Fünftes Kapitel.
In gärender Zeit.

Das Sturmjahr 1848 war über Deutschland hingebraust. Die Vertreibung des französischen Königs durch sein Volk hatte auch hier die Geister entfesselt, und ein ungestümer Freiheitsdrang regte sich überall. Volksaufstände fanden da und dort statt, und während die Sehnsucht der Besseren nach nationaler Einigung Deutschlands und nach einem freieren Verfassungsleben hindrängte, verlangten die ungebildeten Bevölkerungsschichten sowie fanatische Hitzköpfe überhaupt den Umsturz alles Bestehenden, Republiken und Freiheit und Gleichheit aller Stände.

Alles war aus Rand und Band, und bis in die kleinsten Orte hinein zitterte die Aufregung, und feindliche Parteien standen einander gegenüber. Die Erbitterung derselben steigerte sich noch mehr, sobald es sich um politische Wahlen in den Landtag handelte. Demokratisch und königstreu waren die Schlagworte, um welche sich alles drehte.

Das konnte man an einem Frühlingstage des Jahres 1849 auch in der märkischen Stadt Rathenow sehen. In den Gassen war eine außergewöhnliche Bewegung, mehr noch aber war dies der Fall in einem der bekanntesten Gasthäuser des Ortes, in dessen Saale Otto von Bismarck in einer von den Königstreuen einberufenen Versammlung seine Kandidatenrede halten wollte.

In der Gaststube im Erdgeschoß platzten die Geister bereits lebhaft aufeinander.

»Er ist ein Junker, ein Streber, und einen solchen können wir nicht in der Kammer brauchen!« rief ein Mann im Schurzfell, und ein anderer erwiderte:

»Aber er weiß, was er will, und das wißt ihr Demokraten allesamt nicht! Und er ist ein charakterfester Mann, und solche Leute brauchen wir heutzutage.«

»Ach was, er schreibt Briefe an den König und läßt sich von ihm einladen, sperenzelt um ihn herum in Berlin und Sanssouci.«

»Schämt Euch, Krämer« – schrie jetzt der Schornsteinfegermeister Wolf – »daß Ihr die Tatsachen so entstellt. Ihr wißt so gut wie wir, was es mit alledem für eine Bewandtnis hat. Den Brief hat er geschrieben, wie in Berlin alles aus Rand und Band war, und wie die Umstürzler unseren König so schwer beschimpft haben, und er hat darin nichts anderes gesagt, als was jeder ehrliche, brave Preuße damals gesagt hat. Daß das dem hohen Herrn wohltat und daß er nicht nur den Brief wochenlang auf seinem Schreibtische liegen ließ, sondern auch den Schreiber zu sich rief und um seinen Rat anging, ist doch nichts, was dem Herrn von Bismarck zum Vorwurf gereichen kann.«

»Na, er hat in solchen Unterhaltungen wohl nicht fürs Volk geredet, sondern sein Schäflein geschoren!« rief es wieder von einer Seite, und unter Beifallsgebrüll nahm ein junger Mensch das Wort, ein herumziehender Agitator, von dem eigentlich niemand wußte, wer und was er war:

»Wie gut es euer Bismarck mit dem Volke meint, hat er selber klar ausgesprochen. Alle großen Städte müßten vom Erdboden vertilgt werden, das ist sein Wort, und warum: Weil dort allein das Volk stark genug ist, seinen Willen durchzusetzen und seine Freiheit zu erzwingen, wie’s in Berlin geschehen ist. Und was er dem König für Ratschläge gegeben hat, das wissen wir ganz genau. Friedrich Wilhelm IV. war immer zu Nachgiebigkeit geneigt, aber Bismarck war wie der Böse dahinterher und suchte ihn zu reizen, durch Gewalt und mit Blut die heilige Erhebung des Volkes niederzuschlagen. In Potsdam hat er das sogar in so entschiedener Weise getan, daß die Königin hinzutretend gesagt haben soll: »Wie können Sie in solchen Ausdrücken mit Ihrem König reden?« – Das ist euer Bismarck, dem nichts hart genug ist, wenn dem Volke das Fell über die Ohren gezogen werden soll, und der unsere neue Freiheit in unserem Blute ersticken will. Fort mit Bismarck!«

Und »Fort mit Bismarck!« scholl es jetzt vielstimmig, nur der Schornsteinfeger ließ sich nicht einschüchtern:

»Das ist leeres Geschwätz von einem hergelaufenen Manne. Freiheit von eurer Sorte wünschen wir gar nicht, und uns ist Herr von Bismarck gerade so recht, wie er ist. Dem wühlenden Demagogentum, das den ehrlichen Bürgerstand beunruhigt und ruiniert, müssen die Zähne gezeigt werden. Wir wollen auch Freiheit, aber ohne den Umsturz von alledem, was uns von unseren Altvorderen heilig gewesen ist.«

Schreien und Johlen unterbrach den Sprecher, um den sich seine Parteigenossen drängten, denn die Gemüter wurden immer erhitzter, der aber rief mit lauter Stimme:

»Das ist wohl eure Freiheit, daß ihr jeden niederbrüllt, der eine andere Meinung hat als ihr? – Gerade so haben sie’s dem Herrn von Bismarck gemacht, als er 1847 seine Jungfernrede im Landtage hielt. Aber er hatte gezeigt, daß er Mut und Kaltblütigkeit hat. Er las, während sie lärmten, seine Zeitung, und als sie aufhörten, nahm er sein Wort wieder auf. Das hat mir gefallen, und darum bleibt er mein Mann!«

Der brave Meister war in dem Lärm und Getöse wenig verständlich mehr gewesen, nun trank er ruhig seinen Schoppen aus, und forderte seine Parteigenossen auf, mit ihm zu gehen. Unter dem lauten Geschrei und Hohngelächter der Gegner gingen die Männer hinaus und nach dem Saale, welcher schon völlig angefüllt war mit Menschen, die den königstreuen Kandidaten sehen und hören wollten.

Otto von Bismarck war eben eingetroffen. Die im Erdgeschoß hatten ihn in ihrer Erregung nicht kommen sehen, zumal er nicht, wie man erwartet hatte, im Wagen vorfuhr. Er stand bereits auf der Tribüne, als der Schornsteinfegermeister mit seinen Gefährten eintrat. Die kraftvolle Gestalt war hoch aufgerichtet, aus dem vom Vollbart umrahmten frischen und energischen Antlitz blitzten hell und falkenklar die Augen, und die Stimme klang hell, vernehmlich, ja mitunter scharf.

Er verurteilte rückhaltlos die Vorgänge, welche in der revolutionären Bewegung in Berlin zur Demütigung des Königtums geführt hatten, und entwickelte seinen Standpunkt, wie er ihn wiederholt furchtlos und entschieden im Abgeordnetenhause betont hatte:

»Der Prinzipienstreit, welcher in diesem Jahre Europa in seinen Grundfesten erschüttert hat, ist ein solcher, der sich nicht vermitteln läßt. Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die von Haus aus einander ausschließen. Das eine zieht seine Rechtsquelle angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faustrecht der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und führt seine Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmäßig bestehenden Rechtszustand. Dem einen dieser Prinzipien sind Aufrührer jeder Art heldenmütige Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, dem anderen sind sie Rebellen. Über diese Prinzipien wird nicht durch parlamentarische Debatten eine Entscheidung erfolgen können; über kurz oder lang muß der Gott, der die Schlachten lenkt, die eisernen Würfel der Entscheidung darüber werfen. Ich aber werde leben und sterben für den Grundsatz der Treue zu König und Vaterland, und muß es nun Ihnen überlassen, ob Sie mich für den rechten Mann halten, Ihre Anschauungen zu vertreten.«

Im Saale klang lauter Beifall, der bis auf die Gasse hinausdrang. Dort aber fand er keinen Widerhall. Der junge demokratische Agitator hatte in der Wirtsstube auch das Eisen in seinem Sinne geschmiedet, und die Bewegung war bis auf die Straße hinaus gedrungen. Der Schornsteinfegermeister Wolf, der nahe an dem Fenster des Saales stand, blickte hinunter und sah die vielköpfige erregte Menge, die mit heißen Gesichtern, glühenden Augen und geballten Fäusten sich hier drängte.

Da aber jetzt Bismarck den Saal verlassen wollte, suchte der wackere Mann eilig zu ihm heranzukommen und sagte:

»Herr von Bismarck, gehen Sie jetzt nicht hinaus, sie wollen Ihnen an den Leib.«

Der Angeredete hob seine mächtige Gestalt höher, ein beinahe spöttisches Lächeln umflog den Mund, und die Augen schauten furchtlos und ruhig drein, als er erwiderte:

»Ach, glauben Sie doch den Bläffern nicht!«

Ohne weiter sich aufzuhalten, trat er auf den Vorsaal und ging die Treppe hinab. Im Hausflur bereits stand eine johlende Menge. Geschrei, Zischen, niedrige Schimpfworte flogen ihm entgegen, und einige geballte Fäuste hoben sich wider ihn.

»Rebellen hat er uns genannt – totschießen will er uns lassen – fort mit dem Junkerregiment!« so schrie es ihm auch von der Gasse entgegen, aber mit festem Blick schaute er über die Menge hin, und während Meister Wolf und der Stadtschreiber Noack ihn in die Mitte nahmen, schritt er hochaufgerichtet, mit ruhiger Sicherheit durch das Volk, das ihm eine Gasse machte und dem kühnen Recken nicht den Weg zu verlegen wagte.

So kam er nach dem Gasthause, wo sein Wagen stand. Die aufgeregten und von dem unreifen Hetzer aufgereizten Leute waren ihm auch bis hierher gefolgt und schienen seine Abfahrt hindern zu wollen. Die Lage war äußerst unbehaglich, und als er aus dem Hause trat, gelang es ihm nur mit Mühe, an das Gefährt heranzukommen und dasselbe zu besteigen.

Wilder und ungestümer aber brach jetzt das Geschrei und Pfeifen los, und aus der gedrängten Schar sausten Steine nach dem kühnen Manne. Einer derselben traf wuchtig seinen linken Arm und fiel in den Wagen. Einen Augenblick übermannte ihn jetzt Zorn und Schmerz: er ergriff den Stein und sprang von seinem Sitz empor mit flammenden Augen, und wie er so den Arm erhob zum Wurfe, da drängte das feige Gesindel zurück vor der imponierenden Erscheinung. Das gab ihm seine Ruhe wieder. Es schien ihm unwürdig, hier Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mit einer verächtlichen Gebärde warf er seinen Angreifern den Stein vor die Füße, legte sich in den Sitz zurück, rief dem Kutscher zu: »Vorwärts!« und gleich darauf zogen die bereits unruhigen Tiere an, und durch die zu beiden Seiten zurückweichende Menge fuhr der Wagen rasch dahin durch die Gasse.

Die Rathenower wählten aber doch Bismarck wiederum zu ihrem Abgeordneten, und so reiste er, nachdem er zuvor in seiner freundlichen Häuslichkeit zu Schönhausen gewesen, neuerdings nach Berlin, um den übernommenen Pflichten zu genügen.

Im Eisenbahnkupee saß er mit einem alten Herrn, einem ehemaligen Offizier, beisammen und unterhielt sich mit diesem über die politische Lage. Da stieg in einer Zwischenstation ein junges Herrchen ein, der sein Gepäck – allem Anschein nach einen Musterkoffer – ziemlich herausfordernd auf den Sitz legte, sich dann in eine Ecke lehnte und nun mit überlegen spöttischem Blicke die beiden Herren betrachtete, welche sich in ihrem ruhigen Gespräche nicht stören ließen.

Der alte Offizier hatte eben sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß bei den Berliner Straßenunruhen der König das Militär zurückgezogen und sich in die Hand des Volkes gegeben hatte, da warf der junge Mann eine höhnische Bemerkung dazwischen:

»Ja, die Volkssouveränität paßt manchem nicht in den Kram, glaub’s wohl, aber gottlob, mit Säbelrasseln und feudalen Phrasen wird die neue Zeit nicht aufgehalten. Es geht ein scharfer Wind für die Junker, und er wird manche alten Vorrechte wegblasen. Ja, Freiheit und Gleichheit! Freiheit und Gleichheit!«

Bismarck sah den Menschen mit einem durchdringenden Blicke an, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, jener aber perorierte, unbekümmert um die beiden anderen, in seiner geschwätzigen Art weiter. Seine Ansichten waren so unreif, daß der alte Offizier, obwohl gerade er sich vielfach hätte verletzt fühlen dürfen, es doch nicht der Mühe wert hielt, mit dem kecken Angreifer anzubinden, der dadurch nur immer mehr ermutigt zu werden schien. Bismarck aber hatte ihn immer wieder einmal mit seinen scharfen Augen gemessen und dann sein Gespräch mit seinem Gegenüber fortgesetzt, als ob der vorlaute Musterreiter Luft wäre.

Nun hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Berlin. Der Reisende war ausgestiegen, und nachdem Bismarck sich rasch von dem Offizier verabschiedet, verließ auch er das Kupee. Mit einigen weitausgreifenden Schritten stand er vor dem jungen Manne, seine mächtige Gestalt hoch aufrichtend und die blitzenden Augen ihm in das Gesicht bohrend, so daß derselbe beinahe scheu zurückwich. Wiederum machte Bismarck einen Schritt auf ihn zu, mit seinen mächtigen Blicken ihn bannend, so daß der andere abermals zurücktrat. Der unerbittliche Verfolger aber heftete sich an seinen Fuß und drängte ihn so vor sich her, bis der geängstigte Reisende beinahe an die Wand gedrückt war.

»Wie heißen Sie denn?« fragte der Verfolger kalt und fest, und der andere stotterte in Befangenheit und Ängstlichkeit:

»Ich – ich heiße Nelke!«

»Dann hüten Sie sich, Sie Nelke, wenn Sie nicht von mir gepflückt werden wollen!«

Noch einmal sah Bismarck dem zerknirschten Schwätzer in das blasse Gesicht, dann wendete er sich langsam ab und schritt ruhig den Perron entlang.

Berlin selbst wollte ihm jetzt gar nicht gefallen. Die neue Zeit rumorte hier zu sehr in allen Köpfen, und ihre Zeichen machten sich auf Schritt und Tritt bemerkbar. Selbst der Drang nach einer nationalen Einheit, welcher die besten deutschen Herzen erfüllte, hatte für Bismarck etwas beinahe Unheimliches, weil daneben auch jener unklare Freiheitsdrang sich breitmachte, der am liebsten Thron und Krone hinweggefegt hätte und aus Deutschland eine Republik machen wollte.

Diese Bestrebungen traten deutlich genug hervor bei der seit dem 18. Mai 1848 in Frankfurt a. M. tagenden deutschen Nationalversammlung, welcher Männer aus ganz Deutschland angehörten, welche den Bundestag beseitigte, einen Reichsverweser in der Person des Erzherzogs Johann von Österreich wählte und nun die »Grundrechte des deutschen Volkes« und eine »Verfassung für Gesamtdeutschland« beriet. Da platzten die Geister oft stürmisch aufeinander, und selbst die vielen vortrefflichen Männer, die, erfüllt von wahrer Begeisterung für das Wohl des deutschen Volkes, ihre beste Kraft und Überzeugung einsetzten, konnten nicht immer den revolutionären Demokraten, welchen die Freiheit über die Einheit ging, einen Damm setzen, und es kam in Frankfurt selbst unter den Augen der Nationalversammlung zu den rohesten Ausschreitungen des fanatischen Pöbels.

Endlich war man aber doch einig geworden, daß fortan ein erblicher Kaiser an der Spitze Deutschlands stehen solle, und als solcher war am 28. März 1849 mit geringer Stimmenmehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gewählt worden.

Der zweite April fand Berlin in einer ganz besonderen Erregung. Die Abgesandten der Frankfurter Nationalversammlung trafen ein, um dem König die Kaiserkrone anzubieten. In den Straßen war ein fröhliches Wogen und Treiben, die hochgehende Begeisterung jauchzte den einziehenden Abgeordneten zu, und der Traum der deutschen Einheit schien sich verwirklichen zu sollen.

Um so größer war die Enttäuschung, als schon am nächsten Tage die Nachricht von Mund zu Munde ging, der König habe die Deputation im Rittersaale des Schlosses feierlich empfangen, aber sich nicht entschließen können, die ihm gebotene Krone aus den Händen des Volkes anzunehmen.

Wie ein Mehltau fiel es auf die Hoffnungen und Erwartungen der Besten, und als die Kunde nach Frankfurt kam, wirkte sie hier so niederdrückend auf alle Gutgesinnten, daß die radikalen Stürmer und Dränger wieder die Oberhand gewannen und infolgedessen da und dort wieder revolutionäre Erhebungen stattfanden, und daß sich endlich das Parlament auflöste, beziehentlich der nach Württemberg übergesiedelte Rest desselben, das sogenannte »Rumpfparlament«, gewaltsam aufgelöst wurde.

In Berlin gingen nach der Ablehnung der Kaiserkrone die Wogen der Bewegung noch immer hoch, und der Landtag beriet am 20. April über die Frankfurter Reichsverfassung und über Schritte, um den König noch nachträglich zur Annahme der Kaiserwürde zu bewegen.

Bismarck gehörte zu jenen, welche sich nicht überzeugen konnten, daß auf den damaligen Grundlagen eine wirkliche Einigung Deutschlands erreicht werden könne, und daß die Eifersucht Österreichs und anderer deutscher Staaten an der leitenden Stellung Preußens fortwährend rütteln würde, so daß es ihm richtiger schien, daß dieses für sich selbst auf starke Füße gestellt werde und nicht seine Kraft unfruchtbaren Bestrebungen opfere.

So trat er auch im Abgeordnetenhause unerschrocken für diese Überzeugung ein. Am 20. April stand er auf der Tribüne und erklärte:

»Ich habe als Abgeordneter die Ehre, die Kur- und Hauptstadt Brandenburg zu vertreten, welche dieser Provinz, der Grundlage und Wiege der preußischen Monarchie, den Namen gegeben hat, und ich fühle mich deshalb um so stärker verpflichtet, mich der Diskussion eines Antrages zu widersetzen, welcher darauf ausgeht, das Staatsgebäude, welches Jahrhunderte des Ruhmes und der Vaterlandsliebe errichtet haben, welches von Grund aus mit dem Blute unserer Väter gestiftet ist, zu untergraben und einstürzen zu lassen. Die Frankfurter Krone mag sehr glänzend sein, aber das Gold, welches dem Glanze Wahrheit verleiht, soll erst durch das Einschmelzen der preußischen Krone gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß mit der Form dieser Verfassung gelingen werde.«

Noch energischer äußerte er sich in diesem Sinne am sechsten September. Inzwischen hatte aber Preußen einen anderen Einigungsversuch gemacht und mit Sachsen und Hannover das »Dreikönigbündnis« geschlossen, dem sich eine Anzahl anderer deutschen Staaten anschloß. Aber Österreichs Einfluß wußte die beiden Königreiche wieder von Preußen zu trennen, welches nun mit den übriggebliebenen Bundesstaaten die sogenannte »Union« bildete und, um derselben eine einheitliche Verfassung zu geben, ein Parlament nach Erfurt einzuberufen beschloß.

In dieser Zeit saß Bismarck eines Abends in seiner Wohnung, Dorotheenstraße 37, mit einigen politischen Freunden beisammen. Das Heim war schlicht, aber gemütlich; die Lampe warf ihren milden Schein über den breiten Tisch und auf die geistvollen Gesichter, um die behaglicher, blauer Tabaksdampf sich wölkte, und in den Gläsern schäumte der braune Gerstensaft. Der Hausherr saugte an »dem geliebten Rohre«, aber dazwischen wetterleuchtete es aus seinen Augen, und seine Hand legte sich manchmal geballt auf den Tisch, da er sagte:

»Laßt sie doch uns »Stockpreußen« schelten, ’s ist kein schlechter Titel, und ich kann nur wiederholen, was ich in der Kammer gesagt habe: Das Stockpreußentum, wie es vor allem in der Armee vorhanden ist, ist unsere Stütze. Und so gut unsere Soldaten unter der schwarzweißen Fahne bisher sich ehrenhaft geschlagen und wohlbefunden haben, so gelüstet es weder sie noch uns, für das erprobte alte Banner ein neues dreifarbiges einzutauschen, dessen Dauerhaftigkeit unter den jetzigen Verhältnissen sehr zu bezweifeln ist. Wir wollen einmal dem preußischen Adler nicht die Flügel stutzen lassen durch die gleichmachende Heckenschere aus Frankfurt.«

»Und was versprichst du dir eigentlich von der Union?« fragte einer der Gäste.

»So gut wie nichts, sie wird an der Eifersucht Österreichs, dem wir zunächst noch nicht die Zähne zu zeigen uns getrauen, zugrunde gehen. Das Erfurter Parlament verläuft im Sande, verlaßt euch darauf!«

»So hast du wohl gar keine Neigung, dich hineinwählen zu lassen?«

»Neigung? – Nein! Aber wenn ich gewählt werde, werde ich gehen, um auch dort Preußens Rechte zu vertreten. – Aber nun, Freunde – politisch Lied, ein garstig Lied! Laßt uns etwas anderes reden. Wißt ihr auch, daß ich unter die Poeten gegangen bin?«

Ein allgemeines »Ah!« dann wurde eine Stimme laut, – es war die Savignys – welche Proben verlangte.

»Eine Probe soll euch werden, aber ich bitte um nachsichtige Beurteilung, damit ich mit meinem gradus ad parnassum nicht eingeschüchtert werde. Zuerst aber sollt ihr sehen, was mich begeistert hat, und ich hoffe auf eure Anerkennung.«

Er holte aus einem Schranke eine ziemlich umfangreiche braunfarbige Kaffeetasse und stellte sie vor die Freunde hin.

»Na, ist das nicht ein stattliches Objekt für eine Poetenleier?«

»Aber nun auch die Verse dazu!« rief André.

»Eins nach dem anderen. Zunächst müßt ihr wissen, daß dieser praktische Haushaltungsgegenstand zu einem Geburtstagsgeschenk bestimmt ist für unseren hagestolzen alten Freund Kleist-Retzow. Und nun das Poem!«

Er las, behaglich sich in seinem Sitze zurücklehnend, mit komischem Pathos:

»Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz,
Doch braun wie Mahagonig,
Wünsch’ ich dir, aller Pommern Stolz,
Ein Leben süß wie Honig.
Wenn Wenzel[1] dich gelangweilt hat,
Schwerin[1] den Zorn erregt in dir,
Wenn übel dir vom Beckerrath,[1]
Dann, Hans, erhole dich bei mir!
Wenn dann der Kaffee dir behagt
Und du, um streng dich zu kastei’n,
Die zweite Tasse dir versagt,
Dann, Hans, laß mich die erste sein!
Und schein’ ich dir zu groß und weit
Für ein so kleines Landrätlein,
So denk: Es ist die höchste Zeit,
Dir eine Gattin anzufrei’n.
Ihr trinkt aus mir dann alle beide
Kaffee, Schok’lade oder Thee
Zu Tante Adelgundens Freude
Zu Kiekow auf dem Kanapee.
Geliebter Onkel Schievelbein,
Schaff’ bald uns eine Tante,
Dann wirst du alles hocherfreu’n,
Was jemals Hans dich nannte.«

[1] Namen von Abgeordneten.

Fröhliches Lachen lohnte den Vortrag, und die Geister des Humors begannen in dem gemütlichen Raume jetzt ihre Flügel freier zu regen.

Noch im selben Winter kam ein Weihnachtskind in der Dorotheenstraße 37 an, ein kleiner Junker von Bismarck, der am 28. Dezember erschien und am 12. Februar 1850 durch den Prediger Gaßner auf die Namen Nikolaus Heinrich Ferdinand Herbert getauft wurde. Die Freude war groß, da es jetzt ein mit dem am 21. August 1848 geborenen Töchterchen Marie ein prächtiges Pärchen gab, an dessen frischem Gedeihen und munterem Wesen die Eltern ihre herzliche Freude hatten.

Bei solchem Familienglück war es Bismarck nicht besonders erfreulich, im kommenden Frühjahr nach Erfurt zu gehen, wohin er wirklich in das Unions-Parlament gewählt war. Auch hier vertrat er seinen absolut preußischen Standpunkt und war froh, als der Reichstag am 29. April geschlossen wurde, nachdem allerdings die vorgelegte Verfassung Annahme gefunden hatte.

Aber nun erhob sich drohend die österreichische Regierung, verlangte entschieden die Herstellung des alten deutschen Bundestags, auf welchem sie den ersten Rang einnahm, und lud sämtliche deutsche Fürsten zur Beschickung desselben ein. Deutschland stand in zwei starken Parteien sich gegenüber, die Erregung stieg auf beiden Seiten so weit, daß in Kurhessen, wo das Volk sich gegen den Druck des Ministers Hassenpflug auf das entschiedenste wehrte, es zwischen ihnen beinahe zu einem blutigen Zusammenstoß gekommen wäre. Friedrich Wilhelm IV., eingeschüchtert durch das Dazwischentreten und die Drohungen des russischen Kaisers Nikolaus, fürchtete jedoch einen entscheidenden Schritt und gab in der Angelegenheit nach. Es kam der Tag von Olmütz (29. November 1850), der in der preußischen Geschichte kein Ruhmesblatt bedeutet, an welchem der Minister von Manteuffel dem österreichischen Minister Schwarzenberg gegenüber die Auflösung der »Union« und die Beteiligung Preußens an dem wiederhergestellten Bundestage zugestand nebst einigem anderen, was drum- und dranhing.

Inzwischen hatte Bismarck im Sommer sein liebes, stilles Schönhausen aufgesucht und mit Frau Johanna und seinem kleinen munteren Pärchen sich der Ruhe und Muße hingegeben, welche ihm nach den parlamentarischen Kämpfen ungemein wohltat.

Aber die Idylle fand eine kleine Unterbrechung.

Ein andauerndes Unwohlsein des Töchterchens machte einen Aufenthalt an der See notwendig, und so ungern Bismarck sich aus dem Behagen seines Landsitzes herausriß, der Rat des Arztes, das zärtliche Drängen seiner Gemahlin bewogen ihn zuletzt doch, auf einige Wochen nach Stolpmünde zu gehen.

Dann kamen wieder der Berliner Ärger und die Kammerverhandlungen den Winter durch bis hinein in das Jahr 1851.

Um die Osterzeit desselben brach er aber auf aus der Residenz, um auf einige Wochen zu seinen Schwiegereltern zu gehen nach Reinfeld in Pommern. Die behagliche stille Häuslichkeit hier tat ihm wohl. Herr von Puttkamer mit dem Samtkäppchen auf dem greisen Haupte waltete hier wie ein guter Patriarch in Ehrbarkeit und Frömmigkeit, und von ihm und seiner trefflichen Frau ging es wie ein stiller Segen aus durch das ganze Haus. Das war ein Ort, so recht zu kurzdauernder Erholung, aber Bismarck sollte auch hier nicht finden, was er suchte.

Eines Tages saß er mit seinem Schwiegervater beisammen und sprach von der Wirtschaft und den Pferden und Hunden, als die Post gebracht wurde. Ein Schreiben mit dem Siegel des Ministerpräsidenten von Manteuffel fiel ihm in die Hand, und er betrachtete es einige Sekunden mit beinahe bedenklichen Blicken. Dann öffnete er es, las flüchtig, lehnte sich mit einem tiefen Atemzuge in seinen Sitz, und seine Hand mit dem Briefe sank schwer auf den Tisch.

»Nach Frankfurt soll ich zum Bundestage als preußischer Gesandter, – der Minister fragt, ob ich will.«

Herr von Puttkamer neigte sich in Erregung gegen ihn vor.

»Ja, besorgt das nicht der General von Rochow? Was bedeutet das?«

»Rochow soll, wie ich schon früher munkeln hörte, als Gesandter nach Petersburg zurückgehen. – Aber das kommt mir so unerwartet, daß mir’s doch ein wenig in die Glieder schlägt. Das ist weder ein besonders angenehmer, noch besonders leichter Posten.«

»Nein, gewiß nicht,« sagte der alte Herr, »da wird einer gebraucht, der diplomatisches Geschick und Festigkeit zugleich hat, um mit den Beziehungen zwischen Österreich und Preußen fertig zu werden, ohne daß auf der einen Seite gereizt, auf der anderen etwas vergeben wird. Der Antrag will recht wohl erwogen sein!«

»Klar genug sehe ich die Verhältnisse,« sprach Bismarck lebhaft, – »Österreich hat es darauf abgesehen, Preußen kleinzukriegen und womöglich wegzuwischen aus der Reihe der maßgebenden Mächte. Da heißt’s die Augen offen und den Nacken steif halten. Die Sache wird mir verlockend. Wenn mein König dafür hält, daß ich für den Posten brauchbar bin, werde ich ihm meine schwache Kraft nicht versagen.«

»Aber Otto, fehlt dir gerade für diese Stellung – du hast gewiegte Staatsmänner dort – nicht die nötige diplomatische Erfahrung?«

»Erfahrungen müssen gemacht werden. Papa – und übertölpeln lasse ich mich doch nicht so leicht. Mit Patriotismus und Energie und mit etwas natürlicher Klugheit läßt sich schon etwas wagen. Zudem weißt du ja, daß schwierige Aufgaben und harte Nüsse meine Spezialität sind. Das habe ich auch einmal einem gewissen Herrn von Puttkamer bewiesen, der mir seine Tochter nicht zur Frau geben wollte.«

Der alte Herr lächelte:

»Na ja, einen festen Kopf hast du, und er sitzt auch, wie das Herz, auf dem rechten Flecke. Tue, was du für recht hältst, und wozu dich dein Empfinden als Mann und Untertan treibt.«

Und so schrieb Bismarck an den Minister von Manteuffel, daß er nach Potsdam kommen und sich Seiner Majestät allergehorsamst zur Verfügung stellen werde.

In dem Lustschlosse des großen Friedrich, dem herrlichen, grünumlaubten Sanssouci, stellte er sich dem König vor. Friedrich Wilhelm IV. betrachtete mit Wohlgefallen den prächtigen, hochgewachsenen Mann mit den hellen, treuen Augen, den er schon lange um seiner ehrlichen Geradheit und um seiner altpreußischen Gesinnung hochschätzte, und sagte:

»Lieber Bismarck, Sie wissen, um was es sich handelt, und ich höre zu meiner Freude von dem Minister von Manteuffel, daß Sie nicht abgeneigt sind, Preußen in Frankfurt zu vertreten.«

Einfach und schlicht erwiderte der Angeredete:

»Wenn Eure Majestät es mit mir versuchen wollen, so bin ich bereit dazu.«

Wieder sah Friedrich Wilhelm den Mann groß und beinahe mit Verwunderung an.

»Aber Frankfurt ist ein schlechter Boden; und es läßt sich nicht hehlen, daß gerade Preußen darauf nicht den besten Stand hat; ich bewundere eigentlich Ihren Mut.«

Da erwiderte Bismarck:

»Eure Majestät bekunden durch meine Ernennung einen noch größeren Mut. Wenn Allerhöchstdieselben mich zu dem Amte zu berufen geruhen, so hoffe ich, daß mir Gott die Kraft geben wird, es auszufüllen. Eure Majestät können es ja mit mir versuchen; geht es nicht, so ist’s ja leicht, mich wieder nach Hause zu rufen.«

Das klang so fest und doch so schlicht und gerade, daß der König beinahe ergriffen von der Antwort war und erwiderte:

»Dann versuchen Sie es mit Gott!«