er Weg führte nun über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck aufgeworfen war, damit die Pilger hier einige Aussicht hätten. Es war derselbe Hügel, von wo aus einst Christ seinen Freund Getreu erblickte. Allda hielten sie kurze Rast, aßen und tranken von dem, was sie bei sich hatten, und ihre Herzen waren voll Lob und Dank gegen Gott ob all Seiner herrlichen Durchhilfe.
„Herr Mutherz,“ redete Christin den Führer an, „hast du aus dem Kampf mit dem Riesen keine Verletzung davon getragen?“
„Nein,“ antwortete er, „außer einer kleinen Wunde habe ich keinen Schaden erlitten. Sie soll mir als Ehrenzeichen gelten, und ich freue mich, daß ich meiner Liebe zu meinem Herrn Ausdruck verleihen durfte, indem ich mein Leben für euch aufs Spiel setzte. Ich weiß, es wird mir dies auch nicht unbelohnt bleiben.“
Christin. Aber, lieber Herr, ist dir denn gar nicht bange geworden, als du ihn mit seiner Keule herankommen sahst?
Mutherz. Ich habe gelernt, von meiner eigenen Kraft ganz abzusehen und allein auf den meine Zuversicht zu setzen, der stärker ist als alle.
Christin. Aber wie war dir zumute, als er dich mit dem ersten Hieb zu Boden brachte?
Mutherz. Nun, ich dachte, daß meinem Herrn dasselbe widerfahren sei, und daß Er dennoch zuletzt überwunden habe[198].
Matthäus. Was du auch gedacht haben magst, das eine ist gewiß, daß Gottes Güte sich wunderbar an uns erwiesen hat, indem Er uns aus der Hand unsrer Feinde errettet und uns wohlbehalten aus diesem Tal herausgebracht hat. Nein, angesichts solcher Tatsachen sehe ich wahrlich keinen Grund, warum wir je an Gottes Liebe zweifeln sollten.
Die Pilger brachen nun wieder auf und zogen weiter. Sie kamen bald an einer Eiche vorüber, unter der sie einen alten Pilger in tiefem Schlaf fanden. Daß er ein Pilger war, erkannten sie an seinem Kleid, Gürtel und Stab. Der Führer weckte ihn auf. Der alte Herr fuhr aus seinem Schlaf und rief: „Was gibt’s? Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
Mutherz. Nur nicht so hitzig, mein Freund! Du hast von uns nichts zu befürchten.
Dennoch sprang der alte Mann auf und blieb auf der Hut, bis er wußte, wer sie wären. Da sprach der Führer: „Mein Name ist Mutherz; ich bin der Führer dieser Pilger, die nach der himmlischen Stadt ziehen.“
„Ach, verzeiht mir,“ sagte Herr Redlich (denn so hieß er), „ich fürchtete, ihr könntet von der Bande sein, die vor einiger Zeit dem Kleinglauben all sein Geld raubte; aber ich sehe, daß ihr ehrliche Leute seid.“
Mutherz. Nun, wenn wir wirklich zu jener Bande gehört hätten, was würde es dir genützt haben, gegen uns anzugehen?
Redlich. Was es mir genützt hätte? Ei, ich hätte gekämpft auf Tod und Leben, und ich bin gewiß, daß ich nicht unterlegen wäre. Denn ein Christ kann nimmermehr überwunden werden, es sei denn, daß er klein beigibt.
Mutherz. Du hast die Wahrheit gesagt, Vater Redlich; daraus erkenne ich, daß du einer von der rechten Art bist.
Redlich. Und ich merke ebenfalls, daß du weißt, was es mit der rechten Pilgerschaft auf sich hat; denn es ist die Meinung weitverbreitet, als ob wir gar leicht über den Haufen zu werfen seien.
Mutherz. Da wir so glücklich sind, einander hier zu treffen, so laß mich doch, bitte, deinen Namen und deine Herkunft wissen!
Redlich. Meinen Namen, den kann ich dir nicht sagen; aber ich bin aus der Stadt Stumpfsinn gebürtig, die nur etwa vier Stunden hinter der Hauptstadt Verderben liegt.
Mutherz. So, das ist dein Geburtsort? Dann meine ich, so halb und halb erraten zu können, wer du bist. Dein Name ist alte Redlichkeit, ist’s nicht so?
„Redlichkeit zwar nicht,“ sagte der alte Herr errötend, „sondern Redlich ist mein Name, und ich wünschte, daß mein Wesen mit diesem mir beigelegten Namen übereinstimmte. Aber, Herr, wie konntest du erraten, daß ich dieser Mann sei, bloß weil ich dir meine Vaterstadt nannte?“
Mutherz. Durch meinen Herrn habe ich schon von dir gehört, denn Er weiß alles, was auf Erden geschieht. Ich hätte es kaum je für möglich gehalten, daß jemand aus diesem Ort sich auf die Pilgerfahrt begeben würde; denn die Stadt Stumpfsinn übertrifft an Gottlosigkeit selbst die Hauptstadt Verderben.
Redlich. Ja, wir liegen noch weiter ab von der Sonne, und sind daher kälter und unempfindlicher. Aber wohnte einer gleich mitten in einem Eisberg, so müßte dennoch sein erstarrtes Herz auftauen, sobald die Sonne der Gerechtigkeit über ihm aufgeht. Und so ist es mir gegangen.
Mutherz. Ich glaub’s, Vater Redlich, ich glaub’s; denn ich weiß, daß dies wahr ist[199].
Der alte Herr wandte sich hierauf zu den Pilgern; er grüßte sie alle aufs herzlichste, fragte sie nach ihrem Namen und wie es ihnen bisher auf ihrer Pilgerreise ergangen sei.
„Ich denke,“ hob Christin an, „meinen Namen hast du schon nennen hören, denn der liebe Christ war mein Mann, und diese vier Knaben sind seine Kinder.“
Über dieser Mitteilung geriet der Alte fast außer sich vor Freude; er lachte und sprang und bewillkommte sie mit tausend Segenswünschen. „Ja,“ sprach er, „von deinem Mann habe ich vieles gehört, von seiner Reise und seinen Kämpfen, die er bei seinen Lebzeiten erduldet. Ich kann dir versichern, der Name deines Mannes hat überall einen guten Klang; sein Glaube, sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine Treue haben ihn berühmt gemacht.“
Nachdem er nun die Namen der Knaben erfahren, sprach er zu ihnen: „Matthäus, werde du Matthäus, dem Zöllner, gleich, nicht in der Sünde, sondern in der Nachfolge! (Matth. 9, 9.) Samuel, sei du gleich dem Propheten Samuel, der ein Mann des Glaubens und des Gebets war! (1. Sam. 7, 8. 9.) Joseph, sei du keusch wie Joseph in des Potiphars Haus und fliehe die Versuchung! (1. Mos. 39.) Und du, Jakob, tritt in die Fußstapfen des Jakobus, des Gerechten, des Bruders unsers Herrn!“ (Gal. 1, 19.)
Auch von Barmherzig wurde ihm erzählt, wie sie ihre Heimat und Freundschaft verlassen hätte, um Christin und ihre Söhne zu begleiten. Und der alte Redlich sprach zu ihr: „Barmherzig ist dein Name; Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang, und du wirst einst den Herrn, die Quelle der Barmherzigkeit, schauen von Angesicht zu Angesicht.“
Der Führer Mutherz hatte seine herzliche Freude an diesem neuen Reisegefährten, und während sie miteinander gingen, hatten sie folgendes Gespräch:
Mutherz. Vater Redlich, hast du nicht auch einen gewissen Herrn Ängstlich gekannt, der aus deiner Gegend auf die Pilgerschaft gezogen ist?
Redlich. Ja, ich kannte ihn sehr wohl. Er war ein Mann, der das eine besaß, das not tut; aber er war einer der ängstlichsten Pilger, die ich je in meinem Leben getroffen habe.
Mutherz. Ich merke wohl, du kennst ihn, denn du hast ihn ganz richtig geschildert.
Redlich. Wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich bin lange Zeit sein Gefährte gewesen, und wir sind ein gutes Stück Weges miteinander gepilgert. Schon in den ersten Anfängen seines neuen Lebens hatte ich Umgang mit ihm.
Mutherz. Und ich war sein Führer von meines Herrn Hause bis an die Tore der himmlischen Stadt.
Redlich. Nun, dann kann dir seine allzu große Ängstlichkeit nicht verborgen geblieben sein.
Mutherz. Ich weiß es. Ich habe ihn dessenungeachtet doch recht liebgewonnen; denn Leuten meines Berufs wird des öftern die Führung solcher Seelen anvertraut.
Redlich. Nun denn, so laß uns doch etwas hören von ihm, wie er auf seiner Pilgerfahrt durchgekommen ist.
Mutherz. Ach, er war immer in Angst, daß er das Ziel seiner Sehnsucht nicht erreichen möchte. Jede Kunde von bevorstehenden Hindernissen und Gefahren, die an sein Ohr drang, versetzte ihn in nicht geringen Schrecken. Umkehren wollte er dennoch um keinen Preis. „Lieber tot als ungetreu,“ konnte man ihn oft sagen hören, und doch war er mutlos bei jeglicher Schwierigkeit und stolperte über jeden Strohhalm, der auf dem Weg lag. Bei dem Sumpf der Verzagtheit soll er über einen Monat jammernd auf und ab gegangen sein, ehe er es wagte, seinen Fuß hineinzusetzen, obwohl mehrere der vorübergehenden Pilger ihm dazu hilfreiche Hand boten. Dann auf einmal, es war an einem sonnigen Morgen, nahm er einen Anlauf und kam, ich weiß nicht wie, glücklich hinüber. Es war auch ihm selber wie ein Wunder. Ich glaube, er hatte eben solch einen Sumpf der Verzagtheit in seinem Herzen, sonst hätte es anders um ihn stehen müssen. So kam er denn an die Pforte, die am Eingang dieses Weges ist, und auch da währte es eine geraume Zeit, bis er den Mut fand, anzuklopfen. Als sich die Pforte öffnete, trat er zurück und machte andern Platz, die nach ihm angekommen waren, weil er sich unwürdig achtete, einzutreten. Zitternd und zagend stand der arme Mann da — ein Bild des Erbarmens! Zurückgehen wollte er natürlich nicht. Endlich faßte er sich ein Herz, schlug mit dem Klöpfel, der an der Tür hing, ein- oder zweimal sachte an. Alsbald ward ihm geöffnet, aber er bebte zurück wie zuvor. „Du Zitternder, was begehrst du?“ fragte der Torwächter. Ängstlich fiel zur Erde nieder. Jener, da er den armen Mann in so großer Schwachheit fand, sprach: „Friede sei mit dir! Steh auf, die Pforte ist offen; komm herein, du bist ein Gesegneter des Herrn!“ Nur langsam erhob er sich, und zitternd trat er ein, wagte es jedoch lange nicht, seine Augen aufzuheben. Freundlich ward er aufgenommen und bewirtet, und man wies ihm den Weg, den er nun nehmen sollte. So kam er denn an das Haus meines Herrn, des Auslegers. Wie bei der engen Pforte, so machte er es auch hier wieder. Er fürchtete sich anzuklopfen, und doch wollte er nimmermehr umkehren. Trotz der kalten Nächte schlich er eine lange Zeit um das Haus herum und stand in Gefahr, vor Hunger und Kälte zu verderben. Überdies hatte er ein dringendes Empfehlungsschreiben an meinen Herrn in der Tasche, daß er ihn aufnehmen und ihm alle Erquickung und Tröstung des Hauses zukommen lasse und ihm auch einen tüchtigen und beherzten Führer mitgeben möchte, weil er selber nicht mehr Herz habe als ein Küchlein. Ja, so groß war seine Niedergeschlagenheit, daß er, obschon er mehrere andre anklopfen und hineingehen sah, selbst es dennoch nicht zu tun wagte. Endlich gewahrte ich von meinem Fenster aus einen Menschen vor der Tür auf und ab gehen. Ich trat zu ihm hinaus und fragte, wer er wäre. Aber, der arme Mann! Die Tränen standen ihm in den Augen, und so entdeckte ich denn die Ursache seines Kummers. Als mein Herr dies erfuhr, gab er mir den Auftrag, den Mann hereinzuführen; allein ich muß gestehen, daß es mir schwer wurde, ihn dazuzubringen. Indessen gelang es mir doch, und mein Herr nahm sich seiner mit der größten Liebe an. Von all den guten Gerichten, die noch von der Tafel übrig waren, ward ihm auf einem Teller vorgesetzt. Hierauf überreichte er meinem Herrn sein Empfehlungsschreiben. Als dieser es gelesen, ward ihm die Erfüllung seiner Bitte zugesagt. Während seines Aufenthaltes bei uns schien er wieder ein wenig Herz zu fassen und zuversichtlicher zu werden; denn mein Herr, das mußt du wissen, hat ein besonders großes herzliches Erbarmen gegen die Verzagten und tut alles, um ihnen Mut zu machen. Nachdem ihm nun alle Merkwürdigkeiten des Ortes gezeigt worden waren und er sich bereit machte, seine Reise nach der himmlischen Stadt fortzusetzen, gab ihm mein Herr, wie er es einstmals Christ getan, eine Flasche mit stärkendem Getränk und einige Erfrischungen mit auf den Weg. So zogen wir aus, und ich ging vor ihm her; allein der Mann war einer von wenig Worten, nur seufzte er oft laut auf.
Bald erreichten wir den Ort, wo die drei Bösewichter hingen; da sprach er die Befürchtung aus, daß es auch mit ihm ein solches Ende nehmen werde. Nur da schien er froh zu sein, als er das Kreuz und das Grab erblickte. Hier wünschte er ein wenig zu verweilen, um diese Stätte anzuschauen, und darauf erhellte sich sein Angesicht ein wenig. Bei dem Berg der Beschwerde machte es mit ihm gar keine Schwierigkeiten, er fürchtete sich auch nicht vor den Löwen; denn du mußt wissen, daß er sich weniger über dergleichen Dinge ängstigte, sondern seine größte Sorge war die, ob er auch zuletzt werde in Gnaden angenommen.
Im Palast Prachtvoll machte ich ihn mit allen Gliedern des Hauses bekannt; allein er war zu schüchtern, sich in ihre Gesellschaft zu begeben, und suchte lieber die Einsamkeit auf. Nichtsdestoweniger boten ihm erbauliche Gespräche hohen Genuß, und oft stellte er sich hinter einen Vorhang, um unbemerkt zuzuhören. Auch an altertümlichen Sachen hatte er großes Gefallen und sann gern bei sich darüber nach. Späterhin gestand er mir, er wäre an der engen Pforte und im Hause des Auslegers gern ein wenig länger geblieben, doch habe er nicht den Mut gehabt, diese Bitte auszusprechen.
Der Abstieg vom Berg in das Tal der Demut vollzog sich bei ihm mit der größten Leichtigkeit, wie ich es kaum je mit einem andern erlebt habe; denn er fragte nichts danach, wie tief es hinabginge, wenn er nur zuletzt selig würde. Ja, ich glaube, zwischen ihm und diesem Tal bestand eine ganz besondere Übereinstimmung, sah man ihn doch auf der ganzen Pilgerreise nie fröhlicher einhergehen als hier. Er warf sich da nieder, als wollte er den Erdboden umschlingen, und küßte selbst die Blumen, die darauf wachsen[200]. Jeden Morgen stand er schon bei Tagesanbruch auf, um talauf und talab zu wandern.
Am Eingang des Tales der Todesschatten aber, da schien es, als sollte ich um meinen Mann kommen. Nicht daß er irgendwelche Neigung gehabt hätte umzukehren, davor hatte er immer einen Abscheu, sondern eine wahre Todesangst bemächtigte sich seiner. „O die Kobolde, die Kobolde, sie wollen mich ergreifen!“ schrie er einmal über das andre; und es gelang mir nicht, es ihm auszureden. Er erhob ein solches Zetergeschrei, daß zu befürchten war, das ganze höllische Heer könnte sich darob versammeln, um uns zu überfallen. Wunderbarerweise blieb alles ruhig, als wir hindurchzogen, wie nie zuvor oder seitdem es gewesen ist. Ja, unser Herr hielt die Feinde zurück, daß sie sich nicht regen durften, bis Herr Ängstlich hindurch wäre.
Es würde zu weit führen, wollte ich dir alle Einzelheiten der Reise nach erzählen, einen oder zwei Vorfälle nur will ich noch erwähnen. Als wir auf den Eitelkeitsmarkt kamen, meinte ich, er wolle mit allen Leuten auf dem Markt anbinden; ich besorgte, man würde uns beiden die Köpfe zerschlagen, so eifrig trat er gegen ihre Torheiten auf. In dem bezauberten Grund war er sehr wachsam. Als er aber den Fluß erreichte über den keine Brücke führt, da war er wieder in schweren Ängsten. „Jetzt, ach, nun muß ich in die Tiefe versinken,“ jammerte er, „ich werde mich nie an dem Angesicht des Herrn erquicken dürfen, um dessentwillen ich diesen weiten Weg zurückgelegt habe!“
Eben hier erlebte ich wieder etwas Seltsames. Der Wasserstand war gerade zu dieser Zeit so niedrig, wie ich es sonst noch nie angetroffen habe. So kam er denn hinüber, wobei das Wasser ihm nicht viel höher als über die Schuhe ging. Als er nach der Pforte der himmlischen Stadt hinanstieg, nahm ich Abschied von ihm und wünschte ihm eine gute Aufnahme droben. Er sprach: „Amen, amen.“ Noch einmal winkte ich ihm zu, und bald war er meinen Blicken entschwunden.
Redlich. So ist es ihm am Ende doch noch gut ergangen.
Mutherz. Daß es mit ihm noch gut werden würde, daran hegte ich nie einen Zweifel. Er war ein Mann von ungewöhnlich himmlischer Gesinnung; nur war er immer niedergedrückt, und das machte ihm sein Leben so mühsam und andern beschwerlich (Ps. 88). Seine tiefe Abscheu vor der Sünde war wirklich vorbildlich, und er fürchtete sich so sehr davor, jemand Unrecht zu tun, daß er sich oft Erlaubtes versagte, damit er nur niemand Anstoß gäbe[201].
Redlich. Aber was mochte wohl die Ursache davon sein, daß ein so frommer Mann sein ganzes Leben hindurch in solcher Dunkelheit wandeln mußte?
Mutherz. Der Ursachen mögen verschiedene sein. Eine ist, daß es der weise Gott so haben wollte. Die einen müssen pfeifen, die andern klagen (Matth. 11, 16. 17). So war nun Ängstlich einer, der den Baß spielen mußte. Er und seinesgleichen blasen die Baßposaunen, deren Töne tiefer klingen als die andrer Musikinstrumente, wiewohl manche sagen, der Baß sei der Grundton in der Musik. Ich meinerseits kann ebenfalls eine Bekehrung nicht als echt anerkennen, die nicht mit einer Traurigkeit des Herzens beginnt[202]. Die erste Saite, die der Musiker beim Spielen seines Instruments berührt, ist die Baßsaite. So rührt Gott auch diese Saite zuerst, wenn die Seele Ihm wohlgefällig erklingen soll. Es lag aber hier nur an der Unvollkommenheit des Herrn Ängstlich, daß er bis an sein Ende keinen andern Ton als diesen anzuschlagen wußte.
(Ich habe mich dieser bildlichen Sprache bedient, um besonders jugendliche Leser dadurch zum Nachdenken zu veranlassen. Auch im Buch der Offenbarung, Kapitel 14, 2. 3, lesen wir, wie die Erlösten gleich einem Chor von Sängern ihre Loblieder vor dem Thron singen und auf ihren Harfen spielen.)
Rechtschaffen. Wie man aus deinem Bericht entnehmen kann, war Herr Ängstlich dennoch kein Feigling. Schwierigkeiten, Löwen und den Markt der Eitelkeit fürchtete er gar nicht; nur Sünde, Tod, Hölle waren die Dinge, die ihn schreckten, weil er noch einige Zweifel über seine Aufnahme in der himmlischen Stadt hegte.
Mutherz. Du hast recht. Seine Angst rührte von einer Gemütsschwachheit her, keineswegs von Schwäche seines Geistes, wie dies sein frommer Pilgerwandel hinlänglich bewies. Für seinen Herrn wäre er, wie man zu sagen pflegt, durchs Feuer gegangen. Aber was ihn bedrückte, hat noch niemand so leicht abschütteln können.
Christin. Deine Mitteilungen über Herrn Ängstlich haben mir sehr wohl getan. Ich habe bisher gemeint, es ginge niemand so wie mir; nun aber sehe ich, daß der Lebensgang dieses frommen Mannes mit dem meinen manche Ähnlichkeit hat. Darin sind wir allerdings verschieden, daß seine Beängstigungen zum Ausbruch kamen, während ich sie bei mir verschlossen hielt. Er war so niedergeschlagen, daß er es nicht einmal wagte, an den zum Aufenthalt der Pilger eigens bestimmten Häusern anzuklopfen, während die Sorge um mein Seelenheil mich hierin um so kühner machte.
Barmherzig. Wenn ich gleichfalls mitreden darf, so muß ich bekennen, daß dergleichen Beängstigungen sich auch bei mir finden. Der Gedanke an den Feuersee oder an die Möglichkeit, vom Herrn ausgestoßen zu werden, hat mich mehr in Schrecken versetzt als irgend etwas andres. O, dachte ich, wenn ich im Paradies eine Wohnstätte erhalte, so will ich für dieses Glück gern eine ganze Welt darangeben!
Matthäus. Mich hat ebensolche Furcht auf den Gedanken gebracht, daß ich weit entfernt sei von dem, was zu unsrer Seligkeit gehört. Wenn es aber mit diesem frommen Mann so stand, warum sollte es dann nicht auch mit mir gut gehen?
„Wo diese Furcht fehlt, da ist auch keine Gnade[203],“ sagte Jakob. „Obgleich die Furcht vor der Hölle noch keine Gnade in sich schließt, so ist doch das gewiß, daß da keine Gnade ist, wo keine Furcht Gottes ist.“
Mutherz. Du hast das Richtige getroffen, Jakob; denn die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang, und das ist gewiß: Wo kein Anfang ist, da ist auch kein Fortgang und kein Ziel. Doch wir wollen hier unser Gespräch über Herrn Ängstlich abbrechen.
Ich sah nun, daß sie in ihren Gesprächen fortfuhren, denn Redlich begann von einem andern zu erzählen, der Eigenwillig hieß, und sprach: „Er selbst gab sich für einen Pilger aus; aber ich bin überzeugt, daß er nicht durch die Pforte am Eingang dieses Weges eingegangen ist.“
Mutherz. Hast du jemals darüber mit ihm gesprochen?
Redlich. Ja, etlichemal; aber wie er hieß, so war er auch, nämlich eigenwillig. Er ließ sich auf keine Weise belehren, sondern was ihm sein Herz eingab, das tat er und war sonst zu nichts anderm zu bewegen[204].
Mutherz. Aber was waren denn seine Grundsätze? Sie müssen dir doch wohl bekannt sein.
Redlich. Er hielt dafür, es könne einer ebensowohl in den Sünden andrer Pilger leben als ihren Tugenden nachfolgen; wenn er beides täte, würde er gewiß selig werden.
Mutherz. Wie? Wenn er gesagt hätte, es könne auch dem Besten begegnen, daß er in eine Sünde falle, so wäre das nicht zu tadeln; denn in der Tat, solange wir in diesem Leibe wallen, sind wir jeder Sünde fähig, wenn wir im Wachen und Beten nachlassen. Aber wenn ich dich recht verstehe, so war seine Meinung, daß die Sünden, die andre Pilger begangen haben, auch ihm erlaubt seien zu tun, wenn er sich ihrer Tugenden befleißige.
Redlich. Ja, du hast es richtig erfaßt, denn so dachte und lebte er auch.
Mutherz. Aber worauf gründete er denn seine Behauptung?
Redlich. Nun, er stützt sich dabei auf die Heilige Schrift.
Mutherz. Wie kann das sein? Bitte, Vater Redlich, laß uns Näheres darüber hören!
Redlich. Das will ich gern tun. Er sagte: „David, der Geliebte Gottes, hat eines andern Weib genommen; deshalb steht mir solches auch zu. Salomo hat mehrere Weiber gehabt; folglich kann ich es auch so halten. Sara und die gottesfürchtigen Wehmütter in Ägypten haben gelogen, durch eine Lüge hat sich auch Rahab am Leben erhalten; darum darf ich das auch tun. Die Jünger haben auf ihres Meisters Geheiß den Esel seinem Besitzer weggenommen, also ist mir solches auch erlaubt. Jakob hat den Segen der Erstgeburt bei seinem Vater durch List und Verstellung an sich gebracht, und deswegen kann ich auch so tun.“
Mutherz. Das sind allerdings starke Gründe. Aber war das wirklich seine Überzeugung?
Redlich. Ich habe diese Beweisführungen oft aus seinem Munde vernommen.
Mutherz. Das ist eine Behauptung, der man auch nicht die allergeringste Berechtigung zuerkennen darf.
Redlich. Du mußt mich recht verstehen. Er behauptete nicht, daß jeder das tun dürfe, sondern nur die, die auch solche Tugenden wie jene hätten.
Mutherz. Wie kann man nur einen solch falschen Schluß ziehen! Das ist geradeso, als wenn man spräche: Weil fromme Menschen aus Schwachheit gesündigt haben, deshalb sei es erlaubt, es aus Vorsatz und Mutwillen zu tun. Oder weil ein Kind durch einen starken Windstoß umgeworfen ward oder über einen Stein stolperte und hinfiel und sich im Kot beschmutzte, so dürfe man nun vorsätzlich sich hinlegen und wie ein Schwein sich im Kot wälzen. In solche Verblendung gerät man eben durch den Betrug der Sünde, und es muß sich erfüllen, was geschrieben steht: „Sie stoßen sich an dem Wort und glauben nicht daran, wozu sie auch gesetzt sind“ (1. Petr. 2, 8). Wenn jener die Tugenden der heiligen Männer zu besitzen glaubt, während er sich ihren Sünden ergibt, so ist dies keine geringere Täuschung als die erstere. Die Sünde des Volkes zu verschlingen[205], wie ein Hund den Kot aufleckt, ist kein Zeichen davon, daß man die Tugenden des Volkes Gottes besitzt. Und ich kann auch nicht glauben, daß einer, der dieser Meinung ist, zur selben Zeit im Glauben und in der Liebe steht. Nun, du wirst ihm gewiß kräftig widerstanden haben; was hat er dir darauf geantwortet?
Redlich. Er sagte: aus Überzeugung so zu handeln, scheine ihm bei weitem ehrlicher, als es zu tun und doch das Gegenteil zu glauben.
Mutherz. Das ist eine recht gottlose Antwort; denn gegen besseres Wissen und Gewissen den Lüsten die Zügel schießen zu lassen, kann doch nur schlecht genannt werden; aber noch ärger ist es, zum Sündigen ein Recht zu beanspruchen. Der eine bringt solche, die es sehen, ohne seinen Willen zu Fall, der andre sucht sie absichtlich zu Fall zu bringen.
Redlich. Es sind ihrer viele, die so denken, es aber nicht offen aussprechen wie er, und daher kommt es, daß das Pilgerleben heutzutage bei den Leuten in so geringer Achtung steht.
Mutherz. Was du sagst, ist leider nur allzu wahr; doch wer in der Furcht Gottes seine Straße zieht, wird dem allem entrinnen.
Christin. Es gibt seltsame Meinungen in der Welt. Ich kenne einen, der sagte, es habe auf dem Sterbebett noch Zeit, Buße zu tun.
Mutherz. Solche Leute sind nichts weniger als weise[206]. Wäre auch jemand, der innerhalb einer Woche einen Weg von zwanzig Meilen zurückzulegen hätte, wohl so töricht, sich erst in der letzten Stunde dazu anzuschicken?
Redlich. Du hast recht, und doch machen’s viele von denen, die sich Pilger nennen, in der Tat so. Ich bin, wie du siehst, ein alter Mann und habe in meinem langen Leben allerlei Beobachtungen gemacht.
Da waren Leute, die beim Antritt ihrer Reise sich gebärdeten, als wenn die ganze Welt ihnen weichen müßte, und siehe da, nach kurzer Frist starben sie dahin wie die Kinder Israel in der Wüste und haben das Gelobte Land mit keinem Fuß betreten. — Andre dagegen, die nichts zu versprechen schienen und von denen man eher hätte denken mögen, daß sie es keinen Tag aushalten würden, haben sich als wackere Pilgrime erwiesen. — Ich habe solche gesehen, die mit sehr raschem Lauf vorwärts eilten, aber nach kurzer Zeit ebenso schnell wieder zurückliefen. — Gar manche, die anfangs bei jeder Gelegenheit das Pilgerleben rühmten, haben späterhin ebenso heftig dawider geredet. — Von andern, die auch der himmlischen Stadt zupilgerten, habe ich zuversichtlich sagen hören: „Es gibt einen solchen Ort!“, aber, bevor sie dort anlangten, sind sie wieder umgekehrt und haben sein Dasein in Abrede gestellt. — Ich habe gehört, wie manche sich rühmten, was sie alles tun würden, wenn sie auf Widerstand stoßen sollten; aber schon beim ersten falschen Gerücht haben sie ihren Glauben, ihre Pilgerschaft und alles darangegeben. —
Während sich die Pilger auf ihrem Weg also erbauten, kam einer ihnen entgegengelaufen und rief: „Ihr Männer, Frauen und Kinder, wenn euch euer Leben lieb ist, so nehmt euch in acht, denn die Räuber sind vor euch!“
Mutherz. Das sind die drei, die damals Kleinglauben überfallen haben. Wohlan, wir sind bereit, ihnen zu begegnen.
Indem sie weiterzogen, hielten sie bei jeder Biegung des Weges Umschau, ob sich die Bösewichter irgendwo zeigten. Aber sei es, daß sie von Mutherz gehört hatten oder daß sie auf eine andre Beute lauerten — sie ließen sich nirgends blicken.
Fußnoten:
[198] Wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Fleische (2. Kor. 4,11). In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat (Röm. 8, 37).
[199] Bei Gott ist kein Ding unmöglich (Luk. 1, 37).
[200] Es ist ein köstlich Ding einem Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trage; da ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte (Klagel. 3, 27-29).
[201] Es ist besser, du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein und tust nichts, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird (Röm. 14, 21).
[202] Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut (2. Kor. 7, 10); selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden (Matth. 5, 4).
[203] Schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern (Phil. 2, 12).
[204] Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode (Spr. 14, 12).
[205] Sie fressen die Sündopfer meines Volks und sind begierig nach ihren Sünden (Hos. 4, 8).
[206] Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden (Ps. 90, 12).