Gegen fünf Uhr morgens untersuchte Wilhelm, der Sohn des Wildhüters, die Fallen, die für Wiesel, Iltisse und anderes Raubzeug gelegt waren. Sein Weg führte ihn über eine Brücke, die über den Fluß ging, und als er in die Nähe derselben kam, hörte er ein sonderbares Pfeifen.
Nun hatte Wilhelm, der auf dem Lande groß geworden war, ein scharfes Ohr für die Stimmen der Tiere. Er wußte, daß dieses Pfeifen von einem männlichen oder weiblichen Otter herrührte, der im Flusse mit seinen Jungen fischte.
Gerade unter der Brücke, wo das Ufer sehr hoch war, wuchs eine alte Weide mit weit über das Wasser hängenden Zweigen. Das Wasser hatte das Ufer unter der Weide fortgewaschen, so daß zwischen ihren starken Wurzeln ein großes Loch entstanden war.
Wilhelm wußte nun, daß dieses Loch der Bau eines Fischotternpaares war. Manchesmal hatten die Otterhunde im Wasser bei diesem Loche gestanden und mit aller Kraft gebellt. Aber sie konnten nicht hinein, und die Otter waren viel zu vorsichtig, um herauszukommen.
Die Hunde waren jetzt weit fort, und alles war an diesem frühen Morgen ganz still. Daher legte sich Wilhelm in das dichte Gras oben auf dem Ufer und wartete: Nach einer Weile kam der Otter geräuschlos dahergeschwommen, und zwar so, daß nur die Nase aus dem Wasser hervorsah.
Die alten Otter schwammen so leise, daß Wilhelm sie gar nicht bemerkt haben würde. Aber die Jungen spielten und warfen sich im Wasser umher, so daß bald ihre mit braunem Pelze bedeckten Rücken, bald der weiße Bauch im Lichte der frühen Morgensonne glänzten, und das Wasser um sie her emporspritzte.
Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit, und gerade der Weide gegenüber war eine kleine Insel. Wilhelm war so gut im hohen Grase versteckt, daß die Otter ihn nicht bemerkten. Daher kletterten sie nacheinander auf die Insel hinauf. Jeder trug einen Fisch im Maule, den sie anfingen zu fressen. Sie begannen dicht hinter dem Kopfe und ließen nur ein kleines Stückchen vom Schwanze über.
Während sie fraßen, konnte Wilhelm sie genau beobachten. Sie hatten einen langen biegsamen Körper, einen breiten, flachen Kopf, ein kurzes breites Maul und eine ebensolche Nase. Die Füße waren mit Schwimmhäuten versehen wie bei der Ente, aber jeder Fuß hatte noch scharfe Krallen. Die Pelze hatten eine angenehme braune Farbe, aber die langen Haare der alten Otter waren grob und sahen nicht so weich aus wie die der Jungen. Die Schwänze waren dick und stark und ihnen sehr nützlich beim Schwimmen.
Der alte männliche Otter biß wütend auf seinen Fisch ein und warf zuweilen den Jungen kleine Stücke hin, die bald mit ihrem kleinen Fisch fertig waren. Zuletzt war alles aufgefressen außer den Köpfen und Schwänzen. Dann glitt der alte Otter vom Ufer hinab ins Wasser, die anderen folgten ihm, und sie begannen wieder zu fischen.
Es gibt jetzt weniger Fischotter als früher in Deutschland. Aber sie sind doch an vielen Stellen noch zu finden. Wenn man sie bei ihrem Bau beobachten will, so muß man früh am Morgen aufstehen.