ch sah nun in meinen Traum, daß sie ihren Weg weiterzogen und dabei sehr angenehmes Wetter hatten. Da fing Christin an zu singen:
Nun war an der andern Seite der Mauer, welche sich der Pilgerstraße entlangzog, ein Garten[168], und dieser Garten gehörte dem Besitzer jenes bellenden Hundes. Es ragten aber die Äste einiger darin stehenden Fruchtbäume über die Mauer, und wenn die Früchte reif waren, so hoben viele der Vorübergehenden sie auf und aßen davon zu ihrem Schaden. Auch die Knaben der Christin, wie solche Jungen zu tun pflegen, machten sich mit großem Vergnügen daran, etliche der Früchte zu pflücken, und fingen an, davon zu essen[169]. Ihre Mutter verwies ihnen dieses Tun, und da sie dennoch nicht davon abließen, sprach sie: „Kinder, ihr versündigt euch, denn diese Früchte gehören uns nicht.“ Sie wußte aber nicht, daß sie dem Feind gehörten, sonst wäre sie, das kann ich sagen, vor Angst schier gestorben. Sie setzten ihren Weg fort und legten dieser Sache keine weitere Bedeutung bei.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in der Ferne zwei Übelgesinnte wahrnahmen, die rasch auf sie zukamen. Christin und Barmherzig zogen ihren Schleier vors Gesicht[170], die Knaben aber ließen sie voranschreiten. Als sie nun zusammentrafen, liefen die beiden gerade auf die Frauen zu, als ob sie dieselben umarmen wollten. Christin rief ihnen zu: „Bleibt zurück oder geht ruhig eures Wegs, wie sich’s gebührt!“ Die beiden Männer aber taten, als wären sie taub, und achteten nicht auf ihre Worte, sondern fingen an, Hand an sie zu legen. Hierüber wurde Christin so aufgebracht, daß sie mit den Füßen nach ihnen stieß. Auch Barmherzig erwehrte sich ihrer aus Leibeskräften.
„Bleibt zurück und geht eurer Wege!“ rief Christin ihnen abermals zu, „denn wir haben kein Geld, das man uns abnehmen könnte. Wir sind Pilger, wie ihr seht, und auf die Liebesgaben unsrer Freunde angewiesen.“
„Wir verlangen kein Geld von euch,“ antwortete einer der Männer, „sondern sind gekommen, euch zu sagen, daß wir euch dauernd zu glücklichen Frauen machen wollen, wenn ihr uns nur in einer geringen Sache zu Willen seid.“
Christin erkannte wohl die Absicht dieser Männer und sprach: „Wir wollen weder hören noch achten noch tun, was ihr begehren werdet. Wir sind in Eile und können uns nicht aufhalten; ein Verweilen ist unser Tod.“ So versuchte sie es und ihre Gefährtin aufs neue, an ihnen vorüberzukommen. Sie aber stellten sich ihnen in den Weg und sprachen: „Wir wollen euch ja gar nicht ans Leben; wir verlangen etwas ganz andres.“
Christin. „Ja, ihr wollt beides haben, Leib und Seele; denn ich weiß wohl, weshalb ihr gekommen seid. Wir aber wollen lieber auf der Stelle sterben, als uns in solche Schlingen verstricken lassen, wodurch unser ewiges Heil aufs Spiel gesetzt wird.“ Alsbald schrien sie laut: „Mörder, Mörder!“ und stellten sich dadurch unter die Gesetze, welche zum Schutz der Frauen gegeben sind (5. Mos. 22, 25-27). Dennoch aber ließen die Männer nicht ab, sie zu bedrängen, um sie zu überwältigen; deshalb wiederholten sie ihre Hilferufe.
Dieweil sie noch nicht weit von der engen Pforte entfernt waren, wurde ihr Rufen dort gehört[171]; und da man Christins Stimme erkannte, eilten einige aus dem Haus, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie fanden die Frauen in einem ernsten Handgemenge und die Kinder jammernd und weinend dabeistehen. „Was macht ihr da?“ rief einer der Helfer den Schurken zu. „Wollt ihr meines Herrn Volk sündigen machen?“ Er wollte sie ergreifen, sie entwischten aber über die Mauer in den Garten des Mannes, dem der große Hund gehörte, und befanden sich nun in dessen Schutz. Der Retter kam nun heran zu den Frauen und fragte sie nach ihrem Befinden. Sie antworteten: „Wir danken deinem Fürsten, es geht uns ziemlich wohl; nur sind wir sehr erschrocken. Auch danken wir dir, daß du uns zu Hilfe gekommen bist, denn sonst wären wir überwältigt worden.“
Nachdem sie noch dies und jenes miteinander geredet hatten, sagte der Retter zu ihnen: „Mich wundert sehr, daß ihr, als ihr an der Pforte gastliche Aufnahme fandet, nicht den Herrn um einen Führer gebeten habt, da ihr wußtet, daß ihr nur schwache Frauen seid. Sicherlich würde Er euch einen solchen gewährt haben, und ihr wäret solcher Bedrängnis und Gefahr enthoben gewesen.“
„Ach,“ erwiderte Christin, „wir waren von den gegenwärtigen Segnungen so hingenommen, daß wir der kommenden Gefahr ganz vergaßen[172]. Und wer hätte auch denken sollen, daß so nahe bei des Königs Palast solche Bösewichter lauern könnten? Allerdings haben wir es versäumt, um einen Führer zu bitten; aber da unser Herr wußte, was uns zustoßen konnte, so wundert’s mich, daß Er uns nicht einen solchen mitgegeben hat[173].“
Retter. Es ist nicht immer ratsam, Dinge ungebeten zu gewähren, weil sie hierdurch weniger geschätzt werden. Wenn man aber den Mangel einer Sache empfindet, dann erhält sie in den Augen des Betreffenden den Wert, der ihr gebührt, und wird demgemäß hernach auch angewendet. Hätte mein Herr euch ungebeten einen Führer gewährt, so würdet ihr euer Versäumnis nimmermehr so beklagt haben, wie ihr jetzt dazu Veranlassung findet. Also muß alles zum Guten wirken und dazu dienen, euch künftighin vorsichtiger zu machen.
Christin. Sollen wir nun wieder zu unserm Herrn unsre Torheit bekennen und um einen Führer bitten?
Retter. Das Bekenntnis eurer Torheit will ich Ihm überbringen. Es ist nicht nötig, daß ihr umkehrt, denn ihr werdet nirgends, wo ihr hinkommt, Mangel haben an irgendeinem Gut. In allen Herbergen meines Herrn, die Er zur Aufnahme Seiner Pilger errichtet hat, ist hinreichend für das gesorgt, was sie gegen allerlei Anfechtung ausrüsten kann. Aber Er will, wie gesagt, von ihnen darum gebeten sein, daß Er’s ihnen erzeige (Hes. 36, 37). Und das müßte ja auch ein armseliges Ding sein, welches nicht wert wäre, daß man darum bitte.
Nach diesen Worten schied der Retter von ihnen, und die Pilger setzten ihren Weg fort.
„Welch ein schneller Wechsel ist das!“ hob Barmherzig an. „Ich glaubte uns schon aller Trübsal und Gefahr enthoben.“
Christin. Deine Jugend und Unerfahrenheit, meine Schwester, mag dich entschuldigen; was aber mich betrifft, so ist meine Schuld um so größer, als ich die Gefahr vorausgesehen, ehe ich mein Heim verließ, und ich mich dennoch nicht nach Hilfe umsah, als ich sie haben konnte. Ich bin deshalb sehr zu tadeln.
Barmherzig. Aber wie konntest du darum wissen, als du noch zu Hause warest? Ich bitte dich, löse mir dieses Rätsel?
Christin. Wie ich das erfahren habe, will ich dir erzählen: Bevor ich mich zur Pilgerreise anschickte, hatte ich eines Nachts hiervon einen Traum. Mich dünkte, ich sähe am Fußende meines Bettes zwei Männer stehen, die diesen so ähnlich waren wie ein Ei dem andern. Sie machten Anschläge, wie sie mich um meine Seligkeit bringen könnten. (Dies war gerade zu der Zeit, als ich in meiner Seelenangst war.) Ich will dir ihre eigenen Worte wiederholen. Sie sagten: „Was sollen wir mit diesem Weib anfangen? Denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben.“ Nun siehst du also, wie mich dieser Traum hätte behutsam und vorsichtig machen können.
Barmherzig. Nun, wie wir durch diese Nachlässigkeit unsre Unvollkommenheit zu erkennen Gelegenheit hatten, so hat auch unser Herr daran Anlaß genommen, uns den Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren. Denn Er ist uns ja, wie wir sehen, mit unverhoffter Güte nachgegangen und hat uns nach Seinem gnädigen Wohlgefallen errettet aus der Hand derer, die stärker waren als wir.
Unter solchen Gesprächen kamen sie zu einem Haus, das am Weg stand und zur Aufnahme und Erquickung der Pilger erbaut war, wie dies im ersten Teil der Pilgerreise ausführlicher beschrieben ist — nämlich das Haus des Auslegers. Sie traten herzu, und als sie an die Tür kamen, drang lautes Reden an ihr Ohr. Sie horchten darauf und hörten, wie sie meinten, Christins Namen nennen; denn ihr müßt wissen, daß das Gerücht von ihrer und ihrer Kinder Pilgerfahrt ihr schon vorausgegangen war. Und das war den Leuten des Hauses um so angenehmer, weil sie vernommen hatten, daß sie Christs Frau sei, dieselbe, welche noch vor kurzen einen solchen Widerwillen gegen das Pilgerleben hatte, daß sie nicht einmal davon hören mochte. Also standen sie still und hörten den guten Leuten zu, wie sie sie lobten und es nicht im entferntesten ahnten, daß sie vor der Tür stände. Endlich klopfte Christin an, wie sie es an der Pforte getan hatte. Alsbald erschien an der Tür ein junges Mädchen mit Namen Unschuld. Als sie die beiden Frauen draußen stehen sah, fragte sie diese nach ihrem Begehr.
Christin antwortete: „Wir haben vernommen, daß dies eine für Pilger bestimmte Herberge sei, und da wir solche sind, bitten wir, daß wir Anteil haben dürfen an dem, um deswillen wir hierhergekommen sind. Siehe, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt, und uns graut, in der Dunkelheit der Nacht auch nur einen Schritt zu tun.“
Unschuld. Bitte, wie sind eure Namen, damit ich sie meinem Herrn drin melden kann?
Christin. Ich bin Christin, die Frau des Pilgers, der seinerzeit diesen Weg gereist ist, und das sind seine vier Kinder. Diese Jungfrau ist meine Gefährtin, die ebenfalls die Pilgerschaft mit angetreten hat.
Da lief Unschuld hinein und sprach zu ihren Hausgenossen: „Könnt ihr euch wohl denken, wer an der Tür steht? Es ist Christin mit ihren Kindern und ihrer Gefährtin, die alle warten, daß sie eingelassen werden.“ Sie sprangen vor Freude und eilten, es dem Hausherrn anzusagen. Dieser kam an die Tür, sah Christin an und sprach: „Bist du Christin, welche Christ, der liebe Mann, zurückließ, als er sich auf die Pilgerreise begab?“
Christin. Ich bin die Frau, die so hartherzig war, ihres Gatten Bekümmernis geringzuachten und ihn allein auf seine Reise ausziehen zu lassen, und dies sind seine vier Kinder. Aber jetzt komme ich auch, denn ich bin überzeugt, daß dies allein der rechte Weg ist.
Ausleger. So ist erfüllt, was von dem Mann geschrieben steht, der zu seinem Sohn sprach: „Gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg!“ Er antwortete aber und sprach: „Ich will’s nicht tun.“ Darnach reute es ihn, und er ging hin (Matth. 21, 28. 29).
„Amen, es sei also!“ sprach Christin. „Gott mache dies Wort an mir wahr und gebe, daß ich dereinst vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfunden werde“ (2. Petr. 3, 14).
Ausleger. Aber warum stehst du draußen vor der Tür? Komm herein, du Tochter Abrahams! Wir redeten eben erst von dir, denn die Kunde von deinem Auszug ist schon zu uns gedrungen. Ihr Kinder und du Jungfrau, kommt herein!
Und damit führte er sie alle ins Haus. Hier hieß man sie sich setzen und ein wenig ausruhen. Nun kamen auch die übrigen Bewohner des Hauses herein, um die lieben Gäste zu begrüßen. Unter ihnen allen war große Freude darüber, daß Christin eine Pilgerin geworden war. Auch den Knaben und Barmherzig erzeigten sie ihre Liebe und hießen sie alle herzlich willkommen in dem Hause ihres Herrn.
Nachdem die Pilger ein Weilchen geruht hatten, und während das Abendbrot für sie bereitet wurde, führte der Ausleger sie durch seine Unterweisungszimmer, wo er ihnen all das zeigte, was Christ vorzeiten sehen durfte. Hier sahen sie also den Mann im Käfig, den Mann mit dem Traum, den Mann, der sich durch all seine Feinde hindurchschlug, und das Bild des Größten unter allen samt den übrigen Dingen, die für Christ so lehrreich gewesen waren. Als sie alles dies geschaut und in ihre Herzen gefaßt hatten, nahm der Ausleger sie abermals beiseite und brachte sie in ein Zimmer, in welchem ein Mann war, der nur nach unten sehen konnte und eine Kehrichtharke in seiner Hand hatte. Über seinem Haupt hielt einer eine himmlische Krone, die ihm für seine Harke angeboten wurde. Der Mann aber sah weder empor noch achtete er darauf, sondern scharrte sich nur die Strohhalme, die Holzstücke und was sonst auf dem Boden lag, zusammen.
Christin sprach: „Ich glaube zu verstehen, was dies zu bedeuten hat. Es ist das Bild eines Menschen dieser Welt. Ist’s nicht so, lieber Herr?“
„Du hast recht gesagt,“ antwortete der Ausleger. „Und diese Kehrichtharke deutet seinen fleischlichen Sinn an. Daß der Mann von seiner Arbeit so ganz und gar hingenommen ist, ohne sich auch nur nach der angebotenen Krone umzusehen, soll anzeigen, daß der Himmel für manche nur eine Fabel ist und daß sie nur die Dinge hienieden für etwas Wesentliches und Wirkliches halten. Wie du ferner siehst, daß der Mann bloß niederwärts blicken kann, so soll es dich lehren, daß die irdischen Dinge, wenn sie eines Menschen Gemüt mit Macht eingenommen haben, das Herz gänzlich von Gott abziehen.“
„O,“ rief Christin aus, „erlöse mich von dieser Kehrichtharke!“
Ausleger. Ja, in der gegenwärtigen Zeit ist man ganz davon abgekommen, Gott zu bitten: „Reichtum gib mir nicht!“ (Spr. 30, 8.) Unter zehntausend ist es das Gebet von kaum einem. Stroh, Holz und Kot sind die großen Dinge, nach denen jetzt die meisten trachten.
Darüber weinten Christin und Barmherzig und sprachen: „Ach, das ist leider nur allzu wahr!“
Hierauf brachte der Ausleger seine Gäste in das allerbeste Zimmer des Hauses, und es war wirklich ein prächtiges Gemach. Er hieß sie dann rund umher schauen und sehen, ob ihnen irgend etwas in die Augen fallen würde, das ihnen zur Belehrung dienen könnte. Sie wandten ihre Blicke nach allen Seiten, konnten jedoch nichts Besonderes wahrnehmen.
Da sprach Barmherzig: „Herr, ich sehe nichts.“ Christin aber schwieg still.
„Sieh dich noch einmal um!“ erwiderte der Ausleger. Sie tat es und sagte dann: „Ich sehe nichts als eine häßliche Spinne, die sich mit den Füßen an der Wand festhält.“ — „Wie?“ fragte er: „Ist denn nur eine Spinne hier in diesem ganzen geräumigen Zimmer?“ Da traten der Christin die Tränen in die Augen — denn sie besaß die Gabe einer schnellen Auffassung — und sie sprach: „Ja, Herr, hier sind mehr denn eine; und es sind Spinnen, deren Gift weit schädlicher wirkt als das, was in jener ist.“ — „Du hast die Wahrheit geredet,“ erwiderte der Ausleger, ihr freundlich zunickend. Barmherzig aber errötete, und die Knaben bedeckten ihre Gesichter, denn sie fingen nun alle an, das Rätsel zu verstehen.
„Die Spinne,“ fuhr der Ausleger fort, „wirkt mit ihren Händen und ist in der Könige Schlössern (Spr. 30, 28). Und dies ist aufgezeichnet, um euch zu zeigen, daß, wie voll von dem Gift der Sünde ihr auch sein mögt, ihr dennoch durch die Hand des Glaubens das beste Zimmer, welches zu des Königs Haus droben gehört, ergreifen und darin wohnen könnt.“
Christin. Ein schwaches Lichtlein ist mir wohl von Anfang darüber aufgegangen, doch in die volle Tiefe der Bedeutung dieser Sache konnte ich noch nicht hineinsehen. Ich dachte, daß wir den Spinnen ähnlich wären und wie häßliche Geschöpfe aussähen, wenn wir auch gleich in den schönsten Gemächern uns befänden. Aber daß wir durch diese Spinne, dieses giftige und widerwärtige Tier, lernen könnten, wie der Glaube wirke, das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Gott hat nichts umsonst gemacht.
Darüber wurden sie alle froh. Noch feuchten Auges schaute eins das andre an, und dann verneigten sie sich vor dem Ausleger.
Er führte sie sodann in ein andres Zimmer, worin eine Henne mit ihren Küchlein war, und er hieß sie diese ein wenig beobachten. Da ging eins von den Küchlein an den Trog, um zu trinken. Und so oft es trank, hob es jedesmal seinen Kopf in die Höhe und seine Augen gen Himmel. „Seht,“ sagte er, „was dies Küchlein tut, und lernet von ihm erkennen, woher all die Gnadengaben kommen, und daß ihr sie mit einem dankenden Aufblick nach oben hinnehmen sollt. — Und nun merket weiter auf!“ Sie nahmen wahr, daß die Henne in einer vierfachen Weise ihre Küchlein zu sich rief: Erstens hatte sie einen allgemeinen gewöhnlichen Ruf, zweitens zuweilen einen besondern Ruf, drittens einen Sammelruf und viertens einen Angst- und Warnungsruf.
„Nun,“ sprach der Ausleger, „vergleicht diese Henne mit einem König und diese Küchlein mit Seinen gehorsamen Untertanen. Wie die Henne hat auch Er Seine Weise, Seinem Volk zu rufen. Durch Seinen allgemeinen Ruf gibt Er nichts; durch Seinen besondern Ruf hat Er allezeit etwas zu geben; Er gibt ein Zeichen, wenn es sich unter Seine Flügel versammeln soll[174], und Er hat auch einen Warnungsruf, wenn Er den Feind kommen sieht. Ich habe euch, meine Geliebten, gerade in dies Zimmer geführt, weil ich erachtete, daß dies Bild für euch leicht faßlich sei.“
„Bitte, lieber Herr,“ sagte Christin, „laß uns noch mehr dergleichen sehen!“
Da brachte er sie ins Schlachthaus, wo ein Fleischer beschäftigt war, ein Schaf zu töten. Und siehe, das Schaf war still und erlitt den Tod geduldig. „Ihr müßt,“ sprach der Ausleger, „von diesem Schaf lernen dulden und Unrecht ohne Murren und Klagen hinzunehmen. Seht, wie es ohne Widerstreben alles mit sich geschehen läßt! Euer König nennt euch Seine Schafe.“
Hierauf nahm er sie mit in seinen Garten, wo eine große Mannigfaltigkeit von Blumen war, und er fragte: „Seht ihr diese Blumen?“ Christin antwortete: „Ja.“ Und er fuhr fort: „Seht, diese Blumen sind verschieden an Gestalt, Art, Farbe, Geruch und Schönheit, einige sind beliebter als die andern; wo aber der Gärtner sie hingepflanzt hat, da stehen sie und hadern nicht untereinander.“
Nun ging er mit ihnen auf sein Feld, welches er mit Weizen und Roggen besät hatte. Als sie aber genauer hinsahen, da waren die Ähren alle abgeschnitten und nur noch die Strohhalme übriggeblieben. „Dieses Land,“ sprach der Ausleger, „war bedüngt, gepflügt und besät worden, was sollen wir aber mit diesen Stoppeln tun?“ — „Verbrenne einen Teil,“ erwiderte Christin, „und das übrige mache zu Dünger!“ Er sagte: „Frucht ist es, wonach euer Auge ausgeschaut hat, und weil sie fehlt, so verurteilt ihr das, was hier steht, zum Feuer und daß es von den Leuten zertreten werde. Sehet zu, daß ihr euch hierdurch nicht selber verdammt!“
Als sie von draußen wieder hereinkamen, da sahen sie ein kleines Rotkehlchen, welches eine große Spinne im Schnabel hatte. „Schaut her!“ rief der Ausleger. Während Barmherzig sich darüber verwunderte, sprach Christin: „Wie unpassend ist das doch für ein so niedliches Vögelein wie das Rotkehlchen, welches sonst vor andern liebt, in einem freundlichen Umgang mit Menschen zu leben. Ich hatte geglaubt, es lebe von Brotkrümchen oder dergleichen mehr. Jetzt liebe ich es nicht mehr so, weil’s das tut.“
„Dies Rotkehlchen,“ belehrte der Ausleger, „ist ein treffendes Bild für gewisse Bekenner des Christentums; sie sind diesem Rotkehlchen gleich mit seiner schönen Stimme, seinem zierlichen Gewand und seiner gefälligen Haltung. Sie scheinen eine große Liebe zu den wahren Bekennern zu haben, sich vor allen andern gern zu ihnen zu gesellen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, gleich als ob sie von frommer Leute Brosamen leben könnten. Sie geben auch vor, daß sie aus innerm Bedürfnis in den Häusern der Gottseligen verkehren und die Gottesdienste des Herrn besuchen. Wenn sie aber sich selbst überlassen sind, dann können sie wie die Rotkehlchen Spinnen fangen und verschlingen; dann können sie ihre Lebensweise ändern und Unrecht saufen (Hiob 15, 16) und Sünde hinunterschlucken wie Wasser.“
Als sie nun in das Haus getreten waren, bat Christin den Ausleger, ihnen noch irgend etwas Nützliches zu zeigen oder zu sagen, bis man zum Essen rufen würde. Da hob er also an und sprach:
„Je fetter das Schwein ist, desto mehr verlangt es nach dem Kot; je fetter der Ochse, desto williger geht er zur Schlachtbank, und je wohlbehaglicher der lüsterne Mensch sich fühlt, desto mehr ist er zum Bösen geneigt.
Es ist ein Verlangen im weiblichen Geschlecht, nett und zierlich gekleidet einherzugehen; ein köstlich Ding ist aber allein das, mit dem geschmückt zu sein, was vor Gott köstlich ist.
Es ist leichter, ein oder zwei Nächte hindurch zu wachen als ein ganzes Jahr lang; gleich also ist es leichter, mit einem guten Bekenntnis seinen Anfang zu machen, als Treue zu halten bis ans Ende.
Ein Schiffsherr läßt im Sturm willig alles Entbehrliche über Bord werfen; wer aber wird wohl das Beste zuerst hinauswerfen? Nur der, welcher Gott nicht fürchtet.
Durch ein Leck kann das Schiff zum Sinken kommen, und eine einzige Sünde kann den Sünder verderben.
Wer seines Freundes vergißt, der ist undankbar gegen ihn; wer aber seines Erlösers vergißt, der ist unbarmherzig gegen sich selber.
Wer in Sünden lebt und auf die ewige Seligkeit hofft, der ist gleich dem, der Unkraut sät und gedenkt, seine Scheune mit Weizen oder Gerste zu füllen.
So jemand glücklich leben will, der hole sich seinen letzten Tag herbei und erwähle ihn zu seinem ständigen Begleiter.
Wenn die Welt, welche Gott geringachtet, von den Menschen so hoch geschätzt wird, was muß der Himmel erst sein, den Gott anpreist!
Wenn dieses Leben, das mit so vielen Trübsalen untermischt ist, doch so ungern verlassen wird, was muß das Leben da droben sein?
Ein jeder erhebt lautes Lob über die Güte, die Menschen ihm erweisen; aber wer ist so von der Güte Gottes durchdrungen, wie es sein sollte?
Wir setzen uns selten zur Mahlzeit, ohne zu essen und noch übrigzulassen; also ist in Jesus Christus mehr Verdienst und Gerechtigkeit, als die ganze Welt bedarf.“
Nachdem der Ausleger diese Rede vollendet hatte, nahm er die Pilger wieder mit sich hinaus in den Garten und führte sie zu einem Baum, der inwendig ganz hohl und verfault war, dennoch aber wuchs und Blätter hatte. „Was bedeutet dies?“ fragte Barmherzig. „Dieser Baum,“ antwortete er, „dessen Auswendiges schön, der inwendig aber faul ist, stellt ein Bild dar, womit manche, die in Gottes Garten sind, verglichen werden können. Mit dem Mund preisen sie Gott hoch, aber in der Tat wollen sie nichts für Ihn tun; ihre Blätter sehen schön aus, aber ihr Herz taugt zu nichts als zu Zunder für des Teufels Feuerzeug.“
Nun war das Abendessen bereitet, der Tisch gedeckt und die Speisen aufgetragen. Sie setzten sich nieder, und nachdem einer gedankt hatte, fingen sie an zu essen. Und da der Ausleger seine Gäste bei Tisch mit Musik zu unterhalten pflegte, so spielten auch jetzt seine Spielleute. Es war auch einer da, der sang mit sehr schöner Stimme. Sein Lied lautete also:
Als Gesang und Musik verklungen waren, fragte der Ausleger Christin: „Was ist’s, das dich zuerst bewogen hat, dich auf die Pilgerreise zu begeben?“
Christin. Der Verlust meines Mannes ging mir zuerst tief zu Herzen, und ich wurde dadurch schmerzlich betrübt; doch war dies alles nur natürliche Empfindung. Darnach fiel mir auch seine Bekümmernis und die Pilgerschaft wieder ein und wie herzlos und schnöde ich mich dabei gegen ihn benommen hatte. So bemächtigte sich meiner ein tiefes Schuldbewußtsein und brachte mich fast zur Verzweiflung; da hatte ich eben zur rechten Zeit einen Traum von dem Wohlergehen meines Mannes, und ich empfing einen Brief von dem König jenes Landes, der mich zu Ihm beschied. Der Traum und der Brief zusammen wirkten so auf mein Gemüt ein, daß sie mich unwiderstehlich zu dieser Reise zwangen.
Ausleger. Stießest du auf keinen Widerstand bei deinem Auszug?
Christin. Ja, bei einer meiner Nachbarinnen, einer gewissen Frau Furchtsam, einer Verwandten dessen, der meinen Mann aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte. Sie schalt mich wegen meines beabsichtigten tollkühnen Unternehmens, wie sie es nannte, eine Närrin und suchte auf alle nur erdenkliche Weise, mich von meinem Vorhaben abzuschrecken, indem sie mir die Mühsalen und Leiden vorstellte, die meinem Mann auf dem Weg widerfuhren. Allein über all das kam ich leicht hinweg. Nur ein Traum, den ich hatte, von zwei schrecklich aussehenden Männern, die, wie mir schien, sich verschwuren, mich auf meiner Reise ins Verderben zu bringen, hat mich sehr beunruhigt. Ja, ich kann ihn auch jetzt noch nicht loswerden, und er macht mich fürchten, daß jeder, der mir begegnet, mir Schaden zufügen und mich vom rechten Weg abbringen könnte. Ich will es auch meinem Herrn nicht verhalten — wiewohl ich nicht wünsche, daß jedermann es wisse —, daß wir beide auf dem Weg diesseits der Pforte so hart angefallen worden sind, daß wir zuletzt „Mörder! Mörder!“ schreien mußten. Und die beiden, welche diesen Angriff auf uns gemacht, waren denen ganz ähnlich, die ich in meinem Traum sah.
„Dein Anfang ist gut,“ sagte der Ausleger, „und dein Ausgang wird noch viel besser sein.“
„Und was hat denn dich bewogen, liebes Kind, hierher zu kommen?“ fragte er, sich an Barmherzig wendend.
Barmherzig errötete und wagte nicht aufzusehen.
Ausleger. Fürchte dich nicht, glaube nur und sage, wie dir’s ums Herz ist!
Barmherzig. Ach, lieber Herr, da es mir an solchen Erfahrungen mangelt, möchte ich lieber schweigen, und das ist es auch, was mich mit Furcht erfüllt, endlich doch noch dahintenbleiben zu müssen. Ich kann nichts von Gesichten und Träumen erzählen wie meine Freundin Christin, noch kann ich davon mitsprechen, daß ich Reue empfunden hätte über die Verachtung des Rats lieber Angehöriger.
Ausleger. Was war es denn, teures Herz, was dich bestimmte, das Pilgerleben zu erwählen?
Barmherzig. Nun, das kam so. Während unsre Freundin noch mit Zurüstungen zur Reise beschäftigt war, da wollten ich und eine andre sie gerade besuchen. Wir klopften an die Tür und traten ein. Da wir sie nun fanden also tun, stellten wir sie darüber zur Rede. Sie sagte, sie habe Bericht erhalten, zu ihrem Mann zu kommen, und erzählte uns, daß sie ihn im Traum gesehen, wie er an einem wunderbaren Ort unter Unsterblichen wohne, eine Krone auf dem Haupt trage, auf einer Harfe spiele, an seines Fürsten Tafel esse und trinke und Ihm aus Dank dafür Loblieder singe und andres mehr. Über diesen Worten entbrannte mein Herz in mir, und ich sprach bei mir selbst: Wenn das wahr ist, so will ich Vater und Mutter und das Land meiner Geburt verlassen und, wenn Christin mich annimmt, mit ihr ziehen. Ich fragte sie also weiter nach der Wahrheit dieser Dinge und ob sie mich wollte mitziehen lassen, denn ich erkannte, daß ich nur auf die Gefahr hin, mit der Stadt zu verderben, länger darin bleiben könne. Was mein Herz aber mit Schmerz erfüllte, war, daß ich so viele meiner Verwandten zurücklassen mußte. So bin ich denn mit innigstem Herzensverlangen gekommen, um mit Christin zu ihrem Mann und seinem König zu ziehen.
Ausleger. Dein Vornehmen ist gut, denn du hast der Wahrheit Glauben geschenkt. Du bist eine Ruth, die aus Liebe zu Naemi und zu dem Herrn, ihrem Gott, Vater und Mutter und Heimat verließ, damit sie auszöge und käme zu einem Volk, das sie zuvor nicht kannte. Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter Seinen Flügeln Zuversicht hättest (Ruth 2, 11. 12).
Das Abendessen war nun beendet, den Frauen und den Knaben wurden für die Nacht Zimmer angewiesen, wohin sie sich alsbald zurückzogen und sich zum Schlaf niederlegten. Barmherzig aber konnte vor Freude keinen Schlaf finden, weil ihre Zweifel, ob sie auch wirklich dann angenommen werde, immer mehr zu schwinden begannen. So lag sie denn auf ihrem Lager, Gott lobend und preisend, der ihr solche Gnade erwiesen hatte.
Mit Tagesanbruch erhoben sie sich und rüsteten sich zur Weiterreise. „Bleibet noch ein Weilchen,“ mahnte der Ausleger, „denn ihr müßt in allen Ehren von dannen ziehen,“ und zu Unschuld, die die Pilger empfangen hatte, sprach er: „Nimm sie mit dir und führe sie in den Garten zum Bad und laß sie daselbst sich waschen und vom Staub der Reise reinigen[175].“ Sie gingen also hin und wuschen sich und kamen aus dem Bade nicht allein hell und rein gewaschen, sondern auch in ihren Gliedern gestärkt und neu belebt.
Als sie wieder ins Haus traten, sah der Ausleger sie an und sprach zu ihnen: „Schön wie der Mond!“ (Hohesl. 6, 10.) Dann forderte er das Siegel, womit die, welche in seinem Bad rein gewaschen waren, versiegelt wurden. Mit diesem Siegel machte er an ihnen ein Zeichen, auf daß man sie an allen Orten, wohin sie noch kommen würden, erkennen könnte. Dies Siegel aber war die Summe und der Inbegriff des Passahlammes, welches die Kinder Israel aßen, als sie aus Ägyptenland zogen (2. Mos. 13, 8-10); und das Zeichen ward auf ihre Stirn gesetzt und war ein Schmuck und eine Zierde ihres Angesichtes.
Der Ausleger rief Unschuld abermals herbei und sprach: „Gehe in die Kleiderkammer und hole Gewänder daraus für diese Leute!“ Sie ging und brachte weiße Kleider und legte sie vor ihm nieder, und er gebot ihnen, dieselben anzuziehen; es war aber feines Leinen, weiß und rein[176]. Als die Frauen so geschmückt dastanden, waren sie wie ein Wunder füreinander, denn sie konnten bei sich selbst die Herrlichkeit nicht sehen, die eine jede an der andern erblickte. Daher fing jede an, die andre höher zu achten als sich selbst. „Du bist schöner als ich,“ sagte die eine; „nein, du bist herrlicher als ich,“ sprach die andre. Auch die Knaben standen staunend da über die Wandlung, die mit ihnen vorgegangen.
Der Ausleger rief nun einen seiner Diener mit Namen Mutherz und hieß ihn Schwert, Schild und Helm nehmen. „Nimm diese meine Töchter,“ sprach er, „und begleite sie bis zu dem Hause Prachtvoll, wo sie ihre nächste Rast halten werden.“ Dieser nahm seine Waffen und ging vor ihnen her. Der Ausleger sprach: „Gott geleite euch!“ Auch die übrigen Glieder des Hauses entließen sie mit vielen Segenswünschen. So zogen sie denn ihre Straße und sangen:
Fußnoten:
[168] Des Teufels Garten.
[169] Fliehe die Lüste der Jugend! (2. Tim. 2, 22.)
[170] Wir wissen, daß, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht; sondern wer von Gott geboren ist, der bewahrt sich, und der Arge wird ihn nicht antasten (1. Joh. 5, 18).
[171] Da mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott; da erhörte Er meine Stimme von Seinem Tempel, und mein Schreien kam vor Ihn zu Seinen Ohren (Ps. 18, 7).
[172] Ich sprach, da mir’s wohl ging: Ich werde nimmermehr daniederliegen; aber da Du Dein Antlitz verbargest, erschrak ich (Ps. 30, 7. 8).
[173] Ihr habt nicht, darum daß ihr nicht bittet (Jak. 4, 2).
[174] Jesus klagt über Jerusalem: Wie oft habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! (Matth. 23, 37.)
[175] Dieweil wir solche Verheißungen haben, meine Liebsten, so lasset uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und fortfahren mit der Heiligung in der Furcht Gottes (2. Kor. 7, 1).
[176] Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen (Offenb. 19, 8).