Kopfstück, Kapitel I, 12

Zwölftes Kapitel.
Durch die Fluten der letzten Trübsal und Eingang in die himmlische Stadt.

U

Unter diesen Betrachtungen legten sie die letzte Strecke des bezauberten Grundes zurück und betraten das Land der Vermählung, wo ihnen sogleich eine lieblich erfrischende Luft entgegenwehte. Da ihr Weg hier hindurchführte, so erquickten sie sich daselbst eine Zeitlang. „Siehe, der Winter ist vergangen,“ rief Hoffnungsvoll, „die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Land“ (Hohesl. 2, 12). Hier geht die Sonne nicht unter, das Tal der Todesschatten ist weit entfernt, der Riese der Verzweiflung dringt hier niemals ein; die Zweifelsburg sieht man nicht mehr; die himmlische Stadt, zu der sie wanderten, strahlte ihnen in hellem Licht entgegen, und es begegneten ihnen schon einige der Glänzenden, die hier an den Grenzen des Himmels gewöhnlich zu lustwandeln pflegen. Hier ward nun die Verlobung zwischen der Braut und dem Bräutigam erneuert, ja wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so freut sich ihr Gott über sie (Jes. 62, 5). Hier hatten sie auch keinen Mangel an Korn und Wein, sondern fanden alles das im Überfluß, was sie auf ihrer ganzen Pilgerreise gesucht hatten. Von der Stadt her drangen laute Stimmen an ihr Ohr, welche riefen: „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! siehe, Sein Lohn ist bei Ihm!“ (Jes. 62, 11), und von den Einwohnern des Landes wurden sie genannt: „Das heilige Volk, die Erlösten des Herrn“ (Jes. 62, 12).

Während sie hier wanderten, durchströmte eine nie gekannte Freude ihr Herz. Sie kamen nun der Stadt immer näher, und immer vollkommener wurde deren Anblick; sie sahen schon die Mauern von edlem Gestein, sie sahen die Perlentore und die Straßen von lauterm Gold. Dieser Glanz und diese Herrlichkeit, welche die darauf fallenden Sonnenstrahlen zurückwarfen, erweckten in ihrem Herzen eine unendliche Sehnsucht nach dem Herrn. Daher legten sie sich eine Weile nieder und riefen in ihrem Heimweh aus: „Findet ihr meinen Freund, so sagt Ihm, daß ich vor Liebe krank liege!“ (Hohesl. 5, 8). Als sie sich wieder ein wenig gefaßt hatten, zogen sie weiter. Der Weg führte sie an lieblichen Obst- und Weingärten vorüber, deren Türen nach der Straße hin offen standen. Der Gärtner stand am Weg, und den fragten sie: „Wem gehören diese herrlichen Weinberge und lieblichen Gärten?“ Er antwortete: „Dies sind die Besitzungen des Königs, die Er für sich und zur Erquickung der Pilger angelegt hat.“ Hierauf führte der Gärtner sie in die Weingärten und hieß sie sich erfrischen mit den darin wachsenden köstlichen Früchten. Er zeigte ihnen auch des Königs Lustgänge und Sommerlauben, in denen sich aufzuhalten Seine Lust war. Allda verweilten sie ein wenig und schliefen ein.

Nun bemerkte ich in meinem Traum, daß die Pilger in ihrem Schlaf mehr redeten als während ihrer ganzen Reise, und da ich mich darüber verwunderte, sprach der Gärtner zu mir: „Warum machst du dir hierüber Gedanken? Es liegt in der Natur der Früchte dieser Weingärten, daß sie so glatt eingehen und der Schläfer Lippen reden machen“ (Hohesl. 7, 10).

Als sie dann erwachten, sah ich, daß sie sich anschickten, zur Stadt hinaufzugehen; allein der Widerschein der Sonne auf der Stadt war so blendend (denn sie war von lauterm Gold, Offenb. 21, 18), daß sie dieselbe nicht mit bloßen Augen anschauen konnten, sondern nur durch ein dunkles Glas, welches sie dazu vorfanden[142].

Indem sie weiterwanderten, begegneten ihnen zwei Männer, deren Angesicht leuchtete wie Sonnenglanz, und ihr Gewand strahlte wie lauteres Gold. Diese fragten die Pilger nach ihrer Heimat, über ihre Pilgerreise, wo sie unterwegs gerastet, welche Beschwerden und Gefahren ihnen begegnet und was für Tröstungen und Freuden ihnen zuteil geworden seien. Nachdem sie diese Fragen beantwortet hatten, sprachen die Männer zu ihnen: „Nur zwei Hindernisse noch, und ihr seid in der himmlischen Stadt!“

„Möchtet ihr doch bei uns bleiben!“ baten die Pilger.

„Wir werden euch geleiten,“ erwiderten die Männer, „aber nur durch euren eigenen Glauben könnt ihr überwinden.“

Ich sah nun, daß sie miteinander fortwanderten und der Stadt immer näher kamen, als sie mit Bestürzung einen breiten Strom vor sich erblickten, der sie noch von der Stadt des Friedens trennte. Der Weg führte gerade auf den Strom zu, ohne daß man irgendeine Spur von einer Brücke bemerken konnte; und der Strom war tief.

„Hier müßt ihr hindurch,“ sprachen die Männer, „oder ihr könnt nicht zur himmlischen Pforte gelangen.“

„Gibt es aber nicht noch einen andern Weg zur Pforte?“ fragten die Pilger.

„Für euch gibt es durchaus keinen andern Weg. Henoch und Elia sind die einzigen seit Grundlegung der Welt, denen ein andrer Pfad geöffnet wurde, und bis zum Schall der letzten Posaune wird es keinem andern mehr vergönnt sein, diesen Pfad zu gehen.“

Darüber wurden die Pilger, besonders Christ, sehr entmutigt und blickten bald hierhin, bald dorthin; allein sie konnten keinen Ausweg finden, um diesen Strom zu umgehen.

„Ist denn das Wasser an allen Stellen gleich tief?“ fragten sie die Männer.

„Je nach eurem Glauben,“ erwiderten diese, „werdet ihr den Fluß tiefer oder seichter finden; in diesem Fall jedoch können wir euch keine Hilfe leisten.“

Kaum waren sie in das Wasser gestiegen, als Christ schon anfing zu sinken und seinem Freund zurief: „Ich versinke in tiefen Wassern; die Wogen gehen über mein Haupt, und alle ihre Wellen bedecken mich!“ (Jona 2, 4.)

„Sei getrost, mein Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „ich fühle festen Grund!“

„Ach, lieber Freund,“ rief Christ, „die Angst des Todes hat mich ergriffen! Ich werde das Land nicht sehen, darin Milch und Honig fließt.“ — Tiefe Finsternis umgab ihn, er verlor die Pforte jenseits aus den Augen, ja, nicht einmal der großen Treue konnte er sich mehr erinnern, mit der ihn der Herr sein Leben lang gehalten und getragen hatte. Alle seine Worte verrieten den Schrecken seiner Seele und die Furcht seines Herzens, er werde in dem Strom umkommen und niemals durch die Pforte einziehen dürfen. Alle seine Sünden wachten auf und beunruhigten ihn, und zuweilen schien es, als wenn er mit unsichtbaren Feinden zu kämpfen hätte. Hoffnungsvoll hatte daher genug zu tun, das Haupt seines Bruders über Wasser zu halten, ja zuweilen schien es, als sänke er ganz unter, und erst nach einer Weile kam er halbtot wieder empor.

„Mein Bruder,“ so suchte Hoffnungsvoll von neuem zu trösten, „ich sehe die Pforte schon, ich sehe Männer in glänzendem Gewand, die zu unserm Empfang bereitstehen.“

Aber Christ antwortete: „Auf dich warten sie, auf dich; du hast gehofft, solange ich dich kenne.“

„Auch du hast deine Hoffnung bewahrt,“ erwiderte Hoffnungsvoll.

„Ach, Bruder,“ sagte Christ, „wäre ich gerecht vor Ihm, gewiß, Er würde mir jetzt zu Hilfe kommen; aber meine Sünden sind zu groß, darum bin ich in dieser Not, und Er hat mich verlassen.“

„Lieber Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „laß dich erinnern, was von den Gottlosen geschrieben steht: Sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast; sie sind nicht in Unglück wie andre Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt (Ps. 73, 4. 5). Die Angst und Bangigkeit deines Herzens, durch welche du in diesen Wassern hindurch mußt, sind nicht ein Zeichen davon, daß dich Gott verlassen hat; sie sollen vielmehr dazu dienen, dich zu prüfen, ob du der Güte gedenken werdest, womit Er dich bisher geleitet, und ob du in deiner Not auch dein Vertrauen auf Ihn allein setzest.“

Nun sah ich im Traum, daß Christ hierüber eine Weile in Gedanken versunken war. Hoffnungsvoll redete ihm weiter zu: „Sei getrost! Jesus Christus macht dich gesund.“ Da rief Christ auf einmal mit lauter Stimme: „O ich sehe Ihn wieder! und Er versichert mir: So du durch Wasser gehst, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen“ (Jes. 43, 2). Nun faßten sie beide wieder Mut, und der Feind verstummte, bis sie vollends hinüber waren. Sogleich spürte Christ Boden unter sich, so daß er gewiß treten konnte, und es fand sich auch, daß der übrige Teil des Flusses seicht war. So erreichten sie glücklich das jenseitige Ufer.

„Mein Bruder,“ tröstete Hoffnungsvoll, „ich sehe die Pforte schon!“ (S. 184.)

Hier standen bereits jene beiden Männer in glänzendem Gewand, die ihrer warteten und sie freundlich begrüßten. „Wir sind dienstbare Geister,“ sagten sie, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit“ (Hebr. 1, 14). Und sie wandten sich miteinander der Pforte zu.

Nun lag aber die Stadt auf einem sehr hohen Berg; doch an der Seite der beiden Männer, die die Pilger am Arm führten, kamen sie ohne Mühe hinauf. Auch hatten sie das Gewand der Sterblichkeit im Fluß abgestreift; denn ob sie schon damit angetan hineingegangen waren, kamen sie doch ohne dasselbe heraus. So ging es leicht und schnell aufwärts, wiewohl der Grund, auf dem die Stadt gebaut stand, höher war als die Wolken. Unter lieblichen Gesprächen schwebten sie durch die Luftregionen empor, voll Freude darüber, daß sie so glücklich durch den Strom gekommen waren und daß so herrliche Begleiter zu ihrem Dienst bereit waren.

Die Glänzenden sprachen mit ihnen von der himmlischen Stadt, ihrer unbeschreiblichen Schönheit und Pracht. „Nun,“ sagten sie, „kommt ihr zu dem Berg Zion, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (Hebr. 12, 22-24). Ihr werdet eingehen in das Paradies Gottes, den Baum des Lebens werdet ihr sehen und essen von seinen unvergänglichen Früchten (Offenb. 2, 7). Ihr werdet wandeln in weißen Kleidern (Offenb. 3, 4), ihr werdet den König sehen (Offenb. 22, 4) und bei Ihm wohnen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was euch auf Erden bedrückte, wird nicht mehr sein, weder Trübsal noch Schmerz, weder Krankheit noch Tod; denn das Alte ist vergangen (Offenb. 21, 4). Ihr werdet die Patriarchen sehen: Abraham, Isaak und Jakob, die Propheten und die Gerechten, welche Gott weggerafft vor dem zukünftigen Unglück, die nun in Wohnungen des Friedens ruhen[143].“

„Und was haben wir an diesem heiligen Ort zu tun?“ fragten die Pilger.

„Da habt ihr den Lohn zu empfangen für alle eure Arbeit, Freude für alle eure Betrübnis. Da sollt ihr ernten, was ihr gesät habt, nämlich die Frucht all eurer Gebete und Tränen, die Frucht aller Trübsale, die ihr aus Liebe zu dem himmlischen König auf dem Weg erduldet habt[144]. Mit goldenen Kronen geschmückt, werdet ihr euch freuen in dem Anschauen des dreimalheiligen Gottes, denn Ihr werdet ihn sehen, wie Er ist (1. Joh. 3, 2). Ihr werdet Ihm Tag und Nacht dienen und Ihm ohne Unterlaß danksagen und Lob und Ehre darbringen, wonach ihr euch so oft gesehnt habt in den Tagen eurer Wallfahrt. Eure Augen werden Ihn schauen, eure Ohren die freundliche Stimme des Allmächtigen hören. Da werdet ihr eure Lieben, die euch dahin vorangegangen, wieder finden und mit Freuden die Brüder empfangen, die nach euch an diesen Ort gelangen. Wenn der König der Ehren zur Erde hinabfährt auf den Fittichen des Windes, wenn die letzte Posaune ertönt, dann werdet ihr mit Ihm erscheinen in himmlischer Herrlichkeit und an dem großen Tag des Gerichts zu Seiner Seite stehen; ja, wenn Er richten wird alle die Ungerechten, es seien Engel oder Menschen, sollt auch ihr eine Stimme im Gericht haben, weil sie Seine und eure Feinde gewesen sind[145]. Unter Posaunenschall werdet ihr dann mit Ihm einziehen in die himmlische Stadt und bei dem Herrn sein allezeit.“

Unter diesen Gesprächen hatten sie sich der Pforte genähert, und hier wurden sie von einem himmlischen Heer empfangen.

„Das sind,“ so sagte einer der Engel, „Menschen, die ihren Herrn geliebt haben in der Welt und alles verlassen um Seines heiligen Namens willen; und Er hat uns ausgesandt, sie einzuholen, und nun haben wir sie an das ersehnte Ziel ihrer Reise gebracht, daß sie eingehen können und anschauen das Antlitz ihres Erlösers mit Freuden.“

Wie das Rauschen gewaltiger Ströme tönte jetzt der Jubelruf des himmlischen Heeres: „Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind!“ (Offenb. 19, 9.) Nun kamen ihnen auch einige von den Posaunenbläsern des Königs in blendend weißen Gewändern entgegen. Mit ihren hellen und melodischen Klängen erfüllten sie selbst die Himmel, daß es widerhallte. Diese begrüßten Christ und seinen Gefährten mit wohl tausendfachem Willkommen, und das taten sie mit Jauchzen und dem Schall der Posaunen.

Hierauf umringten sie die Begrüßten von allen Seiten, die einen gingen vor, die andern nach, etliche zur Rechten, etliche zur Linken, gleich als wenn es ihre Leibwache wäre bei ihrem Zug durch die obern Gegenden. Ununterbrochenes Jubeln und Jauchzen im höhern Chor begleitete alle ihre Schritte auf diesem Zug, so daß es jedem, der es mitansehen konnte, vorkam, als wenn der Himmel selbst zu ihrem Empfang herabgekommen sei. Indem sie nun vorwärtsgingen, gaben diese Posaunenbläser Christ und seinem Bruder in Blick und Gebärden, mit welchen sie ihre Musik begleiteten, zu erkennen, wie willkommen sie in ihrer Gesellschaft und mit welcher Freude sie selbst ihnen entgegengekommen seien.

Da ward es den beiden Pilgern zumute, als wären sie schon im Himmel, ehe sie noch dahin gelangten; also waren sie hingerissen von dem Anblick der Engel und den süßen Klängen ihrer Weisen.

Jetzt stand die Stadt vor ihren Augen, und es dünkte sie, als hörten sie drin das Geläute aller Glocken, sie zu bewillkommnen. Aber nichts entzückte sie mehr als der beseligende Gedanke, selbst dort in solcher Gesellschaft zu leben, und das in alle Ewigkeit. O welche Zunge, welche Feder vermag die überschwengliche Freude ihres Herzens auszudrücken!

Als sie nun die Pforte erreicht hatten, sahen sie darüber mit goldenen Buchstaben geschrieben: „Selig sind, die Seine Gebote halten, auf daß sie Macht haben an dem Holz des Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt“ (Offenb. 22, 14).

Nun sah ich in meinem Traum, daß die beiden Glänzenden sie an dem Tor rufen hießen. Als sie dies taten, erschienen einige Männer über der Zinne, nämlich Henoch, Mose, Elia u. a., zu denen die Engel sagten: „Diese Pilger kommen von der Stadt Verderben und haben ihre Pilgerschaft in der Liebe zum Herrn vollendet.“ Die Pilger überreichten ihnen zugleich die Zeugnisse, die sie am Anfang ihrer Reise empfangen hatten. Diese wurden dem König vorgelegt, und als Er sie gelesen, sprach Er: „Wo sind die Männer?“ „Sie stehen vor der Pforte,“ war die Antwort. Da befahl der König: „Tut die Tore auf, daß hereingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!“ (Jes. 26, 2.)

Indem die Pilger nun eintraten, wurden sie verklärt und mit Kleidern angetan, die glänzten wie Gold. Selige Geister reichten ihnen Harfen zum Lobe Gottes und Kronen als Ehrenzeichen, während, wie ich im Traum hörte, unter dem Freudenklang aller Glocken die Bewohner der himmlischen Stadt ihnen entgegenriefen: „Gehet ein zu eures Herrn Freude!“ (Matth. 25, 23.) Überströmt von unendlicher Wonne stimmten nun auch die Pilger mit lauter Stimme in den Lobgesang ein und sprachen: „Dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Offenb. 5, 13.)

Ich schaute in meinem Traum durch die offenen Tore, während die Pilger durch dieselben eintraten, und siehe, die Stadt leuchtete wie die Sonne am Mittag; die Straßen waren von lauterm Gold, und auf denselben wandelten viele mit Kronen auf ihren Häuptern und Palmenzweigen in ihren Händen und goldenen Harfen zum Preise Gottes.

Und ich sah auch viele allda, die Flügel hatten, und sie riefen ohne Aufhören einander zu: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!“ (Offenb. 4, 8), und die Pforte wurde geschlossen. — Als ich dies gesehen, da wünschte ich, auch selbst unter ihnen zu sein.

O wie blinken Zions Mauern, da sich endet alles Trauern
Und ein ew’ger Sabbat ist!
Da der Engel Harfen klingen und die Auserwählten singen:
Hochgelobt sei Jesus Christ!
Doch werd’ ich es auch ererben, was durch Leiden und durch Sterben
Jesus mir verdienet hat?
Werd’ ich auch zur Rechten stehen, mit den Heil’gen dürfen gehen
In die schöne Gottesstadt?
Wer nicht allem will entsagen und Ihm nach sein Kreuze tragen,
Kann auch nicht Sein Jünger sein.
Wer nicht Leib und Seel’ und Leben Ihm will ganz zu eigen geben,
Geht in Salem nimmer ein.

Als ich so über alles, was ich geschaut, in Gedanken versunken war, wandte ich mich um und gewahrte, daß mittlerweile auch Unwissend den Strom erreichte, wo er alsbald einen Fährmann antraf, der ihn in dem Nachen der eitlen Hoffnung ohne Mühe hinüberbrachte. Er stieg auch sogleich den Berg hinan zur Pforte; aber niemand geleitete ihn, niemand kam ihm mit dem Gruß des Friedens entgegen. Er las die Inschrift über der Pforte und, als müsse man ihm sogleich auftun, klopfte er ohne alle Besorgnis an. Es erschienen Männer auf der Zinne und fragten, woher er komme und was er begehre.

„Tut mir auf,“ sagte er, „denn ich habe vor dem König gegessen und getrunken, und auf den Gassen unsrer Stadt hat Er uns gelehrt.“

„Wo ist dein Zeugnis, daß wir es dem König überreichen?“

Er suchte in seinem Busen und fand keins.

„Hast du kein Zeugnis?“ fragten die Männer, und er verstummte. Als der König dies erfuhr, wollte Er nicht herabkommen, ihn zu sehen; jene beiden Engel aber, die Christ und Hoffnungsvoll geleitet hatten, erhielten Befehl, Unwissend an Händen und Füßen zu binden und hinauszustoßen (Matth. 22, 13). Sie hoben ihn auf und trugen ihn durch die Luft zu jener Tür am Fuß des Gebirges, die in den Abgrund führt, und warfen ihn da hinein.

Da sah ich denn, daß es sogar am Himmelstor noch einen Weg zur Hölle gibt, so gut als von der Stadt Verderben.

Nun erwachte ich und merkte, daß es ein Traum war.

Fußnoten:

[142] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).

[143] Die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern (Jes. 57, 2).

[144] Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten (Gal. 6, 7. 8).

[145] Siehe, der Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, Gericht zu halten über alle und zu strafen alle Gottlosen um alle Werke ihres gottlosen Wandels (Jud. 14. 15).

Schlussvignette, Kapitel I, 12