Schlussvignette, Kapitel I, 3

Kopfstück, Kapitel I, 4

Viertes Kapitel.
Das Tal der Demut und der Todesschatten.

W

Wie ich in meinem Traum sah, wanderte nun Christ durch das Tal der Demut. Er hatte erst eine kleine Strecke des Weges zurückgelegt, als er den Engel des Abgrunds, der Apollyon heißt (Offenb. 9, 11), durch das Feld auf ihn zukommen sah. Christ geriet hierüber in sehr große Angst. Sollte er zurückfliehen oder standhalten? So bange es ihm war, so erkannte er es doch für das beste, sein Heil im Kampf und nicht in der Flucht zu suchen, da sein Rücken, unbeschirmt, wie er war, leicht mit den feurigen Pfeilen dieses Bösewichtes durchbohrt werden konnte. Er entschloß sich, es mit ihm zu wagen und das Feld zu behaupten. „Denn,“ sagte er zu sich selbst, „hätte ich auch weiter nichts als meines Lebens Rettung im Auge, so würde es doch das beste sein, nicht zu fliehen.“

So ging er denn voran, und Apollyon kam auf ihn zu. Er war ein Ungeheuer, schauerlich anzusehen. Er war mit Schuppen bedeckt gleich einem Fisch — und das ist sein Stolz —, er hatte Flügel wie ein Drache, Füße wie ein Bär; aus seinem Bauch kam Feuer und Rauch, und sein Maul war gleich eines Löwen Rachen. Er sah Christ an mit einem Blick von Grausamkeit und Verachtung und begann also ihn auszufragen:

„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“

Christ sprach: „Ich komme von der Stadt Verderben, von dem Ort alles Übels, und wandere nach der Stadt Zion.“

Apollyon. Also bist du mein Untertan; denn dies ganze Land ist mein; ich bin sein Fürst und Gott. Warum entläufst du so deinem König? Hoffte ich nicht, daß du mir noch nützlich sein könntest, mit einem Schlag schmetterte ich dich zu Boden!

Christ. Ich bin allerdings in deinem Reich geboren, aber dein Dienst war hart, und von deinem Sold konnte man nicht leben; denn der Tod ist der Sünde Sold (Röm. 6, 23). Deswegen, da ich zu reiferen Jahren kam, wünschte ich sehnlichst eine Veränderung.

Apollyon. Kein Fürst oder Herr läßt seine Untertanen so leichthin gehen, und auch ich werde, daß du es nur eben weißt, dich nicht so leichten Kaufes preisgeben. Daß du dich über den Dienst und Sold beklagst, so sei nur zufrieden und kehre wieder mit mir um, denn was unser Land darbietet, das sollst du haben!

Christ. Ich habe mich schon einem andern Herrn, nämlich dem König aller Könige, zugesagt; wie kann ich mich nun als ehrlicher Mann so leicht wieder zu dir kehren?

Apollyon. Du wirst erfahren, was man im Sprichwort sagt: du wirst vom Regen in die Traufe kommen; denn es ist an der Tagesordnung, daß die, so sich als Seine Diener ausgeben, Ihm nach kurzer Zeit wieder entlaufen und zu mir zurückkehren[73]. Tue du auch also, und alles wird noch gut werden.

Christ. Ich habe Ihm mein Wort gegeben, ich habe Ihm den Eid der Treue geschworen, verließe ich Ihn nun, so verdiente ich ja als ein Abtrünniger, als ein Verräter den Tod.

Apollyon. Ganz dasselbe hast du mir getan, und doch will ich alles übersehen, wenn du jetzt wieder zurückkehrst.

Christ. Was ich dir zugesagt habe, das habe ich als ein Unmündiger getan; auch kann mein Herr, unter dessen Fahne ich nun stehe, mich dieses Versprechens entbinden, sowie Er mir alles vergeben kann, was ich als dein Knecht getan habe. Aber ich sage dir’s offen, du Verderber Apollyon, Sein Dienst, Sein Sold, Seine Diener, Seine Herrschaft, Sein Volk und Sein Land, das alles ist mir viel lieber, als was du mir bietest. Darum laß ab von mir! Es bleibt dabei: Ich bin Sein Diener, und Ihm will ich folgen.

Apollyon kam auf ihn zu, ein Ungeheuer, schauerlich anzusehen (S. 79.).

Apollyon. Aber bedenke nur einmal bei kaltem Blut, was dir auf dem Wege noch alles begegnen kann. Es wird dir nicht unbekannt sein, daß Seine Diener meist ein schlimmes Ende nehmen, weil sie wider mich handeln und meine Wege verlassen[74]. Wie viele von ihnen sind schon eines schmählichen Todes gestorben! Du hältst es für besser, Ihm zu dienen als mir, und siehe, Er hat noch niemals Seine Stadt verlassen, um einen einzigen Seiner Diener aus meinen Händen zu erretten. Aber alle Welt weiß es, wie oft ich schon meine treuen Diener durch List oder Gewalt aus Seiner Hand befreit habe, und so will ich auch dich freimachen.

Christ. Wenn Er mit Seiner Hilfe eine Weile verzieht, tut Er es nur in der Absicht, die Liebe und Treue der Seinen zu prüfen. Was du ein schlimmes Ende nennst, das halten sie für eine besondere Gnade ihres Herrn; denn nach gegenwärtiger Erlösung verlangen sie nicht so sehr, sie warten einer himmlischen Verklärung, wenn der Herr kommen wird in Seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm[75].

Apollyon. Du bist Ihm ja in Seinem Dienst schon untreu gewesen, wie magst du nur auf Belohnung hoffen?

Christ. Worin, Apollyon, bin ich Ihm untreu gewesen?

Apollyon. Schon am Anfang deiner Reise bist du mutlos geworden und im Sumpf der Verzagtheit beinahe versunken. Du hast verkehrte Wege betreten, um deiner Bürde entledigt zu werden, da du doch ruhig die Hilfe deines Fürsten hättest erwarten sollen. Du bist in einen Sündenschlaf verfallen und hast das Köstlichste verloren, das du besaßest; du warest im Begriff umzukehren, da du die Löwen erblicktest; erzählst du von deiner Reise und all deinen Erfahrungen, so strebst du innerlich nur nach dem Lob der Menschen.

Christ. Dies alles ist wahr, und noch viel mehr, was dir entgangen ist; aber der König, den ich ehre und dem ich diene, ist gnädig, und es ist viel Vergebung bei Ihm. Überdies haben mich all diese Gebrechen schon in deinem Lande beherrscht, wo ich sie eingesogen habe; ich habe unter dieser Last geseufzt und geweint, und mein Herr hat mir Vergebung und Frieden geschenkt.

„Ich bin ein Feind dieses Königs,“ schrie der Satansengel in grimmiger Wut, „ich hasse Ihn, Seine Gesetze und Sein Volk; ich bin gekommen, mit dir zu kämpfen!“

Christ sagte: „Hüte dich, Apollyon, und siehe wohl zu, was du tust, denn ich bin auf des Königs Heerstraße und auf dem Weg der Heiligung, darum laß ab von mir!“

Da stellte sich Apollyon quer über den ganzen Weg und sagte: „Ich habe nicht die geringste Furcht. Bereite dich zum Tode! denn ich schwöre es beim Abgrund der Hölle: Du sollst nicht weiterkommen, hier sollst du dein Leben enden!“ Und sogleich schoß er ihm einen feurigen Pfeil nach der Brust; aber Christ hielt ihm den Schild entgegen und entging der Gefahr. Rasch zog er nun das Schwert zum Kampf, während der Feind auf ihn eindrang und ihn mit Pfeilen, wie mit einem Hagelwetter, überschüttete. Christ kämpfte tapfer, bis er, an Haupt, Hand und Fuß verwundet, endlich zurückweichen mußte.

Apollyon setzte den Kampf desto heftiger fort, doch faßte auch Christ wieder Mut und widerstand ihm mannhaft. Stundenlang dauerte dieser heiße Kampf, und durch die erhaltenen Wunden schon sehr geschwächt, war Christ schließlich fast ganz erschöpft. Der Feind, diesen Vorteil wahrnehmend, drang auf ihn ein, begann mit ihm zu ringen und warf ihn mit furchtbarer Gewalt auf die Erde nieder, wobei ihm das Schwert aus der Hand fiel. Siegesgewiß sprach Apollyon: „Jetzt bekomme ich dich sicher!“ indem er ihn beinahe erdrückte, so daß Christ an seinem Leben verzagte. Aber bevor der Satansengel zu seinem letzten Schlag ausholen konnte, um mit seinem Opfer ein Ende zu machen, wurde Christ von Gott gestärkt, daß er seine Hand schnell nach dem Schwert ausstrecken und es ergreifen konnte. Triumphierend rief er aus: „Freue dich nicht, mein Feind, daß ich daniederliege; ich werde wieder aufkommen!“ (Micha 7, 8) — und in demselben Augenblick gab er ihm einen Stoß, worauf der Feind, wie zum Tode verwundet, zurückwich. Als Christ dies sah, rief er ihm nochmals zu: „In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat“ (Röm. 8, 37). Alsbald breitete Apollyon seine Drachenflügel aus und floh davon, und Christ sah ihn nicht wieder[76].

Wer es nicht selbst wie ich mit angesehen und angehört, kann sich nicht vorstellen, welch ein gellendes Geheul und erschreckendes Gebrüll Apollyon während des Kampfes erhob — gleich einem Drachen schrie er; während Christ aus dem Innersten seines Herzens tiefes Seufzen und Klagen vernehmen ließ. Erst als er gewahr wurde, daß er mit seinem zweischneidigen Schwert Apollyon verwundet habe, blickte er fröhlich zum Himmel auf. Das war aber auch der furchtbarste Kampf, den ich je gesehen.

Nachdem nun alles überstanden war, sprach Christ: „Ich will dem Herrn danken, der mich erlöst hat von des Löwen Rachen, der mir Kraft gegeben, gegen den Verderber zu streiten.“ Er erhob deshalb seine Stimme und fing an zu singen:

„Der alte Fürst des Abgrunds, zornentbrannt,
Hat seinen Engel wider mich gesandt;
Mit Höllenkräften furchtbar angetan,
Flog er einher, verrannte mir die Bahn.
Ich war verloren! Herr, wer ist wie Du?
Du hörtest mein Gebet, Du kamst herzu.
Du gabst das gute Schwert mir in die Hand,
Dir sei der Ruhm! Du hast mein Leid gewandt!“

Von unsichtbarer Hand wurden ihm nun Blätter gereicht vom Baum des Lebens, welche er auf seine im Kampf erhaltenen Wunden legte; und alsbald war er geheilt. Er ruhte ein wenig und erquickte sich an den Gaben, die er kurz vor dem Kampf erhalten hatte: an Brot und Wein. Neugestärkt ging er dann mit gezücktem Schwert weiter, denn er erwartete jeden Augenblick einen neuen Angriff. Jedoch er kam ohne weitern Kampf durch das Tal.

An dessen Ende schloß sich noch ein andres an, das Tal der Todesschatten, und Christ mußte notwendig auch hindurchgehen, zumal der Weg zur himmlischen Stadt mitten durch dasselbe führte. Dies Tal ist einer Einöde gleich. Der Prophet Jeremia beschreibt es also: „Es ist eine Wüste, ein wildes, ungebahntes Land, dürr und finster, da niemand wandelt noch ein Mensch wohnt“ (Jer. 2, 6). Wie wir sehen werden, hatte Christ allhier noch einen schwereren Stand als im Kampf mit Apollyon.

Am Eingang dieses Tales nun begegneten ihm zwei Männer, die aufs eiligste zurückflohen. Sie stammten von jenen Männern ab, die einstmals dem Gelobten Land ein böses Geschrei machten (lies 4. Mose 13).

„Wohin so eilig?“ redete Christ sie an.

„Zurück, zurück!“ riefen sie, „wenn dir dein Leben lieb ist, so komm mit uns!“

Christ fragte: „Weshalb? Was gibt’s denn?“

Sie antworteten: „Du fragst noch? Wir gingen denselben Weg wie du, so weit als wir nur wagen durften. Aber es fehlte nicht viel, so hätte es kein Umkehren mehr gegeben. Nur noch ein wenig weiter und wir wären verloren gewesen und hätten dir diese Nachricht nicht überbringen können.“

„Aber was ist euch denn begegnet?“ fragte Christ.

„Wir waren schon beinahe im Tal der Todesschatten,“ sagten sie, „aber zum Glück sahen wir vor uns hin und entdeckten die Gefahr.“

Christ fragte: „Was habt ihr denn da gesehen?“

Sie sprachen: „O das Tal selbst ist schwarz wie die Nacht; Gespenster, Feldteufel und Drachen des Abgrunds schwärmen da herum; man hört ein beständiges Geschrei und Geheul wie von vielen Tausenden, die in Ketten und Banden liegen[77]; finstere Wetterwolken verbergen den Himmel, und ohne Unterlaß breitet der Tod seine Fittiche darüber aus. Kurz, es ist ein wahrer Schreckensort, in dem alles wüst durcheinanderliegt[78].“

„Durch all das, was ihr da sagt,“ versetzte Christ, „wird es mir zur Gewißheit, daß dies eben der Weg ist, der zum Lande des Friedens führt[79].“

„Nun, mag es auch der deine sein, unser Weg ist es nicht!“ Mit diesen Worten eilten sie zurück, und Christ ging mit gezücktem Schwert voran in der Erwartung eines plötzlichen Angriffs.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sich zur rechten Seite des Tales ein tiefer Abgrund entlangzog, derselbe, in welchen zu allen Zeiten ein Blinder den andern gestürzt hat und beide elend umgekommen sind. Links aber war ein gefährlicher Pfuhl voller Schlamm und Morast, in welchem selbst ein guter Mensch, wenn er hineinfällt, keinen Grund finden kann. Das ist der, darein König David versank, und er würde ohne Zweifel darin umgekommen sein, wenn nicht der, der da mächtig ist, ihn herausgezogen hätte[80].

Was Christ besonders ins Gedränge brachte, war, daß der Weg hier so schmal wurde, daß man kaum den Sumpf vermeiden konnte, ohne in den Abgrund zu stürzen, und hinwiederum, wollte er sich vor dem Abgrund hüten, so stand er in Gefahr, in den Schlamm zu geraten; außerdem umgab ihn eine so dichte Finsternis, daß er oft nicht wußte, wohin er seinen Fuß setzen sollte. So ging Christ bekümmert fort, und ich hörte ihn ganz kläglich seufzen.

In der Mitte des Tales öffnete sich der Schlund der Hölle und spie, furchtbar brausend, Feuer und Rauch aus. Was sollte Christ hier beginnen? Das Schwert konnte ihn diesmal nicht retten; er mußte es in die Scheide stecken und eine andre Waffe ergreifen: die Waffe des anhaltenden Gebets[81]. So hörte ich ihn schreien: „O Herr, errette meine Seele!“ (Ps. 116, 4.) So ging er eine große Strecke weiter, während die Feuerflammen ihn umzischten und bald ein herzzerreißendes Klagegeschrei, bald ein entsetzliches Brausen in seine Ohren schallte. Oft meinte er, jetzt solle er in Stücke zerrissen oder wie Kot auf der Gasse zertreten werden.

Plötzlich war es ihm, als ob er von einer ganzen Schar von Feinden verfolgt würde. Da stand er eine Weile still und erwog, was zu tun sei. Sollte er umkehren oder nicht? Aber er bedachte, daß er doch wohl schon die Hälfte dieses furchtbaren Tales zurückgelegt haben müsse, und erinnerte sich daran, wie mancher Gefahr er nun schon siegreich begegnet sei, und, sagte er sich, ist nicht vielleicht der Rückweg noch gefährlicher als der vor mir liegende Teil. — Er beschloß, vorwärts zu gehen. Die Feinde rückten näher und näher heran; sie hatten ihn beinahe erreicht, als er plötzlich mit gewaltiger Stimme ausrief: „Ich gehe einher in der Kraft des Herrn Herrn!“ (Ps. 71, 16) — und die Feinde entflohen für immer.

In dieser ganzen Zeit war Christ so bestürzt, daß er seine eigene Stimme nicht mehr erkannte. Als er am Schlund des feurigen Pfuhles vorüberging, schlich ihm ein Bösewicht nach und raunte ihm abscheuliche Lästerungen ins Ohr. Er hielt dies für die Stimme seines eigenen Herzens, und da er nun den gelästert zu haben meinte, an dem sonst seine ganze Seele hing, so versetzte ihn dies in die tiefste Betrübnis. So gern er diese Lästerstimme zum Schweigen gebracht hätte, so wenig vermochte er es. Aber es fehlte ihm an der rechten Besonnenheit, sich die Ohren zuzuhalten, da er sich des Ursprungs jener Lästerungen nicht bewußt war.

Völlig trostlos war er eine beträchtliche Strecke gegangen, als er auf einmal eine menschliche Stimme vor ihm die Worte sagen hörte: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir“ (Ps. 23, 4). Darüber ward er sehr froh, und zwar aus folgenden Gründen:

1. weil er daraus schließen konnte, daß auch noch andre, die den Herrn fürchteten, ebensowohl wie er in diesem Tal wären;

2. weil er um so mehr erkennen konnte, daß Gott mit ihnen sei auch in dieser Finsternis, in diesem Elend. „Warum,“ sagte er sich, „sollte Er nicht gleichfalls mit mir sein, ob ich es wohl nicht spüre[82]?“

3. weil er nun hoffen durfte, bald einen Gefährten zu finden, sobald er ihn nur eingeholt haben werde.

So ging er denn weiter und rief dem Wanderer nach, der vor ihm ging. Der wußte aber nicht, was er antworten sollte, da er sich gleichfalls einsam glaubte. Allmählich brach der Tag an, und Christ lobte den Herrn: „Er hat aus der Finsternis den Morgen gemacht!“ (Amos 5, 8.)

Als es nun völlig Tag geworden war, konnte er sich nicht enthalten, sich doch einmal nach den Gefahren umzusehen, durch die er in der Finsternis gegangen war. Jetzt erkannte er erst die Tiefe des Abgrunds auf der einen und den bodenlosen Sumpf auf der andern Seite. Er sah nun auch, welch ein schmaler Pfad zwischen beiden hindurchführte. In weiter Ferne erblickte er noch die Kobolde, Feldteufel und Drachen des Abgrunds; denn bei des Tages Anbruch kamen sie nicht in seine Nähe, allein sie wurden ihm doch offenbar, wie geschrieben steht: „Er öffnet die finstern Gründe und bringt heraus das Dunkel an das Licht“ (Hiob 12, 22).

Mit tiefer innerer Bewegung sah er sich aus den Gefahren dieses schauerlichen Weges, denen er ausgesetzt war, errettet. Nun ging auch die Sonne auf — eine neue große Gnade für Christ! Denn war der erste Teil des Tales schon gefahrvoll gewesen, so war der zweite womöglich noch gefährlicher. Von hier bis zum Ende des Tales waren den Pilgern so viele Fallstricke, Netze und Schlingen gelegt, es waren so viele tiefe Löcher, Gruben und schlüpfrige Stellen auf dem Weg, daß es unmöglich gewesen wäre, im Finstern durchzukommen, und hätte er tausend Leben gehabt, er hätte sie alle verloren. Aber nun ging die Sonne auf, und Christ rief frohlockend: „Seine Leuchte scheint über meinem Haupt, und bei Seinem Lichte gehe ich in der Finsternis“ (Hiob 29, 3).

In diesem Lichte erreichte er das Ende des Tales. Da lagen Gebeine, Asche und verstümmelte Menschenleiber — alles von Pilgern, die in frühern Zeiten den gleichen Weg gezogen waren. Während ich darüber nachsann, was doch dies bedeuten möchte, bemerkte ich unweit davon eine Höhle, in der früher ein gewaltiger Riese, namens Heide[83], und jetzt ein andrer Riese, Papst mit Namen, hauste, welche durch ihre Gewalt und Tyrannei die Pilger grausam getötet hatten, wovon noch deren Blut, Gebeine und Asche zeugten.

Zu meinem Erstaunen kam Christ jedoch ohne große Gefahr dort glücklich vorbei; denn Heide war ja schon seit langem tot, und obwohl der andre noch am Leben war, so war er wegen seines hohen Alters und der mancherlei heftigen Anfälle, die er in den jüngern Jahren erlitten, so siech und schwach geworden, daß er jetzt kaum etwas andres zu tun vermochte, als am Eingang seiner Höhle zu sitzen und hinter den vorüberziehenden Pilgern zähneknirschend und Verwünschungen murmelnd die Faust zu schütteln, aus Ärger, weil er nicht mehr fortkommen konnte.

Christ ging also unbehelligt seinen Weg, wußte aber nicht, was er von dem alten Mann, der da in der Höhle saß, denken sollte, und zwar um so weniger, als er ihm zurief: „Ihr werdet nicht eher klug werden, bevor eurer noch viel mehr verbrannt werden.“ Christ aber schwieg still, schaute ihn beherzt an und ging, ohne daß ihm etwas widerfuhr, an ihm vorbei, indem er sang:

„Rüstet euch, ihr Christenleute!
Die Feinde suchen euch zur Beute,
Ja, Satan selbst hat eu’r begehrt.
Wappnet euch mit Gottes Worte
Und kämpfet frisch an jedem Orte,
Damit ihr bleibet unversehrt.
Ist auch der Feind gar schnell,
Hier ist Immanuel.
Hosianna!
Der Starke fällt
Durch diesen Held,
Und wir behalten mit das Feld.“

Fußnoten:

[73] Es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach (1. Tim. 5, 15).

[74] Fürchte dich vor der keinem, das du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf daß ihr versucht werdet, und werdet Trübsal haben (Offenb. 2, 10).

[75] Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit (Kol. 3, 4).

[76] Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch (Jak. 4, 7).

[77] Die da sitzen mußten in Finsternis und Dunkel, gefangen im Zwang und Eisen, darum daß sie Gottes Geboten ungehorsam gewesen waren und das Gesetz des Höchsten geschändet hatten (Ps. 107, 10. 11).

[78] Es ist ein Land, da es stockfinster ist und da keine Ordnung ist, und wenn’s hell wird, so ist es wie Finsternis (Hiob 10, 22).

[79] Wir sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten (Hebr. 10, 39).

[80] Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist; errette mich aus dem Kot, daß ich nicht versinke und das Loch der Grube nicht über mir zusammengehe (Ps. 69, 3. 15. 16).

[81] Betet stets in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist und wachet dazu mit allem Anhalten und Flehen! (Eph. 6, 18.)

[82] Es hoffen auf Dich, die Deinen Namen kennen; denn Du verlässest nicht, die Dich, Herr, suchen (Ps. 9, 11).

[83] Das römische Heidentum mit seinen Christenverfolgungen.

Schlussvignette, Kapitel I, 4