Lektion 13.
Saatkrähen und ihre Gefährten.

„Geh’ und scheuche die Krähen von dem Felde, sie fressen allen Samen“, hörte ich eines Tages einen Bauer zu seinem Sohne sagen. Er hatte recht, denn er hatte den Samen nicht tief genug gesät, und die Krähen fraßen davon.

Aber einige Zeit darauf zeigte ein anderer Landmann auf die Krähen in seinem Felde, wo das Getreide schön grün war, und sagte. „Sieh’, wie sie die jungen Haferschößlinge ausziehen.“ Und das taten sie auch. Aber wenn wir die Pflanzen ansahen, die sie herausgehackt hatten, fanden wir, daß jede in der Wurzel eine Stelle hatte, wo eine Larve gesessen hatte.

Diesmal hatten die Krähen nützliche Arbeit geleistet. Drahtwürmer und Larven fressen die Wurzeln des Grases, des Korns und der Kohlrüben durch das ganze Feld hindurch ab. Töten die Krähen nur eine Anzahl derselben, so retten sie oft die ganze Ernte.

In meiner Heimat gab es einmal eine Zeit, wo die Landleute eine Belohnung für Krähenköpfe aussetzten in dem Glauben, daß die Krähen den Feldern Schaden täten. So wurden viele Krähen in der Umgegend getötet. Aber es tat den Landleuten bald leid. In den folgenden drei Jahren wurden ihre Ernten durch Insekten und Larven stark geschädigt. Sie ließen nun die Krähen in Ruhe, damit sie die Insekten vertilgten.

Ohne Zweifel sind die Saatkrähen in gewisser Weise schädlich, denn sie fressen Vogeleier, frisch gesätes Korn und grüne Walnüsse. Sie ziehen manchmal sogar Korn aus den Schobern, wenn sie Mangel an Nahrung leiden. Aber sie vernichten so viele Drahtwürmer und Larven, Schnecken, Maden und Insekten aller Arten, daß sie mehr Nutzen tun als Schaden anrichten.

Ihr alle kennt den schwerfällig umherschwirrenden Maikäfer, der einem abends manchmal ins Gesicht fliegt. Aber vielleicht wißt ihr nicht, daß er, ehe er Flügel bekommt, drei oder vier Jahre lang in der Erde lebt und sich von den Wurzeln des Grases und des Korns nährt. Saatkrähen fressen diese Maikäferlarven, wo sie diese auch immer finden, und retten so unsere Ernten.

Hoffentlich habt ihr Krähen in der Nähe. Es ist wirklich unterhaltend, sie zu beobachten. Während sie ihre großen Nester in die Astgabeln der Bäume bauen, machen sie sehr viel Lärm und Geschrei. Die männliche Krähe fängt an, Futter für das Weibchen zu holen, schon ehe sie die Eier legt, und füttert sie während der ganzen Brutzeit.

Die alten Vögel füttern die Jungen, lange nachdem sie ausgebrütet sind. Wenn man aufpaßt, kann man sie mit offenem Schnabel auf das Futter wartend am Rande des Nestes sitzen sehen. Die Saatkrähen bauen ihre Nester gern kolonieartig auf hohen Bäumen in Gehölzen und gebrauchen sie Jahr für Jahr wieder. Sie leiden nicht, daß fremde Krähen sich ihnen anschließen.

Saatkrähen am Neste.

Die Krähen bleiben nicht lange mehr in den Nestern, nachdem die Jungen flügge geworden sind. Im August und September ziehen sie oft zum Schlafen in Buchen- und Fichtenwälder und kommen vor dem Frühling nicht zu ihrem Horste zurück. Aber dann und wann sprechen sie beim Vorüberfliegen darin vor und sehen nach ihren Nestern.

Die Rabenkrähen brüten — ebenso wie die Nebelkrähen — nicht gesellig wie die Saatkrähen. Sie leben paarweise und bauen ihre Nester meist in hohe Bäume in Wäldern weit von Häusern entfernt. Sie sind schädlicher als Saatkrähen, denn sie fressen junge Vögel, Tauben, Enten und Kücken.

Man kann schon in einiger Entfernung die Rabenkrähe von der Saatkrähe unterscheiden, weil man im Sommer sehr selten mehr als zwei zusammen sieht. Wenn man sie in der Nähe erblickt, wird man sie bald unterscheiden lernen, weil die Saatkrähe, sobald sie ein Jahr alt ist, ein kahles weißliches Band an der Schnabelwurzel hat, wo die Rabenkrähe Federn trägt.

Habt ihr jemals beobachtet, wie gravitätisch eine Saatkrähe über das Feld schreitet? Sie hüpft nicht wie eine Drossel oder ein Sperling, sondern setzt einen Fuß vor den anderen und macht dann und wann einen kleinen Sprung. Einige bleiben stets in der Nähe auf Bäumen sitzen, um bei Gefahr zu warnen, und wenn diese Wachen „Krah, Krah“ schreien, erhebt sich der ganze Schwarm. Sie fliegen mit langsamem Flügelschlage fort und fallen in ein benachbartes Feld ein.

Ein Freund von mir, der in der Nähe eines Krähenhorstes wohnt, erzählt, daß er beobachtet habe, wie zwei Wachtkrähen jeden Morgen umherfliegen und die anderen aufwecken, und es ist sehr spaßig zu sehen, wie die faulen zuletzt in großer Eile herauskriechen, um noch zur rechten Zeit mit den anderen fortfliegen zu können.

Obgleich Saatkrähen nie anderen Vögeln ihrer Art erlauben, sich zu ihnen zu gesellen, leben sie mit Dohlen in tiefer Eintracht zusammen und dulden auch zeitweise Stare unter sich. Eine Dohle bewegt sich ziemlich ebenso wie eine Krähe, obwohl sie ein lebhafterer Vogel ist. Sie ist kleiner und hat einen grauen Nacken. Der Star (siehe Seite 44) ist ein Wandervogel. Obgleich sein Kopf und Rücken schwarz sind, hat er doch namentlich im Frühling so viele helle Farben auf den Federspitzen, daß er nicht dunkel aussieht wie Saatkrähe und Dohle, sondern bunt und glänzend.

Dohlen.

Es wundert mich, warum diese Vögel den Saatkrähen so oft folgen. Vielleicht weil die Krähe sehr scharf sehen kann und die Erde auf der Suche nach Nahrung mit ihrem langen Schnabel aufwühlt. Dohle und Star picken hier auf, was sie über der Erde finden, und so fällt für sie vielleicht etwas Nahrung ab, wenn die Krähe den Erdboden aufwühlt.

Versuche eine Saatkrähe, eine Rabenkrähe, eine Dohle, einen Star, eine Elster und einen Häher zu beobachten, und zeige, wie man sie erkennen kann.