Lektion 12.
Im Parke.

In unseren großen Parks wird man alle Arten der deutschen Bäume finden neben vielen anderen, die deshalb interessant sind, weil sie aus dem Auslande stammen. Alleen von mehreren Kilometern Länge werden oft mit einer Art von Bäumen bepflanzt, mit Kastanien, Buchen, Eichen oder Linden, und da die Bäume hier frei stehen, so entwickeln sie sich meist schöner als in den Wäldern. Wir haben bis jetzt noch nicht von der Linde gesprochen, aber ihr kennt diesen schönen Baum sehr gut mit seinem geraden, glatten Stamme, seinen hellgrünen, herzförmigen Blättern, die auf der einen Seite größer als auf der anderen und oben zugespitzt sind, und seinen gelblichgrünen Blüten, die an einem langen Stiele hängen, der aus der Mitte eines gelbgrünen Blattes hervorwächst (siehe bunte Tafel VIII, 2).

Pflückt einige von diesen Blüten im Juli oder einige der runden, flaumigen Früchte, die gerippt sind, im Herbste, wenn sie reif sind. Das Blatt, aus dem sie hervorwachsen, heißt Deckblatt und ist etwas Ähnliches wie die Schuppen, auf denen die Staubgefäße der Weide und die Samen der Fichte wachsen. Bei der Linde ist das Deckblatt lang geworden, und dient dazu, im Winde die Frucht mit fortzutragen. Die innere Rinde oder der Bast der Linde ist sehr nützlich zur Anfertigung von Tauen, und die Bienen lieben die Linde von allen Bäumen am meisten, weil ihre Blüten einen süßen Duft ausströmen und eine Menge Honig in ihren Kelchen bergen.

Ein anderer Baum, der den Bienen fast ebenso nützlich ist wie die Linde und noch früher blüht, ist der Bergahorn. Seine grünen Blütentrauben hängen von den Zweigen herab, ehe die Blätter ganz heraus sind. Der Bergahorn ist ein sehr schöner Baum mit großen fünflappigen Blättern, der dem Feldahorn sehr ähnelt. Wenn man bei warmem Wetter unter einem Bergahorn steht, so wird man oft bemerken, daß Tropfen davon herunterfallen, und daß seine Blätter klebrig sind. Alle Ahornarten enthalten nämlich eine große Menge zuckerigen Saftes, der aufsteigt und aus den Blättern quillt, entweder da, wo sich ein Riß in ihnen befindet, weil sie trocken sind, oder da, wo ein Insekt ein Loch gebissen hat. Ihr habt gewiß schon die kleinen, schädlichen Blattläuse bemerkt, die an Rosen und anderen Pflanzen dicht zusammensitzen und ihnen den Saft aussaugen. Hunderte und Tausende von ihnen nähren sich von dem Saft der Bäume, und dazu kommen noch andere Insekten, wie z. B. die Schaumzikade, deren Larve sich ganz mit Schaum bedeckt, der vom Volke „Kuckucksspeichel“ genannt wird. Durch die Risse, die die Insekten verursachen, sickert der Saft des Ahorns heraus und fließt über die Blätter.

Die Frucht dieses Baumes ist sehr sonderbar. Sie ist geflügelt wie die der Esche, aber zwei Früchte wachsen zusammen, so daß die beiden Flügel sich wie die eines Schmetterlings ausbreiten (siehe Abbildung). Die Flügel der Feldahornfrucht breiten sich weiter aus als die des Bergahorns.

Ahornzweig mit Frucht.

Das Holz des Ahorns wird zur Anfertigung von Möbeln gern benutzt. Sehr viele unserer Pulte und Kleiderschränke werden aus amerikanischem Ahorn gemacht, denn dort sind Ahornarten viel verbreiteter als bei uns. Ahornzucker, den amerikanische Kinder sehr lieben, wird aus dem zuckerhaltigen Safte einer amerikanischen Art bereitet, der deshalb „Zuckerahorn“ heißt.

1. Erdbeerbaum mit Blüte und Frucht. 2. Lindenzweig in Blüte.
V. 8.

Ein anderer Baum, den man in Gärten und Parks findet, ist der Walnußbaum, der von den Römern nach Deutschland gebracht wurde. Es ist ein großer, sich weit ausbreitender Baum mit einem rauhen Stamm und starken, krummen Ästen und Zweigen. Die Blätter sind gefiedert wie die der Esche, aber sie sind viel größer. Sie haben einen hübschen, rötlichen Schimmer, wenn sie jung sind, und einen starken Geruch, wenn man sie zerdrückt.

Diese Bäume wachsen so schnell, daß sie in zehn Jahren ungefähr 7 Meter hoch werden; dann beginnen sie zu blühen und Früchte zu bilden. Sie wachsen bis zu einer Höhe von 20–25 Meter. Im April kann man die langen Kätzchen von dem Baume herabhängen sehen, gerade wenn die Blätter hervorbrechen. Die männlichen Blüten sitzen an der Spitze der Zweige des letzten Jahres. Aber die kleinen Gruppen von Blüten, aus denen sich die Walnüsse entwickeln, sitzen auf den neuen Zweigen, die sich gerade aus den Knospen gebildet haben. Ihr alle kennt die Walnuß. Sie ist in eine grüne Schale eingeschlossen, deren Saft eure Finger braun färbt, wenn ihr sie abschält. Sobald die grüne Schale entfernt ist, kann man ein Messer zwischen die beiden Hälften der harten Schale schieben und sie auseinander spalten. So trennt man den Fruchtkern, den man essen kann, in der Mitte, gerade da, wo der Keim der zukünftigen Pflanze liegt. Wenn man genau hinsieht, kann man die kleine weiße Knospe und die Wurzel unterscheiden, die zwischen den Samenblättern am spitzen Ende der Nuß liegt. Das Holz des Walnußbaumes ist sehr wertvoll für die Anfertigung von Möbeln, denn es wird dunkelbraun, wenn der Baum alt ist, und ist sehr schön gemasert.

Ich möchte euch nun noch von einem anderen baumartigen Strauche erzählen, der in Südeuropa heimisch ist und bei uns zuweilen in Parkanlagen und Gärten gezogen wird. Es ist der Erdbeerbaum, so genannt, weil seine Früchte Erdbeeren ähnlich sehen. Es ist ein immergrüner Strauch mit grünen, glänzenden Blättern von der Form eines Lorbeerblattes, die am Rande grob gezähnt sind. Die krugförmigen Blüten sind wachsgelb und hängen an gebogenen Stielen. Aber das Sonderbarste an diesem Strauche ist, daß es ein Jahr dauert, bis die Früchte reif werden. Zuerst sind sie blaßgelb, dann färben sie sich immer dunkler bis sie glänzend rot sind und zu zweien oder dreien zwischen den dunkelgrünen Blättern hängen, gerade wenn der Baum wieder seine hübschen weißgrünen Blüten treibt.

Unter den Bäumen, die man in Parks finden kann, wirst du besonders viele Nadelbäume bemerken, die aus fremden Ländern bei uns eingeführt sind und entweder ihres schönen Wuchses oder auch ihrer eigenartig gefärbten Nadeln wegen von den Gärtnern gezüchtet werden. Häufig finden wir auch die großen Magnolien und die Tulpenbäume, von denen erstere so schöne, große, weiße und rötliche Blüten haben. Aber dies sind Fremdlinge, und wir müssen zufrieden sein, wenn wir etwas über deutsche Bäume wissen.

Suche die Blüten und Früchte der Linde; die Blätter der Ahornarten, die von Honigtau kleben; die Blätter und Kätzchen des Walnußbaumes. Öffne eine Walnuß und suche im Innern die junge Keimpflanze.