Gleich dem darunter liegenden babylonischen Heiligtume bestand dieser umfassende parthische Bau (Abb. 18) aus zwei aneinander grenzenden Höfen. Der südliche ist auf dem Plane unten nur eben angedeutet. Die äussere Befestigungsmauer des nördlichen Hofes, etwa 168 m lang, war auf drei Seiten mit Baracken für die Soldaten, mit Gefängnissen und Kornspeichern dicht besetzt. Durch einen Korridor von der ersten Mauer getrennt, erhob sich eine zweite von ungleicher Stärke. Unmittelbar dahinter befinden sich (mit C angedeutet) die Wirtschaftsräume und die Zimmer der Dienerschaft, welche durch eine parallel mit der Front des alten Etagenturmes laufende, gut kanalisierte Strasse (2) im NO. von den grossen Empfangszimmern des Kommandanten (B), im NW. dagegen vom Harem oder den Familiengemächern (A) getrennt waren. Etwa zwei Drittel vom ganzen Komplexe sind untersucht worden. Der Haupteingang war zweifellos nahe der noch nicht genügend durchforschten nördlichen Ecke. Reste einer in etwas anderem Winkel zum Etagenturm gerichteten älteren (Seleuciden?) Festung — im Plane durch I gekennzeichnet — liegen 1½ bis 2 m unterhalb dieses parthischen Palastes. Dreimal wurden die Türen und Wände der Zimmer und Korridore des jüngeren Baues wegen der ständig wachsenden Schmutzablagerungen beträchtlich erhöht, wie dies aus den erhaltenen oberen Resten der Prüfungssäule noch einigermassen hervorgeht, so dass vier Perioden in genannter Festungsanlage mit Sicherheit nachgewiesen werden können. Die für diese ganze Zeit von 4-500 Jahren charakteristischen Formen von Terrakotta-Vasen werden durch die beifolgende Illustration im grossen und ganzen veranschaulicht (Abb. 19).
Aus derselben Zeit stammt ein aus ähnlichem ungebranntem Material erbauter, nur etwa 40 Räume und Hallen umfassender kleinerer Palast. Er bedeckt eine Grundfläche von 51 m im Quadrat und liegt auf der westlichen Seite des Chebar. Der absolut unbabylonische Charakter dieses von Peters seltsamerweise für kassitisch erklärten Gebäudes springt beim ersten Blick auf seinen Grundriss von selbst in die Augen (Abb. 20). Die klare und regelmässige Einteilung des ganzen Komplexes — rechts der Säulenhof, Altar und die grosse Empfangshalle für die Männer, links die nach demselben Prinzip angelegte Abteilung für die Frauen und Dienerschaft — die methodische Gruppierung der einzelnen Zimmer um zwei Lichthöfe, die reichliche Verwendung der nach oben zu sich verjüngenden Backsteinsäule als wesentlichen dekorativen Elementes, ein ausgesprochener Geschmack und Schönheitssinn in Bezug auf Grössenverhältnisse, das offenbare Streben nach Einheit trotz aller gewahrten Rücksicht auf Bequemlichkeit sind weit mehr charakteristische Züge etwa der griechischen Häuser auf Delos als der meist von ganz anderen Gesichtspunkten aus zu beurteilenden Lehmbauten des alten Babylonien. Der Grundstein dieses hellenistischen Palastes lag denn auch etwas über 12,5 m über dem Niveau der heutigen Ebene.
Nur halb so hoch und halben Weges zwischen dem Shaṭṭ en-Nîl und dem Etagenturme gelegen, befand sich ein ebenfalls der Partherperiode angehöriger kleiner Tempel. Er war ursprünglich ein Kuppelbau nach Art der bekannten Turben und Heiligengräber der islamischen Länder. Seine mit Stuck bedeckten vier Wände waren in der Mitte durchbrochen, und seine Ecken in altbabylonischer Weise nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Der Altar erhob sich wie ein kleiner Etagenturm in vier Stufen aus einer niedrigen Aschenschicht auf der südöstlichen Seite, jedenfalls damit die Strahlen der Sonne ihn zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit in Verbindung mit dem Kultus voll trafen.
Aber verlassen wir die an Interessantem und Lehrreichem nicht minder als an Rätselhaftem noch so reiche Partherzeit. Die Ruhestätten der Toten begegnen uns bereits neben den Wohnungen der Lebendigen, bald in den Abhängen der Hügel, bald unter den Häusern der Bevölkerung, und zwar sind es meistens aus älteren Backsteinen hergestellte Gewölbebauten, welche oft eine ganze Anzahl Leichen bergen. Eines dieser Gräber (unterhalb des Bodens von Zimmer Nr. 3 auf dem Plane der obigen Partherfestung, S. 31) war glücklicherweise der Plünderung in alter Zeit entgangen. Es enthielt reichen Goldschmuck, nämlich zwei ursprünglich die Gesichter der Verstorbenen bedeckende Goldplatten von je ca. 15 cm im Geviert, zwei ca. 30 cm lange Stirnbänder, zwölf Rosetten, vier glockenförmige Ornamente, 48 kleine Goldknöpfe, einen goldenen Ohrring, zwei mit Rubinen und Türkisen besetzte Sandalenschnallen (Abb. 21), Löwenköpfe im Relief darstellend, sowie eine Goldmünze des römischen Kaisers Tiberius, wodurch das Alter des Grabes mit grösserer Sicherheit als gewöhnlich bestimmt werden konnte.
So sinkt denn Bêls Stadt allmählich wieder zu dem herab, was sie zu Anfang ihrer vieltausendjährigen Geschichte gewesen — ein weitgestreckter Friedhof. Mit dem Emporkommen der Sassaniden-Dynastie (226-643) ist die Bedeutung des Ortes vorüber. Die parthischen Paläste verfallen und werden zu Leichenhäusern. Keine ansehnlichen neuen Gebäude entstehen mehr auf den Trümmern der alten. Nur elende Lehmhütten bedecken auch jetzt noch die bedeutenderen Punkte. Wohin der Spaten trifft, sind die oberen 5-30 Fuss Trümmer gefüllt mit sassanidischen Gräbern, bisweilen begleitet von schlechtgravierten Siegelsteinen, geschmückt mit leidlichen Porträtköpfen, schwer zu erratenden Tiergestalten und allerhand phantastischen Pflanzen.
Die gewöhnlichste Form der Tonsärge ist die eines niedrigen Schuhes, für die Reichen emailliert, für die ärmeren Klassen einfach gebrannt. Die Oberfläche ist bei den letzteren meist leer, bei der besseren Sorte in Felder geteilt und nur bei Frauensärgen, wie es scheint, gewöhnlich mit einer weiblichen Figur (Abb. 22), bei Männern dagegen gelegentlich mit einem Krieger, einem geflügelten Stiere, einem strahlenumkränzten Kopfe und anderen Darstellungen geschmückt. Um die Leiche mit dem um die Füsse gewundenen Strick in Position zu ziehen — nicht zum Entweichen der bei der Verwesung sich bildenden Gase, wie man meist angenommen hat —, befindet sich am unteren Ende des meist deckellosen Sarges ein Loch. Daneben finden wir aber auch niedrige trogförmige Särge mit gewölbtem Deckel oder zwei Urnen mit der Innenseite gegeneinander gekehrt (Abb. 23), bei grösseren Personen oft noch durch einen eingeschalteten Terrakotta-Ring erweitert, oder aufrecht stehende Urnen und sogenannte badewannenförmige Särge, in denen das Skelett mit zusammengezogenen Knieen liegt. Fische, Hühner, Datteln, Reis und andere Getreidearten werden in kleinen Vasen oder Schalen als Speise beigefügt, während für den Durst der Abgeschiedenen entweder ein grösserer Krug Wassers oder ein bis auf das Grundwasser hinabreichender Brunnen (Abb. 24) in ausreichender Weise sorgt. Um die Gräber zu drainieren, wurden mit Hilfe von Tonringen oder am Boden durchbrochenen Wasserkrügen lange Röhren gebildet und nicht selten hart neben dem Brunnen (wie im Bilde auf S. 40) bis zu 24 m Tiefe in die altbabylonischen Schichten und den darunter befindlichen jungfräulichen Boden gesenkt. Bisweilen sind diese Röhren durchlöchert und hie und da mit einem glockenförmigen Aufsatze versehen.
Wie bereits kurz angedeutet wurde, ist die früharabische Periode mit ihren kûfischen Kupfer- und Silbermünzen und den zahlreichen hebräischen und mandäischen Zauberschalen gerade in Nippur oder, wie der Ort allmählich gesprochen wurde, Niffer und wegen des folgenden Labials schliesslich Nuffar, sehr gut vertreten. Ein grösserer Krug mit kurzer arabischer Inschrift gehört ebenfalls diesem allgemeinen Zeitabschnitt an. Das Innere der Zauberschalen ist in der Mitte entweder leer oder mit kabbalistischen Zeichen, umgeben von einer Schlange oder einem einfachen Kreise, noch öfter aber mit einem recht secessionistisch aussehenden Dämon, der uns lebhaft an die Bilderbogen von „Max und Moritz‟ erinnert, geschmückt (Abb. 25), während Lilith und andere böse Geister, welche die Lebenden mit Krankheit und Unglück plagen und die Toten selbst im Grabe noch beunruhigen, „im Namen Jehovahs‟ durch eine spiralförmig die Schale bedeckende Inschrift beschworen werden.
Aus dem Gesagten wird so viel klar geworden sein, dass im ganzen recht wichtige spätere Ruinen in ausgedehntem Masse die älteren babylonischen Schichten bedecken und dass es uns eben darum ausserordentliche Zeit und Mühe kostet, zu den letzteren vorzudringen, wollen wir nicht einfach in barbarischer Weise die oberen Strata als wertlosen Schutt behandeln und abräumen.
Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, im knappen Rahmen eines Vortrags alle die neun semitisch-babylonischen Perioden, welche in 4½-6 m hohen Trümmern übereinander lagern, einzeln durchzusprechen. Auffallend dürfte es zunächst erscheinen, dass bei einem so grossen Zeitraume von rund 3500 Jahren, welcher hier räumlich zur Darstellung gelangt, verhältnismässig so geringe Schuttablagerungen zwischen den einzelnen durch den Tempelplatz sich hinziehenden Plattformen vorhanden sind. Betrachten wir z. B. die drei oberen Backsteinpflaster (Abb. 26), so erkennen wir ohne weiteres aus der daneben stehenden Gestalt des ‘Afeč-Kriegers, dass der Abstand von der ersten bis zur dritten Plattform nur 1,30 bis 1,60 m beträgt, obwohl die oberste von König Aschurbânapal (um 650), die mittlere von Kadaschman-Turgu (um 1300) und die unterste von Ur-Ninib (um 2500 v. Chr.) gelegt ward, also rund 1850 Jahre reichbewegter babylonischer Geschichte hierin gewissermassen verkörpert sind. Und nicht viel anders verhält es sich mit den darunterliegenden Plattformen Ur-Gurs (ca. 2700) und Sargons I. und seines Sohnes Narâm-Sin (ca. 3750 v. Chr.).
Angesichts unseres heutigen archäologischen und historischen Wissens von jener noch vor kurzem so dunklen Periode ist diese Tatsache von keinem grossen Belang mehr. Sie findet jedoch ihre sehr natürliche und einfache Erklärung in dem für die einzelnen Plattformen nachweisbaren Umstande, dass, ehe sie gelegt wurden, alle die schadhaft gewordenen Gebäude und Schuttablagerungen so weit abgetragen wurden, als für eine gleichmässige Fundierung und die Sicherheit der neuen Plattform nötig war.
Im Lichte des von Nebukadnezar und Nabonidos so oft betonten Prinzipes, dass ein restauriertes Heiligtum nur dann eine der Würde der Gottheit entsprechende Kultusstätte sein kann und ihres besonderen Schutzes und Wohlwollens sich erfreut, wenn die neuen Mauern genau den Umrissen der alten folgen, erscheint es nicht wunderbar, dass auf Grund meiner Untersuchungen zu Nippur der eigentliche Tempelplatz zu allen Zeiten während dieser 3500 Jahre dieselbe Grösse gehabt hat. Da es aber der erste methodisch blossgelegte Tempel Babyloniens ist und derselbe noch dazu das bedeutendste Heiligtum des ganzen Landes aus ältester Zeit repräsentiert, dürften einige allgemeine erklärende Bemerkungen am Platze sein.
Der Tempel des Bêl (Abb. 27), keilschriftlich Ekur „Berghaus‟ genannt, bestand aus zwei grossen Höfen, einem inneren (A) und einem äusseren (B), beide verbunden durch ein monumentales Tor (2). Schwarz gezeichnete Mauern auf dem beifolgenden Grundplane sind durch die Ausgrabungen festgestellt, schraffierte von mir mit grosser Wahrscheinlichkeit ergänzt worden. Der innere Hof enthielt zwei Hauptgebäude, links den in seinen Trümmern noch etwa 30 m ansteigenden Etagenturm, ursprünglich mit einem Schrein für Bêl auf der höchsten Spitze, und rechts davon das nur erst in seinen Umrissen festgestellte eigentliche „Haus des Bêl‟, in welchem „der Vater der Götter‟ mit seiner Gemahlin residierte, wo die Weihegeschenke der Grossen des Reiches deponiert und die Hauptopfer ihren Gottheiten dargebracht wurden. Ein kleineres Tor führte hinter dem Turme auf den angrenzenden offenen Platz. Rechts vom Haupttore (2) ist das von den Elamiten geplünderte Schatzhaus und Tempelarchiv (4). Zwischen dem eigentlichen Haupttempel des Bêl und dem Archiv befanden sich mehrere Wasserbecken und eine fast meterhohe Doloritvase des Priesterfürsten Gudea von Lagash. Sie dienten Kultuszwecken wie das einst rechts an der Mauer befindliche und von Bur-Sin von Ur, ca. 2600 v. Chr., gestiftete „Haus für Honig, Milch und Wein‟ — drei bei den Opfern eine wesentliche Rolle spielenden Flüssigkeiten.
Aus einer der Tempelbibliothek entnommenen Tafel erfahren wir, dass ausser Bêl und Bêltis wenigstens 24 andere Götter ihre Schreine und Kapellen im Tempel zu Nippur hatten. Da „die Stadt des Bêl‟ als Sitz des Königreichs der vier Himmelsgegenden, welche der oberste Gott seinem irdischen Repräsentanten in seinem Heiligtum am Chebar verlieh, mehr als irgend ein anderer Ort des gesamten Reiches das politische Auf und Nieder Babyloniens widerspiegelte, so ist es von vornherein selbstverständlich, dass auch die Anzahl dieser Nebengebäude und Kapellen fortgesetzten Schwankungen unterworfen sein musste. Wo aber haben wir alle diese 24 Tempelchen zu suchen? Da bereits im zweiten Jahre unserer Expedition durch einen Versuchsschacht ein kleiner besonderer Tempel des Bêl, genannt E-schagģulla-Bur-Sin („Haus der Herzensfreude Bur-Sins‟), direkt dem Etagenturme gegenüber (1) in dem von mir während der letzten Kampagne als äusserer Tempelhof fixierten Teile der Ruinen blossgelegt wurde, und da an und für sich der innere Tempelhof für so viele Kapellen keinen genügenden Raum bot, noch auch bei unsern Ausgrabungen daselbst irgend welche Spuren grösserer Anlagen gefunden wurden, so dürfen wir mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass sie alle im äusseren Hofe lagen. Zu diesem hatten offenbar die vom Allerheiligsten des Tempels ausgeschlossenen Durchschnittspilger freien Zutritt, wenn sie in grossen Scharen nach Art der heutigen Mekkapilger zu gewissen Zeiten nach dem berühmtesten Heiligtume Babyloniens strömten, um ihre Gebete an geweihter Stelle zu verrichten und ihre Opfergaben daselbst niederzulegen.
Wie viele Etagen der himmelanstrebende Turm ursprünglich gehabt hat, lässt sich wegen der in der Partherzeit daran vorgenommenen Veränderungen mit Sicherheit nicht sagen. Das unterste, von Kadaschman-Turgu um 3½ m nach N.O. hin erweiterte und von Aschurbânapal zum letzten Male restaurierte Stockwerk war etwas über 6 m hoch (Abb. 28). Spuren von zwei weiteren Etagen wurden im Innern der darüber lagernden Masse mit grosser Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, während zu gleicher Zeit an den beiden Schmalseiten des rechteckigen Turmes die gewaltigen Abzugskanäle von Haynes blossgelegt wurden, welche die in ihrem Kerne aus ungebrannten Ziegeln erbaute Stufenpyramide gegen die verheerenden Folgen der winterlichen Regen schützten (Abb. 29).
Die hauptsächlich in beiden Tempelhöfen gefundenen Weihegeschenke aus der Zeit ca. 4000-2500 v. Chr. sind leider oft recht fragmentarisch, weil die um die Mitte des dritten Jahrtausends plündernd in Babylonien einfallenden Horden der Elamiten, welche gemäss 1. Mose 14 ihre Streifzüge bis zur Küste des Mittelmeeres ausdehnten, in ganz fürchterlicher Weise in den Heiligtümern von Sumer und Akkad hausten. Gold und Silber und besonders hervorragende Kunstwerke schleppte man in die Berge nach Susa, wo die französische Expedition unter de Morgan und Scheil sie mit grossem Erfolge aus den untersten Schichten wieder zu Tage zu fördern begonnen hat. Vasen und wertlosere Weihgeschenke, welche den Namen des verhassten Nationalgottes der Babylonier trugen, wurden zerbrochen oder verstümmelt, Tempelarchiv und Bibliothek ausgeräumt und ihr Inhalt an den Mauern zertrümmert. Dadurch haben diese uralten Erbfeinde babylonischer Kultur ihre Schreckenswirtschaft bis in die jetzige Zeit hineingetragen. Meine beste Zeit geht damit verloren, mühselig zusammenzusuchen und zu entziffern, was elamitischer Vandalismus und Rachesucht vor mehr denn 4000 Jahren in Stücke schlugen.
Weit besser erhalten sind die zahlreichen Votivsteine, Rechnungslisten und Briefe aus der Zeit der Kassitenkönige (2tes Jahrtausend), welche bekanntlich das Pferd, Lapislazuli und chemisch äusserst reinen Magnesit in grösseren Massen, samt einer Imitation des ersteren aus gefärbtem Glas — das älteste bisher bekannte Glas im Gebiete des Zweistromlandes — aus den östlichen Bergen in Babylonien einführten. Aus den etwa 18000 beschriebenen Denkmälern jener Zeit mögen drei Beispiele den allgemeinen Charakter derselben illustrieren. Da ist zunächst als Repräsentant einer ganzen Anzahl ähnlicher Antiquitäten eine kleine dünne Lapislazuli-Scheibe zu nennen. Sie trägt die kurze Votivschrift (Abb. 30): „Dem Gotte Ninib, seinem Herrn, hat Kadaschman-Turgu, der Sohn des Nazi-Maruttasch, eine Scheibe aus poliertem Lapislazuli anfertigen lassen und für Erhaltung seines Lebens geschenkt‟. Oder wir erwähnen eine fragmentarische Votivaxt des Nazi-Maruttasch selbst aus gefärbtem Glas mit hochpoetischem rhythmischem Schlusse, in dem offenbar ein Reim beabsichtigt ist. Die Inschrift lautet, soweit als erhalten, in babylonischer Sprache und Übersetzung wie folgt:
| 1. ...... | 1. Dem Gotte ... |
| 2. Nazi- Maruttasch | 2. hat Nazi-Maruttasch, |
| 3. mâr Kurigalzu | 3. Sohn des Kurigalzu |
| 4. ikribischu ana scheme | 4. auf dass er sein Gebet erhöre, |
| 5. teslîssu magâri | 5. seinem Flehen willfährig sei, |
| 6. unnenischu leḳê | 6. seinen Ruf um Gnade annehme, |
| 7. napischtaschu naṣâri | 7. sein Leben beschirme |
| 8. ummischu urruke | 8. und lange mache seine Tage |
| 9. ...... | 9. [eine Votivaxt aus poliertem (imitiertem) lapis lazuli geschenkt]. |
Von den vielfach vorzüglich erhaltenen Rechnungslisten aus jener für das ganze West-Asien so bedeutungsvollen Zeit, als diese fremdländische Dynastie ein halbes Jahrtausend den Thron Babyloniens inne hatte und das uralte Heiligtum des Bêl von Nippur auf Kosten des jüngeren Merodach von Babylon noch einmal in den Vordergrund des religiösen und politischen Lebens stellte, möge wenigstens eine grosse Einkommentafel des Tempels unsere Beachtung finden. Sie ist wie Tausende ähnlicher Dokumente durch gerade Linien nach den Monaten in vertikale und nach den zahlenden Personen in horizontale Felder abgeteilt. Die ersten 6 Spalten geben die Einnahmen von Datteln für die ersten 6 Monate, die etwas breitere 7. Spalte die zusammenaddierten Summen des ganzen ersten halben Jahres an. Die 8.-13. Spalte bringen die Einzelposten für Juli bis inkl. Dezember nach unserer, oder von Tashrîtu bis Addar (Mitte Sept.-Mitte März) nach babylonischer Ausdrucksweise. Die 14. Kolumne enthält die Summen des zweiten Halbjahres, die 15. Kolumne die Totalsummen der Einkünfte des ganzen Jahres, die 16. Kolumne einen Registraturvermerk und die letzte und breiteste Kolumne die Namen der zahlenden (in anderen Texten empfangenden) Personen. Mit den Amarna-Tafeln sind diese in mehr denn einer Hinsicht interessanten 18000 Nippur-Texte unsere Hauptquelle für eine der dunkelsten Perioden babylonischer Geschichte. Wir dürfen mit Recht noch bedeutende Aufschlüsse von dem noch fast ganz unpublizierten Material, namentlich für die internen Verhältnisse des Landes erwarten.
Die älteren Kunstdenkmäler aus dem 3. und 4. Jahrtausend sind namentlich durch Grabungen der dritten und vierten Kampagne bedeutend vermehrt worden. Sie entstammen der Regel nach einer verhältnismässig flachen Schicht, nämlich den Trümmermassen des Tempelhofes zwischen der dritten und vierten Plattform (Abb. 31). Eines der grössten und besterhaltenen Werke ist der Torso einer Statue in Dolerit, ⅔ Lebensgrösse, ca. 2700 v. Chr. Im Gegensatz zu den bekannten Tellôstatuen ist der Priesterfürst hier bärtig und mit Hals- und Armschmuck dargestellt. Er ist offenbar ein Semit. Der Bart zeigt bereits (Abb. 32) die aus den spätassyrischen Monumenten des 9.-7. Jahrhunderts wohlbekannte konventionelle Wiedergabe des Flechtens. Im übrigen bewundern wir den ersten schüchternen Versuch des babylonischen Künstlers, die Falten des nachlässig umgeworfenen Shawls zum Ausdruck zu bringen, das Anschwellen der Muskeln am rechten Oberarm und die sorgfältig ausgearbeiteten Nägel der schlanken Finger. Um etwa 100 Jahre älter ist der mit der wollenen Kopfbedeckung geschmückte Marmorkopf eines sumerischen patesi aus dem Süden (Abb. 33).
Doch wir dringen noch tiefer in die semitischen Schichten hinab und rufen endlich, nachdem wir die nahezu 2½ m dicke Plattform Ur-Gurs durchbrochen haben, mit Belsazars Vater, Nabonidos, dem Archäologen auf babylonischem Königsthrone, aus: „Was Jahrtausende lang kein König unter den Königen geschaut, — die alten Urkunden König Sargons von Akkad, sahe ich.‟ Wir stehen vor der Blütezeit babylonischer Kunst, an der Schwelle des 5. und 4. vorchristlichen Jahrtausends. Die Eleganz und Regelmässigkeit der Schriftzüge, welche die Backsteinstempel Sargons (Abb. 34), ja alle Keilschrifttafeln seiner Periode charakterisieren, finden wir in demselben Masse erst bei Aschurbânapal, etwa 3000 Jahre später, wieder. Der semitische Usurpator Sargon I. fasste zusammen, was die alten sumerischen Meister in Stein, Erz und Ton geleistet hatten, ehe es unter den Wirren einer unruhigen Zeit und den Kämpfen mit neu auftretenden Völkerstämmen nur zu bald wieder verloren ging.
Ich kann die semitische Periode nicht verlassen, ohne mit einigen Worten wenigstens den Inhalt der berühmten Tempelbibliothek zu skizzieren. Wie zu Anfang dieses Vortrags angedeutet wurde, ist es mir gelungen, in dem dreieckigen Hügel auf der Südseite des Tempels mit seiner durchschnittlichen Erhebung von fast 8 m die Existenz von zwei übereinander liegenden Bibliotheken nachzuweisen. Wertvoll wie die spätere und weit kleinere Tafelsammlung zweifellos ist, da sie Stücke aus mehr denn 3 Jahrtausenden enthält, die zum Teil schon als Fragmente von den Priestern der neubabylonischen Zeit methodisch ausgegraben wurden, ist sie doch an Bedeutung und Vielseitigkeit des Inhaltes vollständig in den Schatten gestellt durch die 23000 Texte der älteren Bibliothek, welche bereits 200 Jahre lang in Trümmern lag, ehe Hammurabi wieder Ruhe und Ordnung im Reiche herstellte. Mit wie lebendigem Interesse die spätbabylonischen Gelehrten nicht nur, wie eben angedeutet, selbst ausgruben, sondern auch auswärtige Ausgrabungen wie die des Königs Nabonidos in Sippar und Akkad verfolgten, beweist eine im Besitz der Universität von Pennsylvania befindliche einzigartige Antiquität. Es ist eine aus feingeschlemmtem, aber ungleichmässig gebranntem Ton hergestellte Tafel, an den beiden Längsseiten leicht gebogen. Auf der einen Breitseite steht in umgekehrter erhabener Schrift eine uns bereits aus Nippur wohlbekannte Inschrift des alten Königs Sargon I. (ca. 3800 v. Chr.): „Sargon, der mächtige König der Untertanen des Bêl‟. Auf der Rückseite findet sich in den charakteristischen Schriftzügen des 6. Jahrhunderts als keilschriftlicher Vermerk eingetragen, dass das Ganze der Tonabdruck (zîpu) eines im Palaste König Narâm-Sins zu Akkad aufbewahrten Denkmals ist, welches der Schreiber Nabû-zêr-lîschir mit eigenen Augen gesehen hat. Was für ein ausgebildetes archäologisches Interesse im alten Babylonien!
Der einzigartige Wert der älteren Bibliothek liegt darin, dass sie uns in den Stand setzen wird, festzustellen, welche Höhe die geistigen Errungenschaften Babyloniens um 2500 v. Chr. erreicht hatten. Die Bibliothek mit der Priesterschule des 3. Jahrtausends zerfiel in zwei scharf gesonderte Abteilungen, eine rein praktische, geschäftlichen Zwecken dienende am Kanal, und eine religiös-wissenschaftliche nahe dem Eingang zum Tempel. Aus leicht erklärlichen Gründen sind die rein geschäftlichen Urkunden der Regel nach aus gebranntem Ton, die literarischen dagegen aus ungebranntem hergestellt. Die ersteren behandeln vorwiegend die weitverzweigte Administration des Tempels, die Einnahmen und Ausgaben, die Zehnten und mancherlei Opfergaben, das Bauen und Ausbessern von Häusern, das Bepflanzen und Bewässern von Grundstücken, den Kauf und Verkauf von Tieren, das Mieten und Vermieten von Sklaven, das Weben von Gewändern und Anfertigen von Schmuck für die Götterstatuen, die täglichen Beschäftigungen der Priester, die Kosten ihrer Unterhaltung und vieles andere. Wir gewinnen aus diesen Urkunden den Eindruck, dass der grosse Tempel des Bêl in manchen Stücken sich nicht wesentlich von den bekannten babylonischen Grossfirmen und Bankhäusern unterschieden hat. Ich erinnere nur an das Haus Egibi und Söhne am Euphrat zur Zeit Nebukadnezars und die Firma Muraschû Söhne zu Nippur in den Tagen Ezras und Nehemias (Abb. 35).
Von ungleich grösserem Belang für uns ist die religiös-wissenschaftliche Sektion der Tempelbibliothek mit den Schulräumen, von welcher bis jetzt nur erst 40 Räume, d. h. etwa der 6. Teil der ganzen Abteilung blossgelegt werden konnte. Die auf dem untenstehenden Grundplane als Nr. 1, 2 und 3 (Abb. 36) bezeichneten Zimmer enthielten Keilschrifttafeln zu Tausenden. Nur wenige noch lagen auf den angedeuteten niedrigen Lehmrücken dieser Räume. Andere waren von den vermoderten oder absichtlich zerstörten hölzernen Rücken heruntergefallen. Die meisten befanden sich in wildem Durcheinander auf den Fussböden der Zimmer und den anstossenden Korridoren genau so, wie sie von den barbarischen Gebirgsvölkern vor über 4000 Jahren umhergestreut und zerbrochen waren. Aber nicht nur Menschen hatten hier grimmig gehaust, die ungebrannten Tafeln hatten auch von der Feuchtigkeit und den Salzen des sie umgebenden Schuttes schwer gelitten. Sie waren oft so wenig von dem letzteren zu unterscheiden, dass sie in vorsichtigster Weise einzeln mit dem Messer herausgeschält und ganze mit Tafeln gefüllte Erdklumpen wochenlang zum langsamen Trocknen in unserem Meftûl deponiert werden mussten, bis sie Risse bekamen, und die Schriftstücke als solche erkannt werden konnten (Abb. 37).
Unter den ausgegrabenen Räumen nehmen die Unterrichtszimmer, in denen die Studierenden die Kunst des Tafelschreibens erlernten und in die einzelnen Zweige babylonischen Wissens eingeführt wurden, eine hervorragende Stelle ein. Ein wunderbares Bild eifrigen Lehrens und Lernens entrollt sich vor unseren Augen. Der Schüler erhielt zunächst Anweisung, wie er Tontafeln anzufertigen hatte. Eine ganze Anzahl zum Teil recht ungeschickt ausgeführter, unbeschriebener Tafeln legt davon Zeugnis ab. Dann ging es an das Einüben der drei Grundelemente, aus denen die Keilschrift besteht. Zunächst wurde jedes für sich (Abb. 38) geschrieben, dann alle drei nebeneinander (Abb. 39) wiedergegeben — ganz nach der Weise unseres heutigen assyrischen Unterrichts — bis der babylonische „Professor‟ mit der Leistung zufrieden war. Waren die ersten Schwierigkeiten überwunden, so wurden die einfachen Silbenzeichen ohne Rücksicht auf Inhalt eingedrillt. Der Schüler hatte sie nach einem gewissen Systeme so zusammenzustellen, dass dasselbe Zeichen in erster Stelle beibehalten wurde, und damit zunächst die leichteren und später die mehr komplizierten verbunden wurden. So las ich auf einer dieser Übungstafeln: 1. ba-a 2. ba-mu 3. ba-ba-mu 4. ba-ni 5. ba-ni-ni 6. ba-ni-ia 7. ba-ni-mu. Auf einer andern, bereits etwas schwierigeren heisst es: 1. za-an-tur 2. za-an-tur-tur 3. za-an-ka 4. za-an-ka-ka 5. za-an-ka-a 6. za-an-ka-mu, usw. Auf einer derselben hatte der Student nicht weniger denn 4 Fehler auf 5 Zeilen gemacht. Ob es dafür Nachsitzen oder den Stock gab, kann ich heute noch nicht verraten.
Es ist natürlich ganz unmöglich, hier auch nur annähernd einen Überblick über den gesamten Unterrichtskursus der „philosophischen Fakultät der Universität‟ Nippur im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zu geben. Möglich ist, dass man bereits damals wie zu den Zeiten Daniels (1, 4 und 5) drei Jahre studieren musste. War der Schüler einigermassen mit den Schriftzeichen vertraut, so hatte er grammatische Übungen zu machen, Eigennamen ideographisch und phonetisch, in ihrer vollen und abgekürzten Form, zu schreiben oder wie auf der vorstehenden Übungstafel, zwei Nomina, von denen das zweite zum ersten im Genitivverhältnis steht, nebeneinander zu schreiben (Abb. 40). Er analysierte sumerische Verbalformen, bildete kleinere Sätze, übersetzte in den semitischen Dialekt Babyloniens und legte sich dabei Präparationen an. War der Schüler besonders unwissend — für unsere Zwecke ein besonders günstiger Umstand —, so schrieb er fast alle im Übungsstücke vorkommenden Wörter auf, so dass wir, ohne das Original zu kennen, den allgemeinen Gedankengang desselben erraten können.
Zeichenunterricht wurde ebenfalls erteilt. Ich kenne eine Reihe von Tafeln, auf denen sich gerade und schiefe Linien, Zickzacks, Karos, Lattenmuster und ähnliche Figuren finden. Dann schritt man zum freien Handzeichnen nach Vorlagen und der Natur, wobei unbegabte Schüler sich bisweilen ganz Schreckliches leisteten (Abb. 41). Einige dieser Zeichnungen mögen Karikaturen darstellen. Später ging es ans Modellieren, an Reliefdarstellungen und das Bearbeiten von freistehenden Figuren, ans Gravieren, Siegelschneiden usw. So viel lässt sich schon jetzt klar erkennen, dass man beim Unterricht ganz methodisch verfuhr. Selbst humoristische Darstellungen, die wir bei den alten Babyloniern gar nicht recht erwartet hätten, finden sich vereinzelt unter den ausgegrabenen Gegenständen. Ich weise auf ein der Priesterschule entstammendes Tonrelief hin (Abb. 42), in welchem ein die Laute schlagender Hirt von seinem vor ihm stehenden Hunde, der das Maul weit geöffnet hat, mit langgezogenem Geheul begleitet wird. Der Unterricht im Vermessen und Berechnen von Grundflächen von Feldern, Gärten, Mauern, Kanälen usw. liesse sich an der Hand einer ganzen Anzahl von Tafeln illustrieren.
Besondere Aufmerksamkeit wandte man dem Gebiete der Arithmetik, Mathematik und Astronomie zu. Zunächst wurde der Schüler im Gebrauche des Sexagesimalsystems eingedrillt. Auf Abb. 43 heisst es: 60 + 7 × 10 = 2 × 60 + 10; 60 + 8 × 10 = 2 × 60 + 20, etc. In geradezu phänomenaler Weise wurde das Einmaleins geübt. Wir haben eine ganze Menge dieser nach Serien eingeteilten Multiplikationstafeln, darunter mehrere Duplikate. Die beiden hier bildlich vorgeführten (Abb. 44 u. 45) enthalten links das 1 × 6 (bis 60) und rechts das 1 × 9. Ich habe derartige Tafeln bis 1 × 1350 in den Händen gehabt. Viele derselben werden nach Art unserer Logarithmentafeln als „Nachschlagebücher‟ zum sofortigen Ablesen von grösseren Multiplikationsresultaten, namentlich bei astronomischen Berechnungen, benützt worden sein. Denn gerade astronomische Tafeln finden sich zahlreich vertreten. Ich erwähne nur eine sehr detaillierte Angabe über Beobachtungen von Virgo und Skorpion, die, wie viele andere, mit den Worten schliesst: kiâm nepeschu, „also ist die Berechnung‟.
Nicht minder wertvoll sind die oft schön erhaltenen zahlreichen altbabylonischen Syllabare und Zeichenlisten mit ihren in kleiner Schrift beigefügten Lautwerten, durch welche wir unsere Kenntnis des Sumerischen bedeutend erweitern werden. Hochwichtig sind ebenfalls die Listen der verschiedenen Masse, die Synonyme ganzer Klassen von Wörtern, die geographischen Verzeichnisse, Pflanzennamen und anderes mehr. Hervorzuheben dürfte sein, dass besonders wichtige Texte auf 4-, 5-, 6- und 8-eckigen Tonprismen eingeschrieben wurden (Abb. 46). Für die Geschichte des 3. Jahrtausends sind eine Reihe chronologisch angeordneter Datenlisten von besonderem Interesse. Die Masse der religiösen, mythologischen und astrologischen Texte liegt noch im dreieckigen Hügel begraben, doch haben wir bereits an 500 sehr grosse, aber darum leider auch recht schadhafte Tafeln dieses wichtigen Literaturzweiges gesammelt. Bis jetzt sind im wesentlichen die Schulräume und die grammatisch-linguistischen und mathematisch-astronomischen Räume ausgegraben. Aus diesem Umstande allein ergibt sich mit Notwendigkeit, dass die Bibliothek nach wissenschaftlichen Prinzipien und Gegenständen geordnet war.
Unter den zahlreichen Briefen aus der Zeit der ersten babylonischen und der Kassiten-Dynastien, welche teils der Bibliothek, teils den westlich von Chebar gelegenen Geschäftshäusern entstammen, möge wenigstens eines derselben gedacht werden (Abb. 47). Er befindet sich zur Zeit noch innerhalb seines ursprünglichen tönernen Couverts, das auf jeder der sechs Seiten zweimal mit demselben — Namen und Beruf des Absenders enthaltenden — Siegel gesiegelt und auf seiner Vorderseite „an Luschtamar‟ adressiert ist. Eine neue Katastrophe brach über Nippur herein, ehe der Brief abgeschickt werden konnte. Durch meine ermüdenden Arbeiten an der Tempelbibliothek gegenwärtig völlig in Anspruch genommen, habe ich trotz meiner begreiflichen Neugierde noch keine Zeit finden können, das Couvert zu öffnen und in die Privatkorrespondenz des Herrn Luschtamar einzudringen.
So steht denn der Tempel des Bêl (Abb. 48) in seiner letzten 4000 jährigen Geschichte vor uns als die zentrale Kultusstätte des älteren Babyloniens, als der Sitz einer einflussreichen Priesterschule und herrlich ausgestatteten Bibliothek und selbst als ein politisch bedeutungsvolles Zentrum, wo der König von Sumer und Akkad, als irdischer Repräsentant des Bêl, von den Händen des Priesterfürsten das „Reich der vier Himmelsgegenden‟ als Gnadengeschenk seines Gottes zu allen Zeiten dieser reichbewegten Geschichte empfing.
Es erübrigt sich zum Schluss, noch ein Wort über die älteste vorhistorische oder sumerische Periode des Heiligtums zu sagen. Wann der Übergang von der sumerischen zur semitischen Okkupation sich geschichtlich vollzogen hat, können wir heute nicht mehr, oder vielleicht noch nicht, genau feststellen. Um 4000 v. Chr. sind jedenfalls die semitischen Eroberer bereits im Besitze des Landes. Sobald wir die Plattform Narâm-Sin’s durchbrechen, tritt uns mancherlei Eigentümliches entgegen. An Stelle der quadratischen Backsteine, die unter der älteren Sargon-Dynastie ihre grösste Form in Nippur erreichen (circa 40-50 cm), um nicht lange danach die bis zu den Tagen Aschurbânapals und Nebukadnezars, also mehr denn 3000 Jahre hindurch sich haltende konstante Grösse von 30-33 cm zu erreichen, treten in vier leicht nachweisbaren vorsargonischen Schichten sogenannte plano-konvexe Backsteine, d. h. rechteckige (in den ältesten Formen aber an den Ecken abgerundete) Backsteine mit flacher Unterfläche und mehr oder minder stark gewölbter Oberfläche (Abb. 49). Die letztere hat oft einen bis zwei Fingereindrücke oder (resp. und) einen oder mehrere mit dem Finger oder einem Schilfblatt gezogene Längsstreifen. Sie ähneln in ihrer ältesten Form (17-20 cm lang) roh bearbeiteten Steinen, als deren Nachahmung sie offenbar zu gelten haben (vgl. 1. Mose 11). In Übereinstimmung mit der Angabe in dem eben citierten Kapitel der Bibel ist Erdpech fast ausschliesslich das älteste Bindemittel in den Bauten der untersten Schichten Nippurs. Dabei ist es nicht zufällig, dass der älteste Gebrauch gebrannter Backsteine in Babylonien sich in Verbindung mit den für das Leben und Gedeihen im Innern des Landes so wichtigen Brunnen und Cisternen nachweisen lässt, und dass das Bild für Backstein offenbar mit der eigentümlichen Art und Weise, in welcher die Backsteine jener ältesten Brunnen gelegt wurden — in der Architektonik als „Häringsgrätenart‟ bekannt — zusammenhängt.