Lektion 3.
Wie ein Baum wächst. — Die Roßkastanie.

Wenn ein junger Baum reichlich Holz und Zweige gebildet hat, beginnt er, einige seiner Knospen zu benutzen, um Blüten zu bilden. Diese Blütenknospen wachsen an denselben Stellen wie die Blätterknospen. An einigen Bäumen wachsen sie da, wo das Blatt aus dem Stamm hervorwächst. Bei anderen wachsen sie an der Spitze der Zweige. Sie sind im allgemeinen runder und weniger spitz als die Blätterknospen. Die Blüten der Eiche sind sehr klein, deshalb tut man besser, sich nach einem Roßkastanienbaum umzusehen und einen Zweig desselben für diese Lektion zu brechen. Man wird auf einer Roßkastanie fast zu jeder Zeit des Jahres Blütenknospen finden, ausgenommen, wenn er im vollen Blätterschmuck steht, denn dann sind sie sehr klein.

Die beste Zeit darnach zu suchen, ist am Ende des Winters, wenn der Baum kahl ist. Zuerst sieh die kleineren Knospen an, die zu zwei und zwei einander am Zweige gegenüberstehen. Unter jeder Knospe sieht man eine Narbe, die die Stelle bezeichnet, wo das Blatt im letzten Jahre wuchs. Die Narbe hat die Form eines Pferdehufes und hat verschiedene schwarze Flecke, die wie die Nägel angeordnet sind. Diese Stellen zeigen, wo die Röhrenbündel waren, die den Saft in das Blatt führten.

Nun zerpflückt eine der Knospen. Sie sind klein, und ihr werdet es nicht gerade leicht finden; aber ihr könnt die braunen, klebrigen Schuppen abnehmen, und dann werdet ihr im Innern zuerst einen feuchtklebrigen Flaum finden und dann die jungen, grünen Blätter, die dicht zusammengefaltet sind. Zwischen ihnen wächst eine grüne Spitze.

Salweide.
1. Silberweiße Kätzchen, Stempel tragend. 2. Goldgelbe Kätzchen, von Staubgefäßen gebildet.
V. 2.

Wenn ihr nun diese Knospe hättet wachsen lassen, und sie Nahrung genug erhalten hätte, so würde sie im Frühling zu einem kleinen, Blätter tragenden Zweige herangewachsen sein. Aber selten werden alle Knospen an einem Zweige groß. Die stärkeren nehmen die Nahrung fort, und die schwächeren sterben entweder ab oder warten bis zum nächsten Jahre.

Nun seht die Knospen an den Spitzen der Zweige an! Sie sind viel größer als die, die an den Seiten wachsen, und ihr könnt sie leicht untersuchen. Wenn ihr die klebrigen Schuppen fortgenommen habt — es sind ihrer 12 bis 17 —, so werdet ihr zu denselben feuchtklebrigen, weißen Flaumhaaren kommen, die ihr in den Blattknospen fandet, und die ein warmes Bett für die im Innern wachsenden zarten Blättchen abgeben.

Aber diese Knospe besteht nicht ganz aus Blättern wie die kleineren. Sie hat vier kleine hellgrüne Blätter, und in sie eingebettet liegt eine zierliche Rispe mit kleinen Knöpfchen (F).

Zweig der Roßkastanie.
1. Große Blütenknospe. 2. Kleine Blätterknospe. 3. Narbe vom vorjährigen Blattstiel. 4. Gefäßröhren, in denen der Saft sich bewegt. 5. Zweig, der vor zwei Jahren gebildet wurde. I. Blütenknospe (Längsschn.). S. Hüllschuppen. L. Gefaltete Blätter. F. Blütenanlagen.

Man kann die Blüten an dieser Rispe ohne Mikroskop wahrnehmen. Aber wenn man bis zum Mai wartet und sie beobachtet, so wird man sehen, wie sie sich allmählich zu einem lieblichen Blütenzweig entwickeln, und ich denke, ihr werdet sie um so lieber haben, sobald ihr wißt, wie der Baum sie im letzten Herbst vorbereitete, als er noch mit Blättern bedeckt war, und sie den ganzen Winter hindurch warm in klebrige Knospen einhüllte.

Und während ihr nun auf die Entwicklung der Blüten wartet, seht euch den Baum selbst an. Der Stamm ist glatt und rund. Die Zweige beginnen ungefähr drei Meter über dem Boden. Zwei und zwei stehen einander gegenüber wie die Blätter, ausgenommen da, wo eine Knospe sich nicht entwickelt hat. Die unteren Zweige, die natürlich die ältesten sind, breiten sich am weitesten aus, so daß der Baum sich nach der Spitze hin in gefälliger Weise abrundet.

Wenn dann der April kommt, fallen die braunen Schuppen von den Blattknospen ab, und der Baum ist mit hellgrünen, flaumhaarigen Blättern bedeckt. Sie sind geteilt in sieben Blättchen, die von der Spitze des Stengels wie ein halbgeöffneter Regenschirm herabhängen. Nach und nach, wenn sie kräftiger werden, entwickeln sie sich zu einem breiten Blatt aus sieben fingerartigen Teilen. Inzwischen wirft die Blütenknospe ihre Schuppen ab; die vier grünen Blätter kommen hervor, und die Blütenrispe streckt ihre schneeweißen, rot und gelb gestreiften Blüten heraus (siehe bunte Tafel I).

Die Blüten, die dem Zweige am nächsten sitzen, öffnen sich zuerst und werden kräftig. Es sind vollständige Blüten mit fünf grünen Kelchblättern und fünf schön gekräuselten Blumen-Kronblättern, die sowohl Staubgefäße als Fruchtknoten im Innern haben. Aus diesen entstehen die Kastanien, die im Herbste reif werden. Die an der Rispe weiter oben sitzenden Blüten haben nur Staubgefäße im Innern der Blumenkronblätter. Sie verwelken, sobald sie ihren Blütenstaub ausgestreut haben.

Wenn ihr eine ältere Blütenrispe bekommen könnt, nachdem die Blüten schon verwelkt sind, und den Fruchtknoten einer Blüte durchschneidet, so werdet ihr sehen, daß er drei Abteilungen hat mit je zwei kleinen Samen. Aber wenn ihr die stachelige Frucht im Herbst aufnehmt, so werdet ihr, obwohl sie in drei Teile zerspringt, nur eine oder zwei große Kastanien darin finden, seltener noch einige andere sehr kleine. Die großen Samen haben die anderen kleinen ausgehungert und sind groß und stark geworden. Sind die Kastanien braun und glänzend, so sind sie reif und werden keimen, sobald man sie sät.

Obwohl die Roßkastanie im Sommer sehr schön ist, werden ihre Blätter sehr früh gelb und fallen im September ab, und dann kann man sehen, wie sich die Knospen für das nächste Jahr schon gebildet haben. Jedermann weiß, daß Roßkastanien bitter und nicht genießbar sind. Die süßen Kastanien, die wir rösten, kommen von einem ganz anderen Baum und sind keine Samen, sondern Früchte.

Suche einen Roßkastanienzweig und untersuche die Knospen; beobachte im Mai den Fruchtknoten und die Frucht im September.