urz nachdem die Pilgerschar sich von ihren Freunden verabschiedet hatte, kamen sie zu dem Platz, wo Getreu den Tod erlitten hatte. Hier machten sie halt, und in tiefer Bewegung standen sie da, daran gedenkend, wie sein männliches Dulden nun auch ihnen zugute gekommen war, und sie dankten dem Herrn dafür, daß Er ihm die Kraft verliehen, Ihn mit solchem Tode zu preisen. — Sie setzten ihren Weg fort und sprachen davon, wie Hoffnungsvoll nach Getreus Tod sich zu Christ gesellte. Darüber gelangten sie bis an den Hügel Gewinn, wo Demas durch die Silbergrube von der Pilgerschaft abgezogen ward und wo auch Nebenwege vermutlich hineinfiel und umkam. Dies gab ihnen besonders zu denken. — Nicht weit davon entfernt, dem Hügel Gewinn gegenüber, stießen sie auf das alte Denkmal, die Salzsäule, die im Angesicht Sodoms und des Toten Meeres stand; da verwunderten sie sich, wie auch Christ vor ihnen, daß Männer von solcher Erkenntnis und Reife des Verstandes wie Demas und seine Gefährten im Anblick dieses Warnungszeichens so verblendet sein konnten, hier umzuwenden. Sie bedachten aber, daß die Menschen im allgemeinen sich durch den Schaden andrer nicht belehren lassen, besonders wenn etwas, wie hier die Silbermine, noch eine solche Anziehungskraft auf sie auszuüben vermag.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie an den Strom kamen, der diesseits der lieblichen Berge fließt. Das war der Strom, an dessen Ufer prächtige Bäume stehen, deren Blätter zur Gesundheit der Menschen dienen, wo die immergrünen Wiesen sind und man sicher ruhen kann (Ps. 23). An diesem Wasser waren auch Hütten und Hürden für die Schafe und ein Haus zur Aufnahme und Pflege der Lämmer, das sind die Kindlein der Frauen, welche die Pilgerfahrt angetreten haben. Da war auch einer, der ihrer wartete, der Mitleiden haben konnte mit ihrer Schwachheit (Hebr. 4, 15) und der diese Lämmer in Seine Arme sammelt und in Seinem Busen trägt und die Schafmütter führt (Jes. 40, 11). Christin riet ihren vier Schwiegertöchtern, ihre Kleinen der Obhut dieses Mannes anzuvertrauen, damit sie an diesen Wassern auferzogen, ernährt, gehegt und gepflegt würden und keines von ihnen verlorengehe. Wenn nämlich eines sich verirrt, so sucht Er es und bringt es wieder; Er verbindet das Verwundete und wartet des Schwachen (Hes. 34, 16). Sie erhalten guten Unterricht, und, was von großer Wichtigkeit ist, sie werden gelehrt, den richtigen Weg zu wandeln. Hier gebricht es ihnen niemals an Speise und Trank oder Kleidung. Es gibt da, wie ihr seht, klare Bäche, anmutige Wiesen, duftende Blumen und allerlei Bäume, deren Früchte nicht schädlich sind wie die aus Beelzebubs Garten, welche Matthäus aß, sondern die die Gesundheit der Menschen fördern und erhalten und in Krankheit als Heilmittel dienen. Hier sind sie auch sicher vor Dieben und Räubern, denn eher gibt dieser Mann Sein Leben hin, als daß Er eines Seiner Pflegebefohlenen umkommen läßt. Also waren sie es wohl zufrieden, ihre Kleinen Ihm zu übergeben, und das um so mehr, da der König dieses Haus zur Erziehung junger Kinder und Waisen hatte erbauen lassen.
Hierauf zogen sie weiter, und als sie bei der Abwegswiese den Steg erblickten, über den Christ und Hoffnungsvoll gingen und dem Riesen Verzweiflung in die Hände fielen, da machten sie halt und überlegten, ob sie es vereint nicht wagen dürften, den Riesen anzugreifen, die Burg zu schleifen und etwa darin gefangene Pilger zu befreien. Der eine sagte dies, der andre das. Einer trug Bedenken, seinen Fuß auf ungeweihten Boden zu setzen; ein andrer hielt dafür, daß man das wohl tun dürfe, wenn man dabei einen guten Zweck verfolge. Mutherz sprach sich dahin aus, daß man zwar der zuletzt aufgebrachten Meinung nicht unbedingt und allgemein beipflichten könne, „doch,“ fuhr er fort, „ist es meine Aufgabe, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu überwinden und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Und warum sollte dieser Riese sein Wesen ungestört weitertreiben dürfen? Ich will ihm nun das Handwerk legen und die Zweifelsburg zerstören! Wer von euch will mit mir ziehen?“ Alsbald traten der alte Redlich und die vier Söhne der Christin, die nun starke junge Männer waren[221], vor und sprachen: „Wir wollen mit dir dieses Werk ausrichten!“
Sie ließen also die Frauen unter dem Schutz des Kleinmütig und Hinkfuß auf der Straße zurück, denn obwohl der Riese dort so nahe wohnte, so konnte doch ein kleines Kind sie richtig führen, wenn sie auf der Heerstraße blieben (Jes. 11, 6). Die Männer schritten gerade auf die Zweifelsburg zu; dort angekommen, klopften sie so stark an das Tor, daß die ganze Burg davon widerhallte. Der alte Riese kam herab und hinterdrein seine Frau, Mißtrauen, und er rief: „Wer untersteht sich, den Riesen Verzweiflung auf solche Weise zu belästigen?“
Mutherz antwortete: „Das bin ich, Mutherz, ein Diener des himmlischen Königs und Führer der Pilger. Tue mir auf das Tor und rüste dich zum Kampf, denn ich bin gekommen, deinen Kopf zu holen und die Zweifelsburg zu zerstören.“
Der Riese aber, da er sich für unüberwindlich hielt, dachte bei sich selbst: „Ich habe vorzeiten sogar mit Engeln gekämpft und bin obgelegen, sollte mir dieser Mutherz bange machen?“ Er legte also seinen Harnisch an und kam heraus. Auf seinem Haupt hatte er einen Stahlhelm, seine Brust war umgürtet mit einem feurigen Panzer, in eisernen Schuhen trat er daher, mit einer großen Keule in der Hand. Jetzt griffen ihn die sechs Männer an und bedrängten ihn von allen Seiten. Als nun auch Mißtrauen, die Riesin, herzukam, ihm beizustehen, streckte der alte Redlich sie mit einem Schlage nieder. Der Kampf war heiß und schwer, doch der Riese Verzweiflung unterlag; aber er wollte nicht gleich sterben, er sträubte sich gewaltig und hatte, wie man sagt, ein zähes Leben wie eine Katze. Mutherz jedoch ließ nicht von ihm ab, bis er sich nicht mehr regte, hernach trennte er ihm den Kopf vom Rumpf.
Nachdem nun der Riese tot war, machten sich die Männer daran, die Burg niederzureißen. Sieben Tage waren sie damit beschäftigt und fanden darin einen Pilger namens Verzagt, dem Hungertode nahe, dazu seine Tochter Furchterfüllt. Diesen beiden retteten sie das Leben. Welch ein Schreckensbild bot sich ihnen überall dar! Auf dem Burghof lagen noch allenthalben die Leichname herum, und der Kerker war mit Totengebeinen angefüllt.
Nach vollbrachter Heldentat nahmen Mutherz und seine Begleiter Herrn Verzagt und seine Tochter Furchterfüllt unter ihren Schutz, denn es waren redliche Leute. Auch des Riesen Haupt nahmen sie (denn seinen Leib hatten sie unter einem Haufen Steine begraben) und begaben sich damit auf die Heerstraße zurück zu den Ihren und zeigten ihnen, was sie ausgerichtet hatten. Darüber waren alle hocherfreut. Christin griff zu ihrer Zither, und Barmherzig schlug die Laute an; so spielten sie und waren sehr fröhlich miteinander. Jedoch dem armen Verzagt war an der Musik nicht viel gelegen, er sehnte sich nach einem Bissen Brot, denn er war beinahe ausgehungert. Darum gab ihm Christin etwas aus ihrer Flasche von dem stärkenden Getränk zur augenblicklichen Erholung. Hernach bereiteten sie ihm etwas zu essen. So kam der alte Mann in kurzer Zeit wieder zu sich und gewann neues Leben.
Weiter sah ich in meinem Traum, daß Mutherz das Haupt des Riesen Verzweiflung nahm und es auf einer Stange an der Heerstraße aufrichtete, gerade der Säule gegenüber, die Christ zur Warnung für die Pilger errichtet hatte, damit sie nicht auf des Riesen Gebiet gerieten.
Dann schrieb er auf einen Marmorstein darunter folgenden Reim:
Nach dieser ruhmvollen Tat zogen sie weiter, bis sie zu den lieblichen Bergen kamen, an deren mannigfaltigen Schönheiten sich vormals Christ und Hoffnungsvoll erquickt hatten. Auch unsre Pilger machten sich allda mit den Hirten bekannt. Da nun diese sahen, daß ein so großes Gefolge von Leuten in Begleitung von Mutherz sei, den sie sehr wohl kannten, sprachen sie zu ihm: „Ei, lieber Herr, du hast da eine stattliche Gesellschaft zusammengebracht; sage uns doch, wie hast du die alle gefunden?“
Mutherz antwortete ihnen:
„Das ist eine liebliche Gesellschaft,“ erwiderten die Hirten. „Ihr seid uns willkommen, denn wir sind mit allem Nötigen versehen, sowohl für die Schwachen wie für die Starken. Unser Fürst hat ein Auge auch für das, was dem Geringsten erwiesen wird[222]. Wegen seiner Schwachheit wird daher kein Pilger von uns zurückgewiesen.“
Sie führten sie also in das Haus, sprechend: „Kommt herein, Kleinmütig, Hinkefuß und Verzagt mit deiner Tochter Furchterfüllt! Diese rufen wir bei Namen,“ sagten die Hirten zu Mutherz, „weil sie sehr geneigt sind, sich hinter andre zurückzuziehen; was aber euch, die Stärkern, betrifft, so lassen wir euch nach eurer Freiheit handeln.“
Mutherz. Aus dem Leuchten eures Angesichts und daraus, daß ihr die Schwachen nicht von euch stoßt (Hes. 34, 21), sondern ihnen vielmehr den Weg mit Blumen bestreut, erkenne ich, daß ihr wahre Hirten unsers Herrn seid.
Sie traten nun alle ein, und die Hirten bereiteten ihnen ein Mahl von leicht verdaulichen, wohlschmeckenden und zugleich nahrhaften Speisen. Nach dem Essen begaben sich die Pilger zur Ruhe, ein jedes an seinen ihm zugewiesenen Ort.
Am frühen Morgen wurden sie, weil es ein heller Tag war, von den Hirten geweckt, die ihnen einige Sehenswürdigkeiten dieses Gebirges zeigen wollten. Zuerst sahen sie, was einst auch Christ sehen durfte; hierauf stiegen sie auf den Berg der Wunder und siehe, da war in einiger Entfernung ein Mann, der durch sein Wort Berge versetzte. Auf die Frage, was das bedeute, erwiderten die Hirten, das sei der Sohn eines gewissen Großgnade (siehe Seite 151); dieser sei hierher bestellt, die Pilger zu unterrichten, wie sie alle ihnen begegnenden Schwierigkeiten durch den Glauben aus dem Weg räumen könnten[223]. „Ich kenne ihn,“ sprach Mutherz, „er ist ein vortrefflicher Mann vor vielen andern.“
Von hier aus bestiegen sie den Berg der Unschuld. Da gewahrten sie einen Mann in einem blendendweißen Gewand, der von zwei andern, Vorurteil und Böswillig, beständig mit Kot beworfen wurde. Aber siehe, soviel sie auch nach ihm warfen, der Kot fiel in kurzer Zeit wieder ab, und sein Kleid sah so rein und hell aus wie vorher. „Dieser Mann heißt Gottselig,“ war die Erklärung der Hirten, „und das weiße Gewand soll die Reinheit seines Lebens andeuten. Jene, die ihn mit Kot bewerfen, sind solche Leute, die seine guten Werke hassen; gleichwie aber der Kot an seinen Kleidern nicht haften will, also soll’s auch dem ergehen, der ein reines Leben führt in dieser Welt. Ob ihrer noch so viele ihn mit Kot besudeln wollen, so ist doch alle ihre Bemühung umsonst, denn Gott wird nach kurzer Zeit schaffen, daß seine Unschuld hervorbreche wie das Licht und seine Gerechtigkeit wie der helle Mittag“ (Ps. 37, 6).
Die Pilger wurden nun auf den Berg der Liebe geführt. Dort sahen sie einen Mann, der einen Ballen Tuch vor sich liegen hatte, woraus er Kleider für die um ihn herumstehenden Armen schnitt; dennoch ward sein Ballen Tuch nicht kleiner. „Daraus sollt ihr lernen,“ sagten die Hirten, „daß, wer von dem, was er erarbeitet hat, den Armen etwas mitteilt, um deswillen niemals Mangel leiden soll (Spr. 11, 24). Wer andre erquickt, soll wieder erquickt werden. Dadurch, daß die Witwe ihr Brot mit dem Propheten teilte, war das Mehl im Kad nicht vermindert worden“ (1. Kön. 17, 8-10).
Sie kamen auch an einen Ort, wo sie zwei Männer damit beschäftigt fanden, einen Mohren zu waschen, daß er weiß würde. Der eine dieser Männer hieß Tor, der andre Unklug. Je mehr sie ihn aber wuschen, desto schwärzer ward er. „So geht es mit einem schlechten Menschen,“ belehrten die Hirten. „Alle Mittel, die man anwendet, einem solchen einen guten Namen zu verschaffen, werden nur dahin ausschlagen, daß seine Schlechtigkeit um so deutlicher an den Tag kommt. So ging’s den Pharisäern, und ebenso wird’s allen Heuchlern ergehen.“
„Mutter,“ sprach hierauf Barmherzig zu Christin, ihrer Schwiegermutter, „ich möchte gern, wenn es sein könnte, die Höhle im Berg sehen, die gewöhnlich der Nebenweg zur Hölle genannt wird.“ Christin tat diesen Wunsch den Hirten kund. Sie gingen also zum Eingang, der an der Seite eines Hügels war. Den öffneten sie und ließen dann Barmherzig eine Weile zuhorchen. Sie lauschte und hörte einen sagen: „Verflucht sei mein Vater, der meine Füße von dem Weg des Friedens und des Lebens abgehalten hat!“ Ein andrer rief klagend aus: „O daß ich wäre in Stücke zerrissen worden, ehe ich, um mein Leben zu erhalten, meine Seele verloren!“ Und ein dritter sprach: „Könnte ich wieder ins Leben zurück, o wie wollte ich mich selber verleugnen, um nicht an diesen Ort zu kommen!“ Alsdann war es, als ob der Erdboden unter ihr bebte und vor Entsetzen stöhnte. Zitternd und leichenblaß wandte sich die junge Frau weg und sprach: „Heil dem, der von diesem Ort der Qual erlöst ist!“
Als die Hirten ihnen dies alles gezeigt, führten sie die Pilger wieder in das Haus zurück und bewirteten sie mit allem, was ihnen zu Gebote stand. Barmherzig aber, wie es jungen Frauen zu gehen pflegt, bekam ein Verlangen nach etwas, das sie daselbst sah. Sie schämte sich jedoch, ihren Wunsch zu äußern, und sah aus, als ob ihr nicht wohl wäre. Christin fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: „Oben im Speisesaal hängt ein Spiegel, davon ich mein Herz nicht abziehen kann, und es ist mir, als sollte ich ihn um jeden Preis haben.“
Christin. Ich will mit den Hirten darüber reden, und sie werden dir darin gewiß entgegenkommen.
Barmherzig. Aber ich schäme mich, wenn diese Männer erfahren, daß mich danach verlangt hat.
Christin. Nein, meine Tochter, es ist keine Schande, sondern eine Tugend, einen solchen Gegenstand zu begehren.
Barmherzig. Nun dann, Mutter, frage bitte die Hirten, ob sie willens sind, ihn zu verkaufen.
Dieser Spiegel hatte unter Tausenden keinen seinesgleichen[224]. Auf der einen Seite zeigte er einem jeden seine eigenen Züge aufs genauste[225], und auf der andern Seite konnte man das Angesicht und Ebenbild des Königs der Pilgrime selber sehen. Und es haben manche von denen, die in diesen Spiegel geschaut haben, bezeugt, daß sie darin sogar die Dornenkrone auf Seinem Haupt, die Wundenmale in Seinen Händen und Füßen und in Seiner Seite gesehen haben wie mit leibhaftigen Augen. Ja, dieser Spiegel ist von solcher Vortrefflichkeit, daß er jedem den Herrn zeigt, je nachdem seines Herzens Verlangen zu Ihm steht: lebend oder tot, auf der Erde oder im Himmel, im Stand Seiner Erniedrigung oder Seiner Erhöhung, in Seiner Erscheinung zum Leiden oder in Seiner zukünftigen Herrlichkeit[226].
Christin nahm um dieser Sache willen die Hirten, nämlich: Weise, Erfahren, Wachsam und Aufrichtig, beiseite und sagte ihnen von dem dringenden Verlangen, das eine ihrer Schwiegertöchter nach einem in diesem Haus sich befindlichen Gegenstand habe.
Erfahren. Rufe sie; sie soll alles erhalten, was ihr dienlich sein wird.
Barmherzig kam und wurde nach ihrem Wunsch gefragt. Sie errötete und sprach: „Der große Spiegel ist’s, der oben im Speisesaal hängt.“
Aufrichtig holte denselben, und er ward ihr mit freudiger Zustimmung gegeben. Da verneigte sie sich, dankte und sprach: „Daran erkenne ich, daß ich Gnade gefunden habe vor euren Augen.“
Auch den andern jungen Frauen gab man, was sie begehrten, und ihren Männern ward großes Lob zuteil, daß sie im Verein mit Mutherz den Riesen Verzweiflung geschlagen und die Zweifelsburg zerstört hatten.
Um der Christin Hals hängten die Hirten ein goldenes Geschmeide; dergleichen legten sie auch ihren vier Schwiegertöchtern um. Sie schmückten sie auch mit Ohrringen und kostbaren Edelsteinen an ihren Stirnen.
Die Pilger wünschten nun ihre Reise fortzusetzen, und die Hirten ließen sie in Frieden ziehen. Da sie aber Mutherz als Führer hatten, der den Weg genau kannte, war es hier nicht nötig, sie auf die ihnen begegnenden Gefahren aufmerksam zu machen, wie es bei Christ und seinem Gefährten geschah.
So brachen sie auf, indem sie sangen:
Sie waren noch nicht weit gegangen, als Mutherz sie daran erinnerte, daß in dieser Gegend es war, wo Christ mit Abtrünnig aus der Stadt Abfall zusammentraf, der das Malzeichen seiner Abtrünnigkeit auf dem Rücken trug. „Das war ein Mensch,“ fuhr der Führer fort, „der, nachdem er einmal die abschüssige Bahn betreten hatte, auf kein Zureden mehr hören wollte. Bei dem Kreuz und Grab hieß ihn jemand aufsehen; aber auf den Boden stampfend und zähneknirschend wandte er sich ab und lief seiner Stadt zu. Ehe er zur Pforte kam, begegnete ihm der Evangelist, der sich erbot, ihm Handreichung zu tun, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen; aber Abtrünnig widersetzte sich ihm, und nachdem er ihn mit Schmähungen überhäuft, entkam er über die Mauer und entging also seinen Händen.“
An der Stelle, wo Kleinglaube vormals ausgeplündert worden war, trafen sie einen Mann mit einem bloßen Schwert, und sein Angesicht war mit Blut bespritzt. „Wer bist du?“ fragte ihn Mutherz. Er antwortete: „Ich bin ein Pilger, der gen Zion reist; mein Name ist Kämpfer-für-die-Wahrheit. Während ich also des Weges ging, da umringten mich plötzlich drei Männer und forderten von mir, daß ich mich entweder ihnen anschließe oder sogleich den Rückweg antrete, wenn nicht, müsse ich auf der Stelle mein Leben lassen. Ich sagte ihnen, ich sei mein Leben lang ein ehrlicher Mann gewesen, und sie könnten deshalb nimmermehr erwarten, daß ich mit Dieben gemeinschaftliche Sache mache (Spr. 1, 10-16). Weiter erklärte ich ihnen, daß, da ich naturgemäß meine Vaterstadt nicht ohne triftigen Grund verlassen hätte, ich ebensowenig von meinem jetzigen Weg abzubringen sei. Was mein Leben anbetreffe, tat ich ihnen ferner zu wissen, so sei dasselbe viel zu teuer erkauft (1. Kor. 6, 20), als daß ich es so leicht wegwerfen sollte. Zudem stehe es ihnen keineswegs zu, mich vor eine solche Wahl zu stellen, es geschehe daher auf ihre Gefahr, wenn sie es mit mir aufzunehmen gedächten. Diese drei Kerle — sie hießen Hitzkopf, Unbesonnen und Naseweis — drangen nun auf mich ein; ich aber zog mein Schwert. So fochten wir, einer gegen drei, wohl gegen drei Stunden lang. Sie haben mir, wie ihr seht, einige Denkzeichen ihres Mutes hinterlassen; sie haben jedoch auch ein Andenken von mir mitgenommen. Sie sind eben erst davongegangen; ich vermute, sie haben, wie man zu sagen pflegt, Wind von eurer Ankunft bekommen und sich deshalb aus dem Staub gemacht.“
Mutherz. Aber das war ein ungleicher Kampf, drei wider einen!
Kämpfer. Allerdings; aber was sind wenig oder viele für den, der die Wahrheit auf seiner Seite hat? „Wenn sich schon ein Heer wider mich legt,“ hat einer gesagt, „so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf Ihn“ (Ps. 27, 3). Auch habe ich in alten Urkunden gelesen, daß einer es mit einem ganzen Heer aufgenommen hat, und wie viele hat Simson mit einem Eselskinnbacken getötet? (Richt. 15, 15. 16.)
Mutherz. Aber warum schriest du denn nicht um Hilfe.
Kämpfer. Das habe ich getan. Ich schrie zu meinem König, der mir jederzeit unsichtbare Hilfe geben und mich stärken kann. Daran genügte mir.
Mutherz. Du hast dich wacker gehalten. Laß mich doch dein Schwert sehen!
Er reichte es ihm. „Wahrlich, das ist eine echte Jerusalemsklinge[227]!“ rief Mutherz aus, nachdem er es eine Weile betrachtet hatte.
Kämpfer. Ja, das ist’s. Und wenn einer eine solche Klinge recht zu gebrauchen versteht, so kann er es mit einem Engel aufnehmen. Sie hält jeden Kampf aus, ihre Schneide wird nimmer stumpf, und sie durchdringt Mark und Bein, auch Seele und Geist und alles (Hebr. 4, 12).
Mutherz. Aber du hast lange gefochten; mich wundert, daß du nicht ermattet bist.
Kämpfer. Ich focht, bis mein Schwert mir an meiner Hand festklebte, so daß Hand und Schwert wie aus einem Guß wurden. Und als das Blut mir über die Finger lief, da stritt ich mit dem allergrößten Mut.
Mutherz. Du hast wohlgetan. Du hast bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Komm mit uns! Du sollst unser Gefährte sein.
Sie nahmen ihn und wuschen ihm die Wunden und reichten ihm etwas zur Erquickung. Während sie miteinander gingen, fragte ihn Mutherz, welcher große Freude an ihm hatte (denn er liebte solche, die sich als tüchtige Streiter bewährten), mancherlei Dinge und das auch um der allgemeinen Erbauung willen.
Mutherz. Was für ein Landsmann bist du?
Kämpfer. Ich bin im Finsterland geboren, wo auch meine Eltern noch leben.
Mutherz. Finsterland? Liegt das nicht auf derselben Küste wie die Stadt Verderben?
Kämpfer. Ja, da liegt’s. Was mich bewog, den Pilgerstab in die Hand zu nehmen, war dies: Ein gewisser Herr Wahrhaftig kam in unsre Gegend und erzählte manches von Christs Pilgerreise: wie er, Frau und Kinder verlassend, aus der Stadt Verderben auszog; wie er eine Schlange tötete, die ihm auf dem Weg widerstand, und schließlich sein Ziel erreichte. Auch ward erzählt, welche ehrenvolle Aufnahme er in allen Herbergen seines Herrn und besonders an der himmlischen Pforte fand. Dort soll er unter Posaunenschall und Glockengeläute von einer Schar Glänzender empfangen worden sein, nachdem man ihn in goldene Gewänder gekleidet (Ps. 45, 14-16) — und noch vieles andre, was ich nicht alles wiederholen kann. Kurz, jener Mann gab von Christs Geschichte und seiner Reise eine solch lebendige Schilderung, daß mein Herz wie von Feuer brannte, ihm eiligst nachzuwandern; weder Vater noch Mutter konnten mich davon abhalten. So machte ich mich auf den Weg und bin nun bis hierher gekommen.
Mutherz. Du bist doch auch durch die enge Pforte gekommen, nicht wahr?
Kämpfer. Ja freilich, denn Herr Wahrhaftig sagte uns, daß alles vergeblich wäre, wenn wir nicht durch die Pforte eingingen auf diesen Weg (Joh. 10, 1).
„Siehst du,“ sprach der Führer zu Christin, „die Pilgerreise deines Mannes und sein erlangter Lohn ist weit und breit bekannt geworden!“
Kämpfer. Was? ist das Christs Frau?
Mutherz. Ja, sie ist’s, und dies hier sind seine vier Söhne.
Kämpfer. Wie? und sie sind alle auch auf der Pilgerfahrt?
Mutherz. Ja, sie folgen ihm nach.
Kämpfer. Das ist mir eine tiefe Freude. Und was mag das für den lieben Mann erst sein, wenn er die, welche nicht mit ihm ziehen wollten, zu den Toren der himmlischen Stadt wird eingehen sehen!
Mutherz. Ohne Zweifel wird ihm das ein großer Trost sein, mit seiner Frau und seinen Kindern dort wieder vereinigt zu werden.
Kämpfer. Weil wir gerade davon reden, so laß mich bitte deine Meinung darüber hören! Es stellen nämlich etliche in Frage, ob dort einer den andern erkennen werde.
Mutherz. Nun, glauben sie, daß sie sich selber dort kennen und ihrer Seligkeit freuen werden, warum sollten sie nicht auch andre erkennen und an deren Heil sich freuen? Und obwohl diese irdischen Familienbande dort sich auflösen, so wird es dennoch unsre Freude erhöhen, wenn wir die sehen werden, mit denen wir hier so eng verbunden waren.
Kämpfer. Wohl, ich verstehe, was du darüber denkst. — Du wolltest gern noch einiges wissen aus der ersten Zeit meines Pilgerlebens, nicht wahr?
Mutherz. Ja. Waren deine Eltern mit deinem Entschluß einverstanden?
Kämpfer. O nein, sie gaben sich alle Mühe, mich wieder davon abzubringen.
Mutherz. Warum waren sie denn dagegen?
Kämpfer. Sie sagten, es sei ein faules Leben, und wenn ich nicht selber auch zur Faulheit und zum Müßiggang geneigt wäre, würde ich das Pilgerleben nicht erwählen.
Mutherz. Und was hatten sie sonst noch für Bedenken?
Kämpfer. Sie stellten mir vor, der Pilgerweg sei ein halsbrecherischer Weg, ja der allergefährlichste Weg, den es überhaupt auf der Welt gebe.
Mutherz. Haben sie dir gesagt, worin die Gefahren bestehen?
Kämpfer. Ja. Sie erwähnten den Sumpf der Verzagtheit, darin Christ beinahe versunken wäre. Sie sagten, wie gefährlich es sei, an der Pforte anzuklopfen, da von Beelzebubs Burg aus auf die Pilger geschossen werde. Sie erzählten mir von dem Wald und von dem finstern Gebirge (siehe Seite 63), von dem Berg der Beschwerde, von den Löwen und auch von den drei Riesen Blutdurst, Hammer und Tugendfeind. Im Tal der Demut, sagten sie, hause ein böser Geist, der Christ umbringen wollte; alsdann müsse man durch das Tal der Todesschatten gehen, wo sich Kobolde und Feldteufel aufhielten, wo das Licht Finsternis und der Weg voller Schlingen, Fallstricke, Gruben und Netze wäre. Sie berichteten von dem Riesen Verzweiflung und der Zweifelsburg und der Gefahr und dem Verderben, dem die Pilger da unterworfen wären. Dann komme man über den gefährlichen bezauberten Grund und endlich an einen Strom, über den keine Brücke führe und der gerade zwischen mir und der himmlischen Stadt hindurchfließen werde.
Mutherz. War dies alles?
Kämpfer. Nein, sie stellten mir auch vor, daß der Weg voll von Betrügern sei und solchen, die den Pilgern auflauern, um sie in die Irre zu führen.
Mutherz. Aber wie haben sie das bewiesen?
Kämpfer. Sie nannten Herrn Weltklug, der stets darauf ausgehe, jemand zu verführen; auch Werkheilig und Heuchler lägen lauernd am Weg. Nebenwege, Schwätzer und Demas würden mich durch ihre Worte hinters Licht führen und Schmeichler mich in sein Netz ziehen, oder ich würde mir einbilden, mit dem albernen Unwissend auf die Pforte zuzugehen, während ich schließlich doch bei der Höhle an der Seite des Berges anlangen und auf diesem Weg in die Hölle geraten werde.
Mutherz. Ich muß gestehen, dies alles könnte einem den Mut nehmen; aber ließen sie es dabei bewenden?
Kämpfer. Nein, höre weiter! Sie erzählten mir von vielen, die vor alters auf diesem Weg eine gute Strecke zurückgelegt hätten in der Hoffnung, etwas von der vielgepriesenen Herrlichkeit zu sehen; sie seien aber zur großen Belustigung von ganz Finsterland unverrichtetersache zurückgekehrt und hätten sich ihrer Torheit schämen müssen, um dieser Sache willen auch nur einen Fuß aus der Tür gesetzt zu haben. Sie nannten mir einige Namen, wie z. B. Störrig und Willig, Mißtrauisch, Furchtsam, Abtrünnig und den alten Atheist und andre mehr, von denen einige weit gekommen seien; aber keiner habe von dieser Reise irgendwelchen Gewinn davongetragen. Auch von einem Herrn Ängstlich war die Rede, der den Pilgerweg sehr einsam gefunden und keine fröhliche Stunde darauf verlebt habe; ein gewisser Herr Verzagt sei nahe daran gewesen zu verhungern. Ja, und was ich bald vergessen hätte, Christ selber, von dem man so viel Aufsehens gemacht, sei nach all seinen Bemühungen um eine himmlische Krone sicherlich in dem schwarzen Strom ertrunken und habe seinen Fuß nie auf das jenseitige Ufer gesetzt, was man freilich habe verbergen wollen.
Mutherz. Entfiel dir über all diesen Berichten nicht das Herz?
Kämpfer. Nein, es hat mich nicht im geringsten berührt.
Mutherz. Woher kam das?
Kämpfer. Woher? Ich glaubte dem, was Herr Wahrhaftig gesagt hatte, und das hob mich über alles hinweg.
Mutherz. So war dein Glaube der Sieg, mit welchem du überwunden hast (1. Joh. 5, 4).
Kämpfer. Ja, so war es. Ich glaubte, und damit zog ich aus und kam auf diesen Weg. Ich kämpfte wider alle, die sich mir widersetzten, und durch meinen Glauben bin ich bis hierher gekommen.
Fußnoten:
[221] Ich habe euch Jünglingen geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt bei euch, und ihr habt den Bösewicht überwunden (1. Joh. 2, 14).
[222] Und der König wird sagen zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen Meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir getan (Matth. 25, 40).
[223] So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berg: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein (Matth. 17, 20).
[224] Es ist das Wort Gottes.
[225] So jemand ist ein Hörer des Worts und nicht ein Täter, der ist gleich einem Mann, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut (Jak. 1, 23).
[226] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).
[227] Von Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem (Jes. 2, 3). Die Waffen unsrer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören Befestigungen (2. Kor. 10, 4).