Lektion 6.
Wie die Vögel ihre Jungen füttern.

Es ist sehr interessant, in die Nester der Vögel zu sehen und zu beobachten, welche Vögel nackt und welche mit Flaumfedern bedeckt sind, welche sehen können, und welche blind sind.

Am Flußufer kommen die kleinen Wasserhühner aus dem Ei wie schwarze flaumige Bälle mit roten Köpfen und schwimmen sofort mit ihrer Mutter umher. Aber Eisvögel schlüpfen nackt und hilflos aus dem Ei. Sie müssen warten, bis ihnen Federn gewachsen sind, ehe sie ihr Nest verlassen können, und inzwischen füttert sie ihre Mutter mit Fischen.

Wenn ihr eine junge Eule in ihrem Neste in der Scheune betrachtet oder einen jungen Habicht, der aus dem Neste auf dem Baume gefallen ist, werdet ihr sehen, daß sie ganz blind und hilflos sind, obwohl sie schon Flaumfedern haben. Ihre Mütter müssen ihnen Insekten, Mäuse und junge Kaninchen bringen, bis sie erwachsen sind.

Diejenigen von euch, die an der Küste wohnen, kennen die Möwen, welche auf die See hinausfliegen und auf den Wellen schwimmen. Im Frühling und Anfang Sommer kann man junge Dreizehen-Möwen schreien hören; es klingt, als ob kleine Katzen auf den Klippen miauten. Sie rufen nach den Alten, die ihnen Nahrung bringen sollen (siehe bunte Tafel VIII).

Denn obwohl diese jungen Möwen sehen können und mit Flaumfedern bedeckt sind, müssen sie doch sitzen und warten, bis sie stark und kräftig genug sind, weil sie hoch oben auf den Klippen zur Welt gekommen sind. Selbst dann können diese nur an den vorspringenden Rändern entlang kriechen, bis ihre Flügel ganz ausgewachsen sind. Sie sitzen da mit offenen Schnäbeln und schreien nach Futter, und die alten Möwen bringen Fische für sie. Die Sturmmöwe und die Silbermöwe legen ihre Eier gewöhnlich auf Inseln, und die Kleinen schwimmen umher, wenn sie nur erst einige Tage alt sind.

Wohnt ihr aber weit weg von der See im Binnenlande, so werdet ihr euch damit vergnügen, die anderen Arten der Vögel zu betrachten, wie sie ihre Jungen in den Bäumen und Hecken füttern. Oft besorgt es das Weibchen allein, manchmal hilft das Männchen.

Ein Naturforscher, der das Leben und Treiben vieler Vögel genau kennt, erzählt, daß er einmal beim Füttern geholfen hat. Er beobachtete eines Tages einen weiblichen Weidenlaubvogel (Weidenzeisig), der Nahrung für seine fünf Jungen in einem Nest unter einem Dornbusch herbeibrachte. Weidenzeisige sind kleine, sehr anmutige Vögel. Ihr Rücken und ihre Flügel sind dunkelolivengrün und ihre Brust ist gelblich-weiß. Die Mutter trug Raupen und Insekten herbei, ungefähr vier oder fünf alle fünf Minuten, und stopfte sie in die kleinen Schnäbel, die ihr hingestreckt wurden. Während sie arbeitete, flog das Männchen bald auf einen Zweig, bald auf einen anderen und sang ihr sein kunstloses Lied vor.

Der Beobachter dachte, er könnte der kleinen Mutter helfen. Er sammelte einige grüne Raupen und legte sie auf den Rand des Nestes, während sie fort war. Dann kauerte er sich in einiger Entfernung nieder.

Die Mutter flog bei ihrer Arbeit hin und her und sah nach ihm hin, wenn sie vorbeiflog, ohne daß er sich rührte. Endlich pickte sie die Raupen auf, die er herbeigebracht hatte und verteilte sie unter die kleinen Mäuler. Dann flog sie wieder fort, um mehr zu holen.

Das kleine Vögelchen arbeitete den ganzen Tag lang und ruhte nur am Nachmittag eine halbe Stunde. Es brachte nicht nur Nahrung herbei, sondern reinigte auch das Nest nach jedem Fluge und machte alles rein und sauber. Ich denke, es wird sich sehr über den kleinen Haufen Insekten gefreut haben, den ihr Freund von Zeit zu Zeit in die Nähe des Nestes legte.

Meisen sind dreiste, kleine Vögel, die man oft sehen kann, wie sie mit einem Insekt im Schnabel in ein Loch in der Mauer oder in einem Baume hineinfliegen und leer wieder herauskommen. Männchen und Weibchen füttern die Jungen gemeinschaftlich (siehe bunte Tafel IV). Sie fliegen zusammen aus und kommen zusammen zurück mit Raupen beladen, und wenn sie diese den Jungen gegeben haben, fliegen sie wieder fort, indem sie einander fröhlich zuzwitschern.

Wir hatten einmal junge Rotkehlchen, die von drei Vögeln gefüttert wurden. Sie waren in der Hecke unseres Gartens geboren. Wir nannten den dritten Vogel den Onkel. Er arbeitete ebenso angestrengt wie die beiden anderen. Nach und nach flogen die alten Rotkehlchen fort. Aber die Jungen blieben den ganzen Sommer bei uns und pflegten um den Mittagstisch zu hüpfen und Krumen aufzulesen.

Amseln füttern ihre Jungen mit großen Würmern, die sie in Stücke reißen, um sie dann unter sie zu verteilen. Die Elster sieht aus, als ob sie nichts mitbrächte; aber sie läßt das Futter aus ihrem Kropfe in den Schnabel der Jungen gleiten. Die Taube holt die Nahrung aus ihrem Kropfe in den Schnabel herauf, und die Jungen stecken ihre Schnäbel von der Seite hinein und nehmen die Nahrung auf.

Die meisten alten Vögel füttern die Jungen noch einige Zeit lang, nachdem sie schon fliegen können. Man kann oft kleine Sperlinge oder Schwalben in einer Reihe auf einem Zweige sitzen sehen, während die Mutter das Futter in ihre Schnäbel stopft. Sie geht dabei ganz unparteiisch von einem zum andern, und jedes bekommt sein Teil der Reihe nach.

Achte auf die Vögel, die ihre Jungen im Frühling füttern: Drosseln, Sperlinge, Rotkehlchen, Meisen. 1. Im Neste. 2. Auf den Zweigen sitzend. 3. Kleine Vögel, die einen jungen Kuckuck füttern. 4. Junge Taube, die von der Mutter gefüttert wird.