Kapitel VI.
Die Klappmütze (Cystophora cristata).

Die Klappmütze (Cystophora cristata) ist eine sehr große Seehundsart, die den See-Elephanten an der Westküste Amerikas und in den antarktischen Meeren am nächsten verwandt ist, — gleich diesen hat das Männchen eine Mütze über der Nase, wodurch es sich auffallend von allen anderen arktischen Seehunden unterscheidet. Das Weibchen hat keine solche Mütze zum Aufblasen, obwohl die Haut über der Nase auch bei ihm ein wenig lose und faltig ist.[30] Die Klappmütze kann eine beträchtliche Größe erreichen und ist nächst dem blauen Seehund die größte Seehundsart, die in unserem nordischen Fahrwasser vorkommt. Gleich, wenn sie zur Welt kommt, ist sie bereit, ins Wasser zu gehen und hat ein aus glatten Seehundshaaren bestehendes Fell, das am Bauche ziemlich hell, beinahe weiß, auf dem Rücken aber grau ist. Nach dem ersten Häuten ist es ein wenig gefleckt, und je mehr die Klappmütze heranwächst, je mehr steigert sich dies, bis es schließlich eine gräulich weiße Farbe mit zahlreichen größeren und kleineren unregelmäßigen, über den ganzen Körper verbreiteten Flecken hat. Am kleinsten sind die Flecken auf dem Kopf, aber sie sitzen hier so dicht, daß der Kopf fast schwarz zu sein scheint. Das Männchen kann seine Mütze zu ganz erstaunlichen Dimensionen aufblasen, wodurch der Kopf ein ganz eigenthümliches Aussehen erhält. Dies geschieht jedoch nur selten. Ich habe es nur gesehen, wenn es heftig gereizt wird, z. B. wenn es angeschossen war. Gewöhnlich hängt die Mütze schlaff herunter und ragt dann gleich einem ganz kurzen Rüssel über dem Rücken der Nase hervor. Welchen Zweck diese Mütze hat ist nicht leicht zu verstehen. Es könnte fast so aussehen, als wenn sie ein Vertheidigungsmittel zum Schutz ihres empfindlichsten Punktes, nämlich der Nase sein sollte; diese ist nämlich bei den Männchen im Laufe der Zeiten infolge ihres Kampfes um die Weibchen sehr entwickelt worden, indem die bestbeschützten siegreich aus diesem Kampfe hervorgegangen sind und Gelegenheit zur Vermehrung gehabt haben.

Altes Klappmützenmännchen.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

Diese Erklärung erscheint mir jedoch lange nicht überzeugend; freilich führen die Männchen in der Brunstzeit heftige Kämpfe miteinander, aber ich kann nicht einsehen, weshalb gerade die Nasen dabei so ausgesetzt sein sollten.

Die Klappmütze ist groß und ungewöhnlich stark. Sie ist auch muthig, und wenn sie sich zur Wehr setzt, was oft geschieht, ist nicht mit ihr zu spaßen, denn selbst auf dem Eise ist sie nicht so ganz unbehülflich und im Wasser ist sie geradezu gefährlich. Die Eskimos, welche sie von ihren schmalen Kajaken (Fellböten) aus fangen sollen, haben deshalb nicht ohne Grund Respekt vor ihnen; haben sie doch mehr als einem Eskimo das Leben geraubt! Im Jahre 1882 wurde mein Boot von einem verwundeten Männchen angegriffen, das sich auf den Bootsrand stürzte und mit den Zähnen auf mich loshieb, statt meiner aber den Bootsrand traf, wo es tiefe Spuren hinterließ.

Klappmützenweibchen und Junge.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

Die Klappmütze ist ein ganz vorzüglicher Schwimmer und Taucher. Um ihre Nahrung zu holen, die hauptsächlich aus Fischen besteht, kann sie bis auf ganz erstaunliche Tiefen hinabtauchen, — wie tief, läßt sich nicht genau angeben. Einen ungefähren Begriff kann man sich jedoch daraus machen, daß ich etwa in der Mitte zwischen Spitzbergen und Jan Mayen in dem Magen einer Klappmütze einen Rothfisch (Sebastes Norvegicus) gefunden habe; derselbe ist ein Tiefwasserfisch und lebt in einer Tiefe zwischen 50 und 90 Klaftern. Wenn man bedenkt, welch starker Druck — wenigstens über 4 Atmosphären — in einer solchen Tiefe ist, so kann man verstehen, daß die Burschen kaum eine schwache Brust haben können. Als Beweis von der ungeheuren Kraft der Thiere kann auch angeführt werden, daß sie im stande sind, direkt auf den Rand einer Eisscholle hinaufzuspringen, die 6-8 Fuß über dem Wasser liegt.

Die Klappmütze ist eine fast vollständig pelagische Seehundsart, d. h. sie hält sich nicht zu den Küsten, sondern folgt im wesentlichen dem Treibeis auf ihren Wanderungen, und erscheint in dessen Gefolge überall im Eismeer und dem nördlichen Theil des atlantischen Ozeans zwischen Spitzbergen und Labrador und der Baffinsbucht. Ihre östliche Grenze scheint ungefähr bei Spitzbergen zu sein, denn bei Novaja-Semlja kommt sie nicht mehr vor.

Die Klappmütze ist sehr gesellig und unternimmt in größeren oder kleineren Scharen mehrmals im Jahr bestimmte Wanderungen, die jedoch nur noch wenig bekannt sind. An der Westküste von Grönland, wo die Eskimos den Fang betreiben, sieht man freilich, daß sie zu bestimmten Zeiten verschwinden; Niemand aber weiß mit Bestimmtheit zu sagen, wo sie in der Zwischenzeit gewesen sind. Ich halte es für wahrscheinlich, daß sie, wenn sie zum erstenmal im Winter oder im Frühling ganz verschwinden, fern von der Küste liegendes Treibeis aufsuchen,[31] um dort in Ruhe und Frieden ihre Jungen füttern zu können, die ungefähr Ende März geboren werden. Ende April oder Anfang Mai zeigen sie sich dann wieder an der Küste von Grönland. Wenn sie im Juni oder Anfang Juli abermals verschwinden, so geschieht dies ebenfalls, um das Treibeis aufzusuchen. Dann kommt nämlich die Zeit, wo sie ihr Haar wechseln, und während dieses Prozesses gehen sie ungern ins Wasser. Am liebsten liegen sie auf den Eisschollen und sonnen und wälzen sich. Man kann auf solchen Eisschollen oft ganze Haufen von Haar finden. In dieser Zeit fressen sie wenig und im Juli werden sie sehr mager.

Die Jagd pflegt im Juni zu beginnen, wenn die Fangschiffe nach der Dänemarksstraße kommen, nachdem sie in der Gegend von Jan Mayen Jagd auf eine andere Seehundsart, den sogenannten grönländischen Seehund (Phoca grönlandica O. F. M.) gemacht haben. Einige von ihnen sind auch vorher auf den Fang von Entenwalen, Bottlenose (Hyperoodon diodon) nordöstlich von Island gegangen.

Es handelt sich vor allen Dingen darum, den Seehund zu finden, und das ist oft schwierig genug, denn man darf sich nicht einbilden, daß er über dem ganzen Eis dort oben zerstreut liegt. Um ihn zu finden, müssen die Fahrzeuge oft wochenlang suchen. Sie gehen dann an dem äußeren Rande des Treibeises entlang, und überall, wo sich Buchten oder Oeffnungen im Eise befinden, dringen sie ein, — während die Eismassen nach allen Richtungen hin ununterbrochen mit dem Fernrohr von der auf dem Großmast angebrachten Ausgucktonne untersucht werden. Entdeckt man dann endlich nach längerem Spähen weiter ins Eis hinein Scharen von Seehunden, und ist dies Eis nicht allzu dicht zusammengestaut, so handelt es sich darum, die Maschinen so stark wie möglich zu heizen und auf das Eis zu gehen, um so schnell wie möglich zu den Seehunden zu gelangen, da man sonst Gefahr läuft, daß ein anderes Fangschiff Einem den Rang ablaufen kann, was selbstverständlich nicht geschehen darf.

Beim Kartenspiel hören alle verwandtschaftlichen Rücksichten auf, heißt es im Volksmunde, und dasselbe gilt in vollem Umfange auf dem Eismeer; denn hier sucht man einander nach besten Kräften zu übervortheilen. Liegen mehrere Schiffe in der Nähe, wenn man Seehunde erblickt, und sie noch nicht aufmerksam darauf geworden sind, so kommt es natürlich darauf an, sie durch List zu entfernen, so daß man den Fang für sich allein hat. Zu diesem Zweck werden die unglaublichsten Kunstgriffe angewandt; man dampft unter vollen Segeln nach einer ganz anderen Richtung ab und thut, als sähe oder erwarte man dort Seehunde, um auf diese Weise die Anderen mitzulocken, um dann, — sobald sie folgen und eine Strecke weit gekommen sind, zurückzuschleichen und allein die Seehunde aufzusuchen, — ja, das gehört zu den ganz gewöhnlichen Manövern dort oben.

Wenn man sich dann mit aller Macht durch das Eis Bahn bricht und es unter der Mannschaft auf Deck verlautet, daß man von der Tonne aus Seehunde sieht, da läßt sich an Bord ein merkwürdiges Leben verspüren. Alles kommt auf die Beine, Alle müssen auf das Vordertheil des Schiffes hinauf, um zu sehen, ob sie die Seehunde nicht schon von Deck aus erblicken können, — man hat alle Hände voll zu thun, die Böte in Stand zu setzen, zu untersuchen, ob im Bootskasten Brot und Speck, ob in den Biertonnen Bier und ob Patronen in der Patronentasche sind. Man sieht nach, ob die Büchsen auch ordentlich geputzt sind, denn jetzt muß man sich vergewissern, daß alles zum Fang in Ordnung ist, und wenn man weiter nichts zu thun hat, so schleift man sein Messer, damit es scharf genug ist, um allen Seehunden, die man fängt, das Fell abzuziehen. Dann geht’s abermals auf das Vordertheil des Schiffes hinauf, um nach den Seehunden auszuspähen. Bald schweift das Auge zur Masttonne hinauf, um zu sehen, nach welcher Richtung hin das lange Fernrohr zeigt, bald wieder über die Eisfläche hin in derselben Richtung wie das Fernrohr, und gewahrt man dann wirklich einen Seehund, so entsteht ein Leben, ein Zeigen, ein lautes Durcheinanderreden; — bald erblickt man mehrere, gleich schwarzen Punkten tauchen sie weit vor uns im Eise auf; jeder Seehund wird mit Jauchzen begrüßt.

Inzwischen arbeitet sich das Schiff ruhig und sicher durch das Eis. Aus der Tonne erschallen Kommandorufe, bald heißt es „hart Backbord“, bald „hart Steuerbord“ oder „steady“; die Zwei, welche am Steuer stehen, arbeiten so, daß ihnen der Schweiß von der Stirn tropft und lassen das Steuerrad herumdrehen wie an einem Spinnrocken. Das Schiff prallt mit donnerähnlichem Getöse gegen die mächtigen Schollen an, so daß man oft alle Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Unten im Maschinenraum wird ununterbrochen nachgeheizt, während sich die Schraube am Kiel des Schiffes dreht und das Kielwasser bläulich aufwirbeln läßt, bis die Eismassen es wieder bedecken. Oben in der Tone sitzt der Kapitän und weidet sein Auge an den Seehundsmassen vor sich, wobei er seine Pläne macht und den Weg sucht, den das Schiff gehen soll. Eine solche Fahrt durch das Eis ist sehr spannend. Auf dem ganzen Schiffe herrscht Erwartung und Unruhe. Endlich fällt das erlösende Wort: „Macht die Böte klar!“

Klappmützenfang.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

Ein Jubelgeheul tönt über das ganze Schiff, am schlimmsten ist es unten in den Mannschaftskojen, wo jetzt keiner mehr schlafen darf. Alle ziehen ihre Fangkleider an, und in der Schiffsküche wird gekocht und gebraten, damit die Mannschaft noch eine gute Mahlzeit zu sich nehmen kann, ehe sie in die Böte geht. Oft fährt man dann noch einen halben Tag ruhig weiter, bis man tiefer in das Lager der Seehunde hineingekommen ist und mehr und mehr Thiere auf den Eisschollen erblickt. Man macht erst Halt, nachdem man sich mitten im Herzen des Fanges befindet, dort, wo sie ganz dicht nebeneinander liegen. Jetzt endlich erschallt aus der Tonne das Kommando: „Fertig zum Fall!“, und alles stürzt in die Böte, die zu beiden Seiten des Schiffes in den Davids hängen. Dann erhält der Schütze jedes Bootes, — es befindet sich nur ein Schütze in jedem Boot, — der auch das Kommando übernimmt, seine Befehle, in welcher Richtung er vorgehen soll, und endlich heißt es: „Die Böte herab!“, und während das Schiff seine Fahrt mäßigt, werden die Böte in aller Eile ins Wasser gelassen. Man stößt ab und vertheilt sich nach der vorgeschriebenen Richtung hin. Es ist ein stolzer Anblick, wenn die zehn Böte eines Fangschiffes auf einmal vom Fahrzeuge abstoßen und jedes in seiner Richtung durch das Eis dahinrudert. Aufgerichtet und spähend steht der Schütze vorne in dem Boote, während der Steuermann hinten am Steuer steht und die übrigen drei bis vier Mann die Ruder nach besten Kräften führen. Dann kommt man in das Seehundslager hinein, und es beginnt ein Schießen und Knallen nach allen Richtungen hin, — es klingt oft, als würde eine ganze Schlacht geschlagen. An einem hellen Sonnentag, wenn Massen von Seehunden rings umher auf den Eisschollen liegen und sich sonnen, ruht oft ein zauberhafter Schimmer über diesem Leben, das Demjenigen, der es einmal mitgemacht hat, stets verlockend vor der Seele schweben wird. Es kommt natürlich für jeden Schützen darauf an, der erste zu sein, der mit beladenem Boot zum Schiffe zurückkehrt. Er sucht seine Leute zu demselben Ehrgeiz zu entflammen und treibt die Böte so schnell wie möglich vorwärts. Kommt man in die Nähe der Seehunde, so muß man sorgfältig vermeiden, hinter einen Eisblock zu kommen, so daß der Seehund das Boot aus dem Gesicht verliert, nachdem er es erst einmal erblickt hat. Man muß versuchen, so direkt wie möglich auf den Seehund loszurudern, damit er das Boot so lange wie möglich sehen kann. Wird er plötzlich überrascht, so verschwindet er gleich. Sobald er das Boot erblickt, erhebt er den Kopf, ist es aber noch weit entfernt, so legt er sich gewöhnlich wieder hin und liegt ruhig auf dem Eise. Inzwischen kommt das Boot heran, von vier kräftigen Rudern getrieben, abermals erhebt er den Kopf und sieht nun viel bedenklicher aus. Er schaut das Boot an, und er schaut ins Wasser hinab, er wird unruhig, wälzt sich ein wenig dichter an den Rand hin, reckt den Hals und macht sichtbare Anstalten zu verschwinden, da plötzlich bricht auf Kommando des Schützen die ganze Bootsmannschaft in ein fürchterliches Geheul aus; der Seehund stutzt, lauscht verwundert dem sonderbaren Geräusch, nimmt sich dann aber wieder zusammen, macht noch eine Bewegung auf den Rand der Eisscholle zu und will verschwinden. Da erhebt sich ein noch stärkeres, langgezogeneres, unheimlicheres Geheul als das erste; abermals reckt er den Hals, lauscht erstaunt und verwundert, indem er das Boot anstarrt, das jetzt mit großer Geschwindigkeit herangeflogen kommt, dann beugt er sich über den Rand, krümmt den Rücken und reckt den Hals nach dem Wasser aus. Trotz des teuflischsten Geheuls will er jetzt doch hineinspringen, und man hat die Schußweite noch nicht erreicht. Da ist nichts weiter zu thun, als daß der Schütze schnell die Flinte in die Höhe hebt und eine Kugel in den Eisrand gerade unterhalb des Thieres sendet, so daß ihm Schnee und Eisstücke an Brust und Nase fliegen. Das ist etwas Neues, — erschrocken zieht er sich auf die Eisscholle zurück und starrt auf den Rand des Eises. Während er noch über dies neue Räthsel grübelt, ist das Boot mit schneller Fahrt in Schußweite gelangt; die Ruder werden losgelassen und, in den Dollen hängend, gleiten sie an der Seite entlang, Alle müssen regungslos still sitzen, der Schütze erhebt die Flinte, ein Krach — und in die Stirn getroffen, fällt der Kopf des Seehundes wieder aufs Eis, diesmal, um sich nicht wieder zu erheben.

Liegen mehrere Seehunde auf derselben Eisscholle oder ringsumher, so kann man viele schießen, aber es gilt vor allen Dingen, die ersten Seehunde, auf die man schießt, gleich so zu treffen, daß sie todt wie ein Stein da liegen. Ich erinnere mich, im Jahre 1882 eine ganze Bootsladung an einer Stelle geschossen zu haben, und ich hätte noch mehrere Boote voll schießen können, wenn ich hätte fortfahren können, denn wenn man sich erst so in das Seehundslager eingeschossen hat, daß ringsumher an allen Ecken und Kanten todte Seehunde liegen, dann liegen die anderen auch ruhig. Sie starren ihre todten Kameraden an, die sie für lebendig halten und denken, können sie, denen der Unruhestifter so nahe ist, ruhig liegen, so dürfen wir es immerhin wagen.

Ist man dagegen so unglücklich, den ersten oder die ersten Seehunde nicht sofort auf eine tödtliche Stelle (z. B. den Kopf) zu treffen, so daß das Thier verwundet auf der Eisscholle umherspringt oder sich mit einem Geplätscher ins Wasser stürzt, dann kann man ziemlich sicher sein, daß die meisten anderen auch unruhig werden und seinem Beispiel folgen. Deshalb muß man lieber einen Fehlschuß thun, als daß man einen Seehund anschießt, und da liegt es denn auf der Hand, daß es von großer Wichtigkeit ist, tüchtige Schützen auf der Seehundsjagd zu haben.

Sobald der Seehund geschossen ist, wird ihm das Fell abgezogen; es handelt sich nun darum, den Thieren das Fell so schnell wie möglich abzuziehen, um weiterzukommen und von den anderen Booten nicht überholt zu werden. Deshalb kommt es auch sehr darauf an, daß der Schütze tüchtige und geschickte Leute in seinem Boot hat.

Ein geübter Mann kann einem Seehund in ganz unglaublich kurzer Zeit das Fell abziehen. Ich sah es oft in zwei Minuten ausführen. Erst wird ein langer Schnitt vom Kopf bis zum Schwanz am Bauch entlang gemacht, dann einige Schnitte an jeder Seite zwischen der Speckschicht und dem Fleisch, dann einige Schnitte oben vom Kopf herunter und einige unten beim Schwanz und den Hinterbeinen, und das Fell ist herunter! Darauf zieht man die Vorderbeine, die noch festsitzen, heraus und befreit sie mit ein paar Schnitten von der Haut, die jetzt ins Boot gebracht werden kann. Man verwendet nur das Fell und die unter demselben liegende dichte Speckschicht, die daran festhängt. Das Uebrige läßt man auf dem Eise liegen als Speise für die Möven.

Das Häuten junger Klappmützen auf einer Eisscholle.
(Zeichnung von E. Werenskjold nach einer Photographie.)

Der Klappmützenfang ist noch nicht so sehr lange in der Dänemarksstraße betrieben worden. Man begann zuerst im Jahre 1876 damit, und während der ersten acht Jahre wurde er mit kolossalem Erfolg von vielen norwegischen[32] Fahrzeugen betrieben. Man fand überall Seehunde und schoß sie zu Tausenden nieder. In jenem Zeitraum wurden ungefähr 500000 Stück geschossen und wenigstens ebenso viele sind durch Kugeln getödtet, ohne daß man ihrer hat habhaft werden können. Dann trat jedoch ein Umschlag ein; in den nun folgenden Jahren wurden fast gar keine Klappmützen gefangen, beinahe alle Fahrzeuge sind Jahr für Jahr erfolglos gewesen. Was kann der Grund dazu sein? Seehundsfänger haben es auf den Wind, auf den Seegang, die ungünstigen Eisverhältnisse geschoben, aber in dem allen liegt doch keine beruhigende Erklärung, so daß man die Hoffnung auf bessere Fangjahre aufrecht erhalten könnte; die Verhältnisse können wohl ein, immerhin zwei Jahre ungünstig sein, tritt aber in einem Zeitraum von vier oder fünf Jahren keine Aenderung ein, da kann man die Eisverhältnisse nicht mehr als stichhaltigen Grund ansehen. In dem Maße können sich die Verhältnisse auf dem Eismeer nicht verändert haben.

Außerdem waren wir mit dem „Jason“ zweifelsohne mehrmals in ebensolches Eis hineingekommen, wie das, was wir in früheren Jahren als gutes Eis betrachteten, ohne daß wir jetzt auch nur einen einzigen Seehund erblickt hätten. Wenn wir Seehunde fanden, so lagen sie immer weiter hinein auf dem dicken Eis, wurde das Eis morsch, so zogen sie sich weiter zurück, dorthin, wo das Eis fest war.

Der Unparteiische kann nicht darüber in Zweifel sein, daß die Zahl der Klappmützen ganz bedeutend abgenommen hat und zwar infolge der hartnäckigen Verfolgung, deren Gegenstand sie gewesen sind. Für mich, der ich zu zwei verschiedenen Zeitpunkten Gelegenheit gehabt hatte, das Fangterrain hier oben zu besuchen, war der Unterschied zwischen früher und jetzt sehr auffallend. Hier oben, wo ich im Jahre 1882 überall Seehunde sah, sobald wir nur ein Stück ins Eis hineinkamen, — hier war im Jahre 1888 fast keine lebende Seele mehr zu erblicken. Anfangs hielt ich diese Verringerung der Seehunde jedoch noch für bedeutend größer, als sie in Wirklichkeit war.

Am 3. Juli sollte ich jedoch anderer Ansicht werden, denn — wie später ausführlicher erzählt werden wird, — erblickte ich an dem Tage tiefer ins Eis hinein so viele Klappmützen, wie ich mich kaum entsinne jemals gesehen zu haben. Sie lagen aber auf so dicht zusammengestautem Eis, wo man früher nicht nach ihnen gesucht hatte.

Was aber ist denn der Grund, daß der Klappmützenfang jahraus, jahrein so schlecht ist? Das ist ein Räthsel, über das man wieder und wieder grübeln kann, ohne doch zu einem sicheren Resultat zu kommen. Die Auffassung, zu der ich allmählich gelangt bin, geht dahin, daß einerseits der allzu starke Fang keine unwesentliche Rolle spielt, daß es aber noch einen anderen Grund von vielleicht ebenso großer Bedeutung giebt.

Dieser Grund kann doppelter Art sein. Er kann in einer Veränderung der Natur und der Gewohnheiten zu suchen sein, die entweder auf Erziehung oder auch auf direkte, natürliche Wahl im Kampf ums Dasein zurückzuführen ist.

Eisbär und Klappmütze.

Viele Menschen sind der Ansicht, daß sich die Thiere nicht entwickeln können, daß sie keine Erfahrungen machen und daraus ihre Schlußfolgerungen ziehen können. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht, — ich glaube, daß die Thiere, die wilden sowie die zahmen, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben, sie sammeln ihre Erfahrungen und lernen so gut wie die Menschen, wenn auch nicht in so hohem Grade. Und ein gutes Beispiel hiervon geben uns vielleicht gerade die Klappmützen in der Dänemarkstraße. In früheren Zeiten lebten die Klappmützen ein herrliches Leben hier oben auf dem Eise. Sie aßen und schliefen, hatten ihre Liebesabenteuer und vermehrten sich. Nur einen einzigen wirklichen Feind kannten die Klappmützen in jenem goldenen Zeitalter, nämlich den Eisbären, und auch von ihm wurden sie nicht allzu häufig heimgesucht, denn der Bär zieht sich, da er kein besonderer Schwimmer ist, gern dahin zurück, wo das Eis fester ist; aus dem Grunde pflegten sich die Klappmützen mehr am Rande des Eises in dem offenen Eis aufzuhalten. Im Sommer des Jahres 1876 aber kam eine andere Art Eisbär aus dem Meere her in die Dänemarkstraße geschwommen, und der war raubgieriger und größer. Er war der norwegische Seehundsfänger „Eisbär“, der von dem Veteranen der norwegischen Seehundsfänger, Svend Foyn, in diese Gegend entsandt war. Dieser „Eisbär“ fand hier Unmassen von Seehunden und brachte das eine Mal mehrere Tausend mit nach Hause. Seit jenem Tage hatte das ruhige ungestörte Leben der Klappmützen hier oben ein Ende. Jeden Sommer kamen Ende Mai und Anfang Juni Scharen von norwegischen Seehundsfängern hier herauf, und da die Thiere zahm und leicht zu fangen waren, nahm man gleich große Mengen mit. Ja, in den ersten Jahren waren sie so zahm (sie ahnten ja nichts Böses), daß man nicht nöthig hatte, sie zu schießen, man konnte sie auf den Eisschollen todtschlagen, ja auf verschiedenen Schiffen ließ man die Leute gar keine Flinten in die Boote mitnehmen, sondern ließ die Seehunde einfach todtschlagen. Das goldene Zeitalter für die Seehundsfänger nahm jedoch bald ein Ende. Die Klappmützen hatten bis dahin nicht geahnt, welche Gefahr ihnen von diesen Fahrzeugen mit dem Ausguck auf dem Großmast drohte, die einen ganzen Schwarm von Booten gegen sie aussandten, aber sie machten bald ihre Erfahrungen, und es währte nicht lange, bis sie scheu wurden. Jetzt mußte man sie aus weiter Entfernung schießen. Das Merkwürdige dabei war, daß nicht allein die alten, erfahrenen Seehunde scheu wurden, sondern auch bei den ganz jungen machte sich dies in auffallender Weise bemerkbar. Entweder müssen also die alten Seehunde ihrem Nachwuchs die gemachten Erfahrungen auf irgend eine Weise mitgetheilt haben, oder auch müssen diese ihre Erfahrungen vermittelst Erbschaft erhalten haben. Wie sich die Sache nun auch verhalten mag, so ist es doch Thatsache, daß die Klappmützen, alte wie junge, mit jedem Jahr scheuer geworden sind, — sie haben es gelernt, sich vor einem Feind in acht zu nehmen, den sie früher nicht kannten, und zwar haben sie dies in dem kurzen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren gelernt. Ich glaube aber, daß die Weisheit der Klappmützen weitergeht. Sie haben auch die Erfahrung gemacht, daß sie gerade dort, wo sie sich früher am sichersten fühlten, nämlich am Rande des Eises — jetzt am meisten gefährdet waren; sie haben gelernt, daß, wenn sie in der Zeit des Haarwechsels, wo sie gern auf dem Eise liegen, ungestört sein wollten, sie sich auf das dichte Eis weiter hinein zurückziehen müßten. Hier sind sie freilich den Angriffen des Eisbären ausgesetzt, entgehen aber den weit schlimmeren der norwegischen Seehundsfänger.

Wie einleuchtend diese Erklärung auch erscheinen mag, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß es auch eine andere Erklärungsweise geben kann. Geht man davon aus, daß nicht alle Seehunde von Anfang an gleich scheu sind, was unleugbar der Fall ist, dann wird die Schlußfolgerung nahe liegen, daß wenn man mit der Jagd beginnt, naturgemäß die am wenigsten Scheuen, sowohl junge wie alte Seehunde, sich zuerst tödten lassen, während die Scheueren entfliehen und sich vermehren können.

Auf diese Weise muß ja die Scheuheit sich in immer stärkerem Grad auf das Geschlecht vererben. Hierdurch erhält man eine Erklärung, weshalb die Klappmützen scheuer werden, nicht aber, weshalb sie sich weiter auf das Eis zurückziehen als früher. Nimmt man indessen an, daß ebenso wie es Seehunde giebt, die scheuer sind, auch solche existiren, die sich mit Vorliebe draußen in dem offenen Eis aufhalten, während sich andere gern weiter zurückziehen, — so ist es ja ganz selbstverständlich, daß diejenigen, die sich dort aufhalten, wo die Fahrzeuge am leichtesten hinkommen, zuerst fortgeschossen werden, während die anderen verschont bleiben und das Geschlecht vermehren können, das dann mehr und mehr die erbliche Gewohnheit annimmt, sich weiter zurück auf dem dichten Eis zu halten.

Welcher von den hier angeführten Erklärungsgründen die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat, ist nicht so ganz leicht zu entscheiden. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß sie alle beide ihre Berechtigung haben, daß nämlich sowohl Erziehung und Erfahrung als auch die natürliche Wahl im Kampf ums Dasein, mit anderen Worten das Ueberleben der am glücklichsten Ausgerüsteten, die Ursache sind, daß die Klappmützen, nachdem einmal Jagd auf sie gemacht wurde, ein furchtsameres Naturell erhalten und ihre Gewohnheiten verändert haben. Daß dies wirklich der Fall ist, wird Niemand bestreiten wollen, der Gelegenheit gehabt hat, dem Fange beizuwohnen.

[30] Wenn Robert Brown behauptet, daß auch das Weibchen bei den Klappmützen eine Mütze hat, so ist dies ein vollständiger Irrthum.

[31] Die westgrönländische Klappmütze begiebt sich wahrscheinlich zum Treibeise in die Gegend von Labrador, wo im Frühling viele gefangen werden.

[32] Ein paar englische und amerikanische Schiffe versuchten den Fang, nachdem die Norweger damit begonnen hatten, ebenfalls.