tage war die Wunde bis auf die Haut geschlossen. Vorsichts halber theilte ich mit, dass jetzt meine Hülfe nicht mehr nöthig sei, weil bei dem Gebrauch der Jodoformsalbe auch die Hautwunde sich schliessen werde, und erhielt zur Antwort: Baik tuwan = gut, mein Herr!
Die gesellschaftliche Stellung der Chinesen ist stricte dictu eine Zwischenstellung zwischen der herrschenden Rasse, den Europäern, und den Unterthanen, den Malayen, Javanen u. s. w.; wenn es auch viele Europäer giebt, welche die Präponderanz der weissen Rasse über die gelbe so viel als möglich auch im alltäglichen Leben geltend machen wollen, so sind andererseits viele — welche mich an einen Hausirer erinnern, dem ich im Jahre 1884 in Singapore begegnete. Einige Europäer standen im Hôtel de l’Europe beisammen und besprachen die einzelnen Religionen in Indien; da nahm Einer von ihnen einen Dollar aus der Tasche und rief mit Aplomb aus: Dieses ist meine Religion! Ein durch Opiumschmuggel reich gewordener Chinese gab zu Ehren der Hochzeit seiner Tochter ein grosses Fest; er lud alle Europäer dazu ein, ob er sie persönlich kannte oder nur vom Hörensagen von ihrem Aufenthalt in Magelang etwas wusste; es waren nur Wenige, welche von dieser Einladung keinen Gebrauch machten. Bei diesem Feste wurden die feinsten Weine, Champagner ad libitum geschenkt; die besten und theuersten Cigarren standen à Discretion auf den Tischen, und so mancher der Anwesenden soll sich die Taschen mit Cigarren gefüllt und heimlich ganze Flaschen den in der Nähe stehenden Bedienten zugesteckt haben!! Solche dunklen Ehrenmänner sind die lautesten Schreier, wenn es gilt, einem anständigen Chinesen auch anständig entgegenzukommen, und diese problematischen Naturen sind es, welche von den Chinesen nur in dem verächtlichsten und beschimpfendsten Tone als ekelhaften schweinischen Wucherern u. s. w. sprechen. Solche Europäer haben auch dem Chinesen das oben erwähnte malayische Sprichwort »dimana gula, disana aemut« in den Mund gelegt, als er coram publico von diesem Missbrauch der Gastfreundschaft Erwähnung that.
Eine Ehe zwischen einem Chinesen und einer europäischen Dame ist meines Wissens nach auf Java noch nicht vorgekommen; umgekehrt halten sich viele europäische Männer oft chinesische Haushälterinnen und heiraten manchmal die Mutter ihrer Kinder; ob die Regierung jemals die Erlaubniss geben würde, dass ein Officier eine Chinesin heirate, ist sehr zu bezweifeln.
Zu Aemtern und Würden werden sie nicht zugelassen; militärische Dienste leisten sie keine, obwohl die Armee nur aus Freiwilligen besteht; sie sind eben ein fremdes Element in dem Staate und werden es bleiben, so lange — die herrschende Rasse es für gut findet.[178]
Ihre sociale Stellung ist eine ausgebreitete. Wenn man auch beinahe niemals chinesische Bediente in einem Hotel oder in einem Privathause findet,[179] weil sie viel höheren Lohn als die Eingeborenen verlangen, so findet man sie in allen Zweigen der Industrie und des Handels. Sie sind Hausirer, Schneider, Schuhmacher; sie verfertigen Wagen und Möbel; sie sind Kulis und Buchdrucker; in den grossen Banken sieht man nur chinesische Kassirer; sie sind Pächter von Plantagen und Bauunternehmer, und gewiss ¾ des Detailhandels ist in ihren Händen. Leihhausbesitzer und Wucherer ist Jeder von ihnen in grösserem oder kleinerem Maasse. Kaum hat der chinesische Emigrant auf Java festen Fuss gefasst, leistet er Kulidienste oder erhält von seinem Landsmann einen kleinen Vorrath an Zwirn, Knöpfen, Band und Nadeln und hausirt damit im Innern des Landes. Kaum hat er 5 fl. erspart, so spielt er schon den Wucherer gegenüber den sorglosen Eingeborenen. Der Erfolg ist immer derselbe, der Javane verarmt und der Chinese wird reich. Auch von einem europäischen Wucherer kenne ich die Genesis seines Reichthums, und sie giebt uns ein deutliches Bild über das Gebahren dieser Ehrenmenschen (?). Die Frau desselben sass an jedem Markttage (hari paing) im Garten ihres Hauses, vor welchem der Strom der Marktbesucher vorbeizog. Die eine Frau brachte sechs Hühner auf den Markt, die andere einen Sack Reis, eine dritte einen Korb Früchte u. s. w. Jede von ihnen hoffte von dem Erträgniss ihrer Waare einiges für sich selbst zu kaufen; ungewiss, ob und wie spät sie in den Besitz desselben kommen werde, folgte sie gern dem Sirenengesang der Babu dieser Dame, welche sich bereit zeigte, ihr ½ fl. zu borgen, wofür sie denselben Tag 60 Ct. zurückzahlen musste. Hatte sie diesen Betrag nicht in baar, war diese Dame immer so liebenswürdig (?), auch in Waaren sich bezahlen zu lassen, deren Preis natürlich tief unter dem des Marktes stand. Im Laufe der Jahre hatte diese Dame damit 75,000 fl. verdient!!! Es ist nicht zu viel gesagt, dass jeder Chinese bei Gelegenheit ein Wucherer ist, und es ist Sache der Regierung, diesem Unwesen zu steuern. Auch als Kaufleute sind sie sehr unsolide; es ist aber die Sache des Grosshandels, diesem Factor Rechnung zu tragen; die Creditverhältnisse sind im Allgemeinen in Java sehr ungesund, und nur ein gemeinsames, energisches Zusammengehen der europäischen Grosshändler kann diesen Auswüchsen des »leichten Credits« in Indien ein Ende machen.
Individuell ist der Chinese auf Java, wenn wir von der Moral absehen, allen Anforderungen der Civilisation zugänglich; er ist fleissig und sparsam und nüchtern, er ist ein Freund des Prunkes und des Aufwandes — wenn er die Mittel dazu besitzt; wenn er als Kuli ¼ fl. pro Tag verdient, wird er sicher 5 Cent davon zur Seite legen, und wenn er 5 fl. pro Tag erwirbt, wird er niemals das ganze Erträgniss seiner Arbeit verzehren; ist er jedoch reich, wird er gewiss niemals geizen, im Gegentheil, er liebt den Prunk und wird z. B. bei der Hochzeit seiner Tochter 1000 fl. allein für das Feuerwerk bezahlen.
Vieles von dem bis jetzt Erwähnten passt allerdings nicht in das landläufige Bild eines Chinesen; auf Java ist eben dieses Volk alles, nur keine reine Rasse, weil es keine chinesischen Frauen stricte dictu giebt. Sie stammen nämlich aus der Provinz Amoy, wo das Auswandern der Frauen verboten ist. Auf anderen Inseln, z. B. auf Sumatra, sah ich einige echt chinesische Frauen, d. h. von China eingewanderte Frauen, welche noch die verkrüppelten Füsse hatten. In Java jedoch sind es nur chinesisch-javanische Frauen, und als solche pflanzen sie sich als eigene Rasse fort. Ihre Kinder heissen »chinesische Kinder«; der Knabe bekommt seinen Zopf und das (reiche) Mädchen wird der Oeffentlichkeit entzogen; da sie in der Regel wieder untereinander heiraten, bleiben wohl einzelne Rasseneigenthümlichkeiten bestehen; aber rein ist die Rasse nicht; es sei denn, dass man auch wissenschaftlich von einer chinesisch-javanischen Rasse spricht. Ihre Hautfarbe ist lange nicht so dunkel, als die der Javanen; die Männer haben den Zopf und das bartlose Gesicht; nur bei einigen sind die enggeschlitzten Augen noch zu erkennen; die Frauen sind zierliche Puppen; sie haben den eleganten Körperbau der javanischen Rasse; durch die helle Hautfarbe ist oft das zarte Roth der Wangen sehr deutlich; sie sind schön gebaut, und viele von ihnen würden die Zierde eines jeden Salons sein.
Vielfach wird behauptet, dass die Chinesen sich nicht in der Fremde begraben liessen. Dieses hat wahrscheinlich für die echten Chinesen seine Richtigkeit; der Halbchinese wird auch in Java begraben. Ich erinnere mich nur eines vereinzelten Falles, dass von Magelang während meines 5jährigen Aufenthaltes eine Leiche nach China transportirt wurde, die übrigen wurden auf dem chinesischen Kirchhofe begraben, welcher auf dem Wege nach Djocja lag. Wie überall, waren die Grabkeller in einen Hügel eingegraben und hatten ein weisses[180] Rondeau; je nach dem Vermögen und Stand der Familie ist dieses bald gross, bald klein. Der Sarg ist einfach und schmucklos; er besteht aus einem ausgehöhlten Baumstamme, und der Deckel ist demselben Baumstamme entnommen. Zum Transport wird der darauf gut passende Deckel einfach mit Pech verklebt, und doch belästigt die Verwesung der Leiche die Umgebung nicht.
Am 1. November 1892 wurde das alte Spital verlassen und das neue, welches sich im Norden des Campements befand, bezogen. Die Uebersiedelung eines solchen Spitales mit ungefähr 500 Soldaten-Patienten ist mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; es musste oder vielmehr sollte alles an einem Tage geschehen, weil sonst die Küche, die Apotheke u. s. w. auf zwei Plätzen ihre Arbeiten gleichzeitig verrichten mussten; vorher musste also festgestellt werden, wie viel Patienten, zu Fuss gehen konnten — die beiden Spitäler lagen ja beinahe 3 Kilometer von einander entfernt — wie viel in einer Sänfte und wie viel in einem Wagen transportirt werden sollten; es waren ja selbst einige Schwerkranke, welche man im Bette beliess und welche in demselben auf den Schultern von 4 Kulis getragen werden sollten. Da der Spitalschef alles selbst besorgte, so war der Transport insoweit nicht geregelt, als einige Aerzte im neuen Spital werklos auf die Ankunft der Kranken warteten, während sich der Spitalschef übermüdete.
Erklärung zum „Grundriss des Militärspitals zu Magelang“.
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I.
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Hauptgebäude.
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1. Zimmer für die Verwundeten.
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2. „ „ „ Operationen.
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3. „ „ „ Instrumente.
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4. Bibliothek.
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5. Sitzungssaal.
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6. Bureau für den Chef.
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7. Antichambre.
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8. Bureau des Schreibers.
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9. Wohnzimmer.
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für den Doctor
du jour. |
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10. Schlafzimmer.
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11. „ für
den Apotheker du jour.
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12. Tisanerie.
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13. Magazin der Apotheke.
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14. Laboratorium.
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15. Arbeitszimmer des Apothekers.
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16. Bureau des Apothekers.
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17. Apotheke.
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18. Oberkrankenwärter.
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19. Feuerspritze.
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20. Portier.
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21. Hauptthor.
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22. Bureau des Verwalters.
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23. „ „ Schreibers.
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24. Magazine.
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25. „
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26. „
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für die Uniformen und
Effecten d. Patienten. |
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27. „
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28. Schmutzwäsche.
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29. Bureau des Magazinmeisters.
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30. Magazin für Strohsäcke.
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31. „ für Holz-
u. Eisengegenstände.
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32. Zimmer für die Wäsche
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im 1. Stock.
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33. Magazin für Spitalgegenstände
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34. „ „ unbrauchbare Gegenstände
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35. „ „ Matratzen und Polster
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IIa.
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Aborte und Badezimmer für das Hospitalpersonal.
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IIb.
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„ für neue
Patienten.
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III.
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Halle für Schwefelwasserstoff.
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IVa.
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Abort b. Badezimmer f. d. Doctor du jour.
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V.
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Wagenremise.
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VI.
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Tolletbaracke für 42 Patienten.
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VII.
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Küche.
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VIII.
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2 Pavillons für 120 Patienten.
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VIIIa.
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Pavillon für Augenkranke mit Operationszimmer, Dunkelzimmer und 40 Betten.
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IX.
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Badezimmer und Aborte für Patienten der 3. u. 4. Classe.
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X.
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Officierspavillon.
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XI.
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Badezimmer und Aborte für Officiere.
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XII.
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Zimmer für Officiersbediente.
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XIII.
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Pavillon für Damen.
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XIV.
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Officiersküche.
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XV.
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Pavillon für 20 Unterofficiere.
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XVI.
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idem.
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XVII.
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Badezimmer und Aborte für Unterofficiere.
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XVIII.
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Pavillon für Soldatenfrauen.
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XIX.
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Badezimmer und Aborte
für Soldatenfrauen |
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XX.
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XXI.
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Pavillon für Prostitués.
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XXII.
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Badezimmer u. Aborte für diese.
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XXIII.
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Strafabtheilung und 2 Zellen für Irrsinnige.
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XXIV.
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Badezimmer u. Aborte für diese.
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XXV.
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Leichenhaus m. Pferdestall. Wagenremise und Laboratorium.
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XXVI.
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Gebäude u. Ofen f. Desinfection.
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XXVII.
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Pavillon für Infectionskrankheiten.
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Casernen für die Krankenwärter.
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XXVIII.
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Wohnung d. Aspirantofficiers.
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XXIX.
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Abort, Badezimmer u. Küche desselben.
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XXX.
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Oberkrankenwärter (Feldwebel).
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XXXI.
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Badezimmer u. Aborte für diese.
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XXXII.
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Caserne für 57 europäische (oppassers), 75 eingeborene
Krankenwärter (handlangers), 13 Corporale u. ein Sergeant-Major.
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XXXIII.
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Nebengebäude.
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a. Frauenhalle.
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b. Badezimmer f. d. verheirateten Frauen.
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|
c.„ für
Frauen.
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d.„ „
Europäer.
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e.„ „
Eingeborene.
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f. Aborte für Eingeborene.
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g. „ „ Europäer.
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k. Küche.
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XXXIV.
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Arrestlocale und Logis der 54 Sträflinge, welche dem
Spital für die groben Arbeiten zugetheilt sind.
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XXXV.
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Aborte der Sträflinge.
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XXXVI.
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Wasserreservoir.
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XXXVII.
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Ofen f. die Warmwasserleitung.
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Das neue Spital (Fig. 24) hat eine ungeheure Ausdehnung, weil das Pavillonsystem in übertriebener Weise angewendet wurde. Die Luftlinie von Norden nach Süden beträgt 450 Meter und von Osten nach Westen 200 Meter. Wenn der »Doctor der Wacht«[181] reglementair in der Nacht zweimal die Runde macht, d. h. durch alle Krankensäle und längs aller Betten geht, hat er jedes Mal ¾ Stunden dazu nöthig, und thatsächlich beträgt dann der zurückgelegte Weg jedesmal 3 Kilometer. Wie leicht geschieht es, dass bei einem Krankenstand von 5–600 Mann der »Doctor der Wacht«, ich will sagen nur einmal bei einem Patienten Hülfe leisten muss; also wenigstens 7–8 Kilometer muss er jede Nacht zurücklegen, wenn er seinen Pflichten nachkommen will. Er muss nebstdem den darauf folgenden Vormittag nicht nur seinen gewöhnlichen Saaldienst verrichten, sondern es erwarten ihn noch andere Obliegenheiten. Er muss dreimal nach der Küche gehen, um das Essen zu kosten, das erkrankte Hospitalpersonal muss er entweder in der Caserne oder bei sich im Wartezimmer behandeln und, last not least er muss den Befund beschreiben von etwaigen Verwundeten oder Todten, welche in den letzten 24 Stunden ins Spital gebracht und von ihm behandelt oder operirt wurden. Die Runde des »Doctors der Wacht« ist überflüssig; denn andere dazu mehr befugte und geeignete Personen können ja dasselbe leisten, d. h. durch die Runde sich überzeugen, dass die Patienten in ihren Betten liegen und dass die Krankenwärter nicht nur auf ihrem Posten sind, sondern auch factisch wachen. Das sind nämlich die Krankenoberwärter mit dem Range eines Feldwebels, welche im Allgemeinen einen leichten Dienst haben; ein oder zwei Pavillons mit ungefähr 50 Patienten ist das Terrain ihrer Arbeit. Sie müssen dafür sorgen, dass die »Handlangers« (eingeborene Krankenwärter) und »Oppassers« (europäische Krankenwärter) den »Saal« rein halten, die Kranken jeden dritten Tag mit neuer Leibwäsche versorgen; sie verfertigen die Diätlisten nach den Mittheilungen des Arztes, sind beim Empfang der Speisen in der Küche und bei der Vertheilung an die Patienten, und halten den kleinen Vorrath von Wäsche in Evidenz, welche sich in einem Kasten im Krankensaal befindet. Wenn sie auch die verantwortlichen Personen für alles sind, was der Arzt für die Patienten vorschreibt, und für alles, was in Abwesenheit des Arztes »auf dem Saale« geschieht, so ist diese Arbeit doch eine sehr beschränkte, und es könnte ihnen ausschliesslich die »Runde« überlassen werden und dem »Doctor der Wacht« höchstens die Controle dieser Unterofficiere anvertraut werden.
Aber noch andere Inconvenienzen sind mit solchen ausgedehnten Räumlichkeiten verbunden. Der Krankenwärter ist auch »lieber faul als müde«, wie ein holländisches Sprichwort sagt, und überlegt es sich, einen Kilometer weit den »Dokter van de Wacht« zu holen. Ich selbst habe es erfahren, als ich eines Tages »die Wacht« hatte, dass einer meiner Patienten in der Nacht einen Blutsturz bekam, ohne dass mich der Krankenwärter davon verständigte. Andererseits ist es wiederholt vorgekommen, dass Aerzte dem Krankenwärter einen Vorwurf machten, ihn umsonst im Schlafe gestört zu haben, weil sie dem Patienten doch nicht helfen konnten.
Das Pavillonsystem ist gewiss für jedes Spital das richtige System. In Magelang ist es jedoch auf die Spitze getrieben worden — zum Nachtheil der Patienten. Dieses Spital wird als eine Sehenswürdigkeit von Magelang, ja selbst von ganz Indien gepriesen. Als im Jahre 1896 der König von Siam nach Java kam und den Tempel Buru Budur aufsuchte, wo er fünf Tage verblieb, kam er auch nach Magelang, um das berühmte Spital zu besichtigen. Es gefiel ihm in so hohem Maasse, dass er versprach, auch die Königin dieses Gebäude besichtigen zu lassen. Am 2. Juli 1896 um 4 Uhr sollte Ihre Majestät nach Magelang kommen, beim Residenten absteigen und in Gesellschaft des Platz-Commandanten und Residenten das Spital besichtigen. Wir Militärärzte bekamen natürlich den Auftrag, in Galatenue zu dieser ungewöhnlichen Stunde im Spitale »präsent« zu sein. Um 3½ Uhr stand ich mit dem Adjutanten und einigen Aerzten am Eingange des Spitals, als ein schmutziger, alter Reisewagen vorfuhr und stehen blieb. Der Platz-Commandant und der Resident waren nicht zu sehen. Zu unserer Ueberraschung stiegen aus dem Wagen die Königin mit zwei Hofdamen und dem Leibarzte Dr. Ruyther, einem Belgier von Geburt. Der Spitalchef sass noch in seinem Bureau, ich eilte also rasch zum Wagen und bot der Königin, und der Zahlmeister der ersten Hofdame den Arm. Die Königin nahm den Arm an, und ich führte sie ins Gebäude, wobei wir zunächst die Apotheke passirten. Da erscholl in deutscher Sprache mit lauter Stentorstimme der Ruf aus der Apotheke: »Man giebt einer Königin nicht den Arm.« Unterdessen kam der Spitalchef herbeigeeilt und bemühte sich vergebens, die goldenen Schnüre an der Uniform zu befestigen. Die Königin, welche ein wenig der englischen Sprache mächtig war, ging aber so langsamen und gemessenen Schrittes,[182] dass der brave Stabsarzt V. endlich die Schnüre befestigen konnte; er bot nun der Königin den Arm und ich der Hofdame. Beide, die Königin und die Hofdame, waren in europäischer Kleidung, welche aus einer einfachen billigen Sommertoilette bestand; aber der Schmuck in den Ohren war kostbar. Eine Stunde dauerte dieser Gang durch das Spital (unterdessen hatte ich Gelegenheit, mit meiner Equipage die Spitzen der Behörden wissen zu lassen, dass die Königin sich nicht ans Programm gehalten hatte und direct nach dem Spitale gefahren war), und in dieser ganzen Stunde konnte ich mit dieser Dame kein einziges Wort sprechen, weil sie nur der siamesischen Sprache mächtig war. Es war eine peinliche Situation, welche einen recht komischen Beigeschmack hatte.
Gegen Ende des Rundgangs platzte endlich die Bombe. Ich und die Hofdame ergingen uns in einem schallenden Gelächter, worauf sich das vor uns gehende Paar fragend umdrehte. Was die Hofdame der Königin antwortete, weiss ich nicht, weil es in siamesischer Sprache geschah; ungehalten war sie nicht, denn sie sah mich lächelnd an, und beim Einsteigen in den Wagen bekam ich von den beiden Damen einen Händedruck.
Schön ist die Lage des Spitals, und schön sind seine Gartenanlagen; am südlichsten Ende des Terrains liegt der Officierspavillon; es war ein 40 Meter langes Gebäude mit 10 Zimmern, einer gemeinsamen Vorder-Galerie und gemeinsamem »Tagverbleib«, d. h. einem Corridor, in welchem die nicht bettlägerigen Patienten zusammenkamen und durch Dominospiel u. s. w. mit ihren Leidensgenossen verkehren konnten. Ein seltsam schönes Panorama bot die Galerie; von der Heeresstrasse nach Bandongan trennte sie nur ein Gitter aus Stacheldraht. Nur zu oft sahen die jungen Lieutenants junge Damen hier ihren Spaziergang nach den Ufern des tiefer gelegenen Elloflusses machen, und ich weiss nicht, ob nicht der kleine Schalk Amor die Schritte der jungen Schönen gerade dorthin leitete, wenn, was nur selten geschah, einige Lieutenants sich dort befanden. Im Hintergrunde erhoben sich die stolzen Häupter des Merbabu und des stets rauchenden Merapis, und als im Januar des Jahres 1894 dieser Vulcan seine Feuermassen über den südöstlichen Abhang wälzen liess, hatten gerade die Bewohner dieses Officierpavillons die schönste und beste Aussicht auf dieses schaurige und romantische Bild.
Der Stacheldraht ist ein einfaches und billiges Mittel, um ein grosses Terrain abzuschliessen; aber von der praktischen Seite betrachtet, ist er nicht mehr werth, als der Eingang bei dem Hause eines Eingeborenen. Das Häuschen desselben hat einen nur einige Meter breiten Garten, welcher durch ein Gehege aus Bambus von der Strasse getrennt ist. Der Eingang in das Gärtchen ist nicht frei, sondern durch eine Scheidewand von 30–40 Centimeter Höhe behindert. Jeder Mensch und jedes Thier überschreitet dieses Hinderniss leicht und bequem. Ich hielt dies für ein Symbol des Privateigenthums. Auf gleiche Weise kann das Netz des Geheges, welches das ganze Spital umzog, nicht viel mehr, als z. B. ein Pfahl mit der Aufschrift: »Spital« leisten. Das Gehege ist 2 Meter hoch und hat Zwischenräume von 30–40 Centimetern; die Stacheln des Drahtes verhindern zwar das Durchschlüpfen des einzelnen Patienten, welcher gern eine Nacht befreit von der Zucht und Disciplin des Spitals zubringen möchte. Wenn man jedoch ein Brett darauf legt, oder wenn ein zweiter Mann die Drähte auseinander zerrt, kann man sehr leicht nach Belieben das Spital verlassen und unbemerkt zurückkommen. Thatsächlich ist die Flucht aus diesem Spitale eine häufige Erscheinung gewesen. Warum keine Schildwachen gestellt wurden, um dieses unmöglich zu machen, mit der nöthigen Beleuchtung des Terrains, weiss ich nicht. Ein »guter Soldat« ist nicht gern im Spitale; er will seinen Dienst thun, aber auch die Freiheit der Bewegung ist ihm kostbar; wenn er eine Krankheit hat, bei welcher »Leib und Seele gesund« sind, d. h. abgesehen von den örtlichen Beschwerden sich nicht krank fühlt, dann meidet der »gute Soldat« den Aufenthalt im Spitale und entzieht sich so lange als möglich dem forschenden Auge des Arztes. Ich hatte selbst einen Füsilier mit einer Blutgeschwulst (aneurysma) im Becken in Behandlung. Der ganze linke Schenkel war durch die verhinderte Blutcirculation verdickt; er hatte aber keine Schmerzen und fühlte sich gesund; zweimal flüchtete er aus dem Spitale, weil ihn, wie ich glaubte, die zarten Bande der Liebe und die starken Fesseln des Genevers hinauszogen.
Noch andere Gefahren birgt ein solches offenes Gebäude. Der Schmuggel[183] und Tauschhandel[184] mit der Aussenwelt war zum Nachtheile der Patienten und — des Spitalfonds in floribus. Der Officier wie der Unterofficier sind als Patienten ebenso grosse Kinder als der gewöhnliche Soldat. Wie oft findet der Arzt Ursache, den Genever oder die Cigarre zu verbieten? (Cigarren kann er im Spital kaufen. »Nach Ablauf der Visite« erscheint die Frau eines »Ziekenvaders«, welche von dem Spitalschef die Erlaubniss erhielt, sich eine kleine Bude zu halten. Tinte, Federn, Bleistifte, Streichhölzer, Cigarren, Briefpapier und Couverts, europäischen und javanischen Zucker und Tabak mag sie gegen feststehende Preise verkaufen.)