ald hatten sie die Höhe des Berges erreicht, da blieb Gottesfurcht plötzlich sinnend stehen und rief aus: „Ach, ich habe vergessen, was ich Christin und ihrem Gefährten mitgeben wollte; ich will zurückgehen und es holen.“ Also lief sie, um es zu holen. Als sie fort war, dünkte es Christin, als höre sie aus einem Wäldchen, das zur rechten Hand ein wenig abseits lag, eine wunderbare Melodie ertönen; sie lauschte und glaubte folgende Worte zu verstehen:
Und während sie noch horchte, kam es ihr vor, als ob eine andre Stimme der ersten antwortete:
Christin fragte Weisheit, von wem denn diese seltsamen Töne kämen.
„Es ist der Gesang der Vögel dieses Landes,“ antwortete sie, „im Frühling, wenn die Blumen hervorkommen und die Sonne warm scheint, kann man sie den ganzen Tag so jubilieren hören (Hohesl. 2, 11. 12). Durch ihre fröhlichen Weisen machen sie die Wälder, Haine und einsamen Plätze zu einem lieblichen Aufenthaltsort, daß es mich oft dorthin zieht, um mich daran zu erbauen. Wir halten aber auch einige zahm in unserm Hause, und sie sind uns in trüben Stunden eine sehr angenehme Gesellschaft.“
Inzwischen war Gottesfurcht wieder angelangt. „Siehe,“ sagte sie zu Christin, „hier bringe ich dir eine Abbildung von all den Dingen, die du in unserm Hause gesehen hast. Dadurch kannst du dich zur Stärkung und zum Trost wieder alles dessen erinnern, wenn dir das eine oder andre aus dem Gedächtnis entschwunden ist.“
Nun galt es den Berg hinabzusteigen in das Tal der Demut. Der Weg fiel hier steil ab und war schlüpfrig; aber sehr behutsam gingen sie vor und kamen glücklich hinunter. Im Tal angekommen, sprach Gottesfurcht zu Christin: „Dies ist der Ort, wo dein Mann auf den bösen Feind Apollyon stieß und wo er den heftigen Kampf mit ihm bestand. Ich weiß, du mußt davon gehört haben. Aber sei nur gutes Mutes! Solange du Herrn Mutherz als Führer und Begleiter bei dir hast, hoffen wir, wirst du besser fortkommen.“
Nachdem Gottesfurcht und Weisheit die Pilger noch der Obhut ihres Führers anbefohlen, wandten sie wieder um.
Also ging Mutherz voran, die Frauen und Kinder folgten ihm nach, und er sprach zu ihnen:
„Wir brauchen uns vor diesem Tal nicht so sehr zu fürchten, denn es kann uns kein Leid geschehen, wofern wir es uns nicht selber durch Unvorsichtigkeit zuziehen. Wohl hatte Christ gegen Apollyon einen harten Stand, doch dies war allein die Folge seiner Fehltritte, die er beim Abstieg des Berges getan hatte. Fehltritte dort bringen nämlich Kämpfe hier, und daher kommt’s auch, daß dies Tal einen so schlechten Ruf hat. Es ist leider so: wenn der gemeine Mann hört, daß an einem bestimmten Ort jemand ein Unfall begegnet ist, so gerät er gleich in den Wahn, daß dort grimmige Feinde und höllische Geister hausen müßten, während es doch die Frucht ihrer eigenen Werke ist, wenn ihnen dergleichen zustößt. Dieses Tal der Demut ist an sich ein ebenso fruchtbarer Ort wie jeder andre, über den die Vögel dahinfliegen; zudem muß hier irgendwo, wie ich meine, eine Inschrift stehen, die uns darüber Auskunft gibt, warum Christ allda so hart bedrängt worden ist.“
Da rief Jakob seiner Mutter zu: „Sieh, dort steht eine Säule, und mir scheint, als ob etwas daran geschrieben stände. Laßt uns hingehen und sehen, was es ist!“ Sie traten hinzu und lasen: „Mögen Christs Fehltritte, die er tat, ehe er hierherkam, und die Kämpfe, die er an diesem Ort zu bestehen hatte, allen Vorübergehenden zur Warnung dienen!“
Hierauf fuhr Mutherz fort: „Es gereicht dies jedoch Christ nicht zu größerer Unehre als so vielen andern, die mit ihm dasselbe Los und Schicksal gehabt haben; denn es ist leichter, diesen Berg zu ersteigen als wieder hinunterzukommen, wie das bei etlichen Bergen in allen Weltteilen der Fall ist. Aber wir wollen von dem lieben Christ nun absehen; denn er ruht jetzt nach wohl erkämpftem Sieg aus. Laßt uns Gott, der im Himmel wohnt, bitten, daß es uns nicht ärger denn ihm ergehe, wenn die Stunde der Prüfung über uns kommt.
Um wieder auf das Tal der Demut zurückzukommen, es ist das beste und fruchtbarste Stück Land in dieser ganzen Gegend. Der Boden ist fett, wie ihr’s an den Wiesen ersehen könnt. Wenn jemand zur Sommerszeit hierherkommt wie wir jetzt und einen Sinn hat für die Schönheiten in Gottes Natur, so muß ihm dieser Anblick zu hoher Freude gereichen. Seht, wie grün das Tal und wie schön es mit Lilien geschmückt ist! Ich habe auch manche Arbeiter gekannt, die in diesem Tal der Demut zu großem Wohlstand gelangt sind; denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade (1. Petr. 5, 5). In der Tat, es ist ein erstaunlich fruchtbarer Boden und bringt überflüssig ein. Mancher hat daher schon gewünscht, daß dies der nächste Weg zu seines Vaters Haus wäre und es keine weiteren Hügel und Berge mehr zu übersteigen gäbe; aber man ist hier eben noch auf dem Weg und nicht am Ende.“
Während sie noch also miteinander redeten, gewahrten sie einen Knaben, der seines Vaters Schafe hütete. Seine Kleidung war sehr dürftig, er hatte aber ein frisches, munteres Aussehen, und wie er so dasaß, sang er für sich ein Lied.
„Horcht,“ sagte Mutherz, „auf das, was der Hirtenknabe singt!“ Sie horchten, und er sang:
„Hört ihr’s?“ fragte Mutherz. „Ich zweifle nicht daran, daß dieser Knabe glücklicher ist und mehr von dem edlen Kräutlein, das Zufriedenheit heißt, in seinem Busen trägt als mancher, der in Samt und Seide gekleidet ist[192]. Doch wir wollen in unsrer Unterredung fortfahren:
In diesem Tal hatte unser Herr früher ein Landhaus und weilte sehr gern hier. Er liebte es, in diesen Auen zu wandeln, denn Er fand die Luft hier so angenehm. Zudem ist dies Tal der Demut ein sehr stiller Ort, fern von dem Getümmel und Getriebe dieses Lebens, wovon die Welt allenthalben so erfüllt ist. Hier kann man sich seinen ernsten Betrachtungen hingeben, ohne gestört und gehindert zu werden, wie dies anderorts so leicht geschieht. Auch wird dieses Tal nur von solchen betreten, die das Pilgerleben lieben. Und obwohl Christ hier in schwere Bedrängnis geriet, indem er mit Apollyon zusammentraf und sich mit ihm in einen heißen Kampf einlassen mußte, so kann doch auch gesagt werden, daß in frühern Zeiten manche hier Engeln begegnet sind[193], Perlen entdeckt[194] und Worte des Lebens gefunden haben[195]. Wie schon erwähnt, hatte unser Herr einen Landsitz hier und liebte es, sich da aufzuhalten. Ja, und für das Volk, das gern in diesen Gründen wandelt, hat Er ein jährliches Einkommen hinterlassen[196], das ihnen in bestimmten Fristen getreulich ausbezahlt wird, nämlich für ihren Unterhalt auf der Reise und zur Ermunterung auf die fernere Wallfahrt.“
„Herr,“ sprach Samuel zu Mutherz, indem sie miteinander gingen, „mein Vater hat also in diesem Tal mit Apollyon gekämpft; aber an welcher Stelle mag dieser Kampf stattgefunden haben? denn ich sehe, das Tal zieht sich in die Länge.“
Mutherz. Das war dort drüben, wo ein enger Durchgang ist, gerade neben dem Rasenplatz Vergessenheit. Das ist wohl die gefährlichste Stelle in der ganzen Gegend; denn wenn den Pilgern irgend einmal ein Unfall begegnet, so geschieht es dann, wenn sie der empfangenen Wohltaten Gottes vergessen und nicht mehr gedenken, wie unwürdig sie derselben sind. An diesem Ort sind schon manche in harte Bedrängnis geraten. Doch wir können weiter darüber reden, wenn wir dort angelangt sind; denn es wird ohne Zweifel bis auf den heutigen Tag noch irgendeine Spur von dem Kampf oder ein Erinnerungszeichen daran vorhanden sein.
„Mir ist,“ fiel Barmherzig hier ein, „so wohl in diesem Tal, wie ich es kaum irgendwo auf unsrer ganzen Reise empfand; es stimmt so alles zu meiner Gemütsart. Hier hört man keinen Straßenlärm, kein Peitschengeknall und Wagengerassel. Solch stille Plätze sind so recht dazu angetan, daß man wieder zu sich selber kommen kann und dessen eingedenk wird, wie und was man ist und wozu der König uns berufen hat. Es ist ein Ort für solche, die zerbrochenen Herzens und zerschlagenen Geistes sind, deren Augen überfließen wie die Teiche zu Hesbon (Hohesl. 7, 5). Wohl denen, die rechtschaffen durch dies Tal gehen, die machen daselbst Brunnen, und ihre Brunnen werden gefüllt durch die milden Regengüsse, die Gott selbst vom Himmel sendet über die, welche Ihm hier von Herzen nachwandeln (Ps. 84, 6. 7). Dies ist das Tal, aus welchem der König den Seinen ihre Weinberge geben will (Hos. 2, 17), und daselbst werden sie singen, wie Christ sang trotz seiner Begegnung mit Apollyon.“
Mutherz. Es ist wahr; ich bin des öftern durch dieses Tal gezogen, und es ward mir nirgends wohler als hier. Ich habe auch manche Pilger begleitet, die alle dasselbe bezeugt haben. „Ich sehe an den Elenden,“ spricht der König, „und der zerbrochenes Geistes ist und der sich fürchtet vor Meinem Wort“ (Jes. 66, 2).
Nunmehr kamen sie an den Ort, wo der vorhin erwähnte Kampf vorgefallen war. „Dies ist die Stätte,“ sprach der Führer, „hier stand Christ, da Apollyon auf ihn eindrang. Und seht, sagte ich es nicht? es sind noch Spuren von deines Mannes Blut auf diesen Steinen zu sehen! Seht, wie da und dort noch Splitter von den zerbrochenen Pfeilen Apollyons umherliegen! Seht nur, wie sie den Boden mit ihren Füßen zertreten haben, um sich gegeneinander zu behaupten. Ja, von den Hieben, die fehlgingen, sind selbst die Steine in Stücke zerschlagen worden! Wahrlich, Christ hat sich hier als Mann erwiesen und sich tapfer gezeigt wie ein wahrer Herkules. Als Apollyon geschlagen war, nahm er seinen Weg in das nächste Tal, genannt das Tal der Todesschatten, durch das auch wir nun ziehen werden. Seht, und dort steht ein Denkmal, auf welchem Christs Kampf und Sieg zu seinem Ruhm für kommende Geschlechter eingegraben ist. Da das Denkmal gerade hart am Weg stand, traten sie hinzu und lasen die Schrift, die also lautete:
Als die Pilger an dieser Stelle vorüber waren, kamen sie in das Tal der Todesschatten. Es war dies Tal länger als das erstere und wurde merkwürdigerweise von unheimlichen bösen Wesen sehr beunruhigt, was ihrer viele bezeugen können. Diese Frauen und Kinder konnten sich daher glücklich schätzen, daß sie noch Tageslicht hatten und daß Mutherz als Führer bei ihnen war.
Schon bei ihrem Eintritt in das Tal glaubten sie Jammertöne und lautes Stöhnen zu vernehmen wie von Sterbenden und solchen, die sich in äußerster Qual befanden. Darob zitterten die Knaben, und auch die Frauen entfärbten sich; aber ihr Führer hieß sie gutes Mutes sein.
Während sie weiterschritten, war es ihnen, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte und der Weg hohle Stellen hätte; auch hörten sie ein Zischen wie von Schlangen, ohne daß sie jedoch von dergleichen etwas sehen konnten. Da fragten die Knaben: „Sind wir noch nicht am Ende dieses schrecklichen Tales?“ Der Führer sprach ihnen abermals Mut zu und hieß sie auf ihre Füße zu achten, damit sie nicht in eine Schlinge gerieten.
Um diese Zeit fing Jakob an, unwohl zu werden, wahrscheinlich aus Angst. Da gab ihm seine Mutter ein wenig von dem stärkenden Getränk, das sie in des Auslegers Haus empfangen hatte, dazu drei von den Pillen, welche Doktor Geschickt bereitet hatte. Und der Knabe erholte sich wieder.
Als sie sich ungefähr in der Mitte des Tales befanden, sprach Christin: „Mich dünkt, ich sehe dort etwas vor uns auf dem Weg, eine Gestalt, wie ich noch niemals eine gesehen habe.“ Da rief Joseph: „Mutter, was ist es?“ — „Ein abscheuliches Wesen, mein Kind, ein abscheuliches Wesen,“ antwortete sie. „Aber Mutter, wem sieht es ähnlich?“ fragte er wieder. „Ich weiß nicht, wem es gleichsieht,“ erwiderte sie, „jetzt ist es nicht mehr weit entfernt. Jetzt ist es ganz nahe.“
„Wohlan,“ sprach Mutherz, „wer sich fürchtet, der halte sich ganz nahe zu mir!“ So kam der Feind heran; aber als ihm der Führer entgegentrat, verschwand er vor ihrer aller Augen. Und sie gedachten an das Wort, das ihnen gesagt war: „Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch!“ (Jak. 4, 7) Mit erleichterten Herzen zogen sie weiter.
Nach einer Weile, als Barmherzig sich gerade umwandte, siehe, da kam ein Ungeheuer schrecklich brüllend und in großen Sätzen hinter ihnen hergerannt. Seine Gestalt war wie die eines Löwen, und sein Gebrüll erfüllte das ganze Tal, so daß die Herzen der Frauen und Kinder darob erbebten. Mutherz trat nun vor und machte sich kampfbereit[197]. Das Untier kam in raschem Lauf auf ihn zu; aber als es sah, daß man ihm zu widerstehen entschlossen war, da zog es sich zurück und ließ sich nicht mehr blicken.
Bald kamen sie an eine Stelle, wo über die ganze Breite des Weges eine Grube aufgeworfen war; doch ehe sie sich anschicken konnten hinüberzugehen, überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis, so daß sie nichts vor sich sehen konnten. „Ach,“ riefen die Pilger aus, „was sollen wir nun tun?“
„Fürchtet euch nicht,“ sprach der Führer, „und wartet ruhig ab, bis uns auch aus dieser Not wird geholfen werden!“ Also blieben sie stehen, weil ihr Pfad versperrt war, und es war ihnen, als hörten sie nun um so deutlicher das Geschrei und Toben der Feinde. Auch das Feuer und der Rauch aus dem Abgrund konnten immer besser unterschieden werden.
„Nun sehe ich,“ sagte Christin zu Barmherzig, „wo mein armer Mann hat hindurchgehen müssen, und zwar ganz allein und das bei Nacht. Die höllischen Geister machten sich an ihn heran, als ob sie ihn in Stücke zerreißen wollten. Ich habe früher viel von diesem Tal der Todesschatten gehört; aber man kann es sich nicht recht vorstellen, bis man selber hineingekommen ist. Das Herz kennt sein eigen Leid, und in seine Freude kann sich kein Fremder mengen (Spr. 14, 10). Es ist schrecklich, hier zu sein.“
Mutherz. Hier ist’s, als wenn man mit großen Wassern zu kämpfen hätte und in die Tiefe hinunter müßte; es ist, als ob man auf dem Grund des Meeres säße oder in die Klüfte der Berge versänke, ja als ob die Riegel der Berge sich über uns für immer verschlossen hätten. Aber „die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint, die sollen hoffen auf den Namen des Herrn und sich verlassen auf ihren Gott“ (Jes. 50, 10). Was mich betrifft, so habe ich euch schon gesagt, daß ich des öftern durch dieses Tal gekommen bin und dabei viel Schwereres zu bestehen gehabt habe als jetzt, und doch stehe ich, wie ihr seht, noch vor euch. Es sei jedoch ferne von mir, mich zu rühmen, als allein dessen, der mich aus dem allem erlöst hat, und ich bin der guten Zuversicht, daß auch uns wird herrlich geholfen werden. Kommt, laßt uns den um Licht anrufen, der unsre Finsternis erleuchten kann und nicht nur dieses, sondern alle Teufel der Hölle daniederzuschlagen vermag.
Da schrien sie und beteten, und Gott sandte ihnen Licht und Rettung, so daß sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Doch sie hatten das Ende des Tales noch nicht erreicht und wurden durch den entsetzlichen Gestank und die widerlichen Gerüche, die hier entstanden, sehr belästigt.
„Wahrlich,“ sagte Barmherzig zu Christin, „das ist kein so angenehmer Aufenthaltsort wie an der Pforte oder bei dem Ausleger oder in unsrer letzten Herberge.“
„Gewiß,“ erwiderte einer der Knaben, „aber es ist immerhin noch nicht so schlimm hier durchzugehen, als hier zu bleiben. Und daß wir diesen Weg nehmen müssen, wird dazu dienen, daß uns unsre zukünftige Heimat um so lieblicher erscheinen wird.“
Mutherz. Ganz recht, Samuel, jetzt hast du wie ein Mann geredet.
„Ja, wenn ich von dannen wieder herauskomme,“ fuhr der Knabe fort, „werde ich wohl das Licht und einen guten Weg höher schätzen als je in meinem ganzen Leben.“
Mutherz. Wir haben nun den größten Teil dieses Tales hinter uns.
„Kann man das Ende noch nicht sehen?“ fragte nach einer Weile Joseph.
„Gib lieber acht auf deine Füße,“ antwortete der Führer, „daß du nicht in einen Fallstrick gerätst, deren auf diesem Wege viele gelegt sind.“ Sehr behutsam zogen sie weiter, aber trotzdem machten ihnen diese Schlingen viel zu schaffen.
Ein wenig abseits auf der linken Seite des Weges sahen die Pilger einen Mann in einer Grube liegen, dessen Körper ganz zerfleischt und zerrissen war. „Das ist Unachtsam,“ sagte der Führer, „er liegt schon lange hier. Während er gefangen und erschlagen wurde, gelang es seinem Begleiter, namens Achtsam, zu entfliehen. Schon viele sind in dieser Gegend getötet worden, und gleichwohl sind die Leute so verwegen und leichtsinnig, daß sie sich ohne Führer auf die Pilgerfahrt begeben. Es ist ein Wunder, daß Christ hier durchkam. Aber er war seinem Gott lieb, und er hatte ein mutiges Herz, sonst wär’s ihm nimmer gelungen.“
Sie näherten sich nun dem Ende des Tales. Da, wo Christ seinerzeit eine Höhle gesehen, trat ein Riese namens Hammer hervor. Dieser pflegte die jungen Pilger durch seine trügerischen Reden hinter das Licht zu führen. Er rief mit lauter Stimme: „Herr Mutherz, habe ich dir nicht schon oft verboten, diese Dinge zu treiben?“ — „Was denn für Dinge?“ fragte Mutherz.
„Das weißt du recht wohl,“ antwortete der Riese, „aber ich will dir nun ein für allemal das Handwerk legen.“
„Aber, bitte,“ sagte Herr Mutherz, „bevor wir miteinander kämpfen, muß ich wissen, wessen du mich beschuldigst!“
Da sprach der Riese: „Du beraubst das Land in Gemeinschaft mit den ärgsten Dieben.“
„Das sind ganz allgemeine Reden,“ erwidert Mutherz, „sprich dich deutlicher aus!“
„Du treibst das schändliche Gewerbe eines Seelenverkäufers,“ sagte der Riese, „und lockst Weiber und Kinder an dich und schleppst sie in ein fremdes Land; damit schädigst du das Reich meines Fürsten.“
Mutherz. Ich bin ein Diener des Allerhöchsten. Mein Amt ist, die Sünder zur Buße zu rufen. Es ist meine heilige Pflicht, Männer, Frauen und Kinder aus der Finsternis zum Licht zu führen und aus der Gewalt Satans zu Gott. Und wenn nun dieses der Grund deines Scheltens ist, wohlan, so will ich es mit dir ausfechten, sobald du willst.
Alsbald kam der Riese mit seiner Keule heran, Mutherz zog sein Schwert und ging ihm entgegen. Der Kampf begann, und der Riese schlug Mutherz mit dem ersten Streich nieder, daß er aufs Knie sank. Da schrien die Frauen und Kinder laut auf. Mutherz erhob sich indessen schnell wieder, griff den Riesen noch einmal tapfer an und verwundete ihn an seinem Arm. So stritten sie miteinander bei einer Stunde mit großer Heftigkeit, daß der Atem aus des Riesen Nasenlöchern hervorbrach wie der Dampf aus einem kochenden Kessel.
Darauf hielten sie einen Augenblick inne, Mutherz aber wandte sich zum Gebet. Auch die Frauen und Kinder taten, solange der Kampf währte, nichts andres als seufzen und schreien. Nachdem sie Atem geschöpft und sich ein wenig erholt hatten, fielen sie wieder aufeinander los, und diesmal streckte Mutherz den Riesen mit einem wuchtigen Schlag zu Boden.
„Halt!“ schrie dieser. „Laß mich doch noch einmal aufkommen!“ Mutherz, ein Ritter, wie er war, ließ ihn nochmals gewähren, und von neuem begann der Kampf. Es fehlte wenig, so hätte ihm jetzt der Riese mit seiner Keule den Schädel zerschmettert. Als Mutherz dies gewahrte, drang er mit der vollen Hitze seines Mutes auf den Gegner ein und traf ihn unter der fünften Rippe. Da fing der Riese an zu wanken und vermochte seine Keule nicht länger zu schwingen. Mutherz schlug ihn vollends nieder und hieb ihm den Kopf ab. Hierüber jauchzten die Frauen und Kinder vor Freuden, und Mutherz pries Gott für den Sieg, den Er ihm gegeben hatte.
Sie richteten nun miteinander eine Säule auf und hefteten des Riesen Haupt daran; darunter aber schrieben sie, so daß es alle Vorübergehenden lesen konnten:
Fußnoten:
[192] Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet sich genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns genügen (1. Tim. 6, 6-8).
[193] Jakob kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn; auch hat er ihn ja zu Beth-El gefunden (Hos. 12, 5). Maria sprach zu dem Engel Gabriel: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (Luk. 1, 38).
[194] Da der Kaufmann, der gute Perlen suchte, eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie (Matth. 13, 45. 46).
[195] Es ist mir lieb, daß Du mich gedemütigt hast, daß ich deine Rechte lerne (Ps. 119, 71).
[196] Jesus spricht: Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen (Matth. 11, 29).
[197] Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widerstehet, fest im Glauben! (1. Petr. 5, 8. 9.)