Drittes Buch.
Pflanzenleben in Feld und Garten.
Es ist sieben Uhr an einem lieblichen Sommermorgen. Heraus aus dem Bett und einen Blick aus dem Fenster! Es ist eine Schande noch im Bette zu liegen, wenn die Sonne so hell scheint, die Vögel singen und die Bienen von Blume zu Blume fliegen.
Warum sind die Bienen so früh bei der Arbeit? Sie sammeln den gelben Blütenstaub, der beim Kriechen in die Blüten an ihren behaarten Körpern hängen geblieben ist, und mit Hilfe der Beine bürsten sie ihn ab und ballen ihn zu kleinen Kügelchen zusammen. Dann packen sie diese in eine Rinne an ihren Hinterbeinen und fliegen nach dem Bienenstock. Dort vermischen sie den Blütenstaub mit Honig und machen Bienenbrot daraus; damit füttern sie die jungen Bienen.
Sieh, wie geschäftig der Specht da unter der Ulme ist! Er fängt Insekten, die er nach Hause zu seinen Kleinen trägt, welche seit mehr als einer Woche ausgebrütet sind. Weiter weg im Felde kämpft eine Drossel mit einem großen Wurm; auch sie besorgt wohl ein Frühstück für ihre Familie.
Wie fleißig sie alle sind, und du liegst noch im Bette! Wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich aufstehen und Unkraut im Garten ausjäten. So kannst du dich nützlich machen und zugleich viel Interessantes lernen, während du bei der Arbeit bist.
Hier ist ein Unkraut, das zwischen den Kohlköpfen wächst. Kennst du seinen Namen? Es wird Hirtentäschelkraut genannt wegen seiner sonderbaren Samenschoten. Sie wachsen auf Stielen aus dem Stamme der Pflanze unter den kleinen weißen Blüten. Wenn eine davon vorsichtig geöffnet wird, findet man an jeder Seite eine kleine Tasche, die sich von der Mitte losreißen läßt, wenn die Schote reif ist. Die Samen bleiben dann an der schmalen Scheidewand haften.
So ist also die Schote eine Art Börse mit zwei Taschen, und man kann die Samen als das Geld darin ansehen.
Nimm die Pflanze in die Hand, und ich will dir dann die einzelnen Teile derselben nennen. Sieh dir zuerst die Wurzel an. Diese wächst immer nach unten in den Boden hinein. Sie hat feine Wurzelfasern, die von ihr ausgehen. Die Wurzel und die Wurzelfasern haben alle zarte Spitzen, die aus dem Erdboden die Nahrung für die Pflanze einsaugen.
Du weißt, daß dein Vater Dünger in die Erde bringt, ehe er Samen aussät oder Obstbäume pflanzt. Dann dringt der Regen in die Erde und löst den Dünger auf. Dies gibt eine sehr reichliche Nahrung, die die Wurzeln einsaugen, und so wird die Pflanze kräftig.
Dann sieh dir den Stengel an. Du kannst ohne weiteres sehen, wo er anfängt; denn ein Kranz von Blättern wächst dicht über dem Erdboden hervor. Eine Wurzel hat niemals Blätter, so muß also da, wo Blätter wachsen, der Stengel sein.
Sieh diesen Blätterkranz sorgfältig an. Du wirst dann sehen, daß die Blätter nicht genau übereinander stehen. Die in der oberen Reihe stehen immer genau zwischen denen der unteren Reihe. Und wenn der Stengel weiter wächst, und die Blätter weiter voneinander getrennt sind, wachsen sie immer noch so, daß sie nicht gerade übereinander stehen.
Was ist nach deiner Ansicht der Grund, daß sie so wachsen? Weil sie so viel Sonne wie möglich haben möchten. Wenn sie gerade übereinander ständen, so würde das obere Blatt die Sonne von dem unteren fernhalten. Aber auf jene Weise bekommen sie so viel davon, wie nur irgend möglich.
Du siehst also, daß die Pflanze eine Wurzel hat, die nach unten wächst, um Wasser aus dem Erdboden zu saugen, und einen Stengel, der nach oben wächst und die Blätter in das Sonnenlicht hinaufträgt. Was die Blätter zu tun haben, wollen wir in der nächsten Lektion lernen.