ie Pilger erreichten bald die lieblichen Berge, welche dem Herrn des Hügels, von dem wir zuvor gesprochen, gehörten. Die Abhänge dieser Berge waren mit den anmutigsten Gärten, Baumanlagen und Weingärten bedeckt, zwischen denen man grüne Wiesen sah, durch welche frische Gebirgsbäche herabrauschten. Hier stillten sie den Durst, wuschen sich und aßen von den Früchten des Weinstocks nach Herzenslust. Auf einer Anhöhe nahe an der Heerstraße trafen die Pilger Hirten, die ihre Herden weideten. Zu diesen gingen sie hin, und, auf ihre Stäbe gelehnt, wie müde Pilger zu tun pflegen, wenn sie stillstehen, um mit jemand am Weg zu reden, fragten sie: „Wem gehören diese lieblichen Berge, und wes sind die Herden, die ihr weidet?“
Hirten. Diese Berge sind Immanuels Land und liegen im Gesichtskreis Seiner Stadt. Ihm gehören diese Schafe, und Er hat Sein Leben für sie gelassen (Joh. 10, 12).
Christ. Ist dies der Weg zur himmlischen Stadt?
Hirten. Ja, ihr seid auf dem rechten Weg.
Christ. Wie weit ist es noch bis dahin?
Hirten. Zu weit für alle, die ohne die Gnade des Herrn wandern.
Christ. Ist der Weg sicher oder gefährlich?
Hirten. Er ist sicher für die Gerechten, aber die Übertreter fallen auf demselben[114].
Christ. Gibt es hier eine Ruhestätte für ermüdete Pilger?
Hirten. Der Herr dieser Berge hat uns befohlen, gastfrei zu sein[115], und was wir haben, steht euch zu Gebote.
Ich sah nun in meinem Traum, daß die Hirten, als sie diese Männer als Reisende erkannten, sie fragten über ihr Woher und Wohin, besonders wie es ihnen gelungen sei, dieses Gebirge zu erreichen, da erfahrungsgemäß nur wenige von allen, die sich auf den Weg nach der himmlischen Stadt begeben haben, bis hierher zu kommen pflegten. Alle diese Fragen wurden zu voller Zufriedenheit der Hirten beantwortet, und mit großer Freundlichkeit sagten sie zu den Pilgern: „Seid willkommen auf den lieblichen Bergen!“
Weise, Erfahren, Wachsam und Aufrichtig — dies sind die Namen der Hirten — führten sie in ihre Zelte und bereiteten ihnen ein stärkendes Mahl. Sie baten die Pilger, eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen, damit sie besser miteinander bekannt würden und sie sie desto mehr mit den guten Früchten der Berge erquicken könnten. Mit Freuden nahmen sie diese Einladung an, und weil es schon sehr spät war, begaben sie sich zur Ruhe.
Am frühen Morgen wurden sie von den Hirten geweckt, die ihnen die wichtigsten Punkte des Gebirges zeigen wollten. Dazu waren die Pilger gern bereit, und sie genossen, indem sie miteinander dahingingen, die herrliche Aussicht, die sich im Glanz des Morgenlichtes nach allen Seiten hin öffnete. Zuerst kamen sie auf die Spitze eines Berges, der senkrecht in eine große Tiefe abfiel; es war der Berg des Irrtums. Die Hirten hießen sie hinabsehen. Mit Entsetzen wurden sie in der Tiefe Menschen gewahr, die hinabgestürzt waren und zerschmettert am Boden lagen.
Was bedeutet das? fragte Christ.
Die Hirten antworteten: „Habt ihr niemals von solchen gehört, die in Irrtum verfielen, weil sie Hymenäus und Philetus gefolgt hinsichtlich des Glaubens an die Auferstehung der Toten[116]?“
Sie antworteten: „Ja!“
Hierauf sagten die Hirten: „Diese sind es, welche da am Fuße des Berges zerschmettert liegen; sie liegen noch immer unbegraben da und sollen andre warnen, nicht zu hoch zu steigen und dem Rand dieses Abgrundes nicht zu nahe zu kommen.“
Von hier aus bestiegen sie einen andern Berg, den Berg der Warnung. Auf die Anweisung der Hirten, in die Ferne zu blicken, bemerkten sie dort zwischen einer Menge Gräber Menschen umherirren, die wie Blinde keinen Ausweg finden konnten und oft an die Grabeshügel stießen.
Christ fragte: „Was bedeutet das?“
Die Hirten antworteten: „Habt ihr nicht ein wenig vor diesen Bergen einen Steg gesehen, der links vom Weg auf eine Wiese hinüberführt?“
Sie erwiderten: „Ja!“
„Über diesen Steg,“ sagten die Hirten, „geht ein Fußpfad gerade nach der Zweifelsburg, wo der Riese Verzweiflung haust. Diese Blinden, die ihr zwischen den Gräbern umherirren seht, sind Pilgrime gewesen wie ihr. Wo der Weg rauh wird, sind sie über den Steg gegangen und auf der Wiese in die Hände jenes Riesen gefallen, der sie eine Zeitlang in seinem Burgverlies gehalten, ihnen dann die Augen ausgestochen und sie an die Gräber geführt hat, zwischen denen sie bis auf diesen Tag umherirren. An ihnen ist das Wort des Weisen erfüllt: Ein Mensch, der vom Weg der Klugheit irrt, der wird bleiben in der Toten Gemeinde“ (Spr. 21, 16).
Mit Tränen in den Augen sahen Christ und Hoffnungsvoll einander an, ohne ein Wort zu den Hirten zu reden.
Die Hirten führten die Pilger in ein tiefes Tal, wo eine Tür zu bemerken war, die in das Innere des Berges zu führen schien. Kaum war die Tür geöffnet, so drang ein entsetzlicher Schwefelgeruch heraus. Von den Hirten dazu aufgefordert, sahen sie hinein, doch der Raum war finster und voller Rauch. Dazwischen hörten sie ein Getöse von prasselndem Feuer und ein Geschrei wie von Gequälten.
Darauf fragte Christ: „Was bedeutet denn dies?“
Die Hirten antworteten: „Dies ist ein Nebenweg zur Hölle, ein Weg, den die Heuchler zu gehen pflegen, namentlich, die ihre Erstgeburt verkaufen wie Esau; solche, die ihren Meister verraten wie Judas; solche, die das Evangelium lästern wie Alexander (1. Tim. 1, 20), und solche, die sich der Lüge und Verstellung ergeben wie Ananias und Saphira“ (Apostelg. 5, 1-11).
Hoffnungsvoll sprach zu den Hirten: „Und hatte nicht jeder von diesen das Aussehen eines Pilgers gleichwie wir?“
„Ja,“ erwiderten die Hirten, „und zwar ziemlich lange.“
„Wie weit,“ fragte Hoffnungsvoll, „mochten sie wohl auf ihrer Pilgerschaft schon gekommen sein, als sie noch verstoßen wurden?“
„Manche über diese Berge hinaus, viele jedoch nicht bis hierher,“ war die Antwort der Hirten.
„O,“ riefen die Pilger, „wie nötig ist’s also, daß wir den Herrn, den Allmächtigen, um Kraft anflehen!“
„Ja,“ sagten die Hirten, „und sie auch wohl anwenden, wenn sie euch verliehen ist.“
Christ und Hoffnungsvoll wünschten nun ihre Reise fortzusetzen. Die Hirten waren es zufrieden und geleiteten sie noch bis an das Ende des Gebirges. Auf der letzten Anhöhe, Klar genannt, wo man mit bewaffnetem Auge schon die Tore der himmlischen Stadt sehen konnte, blieben sie stehen. Sie gaben den Pilgern ihr Fernrohr. Diese aber waren von dem, was sie auf diesen Bergen gesehen hatten, so tief erschüttert, daß ihnen die Hand zitterte und sie keinen sichern Blick durch das Glas zu tun vermochten; indes glaubten sie doch die Tore und etwas von der Herrlichkeit der Stadt zu erkennen.
Indem sie sich zum Weitergehen anschickten, sangen sie:
Beim Abschied gab ihnen der Hirt Weise eine Beschreibung des Weges mit. Erfahren sprach: Hütet euch vor dem Verführer! Wachsam warnte sie, auf dem bezauberten Grund zu schlafen. Aufrichtig wünschte ihnen Gottes Geleit auf den Weg.
Da erwachte ich von meinem Traum.
Fußnoten:
[114] Die Wege des Herrn sind richtig, und die Gerechten wandeln darin; aber die Übertreter fallen darin (Hos. 14, 10).
[115] Gastfrei zu sein vergesset nicht, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt (Hebr. 13, 2).
[116] Hymenäus und Philetus sind von der Wahrheit irregegangen und sagen, die Auferstehung der Toten sei schon geschehen, und haben etlicher Glauben verkehrt (2. Tim. 2, 17. 18).