Kopfstück, Kapitel I, 6

Sechstes Kapitel.
Der Markt der Eitelkeit und die Treue bis in den Tod.

F

Fröhlich wanderten die Pilger ihres Weges weiter. Sie kamen nun durch eine Wildnis, deren Öde sie jedoch über ihrem brüderlichen Gespräch fast vergaßen. Gegen das Ende dieser wüsten Gegend rief Getreu: „O wer kommt denn dort?“ Christ wandte sich um und sprach: „Das ist ja der Evangelist, mein treuer Freund!“ — „Auch mein lieber Freund,“ versetzte Getreu, „denn er war es, der mich zur engen Pforte hinwies.“ In kurzem hatte sie der Evangelist erreicht und grüßte sie: „Friede sei mit euch, meine Geliebten!“

„Willkommen, willkommen, mein lieber Evangelist!“ rief Christ mit großer Freude. „O wie treu, wie unermüdlich hast du für mein ewiges Wohl gesorgt!“

„Tausendmal willkommen!“ rief Getreu, „wie herrlich ist es für arme Pilgrime, wenn sie mit dir pilgern können, du lieber Evangelist!“

„Wie ist es euch in dieser Zeit ergangen, meine Freunde? Was ist euch alles begegnet, und wie habt ihr euch verhalten?“ fragte der Evangelist.

Sie erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war und unter welchen Gefahren sie diese Gegend erreicht hatten.

„Ich freue mich sehr,“ sprach der Evangelist, „nicht daß ihr mit so vielen Versuchungen zu kämpfen hattet, sondern daß ihr als Sieger bestanden seid, und daß ihr, ungeachtet mancher Schwachheit, euren Weg bis auf diesen Tag fortgesetzt habt. Ja, ich freue mich sehr um meinet-, sowie um euretwillen. Ich habe gesät, und ihr habt geschnitten, und es kommt der Tag, daß, wenn anders ihr beharrt bis ans Ende, beide, der da sät und der da schneidet, sich miteinander freuen werden (Joh. 4, 36); denn zu seiner Zeit werdet ihr ernten, so ihr nicht müde werdet (Gal. 6, 9). Die Krone wird euch vorgehalten; die unverwelkliche Krone des Lebens; so laufet nun also, daß ihr sie ergreifet! (1. Kor. 9, 24.) Manche treten in die Laufbahn, und nachdem sie eine Weile gelaufen, kommt ein andrer ihnen zuvor und nimmt ihre Krone hinweg. Haltet darum, was ihr habt, daß niemand eure Krone nehme! (Offenb. 3, 11.) Noch habt ihr den Kampf mit dem Argen nicht ausgekämpft; ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Laßt das Himmelreich euch immer vor Augen sein und glaubt festiglich an die unsichtbaren Dinge! Laßt nichts von alledem, was von dieser Welt ist, bei euch Eingang finden! Vor allem wachet wohl über euer eigenes Herz und seine Begierden, denn das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Macht euer Angesicht wie einen Kieselstein; denn alle Gewalt im Himmel und auf Erden steht euch zur Seite.“

Christ dankte für diese Ermunterung. „Wie würden wir uns freuen,“ sprach er, „wenn du uns auf unserm Weg auch fernerhin behilflich sein würdest und uns zusprächest; und weil du, wie wir wohl wissen, ein Prophet bist, so sage uns doch, was für Gefahren uns noch bevorstehen und wie wir sie überwinden können!“ Getreu stimmte von ganzem diese Bitte ein, und der Evangelist sprach zu ihnen:

„Meine Söhne, ihr wißt aus dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, daß ihr durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müßt (Apostelg. 14, 22) und daß Bande und Trübsal allerorten euer warten (Apostelg. 20, 23). Darum dürft ihr nicht erwarten, daß ihr auf eurem Pilgerweg lang ohne Trübsal irgendeiner Art bleiben werdet. Ihr habt bereits die Wahrheit dieser Zeugnisse erfahren, und es wird sogleich noch mehr folgen. Ihr seid beinahe aus dieser Wildnis heraus und werdet nun in eine Stadt kommen, wo die Feinde euch sehr bedrängen, ja euch nach dem Leben stehen werden, und ohne Zweifel wird wenigstens einer von euch das Bekenntnis dessen, an dem ihr haltet, mit seinem Blut besiegeln; aber seid getreu bis an den Tod, so wird der König euch die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Welcher von euch beiden hier stirbt, wenn auch eines gewaltsamen Todes und vielleicht unter furchtbaren Qualen, dem ist doch das bessere Los zugefallen als seinem Gefährten, denn er darf eher in die himmlische Stadt eingehen und entgeht vielen Gefahren, die dem andern bevorstehen. Wenn ihr nun dermaleinst in die Stadt kommt und sich an euch erfüllt, was ich euch zuvor gesagt, so gedenkt an euren Freund! Seid nun männlich und seid stark und befehlet Gott eure Seelen als dem treuen Schöpfer in guten Werken!“ (1. Petr. 4, 19.)

Ich sah in meinem Traum, daß sich, sobald sie am Ende der Wüste waren, vor ihnen eine Stadt ausbreitete mit Namen Eitelkeit. Das ganze Jahr hindurch wird hier ein Markt abgehalten — wohlbekannt unter dem Namen Eitelkeitsmarkt. Er heißt so, weil die Stadt, darin er gehalten wird, weniger wiegt als nichts[98] und weil alles, was dahin kommt und dort feilgehalten wird, nichts denn Eitelkeit ist nach den Worten des Weisen: „Es ist alles ganz eitel!“ (Pred. 1, 2)[99] Dieser Markt ist nicht eine Einrichtung neuerer Zeit, er besteht schon sehr lange. Laß mich dir etwas von seiner Entstehung erzählen.

Es sind nun ungefähr fünftausend Jahre her, da wanderten auch Pilgrime, gleich diesen beiden redlichen Männern, nach der himmlischen Stadt; und da Beelzebub, Apollyon und Legion mit seinen Genossen merkten, daß ihr Weg durch diese Stadt führte, beschlossen sie, hier einen Markt einzurichten, wo das ganze Jahr hindurch alle Arten von Tand feilstehen sollten, wie Häuser, Ländereien, Gewerbe, Ämter, Würden, Beförderungen, Titel, Landschaften, Königreiche, Lustbarkeiten, Vergnügungen und Genüsse aller Art, wie Dirnen, Weiber, Gatten, Kinder, Herrschaften, Dienstboten, Leben, Blut, Leiber und Seelen, Silber, Gold, Perlen, Edelsteine und wer weiß was noch alles! Ja, noch mehr, auf diesem Jahrmarkt sind allezeit zu sehen Gaukeleien, Betrügereien, Glückspiele, Schauspiele, Narrenteidinge, Affen, Schelme und Schurken und allerlei derart. Ferner gibt’s, und alles umsonst, zu sehen Diebereien, Mordtaten, Ehebruch, Meineide, sämtlich in blutroter Farbe.

Und wie man es schon auf unbedeutenden Jahrmärkten antrifft, daß man bestimmte Waren in bestimmten Straßen haben kann, so hat man auch hier gewisse Plätze, Straßen und Gassen — das sind die verschiedenen Länder und Reiche —, wo die Waren dieses Jahrmarktes am leichtesten zu bekommen sind. Es gibt hier eine englische Straße, eine französische, eine italienische, eine spanische, eine deutsche, und in jeder werden bestimmte Arten von Eitelkeiten vorzugsweise verkauft. Und gleichwie auf andern Märkten etwas ist, was der wichtigste und hauptsächlichste Artikel ist, so fanden auf diesem Markt die Waren aus Rom besonders starken Absatz. Nur die Engländer und etliche andre Völker haben keinen großen Gefallen daran.

Mitten nun durch die Stadt, wo dieser Jahrmarkt gehalten wird, geht der Weg zur himmlischen Stadt; und wer also nach dem Berg Zion reisen und nicht hier durch diese Stadt ziehen wollte, der müßte die Welt räumen (1. Kor. 5, 10)[100]. Selbst der Herr der Herrlichkeit, da Er auf Erden wandelte, mußte den Weg zu Seinem eigenen Land durch diesen Ort nehmen, und zwar gerade an einem Markttag. Beelzebub, der Vorsteher des Jahrmarkts, lud Ihn ein, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen, ja Er sollte alles zum Geschenk haben, wenn Er ihm Ehre erweisen wollte. Und weil Er von so hoher Abkunft war, führte Ihn der Satan von Straße zu Straße und zeigte Ihm in kurzer Zeit alle Reiche der Welt, ob der Hochgelobte nicht zu bewegen wäre, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen. Aber der Herr hatte nicht Gefallen an dieser Ware; Er verließ die Stadt, ohne auch nur einen Heller an eine dieser Eitelkeiten verwandt zu haben. (Lies Matth. 4, 1-11.) Dieser Markt also besteht seit uralter Zeit und ist sehr groß.

Die Pilger nun mußten, wie gesagt, notwendig über diesen Jahrmarkt kommen. Kaum hatten sie die ersten Schritte in die Stadt getan, als alle Marktleute, ja die ganze Einwohnerschaft sich erregte und mit großem Tumult auf sie zuströmte, und das aus verschiedenen Gründen.

Die Pilger auf dem Eitelkeitsmarkt (S. 112.).

Erstens: Ihrer fremdartigen Kleider wegen wurden sie von dem Volk mit Erstaunen angegafft, aller Augen richteten sich auf sie; einige sagten: „Es sind Narren,“ andre: „Tollhäusler,“ wieder andre: „Ausländer“[101].

Zum andern: Gleichwie sie sich über ihre Kleidung verwunderten, so sehr fiel ihnen ihre Sprache auf. Sie redeten natürlich die Sprache Kanaans; die aber hier Markt hielten, waren Kinder dieser Welt. So kamen sie von einem Ende des Marktes bis zum andern den Leuten fremd und unverständlich vor[102].

Drittens: Was den Kaufleuten am unbegreiflichsten erschien, war, daß sie die Waren nicht der geringsten Aufmerksamkeit wert achteten, und wenn man sie anhielt, etwas zu kaufen, so hielten sie sich die Ohren zu und beteten: „Wende meine Augen ab, daß sie nicht nach Eitlem sehen!“ (Ps. 119, 37), und sie blickten in die Höhe, zum Zeichen, daß ihr Wandel im Himmel wäre[103].

Da jemand spöttisch die Frage an sie richtete, was sie denn kaufen wollten, und sie mit Festigkeit und Ernst erwiderten: „Wir kaufen Wahrheit“ (Spr. 23, 23), so brach von allen Seiten der bitterste Spott und Hohn gegen sie los; und einige riefen den andern zu, sie ins Angesicht zu schlagen. Kurz, alle Ordnung des Jahrmarkts verkehrte sich in ein entsetzliches Getümmel. Die Sache wurde vor den Obersten des Marktes gebracht, der sogleich einige seiner vertrautesten Freunde abschickte, die Fremden, die einen solchen Auflauf veranlaßt hätten, zu verhören.

So wurden die Pilger festgenommen und vor Gericht geführt.

„Woher kommt ihr? Wohin geht eure Reise? Und warum erscheint ihr in so ungewöhnlicher Tracht?“ Dies waren die Fragen, die man ihnen im Verhör vorlegte.

„Wir sind Gäste und Fremdlinge auf Erden,“ antworteten sie; „wir wandern nach unsrer Heimat, nach dem himmlischen Jerusalem. Weder den Einwohnern der Stadt noch den Marktleuten haben wir Veranlassung gegeben, uns so zu mißhandeln und aufzuhalten; ausgenommen, daß wir einem, der uns fragte, was wir kaufen wollten, die Antwort gaben: Wir kaufen Wahrheit.“

Diese Aussage war ausreichend, um auch die Richter zu überzeugen, daß sie nichts andres seien als tolle und verrückte Leute, die einzig und allein beabsichtigten, den ganzen Markt in Verwirrung zu bringen.

Daher legte man von neuem Hand an sie; sie wurden geschlagen, mit Kot beworfen und in ein Gefängnis gelegt, wo sie, den Augen des Volkes ausgesetzt, eine Zeitlang der Gegenstand des allgemeinen Hohnes, der ausgesuchtesten Bosheit waren. Und der Oberste des Marktes weidete sich an diesem Schauspiel. Indes blieben aber die Pilger geduldig, vergalten nicht Scheltwort mit Scheltwort, sondern segneten dagegen (1. Petr. 3, 9); sie übten Güte für erlittenes Unrecht, so daß einige besonnene Männer, die weniger vom Vorurteil befangen waren als die andern und die Geduld der Fremdlinge mit Bewunderung beobachtet hatten, sich ihrer gegen die erbitterte Menge annahmen. Nun aber wandte sich deren Zorn auch gegen diese Bessergesinnten. „Ihr seid,“ so rief man ihnen zu, „ebenso nichtsnutzig wie die beiden da am Pranger und wohl ihre geheimen Verbündeten und verdient die gleiche Strafe!“

„Es sind,“ erwiderten jene, „soviel wir sehen können, redliche und friedliche Männer, die niemand etwas zuleide tun. Mancher ist auf unserm Markt, der eher ins Gefängnis, ja an den Schandpfahl gehörte als diese Männer, die man so schändlich mißhandelt.“

Eine Weile noch fiel Rede auf Gegenrede, währenddessen sich die Pilger ruhig und besonnen verhielten. Aber bald kam es von Worten zu Händeln und blutigen Auftritten, und es entstand die größte Verwirrung.

Hierauf mußten die armen Pilger aufs neue vor ihren Richtern erscheinen; sie wurden hart verklagt, daß sie die Ursache am letzten Aufruhr auf dem Jahrmarkt wären; man stäupte sie in grausamer Weise, man legte sie in Ketten und führte sie den Markt auf und ab, zum abschreckenden Beispiel für andre und zu verhindern, daß jemand für sie spräche oder sich ihnen anschlösse. Sie benahmen sich dabei so ruhig und trugen die Schande mit so viel Sanftmut und Ergebung, daß mehrere auf dem Markt — indes nur eine geringe Zahl im Vergleich mit der Menge — für sie gewonnen wurden. Dies setzte die andern in desto größere Wut, und sie beschlossen den Tod der Fremdlinge. Darum drohten sie ihnen, daß Pranger und Ketten für sie zu gelinde Strafen seien, daß sie vielmehr sterben sollten, und zwar um des angerichteten Schadens willen und weil sie alles Volk auf dem Markt erregt hätten. Man führte sie wieder in das Gefängnis zurück und legte ihre Füße in den Stock, bis das Urteil über sie gefällt sein würde.

Hier gedachten sie der Worte ihres treuen Freundes, des Evangelisten, die so genau in Erfüllung gegangen waren, und wurden dadurch nicht wenig in ihrem Glauben gestärkt. Es wurde ihnen auch ganz gewiß, daß einer von ihnen hier sterben werde; einer sagte es dem andern zum Trost, daß das Los dessen, der hier sein Leben lassen werde, das schönste sei, und jeder wünschte heimlich, daß es ihm selbst zuteil werden möchte. Doch, indem sie sich der allweisen Führung dessen überließen, der alle Dinge regiert, blieben sie mit völliger Ergebung in ihrer gegenwärtigen Lage und sahen ruhig der Entscheidung entgegen.

Nachdem nun eine gelegene Zeit gekommen war, wurden sie im Beisein ihrer Feinde und Ankläger vor das Gericht gestellt, dessen Vorsitzender Gotthaß war. Die Anklage gegen beide war dem Wesen nach ein und dieselbe. Man beschuldigte sie, sie seien Feinde und Störer des Handels, sie hätten Unruhen und Spaltungen in der Stadt erregt, ja eine Anzahl der Einwohner, dem Gesetz ihres Fürsten zum Trotz, für ihre gefährlichen Grundsätze gewonnen.

Getreu verantwortete sich nun hierauf zuerst und sprach: „Ich habe mich nur gegen das gesetzt, was sich selbst gegen den Allerhöchsten aufgeworfen hat. Störung und Unruhe mache ich nicht, denn ich bin ein Mann des Friedens. Sind etliche für uns gewonnen worden, so geschah es durch die Erkenntnis unsrer Unschuld und Redlichkeit, und sie haben sich nur vom Schlechten zum Bessern gewendet. Was den König betrifft, von dem ihr redet, so spreche ich ihm und allen seinen Dienern hiermit öffentlich Hohn, ist er doch Beelzebub, der Feind unsers Herrn.“

Hierauf wurde ausgerufen, wer etwas zugunsten seines Königs und Herrn gegen diesen Gefangenen vor den Schranken vorzubringen habe, solle sogleich auftreten und sein Zeugnis ablegen. Da traten drei Zeugen herzu, nämlich Neid, Aberglaube und Schmeichler.

Man fragte sie, ob sie den Gefangenen kennten und was sie für ihren König und Herrn zu sagen hätten.

Da trat Neid vor und sprach: „Mein Herr, ich kenne diesen Mann schon lange und will es auf meinen Eid vor diesem hochwürdigen Gericht bezeugen, daß er —“

„Halt!“ rief der Richter, „man lasse ihn zuerst schwören!“ Es geschah, und Neid fuhr fort: „Mein Herr, dieser Mann ist trotz seines schönen Namens einer der schlechtesten Menschen in unserm Land. Er achtet weder Fürsten noch Volk, weder Gesetz noch Sitte. Er benützt jede Gelegenheit, um jedermann seine verderblichen Ansichten beizubringen, die er Grundsätze des Glaubens und der Heiligkeit nennt. Ich habe ihn einmal selbst sagen hören, das Christentum und die Sitten unsrer Stadt Eitelkeit ständen einander schnurstracks gegenüber, und es sei schlechthin unmöglich, beide zu vereinigen. Indem er also spricht, Herr Richter, verdammt er nicht allein alle unsre löblichen Handlungen, nein, er verdammt somit auch uns selbst, die wir sie tun.“

„Hast du sonst noch etwas gegen ihn zu sagen?“ fragte der Richter.

„Mein Herr,“ erwiderte Neid, „ich hätte allerdings noch mehr zu sagen, fürchte jedoch der Versammlung lästig zu werden. Allein, falls das Zeugnis der übrigen Herren noch nicht zur Verurteilung des Angeklagten hinreichen sollte, werde ich das meine weiter auszuführen wissen.“ So ward ihm befohlen abzutreten.

Darauf wurde Aberglaube hereingerufen. Der Richter befahl ihm, den Gefangenen anzusehen und sein Zeugnis wider ihn für seinen Herrn und König kundzutun. Nachdem er den Eid abgelegt, begann er also:

„Herr Richter, ich stehe zwar in keiner nähern Bekanntschaft mit diesem Mann, wünsche ihn auch nicht näher kennenzulernen; dies jedoch weiß ich gewiß, daß er eine wahre Pest für unsre Stadt ist. Ich habe neulich mit ihm gesprochen und es selbst aus seinem Mund gehört, daß unser Gottesdienst wertlos sei, daß wir dadurch das Wohlgefallen Gottes nicht erlangen können. Was folgt hieraus deutlicher, mein Herr, als daß wir unsre Gottesverehrungen umsonst darbringen, daß wir noch in unsern Sünden sind und endlich ewig verdammt werden? Dies ist es, was ich zu sagen habe.“

Hierauf mußte Schmeichler vortreten, und nachdem er den Eid geleistet, ward er aufgefordert, zugunsten seines Herrn und Königs gegen den Gefangenen zu sprechen.

„Mein Herr Richter und ihr verehrte Herren!“ sagte er, „ich habe diesen Kerl schon lange gekannt und ihn Dinge sagen hören, die nicht zu dulden sind. Er hat Beelzebub, unsern erhabenen Fürsten, gelästert und verächtlich gesprochen von seinen ehrenwerten Freunden, als da sind: Herr Altermensch, Herr Fleischeslust, Herr Üppig, Herr Ruhmsucht, der alte Herr Unzucht, der edle Herr Geizhals und alle unsre übrigen Edelleute. Auch hatte er die Frechheit, zu sagen: wenn alle von seiner Gesinnung wären, so würde keiner von diesen edlen Herren länger in der Stadt geduldet werden. Ja, er hat sich erdreistet, auch dich, mein edler Herr, seinen Richter, einen gottlosen Buben zu schelten und in der verächtlichsten Weise von dir zu reden, sowie auch die meisten vom Adel in unsrer Stadt mit den gemeinsten Schimpfnamen zu belegen.“

Nachdem Schmeichler seine Rede vollendet, wandte sich der Richter an den Gefangenen, der vor der Anklagebank stand, und sprach: „Du Abtrünniger, du Ketzer, du Verräter, hörst du, was diese edlen Herren wider dich zeugen?“

„Darf ich einige Worte zu meiner Verteidigung sprechen?“ fragte Getreu.

„Schweig, Bube!“ so schrie der Richter mit Zorn, „du verdienst nicht länger zu leben, du verdienst auf der Stelle den Tod. Doch — damit jedermann meine Großmut erkenne — laß hören, was du zu sagen hast!“

„Was zuerst die Anklage des Herrn Neid betrifft,“ sprach Getreu mit ruhigem Ernst, „so habe ich gesagt: Wenn eine Regel, ein Gesetz, eine Sitte oder ein Volk gegen Gottes Wort streitet, so läuft solches dem wahren Christentum schnurstracks entgegen. Ist dies unrecht, so überführe man mich meines Irrtums, und ich bin bereit, öffentlich zu widerrufen.

Was zweitens Herrn Aberglaube und seine Anklage betrifft, so habe ich gesagt, daß zur Verehrung Gottes ein von Gott gewirkter Glaube erforderlich ist; dieser aber kann nur aus einer göttlichen Offenbarung des Willens Gottes hervorgehen. Alles, was sich nun in die Gottesverehrung hineingedrängt hat und nicht mit der göttlichen Offenbarung übereinstimmt, kann nur durch einen bloß menschlichen Glauben geübt werden, der uns nicht zum ewigen Leben dient.

Endlich in bezug auf Herrn Schmeichler erkläre ich (indem ich mich seiner Schimpfworte enthalte), daß der Fürst dieser Stadt samt allen seinen Anhängern, die eben genannt wurden, eher in der Hölle als in dieser Stadt zu sein verdienten. Der Herr, mein Gott, sei mir gnädig!“

Hierauf wandte sich der Richter an die Geschworenen, die der ganzen Verhandlung aufmerksam beigewohnt hatten: „Meine Herren Geschworenen, ihr seht hier diesen Menschen, um deswillen ein so großer Aufruhr in der Stadt entstanden ist. Ihr habt auch gehört, was diese ehrenwerten Herren wider ihn gezeugt haben; seine Erwiderung, sein Geständnis habt ihr vernommen. Eure Sache ist es nun, ihn zum Tod zu verdammen oder ihn freizusprechen. Doch erscheint es angemessen, euch zuerst unser Gesetz vorzuhalten.

Zu den Zeiten Pharaos des Großen, des Dieners unsers Fürsten, ward ein Gesetz gegeben, daß, wenn Leute von einer andern Religion sich vermehren, alle ihre Knäblein im Wasser sollen ertränkt werden, damit sie nicht zu mächtig würden.

Ebenso ward ein Gesetz erlassen zu den Zeiten Nebukadnezars des Großen, eines andern Dieners unsers Fürsten, daß ein jeder, der nicht niederfiele, sein goldenes Bild anzubeten, in den glühenden Ofen geworfen werden sollte.

Desgleichen ward ein Gesetz ausgegeben in den Tagen des Darius, daß wer in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen, ohne von dem König Darius allein, solle den Löwen vorgeworfen werden.

Dieser Rebell nun hat alle diese Gesetze ihrem wesentlichen Inhalt nach gebrochen, nicht allein in Gedanken — schon das dürfte man nicht dulden — sondern auch in Wort und Tat, was schlechterdings nicht ungestraft bleiben darf.

Was das Gesetz Pharaos betrifft, so war dieses bloß auf die Vermutung hin gegeben, um dadurch einem Unheil vorzubeugen, das Verbrechen selbst lag noch gar nicht vor. Was das zweite und dritte Gesetz betrifft, so seht ihr, daß er wider unsre Religion streitet, und wegen des Hochverrats, den er eingestanden, verdient er den Tod.“

Dann zog sich das Geschworenengericht zurück. Es war zusammengesetzt aus den Herren Blindmann, Übelgesinnt, Boshaft, Lüstling, Schlüpfrig, Hitzkopf, Hochmut, Feindselig, Lügner, Grausam, Finsterling und Unversöhnlich.

Jeder von ihnen gab sein besonderes Urteil gegen den Angeklagten ab, und hernach beschlossen sie einstimmig, ihn vor dem Richter für schuldig zu erklären.

Herr Blindmann, der den Vorsitz hatte, sagte: „Ich sehe deutlich, daß dieser Mensch ein Ketzer ist.“

Herr Übelgesinnt sprach: „Weg mit einem solchen Kerl von der Erde!“

„Recht so!“ sagte Herr Bosheit, „denn schon sein Blick ist mir unerträglich.“

Herr Lüstling sprach: „Ich habe ihn nie leiden können!“

„Auch ich nicht,“ versetzte Herr Schlüpfrig, „denn er hat mein Tun immer verdammt.“

„Hängt ihn! Hängt ihn!“ rief Herr Hitzkopf.

„Er ist ein jämmerlicher Bube!“ sagte Herr Hochmut.

„Mein Innerstes empört sich gegen ihn!“ schrie Herr Feindselig.

„Ein Landstreicher ist er!“ sagte Herr Lügner.

Herr Grausam stimmte dahin, daß das Hängen viel zu gut für einen solchen Menschen sei.

„Wir müssen ihn aus dem Weg räumen!“ rief Herr Finsterling.

„Und sollte ich auch die ganze Welt zum Lohn haben,“ sagte Herr Unversöhnlich, „ich könnte mich nun und nimmer mit ihm aussöhnen. Darum laßt uns ohne weiteres auf seine Hinrichtung antragen!“

Wirklich wurde Getreu zum Tod verurteilt. Während man ihn nach seinem Gefängnis abführte, sannen die Herren nur darauf, wie man ihn auf die qualvollste Weise zu Tode bringen könne.

Der Verurteilte wurde nun hinausgeführt, um mit ihm nach ihrem Gesetz zu verfahren. Zuerst wurde er gegeißelt, darauf mit Fäusten geschlagen, mit Messern gestochen und gesteinigt. Der Leichnam wurde mit Schwertern zerhauen und auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrannt.

So starb Getreu den Märtyrertod.

Ich ward aber gewahr, daß über der Menschenmenge, die sich zu der Hinrichtung versammelt hatte, ein feuriger Wagen mit Rossen stand, der auf Getreu wartete; dieser nahm ihn, sobald seine Feinde die Hinrichtung vollzogen, auf und führte ihn unter Posaunenschall durch die Wolken zu der Pforte des Himmels.

Christ wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo er noch eine Zeitlang ausharren mußte. Der Herr aber, der alle Dinge, auch die Wut der Feinde, nach dem Rat Seines Willens lenkt, schickte es so, daß Christ ihnen entkam und seines Weges weiterziehen konnte. Alsbald hob er an zu singen:

Wohl dir, du Kind der Treue,
Du hast und trägst davon
Voll Danks und ohne Reue
Den Sieg und Ehrenkron’;
Gott gibt dir selbst die Palmen
In deine rechte Hand,
Und du singst Freudenpsalmen
Dem, der dein Leid gewandt!

Fußnoten:

[98] Menschen sind ja nichts; sie wiegen weniger denn nichts, soviel ihrer ist (Ps. 62, 10).

[99] Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind (Pred. 1, 14).

[100] Jesus betete: Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel (Joh. 17, 15).

[101] Wir sind ein Schauspiel geworden der Welt; wir sind Narren um Christi willen (1. Kor. 4, 9. 10).

[102] Die Welt kennt euch nicht; denn sie kennt Ihn nicht (1. Joh. 3, 1).

[103] Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi, des Herrn (Phil. 3, 20).