Kopfstück, Kapitel II, 10

Zehntes Kapitel.
Über den bezauberten Grund und der Abruf aus dieser Welt.

W

Während sie noch also sprachen, kamen sie zu dem bezauberten Grund, wo die Luft die Wirkung hat, daß die Wanderer schläfrig werden. Diese Gegend war ganz mit Sträuchern und Dornen bewachsen bis auf einzelne Stellen wo bezauberte Lauben errichtet waren. Wenn ein Mensch in einer solchen sitzt oder schläft, so ist es fraglich — wie etliche sagen —, ob er jemals wieder in dieser Welt aufsteht oder erwacht. Durch dieses Gestrüpp nun mußte die Pilgerschar hindurch; Mutherz als Führer zog voran, Kämpfer-für-die-Wahrheit bildete die Nachhut, damit nicht etwa ein Feind oder Drache oder ein Riese oder Dieb ihnen in den Rücken falle und Unheil anrichte. Angesichts solcher Gefahren zogen die Männer ihre Schwerter, und im Gehen sprach einer dem andern Mut zu. Kleinmütig hielt sich dicht zu Mutherz, und Verzagt kam unter Kämpfers Obhut.

Noch waren sie nicht weit gekommen, da überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis dergestalt, daß eine geraume Zeit hindurch einer den andern nicht sehen konnte. Daher mußten sie die Verbindung untereinander durch gegenseitiges Zurufen zu erhalten suchen; denn sie wandelten nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7). Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen das Wandern sehr erschwert war, selbst für die Besten unter ihnen, wieviel mehr für die Frauen und Kinder, bei denen Herz und Fuß nur schwach und zart war. Doch gelang es ihnen, dank der aufmunternden Worte des Führers und Kämpfers, ohne Schaden hindurchkommen.

Der Weg war hier sehr mühsam und ging durch Schlamm und Morast. Auch traf man in dieser Gegend nicht ein einziges Gasthaus oder eine Herberge an, wo sich die Schwachen hätten erfrischen können. Hier hörte man keine andern Laute als solche des Keuchens, Stöhnens und Seufzens. Während der eine über einen Strauch stolperte, blieb der andre im Schmutz stecken, und die Kinder verloren ihre Schuhe im Schlamm. Bald schrie einer: „Ich bin gefallen!“ ein andrer: „Wo bist du denn?“ und der dritte: „Die Dornen halten mich so fest, daß ich nicht von der Stelle kann!“

Hierauf kamen sie zu einer Laube, welche warm war und den Pilgern große Erquickung zu verheißen schien. Oben war sie geschmackvoll zusammengeflochten, mit Zweigen schön geschmückt und unten mit Bänken und Stühlen versehen. Auch ein weiches Ruhebett stand darin, worauf die Müden sich legen konnten. Da die Pilger von dem sehr beschwerlichen Weg schon ganz ermattet waren, kann man sich denken, daß diese liebliche Laube für sie eine große Versuchung hätte werden können. Aber auch nicht ein einziger unter ihnen war, der dort auszuruhen wünschte, sondern sie gaben vielmehr genau acht auf die Winke und Befehle des Führers, der sie stets treulich auf die Gefahren aufmerksam machte. So ermannten sie sich und ermunterten sich gegenseitig zu der Verleugnung ihres Fleisches[228]. Diese Laube hieß Träge Ruhe und war in der Absicht erbaut worden, um müde Pilger anzulocken, dort zu ruhen.

Ich sah nun weiter in meinem Traum, daß sie an eine Stelle kamen, wo man leicht den Weg verlieren konnte. Bei lichtem Tage wäre der Führer über den rechten Weg nicht im Zweifel gewesen, doch in dieser Finsternis ward er ungewiß. Deshalb schlug er ein Licht an (denn er führte sein Feuerzeug[229] allezeit bei sich) und sah auf seiner Landkarte nach[230], da dort alle Wege nach und von der himmlischen Stadt verzeichnet standen. Diese Karte zeigte ihm nun, daß sie mehr nach rechts halten müßten, denn der angenehme Weg, den sie einschlagen wollten, führte in eine tiefe Schlammgrube, dazu angelegt, daß die Pilger darin umkommen sollten.

Da dachte ich bei mir selbst: Möchte doch niemand ohne eine solche Landkarte auf die Pilgerreise gehen, damit er darauf nachsehen kann, wann er über den richtigen Weg im Zweifel ist!

Nach kurzer Wanderung bemerkten sie dicht an der Landstraße eine zweite Laube. Darin fanden sie zwei Männer schlafend, nämlich Sorglos und Tollkühn. So weit waren diese beiden auf ihrer Pilgerfahrt gekommen; aber hier hatten sie sich, müde von dem beschwerlichen Weg, niedergesetzt, um ein wenig auszuruhen. Da die Pilger die gefährliche Lage dieser Schläfer erkannten, beratschlagten sie, ob sie an ihnen vorübergehen oder wenigstens einen Versuch machen sollten, sie aufzuwecken. Es war das letztere beschlossen. Mit großer Vorsicht traten sie hinzu, um ja nicht selber von den dargebotenen Genüssen Gebrauch zu machen, und riefen die Männer bei Namen. Aber da war keine Stimme noch Antwort. Der Führer rüttelte sie; da sprach der eine von ihnen: „Ich will dir bezahlen, wenn ich mein Geld kriege.“ — Mutherz schüttelte den Kopf. „Ich will fechten, solange ich mein Schwert in meiner Hand halten kann,“ murmelte der andre. Darüber lachte eins von den Kindern. „Was bedeutet das?“ fragte Christin. „Sie reden im Schlaf,“ gab der Führer zur Antwort, „ob ihr sie stoßt oder schlagt, werden sie euch allezeit auf diese Weise antworten. Sie sind jenem gleich, der vorzeiten oben auf dem Mastbaum schlief, und als die Wellen schon auf ihn eindrangen, sagte er: Wann will ich aufwachen, daß ich’s mehr treibe? (Spr. 23, 34. 35.) Ihr wißt ja, wenn Leute im Schlaf reden, so sagen sie alles mögliche; aber es besteht kein Zusammenhang in ihren Worten, auch werden dieselben weder durch den Glauben noch durch die Vernunft geleitet. Eines ist sicher, es bringt immer Unglück, wenn Pilger auf ihrer Reise unachtsam und sorglos werden. Zudem ist dieser bezauberte Grund für den Feind der Pilgrime eine der letzten Gelegenheiten, ihnen zu schaden; darum ist er auch, wie ihr seht, beinahe an das Ende des Weges gelegt, und er gewinnt dadurch um so leichter den Vorteil über uns. Denn zu welcher Zeit, denkt der Feind, werden jene Toren so sehr danach verlangen sich zu setzen, als wenn sie müde sind? Und wann würden sie müde sein, wenn nicht am Ende ihrer Reise? Daher kommt es, wie gesagt, daß dieser bezauberte Grund so nahe am Land der Vermählung liegt und am Ende ihres Laufes. Folglich müssen die Pilger hier doppelt wachen, daß es ihnen nicht geht wie diesen Männern.“

Unter Furcht und Zittern schritten sie weiter; doch baten sie den Führer wieder Licht zu machen. Er tat es; so konnten sie den übrigen Teil dieses finstern Weges im Schein einer Laterne zurücklegen[231].

Die Kinder fingen nun an, recht müde zu werden, und riefen zu dem, der alle Pilgrime liebhat, ihnen den Weg leichter zu machen. Bald erhob sich ein Wind, der den Nebel verscheuchte, und es ward etwas heller, so daß sie einander wieder sehen konnten und wußten, wo sie gingen. Doch waren sie noch nicht am Ende des bezauberten Grundes.

Nach einer Weile drangen Laute an ihr Ohr wie von einer feierlichernsten Stimme. Und als sie diesen Tönen näher kamen, war es ihnen, als sähen sie einen Mann auf den Knien liegen, die Hände gefaltet und die Augen nach oben gerichtet, und er schien inbrünstig mit einem zu reden, der in der Höhe war; doch konnten sie seine Worte nicht verstehen. Leise gingen sie vor; da stand jener auf und eilte nach der himmlischen Stadt zu.

Mutherz aber rief ihm nach: „Halt ein, Freund, laß uns deine Gesellschaft genießen, da du, wie es den Anschein hat, nach der himmlischen Stadt gehst!“

Der Mann blieb stehen, und sie kamen zu ihm.

„Ich kenne diesen Mann,“ sagte Redlich, als er ihn erblickte.

„Nun, wer ist’s denn?“ fragte Kämpfer.

Redlich. Er ist aus der gleichen Gegend, wo ich herkomme; sein Name ist Standhaft, und er ist fürwahr ein treuer Pilger.

Als Standhaft nun den alten Redlich sah, sprach er: „Ei, Vater Redlich, bist du’s?“

Redlich. Ja, ich bin’s.

Standhaft. Wie freue ich mich, dich hier zu treffen!

Redlich. Es war auch für mich keine geringere Freude, dich auf den Knien zu sehen.

„Du hast mich auf den Knien gesehen?“ fragte Standhaft errötend.

Redlich. Ja; dieser Anblick hat mir in der Seele wohlgetan.

Standhaft. Und was hast du dabei gedacht?

Redlich. Nun, ich freute mich, einen rechtschaffenen Mann auf dem Weg zu finden in der Hoffnung, in ihm einen neuen Gefährten zu gewinnen.

Standhaft. Wenn du nur nicht zu große Hoffnungen in mich gesetzt hast!

Redlich. Deine Befürchtung bestätigt mir nur, daß es zwischen dem König der Pilger und deiner Seele richtig steht, denn Er sagt: „Wohl dem, der sich allewege fürchtet!“ (Spr. 28, 14.)

Kämpfer. Aber, Bruder, sag uns doch, aus welcher Ursache lagest du denn vorhin auf den Knien? War es um einer besondern Gnadenerweisung willen oder — —?

Standhaft. Nun, während ich so wie ihr über den bezauberten Grund schritt, kam mir die große Gefahr, in der ich schwebte, so recht zum Bewußtsein und wie viele hier — bald am Ziel ihrer Reise — noch zugrunde gingen. Auch dachte ich über die Art des Todes nach, mit welcher dieser Ort den Menschen bedroht. Sie sterben nicht an einer heftigen Krankheit; es gibt für sie kein schweres Ringen mit dem Tod. Im Schlaf gehen sie sanft hinüber, ohne etwas davon zu merken. Ja, sie geben sich sogar willig diesem Todesschlaf hin.

„Hast du auch die beiden in der Laube schlafend gesehen?“ unterbrach ihn der alte Redlich.

Standhaft. Freilich, Sorglos und Tollkühn waren’s, und sie werden wohl dort liegen, bis sie verwesen[232]. Aber laß mich in meiner Erzählung fortfahren! Während ich mich also diesen Betrachtungen hingab, stellte sich plötzlich eine ältere Person in glänzendem Aufzug vor mich hin und bot mir ihr Haus, ihren Beutel und ihre Liebe an. Nun war ich allerdings sehr müde und matt; dazu bin ich arm wie eine Kirchenmaus, und das wußte wohl die Hexe auch. Nun lehnte ich ihr Anerbieten zwei- oder dreimal ab; allein sie machte sich nichts aus meiner Weigerung und lächelte nur. Ich fing an, ärgerlich zu werden; aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern machte mir neue Anträge und verhieß mir viel Ehre und Glück, wenn ich mich ihr anvertraue. „Denn,“ sprach sie, „ich bin die Beherrscherin der Welt, und in meiner Macht liegt es, die Menschen glücklich zu machen.“ Darauf fragte ich sie nach ihrem Namen; sie sagte, sie sei Madam Seifenblase. Dies schreckte mich noch mehr von ihr ab; sie aber verfolgte mich immer mehr mit ihren Lockungen. Da warf ich mich auf meine Knie, hob meine Hände auf und betete unter Tränen zu dem, der versprochen hat zu helfen[233]. Und eben, als ihr herzukamt, da ging diese Frau ihrer Wege. So fuhr ich fort im Gebet, für diese große Errettung zu danken; denn ich bin fest überzeugt, sie hatte nichts andres im Sinn, als mich in meinem Lauf zu hindern.

Redlich. Ihre Absicht war ohne Zweifel keine gute. Ich meine aber sie auch schon gesehen oder von ihr gelesen zu haben.

Standhaft. Vielleicht beides.

Redlich. Madam Seifenblase! Ist sie nicht eine große, stattliche Frau von etwas dunkler Gesichtsfarbe?

Standhaft. Ganz recht. Du hast’s getroffen. So sieht sie aus.

Redlich. Spricht sie nicht sehr glatt und schmeichelnd und lächelt einem nach jedem Satz an?

Standhaft. Es stimmt ganz genau; das ist ihre Art und Weise.

Redlich. Trägt sie nicht an ihrer Seite einen großen Geldbeutel, in dem sie mit der Hand immer wieder wühlt, als ob das ihres Herzens Wonne wäre?

Standhaft. Ja, so ist es. Und wenn sie die ganze Zeit hier gestanden, du hättest mir keine genauere Schilderung ihrer Person geben können.

Redlich. So ist der, welcher ihr Bild entworfen hat, ein Künstler gewesen, und der, welcher von ihr geschrieben, hat die Wahrheit gesagt.

Mutherz. Dieses Weib ist eine Zauberin, und eben durch die Kraft ihrer Zauberkunst ist diese Gegend bezaubert. Wer sein Haupt in ihren Schoß legt, der kann es ebensogut auf den Block des Scharfrichters legen; und wer seine Augen auf ihre Schönheit heftet, der wird für Gottes Feind geachtet[234]. Sie ist es, welche alle diejenigen in hohem Ansehen erhält, die Feinde der Pilger sind. Ja, sie ist es, die schon manchen Pilger mit ihrem Geld bestochen und von seinem Weg abgebracht hat. Sie ist eine gewaltige Schwätzerin. Sie wie auch ihre Töchter schleichen jederzeit dem einen oder andern Pilger nach, ihm die Herrlichkeiten dieses Lebens anpreisend und anbietend. Sie ist eine freche, schamlose Person und will mit jedermann anbinden. Die armen Pilger verlacht sie stets mit Hohn und erhebt dagegen die Reichen hoch (lies Jakobus 5, 1-6). Geht jemand darauf aus, reich zu werden, von dem redet sie wohl von Haus zu Haus. Schmausereien und Gastereien liebt sie sehr und findet sich gern da ein, wo eine voll besetzte Tafel ist. Schon an manchen Orten hat sie sich für eine Göttin ausgegeben und wird deshalb von vielen angebetet. Sie hat ihre gewissen Zeiten, wo sie mit ihren Betrügereien öffentlich auftritt, und sie behauptet, daß keine andern Schätze mit den ihren zu vergleichen seien. Sie verspricht, bei Kindern und Kindeskindern zu bleiben, sofern man sie nur lieben und hochachten wolle. Sie will Gold wie Staub aus ihrer Börse werfen an gewissen Plätzen und für gewisse Leute. Sie hat’s gern, wenn man sie aufsucht, wohl von ihr redet, und liegt gern an jemandes Busen. Sie wird nie müde, ihre Herrlichkeiten anzupreisen, und wer das beste von ihr denkt, den liebt sie am meisten. Sie verheißt Kronen und Königreiche, wo man nur ihrem Rat folgt, und doch hat sie viele an den Galgen und zehntausendmal mehr in die Hölle gebracht.

„O welche Gnade,“ rief Standhaft aus, „daß ich ihr widerstanden habe! Denn wohin würde sie mich wohl geführt haben?“

Mutherz. Wohin? Das weiß Gott allein. Soviel ist gewiß, sie würde dich in viel schädliche und törichte Lüste gezogen haben, welche die Menschen versenken ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9). Sie war’s, die Absalom gegen seinen Vater aufhetzte und Jerobeam wider seinen Herrn. Sie überredete Judas, seinen Herrn zu verkaufen, und bewog Demas, den Weg der Gottseligkeit zu verlassen. Niemand kann das Unheil aufzählen, das sie gestiftet hat. Sie richtet fortwährend Zwietracht an zwischen Obrigkeiten und Untertanen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Nachbar und Nachbar, zwischen Mann und Frau, ja im Menschen selber, nämlich zwischen Fleisch und Geist. Darum, lieber Freund Standhaft, mache deinem Namen Ehre und stehe fest!

Unter dem Eindruck dieses Gesprächs hatte sich bei den Pilgern Freude mit Zittern gemischt, doch machten sie schließlich ihrem Herzen Luft und sangen:

Jesus, hilf siegen, Du Fürste des Lebens,
Sieh, wie die Finsternis dringet herein,
Wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens
Mächtig aufführet, mir schädlich zu sein!
Satan, der sinnet auf allerhand Ränke,
Wie er mich sichte, verstöre und kränke.
Jesus, hilf siegen und laß mich nicht sinken,
Wenn sich die Kräfte der Lüge aufblähn
Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken;
Laß doch viel heller dann Deine Kraft sehn;
Steh mir zur Rechten, o König und Meister,
Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister!
Jesus, hilf siegen im Wachen und Beten;
Hüter, Du schläfst ja und schlummerst nicht ein.
Laß Dein Gebet mich unendlich vertreten,
Der Du versprochen, Fürsprecher zu sein;
Wenn mich die Nacht mit Ermüdung will decken,
Wollst Du mich, Jesus, ermuntern und wecken!
Jesus, hilf siegen, wenn ich nun soll scheiden
Von dieser jammer- und leidvollen Welt;
Wenn Du mich rufest, gib, daß ich mit Freuden
Mög zu Dir fahren ins himmlische Zelt!
Laß mich, ach Jesus, recht ritterlich ringen
Und durch den Tod in das Leben eindringen!

Ich sah nun, daß die Pilgerschar mittlerweile in das Land der Vermählung gekommen war, wo die Sonne Tag und Nacht scheint. Hier ruhten sie, da sie sehr müde waren, eine Weile aus. Und weil dieses Land ein Gemeingut der Pilger ist und seine Obstgärten und Weinberge dem König des himmlischen Landes gehören, so durften sie nach Belieben von allem hier Gebotenen Gebrauch machen. Aber schon bald waren sie reichlich erquickt, und da die Glocken läuteten und die Posaunen fortwährend so lieblich erschallten, konnten sie nicht weiterschlafen, und auch fühlten sie sich so gestärkt, als ob sie eine ganze Nacht geruht hätten. Auf den Straßen hörten sie Stimmen, die da riefen: „Es sind einige Pilger zur Stadt gekommen!“ Und ein andrer erwiderte: „Und ebenso viele sind übers Wasser gegangen und heute zu den goldenen Toren eingezogen!“ Wieder andre riefen: „Eben jetzt ist eine ganze Schar der Glänzenden zur Stadt gekommen: daran merken wir, daß noch mehr Pilger unterwegs sind, denn jene sind gekommen, um ihnen zu dienen und sie nach ihrem Kummer zu trösten!“

Die Pilger erhoben sich nun und wandelten unter den Klängen dieser Musik auf und ab, während himmlische Gesichte ihre Augen entzückten. In diesem Land gab es nichts, das sie in irgendeiner Weise unangenehm berührt hätte; nur als sie das Wasser des Stromes, den sie überschreiten sollten, kosteten, schien dieses ihrem Gaumen ein wenig bitter zu sein; aber es ward süß nach dem Genuß.

Es wurde hier auch ein Namensverzeichnis aller Pilger geführt, die vorzeiten da durchkamen, nebst Beschreibung aller ihrer denkwürdigen Taten, die sie vollbracht. Weiter erfuhren unsre Pilger von dem verschiedenen Wasserstand des Stromes, daß nämlich beim Übergang der einen Flut, bei andern Ebbe wäre; etliche seien fast trockenen Fußes hinübergekommen, während bei andern der Fluß fast seine Ufer überflutet habe.

An diesem Ort pflegten die Kinder der Stadt in des Königs Gärten zu gehen und Blumensträuße für die Pilger zu pflücken, die sie ihnen zum Zeichen ihrer Liebe überreichten. Hier wuchsen auch Kampfer, Lavendel, Safran, Kalmus, Zimt, alle Arten von Weihrauchbäumen, Myrrhen und Aloe und andre feine Gewürze. Mit diesen wurden die Kammern der Pilger während ihres Aufenthalts durchräuchert und ihre Leiber gesalbt, um sie auf den Übergang über den Strom vorzubereiten, wenn die ihnen gesetzte Stunde gekommen wäre.

Nachdem sie nun eine Zeitlang hier gewohnt und auf die gute Stunde gewartet hatten, da verbreitete sich eines Tages das Gerücht im ganzen Ort, es wäre aus der himmlischen Stadt eine Botschaft von großer Wichtigkeit angekommen, und zwar an Christin, die Frau des Pilgers Christ. Es ward nach ihr geforscht, und als der Bote das Haus gefunden, übergab er ihr einen Brief mit folgendem Inhalt: „Heil dir, du fromme Frau! Ich bringe dir die Nachricht, daß der Herr dich ruft, und Er erwartet dich binnen zehn Tagen in Kleidern der Unsterblichkeit vor Seinem Angesicht.“

Als der Bote den Brief vorgelesen hatte, da gab er ihr, um sich als echter Gesandter auszuweisen, ein gewisses Zeichen und ermahnte sie, sich eilends aufzumachen. Dieses Zeichen war ein mit Liebe geschärfter Pfeil, der ganz sanft in ihr Herz drang und allmählich so stark bei ihr wirkte, daß sie zu der bestimmten Zeit hinübergehen mußte.

Wie nun Christin sah, daß ihre Zeit gekommen war und daß von dieser Gesellschaft sie als Erste über den Strom gehen würde, da rief sie Herrn Mutherz, ihren Führer, zu sich und teilte ihm mit, wie die Sachen ständen. Er drückte ihr seine herzliche Freude darüber aus und fügte bei, er würde sich glücklich schätzen, wäre diese Botschaft an ihn ergangen. Sie bat ihn ferner um seinen Rat, wie alles für ihre Reise zu ordnen sei. „So und so muß es sein,“ sprach er, „und wir, die wir zurückbleiben, wollen dich bis an das Ufer des Stromes begleiten.“

Hierauf rief sie ihre Kinder und segnete sie. Sie sagte ihnen, daß sie zu ihrem Trost das Zeichen auf ihren Stirnen gesehen und wie sie sich freue, mit ihnen dort zusammenzutreffen und daß sie ihre Kleider weiß erhalten sollten. Das wenige, das sie besaß, vermachte sie den Armen und gebot ihren Söhnen und Töchtern, bereit zu sein, wenn der Bote auch für sie käme.

Nun ließ sie Kämpfer-für-die-Wahrheit zu sich kommen und sagte zu ihm: „Herr, du hast dich allerorten treu und standhaft erwiesen. Sei getreu bis an den Tod, so wird dir mein König die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Ich möchte dich auch bitten, ein Auge auf meine Kinder zu haben, und wenn du sie zu irgendeiner Zeit schwach siehst, so sprich ihnen Mut zu. Was meine Töchter betrifft, meiner Söhne Frauen, so sind sie treu gewesen, und die Erfüllung der Verheißung, die ihnen gegeben ist, wartet ihrer am Ende.“

„Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ (S. 330.)

Standhaft gab sie einen Ring.

Den alten Redlich redete sie also an: „Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist!“ (Joh. 1, 47.) Und er antwortete ihr: „Ich wünsche dir einen heitern Tag, wenn du nach dem Berg Zion ausziehst, und werde mich freuen, wenn du trockenen Fußes über den Strom kommst.“

„Ob naß oder trocken,“ erwiderte Christin, „ich sehne mich, hinüberzugehen. Mag das Wetter dann sein, wie es will, wenn ich dorthin komme, werde ich Zeit genug haben, mich auszuruhen und zu trocknen.“

Nach dem kam Hinkfuß herein, sie zu sehen. Sie sprach zu ihm: „Deine bisherige Reise ist sehr beschwerlich gewesen, aber dadurch wird auch deine Ruhe um so süßer sein. Wach und sei bereit, denn der Bote kann zu einer Stunde kommen, da du es nicht meinst.“

Nach ihm trat Verzagt und seine Tochter Furchterfüllt ein. Sie sprach zu ihnen: „Erinnert euch stets mit Dankbarkeit eurer Errettung aus der Hand des Riesen Verzweiflung und aus der Zweifelsburg. Dieser Gnade allein habt ihr es zuzuschreiben, daß ihr sicher bis hierher gelangt seid. So wachet denn und laßt die Furcht fahren; seid nüchtern und haltet fest an der Hoffnung bis ans Ende!“

Zu Kleinmütig sagte Christin: „Du bist aus dem Rachen des Riesen Tugendfeind erlöst worden, auf daß du wandeln mögest in dem Licht des Lebens und den König sehest mit Freuden. Ich rate dir nun, tue Buße wegen deiner Furchtsamkeit und deinem Zweifel an Seiner Güte, bevor Er zu dir sendet, auf daß du nicht, wenn Er kommt, um deswillen mit Beschämung vor Ihm stehen müssest.“

Der Tag kam heran, an dem Christin von hinnen ziehen sollte. Die Straße war voll von Leuten, welche sie wollten abreisen sehen. Aber siehe, das Ufer jenseits des Stromes war voll von Rossen und Wagen, welche von oben herab gekommen waren, um sie zu den Toren der Stadt zu geleiten. Sie trat hervor und ging hinein in den Fluß und winkte den am Ufer Stehenden ein Lebewohl zu. Die letzten Worte, die man von ihr hören konnte, waren: „Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ Ihre Kinder und Freunde wandten wieder um, denn die, welche auf Christin gewartet, hatten sie schon ihren Augen entrückt. Sie aber zog mit ihnen und ging zu dem Tor ein unter all den Freudenbezeugungen, die ihrem Gatten vor ihr zuteil geworden waren. Bei ihrem Abschied weinten ihre Kinder; Mutherz aber und Kämpfer spielten vor Freuden auf wohlklingenden Zimbeln und Harfen. Ein jeglicher begab sich hierauf an seinen Ort.

Nach einiger Zeit kam abermals ein Eilbote zu der Stadt, und sein Auftrag galt Hinkfuß. Nachdem er ihn gefunden, sprach er: „Ich komme zu dir im Namen dessen, den du geliebt hast, und dem du nachgefolgt bist, wenn auch auf Krücken. Mein Auftrag ist, dir zu sagen, daß Er dich erwartet an seinem Tisch, mit Ihm am Tage nach Ostern das Abendmahl zu halten in Seinem Reich. Darum bereite dich zur Reise!“ Er gab ihm auch ein Zeichen, daß er der rechte Bote sei, und sprach: „Ich habe den silbernen Strick und die goldene Schale zerbrochen[235]“ (Pred. 12, 6).

Hierauf rief Hinkfuß seine Mitpilger zu sich und sagte zu ihnen: „Es ist nach mir gesandt, und Gott wird euch sicherlich auch heimholen.“ Er bat nun Kämpfer, seinen letzten Willen aufzunehmen. Und da er außer seinen Krücken und guten Wünschen nichts zu vermachen hatte, sprach er: „Diese Krücken hinterlasse ich meinem Sohn, der in meine Fußstapfen treten soll, mit vielen warmen Wünschen, daß er sich besser als ich bewähren möge.“ Er dankte noch Mutherz für sein Geleit und alle seine Freundlichkeit und schickte sich zur Reise an. Als er an den Strom kam, rief er aus: „Nun werde ich dieser Krücken nicht mehr bedürfen, denn da drüben sind Wagen und Rosse, die auf mich warten.“ Die letzten vernehmbaren Worte waren diese: „Willkommen, o Leben!“ So schied er dahin.

Nach diesem erhielt Kleinmütig Nachricht, daß des Eilboten Horn vor seiner Tür erschollen sei. Der Bote trat ein mit dem Bericht: „Ich bin gekommen, dir anzuzeigen, daß der Meister deiner begehrt und daß du in kurzer Frist Sein Angesicht im Lichte schauen sollst. Und dies nimm zum Zeichen, daß meine Sendung wahr ist: „Finster werden, die durch die Fenster sehen“ (Pred. 12, 3). Alsbald rief Herr Kleinmütig seine Freunde zusammen, erzählte ihnen von der erhaltenen Botschaft und fuhr fort: „Dieweil ich gar nichts habe, das ich jemand vermachen könnte, wozu sollte ich ein Testament machen? Was meinen Kleinmut betrifft, so will ich den zurücklassen, denn dort, wohin ich gehe, ist kein Platz für ihn; auch ist er nicht wert, dem ärmsten Pilger verliehen zu werden. Darum bitte ich dich, Kämpfer, ihn nach meinem Abscheiden in einem Winkel zu verscharren.“ Als der Tag seiner Abreise kam, begab er sich wie die andern an den Fluß. Seine letzten Worte waren: „Harre aus im Glauben und in der Geduld!“ Und er kam hinüber auf das jenseitige Ufer.

Nach Verlauf etlicher Wochen meldete sich der Bote bei Herrn Verzagt mit der Botschaft: „O du zitternder Mann, hiermit sollst du erinnert werden, dich fertig zu machen, auf den nächsten Sonntag bei dem König zu sein, zu jauchzen vor Freude über der Erlösung aus allen deinen Zweifeln. Und zum Beweis der Echtheit meiner Botschaft höre dies: Die Heuschrecke soll beladen werden“ (Pred. 12, 5).

Als seine Tochter Furchterfüllt den Sachverhalt erfuhr, wünschte sie mit ihrem Vater zu ziehen. Verzagt sprach zu seinen Freunden: „Ihr wißt, wie es mit mir und meiner Tochter gewesen und wie beschwerlich wir mit unserm Zustand allen Gefährten gefallen sind. Mein und meiner Tochter Wille ist, daß unsre Verzagtheit und knechtische Furcht nach unserm Abscheiden von keinem Menschen mehr mögen besessen werden. Aber ich weiß wohl, daß sie sich nach meinem Tod von selbst wieder andern anbieten werden. Ach es sind, um es euch offen zu gestehen, Gespenster, die wir am Anfang unsrer Pilgerreise aufnahmen und die wir hernach nicht mehr loswerden konnten. Und sie werden auch ferner umherwandern und bei Pilgern Aufnahme suchen. Aber wir bitten euch, schließt ja die Türen vor ihnen zu!“

Zur bestimmten Stunde begaben sie sich an den Strom. Die letzten Worte von Verzagt waren: „Fahr hin, Nacht! Willkommen Tag!“ Seine Tochter ging singend durch den Fluß; aber keiner konnte verstehen, was sie sang.

Bald darauf kam ein Bote in die Stadt, der nach Herrn Redlich fragte. Er trat in sein Haus und überbrachte ihm folgende Nachricht: „Dir wird geboten, dich über acht Tage fertig zu halten, vor deinem Herrn in seines Vaters Haus zu erscheinen. Und mein Zeichen ist dieses: ‚Gedämpft sind alle Töchter des Gesangs‘ (Pred. 12, 4).“ Da berief Redlich seine Freunde zu sich und sprach zu ihnen: „Ich sterbe; ich werde aber kein Testament machen. Was meine Redlichkeit betrifft, so soll sie mit mir gehen; wer nach mir kommt, möge sich dies gesagt sein lassen.“

Am Tage seines Scheidens trat der Fluß an manchen Stellen über seine Ufer. Redlich hatte aber noch bei seinen Lebzeiten einen namens Gutgewissen bestellt, ihn dort zu treffen. Dieser stellte sich nun ein, reichte ihm die Hand und half ihm hinüber. Seine letzten Worte waren: „Die Gnade herrscht!“ So verließ er die Welt.

Nach diesem ward es ruchbar, daß Kämpfer-für-die-Wahrheit gleichfalls seine Aufforderung zur Abreise empfangen habe, und zwar unter dem Merkmal: „Der Eimer zerfällt an der Quelle“ (Pred. 12, 6). Von seinen Freunden, die er um sich versammelte, verabschiedete er sich also: „Ich gehe zu meinem Vater, und wiewohl ich unter großen Beschwerden hierher gelangt bin, so gereut mich doch jetzt die Mühe nicht, die ich darum gehabt habe. Mein Schwert soll der erben, der mir in meiner Pilgerschaft nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Gewandtheit verleihe ich dem, der sie erlangen kann. Meine Striemen und Narben nehme ich mit mir zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe, der nun mein Vergelter sein wird.“ Am Tag der Abreise begleiteten ihn viele zum Ufer. Mit den Worten: „Tod, wo ist dein Stachel?“ stieg er in den Fluß. Und als er tiefer hinabsank, rief er: „Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15, 55.) So kam er hinüber, und mit Posaunenschall ward er empfangen.

Danach kam eine Aufforderung an Standhaft. Der Eilbote legte sie ihm offen in seine Hände. Ihr Inhalt war: Er solle sich zum Abschied aus diesem Leben bereitmachen, denn sein Meister wolle nicht, daß er länger fern von Ihm bleibe. Standhaft hatte anfangs einige Bedenken. Doch der Bote sprach: „Du brauchst an der Wahrheit meiner Botschaft nicht zu zweifeln, hier ist das Zeichen: ‚Das Rad wird zerbrochen am Born‘ (Pred. 12, 6).“ Er berief hierauf den Führer Mutherz zu sich und sprach zu ihm: „Lieber Herr, wiewohl ich auf meiner Wallfahrt deine Gesellschaft nur kurze Zeit genießen durfte, so bist du mir doch stets sehr förderlich gewesen. Ich weiß, du wirst wieder zu deinem Herrn zurückkehren, um noch andre Pilger hierher zu geleiten. Ich bitte dich, bei deiner Rückkunft zu meiner Frau und meinen fünf Kindern zu schicken, die ich beim Antritt meiner Pilgerreise zurückließ, und ihnen ausführlichen Bericht über mich zu erstatten. Sage ihnen von meiner glücklichen Ankunft an diesem Ort und von meinem seligen Abscheiden. Erzähle ihnen auch von Christ und Christin, und wie sie mit ihren Kindern ihrem Mann nachgefolgt ist, auch von ihrem herrlichen Ende und ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Außer meinen Gebeten und Tränen habe ich nichts, das ich meiner Familie schicken könnte. Es ist wohl genug; wenn du sie damit bekannt machst, könnte sie vielleicht dadurch gewonnen werden.“

Also ordnete Standhaft alle seine Angelegenheiten, und als sein Tag kam, begab auch er sich zum Fluß. Dieser hatte zu der Zeit nur wenig Wasser und einen ruhigen Lauf, weshalb Standhaft in der Mitte des Stromes stillstand und sich mit folgenden Worten an seine Freunde wandte:

„Dieser Strom ist vielen ein Schrecken gewesen, ja, ein bloßer Gedanke daran versetzte mich früher schon in Angst. Jetzt aber ist es in meinem Herzen ganz still, ich stehe sicher. Meine Füße ruhen auf demselben Grund, worauf die Füße der Priester standen, welche die Bundeslade trugen, während Israel über den Jordan ging (Jos. 3, 17). Wohl ist dies Wasser dem Gaumen bitter und dem Magen kalt, aber der Gedanke an die herrliche Zukunft und an das himmlische Geleit, welches jenseits auf mich wartet, glüht wie ein Feuer in meinem Herzen. Ich sehe mich nun am Ziel meiner Reise, die Tage der Mühe und Arbeit sind zu Ende. Ich darf nun bald den sehen, dessen Haupt mit Dornen gekrönt war und dessen Angesicht um meinetwillen verspeit ward. Bisher habe ich im Glauben gelebt; nun aber ziehe ich dahin, wo ich im Schauen leben und bei dem sein werde, dessen Nähe meine Wonne ist. Ich habe von nichts lieber gehört als von meinem Herrn, und wo ich nur Seine Fußstapfen auf Erden erblickte, da habe auch ich meine Füße hinzusetzen begehrt. Sein Name ist mir gewesen wie eine ausgeschüttete Salbe (Hohesl. 1, 3), ja lieblicher als aller Weihrauchduft. Nichts klang in meinen Ohren süßer als Seine Stimme; nach Seinem Angesicht habe ich mich stärker gesehnt als nach dem Licht der Sonne. Seine Worte waren meine Speise und Stärkung in der Schwachheit. Er hat mich erhalten und meine Übertretungen fern von mir sein lassen, ja, meine Schritte sind fest geworden auf Seinem Weg.“

Als er noch so redete, wurden seine Gesichtszüge verklärt, seine Starken krümmten sich in ihm (Pred. 12, 3). „Nimm mich auf, denn ich komme zu Dir!“ waren seine letzten Worte, und man sah ihn nicht mehr.

Aber unaussprechlich herrlich war es mitanzusehen, wie die Luft voll war von Rossen und Wagen, von Posaunenbläsern und Flötenspielern, von Sängern und Geigern, um die Pilger zu bewillkommnen, während sie hinaufzogen und einer dem andern in das herrliche Tor der Stadt folgte.

Was der Christin Kinder betrifft, nämlich ihre vier Söhne mit ihren Frauen und Kindern, so konnte ich an dem Ort nicht so lange verweilen, um auch sie noch hinübergehen zu sehen. Doch ist mir jüngst zu Ohren gekommen, daß sie noch am Leben und der ganzen dortigen Gemeinde zum Segen sind.

Sollte es mein Los sein, jene Gegend wieder einmal zu durchziehen, so kann ich vielleicht denen, die es begehren, dann weitere Auskunft geben. Inzwischen sage ich meinen Lesern Lebewohl.

Fußnoten:

[228] Tut Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen; denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln (2. Petr. 1, 10); lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht (Hebr. 12, 1).

[229] Das Feuerzeug ist das Gebet, z. B.: Herr, weise mir Deinen Weg und leite mich auf richtiger Bahn (Ps. 27, 11).

[230] Die Landkarte ist das Wort Gottes; Psalm 119, 6: Wenn ich schaue allein auf Deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden.

[231] Wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen (2. Petr. 1, 19).

[232] Der Gottlosen Name wird verwesen (Spr. 10, 7).

[233] Rufe Mich an in der Not, so will Ich dich erretten, so sollst du Mich preisen (Ps. 50, 15).

[234] Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, daß der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist. Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein (Jak. 4, 4).

[235] Die hier und auf den folgenden Seiten angeführten Stellen aus Prediger 12, 1-7 sind eine bilderreiche Schilderung des Alters. Zur Erklärung diene folgendes: „Der zerrissene silberne Strick“ bedeutet das Schwinden des Rückenmarks, wodurch die ganze Leibestätigkeit lahmgelegt wird; „die zerbrochene goldene Schale“ ist das stillstehende Herz; „die finster durch die Fenster sehen“ — das abnehmende Augenlicht; „die beladene Heuschrecke“ — die vom Alter beschwerte Hüfte; „die sich duckenden Töchter des Gesangs“ — die Stimme wird leise wie das Piepen eines Vögleins; „der zerfallende Eimer an der Quelle“ — man ringt, um Luft zu schöpfen; „das am Born zerbrochene Rad“ — die den Dienst versagenden Verdauungsorgane; „die sich krümmenden Starken“ sind die wackeligen Beine.

Schlussvignette, Kapitel II, 10