III. Kapitel.
Sanga-Ngoko-Reise und Rückreise nach Kamerun.

In Bonga hatte ich nun einen Ort erreicht, in dem ich die ersten Nachrichten aus der Südostecke unseres Kamerun-Gebietes einziehen konnte. Ein Angestellter der Société Anonyme Belge war gerade vom Ngoko heruntergekommen und konnte mir die Verhältnisse daselbst schildern. Wie sich später herausstellte, hatte er allerdings Vieles übertrieben, doch waren einige seiner Erzählungen für mich von Nutzen. Von Herrn Oberleutnant Dr. R. Plehn hatte ich einen Brief in Bonga vorgefunden, in dem er mich auf seinen Mangel an Leuten und die Unmöglichkeit aufmerksam machte, am Ngoko Träger zu engagieren. Er riet mir, Leute vom Congo mitzubringen. Das war nun leider nicht mehr ausführbar, da im Congostaate erst vor kurzem ein Erlaß des Gouverneurs erschienen war, wonach die Ausfuhr von Arbeitern aus dem Gebiete des Staates verboten war. Hätte ich nicht in Kamerun den Schilderungen des Herrn Oberleutnants v. Carnap entnehmen müssen, daß die Trägerfrage im Ngoko-Gebiete leicht zu lösen sei, so hätte ich vom Congostaate mir die Erlaubnis erbeten, Träger nach dem Ngoko hinaufnehmen zu dürfen; nun war das hier im Innern nicht mehr möglich, denn eine solche Erlaubnis konnte mir nur der Gouverneur in Boma geben. Die Verhältnisse lagen also für einen guten Fortgang der Expedition denkbar ungünstig. Dazu kam noch, daß die Aussicht auf eine Gelegenheit, den Sanga hinaufzukommen, immer bedenklicher wurde, um so mehr, da das Wasser ganz bedeutend gefallen war.

Am 29. Juli traf der „Frédéric“, ein Dampfer der „Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap“ mit Elfenbein vom oberen Ubangi ein. Der Kapitän dieses Dampfers führte ein großes Canoe bei sich, welches er am Stanley-Pool zu verkaufen gedachte. Da ich schon seit längerer Zeit nach einem solchen gesucht hatte, so nahm ich denn auch die Gelegenheit wahr und erwarb mir dasselbe für 250 Frcs. Nun versuchte ich alles mögliche, um Ruderer für das Canoe anzuwerben, damit ich dann die Fahrt nach dem Ngoko im Canoe unternehmen könnte. Da der französische Beamte, welcher in Bonga stationiert war, unter den Eingeborenen sehr wenig Einfluß besaß, so verzögerte sich die Sache immer mehr, so daß ich mich schließlich an das holländische Haus wendete, um von deren Leuten eventuell einige für kurze Zeit zu erhalten. Schließlich war denn auch alles so weit vorbereitet, daß ich schon einen bestimmten Tag zur Abreise in Aussicht nahm, als am 2. August ein Boot aus Wesso am Sanga eintraf, mit der Nachricht, daß der von der „Südkamerun-Gesellschaft“ gemietete Dampfer bereits in zwei bis drei Tagen eintreffen würde. Schon am nächsten Tage erschien derselbe mit dem Direktor der Gesellschaft, Herrn Langheld, und dem Hauptagenten der „Société Anonyme Belge“ am Sanga, Herrn van Beers, an Bord. Herr Langheld war direkt vom Ngoko gekommen und wollte nun versuchen, im Congo Leute für die Gesellschaft anzuwerben. Da er noch nicht von dem neuen Erlasse des Gouverneurs des Congostaates gehört hatte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er dort wenig Erfolg haben werde; doch glaubte er, in den Gegenden, in denen er früher als Agent einer belgischen Handelsgesellschaft thätig gewesen war, sehr leicht wenigstens genügend Leute zur Equipierung seines Dampfers zu finden. Er gedachte, in wenigen Tagen wieder zurückzukehren, um dann wieder nach dem Ngoko hinaufzufahren. Natürlich zog ich vor, in diesem Falle auf die Canoereise zu verzichten und bis zur Rückkehr des Dampfers zu warten. Meine Zeit füllte ich, soweit es hier in Bonga möglich war, durch Exkursionen und Nachholen laufender Arbeiten aus.

Ich hatte in einem kleinen Buschwalde in der Nähe meines Hauses ein Exemplar der Landolphia Klainei entdeckt, welche einen sehr guten Kautschuk liefert. Leider sind die Stämme dieser Art verhältnismäßig dünn, so daß es immer eine geraume Zeit dauerte, ehe ich genügend Saft zum Experimentieren einsammelte. Diesen koagulierte ich in der verschiedensten Weise. Durch Zusatz von Bossassangasaft erzielte ich eine sofortige Koagulation zu einer flockigen Masse, welche dann zusammengepreßt einen Kautschuk ergab, welcher ähnlich wie der „Kassai-rouge“-Kautschuk fast durchsichtig war. Da Landolphia florida in der Nähe vorhanden war, sammelte ich auch von dieser Latex ein und versuchte, auf alle mögliche Arten einen brauchbaren Kautschuk daraus zu gewinnen, mußte die Hoffnung darauf aber bald aufgeben. Es gelang mir nur nach Vermischung mit dem Safte der Landolphia Klainei ein Produkt zu erzielen, welches bedeutend schlechter war als das von der reinen Milch der L. Klainei gewonnene, sich aber doch verwerten lassen würde. Es ist übrigens auffallend, daß die Milch der L. florida sofort gerinnt, sobald sie mit der Luft in Berührung kommt; um sie mit der der Landolphia Klainei zusammen koagulieren zu können, hatte ich sie vorher mit Wasser zu verdünnen, damit auf diese Weise eine bessere Verbindung der beiden Milcharten hergestellt werden konnte. Es wäre sehr wünschenswert, daß derartige Versuche, Milch einer kautschukliefernden Pflanze mit der verwandter Arten, welche keinen Kautschuk geben, zu koagulieren, weiter fortgesetzt würden. Ich konnte diese Experimente leider damals nicht fortführen, da ich bald die vorhandenen Pflanzen der Landolphia Klainei derartig angezapft hatte, daß ich nicht mehr genügend Latex erhielt.

Die in der Umgebung von Bonga vorhandenen Ficusarten prüfte ich auch alle auf ihren Kautschukgehalt, konnte aber unter den sämtlichen Arten keine ausfindig machen, welche sich hätte verwenden lassen; stets war das Endresultat ein gleiches, man erhielt selbst bei Anwendung der schärfsten Säuren eine äußerst harzreiche, vogelleimähnliche Masse. Bei den großblättrigen Arten aus der Verwandtschaft der Ficus Vogelii und Ficus Preussii war diese meist dicker und weniger von Harzen durchsetzt als bei den Arten aus der Verwandtschaft der Ficus salicifolia, während alle rauhblättrigen Arten überhaupt nicht in Betracht kommen konnten, da sie derartig harzreich waren, daß man nur mit Mühe die Masse von den Händen freimachen konnte. Bossassangasaft hatte bei der Ficusmilch entweder gar keinen oder nur sehr geringen Einfluß. Die Bossassangapflanze, welche ich nun allenthalben antreffen konnte, heißt in ihren sämtlichen Arten bei den Bangalas und Wangatas übrigens auch Makabo, ja sogar in einigen Gegenden im Mittelcongo-Gebiet ist sie unter letzterem Namen bekannter.

Landolphia Klainei Pierre.
A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch die Blüte, E Durchschnitt durch den Fruchtknoten, F Fruchtknoten und Griffel, G Anthere von vorn, H dieselbe von der Seite.

Tag für Tag verging unterdessen, und doch war noch nichts von Herrn Langheld mit dem „Major Cambier“ oder von anderen Dampfern, welche den Sanga hinauffuhren, zu sehen. Nach dem Ubangi schien die Verbindung bedeutend günstiger zu sein, denn es trafen nicht weniger als drei Dampfer auf dem Wege dorthin in Bonga ein. Diese Dampfer kommen in Bonga meist ganz unerwartet an und gehen schon nach ein- bis dreistündigem Aufenthalte häufig weiter flußaufwärts. So ist man denn gezwungen, sich stets fertig zu halten, damit man beim Eintreffen eines Dampfers die Chancen nicht verliert, mit demselben mitfahren zu können. An längere Exkursionen ist bei diesen Zuständen dann natürlich auch nicht zu denken. Die Umgebung von Bonga speziell war auch nicht besonders interessant, da das Land mehr oder minder kultiviert war oder aus Steppen mit vielen Sümpfen bestand. Ich bereute natürlich sehr, nicht länger in Lukulela geblieben zu sein, denn dort wäre ich persönlich viel besser aufgehoben gewesen, und hätte auch mehr zur Erreichung der Ziele der Expedition thun können. In Bonga waren die Lebensmittel auch noch sehr spärlich, so daß wir sogar Adler und Papageien mit Genuß zum Abendessen verzehrten. Ich teilte von den von mir mitgenommenen Lebensmitteln, soweit dies möglich, mit den Agenten der Handelsgesellschaft, kaufte auch noch verschiedenes von dem holländischen Hause, mußte aber auch etwas für die Sanga-Reise mitnehmen, da ich dort erst gar nichts zu erwarten hatte. In Ngoko hatte ich wieder genügend, da ich vorsichtigerweise vier Trägerlasten dorthin hatte voraussenden lassen. Auch an Aufhetzungen ließ man es in Bonga nicht fehlen; so wollte ich mich z. B. eines Tages bei einem Unteragenten des holländischen Hauses, welcher den gerade abwesenden Herrn van Zoysten vertrat, erkundigen, ob denn nicht bald einer ihrer Dampfer den Sanga hinauffahre, als ich zu meinem nicht geringen Erstaunen hören mußte, er könne mir nicht die Erlaubnis geben, da ihm von einem der Angestellten der Société Anonyme Belge mitgeteilt sei, ich reise unter falschen Angaben, sei in Wirklichkeit aber nur ein Agent der Südkamerun-Gesellschaft, und könne somit als ein Angestellter einer Konkurrenzfirma natürlich nicht die Erlaubnis bekommen, die Dampfer des holländischen Handelshauses zu benutzen. Selbst wenn man also zu einem gemeinnützigen Zwecke in eine Gegend entsendet wird, in der das Reisen äußerst strapaziös und aufreibend, ja sogar nicht ungefährlich ist, muß man sich diesen gehässigen Neidern und Reden aussetzen. Es ist dieses nicht das einzige derartige Beispiel, welches ich anführen könnte, ich habe deren in Menge; ja selbst nach meiner Rückkehr nach Europa hatte ich noch einmal ein solches kennen zu lernen.

Glücklicherweise traf der „Major Cambier“ am 20. August in Bonga ein. Herr Langheld hatte auf seiner Reise keinen Erfolg gehabt und kam nun mit derselben sehr schwachen Besatzung zurück. Da er erst noch den Dampfer laden lassen mußte, so wurde unsere Abreise auf den 23. August festgesetzt. Die beiden noch übrigen Tage benutzte ich nun noch dazu, meine sämtlichen Lasten gründlich durchtrocknen zu lassen und dann alles fertig zu verpacken. Von der belgischen Gesellschaft kaufte ich noch einige Handelsartikel, welche im Ngoko-Gebiete am meisten Absatz finden sollten. Herr Langheld war auch so freundlich, mir zu versprechen, etwaige noch fehlende Sachen mir später abzulassen.

Am frühen Morgen des 23. August war die Fracht auf dem „Major Cambier“ fertig gestaut, und somit stand unserer Abfahrt nichts mehr im Wege. An der einen Seite führten wir einen großen Leichter mit, an der anderen mein großes Canoe, welche beiden Fahrzeuge dazu dienen mußten, das zur Heizung der Maschine nötige Holz aufzunehmen; außerdem hatten die eingeborenen Passagiere und die Holzschläger, sofern sie nicht direkt auf dem Dampfer gebraucht wurden, sich dort aufzuhalten. Ein am Abend vorher ausgebrochener Tornado hatte die Luft bedeutend abgekühlt, so daß der Morgen mit der eben aufgehenden Sonne eine wirkliche Erholung nach den heißen Nächten und Tagen war. Bald waren wir um eine vorspringende Landzunge in den wirklichen Sanga eingebogen, und Bonga entschwand unseren Blicken. Nach kurzer Zeit passierten wir die Ausmündung des Likensi-Kanals, dessen ganze Umgebung aus sumpfigen Grassavannen besteht, welche aber immer mehr verschwanden, je weiter wir flußaufwärts fuhren. Der Wald wurde bald immer vorwiegender, ja das für uns jetzt linke Ufer war schon ohne Unterbrechung dicht bewaldet. Am Rande der Inseln und der sumpfigen Flußufer bildete eine Euphorbiacee, welche von den Eingeborenen Bubandja genannt wird, häufig dichte Gebüsche, in deren Schatten die Webervögel gern ihre Nester bauen, denn da wo diese Bubandjapflanze am Flußrande auftritt, ist das Wasser stets tief und die Nester sind daher weniger Verfolgungen ausgesetzt. Auf Flußkarten bilden derartige Bubandjagestrüppe nicht selten gute Kennzeichen. Bald wurde es bedeutend heißer, hin und wieder zeigte sich der Kopf eines trägen Nilpferdes oder eines auf dem Sande sich sonnenden Krokodils. Wie Herr Langheld mir mitteilte, stieg das Wasser des Flusses sehr bedeutend, es mußten also im Quellgebiete des Sanga oder eines seiner bedeutenderen Nebenflüsse starke Regen gefallen sein. Wir passierten einige Inseln, welche alle dicht mit Gebüschen oder Wald bedeckt waren. Gegen 1 Uhr mittags liefen wir an, da wir sonst zu befürchten hatten, daß unser Holz vollständig verbraucht werden würde. Fast die ganze Besatzung des Dampfers wurde nun mit Beilen ausgerüstet und mußte zum Holzschlagen in den Wald hinein. Ein jeder der Leute hatte eine bestimmte Menge Holz zu schlagen; sobald er damit fertig war, war er frei. Hatte irgend jemand eine härtere Strafe verdient, so wurde er einfach zum Schlagen einer doppelten Menge von Holz verurteilt, das half gewöhnlich. Der Wald, an welchem wir angelegt hatten, war sehr arm an Unterholz, aber dicht mit Phrynium und Comelinaceen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen eigentümlichen, tropischen Anstrich gab, besonders wenn sich hier und dort Calamusarten zeigten. Auffallend war der Reichtum von Elefantenspuren, welche wie ein dichtes Netzwerk den Wald nach allen Richtungen durchquerten. Offenbar hatte kein Dampfer vor uns hier angelegt, denn die Holzverhältnisse waren hier so günstig, daß einige unserer Leute schon vor Eintritt der Dunkelheit die ihnen vorgeschriebene Menge zusammengebracht hatten. Diejenigen, welche noch während der Dunkelheit zu arbeiten hatten, brachten nun Kopalstücke hervor, welche sie als Fackeln verbrauchten. Dieselben geben ein gutes Licht und verbrennen so langsam, daß ein etwa faustgroßes Stück für die ganze Nacht ausreicht. Allenthalben sah man diese Kopalfeuer im Walde noch bis tief in die Nacht hinein. Schon früh am nächsten Morgen ging es weiter. Bereits um 4 Uhr mußte alles an Deck aufstehen, um das am Nachmittage und Abend geschlagene und gespaltene Holz zum Gebrauch zu verstauen. Moskitos summten während dieser Zeit noch in Mengen um uns herum und benutzten jede Gelegenheit, uns zu peinigen. Nach etwa einstündiger Fahrt passierten wir einen Ausfluß des „Likuala aux herbes“, welcher hier in den Sanga mündet, während außerdem ein anderer Arm in den Ubangi einlaufen soll. Es ist interessant und recht bezeichnend für das Konzessionensystem der Franzosen, daß man hier zwischen dem „Likuala aux herbes“, welcher, von Norden kommend, mit dem Sanga parallel läuft, und dem Sanga eine Landkonzession ausgegeben hat, welche fast nur aus großen Sumpfflächen, die mit Wassergras bedeckt sind, besteht. Bedenkt man nun, daß der Hauptanziehungspunkt zum Ankauf dieser Konzessionen der vermutliche Kautschukreichtum der Gegenden ist, so wird man wohl begreifen können, daß die durch Ankauf von nutzlosen Sümpfen enttäuschten Konzessionäre sobald als möglich versuchen werden, ihre Konzessionen, auf denen sie kaum genug trockenen Boden haben, um ein Haus zu bauen, zu verkaufen.

Die beiden Ufer des Sanga sind in etwa ein Dutzend Konzessionen geteilt worden, zu welchen kleinere oder größere Gebiete gehören, welche sich vom Flußufer weg ins Land hinein ausdehnen. Von dem Sanga, unterhalb der Einmündung des Ngoko, ist bis jetzt jährlich kaum mehr als eine Tonne Elfenbein heruntergekommen; auch andere Erzeugnisse sind bisher noch nicht in Betracht zu ziehen, denn die Fabrikation des Kautschuks ist den Eingeborenen bis heute noch nicht bekannt. Das ganze Gebiet steht mit Ausnahme einiger weniger Erhebungen, welche die Eingeborenen bereits zur Errichtung ihrer Dörfer beschlagnahmt haben, für mindestens einige Monate im Jahre unter Wasser, ist also dann nicht benutzbar. In der trockenen Jahreszeit, selbst beim niedrigsten Wasserstande, durchziehen tiefe Sümpfe wie ein Netzwerk die Wälder und hemmen so das tiefere Eindringen ins Innere. Wesso, die Haupthandelsniederlassung am Sanga, unterhalb der Ngoko-Mündung (etwa eine halbe Stunde unterhalb derselben), dürfte fast der einzige Ort sein, von wo aus ein Vordringen nach der Küste zu für Handelszwecke möglich und rentabel ist. Den größten Teil seiner Produkte hat Wesso stets vom oberen Sanga und aus den Ngoko-Faktoreien bezogen. Ich halte es somit für mindestens sehr fraglich, ob eine einzige Konzessionsgesellschaft an dem unteren Sanga große Gewinne erzielen würde, und dort sitzen nunmehr etwa sechs verschiedene Gesellschaften. Bonga, das seinen Handel hauptsächlich mit den Leuten vom Likuala, Likuba und eventuell vom Alima (indirekt) treibt, schließe ich aus. Dieses würde übrigens auch in Zukunft das ganze Elfenbein, welches die Bonga-Händler vom Sanga und Ngoko herunterbrachten, einbüßen. Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß bis jetzt über den Sanga noch recht wenig bekannt ist, und daß die Gebiete zwischen ihm und dem Ubangi für den Europäer noch vollständig „terra incognita“ sind; doch ist nach allem, was die Eingeborenen erzählen, nicht viel von dorther zu erwarten. Über die vielen Konzessionen am oberen Sanga kann ich kein Urteil fällen, da ich diese Gebiete nicht aus eigener Anschauung kenne. Wie gut unterrichtete Herren mir sagten, welche dort gewesen sind, liegen auch da die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Landesprodukte sind dort wohl reicher vorhanden und das Bereisen des Landes bedeutend einfacher, doch sollen die einzelnen Konzessionsgebiete so klein sein, daß ein wirklich rentables Ausbeuten der Produkte nur in wenigen möglich ist. In der näheren Zukunft wird man sich wohl auf Kautschuk und Elfenbein als alleinige Exportartikel beschränken müssen, da die bedeutenden Transportunkosten die Ausfuhr anderer Produkte unmöglich machen. In Bonga spielt der Tauschhandel mit Tabak und Palmenöl vom Likuala und Likuba augenblicklich die Hauptrolle, beides Artikel, welche z. B. am Ngoko zu den besten Tauschwaren zählen, so daß sich die Handelsniederlassungen in Bonga ganz gut gewissermaßen als Zwischenhändler-Stationen rentieren. So werden z. B. die Tabakrollen mit 2 Mitakus (= 10 Ctms.) aufgekauft, um dann etwa für 1 Frc. wieder losgeschlagen zu werden; dabei ist nicht zu vergessen, daß der den Tabak verkaufende Likuba- oder Likuala-Mann selten mit den erhaltenen Mitakus fortgeht, sondern diese wieder bei dem Kaufmann gegen Stoffe oder andere europäische Artikel eintauscht, ebenso läßt sich der Europäer am Ngoko für seine Tabakrolle nicht einfach Geld geben, sondern Landesprodukte, welche er zu einem von ihm bestimmten Satze annimmt.

Schon bevor wir den „Likuala aux herbes“-Ausfluß bemerken konnten, wurde uns seine Nähe durch große Mengen treibender Wassergräser und fortgerissener Gesträuche bereits angezeigt. Es war fast gefährlich, zwischen den treibenden Massen den Dampfer hindurchzusteuern, denn einige hatten eine ziemliche Ausdehnung und Stärke. Die Mündung des Flusses ist ein Eldorado für Nilpferdjäger. Stets sind die Tiere in dem für sie so nahrungsreichen Gebiete in Menge anzutreffen, selbst in den Jahreszeiten, in denen man ihrer selten ansichtig wird, zur Zeit der hohen Flut. Auch wir sahen einige Trupps im Wasser spielend, konnten aber leider nicht zu Schuß kommen. Daß die Eingeborenen die Tiere nicht allein durch Harpunieren und Schießen erlegen, bewiesen einige große Fallen, welche wir hier sahen. Dieselben waren ähnlich wie ein Schaffot hergestellt mit einem von oben herabhängenden Speere. In welcher Weise die Tiere angezogen wurden und wie die Falle sonst zusammengesetzt war, konnte ich vom Dampfer aus nicht genau sehen. Krokodile wurden immer häufiger, je weiter wir flußaufwärts kamen. Da Sandbänke jetzt selten waren, lagen die Tiere meist auf umgefallenen oder überhängenden Baumstämmen in der Sonne. Herrn Langheld gelang es, mehrere zu schießen, da dieselben in ihren Todeszuckungen aber stets in das Wasser zurückfielen, so konnten wir keines derselben bekommen, so gern wir auch das Fleisch für unsere Leute gehabt hätten, denn sämtliche Stämme am Congo verzehren Krokodilfleisch mit dem größten Behagen. Ebenso wie das Fleisch der Elefanten und Nilpferde wird das Krokodilfleisch langsam über Feuer getrocknet, um es haltbarer zu machen. Zu diesem Zwecke werden kleine, etwa 1½ bis 2 Fuß hohe Stellagen erbaut, welche oben mit dünnen Zweigen überdeckt sind; nachdem unter der Stellage ein Feuer gemacht ist, wird das in 1 bis 2 Pfund schwere Stücke geschnittene Fleisch mit den Knochen auf die Stellage gelegt. Nach etwa einem halben Tage ist das ganze Fleisch dann infolge des stets unterhaltenen Feuers von einer vollständig ausgedörrten Kruste umgeben, welche es vor Fäulnis bewahrt. Selbst wenn das Fleisch zu faulen beginnt, verachtet es der Congo-Neger nicht, obgleich ich mich nicht erinnern kann, je einen Congo-Neger rohes Fleisch essend gesehen zu haben. Das Verzehren verfaulten Fleisches und anderer in Fäulnis begriffener Nahrungsmittel hat bei den Leuten sehr häufig höchst widerliche Hautkrankheiten zur Folge, welche von Europäern nicht selten für Syphilis angesehen werden, obgleich sie nicht das geringste damit zu thun haben. Auch auf dem Dampfer hatten wir stets eine Anzahl von Leuten, die an merkwürdigen Hautkrankheiten litten. Dieselben, wie überhaupt alle Kranken, mußten gewöhnlich um 8 Uhr bei Herrn Langheld antreten, um sich dann untersuchen zu lassen. Hautkrankheiten wurden im Falle offener Wunden mit Jodoform meist erfolgreich behandelt. Es gab so auf dem Schiffe für Herrn Langheld, welcher dasselbe in Ermangelung eines Kapitäns selbst führte, stets viel zu thun; ich versuchte mich dabei so nützlich wie möglich zu machen. Da wir genügend mit Holz versehen waren, konnten wir am zweiten Tage unserer Reise etwas länger fahren und machten daher erst um 2 Uhr Halt. Der Wald, an welchem wir damals anlegten, war äußerst charakteristisch für die Region. Die Mehrzahl der größeren Bäume stand, wie es die Pandanusarten zu thun pflegen, auf hohen Stelzwurzeln. Das ließ sich auch alles sehr leicht erklären, denn schon jetzt bei dem noch niedrigen Wasserstande konnte man kaum in irgend welcher Richtung den Wald durchstreifen, überall stieß man auf Wasser. Da Affen sehr häufig waren, nahm ich mein Gewehr mit und schoß einen derselben, um für die Leute etwas Fleisch zu besorgen; da mein Junge, Maketu, und Herrn Langhelds Junge auch je noch einen schossen, so konnten die Leute am Abend einen großen Schmaus abhalten, d. h. erst nachdem sie mit dem Schlagen des Holzes fertig waren. Doch wenn etwas derartiges in Aussicht steht, geht bei dem afrikanischen Neger die Arbeit häufig merkwürdig schnell vor sich. Von Landolphien oder sonstigen Kautschukpflanzen war in dem Walde nichts zu sehen, wohl aber gab es riesige Rotholzbäume, deren Holz bei den Eingeborenen sowohl wegen seiner Härte als auch zum Rotfärben des Körpers geschätzt wird. Auf einer Streiferei im Walde stieß ich plötzlich auf einen eigenartigen breiten Weg, welcher vom Flußufer direkt ins Innere führte und mit quergelegten glatten Baumästen in Abständen bedeckt war. Diesen Weg verfolgend, trat ich bald in eine Lichtung, wo einige bereits halbfertige, aus Rotholz gearbeitete Canoes lagen. Leere Plätze bewiesen, daß die Eingeborenen an dieser Stelle bereits mehrere Canoes hergestellt hatten, und zwar, wie die beiden noch vorhandenen, von ziemlichen Dimensionen. Auf dem mit Baumästen belegten Wege wurden dieselben zum Wasser geschleift. Von der Bevölkerung selbst war keine Spur zu entdecken, weder am vorhergehenden Tage, noch heute hatten wir ein Dorf zu Gesicht bekommen. Es giebt deren wohl sicher einige, welche versteckt in der Nähe der Flußufer liegen, sicher aber ist das untere Sanga-Gebiet äußerst dünn bevölkert. Die Wälder sind alle von Elefanten- und Büffelspuren durchzogen, selbst Spuren von Nilpferden konnte man bis tief in den Wald hinein beobachten, besonders an Stellen, wo infolge des Zusammenbrechens eines großen Urwaldbaumes eine Lichtung entstanden war, in der junges Gras und kleine Kräuter (wie Justicia, Impatiens und Comelinaceen) aufschossen, welche diese Tiere gern abweiden. In der Nacht gab es wieder so viele Moskitos, daß man nicht eine Minute lang schlafen konnte. Besonders eine hier verbreitete sehr kleine Art, welche durch weitmaschigere Netze bequem hindurchschlüpfen kann, ist es, welche den Menschen hier in den Nächten das Leben verbittert, während man am Tage von hunderten von Elefantenfliegen umschwärmt wird.

Schon vor 3 Uhr morgens wurde es auf dem Schiffe lebendig. Herr Langheld hatte sich durch den Mond täuschen lassen, und glaubend, es sei bereits Tagesanbruch, hatte er die Leute geweckt. Da Nebel auf dem Flusse lag und infolgedessen die auf der provisorischen Flußkarte angegebenen Landmale nicht zu erkennen waren, mußten wir noch bis 5 Uhr warten, ehe wir abfahren konnten. Schon gegen 11 Uhr zwang uns ein starker Regen, eine Zeit lang am Lande anzulegen und die Zeit durch „Holzmachen“ auszufüllen. Ich machte eine kleine Exkursion, auf der ich auf einige Exemplare von Landolphia Klainei stieß. Für den Botaniker giebt es in diesen so häufig überschwemmten Wäldern nur eine sehr spärliche Ausbeute. Unterholz oder Kräuter sind weniger vorhanden, dagegen sind die Blüten der Urwaldbäume und die auf letzteren wachsenden Epiphyten nur da zu erlangen, wo Wald geschlagen wird oder einer der Riesen gefallen ist. Nach etwa zweistündigem Aufenthalte dampften wir weiter, um nach kurzer Zeit für den Rest des Tages wieder zum „Holzmachen“ anzulegen.

Am 28. August konnten wir infolge des Nebels auch nicht so früh abfahren, als wir es gewünscht hätten, denn an vielen Stellen ist das Fahren infolge der Sandbänke sehr gefährlich. Der Fluß, welcher während der letzten Tage auffallend eng gewesen war, verbreiterte sich hier ganz auffallend und besaß häufiger Inseln als zuvor. Damals konnte ich mir die Ursache dieser scheinbaren Verengung des Flusses nicht erklären; auf der einige Monate später erfolgten Fahrt stromabwärts löste sich dieses Rätsel. Ich werde später darauf zurückkommen. Die dicht bewaldeten Ufer waren anfangs noch immer sehr niedrig, bis wir gegen 10 Uhr das erste Dorf, N’Kunda, erreichten, welches auf einem etwa 100 Fuß über dem damaligen Wasserspiegel sich hinziehenden Hügelrücken liegt. Vorher passierten wir noch einige kleinere verlassene und im Verfall begriffene Dörfer, deren Insassen wohl alle durch die Raubzüge des alten Häuptlings Wesso, welcher ein Jahr vor der Besitzergreifung dieser Gebiete durch die Franzosen gestorben ist, vertrieben waren. Die Bewohner von N’Kunda schienen wenig Lust zu haben, uns Nahrungsmittel zu verkaufen; als wir anliefen, ließen sich nur einige neugierige Weiber und eine Schar nackter Kinder sehen, die natürlich sofort wegliefen, als wir Europäer Miene machten, an Land zu kommen. Das Dorf besitzt wie die meisten Dörfer dieser Gebiete nur eine Straße, zu deren Seite sich je eine Häuserreihe hinzieht. An beiden Enden der Straße standen je eine größere Hütte, in der die Männer zu Beratungen oder zu allgemeinen Gelagen zusammenzukommen pflegen. Die Bevölkerung ist mit den Bonga-Leuten nahe verwandt und setzt sich zum großen Teile sogar aus direkten Abkömmlingen derselben zusammen. Die Lebensmittel, welche wir hier erstehen konnten, waren durchaus nicht billig und nur spärlich aufzutreiben, da die Eingeborenen ihre Hühner oder die wenigen Ziegen, welche sie besitzen, nicht gern verkaufen. Tabak, Salz und europäische Stoffe sind hier die begehrtesten Artikel. Perlen und Öl scheinen weniger gut zu gehen, doch hängt das alles von dem unberechenbaren Einfall des Negers ab. Das Fallen des Wertes einiger sonst wertvoller Artikel wie Feuersteine und Cutlas ist eventuell zu erklären; darauf werde ich später bei der Schilderung meiner Ngoko-Reise zurückzukommen haben.

Nach etwa dreistündigem Aufenthalte verließen wir das Dorf N’Kunda und dampften nun den Fluß noch eine Strecke weiter hinauf, bis wir an einer Stelle anlegen konnten, wo wir genügend Holz vermuteten. Ich machte am Nachmittage wieder einige Streifzüge durch die Wälder, sah aber nur Landolphien, von Kickxia dagegen keine Spur, ein Regenguß zwang mich schließlich, bald wieder zurückzukehren. Je weiter wir flußaufwärts gekommen waren, desto weniger wurden wir von Moskitos belästigt, ein Umstand, der sich wohl hauptsächlich durch das Fehlen der nach der Sanga-Mündung zu häufigen Grassteppen und Wassergrassümpfe erklären ließe.

Um am 29. August möglichst weit fahren zu können, wurde gegen Mitte des Tages eine kurze Zeit hindurch angelegt, um etwas mehr Holz schlagen zu lassen. An dem weniger wichtigen Dorfe Bussundi fuhren wir vorüber, ohne auf das Geschrei der am Ufer stehenden Eingeborenen, welche uns wohl zum Anlegen bewegen wollten, Rücksicht zu nehmen. In der Nähe der Stelle, wo wir am Nachmittage für den Rest des Tages anlegten, gab es nicht unbedeutende Quantitäten einer guten Kautschuk liefernden Landolphiaart, ebenso wuchs am Flußrande eine Coffeaart, deren Früchte leider noch nicht zum Gebrauche reif genug waren. Auch fehlten an den Exemplaren Blüten, um die Art feststellen zu können, ich fand dieselbe längs des Sanga und auch später im Ngoko-Gebiete häufiger.

Der nächste Tag brachte uns am Vormittage nach dem Dorfe Pembe, welches ähnlich wie N’Kunda auf einem Hügelrücken erbaut ist und auch nur aus zwei langgestreckten Häuserreihen besteht. Hier waren wir beim Einkaufen von Lebensmitteln bedeutend erfolgreicher als in N’Kunda, besonders Haumesser (Cutlas) fanden guten Absatz. Das ganze Auftreten der Leute zeigte, daß sie nicht so verwöhnt waren als die N’Kunda-Leute. Wundervolle Schmetterlinge (Papilioniden und Euploeen) gab es hier in Mengen. Die Tiere, welche am Flußrande gierig die Feuchtigkeit aufsogen, ließen sich mit Leichtigkeit mit der Hand fangen, ohne daß man sie dadurch lädierte. Ich versuchte, eine Exkursion in die nahe gelegenen Buschwälder zu machen, wurde aber allenthalben durch Sümpfe, welche zu dieser Zeit den Hügel zu umgeben scheinen, daran verhindert.

Als wir kurz nach 1 Uhr von Pembe abfuhren, sahen wir vor uns in der Ferne den französischen Regierungsdampfer „Tirier“, wohl einen der elendesten Dampfer, welcher den Congo befährt, von dem Dorfe Likilemba abfahren. Schon nach kurzer Fahrt hatten wir denselben überholt. Dieser Dampfer ist der einzige, welchen damals die französische Regierung für den Congo besaß, obgleich sie doch eine ganze Flottille für den Sanga sowohl wie für den Ubangi nötig gehabt hätte. Man mietete stets für schwere Preise die Dampfer des auch in Brazzaville vertretenen holländischen Handelshauses.

Für den Nachmittag legten wir gegen 2 Uhr an einer Landzunge an, welche sich zu unserer Freude als sehr reich an Brennholz erwies. Der morastige Boden des Waldes daselbst war mit großen Mengen einer kleinen, calamusähnlichen, stacheligen Palme bedeckt, welche bei meinen Streifereien für mich sehr lästig waren. Landolphia Klainei gab es am Flußrande reichlich, doch fehlte dieselbe, sobald man weiter in den Wald eindrang. Zum ersten Male sah ich hier ein verlassenes Lager von Elefantenjägern, wie sie in der Ngoko-Region besonders häufig zu finden sind. Die sehr primitiv aufgebauten Hütten bestanden aus zusammengesteckten Zweigen und Stöcken, welche etwa eine hingestreckte Viertelwalze bildeten, die mit Phryniumblättern gedeckt war. Im Innern einer jeden Hütte befand sich ein niedriges, schmales Bett, das, kaum einen Fuß über dem Erdboden erhoben, aus zusammengebundenen Stangen bestand. Feuerstellen waren sowohl in den Hütten als auch außerhalb derselben vorhanden.

Trotz des Nebels fuhren wir am 31. August schon früh ab. Im Laufe des Vormittags hatten wir einige Untiefen zu passieren, bevor wir das Dorf Boka erreichten. Diese allerdings ziemlich unbedeutende Ortschaft war bereits zur Hälfte überschwemmt, als wir daran vorbeifuhren. Auffallend war eine verhältnismäßig große Zahl von Ziegen, welche die Bewohner zu besitzen schienen. Von dem Dorfe Boka an heben sich die Ufer des Flusses allmählich, ja der Ortschaft gegenüber zieht sich ein langer Hügelrücken hin, wie ich ihn sonst am Sanga unterhalb der Ngoko-Mündung gar nicht kenne; auf diesem haben die Einwohner Bokas ihre Bananenpflanzungen angelegt und besitzen daselbst wahrscheinlich auch ihre Hütten während der Hochwasserperiode. Gegen Mittag bereits ging unser Holz derartig auf die Neige, daß wir anlegen mußten. Nach kurzer Zeit fuhren wir darauf weiter, um gegen 3 Uhr noch einmal zum Holzfällen anzulegen, denn uns lag viel daran, endlich das nicht mehr ferne Wesso zu erreichen. Der Holzvorrat, welchen wir nun einnahmen, reichte gerade aus, um uns gegen 5½ Uhr am Abend nach Wesso zu bringen, wo kurz vor uns der „Tirier“ eingelaufen war.

Da wir noch während des Vormittages am nächsten Tage in Wesso zu bleiben gedachten, verschob ich eine Besichtigung des Ortes auf den nächsten Vormittag: außerdem brach nun die Dunkelheit ein, und einige Zollformalitäten mußten noch bei dem hier stationierten französischen Beamten erledigt werden.

Am Abend waren wir alle in Wesso anwesenden fünf Europäer (außer dem Gastgeber bestehend aus dem Agenten des holländischen Hauses, dem französischen Chef de Poste, Herrn Langheld und mir) zusammen bei dem Agenten der Société Anonyme Belge zu gemeinsamem Abendessen versammelt.

Nachdem ich am nächsten Morgen das Dorf Wesso, welches schon ganz den Charakter der Fan-Dörfer trug, besucht hatte, dehnte ich meine Exkursion noch weiter ins Innere aus. Etwa 1½ Stunden war ich mit meinem Jungen marschiert, und doch kam ich nicht aus den kultivierten Gebieten heraus. Die früher unter Kultur gewesenen Strecken, welche man nun nach Art der Negerkultur wieder verwildern ließ, waren mit dichtem Busch bestanden, in dem außer Costusarten keine Pflanzen zu finden waren, welche mich interessierten. Besonders Trema scheint in solchen Lokalitäten neben Zingiberaceen häufig sich einzustellen. Ich wäre gern weiter marschiert, mußte es aber aufgeben, da ich zur Zeit am Dampfer zurück sein wollte, um dessen Abfahrt nicht zu verzögern. Ich vermute nach allem, was ich auf jener Tour gesehen, daß Kickxia in den noch nicht kultivierten trockneren Teilen westlich vom Wesso vorhanden sein dürfte. Kurz nach dem Mittagsmahle fuhren wir wieder von Wesso ab, um nun bald aus dem Sanga in den Ngoko einzubiegen, welcher sich etwa eine halbe Stunde oberhalb Wesso in den Sanga ergießt. Nördlich von Wesso senkt sich das Land wieder sehr bedeutend, so daß die Ufer jetzt schon kaum über dem Wasserspiegel hervorragten. An einer kleinen, flachen Insel vorbeifahrend, welche direkt am Zusammenflusse der beiden Flüsse liegt, während des hohen Wasserstandes aber völlig überschwemmt ist, bogen wir in den Ngoko ein. Man hatte mir diesen Fluß mit den schwärzesten Farben geschildert und behauptet, daß nicht einmal ein Vogel dort zu finden sei, doch das war natürlich arg übertrieben. Im wesentlichen bot er denselben Anblick dar wie der Sanga, nur war er bedeutend enger und die Strömung wohl etwas reißender. Gegen 4½ Uhr, nachdem wir etwa zwei Stunden den Ngoko hinaufgefahren waren, ging unser Feuerungsmaterial zur Neige, so daß wir gezwungen wurden, für den Rest des Tages und die Nacht hindurch an Land anzulegen, um Holz schlagen zu lassen. Selten hatte ich einen Wald gesehen, der derartig von Elefanten zertreten war wie der, an welchem wir hier lagen. Landolphia war schon ziemlich reichlich vertreten, ebenso Kaffee, doch war für Kickxia der Boden offenbar zu feucht, denn auch hier war der Wald schon teilweise überschwemmt. Es war zu verwundern, daß wir auch hier trotz der Waldsümpfe fast gar nicht während der Nacht von Moskitos zu leiden hatten. Bald passierten wir zwei unbedeutendere Dörfer der Misanga, wie man hier die Eingeborenen nennt, und kurz darauf gingen wir bei dem Dorfe Muntunda vor Anker. Die Bauart des Dorfes war auch die für die Fan typische, wie ich sie bereits bei Wesso beobachtet hatte. Die dicht aneinander stehenden Hütten waren zu beiden Seiten einer einzigen breiten Straße aufgebaut, welche durch je ein befestigtes Haus, in dem alle Versammlungen abgehalten werden, an beiden Enden abgeschlossen wird. Diese Häuser, welche allgemein bei den Europäern als Palaver-Häuser bezeichnet werden, haben statt der bei den gewöhnlichen Hütten aus Rinde hergestellten Brüstungen eine dicke Untermauer, welche aus verschiedenen Schichten von aufrechten Baumstämmen gebildet wird. Hier am unteren Ngoko waren diese Häuser nie so verstärkt wie ich sie später am Dja gesehen, denn während die Mauern hier aus zwei bis drei Schichten von Baumstämmen bestanden, wurden sie zum Beispiel in dem Dorfe des Häuptlings Lobilo aus zehn und mehr Schichten gebildet. Zum ersten Male sah ich auch hier bemalte Thürpfosten und Schwellen, ja einige Leute hatten sich sogar zu vollständig bemalten Hütten aufgeschwungen. Rot und Weiß waren die verwendeten Farben. Auch hier sah ich, daß mir die Kaufleute in Bonga die Verhältnisse zu schwarz geschildert hatten; glänzend waren sie ja freilich nicht; wohl aber gelang es uns, von den Leuten einige Hühner und Bananen zu kaufen. Herr Langheld behauptete allerdings, daß es das erste Mal sei, daß er hier einige Eßwaren erstanden hätte. Faul sind diese Fan-Völker im Ngoko ohne Zweifel, und es mag lange dauern, ehe man sie zur Arbeit wird erziehen können, und viel wird auch von der Tüchtigkeit der deutschen Stationsleiter in jenem Bezirke abhängen, wie weit und wann das gelingt. Nach sehr kurzem Aufenthalte in Muntunda dampften wir gegen 10 Uhr wieder weiter. Bald sahen wir die ersten etwa 300 Fuß hohen Hügel, zwischen welchen hindurch der Ngoko sich Bahn gebrochen hat, vor uns auftauchen. Da wir nur sehr knapp mit Holz versehen waren, ließ Herr Langheld am Fuße der ersten Hügel wieder etwas Holz schlagen. Von diesen Hügeln aus, welche wir gegen Mittag verließen, hatten wir noch etwa vier Stunden bis zur zweiten Ngoko-Insel zu fahren, welcher gegenüber die Station auf dem Hügel liegt. Es wechselten während dieser Fahrt Hügel und Niederungen beständig ab. Da unsere deutsche Station in der Nähe einer Kette von Flußschnellen liegt, welche nur eine schmale Passage an der Seite der Insel freiläßt, legten wir uns an der Insel vor Anker und gaben ein Signal mit der Dampfpfeife, um unsere Ankunft auf der Station, welche man vom Flusse aus nicht erblicken konnte, anzuzeigen. Bald erschien auch ein Canoe, in welchem der Lazarethgehülfe Herr Peter saß, welcher mich nun im Auftrage des Herrn Oberleutnants Dr. Plehn willkommen hieß. Da noch eine ganze Anzahl von Lasten für mich und für die Station mitzunehmen waren, und Herr Langheld auch noch vor Anbruch der Dunkelheit seine etwa zehn Minuten weiter stromauf gelegene Faktorei erreichen wollte, so fuhr ich mit Herrn Peter erst noch bis zur Faktorei hinüber, um dann der Einladung des Herrn Dr. Plehn, bei ihm zu wohnen, Folge zu leisten. Nachdem ein Teil meiner Lasten in mein großes Canoe hinüber gepackt war, fuhren wir über die Schnellen hinweg zur Station zurück. Ein etwa 20 Minuten langer Anstieg brachte mich zur Station, wo mich Dr. Plehn äußerst liebenswürdig aufnahm. Da es bereits zu dunkeln anfing, setzten wir uns kurz darauf zum Abendessen nieder, bei welchem wir, Dr. Plehn, Herr v. Lüdinghausen, als stellvertretender Stationsleiter, und ich bis tief in die Nacht hinein Neuigkeiten austauschten. Dr. Plehn hatte seit vielen Monaten keine Nachrichten aus Kamerun erhalten und war daher ein dankbarer Zuhörer bei allem, was ich von dort zu berichten hatte.

Als ich mir am nächsten Tage die kaum drei Monate alte Station auf einem kleinen Rundgange betrachtete, war ich erstaunt, zu sehen, was alles geleistet worden. Wie anders sah es hier aus als auf den französischen Stationen, welche ich in der letzten Zeit gesehen. Um auch von den Eingeborenen unabhängiger zu sein, hatte man Anpflanzungen von Mais und Bananen begonnen, sowie ein Feld Bergreis ausgesäet, das vorzüglich stand. Alles zeigte die wunderbare Umsicht, mit welcher Dr. Plehn bei Anlage der Station vorgegangen war. Es gab allerdings auch einen Übelstand, den zu erwähnen ich nicht unterlassen darf, nämlich die Entfernung des Wassers, welches die Leute immer vom Flusse her heraufzuholen hatten. Dr. Plehn sprach mit mir verschiedentlich darüber und war selbst aus diesem Grunde nicht ganz zufrieden mit der Anlage seiner Station; doch war da nichts zu ändern möglich, wenn er nicht die sicher gesundere und kühlere Lage auf dem Hügel aufgeben wollte. Gesundheitlich war die Station trotz ihrer guten Lage etwas vom Unglück verfolgt worden. Es waren mehrere Leute besonders unter den Arbeitern (Weiboys aus Liberia) bereits gestorben, doch meist an Krankheiten, welche sie noch von der Küste mitgebracht hatten, außerdem war eine bedenklich große Zahl von Dysenteriefällen vorgekommen, auch einige Schwarzwasserfieber, von welchem auch Herr v. Lüdinghausen und der Unteroffizier Kruschka, welcher die Soldaten zu drillen hatte, befallen worden waren. Diese große Zahl von Krankheitsfällen ist leicht zu erklären, wenn man bedenkt, welche Mühen die Sanga-Ngoko-Expedition auszuhalten hatte, ehe sie zum Bau der Station schreiten konnte, und darauf die schweren Arbeiten bei zum Teil sehr dürftiger Ernährung, denn infolge der schlechten Verbindungen war der europäische Proviant lange Zeit am Congo liegen geblieben. Je mehr man die Geschichte dieser Station kennt, desto mehr ist man gezwungen, die Energie der vier Europäer, unter deren Leitung diese Station entstand, zu bewundern, und ganz besonders die des Führers, Dr. R. Plehn. Mit Dr. Plehn und Herrn Langheld, welcher zu Mittag zur Station gekommen war, besprach ich dann am Nachmittage die Möglichkeiten meiner Exkursionen. Dr. Plehn war so liebenswürdig, mir für die Zeit meines Aufenthaltes Soldaten und Leute zur Verfügung zu stellen.

Einige Exkursionen, welche ich am nächsten Tage zuerst einmal in die nähere Umgebung der Station machte, zeigten mir, daß die Bossassangapflanze in ziemlichen Mengen vorhanden sei. Ebenso fand ich Landolphien in jüngeren Exemplaren in der Nähe der Station, am Flusse aber mit langen, dicken Ästen. Landolphia florida war längs der Ufer auch reichlich vorhanden und durch die gelben, über apfelgroßen Früchte schon von weitem zu erkennen.

Am 5. September ging ich zusammen mit Leutnant Plehn längs des Flußrandes zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft hinüber, um einige dort in der Nähe bekannte Kautschukbäume zu untersuchen. Etwa zehn Minuten von der Faktorei entfernt, brachte mich ein Marsch durch den Wald zu den betreffenden Bäumen, in welchen ich zu meiner Freude Kickxia elastica feststellen konnte. Auf einigen Exkursionen, welche ich nun während der nächsten Tage unternahm, gelang es mir, die Kickxia in ziemlicher Zahl rings um die Station herum, sowohl auf den Thälern wie auf den Hügeln feststellen zu können. Ich schickte einige Leute speziell aus zu dem Zwecke, eine größere Quantität Milch einzusammeln, mit der ich experimentieren konnte. Anfangs, während der warmen Tage, kamen die Leute mit weniger Milch zurück, als ich eigentlich erwartet hatte. Als Grund dafür führten sie an, daß bei der großen Hitze die Milch kurz nach Austritt an die Luft sehr bald koaguliere. Als ich dieselben Leute bei kühlerem Wetter aussandte, wurden ihre Aussagen durch die großen Quantitäten Milch, welche sie heimbrachten, bestätigt; auf späteren Exkursionen sah ich auch die zuerst angeschnittenen Bäume mit dem an der Luft koagulierten Kautschuk. Ich erwähne diese Umstände besonders, da sie zeigen, daß die Kickxien vielleicht vorteilhafter bei kaltem als bei warmem Wetter angezapft werden, was für den plantagenmäßigen Anbau von Nutzen sein kann. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Kickxia bei feuchtem oder kaltem Wetter einen größeren Ertrag an Latex liefert als bei trockenem und heißem Wetter. Inwieweit der Prozentsatz des Kautschuks zu der gewonnenen Quantität von Milch unter diesen verschiedenen Witterungsverhältnissen variiert, ist noch eine offene Frage, welche erst durch jahrelange Versuche endgültig entschieden werden kann. Während meines verhältnismäßig kurzen Aufenthaltes im Ngoko-Gebiete konnte ich nichts sicheres in dieser Hinsicht feststellen. Über die verschiedenen Methoden, welche ich bei der Koagulation der Kickxiamilch angewendet habe, habe ich schon früher einmal berichtet. Die erste Methode, welche ich anwendete, das Einkochen der Milch, scheint mir die empfehlenswerteste. Durch Zusatz von Bossassanga wird, wie die von mir mitgebrachten Proben bewiesen haben, der Kautschuk nicht verbessert.

Die Para-Räuchermethode ebenso wie die Centrifugivmethode sind, da beide zu viel Arbeitskräfte bedingen, für Afrika und ganz besonders für diesen Teil Afrikas nicht zu empfehlen.

Auch ein trichterförmiges Gefäß zum Austrocknen der Milch hatte ich mitgenommen und konnte es nun zum ersten Male gebrauchen. Ich goß die Milch in dieses Gefäß hinein und ließ sie mehrere Tage hindurch stehen, bis sich die Kautschukkügelchen nach oben abgesetzt hatten. Die oberste, sehr harzreiche Schicht wurde abgenommen, nachdem die Milch genügend in Wasser und Kautschukkügelchen gesondert war, und das Wasser allmählich durch einen am Grunde des Gefäßes angebrachten Hahn abgelassen. Die zurückbleibende flockige Masse blieb zum besseren Austrocknen erst noch einige Tage stehen, um dann durch einfaches Pressen mit der Hand endgültig in Kautschuk verwandelt zu werden. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk erfordert wenig Arbeit und ist nicht der Gefahr ausgesetzt, anzubrennen, wie es beim Kochen der Fall ist. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß auch diese Methode des Austrocknens sich bei Gewinnung des Kautschuks in den Plantagen bewähren wird. Da ich später noch einmal auf die verschiedenen Methoden der Koagulation einzugehen haben werde, so will ich darüber hier nicht mehr sagen, sondern nun auf die Anzapfungsmethoden der Kickxien übergehen. Die von mir mitgenommenen Instrumente bewährten sich nur halb, da man mit ihnen nur langsam arbeiten konnte. Der Pikierapparat war im Verhältnis zur Zähigkeit der Kickxiarinde leider zu schwach gebaut, so daß sich die Zähne beim Einschlagen teils umbogen, teils abbrachen. Ich möchte fast glauben, daß besonders bei warmem Wetter diese Pikiermethode etwas für sich haben dürfte, besonders wenn man durch einen am Fuße des Stammes herumgelegten Ring den etwa herunterlaufenden Saft auffangen könnte, so daß auf diese Weise nichts verloren geht. Diese Methode hat vor allen anderen den Vorzug, daß der Baum dadurch nicht so leicht verletzt wird, und das ganze Jahr hindurch in kurzen Abständen angezapft werden kann. Der Kautschuk, welcher dann natürlich auch in der Form der Ceara-Kautschukthränen exportiert werden müßte, würde sicher durch seine Reinheit und Trockenheit einen guten Preis erzielen.

Für die verbreitetste und bei einmaligem Anzapfen rentabelste Methode des Grätenschnittes müßte man noch passende Instrumente erfinden, mit denen man schnell und ohne die Cambiumschichten unter der Rinde zu verletzen, arbeiten könnte.

Bei den Fantis ist zum Besteigen der geraden Kickxiastämme ein Steiggürtel gebräuchlich, welcher wirklich verdiente, allenthalben eingeführt zu werden. Mit Hülfe dieser Gürtel sind die Leute in der Lage, jeden geraden Stamm ohne Mühe zu besteigen, so lange sie ihn umspannen können. Bei Anwendung des Grätenschnittes muß natürlich darauf gesehen werden, daß die Schnitte nicht zu tief eindringen, denn der Schaden, welcher dadurch hervorgerufen wird, steht in keinem Verhältnis zu der geringen Menge Kautschuks, welche man dadurch mehr erhält. Außerdem wäre es wünschenswert, daß auch hier etwa da, wo das Gefäß zum Auffangen des Saftes angebracht wird, ein erhabener rinnenartiger Ring um den Stamm gelegt wird, durch welchen etwa an der Rinde herunterlaufende Säfte aufgefangen werden können. Zum Anschneiden der Stämme dürfte sich ein Instrument empfehlen, das ähnlich wie die in unserer Forstwirtschaft allgemein verwendeten „Baumreißer“ gebaut ist, aber mit einer verstellbaren zweischenkeligen Schneide versehen ist, deren beide Schenkel sich an der scharfen Kante vereinigen und so zwischen sich einen Hohlraum lassen, durch welchen das ausgeschälte Rindenstück nach oben entweichen kann. Ich werde an anderer Stelle auf dieses Instrument zurückkommen. Betonen möchte ich noch, daß dieser Baumreißer nur für glatte, aufrechte Stämme, insbesondere Kickxia- und eventuell Ceara- und Para-Bäume konstruiert sein soll. Bei Landolphien verhindert schon die sehr unebene Rinde sowie sehr variable Dicke derselben seine Anwendung.