II.
An der Fossa Carolina.

Der Abschied von Kapellendorf wurde Leonore unsagbar schwer. Diese wehe Bitternis, die Stätte der ersten Jugend verlassen zu müssen:

Hier läuteten in jedem jungen Jahr die Osterglocken
Dir froh das hohe Fest des Frühlings ein.
Hier warst in jedem jungen Jahr du bald erschrocken
Von allem Blumenglück am Waldesrain.
Du taumeltest gleich einem trunk’nen Falter
Durch Maienpracht, durch Maiennacht;
Du träumtest von dem ew’gen Erhalter,
Der Pan heißt, dem dein Herz erwacht.
Hier grüßt dich nun der Herbst, baut gold’ne Brücken
Von der geliebten Erde auf zum Himmelsrand.
Hier grüßt dich wie ein letztes, jubelndes Entzücken
Das Bild der Heimat, deiner Jugend Land.
Und du mußt geh’n. Kein Abschied ist so schwer
Als der des jungen Herzens von der Heimaterde —
Nimmermehr, nimmermehr,
Was einst dir ewig währte.
Alles dir teuer — jeder Meilenstein im Lande,
Der Busch im Feld, der Eichenknick,
Durch tausend Bande
An dich gefesselt, bleibt es nun zurück.
Alles dir teuer, in dem alten Haus
Das letzte Fenster, alles konnte zu dir sprechen,
Nur du mußt geh’n — du mußt hinaus
In fernes Land und fühlst, dir wird dein Herz zerbrechen.

**
*

Im Kronengarten wohnten sie nun. Das war ein altes Haus, am Hügel gelegen, vor dem Tor der Stadt, unter den Mauern und Türmen der Ruine von Pappenheim.

Ach, sie war nicht Kapellendorf. Der Saal mit alten Büchern und Bildern war nicht der Saal von Kapellendorf. Das weitläufige Haus schien Leonore klein — die Möbel aus Kapellendorf kamen ihr vor wie im Exil. Alles war anders. Hügel schlossen die Landschaft ein. Schlossen sie ein wie Grabesmauern. Sie war den Blick in weite Fernen gewohnt. Hinter dem Ettersberg war die Sonne untergegangen; vom Ettersberg herüber hatte ein weißes Schloß durch die Dämmerungen geleuchtet. Ueber weite, weite Felder war der Herbstwind gekommen — wie ein Lied der Ewigkeit. Hier zankte er nur mit der Wetterfahne auf dem Römerturm.

Die hülflose Qual heimatloser Nächte — diese grauen, kalten Morgen, die das Unvertraute noch böser machten. Tatenlose Tage. Alles, was man tut, ist ja nur ein Abfall. Sich einrichten, sich einleben, alles ist nur ein Abfall.

So merkwürdig leicht fanden sich die Großmutter und ihre Tochter in das Neue. Sie schlossen sich an den Schwiegersohn, Klemens’ Vater an. Er war lange schon verwitwet und nun froh, wieder sorgende Frauen um sich zu haben. Jeden Tag sprachen sie es aus. Und sie lebten für ihn, als wäre der Großvater schon ganz vergessen. Er hatte auch ähnliche Gewohnheiten wie dieser, das kam wohl von demselben Beruf.

Die Großmutter fühlte sich hier wohl. Sie stammte aus dem Städtchen. Sie war einfach dorthin zurückgekehrt, wo sie den Ausgang genommen hatte. Und wie so viele alte Menschen, schien sie auch innerlich sich zurückzuneigen, zurückzugehen zu dem, was ihre Jugend gewesen war. Der Großmutter war alles hier heimisch. Die Menschen, ihre Sprache, das Haus, der Garten.

Im Garten stand ein altes Steinhaus ganz schief über der Mauer. Fast schien es, als hielten es nur die Arme blutroten Weins vor dem Hinabstürzen. Drunten im Tal floß ein träger, mühseliger Fluß.

In Kapellendorf war der wilde Wein lieberot gewesen. Die stillen Wasser waren herangekommen bis zu den Mauern. Von Kapellendorf aus ging man jetzt in die Wälder, die reifen Beeren des Wachholders zu sammeln. Und jetzt hörte man in Kapellendorf die Windmühle oben von der Höhe her rauschen, immerzu, Stunde für Stunde, weil ihr der Novembersturm, der über das Land brauste, keine Rast ließ. Und bald konnte man in Kapellendorf auf den Schloßgräben Schlittschuh laufen und über die weite Flur im Schlitten dahinjagen.

Hier kam nur der tote Winter.

Leonore ging durch das öde Land. Stumpf und traurig, im Gefühl des Verlassenseins, im Gefühl unwiederbringlichen Verlustes ging sie. — Aber schon war es, daß dieser Schmerz ihr das einzige Gute schien, das sie besaß. Dieser Schmerz um die verlorene Heimat, der ihr noch immer die Tränen in die Augen trieb, wenn sie allein war. Sie ging und wußte nicht einmal, daß sie weinte.

Da kam durch die Lindenallee eine junge Dame auf Leonore zu. Diese Fremde war schon öfters bei der Großmutter gewesen. Sie hatte eine tiefe, weiche Stimme und wirres, dunkles Haar. Sie wohnte ganz allein in der Stadt in einem ererbten Hause.

Leonore gedachte, sich zu verkriechen. Aber schon begrüßte sie Fräulein Reisland. „Sie sollten nicht so allein gehen, Leonore,“ sagte sie, „ich begleite Sie ein wenig.“

Leonore genierte sich. Sie hatte bunte Handschuhe an, die man Tigerpfoten nannte, und die Dame wildlederne. Ja, fast der alten Sackjacke aus Kapellendorf schämte sich Leonore.

„Wohin wollen Sie denn gehen?“

„Ich wollte nur ein wenig hinaus — ich weiß nicht wohin — es ist alles so grau und trübe hier“, antwortete Leonore.

„Sie haben immer noch Heimweh, Kind? und Sie wissen doch, wenn Sie einmal erwachsen sind, können Sie wieder in die alte Heimat kommen.“

„Jetzt“ — sagte Leonore nur.

„Ja, jetzt leben Sie hier. Jetzt müssen Sie es überwinden. Ich weiß ein Wort, das hilft ein wenig, soll ich es Ihnen sagen?“

Leonore nickte.

„Es ist ein kleines Gedicht. Es heißt:

Weiche, lieber Schatten, weiche,
Störe nicht des Tages Leben.
Ist dir doch der Traum ergeben,
Daß dein Bild mir nicht erbleiche.[1]

[1] Von Margarete v. Bülow.

Verstehen Sie, Leonore: was wir lieben, das behalten wir immer. Es ist unser zweites Leben im Traum. Wir müssen nur die Kraft erringen, auch etwas Neues zu erobern.“

„Ich habe das Gedicht nicht ganz merken können. Würden Sie es mir noch einmal sagen?“

Und die Dame wiederholte diese sanften, zärtlichen Worte der Abwehr eines geliebten Bildes:

Weiche, lieber Schatten, weiche ...

Leonore dachte: da war jemand, der hatte etwas so lieb gehabt und mußte doch den Schmerz überleben. Sie ging neben Fräulein Reisland her und zermarterte sich den Kopf, was sie wohl sprechen sollte. Aber die Dame redete schon von selbst.

„Alles ist jetzt düster und trübe. Aber warten Sie nur, Leonore, Sie werden es noch erleben, daß in Franken die Veilchen gerade so blau sind wie in Thüringen, und oben, auf dem Plateau, das die Römerstraße durchzieht, gibt es weite, weite Kornfelder. Durch den Winter müssen Sie eben nun sich kämpfen. Sie sind doch ein tapferes, kleines Mädchen. —“

Ein paar Tage später saß Leonore bei der Großmutter, des Abends, als draußen der Herbstwind ging. Die Großmutter erzählte allerlei. Daß Leonore mit achtzehn Jahren sich einen Beruf sollte wählen können, das habe der Großvater bestimmt. Und sie, die Großmutter, habe mit dem lieben Fräulein Klothilde gesprochen, die wolle Leonore gern in Wissenschaften, im Malen, in Sprachen unterrichten.

Leonore war entflammt. Wie — diese feine, stolze Dame wollte sich mit ihr befassen? O, Leonore wollte alles lernen. Nur — Geld würde sie nie zu dieser Dame tragen. Nie. Das dürfte niemand von ihr verlangen, daß sie so etwas Gräßliches vollbrächte.

Die Großmutter lächelte ein wenig. „Nein, hab’ keine Sorge. Das machen wir schon mit dem Unterricht. Geld ist aber doch nichts Beleidigendes an sich. Dieser Fall liegt ja anders, aber sonst mußt du dir merken, alles Geschäftliche, alle Geldsachen kann man nur auf eine vornehme Weise erledigen, die nämlich, daß man sie rein als Geschäft behandelt. Künstler, Gelehrte, alle nehmen Geld für ihre Arbeit. Man nennt dies ein Äquivalent. Auch einem Arzt gibt man das Geld für seine Mühe, denn alle Menschen brauchen es zum Leben.“

„Aber es ist doch nicht gleich, ob ich eine Ware bezahle oder etwas, das Persönliches an sich hat. Ich kann nicht recht sagen, was ich meine, Großmutter.“

„Ich verstehe dich schon. Man bezahlt seinen Lehrer und seinen Schuster und ist mit beiden rechtlich quitt. Aber dem Lehrer bleibt man verpflichtet. Das ist der Unterschied zwischen Geldgeben und Geldgeben, sagte der Großvater.“

Ja, Großvater wußte alles so richtig. — Damit war Leonore wieder bei Kapellendorf angekommen.

**
*

Ist dir doch der Traum ergeben,
Daß dein Bild mir nicht erbleiche.

Diese Nächte, diese heimatlosen Nächte. Da lag Leonore wach, und wenn es nur eine Viertelstunde lang sein mochte, so schien ihr doch diese Viertelstunde eine Ewigkeit des Grams. Sie sehnte sich so entsetzlich. Nach jedem Winkel in Kapellendorf sehnte sie sich. Nach dem Wald, nach den Feldern sehnte sie sich wie nach dem geliebtesten Freund.

Und dann kam der Schlaf. Dann kamen Träume. Heiß und in leuchtenden Farben kamen sie. Ihre Seele schrie nach der Heimat. Ihr junges Blut schrie nach der Heimat ....

Und es war — es war .... Ich habe es schon oft geträumt, ja, damals waren es Träume, damals folgte ein bitteres Erwachen. Aber heute ist es Wirklichkeit.

Sie kam heim — sie kam heim. War nicht die Luft berauschend wie junger Wein? Lag nicht der Morgenglanz des Frühlings, die rote Tiefe des Sommerabends über dem Land? O, ihr Herz war verwundet und jubelnd zugleich. Sie kam heim — über die Felder kam sie, die waren früchteschwer, und ihr Duft berührte wie eine Liebkosung.

Da — durch die Dämmerung glänzte das weiße Schloß am Ettersberg. Und dort — die Talsenkung — die schwarzen Bäume, die vor dem brandrotdüstern Himmel standen, sie umschlossen Kapellendorf. O, sie brauchte nicht zu eilen — o nein. In jedem Augenblick lag Süße. In jedem Augenblick lag Lust. Das Dorf — der Lindenbaum vor der Schenke — ja, ja, ich werde euch alle begrüßen — nachher, jetzt muß ich heim. Alles wartet auf mich. Und da lagen die alten Mauern — sie lagen dunkel und doch leuchtend — und Leonore bebte das Herz. Verhaltenes Glühen — Jubel der Erfüllung.

Da war alles, und sie trat in den Hof. Ja, dort im Gärtlein nickten die Malven, die lieberoten Malven. So vertraut alles, und doch wie neu. Größer, strahlender, herrlicher. Und hier ging der Weg über die Mauern hin, zu dem Frühlingsgärtlein, von dem aus man über das Land sah, weit, weit in Fernen — zu den Freunden und Freuden und Festen zukünftiger Tage hin.

Da — da — der Boden schwankt — unaussprechliche Verheißungen klingen zu mir aus Nacht und Heimkehr. O, nur einen Augenblick noch — das Wunder der Erfüllung tritt hervor.

Da bin ich, da bin ich, du mein geliebtes Land, da bin ich, und die Nacht ist so schwer. Ich kann es ja noch nicht ertragen, noch nicht als Wirklichkeit fühlen. Du leidgetränkter Boden — du schicksalsschwere, jubelnde Nacht. Da bin ich — und ich hebe die Arme. Da bin ich — —

Und Leonore erwachte. — „Dein Lachen endet vor der Morgenröte.“

**
*

Ich war ein Kind, als ich die liebte, die einen lachenden Tierarzt geheiratet hat, dachte Leonore. Ich war so unwissend und konnte nicht sehen, daß sie nur eine schöne Puppe gewesen ist. Es ist nicht die Schönheit allein. Es ist die Seele, die Wesensart. Nur wer eine einsame und vornehme Seele hat, wird unsere Liebe nie enttäuschen. Darf ich aber die lieben, die eine einsame und vornehme Seele hat, und die nichts tut, was täuscht, wenn ich vorher eine Clemence geliebt habe? Sie war ja schön gewesen, schön und verführerisch. Man glaubte nur das Seltenste von ihr. Sie haben es so leicht, die schön sind. Was in andern Gesichtern erst langsam wird, haben sie als Grundlage vom Zufall. Die Clemence war nicht bloß schön gewesen, ihre Art schien seltsam und eigen beschaffen. Hatte nicht auch Dankmar sich täuschen lassen? Apart und — leer war sie gewesen. Apart und leer. Darf ich denn nun die lieben, die so reich ist und deren Gesicht schöner ist als das schönste, weil es ausdrückt, daß sie eine Seele hat?

Leonore ging in bittern Zweifeln und Kämpfen. Sie würde alles für Fräulein Klothilde getan haben. Sie hätte Giftschlangen herbeigewünscht, um mutig den Kampf mit ihnen zu bestehen — ja, sich den Tod oder doch etwas Gleichwertiges zu holen, wenn sie die Wunde aussog. Oder sie hätte in einer Hungers- oder Wassernot das letzte der schönen Klothilde gebracht. Oder sie aus dem brennenden Erbhaus gerettet. Oder sogar ihre Kleider genäht. Warum ging denn die Welt so elend still in ihren Geleisen? Eine Tat — eine Tat.

Mit einer Tat hätte Leonore wohl beweisen können, daß ihre Liebe zu Fräulein Klothilde etwas ganz anderes war als die zu Clemence.

Kann man vielleicht seine Liebe beweisen, indem man Vokabeln richtig lernt? Ja, Leonore lernte Vokabeln und lernte die Literaturgeschichte auswendig: Stratford on Avon boasts of having been the birth-place of this hero of English literature. The circumstances of his youth are involved in great obscurity. But it is maintained, that his father was a glover or woolcomber. Das klang wie ein Lied, denn Klothilde hatte es vorgelesen.

And often amidst decemberstorm
You’ll hear this voice again —

Die Großmutter war der Meinung, Leonore lerne lauter Poesien in ihren Stunden. Denn Leonore trug die Historien von Handschuhmachern und Wollkämmern wie Welt-Epen vor und erfüllte das Haus mit den Lauten der englischen Sprache, in weniger korrekter als einschmeichelnder Aussprache.

Viermal die Woche ging Leonore in das Erbhaus der Reislands. Sie lernte mit Heftigkeit alles, was man dort von ihr nur entfernt verlangte. Es wurde fast nur auf den Unterricht Bezügliches gesprochen.

Aber als einmal Klothilde über Leonores bräunlich goldene Kraushaare strich, war es um Leonores Fassung geschehen. Sie wußte keine Vokabel mehr und nicht einmal, was es mit Stratford on Avon für eine Bewandtnis hat. Sie saß nur da und lächelte — und lächelte — und als Fräulein Klothilde ihr mit der Lampe später die Treppe hinunter leuchtete, griff sie nach ihrer freien Hand und küßte sie und rannte wie ein Verbrecher in die Dunkelheit des Winterabends hinaus.

**
*

Schauernd verkrochen sich die Menschen in ihre Stuben. Wenn Leonore durch den verschlafenen Ort ging, meinte sie in einer Totenstadt zu sein. Sie liebte es immer, durch die Dämmerung zu gehen. Man sah jetzt gar keine Lichter in der Stadt. Ueberall waren die Fensterläden geschlossen wegen der grimmigen Kälte. Die Leute sehnten sich nach Schnee. Aber seit Wochen war kein neuer mehr auf die kristallharte, weiße Erdkruste gefallen. Die Altmühl lag wie ein gläsernes Band. Selbst die Tiefen des so harmlos scheinenden Gewässers waren mit dickem Eis bedeckt. Keine Mühle im Altmühltal ginge mehr, sagte der Oberförster. Keine Mühle geht mehr? O, dann mußte man ja flußabwärts fahren können. Mit den Schlittschuhen das Land erobern.

Leonore lief und lief. Ja, da lagen die alten Mühlen um Treuchtlingen; wie bewachsen mit Eis schienen sie. Weiter — weiter — da fuhr sie durch das Tor, das der Patrich und der Nagelberg bilden: das Tor ins fränkische Wiesenland.

Sie fuhr in raschem Lauf. Da sah sie ein Dorf unfern des Flusses. Auf dieses Dorf führte von der Altmühl aus eine Reihe von Weihern hin, die zwischen von verkümmerten Bäumen bestandenen Hügeln lagen. Die Weiher zwischen den Erdhügeln lockten Leonore. Sie überschritt Binseneis und ging von einem zum andern. Es lag so eine seltsame Melancholie über dem Ganzen.

Da fuhr ein Mensch auf dem letzten, großen Teich. Leonore sah ihn unbefangen an — nicht anders, als wäre er ein schönes Tier. Der Mensch hatte grünliche Kleider an, die seinem Körper nicht hemmend waren, so wenig, als einem Tier sein Pelz. Der Mensch fuhr zu Leonore heran, wunderlich plastisch stand er da in der Einsamkeit wie aus Erde gewachsen. Sie sah auf einen roten Mund, in ferne Augen, auf unbedeckte Hände voll ruhender Kraft.

Der Mann grüßte — freimütig — als wollte er ausdrücken: ich grüße dich, denn du und ich sehen einander ja doch nie wieder.

Leonore dachte: er lächelt, dieses wunderlich schöne Tier lächelt und doch ist sein Gesicht so still wie von Stein.

Der Mann sagte: „Da treffen sich ja einmal das Nordmeer und das Schwarze. Zwei, die sich noch nie gesehen haben.“

„Meere? Wo sind Meere?“ fragte sie gedankenlos.

„Es ist hier die Fossa Carolina. Der Graben, durch den Carolus Magnus Europa durchqueren wollte. Die paar stillen Weiher sind die Reste.“

Leonore sah um sich, als kämen ihr diese Angaben nicht ganz glaubwürdig vor.

„Sie meinen wohl, die Wikingerschiffe hätten hier nicht Platz gehabt und auch nicht in dem Bächlein Altmühl? Ja, wissen Sie, die Erdgeister kamen und schütteten nachts wieder zu, was am Tag gearbeitet wurde. Nur das Letzte ließen sie als ein Memento. Das alles ist so fern. Ein Jahrtausend fern. Wir wollen doch sehen, ob die Erdgeister uns wohlwollen, oder ob sie uns verschütten.“

Leonore blieb stehen. Sie hatte keine Furcht vor dem Fremden. Sie fühlte nur eine rätselhafte Anziehung.

„Sind Sie den Fluß herauf gekommen?“ fragte der junge Mensch.

„Ja, den Fluß.“

„Sie dürfen auch allein in Weiten gehen — Ihnen tut man nichts. Ihnen tut niemand etwas.“

„Ich fürchte mich auch nicht.“

„Sie nehmen es wohl mit allem auf?“

„Ja.“

„Woher kommen Sie denn? Sie kommen jetzt aus einer kleinen Stadt am Fluß, das sehe ich: aber dort sind Sie nicht zu Hause. Wo sind Sie denn zu Hause?“

„Nirgends mehr. Das ist vorbei.“

„O, glauben Sie nicht, daß das vorbei ist. Irgendwo will man immer zu Hause sein. Ich war es jetzt vor tausend Jahren — war allein, allein in der Zeit, als die Karlsgräber fortgegangen sind. Das ist doch wundervoll gewesen — das ganze Land wieder leer — nur wilde Möven, wilde Vögel auf den Weihern. — Nun bin ich bei Ihnen zu Hause. So fremd und zutraulich kamen Sie daher. Ein Mensch — zwei Menschen. Sonst nichts. Und jeder bringt ein Jahrtausend mit.“

„Jeder bringt ein Jahrtausend mit?“

„In seinem Blut natürlich. Sie sehen nicht aus, als wäre die Zeit hinter Ihnen tot. Sie tragen schwere und verschwiegene Wünsche aus Fernen her, von Hunderten her mit sich in ein Einzeldasein. Schwere und verschwiegene Wünsche ganzer Generationen, die sich einmal in einem Losgelösten, aus der Art Ragenden, erfüllen wollen.“

Sie sah den Menschen an, der so seltsam plastisch vor ihr stand — fragte, ohne zu wollen: „Wie können Sie das wissen? Sie wissen doch nicht, woher ich komme.“

„O, das weiß ich wohl. Wenn Sie es vielleicht auch noch nicht wissen. Sie haben mich angesehen, und da weiß ich viel von Ihnen.“

„Wer sind Sie denn?“

„Ich will Ihnen lieber sagen, daß ich Kelt heiße. Oben auf der Höhe habe ich einen Bauernhof. Es ist ein Stück Wegs von hier — doch das erzähle ich Ihnen lieber später einmal. Ja, lachen Sie nur, Sie kommen doch wieder. Oder wollen Sie auf der Altmühl fahren? Ist Ihnen das lieber? — Aber wie soll ich Sie nennen? Wie nennen Sie Ihre Freunde?“

„Leonore,“ sagte sie.

„Warum sind Ihre Freunde nicht bei Ihnen, Leonore?“

„Sie sind weit fort. Wir mußten alle fort von zu Hause.“

Der Mensch sah nach Westen. „Die Sonne ist weg,“ sagte er. „Es wird bald dunkel sein. Ich darf Sie doch begleiten, Leonore?“

Leonore wußte nicht, wie ihr geschah. Kein Wort der Abwehr hatte sie finden können. Es war ihr, als hätte sie mit Dankmar Kurtzen geplaudert, obwohl der nie solche Dinge sprach. Aber alles an dem Fremden schien ihr vertraut, heimatlich, gleiche Art.

Sie fuhren zusammen. Kelt meist voraus — dann wandte er sich wieder, umkreiste Leonore, lachte, rief ihr ein paar Worte zu und flog wieder dem Ziel nach. Er war prächtig anzusehen in seiner spielenden Kraft. Sein Körper schien keinen Zwang zu kennen. Wie auf Federn flog er dahin, und dann konnte er sich plötzlich wenden, plötzlich still stehen wie aus der Erde gewachsen. Die Mühlen tanzten vorbei — die Hügel um Pappenheim kamen. Bald waren die Schlittschuhläufer unter dem Kronengarten.

„Adieu, Leonore — sagen Sie nur zu Hause, Sie hätten den Kelt getroffen, wenn man Sie fragt. Ihr Onkel kennt mich.“

„Adieu, Kelt.“

„Aber was denn? Seine zukünftigen Freunde nennt man doch nicht mit dem Gattungsnamen. Ich heiße Vitus.“

„Adieu, Vitus Kelt — Sie haben den drolligsten Namen, den ich je gehört habe.“

**
*

Die Nacht hatte Tauwind gebracht. Nun war es zu Ende mit dem Eislauf. Das bedauerte Leonore sehr. Doch bis der Tag zu Ende war, hatte er ihr eine neue, schöne Aussicht gebracht. Ganz erregt kam sie aus ihrer Stunde heim: „Großmutter, der Kelt ist ein Schüler von Fräulein Klothilde. Und wir sollen nun immer zusammen bei ihr lernen.“

„Ja, ich weiß schon. Er war in deiner Abwesenheit hier. Er ist ja ein Freund von Paul, deinem Vetter. Nun, soweit ist alles schön. Aber ich muß dir etwas sagen, Leonore, ich weiß ja nicht, wieweit der Karlsgraben von hier weg ist, aber du darfst doch nicht allein so weit dich von der Stadt entfernen und dich von jedem Fremden ansprechen lassen. Du bist jetzt doch ein junges Mädchen.“

„Das ist aber langweilig, Großmutter.“

„Ja, es kann dich aber niemand zu einem Jungen machen.“

„Ich hab mich auch noch von niemand bisher ansprechen lassen als von Kelt. Der sah aus wie ein schönes Tier. Ich habe dir doch gestern abend alles erzählt, wie es war.“

„Das sollst du auch immer tun, du weißt ja, Leonore, daß ich dir ganz vertraue. Du mußt nie etwas mit Menschen sprechen, was du mir nicht erzählen könntest. Ja, das versprichst du mir.“

„Ach Großmutter, manchmal redet man doch solche Sachen — mit Dankmar zum Beispiel, daß wir Pferde haben wollten und ins Morgenrot reiten. Das war so schön zu denken. Es war aber nicht, daß ich dachte, man solle mir ein Pferd kaufen. Wenn ich nun das alles erzählte —“

„Dann wäre es nicht mehr so schön?“

„Ich glaube, Großmutter.“

Die Dämmerung sank tiefer. Mit leiser Stimme redete Leonore von Kapellendorf. Die Tanne auf Großvaters Grab sei nun weiß von Schnee. Und im Frühling würden alle die Waldblumen herauskommen, die sie gepflanzt hatten — die Osterblumen, die Pulsatilla, die Himmelsschlüssel und die Veilchen. Ganz blau von Veilchen würde das Grab sein.

Die alte Frau hörte zu und sprach nichts. Alte Menschen, die nur ein Schritt vom Grabe trennt, sind gelassen. Sie hatten ja ein ganzes Leben Zeit, sich der Notwendigkeit beugen zu lernen. Sie warten in Geduld und leben den Tag. Sie sind geduldig im Warten und lassen das Leben noch tagen.

**
*

Wie war das herrlich! Mit Fräulein Klothilde zogen sie über das weite Land. Kelt wußte, wo es Leonore gefallen würde. Er führte sie auf das Hochplateau zwischen der alten Feste Wülzburg und den weiten Forsten, die sich nach der Donau hin verlieren. Dort sah man sogar in der Ferne ein weißes Schloß, zwischen blauen Hügeln. Er führte sie zu einem einsamen Hof mit Lindenalleen und einer Jagdkanzel. Von dort aus konnte man zwischen Nagelberg und Patrich hindurch weit ins Altmühltal sehen.

„Dort liegt eine graue Stadt,“ sagte Leonore, „wollen wir hingehen?“

„Da müßten wir wohl Siebenmeilenstiefel haben!“

„So erzählen Sie etwas, Kelt — gibt es hier nicht Sagen und Märchen, die das Volk noch weiß?“

„Ich glaube nicht. Obwohl hier einst die Kelten wohnten. Aber ihre Geschichten von König Artus’ Tafelrunde, vom Parzival und Tristan und Isolde verlegten sie in ihr Mutterland, denn sie waren hier nur Fremde.“

„Hier haben wirklich Kelten gewohnt?“

„Ja, es gibt noch Druidensteine im Lande. Und wir beide sind von großmütterlicher Seite hier uransässig. Also, Leonore, seien Sie der Abkunft eingedenk.“

„Ist das auch wahr?“

„Wahr? Positiv wahr soll es auch noch sein, wenn ich Ihnen etwas erzähle? Im übrigen ist alles wahr, was wir glauben.“

Doch Leonore drang in den jungen Mann, er solle ihr noch mehr von den Kelten erzählen. Ihr war alles noch neu, was andere schon lange wußten. Neu und fremd. Ja, der Tauwind fuhr über die Welt. Sturm brachte er. Die Vorahnung von Frühlingsstürmen.

Sie begegneten im Wald dem Oberförster Stengruben. „Ei, wie ist Leonore vergnügt,“ sagte er. „Zu Hause hören wir sie nur immer Schreckliches deklamieren. Verzeihen Sie, die Sie ihre Lehrmeisterin sind — ich verstehe nicht Englisch — es klingt nur alles so schauerlich traurig.“

Der Oberförster schloß sich an Fräulein Klothilde an, und Leonore war mit Kelt voraus.

„Vitus, damals an der Fossa haben Sie gesagt, in uns gingen die Wünsche von Jahrtausenden. Aber wenn das wäre, da müßte ja eine ganz neue, flammende Zeit anbrechen.“

„Ja, warum sollte denn das nicht sein, Leonore? Es liegt ja alles vor uns, wir brauchen nur mit den Händen danach zu greifen.“

„Man sehnt sich immer,“ sagte sie, „o, so schwer sehnt man sich.“

„Immer noch nach Kapellendorf?“

„Nach was sehnen Sie sich denn, Vitus?“

„Ich freue mich jetzt auf den Frühling,“ sagte er.

Sie kamen in ein junges Gehölz. Nur ein schmaler, gewundener Pfad führte durch, und sie mußten hintereinander gehen. Da kam ein junger Mensch des Wegs, er trug eine Holzaxt, hatte die Pfeife im Munde. Er grüßte.

„Wer war denn das?“ fragte Leonore.

„Der älteste Sohn vom Gastwirt in Osterdorf.“

„Sie kennen alle Leute hier.“

„Wie sollte ich nicht.“

Nach einer Weile ging wieder ein Holzfäller an ihnen vorüber. Noch zwei-, drei-, viermal wiederholte sich diese Begegnung. Alle grüßten. Und auf jede Frage Leonores kam von Kelt die Antwort: Es ist noch ein Sohn aus demselben Hause.

Endlich fing Leonore zu lachen an. „Jetzt glaube ich das nicht mehr, Vitus. So viele Söhne kann niemand haben.“

„Fruchtbarkeit,“ sagte er.

Und es schien Leonore, als sei Kelt nachdenklich bei dem Wort.

„Wir haben wirklich keinen Grund, an dem Fortbestand der Menschheit zu zweifeln. Nein, Leonore, lassen Sie sich niemals anfechten von der Gassenweisheit, es dürfte keine Ehelosen geben, sondern nur solche, die aus Liebe, aus Gattungsbedürfnis oder à tout prix heiraten. Allein sein können bedeutet sehr viel — und die freie Liebe ist leidenschaftsstärker und länger jung als die beste Ehe. Umsonst gibt es nichts — darum werden die äußerlich einzelnen, die intensiver lebten, auch immer die Verschollenen sein. Die Toten von Geschlechtern, die, welche man auf den Stammbäumen mit abgebrochenen Ästen bezeichnet: Erloschene.“

Sie wußte mit dem Wort nichts anzufangen. Noch griff ihre Hand nicht nach dem Schicksal.

**
*

Das waren schwere Wochen gewesen — böse Wochen. Ein eiserner Ring um den Kopf — und immer dieses bohrende Brennen. Dann Schlaf — Schlaf.

Viele Wochen hatte Leonore so dagelegen — und nun endlich war sie wieder auf. Sie hatte den Typhus gehabt, sich irgendwo die Ansteckung geholt und aufgenommen. Nun aber durfte sie wieder außer Bett sein — matt und müde, wie sie war. Und als sie zufällig in einen Spiegel sah, mußte sie sehr lachen. Das war doch zu drollig, wie ein Junge sah sie jetzt aus. Ganz kurz geschnittenes Kraushaar stand um ihren Kopf.

Die Großmutter lächelte: „Nun hat dich die Krankheit zu einem halben Jungen gemacht.“

Das fand Leonore sehr nett. Wie mußte es hübsch sein, nun immer so zu gehen.

Die Großmutter saß neben Leonore — viel rüstiger als früher schien sie der Enkelin (das kam weil die alte Frau wieder etwas zu sorgen gehabt hatte), und sie plauderte: „Wie du so krank warst, Lenorchen, da ist Fräulein Klothilde immer bei dir gewesen. Sie hat dich so wunderschön gepflegt.“

„Davon weiß ich gar nichts mehr,“ sagte Leonore. „Wenn ich es doch gewußt hätte.“

„Nein, das ist gut, daß du alles vergessen konntest. Und Kelt ist immer gekommen — viele Stunden hat er jeden Tag draußen im Saal gesessen und gewartet, daß wir ihm von dir erzählten. Ein paar Nächte ist er sogar hiergeblieben, wenn vielleicht etwas zu holen gewesen wäre.“

„Der gute Freund,“ sagte Leonore. Und sie fand es sehr schön und sehr rührend: Kelt hatte in dem dämmerigen Saal gesessen — viele Stunden lang — viele Stunden lang. Ganz still war es — nur die Kuckucksuhr hatte getickt, und er war bange, ob Leonores Lebensuhr noch schlug.

„Erzähle nur noch weiter, Großmama.“

Doch da kam Kelt schon selbst. Er kam ohne Meldung herein, wie jemand, der zu Hause ist, stand vor Leonore und drückte ihre Hände. „Ja, wie sehen Sie denn aus, Leonore? Ganz fremd — wie der Lord Byron. Aber wahrhaftig.“

„Lieber Kelt,“ meinte die Großmutter, „unser gutes Kind dürfte jetzt gern auch wie ein Kaminfeger aussehen.“

„Aber freilich. Doch was kann ich denn dafür, daß sie nun wie ein schöner Lord ist? Sie ist doch nicht meine Tochter — ich bin unschuldig daran. Da — da habe ich etwas mitgebracht, Leonore —“ und er hielt ihr in seinen beiden Händen, die so viel Kraft und Intelligenz verrieten, einen großen Strauß Tannenreiser hin. — „Kapellendorf grüßt.“

„Ach,“ sagte sie nur. Sie war so müde und froh.

„Jetzt müssen wir Leonore sehr verwöhnen, Frau Oberförsterin. Sie hat uns ja beinahe fortlaufen wollen, das fremde Mädchen. Gell du, Leonore, das wäre doch furchtbar abscheulich von dir gewesen — es wäre treulos und unrecht und unverzeihlich von dir gewesen.“

Er nannte sie du — und sie sagte ohne Gedanken, wie etwas Natürliches, dasselbe zu ihm. „Die Tannenreiser hast du von Kapellendorf schicken lassen, Vitus?“

„Freilich — und gerade heute, wo du auf bist, sind sie gekommen.“

Sie drückte ihre bleich und schmal gewordenen Finger um die Nadeln. Sie lächelte so froh und müde.

Und dann kam Fräulein Klothilde und brachte ihr Veilchen. „Sie sind nur von hier — aber es sind die ersten im Jahr.“ Und Fräulein Klothilde küßte Leonore auf den Mund.

Sie dachte, ich soll ihr die Hand küssen — ja, das will ich.

Aber sie war so schrecklich müde. Sie konnte die Zweige von Kapellendorf gar nicht loslassen. Und sie dachte: Ich träume — es ist ja alles gar nicht so. Sie küßt mich, und Vitus ist so gut — und die Großmutter tut mit mir, als sei ich eine Prinzessin. Ich träume — aber ich will doch noch ein bißchen weiter träumen — es ist so neu und sonderbar.

**
*

Kelt tat sein redlichstes, Leonore zu verwöhnen. Als sie noch nicht weit gehen durfte, kam er mit einem Wagen, sie abzuholen. Oder er saß mit ihr an den wunderschönen Frühlingsabenden drunten am Fluß. Sie konnte singen, und das mochte er gern. Eine feine, dunkle Stimme hatte sie, die klang wie tiefe Harfensaiten. Sie klang, wie wenn Menschen vom Meere sprechen und es nie gesehen haben. Wie wenn Menschen von einem unbeschreiblich kostbaren Kleinod erzählen, das ihre Hände nie berührten. Die Inbrunst der Seele macht das niegeschaute Meer zum jungfräulichen Gestade, das nie in verlangenden Händen gehaltene Kleinod zum heiligen Gral.

Leonore hatte aufgehört zu singen; sie sah nach dem grünen Wasser hin, das unter Weidenbäumen melancholisch in langsamem Abschied zog. „Du gehst nun bald fort, Vitus?“

„Noch nicht so bald, Leonore. Paul kommt doch in einigen Wochen — dein Vetter Paul — und den möchte ich gern noch einmal sehen. Denn wenn ich fortgehe ist es auf lange.“

„Auf immer, Vitus?“

„Auf lange, Leonore!“

„Du machst eine so weite Reise mit deinem Freund?“

„Ja, das wird wohl sein. In das alte Land, wo das Paradies gestanden haben soll, wollen wir. Im Schutt von Jahrtausenden graben. Durch meine Arbeit wird zwar für die Wissenschaft nicht allzuviel herauskommen, ich bin ja nur ein Amateur, der selbst die größte Freude am bloßen Tun hat, nicht an seiner Konsequenz. Aber Frédéric Morton ist ein großer Gelehrter — er besitzt jene Intuition des Intellekts, die man hat oder nicht hat — und nicht durch Fleiß erwerben kann.“

„Du liebst diesen Freund wohl sehr, Vitus?“

Kelt lächelte: „Du solltest ihn nur kennen, Leonore. Er ist der idealste junge Mann, den es gibt. Er ist sehr schön. Was sage ich — schön. In Menschenschönheit liegt oft so viel Zufälliges. Darum hat sie ihren einzigen Wert in den Augen der Gebildeten, die das Logische lieben, verloren. Sie vergessen, daß es das Seltenste ist, ein Geschöpf des Zufalles zu sein: ungedacht, nicht geschaffen, aus tausend Willküren heraus wie die Zufallsschönheit wilder Blumen, die Zufallsschönheit von Wolkengebilden, die über den Abendhimmel schwimmen. Wir sind Gewordene, du und ich, Leonore. Auf lange sehen wir zurück. Da waren die Reihen der Voreltern — wir wissen noch, wie sie gewesen sind. So genau wissen wir, woher sie kamen. Ja an der Hand der Geschichte können wir sogar die Gedanken wissen, die sie dachten. Denn wären sie Ausnahmen gewesen, so hätten sie sich ausgeschieden von den andern und wären Ausgeschlossene, Verschollene, von denen man redet wie von Gespenstern. Und wir, die wir aus dem Folgerichtigen kommen, wir lieben gerade den Gegensatz: das Zufällige. Nicht jenes Zufällige, in dem Wahllose sich mit Wahllosen mischten, Willkür sich mit Willkür verband. Daraus entstehen nur Zwitter, die von der Bettelgnade des Tages leben.“

„Verhöhnst du die — die den Tag lieben wie etwas Kostbares, das einzig ist?“

„Nein, Leonore, ich verhöhne sie nicht. Ich bin noch sehr wenigen begegnet, die das konnten, was du sagst. Nur wer Schicksal und Geschichte aus dem Augenblick formen wird, hat ihn geliebt — die von der Bettelgnade des Tages leben, tun es nicht.“

„Du müßtest ein wenig deutlicher dich ausdrücken, wenn ich dich verstehen soll, Vitus.“

„Ja, wie soll ich das sagen. Immer einmal wieder wird Adam-Mensch geboren — der ein Erstling ist und alles neu sieht. Immer einmal wieder geht Parzival, der junge Tor, durch die Welt, oder Kaspar Hauser, der nichts von seinem Ursprung weiß. Zuweilen erwachsen noch aus Finsternissen und dem Unnennbaren im Schoß der Erde jene strahlenden, untergrundlosen Nordlichtexistenzen, die ich Geschöpfe des Zufalls nannte. Und sie sind es, die den Gewordenen entzücken, die ihm das Novum, die Offenbarung des Lebens sind. Wenn du einmal liebst, Leonore, so wird es ein solcher Mensch sein. Einer, der einsam aus seiner Rasse ragt. Der nichts hinter sich will — nur das stürmende Leben begehrt. Mein Freund ist ein solcher Mensch. Er hat nichts geerbt. Der Zufall hat ihn erschaffen. Es gibt Menschen, die seinen Gattungsnamen tragen, und wenn er unter ihnen ist, dünkt es einem, als sei ein Findlingsblock unter Ziegel gefallen. Nur eine Schwester hat er, die ihm gleicht.“

Ah — eine Schwester, dachte Leonore.

Und er redete weiter. „Er hat Augen wie Chrysoprase. Seine Haut ist wie bräunlich gewordenes Elfenbein. Weißt du, wie der Frühling sieht er aus — so maienstark ist er — ist sein ganzes Wesen. Wenn er spricht, spielt er mit den Worten wie mit Federbällen. Sie fliegen, sie pfeifen durch die Luft. Sinnlos scheint es — zusammenhanglos. Und dann plötzlich braucht er nur die Hand auszustrecken und er fängt sie alle — aus den zerstreuten Worten wächst eine wundervolle Einheit.“

„Wie alt bist du eigentlich, Vitus?“

„Ich war einundzwanzig Jahre alt. Du meinst wohl, weil ich so von meinem Freunde spreche. Ja, siehst du, das Äußerliche gehört zu ihm. Er muß klare, harte, grüne Augen haben. Das muß alles sein. Man kann ihn sich nicht anders denken. An ihm findet man eben alles schön. Da ist nichts zu wollen. Seine Schwester gleicht ihm sehr.“

„An dir ist auch kein solcher Fehler, Vitus. Auf dich kann man immer stolz sein. Was machst du für ein Gesicht — wir sind doch gute Freunde. Soll ich das nicht sagen? Meinst du vielleicht, ich hätte mit dir an der Fossa geredet, wenn du nicht so ein schönes Tier wärst? Du bist wie ein großer Hund — ein ganz feiner Hund. Den kann man mit in Stuben zu den schönsten Damen nehmen.“

„O Gott, ein Hund gerade,“ sagte Vitus Kelt.

„Na, oder ein Pferd. Ich weiß nicht so die Worte. Einen Menschen wie dich habe ich noch nicht gesehen. Alle Menschen sind irgendwo schief. So meine ich es. Dankmar Kurtzen und Klemens waren draußen sehr nett, doch unter Erwachsenen und im Zimmer scheu oder komisch. Ich rede nicht garstig von meinen Freunden oder Verwandten, Vitus. Aber sieh mal Charlottchen, so fest und gerade ist sie in ihrem Hause — und immer befangen, als hätte sie eine Schuld auf sich, vor den Menschen. Und der Onkel lärmt so in dem alten Saal. Du tust das nicht.“

„Nun, und Fräulein Klothilde?“

„Die kritisiere ich doch nicht,“ antwortete Leonore und wurde ein wenig rot dabei. Sie war so ehrlich und verehrte Fräulein Klothilde. Und doch hatte Kelt etwas vor ihr voraus.

„Sag mal, Leonore, wie denkst du von dir?“ fragte Kelt. „Bist du auch irgendwo schief?“

„Ja — ich geniere mich so oft, und geniere mich, daß ich mich geniere. Ueberhaupt ist es sehr schwer ein Mädchen zu sein.“

Sie saßen still und sahen auf das fließende Wasser, dem jedes Weitergleiten wie ein Abschied schien — zögernd, schwer — hülflos.

**
*

Blau war die Erde von Flieder. Leonore schien es, als erwache das ganze Städtlein in einem Frühlingsfliedertaumel. Um den Ruinenberg, um den Kronengarten selbst war alles voll verschwiegener Gärten hinter Fliederhecken. Der Berg lag wie eine Landzunge vorgeschoben in die beiden Täler des Flusses. Und an all seinen Hängen standen die kleinen, verborgenen Gartenhäuser von grauem Stein. Um jeden Garten waren blühende Fliederhecken, und alle die kleinen, heimlichen Wege und Stege auf dem Ruinenberg waren von Flieder umsäumt.

Leonore ging durch die warmen Abenddämmerungen, die noch so leuchtend waren, trotzdem die Sonne schon hinter die Hügel sich gesenkt hatte. Und Leonore schien es, als trüge eine große, unaussprechliche Freude ihren Körper. Was war es denn, was war es denn? Es war ja nur der Frühling und sein hoffnungsschweres Jauchzen — der Frühling, der das Land vergoldete, der es mit Reiz umkleidete —

„Guten Abend, Frau Traumfelder. Sammeln Sie Rapünzchen?“

„Ja, Freilein Lenore, Rawinzeli stech ich aus.“

Leonore guckte durch eine Öffnung in der Fliederhecke. „Haben Sie schon Bohnen gesteckt?“

„Ja. Die Eismänner sin vorbei. Die Kimmerling hab’ ich auch gelegt. Neie Sorten, die ranken sich an Bohnenstangen nauf — die brauchen net so viel Platz.“

„Aber, Ihr Garten ist doch so groß?“

„Wir brauchen halt gar arg viel Kartoffeln, sieben Kinder, sieben Mäuler, Freilein Lenore.“

„Wie geht es denn Ihrem Soldaten?“

„No, ich dank, gut. Der freit sich sehr, wenn er heimkommt aufm Herbst und wenn die Kimmerling zeitig sin.“

„Machen Sie nur bald Feierabend. Die Kimmerlinge werden schon noch Zeit haben.“

„No, guten Abend, Freilein Lenore.“

Leonore ging weiter. Alles war so schön. Wie furchtbar drollig, daß man die Gurken an Stangen wachsen ließ, damit sie nicht so viel Platz brauchten. Das mußte sie der Großmutter erzählen. O ja, Leonore hatte jetzt schon viele Bekannte in der Stadt — sie guckte so gern in die Gärten und freundete sich an. Traumfelder hießen die Leute, die hier Sommerfelder bebauten.

Nicht nur mit den Menschen freundete sich Leonore an. Aus einem ganz verwilderten Garten, der niemand zu gehören schien, hatte sie gestern eine Schwertlilie gestohlen.

Weil sie so über alle Maßen schön war. Mein Gott, die Schwertlilie hatte es doch so einsam in dem ganz verwilderten Garten. Auch Flieder stahl Leonore. Im Kronengarten blühte er für die Großmutter.

Ganze Arme voll Flieder hatte sich Leonore in ihre Stube geholt. Das roch so wunderlich in der Nacht, wenn der Spätfrühlingswind durchs Fenster kam. Und erst wenn man das Gesicht in die breiten Trauben drückte, o, das war eine Lust — Lust —

Und Leonore lief durch die kleinen Wege zwischen den Fliederhecken auf den Ruinenberg. Eine große, unaussprechliche Freude trug ihren Körper. Was war es denn? Es war der Frühling und sein liebesschweres Jauchzen. —

**
*

Der Vetter Paul sah Leonores Malereien an, die sie bei Fräulein Klothilde gemacht hatte. Vetter Paul war eine Autorität. Er hatte ein Bild gemalt, und das war schon verkauft. Folglich mußte er etwas verstehen, und das Lob, das er Leonores Malereien spendete, erfreute besonders das Herz der Großmutter. Ja, nun sollte Leonore schon noch mehr Gelegenheit zur Ausbildung bekommen — Porzellanmalen war doch so etwas Aufregungsloses und Solides.

Leonore konnte das Lob Pauls nicht ergötzen. Denn dieser Paul nannte jetzt Fräulein Klothilde seine Liebste, und die Liebste sagte zu Leonore du, und sie waren jetzt Cousinen. Leonore fühlte dumpf: der von ihr so äußerst verachtete Tierarzt war gewiß ein vortrefflicher Mann gewesen. Sie hatte ihm sehr unrecht getan. Die Ideale heirateten alle, ob sie nur schöne Seelen oder nur schöne Gesichter hatten. Sie heirateten beliebige Männer, und daß Leonore sie geliebt hatte, bedeutete gar nichts. Und sie heirateten keineswegs Welteroberer oder Könige, sondern Mallehrer und Gestütsdirektoren.

Leonore bedachte nicht, daß sie nie die Hoffnung genährt hatte, ewig von Klothilde Stunden zu haben. Doch sie war von Eifersucht erfüllt und schämte sich dessen in alle Tiefen hinein. Sie wollte gar nicht mehr an Klothilde denken, das war eben nun eine Cousine — nun ja, was denn weiter? Nun ging man zu vieren im Wald und auf der Heide — mochten Klothilde und ihr Bräutigam nur vorausgehen ...

„Ja, Leonore,“ sagte Kelt auf einem solchen Weg — „freut es dich denn gar nicht, daß du später in München noch besser malen lernst? Wie wäre ich glücklich um eine künstlerische Begabung.“

Leonore sagte erbittert: „Ich kann mir nun alles auf Kaffeetassen malen, was ich mir wünsche. Ich wollte doch lieber leben, lieber leben!“

„Na, Kind, der Paul lebt recht kräftig gerade, trotzdem er malt.“

„Ich kann ihn nicht leiden,“ kam eine heftige Antwort.

„Weil er Klothilde heiratet? — Aber liebe Leonore, damit beweist er doch nur einen guten Geschmack.“

„Du hast wohl auch wo eine Braut?“

„Ich? Aber Leonore. —“

„— Aber, Leonore — aber, Leonore. Ich höre schon, daß ich ein Aber bin.“

Kelt sah geradeaus ins Land. Ganz behutsam, und wie man ewige Wahrheiten ausspricht, die niemand ins Herz treffen können, redete er weiter: „Weißt du, wenn die Menschen ganz jung sind, wissen sie noch wenig von sich. Und sie glauben doch immer, sich in alle Zukünfte zu verstehen. So lange ein Mensch noch im Werden ist, hat er nicht den Überblick, vermag er nicht zu entscheiden, was ihm nicht nur Freude, nicht nur Vergnügen, sondern Notwendigkeit ist. Alles andere enttäuscht. Nur was uns Notwendigkeit ist, bleibt uns treu. Was sich von uns wendet, war nicht Notwendigkeit. Es war nur Handlanger zu unserer Entwicklung.“

**
*

So still und rein kam der Juniabend. So still wie die letzte Liebe. Sanftheit lag über der Landschaft. Allen Ruhe, allen Ruhe und einen Schimmer von Glück schien sie zu bringen.

Sie standen noch einmal an den Weihern der Fossa. Die Abendschatten lagen schon über den Hügeln, und in den melancholischen Wassern schrien die Frösche. Und wie im Traum fühlte Leonore die ferne, untergegangene Zeit — fühlte sie den Schmerz, der hier noch zu wohnen schien.

Kelt saß am Hügelrand und sah auf das ruhende Wasser. „Einen Augenblick sind wir uns begegnet, Leonore, und haben uns zugelächelt aus weiten Fernen. Aber es wird nicht sein, als sei nichts gewesen. Wir werden noch oft an einander denken, wenn jeder sein eigenes Leben lebt — ja, weißt du, wenn wir einst beide auf den Inseln der Seligen sind, dann werden wir einander manchmal grüßen als Wegkameraden.“

Sie saß ihm gegenüber, lächelte verloren. „Ich muß dich noch viel ansehen, du schönes Tier. Du gefällst mir noch heute so gut wie beim ersten Mal.“

Er sagte nichts. Er schwieg lange. Die Grillen zirpten von den Wiesen her, und die Schatten des Abends vertieften sich. Es war, als hätte der Augenblick kein Ende; als hätte der stille, reine Abend keinen Untergang. Sie dachte: Hinter den Hügeln wird uns einst das Leben lächeln. Wie ein Jahrtausend muß das Glück sein — so reich, so glühend von großen Taten —

„Vitus, liebst du deinen Freund?“

„Du weißt es ja, mein Kamerad.“

„Ich liebe die Erde und den Sommer,“ sagte sie und lächelte Kelt an. „Und dich hab’ ich so schrecklich gern. Hörst du — du sollst mir nie schreiben — ich schreibe dir auch nicht. Briefe enttäuschen so. Die wollen etwas sein und sind doch nichts. Heute sagen wir uns Lebewohl — und wenn wir uns nie wiedersehen, so tut es nichts, denn es wäre doch anders.“

Sie lächelte wieder: „Adieu, Vitus Kelt, und es war sehr schön.“

Er stand auf. „So gehen Kameraden nicht auseinander. Rufe mich, wenn du mich je brauchen solltest. Wir haben uns lieb wie Geschwister. Ein Bruder, der fortgeht, sorgt sich, wer seiner Schwester Freund und Hüter sein wird — Freund und Hüter im fernen Land des Lebens.“

„Ach, Vitus, in Wirklichkeit bin ich doch ein Junge. Ich werde mit allem schon allein zu Ende kommen. Adieu, Vitus Kelt, und grüße auch deinen Freund von mir.“

„Leb’ wohl, Leonore, ich werde dich nie vergessen.“

Wunderlich klang ihr das Wort: „ich werde dich nie vergessen.“ Dankmar Kurtzen hatte dasselbe gesagt.

„So, Vitus, nun ist der Abschied zu Ende. Nun gehen wir heim, und du plauderst noch.“

Sie gingen durch den Juniabend. Der war rein und still wie eine letzte Liebe. Sanftheit lag über der Landschaft. Allen Ruhe — allen Ruhe und einen Schimmer von Glück. Leonore war sonderbar gerührt. Kelt ging — und doch war alles gut. Ein junges Herz klagt nicht um einen Frühling, der geht. Es weiß ja noch so viele junge Jahre vor sich.

**
*

Leonore ging die Wege die sie so oft mit Kelt gewandert war. Ueber die weiten Höhen, die nach den Wäldern hin abfallen, ging sie — die Römerstraße verfolgend — an alten Begräbnisplätzen vorüber, den Heidenfriedhöfen des Landes. Da lag die Flur in Sommermittagsstille. Schwer und reif war das Korn. Weiße Straßen schnitten am Himmelsrand ab. Nur zuweilen schob sich der Wald herein, zuweilen unterbrachen Heidenstrecken voll Thymian die Felder.

Leonore ging und hörte hinter den Wäldern aus weiter, weiter Ferne her den Wind rauschen. Um sie war es still — nur weit fort, von Ewigkeit her, klang der Wind. Sie fühlte sich der Erde so nahe. Voll Liebe fühlte sie sich. Und es war ihr, als bezauberte sie die stille Landschaft, als schliche sich ihr verschwiegener Sommerreiz wie ein Geliebter leise in ihr Herz.

In jähem Erschrecken dachte sie: Bin ich denn untreu geworden? Was habe ich geweint um Kapellendorf! Und nun gehe ich über fremde Erde wie über heiliges Land. Was ist denn! Bin ich eine von denen, die keine Treue halten können? Nein — nein, das will ich nicht!

Sie dachte an die alte Heimat. Die stand vor ihren Augen mit zärtlicher Lockung. Sie dachte: einst, wenn ich mein eigenes Leben leben kann, dann will ich es wohl beweisen, daß diese Liebe kein vergänglicher Kindheitstraum war. Dann will ich heimgehen in das alte Land.

Leonore ging die Wege, die sie so oft mit Kelt gegangen war. Sie ging und hörte von ferne, in weiter Ferne den Wind in Wipfeln spielen — den Wind rauschen wie die Brandung des Meeres. Um sie war es still — nur weit fort, von Ewigkeit her, klang der Wind. — —