Der „Jason“ bahnt sich seinen Weg durch das Eis.
(Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)

Kapitel VII.
An Bord des „Jason“.

Unser Leben an Bord des „Jason“ verging ganz angenehm, ohne große Begebenheiten und Erlebnisse. Ueber die pekuniäre Seite des Seehundsfanges, sowie die Aussichten für dessen Zukunft ließen wir uns keine grauen Haare wachsen. Mit Ausnahme vereinzelter Fälle, wo der Schuß nicht ganz so gut traf, wie er es hätte thun können, gab es nicht viel dunkle Wolken an dem Horizont unseres Daseins.

Für die meisten Theilnehmer ist dies Leben ganz neu. Es giebt viel zu sehen und zu beobachten, sowohl im Eise, wie auf dem Meer, und wenn man Jäger ist, ermangelt man der Zerstreuung nicht. Hat man keine Seehunde zu schießen, so kann man Alke schießen, denn deren giebt es genug. In ganz kurzem Zeitraum kann man oft mehr als fünfzig dieser Thiere erlegen, und wenn man sie nur im Fluge schießen will, ist es ein guter Sport; wenigstens habe ich es häufig erlebt, daß Leute mehr als einen Fehlschuß thun. Will man sie auf dem Wasser mit Kugeln schießen, so ist auch das ein angenehmer Sport.

Seehunde in Sicht. „Hart Steuerbord!“
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)

Der Hauptsport hier oben ist und bleibt jedoch die Seehundsjagd. Es ist eine ganz vorzügliche Uebung, die in ungewöhnlichem Maße dazu angethan ist, zum ruhigen und kaltblütigen Büchsenschützen auszubilden. In der Regel ist freilich der Abstand nicht sonderlich groß, — er beträgt gewöhnlich zwischen hundert und hundertundfünfzig Ellen, — aber das Ziel, auf das man schießt, ist nur klein. Es handelt sich nämlich darum, den Seehund in den Kopf oder zur Noth in den Hals zu treffen; trifft man ihn in den Körper, so springt er ins Wasser. Zuweilen, wenn die Seehunde scheu sind, kann die Entfernung eine ganz beträchtliche sein. Bedenkt man ferner, daß man von einem Boot aus schießen muß, das in Bewegung ist, und daß die Beleuchtung hier oben über dem glitzernden schneebedeckten Eise oft sehr störend wirkt, so wird man verstehen können, daß nicht so ganz wenig dazu gehört, um ein guter Seehundschütze zu werden. In der That giebt es deren auch nur sehr wenige. Ich habe Leute gesehen, die ihre Büchse vorzüglich zu führen wußten, wo es ein festes Ziel galt, die aber trotzdem, sobald es sich um Seehunde handelte, regelmäßig vorbeischossen. Die Seehundjagd ist auch nicht ohne Abwechselung, und ist man in der glücklichen Lage, Schütze eines Bootes zu sein, und sich einem guten Fang gegenüber zu befinden, glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können, daß die Meisten gleich mir die Augenblicke, die man hier oben in seinem kleinen Fahrzeug verbringt, dessen Schütze, Anführer und Alleinherrscher man ist, — zu den schönsten ihres Lebens zählen werden. Man ist von der herrlichsten, aus Eis, Himmel und Meer bestehenden Natur umgeben. Rings umher auf den Eisschollen liegen die Seehunde, und ihr Anblick läßt das Jägerblut schneller durch die Adern der meisten Menschen rollen, — oft vielleicht ohne daß sie es wissen. Das Auge wird geschärft, alle Kräfte werden angespannt und gleichsam auf das Gesicht und die Arme konzentrirt, die die Büchse und die Ruder führen sollen; der Sinn ist von dem einen Gedanken beseelt, Seehunde zu fangen und das Boot durch das Eis zu schaffen, so daß man so viele Thiere wie möglich fangen kann.

Möglicherweise tritt in einem solchen Augenblick die wilde Natur des Menschen in den Vordergrund. Es ist das Erbtheil unserer nomadischen, von Jagd und Fischfang lebenden Vorfahren; sei dem, wie ihm wolle, eins steht fest, es ist dies ein herrliches, freies Leben, das Geist und Körper erquickt.

Wenn wir aber nicht auf Jagd gehen können und uns an Meer, Himmel und Eis müde gesehen haben, so müssen wir uns irgend eine Abwechselung suchen, denn wie schön dies alles auch ist, und wie sehr man sich auch von Kindheit an die Ueberzeugung von der großartigen Schönheit des mächtigen, rollenden, stets wechselvollen Meeres eingeprägt, so läßt es sich doch nicht leugnen, daß man, wenn man es Wochen und Monate angestaunt hat, schließlich entdeckt, daß es doch ein wenig einförmig ist und man sich nach ein wenig Abwechselung sehnt.

Eine unserer größten Vergnügungen, die stets allgemeine Heiterkeit erregte, war das Lassowerfen. Von dem Bootsmann bekamen wir, wenn wir recht freundlich baten, eine dünne Leine, die ungefähr 10 bis 12 Klafter lang war. An dem Ende dieser Leine brachten wir eine Schlinge an und damit war unser Lasso fertig. Die Lappen waren natürlich Meister in der Benützung dieser Fangschnur, und von ihnen lernten wir es, — sie bedienen sich derselben ja täglich, um ihre Rennthiere einzufangen. Besonders der alte Ravna hatte es bis zu einer erstaunlichen Fertigkeit gebracht. Es war ein stolzer Anblick, ihn mit einer sicheren Miene, die keinen Zweifel an seinem Erfolg aufkommen ließ, die Leine in der rechten Hand aufrollen zu sehen. Dann beugte er den Kopf ein wenig vornüber, heftete das Auge scharf auf das unglückliche Opfer, machte ein paar Schritte über das Deck hin, leicht und geschmeidig wie eine Katze, dann eine schnelle Bewegung mit dem gespannten rechten Arm, — und blitzschnell rollt sich die Leine ab, und nie ihr Ziel verfehlend, fällt die Schnur um den Kopf der Beute, die, mit Armen und Beinen fechtend, sich von der beengenden Umarmung zu befreien sucht.

Balto ist als festansässiger Lappe natürlich weniger geübt in dem Gebrauch des Lassos, sein Stolz will dies aber nicht einräumen und es giebt stets Veranlassung zu großer Heiterkeit, wenn Einer von uns ihm die Schnur mit der Bemerkung fortnimmt, daß man sich besser darauf verstehe als er; trifft es sich dann gar, daß man ihn wirklich überwindet, so ist seine erstaunte und verdrießliche Miene ganz unbezahlbar.

Mancherlei Spiele und Kraftproben werden auch an Bord betrieben. Mit besonderer Leidenschaft betrieben wir ein Spiel, das darin bestand, Figuren und Vierecke auf das Deck zu zeichnen, welche letztere verschiedene Werthe repräsentiren und in welche man aus einer gewissen Entfernung mit flachgeschlagenen Bleistücken werfen muß, ohne jedoch eine Figur, den sogenannten „Narrenkopf“, zu berühren; geschieht dies doch, so büßt man alles ein, was man durch die anderen Würfe gewonnen hat. Oft bei gutem, stillem Wetter konnte man mehrere Partien dies Spiel auf verschiedenen Theilen des Deckes betreiben sehen. Der Einsatz war gewöhnlich ein Stück Kautabak.

Hatte dies Spiel seine Anziehungskraft verloren, so zogen wir uns wohl hinten in die Kajüte zurück und nahmen unsere Zuflucht zum Kartenspiel, und obwohl Einige von uns gar kein Interesse am Kartenspiel hatten, konnten wir doch oft den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein spielen, — ja oft begannen wir sogar schon am Vormittage. Hauptsächlich spielten wir Whist; doch auch Treffknecht u. dergl.

Wir hatten nur ein einziges Spiel Karten, und das war zu Ende der Reise so schmutzig, daß man kaum unterscheiden konnte, woraus die Karten bestanden, aus Schmutz oder aus Papier. Wenn wir, was das gewöhnliche war, bis Mitternacht aufsaßen, da mußten wir um die Zeit der Hundewache nothwendigerweise etwas genießen. Dieser nächtliche Imbiß bestand entweder aus Kaffee oder „Dänge“, besonders das letztere Gericht, das aus aufgeweichtem, in Zucker und Butter gebräuntem Brot bestand, war sehr beliebt.

Um diese Zeit erhielt auch die Mannschaft Kaffee, und man konnte dann Nacht für Nacht den schönen Anblick genießen, Balto schlaftrunken und in äußerst leichter Toilette die Treppe, die zu seinem Schlafraum führte, heraufkommen zu sehen, um sich zu den Leuten zu begeben und seinen mitternächtlichen Kaffee zu holen. Als Lappe war er so versessen auf Kaffee, daß er unmöglich eine Gelegenheit vorübergehen lassen konnte, dies herrliche Getränk zu genießen, selbst wenn er schon längst in seine Koje gegangen war.

Lektüre war nur sehr wenig an Bord. Ich hatte nicht auf einen so langen Aufenthalt auf dem Schiffe gerechnet und deshalb für keine Reisebibliothek gesorgt. Dank einem Freunde der Expedition, Herrn Buchhändler Cammermeyer in Kristiania, waren wir doch mit einigen Büchern versehen. Diese waren indessen bald gelesen, und jetzt entstand ein geistiger Heißhunger an Bord, der geradezu bedrückend war. Man machte Jagd auf alles mögliche, selbst die schlechtesten Räuberromane und Indianererzählungen, die man bei der Mannschaft auftreiben konnte, wurden mit Begier verschlungen. Es waren solche wie „Der blutige Handschuh im Thale“, „Der rothe Hauptmann“, „Die schwarze Schlange“ u. dergl. Zuweilen unternahmen wir einen Kaperzug an Bord der anderen Fahrzeuge.

Eine Einladung an Bord der anderen Fahrzeuge war eine sehr willkommene Abwechselung, ebenso ein Besuch der fremden Kapitäne an Bord des „Jason“. Ein eigenartiges, ganz sommerliches Bild gewährte es zuweilen, diese Eismeerschiffer sich im Sonnenschein auf Deck gruppiren zu sehen. Da saßen sie und tranken ihren Kaffee oder Wein, rauchten ihre Pfeifen oder Cigarren und starrten auf das Meer hinaus oder auf die weißen Eisschollen, die im Sonnenschein schaukelnd dalagen, während die Zeit unter Lachen und Schwatzen schnell verstrich.

Zuweilen probirte man seine Schießkunst auch an den auf dem Wasser schwimmenden Eisstücken aus, und manch guter Schuß wurde da ausgeführt.

Der einzige, der sich nicht recht wohl an Bord zu fühlen schien, war unser alter Freund Ole Nielsen Ravna, der ältere der beiden Lappen. Er war daran gewöhnt, mit seinen Rennthierscharen auf den Hochebenen umherzustreifen, und das Leben an Bord auf dem engen, schaukelnden Schiff gefiel ihm nicht. Er sehnte sich danach, wieder Land unter den Füßen zu haben. Balto dagegen scheint sich völlig dem Seeleben acclimatisirt zu haben. Mit seinem munteren, aufgeweckten Sinne stets bereit, irgend einen Narrenstreich auszuführen, war er bald der Liebling der ganzen Besatzung geworden. Glücklicherweise war jetzt auch sein rechtes Knie wieder vollständig geheilt.

Das Pferd, das wir von Island mitgebracht hatten, war der allgemeine Liebling. Dies hatte indessen die unangenehme Folge, daß dem Thier trotz des strengsten Verbots mehr Futter gebracht wurde, als wir verantworten konnten, und eines Tages entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß der größte Theil des Heues verbraucht war. Von nun an war das Pferd eine Quelle steter Sorge. Es mußte an allen Ecken und Kanten mit dem Futter gespart werden, und wir zerbrachen uns den Kopf, um ein Futtermittel zu finden. Wir gaben ihm rohes Seehundsfleisch, eine Weile fraß es das, dann war es aus damit. Wir versuchten es mit gedörrtem Fleisch, — es ging genau ebenso. Nun gaben wir ihm Alke, die mochte es im Anfang gern. Dann sammelten wir Tang, wovon eine Menge in der See trieb, — eine gewisse Tangart fraß es auch gern. So hielten wir es eine Weile hin. Es gedieh anscheinend ganz gut und wurde ein tüchtiger Seemann.

Der 9. Juli wurde indessen ein Tag der Trauer für die Expedition. Da hatten wir nichts mehr, was es fressen wollte, und wir mußten es erschießen. Es war, als verlören wir einen Freund. Der letzte Dienst, den es uns leistete, war, daß es uns ein gutes Beefsteak lieferte, und eine der Keulen nahmen wir später mit uns ins Boot, nachdem wir den „Jason“ verließen, um an der Ostküste zu landen.

Wie rein die Luft hier oben ist, ersieht man daraus, daß ein solches Stück Fleisch eine lange Zeit im Takelwerk hängen kann, ohne zu verderben. Hier giebt es keine Bacillen, und infolgedessen kann kein Verwesungsprozeß vor sich gehen, wenn er nicht durch den Schmutz an Bord, der von Hause mitgebracht ist, herbeigeführt wird.

Das Vorurtheil der Leute, gewisse Dinge zu essen, ist oft geradezu lächerlich. Davon erhielt ich bei dieser Gelegenheit einen guten Beweis. Als das Pferd erschossen und nach allen Regeln der Schlachtkunst zerlegt war, kam „Jank“ — wie er an Bord genannt wurde — ein norwegischer Amerikaner, und fragte, ob er etwas Fleisch bekommen könne. Er erhielt soviel er haben wollte und war sehr froh darüber. Er schnitt sich gleich einige Stücke ab, die er roh verzehrte, aber das Entsetzen und der Unwille, den diese ebenso unschuldige als natürliche Handlungsweise erregte, war geradezu lächerlich. Da viel mehr Fleisch vorhanden war, als die Expedition verwerthen konnte, bot ich den Leuten davon an, aber nicht ein einziger wollte es haben, weil es Pferdefleisch war. Später kam indessen einer von ihnen und fragte, ob er das Fleisch bekommen könne, was übrig bliebe, dann wolle er es einsalzen. Ich freute mich, doch einen vernünftigen Menschen zu finden, und fragte ihn, ob er nicht gleich etwas davon haben wolle, um es frisch zu essen, da sei es ja viel wohlschmeckender. Er erwiderte, das sei ja möglich, aber ich solle nur nicht glauben, daß er die Absicht habe, das Pferdefleisch als Menschennahrung zu verwenden, — nein, er wolle es als Schweinefutter gebrauchen.

Man ist oft wirklich nahe daran zu verzweifeln, wenn man sieht, wie dumm und halsstarrig die Menschen sein können. Hier befinden sich diese Leute an Bord eines Seehundsfängers, essen gesalzenes Fleisch und klagen über Druck vor der Brust, wie sie es nennen, d. h. sie haben Verdauungsbeschwerden infolge einer schlechten Ernährung, und lassen dabei täglich Unmassen von frischem Seehundsfleisch auf dem Eise liegen, das an der Küste von Grönland eine ganze Gemeinde beglücken würde. Es ist aber eine Unmöglichkeit, die Leute dazu zu bewegen, es zu essen, sie sterben lieber Hungers, als daß sie solche „unreinlichen“ Speisen essen. Ich vergesse ihr Entsetzen nicht, als ich einmal das Blut eines eben geschossenen Seehundes auffing und den Steward Schwarzsauer daraus machen ließ. Es hielt schwer, Jemanden zum probiren zu bewegen. Diejenigen, welche es schließlich thaten, mußten einräumen, daß es ganz vorzüglich schmeckte, und doch konnten sie nichts davon herunterbringen, weil sie wußten, daß es aus Seehundsblut bereitet war. Dafür aßen mehrere von den Mitgliedern der Expedition desto mehr davon, ja, es geschah einmal, daß Einer von uns, nachdem er sein gewöhnliches Abendbrot verzehrt hatte, wovon er eigentlich satt werden sollte, noch 18 — sage achtzehn! — Blutpfannkuchen aß. Da konnte freilich von keinem Vorurtheil die Rede sein!

In gewisser Hinsicht hatte ich an Bord mehr zu thun als mir eigentlich lieb war, — nämlich als Arzt. Der Grund hierzu war der unselige Umstand, daß sie mich „Doktor“ nannten, denn Doktor und Arzt ist ja für gewöhnliche Menschen dasselbe. Und natürlich waren sie jetzt, wo sie so leicht eines Doktors habhaft werden konnten, sämtlich krank. Ich behandelte nicht allein die 64 Mann des „Jason“, sondern auch von den anderen Fahrzeugen ringsumher kamen sie zu uns an Bord, um den Doktor zu konsultiren, der einen solchen Ruf hatte. Der Versuch, diesen Leuten klar zu machen, daß ein Doktor und ein Arzt nicht immer dasselbe ist, würde völlig zwecklos gewesen sein. Doktor war ich, und Doktor mußte ich sein, und wenn ich kein Doktor für sie sein wollte, so war es nur böser Wille. Hier war nichts zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und außerdem ist ja zu allen Zeiten soviel Humbug in der Heilwissenschaft betrieben, daß es ihrem Ansehen wohl kaum sonderlich schaden konnte, wenn ich ihr ein wenig ins Handwerk pfuschte, und außerdem heißt es ja so oft und sicher mit Recht, daß der wichtigste Einfluß, den ein Arzt auf seine Patienten besitzt, durch das Vertrauen bedingt ist, das seine Persönlichkeit erweckt, — und daran schien es in diesem Falle nicht zu fehlen. Es handelte sich nur darum, dies Vertrauen zu benutzen, eine ernste, wichtige Miene aufzusetzen und unverzagt ans Werk zu gehen.

Das Gewöhnlichste war, daß sie über Schmerzen „vor der Brust“ klagten und sich dabei den Magen hielten. Ob sie nicht auch eine Schwere im Kopfe fühlten? Ach ja, ganz frei davon wären sie nicht. Ob sie nicht eine schlechte Verdauung hätten und an Verstopfung litten? Ja, das käme wohl vor. Nun gut, das Unwohlsein wäre eine Folge der Lebensweise an Bord, sie führten ein viel zu faules Leben und äßen zu viel. Sie sollten dies unterlassen, sollten weniger essen und am besten frisches Fleisch, z. B. Seehundsfleisch, sie sollten sich mehr in der frischen Luft oben auf dem Deck bewegen, sich ein wenig mehr Bewegung verschaffen. Wenn das alles nicht helfen wollte, müßten sie wiederkommen, dann wollte ich ihnen eine Dosis englisches Salz oder Ricinusöl geben. Ich hörte nie wieder von ihnen.

Andere kamen und klagten, daß sie so entsetzliche Kopfschmerzen hätten, und daß sie zuweilen tiefe Schwermuth beschleiche. Dann fragte ich sie, wie es mit ihrem Magen stände, ob sie nicht an Verstopfung litten. Ja, mit der Verdauung wäre es nur schlecht bestellt. — Das sei ja ganz natürlich, bei dem faulen Leben und dem vielen Essen; mehr Arbeit und weniger Essen würde eine gute Wirkung haben, und im übrigen lautete das Rezept genau so wie oben. Zuweilen verordnete ich auch Magenmassage, — und sehe die Burschen noch vor mir, wie sie in ihren Kojen lagen und sich ihren Magen bearbeiteten.

Eines Tages kam ein Matrose von einem der anderen Fahrzeuge mit großer Beschwerde an Bord. Eine hektische Röthe, wie sie Schwindsüchtigen eigen ist, färbte seine Wangen. Er klagte über Lungenleiden. Es unterlag keinem Zweifel, er war schwindsüchtig. Ich konnte nichts machen, der Fall war hoffnungslos. Das einzige, was er thun konnte, war, so fett wie möglich zu leben. Er solle Speck essen und Thran trinken, das war der ganze Trost, den ich ihm geben konnte. Er hatte auch in der letzten Zeit Thran getrunken, aber das war Bottlenose-Thran, und der bekam ihm nicht. Der arme Kerl! Dieser Bottlenose-Thran hat einen starken Einfluß auf den Magen, indem er Diarrhoe verursacht, und damit hatte sich der Aermste in der letzten Zeit abgeplagt! Das verringerte das Uebel natürlich nicht.

Ein wenig Nutzen konnte ich doch schaffen, nämlich bei Behandlung von Wunden. Diese wurden im allgemeinen ganz unverantwortlich behandelt und verursachten oft schlimme Geschwülste. Erst wenn es ganz schlimm damit aussah, kamen sie, um sich Rath zu holen. Dann erhielten sie vor allen Dingen eine tüchtige Moralpredigt für ihre Unreinlichkeit, darauf wurde die Wunde von wochenaltem Schmutz gereinigt und mit antiseptischen Mitteln behandelt. In der Regel erholten sie sich dann bald. Einen ziemlich ernsten Fall hatten wir indes an Bord.

Eines Tages kam ein Mann von unserer Schiffsbesatzung und klagte, daß er sich durch und durch elend fühle. Er habe Schmerzen in allen Gliedern und Gelenken. Ich fragte ihn, wo er die meisten Schmerzen fühle, und er antwortete: im Rücken. Aergerlich über alle diese Menschen, die bald hier, bald da Schmerzen hatten, antwortete ich ihm, es würde wohl Rheumatismus sein, und dagegen sei nicht viel zu machen. Er solle sich warm anziehen und sich dem Wind nicht mehr aussetzen, als es geradezu nöthig sei. Ein paar Tage später aber kam der Mann wieder und sagte, nun müsse ich wirklich etwas für ihn thun, er könne es nicht mehr aushalten vor Schmerzen. Es habe sich auf den rechten Arm geschlagen, und der sei ganz geschwollen. Ich faßte sofort Verdacht und fragte ihn, ob er nicht eine Wunde an der rechten Hand gehabt hätte; er verneinte das jedoch. Das kam mir merkwürdig vor, da ich an dem einen Finger einen Lappen erblickte; ich fragte ihn also, was das zu bedeuten habe. Ach, das sei nichts — erwiderte er —, er habe sich vor einigen Tagen etwas Haut von dem einen Knöchel abgeschürft. Ich fragte, ob er ihm nicht ein wenig geschmerzt hätte? Ja, das könne wohl sein, meinte er. Ich erklärte ihm darauf, daß diese kleine Wunde die Veranlassung zu dem schlimmen Arm sei, und daß er selber die Schuld trage. Er sollte jetzt den Finger ordentlich waschen und den Arm entblößen, dann wollte ich kommen und ihn mir ansehen. Es stellte sich denn auch wirklich heraus, daß es eine stark entwickelte Blutvergiftung war. Der Arm war über dem Ellenbogen nicht unbedeutend geschwollen. Vorläufig konnte ich jedoch nichts thun, als den Arm in eine Binde legen und ihm strengste Ruhe einschärfen. Aber es verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Der Arm schwoll auf und die Schmerzen nahmen zu; er mußte in seiner Koje bleiben. Zur Linderung der Schmerzen bekam er nasse Umschläge um den Arm. Er hatte heftiges Fieber und konnte wenig oder nichts genießen. Zuletzt hatte der Arm den Umfang eines gewöhnlichen Mannesschenkels. Nun war es an der Zeit, einen Schnitt zu machen; aber ich kann nicht leugnen, daß ich mich nur sehr ungern dazu entschloß. Alle meinten, er müsse sterben, und ich könne ihn mit der Operation verschonen. Ich war mehrmals täglich bei ihm. Nie werde ich diese Scene vergessen, — eine Mannschaftskajüte, in welcher sich ungefähr 60 Mann befinden, die alle durcheinander schreien und lärmen und allerlei Späße treiben, — nein, das ist keine gute Krankenstube. Hier lag der Kranke in einer engen, eingeschlossenen Koje, stöhnend und sich in seinen Schmerzen windend, so daß der ganze Raum von seinem Jammergeschrei wiederhallte. Dunkel und niedrig war es hier, ringsumher standen Schiffskisten, überall lag oder hing das Arbeitszeug der Leute, der Fußboden war glatt und schmutzig, und die Luft schlecht und beklommen. Von Zeit zu Zeit prallte das Schiff gegen das Eis an und erbebte in seinen Fugen. Der Kranke wurde von der einen Seite der Koje auf die andere geworfen, es durchzuckte ihn jedesmal schmerzhaft, und sein Schrei klang noch herzzerreißender als sonst.

In einer solchen Umgebung mußte ich die Operation vornehmen, — sie konnte nicht länger hinausgeschoben werden. Ein Federmesser, das auf einem rauhen, groben Schleifstein gewetzt wurde, war das einzige passende Instrument, was aufzutreiben war. Bei dem flackernden Schein einer kleinen elenden Laterne sollte die Operation vor sich gehen, aber es war eine ganz schwierige Sache, Jemanden zu finden, der mir die Laterne halten wollte; — Niemand wollte zusehen. Endlich waren jedoch alle Vorbereitungen getroffen. Der Stahl drang ins Fleisch und wurde vorwärts bewegt, um einen langen Schnitt zu bilden. Der Kranke schrie außer sich vor Schmerzen, ob ich ihn denn tödten wolle! — Dann kamen ein paar Tropfen Blut und nun floß der weiße Eiter in dicken Strömen aus der Wunde. Es war für Den, der zusah, gleichsam eine Erleichterung. Der Kranke aber lag stöhnend, halb betäubt da, nach wenigen Minuten begann er zu phantasiren. Er hatte das Bewußtsein verloren.

Während mehrerer Tage phantasirte er zeitweilig. Die Leute fürchteten sich fast, bei ihm in der Kajüte zu sein, sie glaubten, er läge im Sterben. Gleichzeitig war ein Anderer von der Schiffsbesatzung wahnsinnig geworden, — vor ihm fürchteten sie sich noch mehr. Viel kann man wohl im Grunde nicht dazu sagen. In einer engen Kajüte einen Kameraden zu haben, der wahnsinnig ist und einen zweiten, der in Fieberphantasien rast, das ist nicht gerade gemüthlich.

Noch einmal mußte ich meinen Patienten schneiden. Der Eiter, der ihm abging, hätte nach Litern bemessen werden können. Es zog sich mit ihm in die Länge, denn er war sehr entkräftet, als ich aber das Schiff im Juli an der Ostküste von Grönland verließ, hatte ich doch die Freude, ihn wieder außerhalb seiner Koje zu sehen. Seinen dankbaren Blick, als wir uns trennten, werde ich niemals vergessen.

Eine Wiedergabe meiner Tagebuchnotizen aus jener Zeit würde höchstens für die Eismeerfahrer von Interesse sein, denn sie drehen sich im wesentlichen nur darum, wie wir am Eise entlang und dann wieder aus demselben herausfuhren, wie das Eis bald dünn, bald dick war, wie wir bald mehr, bald weniger Seehunde auf dem Eise sahen und zuweilen sogar große Scharen weiter hinein in dem dichten Eis erblickten, — wie wir uns mit den anderen Fahrzeugen um die Wette durch das Eis arbeiteten, auf ganze Scharen von Seehunden zusteuernd, die jedoch im Wasser verschwanden, sobald wir in ihre Nähe kamen, etc. etc.

Am 28. Juni waren wir weit in das Eis hineingelangt und befanden uns ungefähr auf dem 66° 24′ N. B. und dem 29° 45′ W. L. Hier erblickten wir in nördlicher Richtung Land (N.-O. ¼ O nach dem Abweichungskompaß); besonders deutlich traten zwei Felsspitzen hervor. Ihre wirkliche Form konnte man indessen nicht sehen, da sie bei der diesen Eisfeldern eigenen Täuschung, welche durch die Strahlenbrechung in den verschiedenen warmen und kalten Luftschichten über dem Eise hervorgerufen wird, stark verändert waren und den quer abgeschnittenen Zacken einer mit Schießlöchern versehenen Mauerkante glichen. Es müssen die Felsspitzen an der Blosseville-Küste sein, aber sie lagen westlicher als die auf der Karte angegebenen Berge.

Ich sprach später mit Kapitän Iversen auf dem „Staerkodder“, der weiter nördlich in das Eis vorgedrungen war als wir. Er konnte dort ganz deutlich Land erkennen. Es sei ein äußerst gebirgiges Land, — sagte er — nicht flach wie weiter nach Süden zu an der Küste, wo er im Jahre 1884 gewesen war (das war wahrscheinlich etwas nördlich vom 67° N. B.). Diese Angaben stimmen auch mit den Berichten überein, die Kapitän Holm in Angmagsalik von den Eskimos erhielt, und wonach er seine Skizze von der nördlichen Ostküste entwarf. Diese Küste gehört, wie wir wissen, zu den unbekanntesten Theilen unseres Erdballes.

Seehunde! Der Kapitän auf dem Ausguck.
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)

Am Abend des 28. Juni erblickten wir sehr viele Seehunde tiefer ins Eis hinein. Wir sahen sie nun täglich während längerer Zeit, ohne zu ihnen hingelangen zu können. Am 3. Juli kamen wir endlich weit ins Eis hinein, wo viele Seehunde waren, das Eis lag aber so dicht zusammengestaut, daß es nicht möglich war, die Böte hindurch zu bekommen, und daher konnte kein Fang vor sich gehen. In der Nacht, wenn die Sonne den Horizont erreicht, hat man einen weiten und scharfen Blick über die Schneeflächen hier oben. Ich stieg in die Ausgucktonne, um die Seehunde zu sehen. Ich hielt das Fernrohr vors Auge und richtete es auf das Eis, und nun erblickte ich, wie bereits früher erwähnt, solche Unmassen von Seehunden, wie ich nie früher auf einem Fleck versammelt sah. Sie lagen — wie der Steuermann sich ausdrückte — so dicht wie Kaffeebohnen über das Eis gestreut. Wohin der Blick auch schweifen mochte, überall hier auf dem Eise, von Nordosten bis Nordwesten, lagen die Seehunde dicht wie Sand bis an den Horizont hin und wahrscheinlich noch länger. Je weiter der Blick reichte, desto dichter schien die Schar zu werden.

Am nächsten Tag hatten wir Nebel und noch dichteres Eis. Auch die See war bewegt. Am Nachmittage verließen wir das Eis wieder.

Am 11. Juli machte sich eine starke Bewegung im Eise bemerkbar. Wir waren in heftige Strömungen gerathen. Einige von uns, darunter ich, saßen in der Messe, als der „Jason“ plötzlich von einer Eisscholle einen solchen Stoß gegen den Bug bekommt, daß er sich hinten über bäumt. Wir springen auf und erblicken nun quer vor dem Schiffe eine zweite große Eisscholle, die mit sausender Fahrt gerade auf „Jasons“ Hintertheil lossteuert. Und wirklich, sie prallt dagegen, das ganze Schiff erbebt und neigt sich auf die Seite, ein Krach ertönt, das Steuer war gebrochen, aber glücklicherweise geschah nichts Schlimmeres. Hätten wir die Eisscholle gegen die Seite bekommen, so hätte es schlimm um uns gestanden, denn die Seiten sind der schwache Punkt der Seehundsfänger.

Der nächste Tag verging damit, das Reservesteuer, das man immer mitführt, einzusetzen. Damit war der Schaden kurirt.

Wir waren inzwischen so weit in den Sommer hineingekommen, daß nur wenig Aussicht vorhanden war, mehr Seehunde zu fangen. Am 13. Juli wurde deshalb zur allgemeinen Befriedigung der Entschluß gefaßt, aus dem Eise herauszugehen und den Kurs westwärts auf Grönland zu zu nehmen.

Schlächterei an Bord. (Speck und Fleisch werden von den Fellen gelöst.)
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

An jenem und dem darauf folgenden Tage wurden jedoch noch einige Seehunde gefangen, denen wir draußen am Rande des Eises begegneten. Alles in allem fingen wir ungefähr 100 Stück.

In der Nacht zwischen dem 14. und 15. Juli hatte der Steuermann Land gesehen, ebenso am Morgen, und zwar meinte er, es sei gar nicht so weit entfernt. Am Vormittag war es jedoch nebelig, und wir können nicht beurtheilen, wie nahe wir sind.

Unsere Bagage wird auf Deck getragen und alles zur Abreise bereit gehalten. Korrespondenzen, Briefe etc. werden geschrieben.

Als ich gegen Mittag unten sitze und Briefe nach Europa schreibe, ertönt oben auf Deck das Zauberwort „Land!“ Ich springe auf. Welch ein Anblick! Vor mir unter der Nebelwölbung lag das sonnenbeschienene Grönland. Es war wiederum das Land bei Ingolfsberg.

Wir mochten ungefähr 8 Meilen vom Lande entfernt sein. Da wir vor uns Eis erblickten, nahmen wir einen südlicheren Kurs, indem wir uns der Küste mehr und mehr näherten.

Auf dem Wege nach Süden zu kamen wir an mehreren mächtigen Eisbergen vorüber. Auf einigen derselben erblickten wir einzelne Blöcke. Wenn man dieser Kolosse von weitem ansichtig wird, so sehen sie aus wie ganze Strecken Landes und es kam mehrmals vor, daß wir sie für Inseln hielten, die vor uns lägen. Weiter südlich von Kap Dan standen besonders viele dieser Eisriesen auf Grund.

Von dem Ans-Land-gehen wurde jedoch weder an diesem noch an den folgenden Tagen etwas; der Eisgürtel war zwischen 4 und 5 Meilen breit — da war es besser, die Verhältnisse weiter südwärts zu untersuchen.

Am 16. passirten wir Kap Dan, das mit seiner runden Kuppelform leicht zu erkennen war. Das Eis lag noch in ziemlicher Entfernung vom Lande ab, der Eisgürtel war noch ungefähr 4 Meilen breit. Weiter nach Westen zu hatte es jedoch, nach der blauen Luft über dem Eise zu urtheilen, den Anschein, als wenn eine Bucht tief in das Land hineinschneide. Wir setzten unsere Hoffnung darauf, steuerten in der Richtung und kamen im Laufe der Nacht auch wirklich in diese Bucht hinein.

Als ich am Morgen des 17. an Deck kam, sah ich ganz deutlich, daß die Landung an diesem Tage versucht werden müsse. Eine Tour in die Tonne hinauf konnte mich hierin nur bestärken. Die den Sermilikfjord umgebenden Felsen lagen verlockend vor mir. Weiter westwärts konnte man das Inlandseis, — das Ziel unserer Sehnsucht — erblicken, gleich einer unermeßlichen weißen Fläche wölbte es sich dort drüben.

Es konnte nicht viel über 2½ Meilen bis zum Lande sein. Die erste Strecke des Eises erschien einigermaßen passirbar, tiefer hinein war es anscheinend freilich dichter zusammengestaut, aber ich konnte doch hie und da einige kleinere offene Stellen erblicken, und außerdem schien mir das Eis nicht von der schlimmsten Art zu sein. Es waren viele kleine Schollen darunter, die freilich das Fortkommen erschweren, wenn man die Boote über das Eis ziehen soll; will man aber mit den Booten auf dem Wasserwege vordringen, so ist es weit besser, mit den kleinen Schollen zu thun zu haben als mit den großen, die sich nur schwer vom Fleck bewegen lassen. Von der Tonne aus konnte ich eine Luftspiegelung von offenem Wasser auf der Innenseite des Eises, zwischen diesem und dem Lande erblicken. Deswegen würde man wahrscheinlich, wenn man durch das Herz des Eisgürtels hindurchgedrungen war, abermals nach dem offenen Wasser auf der Innenseite zu weicheres Eis finden.

Für ein Fahrzeug wie der „Jason“ würde es zweifelsohne ein Leichtes gewesen sein, sich durch diese Kleinigkeit von Eis eine Bahn zu brechen; wie oft waren wir nicht schon durch weit stärkeres Eis vorgedrungen, — aber damals handelte es sich um Seehunde, um das eigene Interesse des Schiffes, hier stellte sich das Verhältniß anders. Hätte das Schiff mir gehört, würde ich mich keinen Augenblick besonnen haben, es durch das Eis zu führen, aber nun waren wir Gäste an Bord und das Schiff war nicht auf ein Anlaufen von Grönland versichert. Die Strömungs- und Tiefenverhältnisse in diesem Fahrwasser waren noch unbekannt. Verlor das Schiff seine Schraube im Eise, so war es aller Wahrscheinlichkeit nach rettungslos verloren, da dieselbe durch keine neue ersetzt werden konnte, und das Schlimmste war, daß wenn das Schiff hier verlassen werden sollte, es schwierig für die 64 Mann, aus denen die Besatzung bestand, sein würde, sich mit dem wenigen Proviant, den wir an Bord hatten zu behelfen, bis sie an bewohnte Stätten kamen. Da ich nun außerdem der Ansicht war, daß wir uns mit Leichtigkeit selber durchhelfen würden, so fiel es mir keinen Augenblick ein, den Kapitän zu ersuchen, uns weiter als bis an den Rand des Eises zu führen, so gab ich denn den Befehl, unsere Habseligkeiten in die Böte zu schaffen und diese klar zu machen.

Wie bereits erwähnt, hatte die Expedition ein eigens zu diesem Zweck in Kristiania angefertigtes Boot mitgebracht, da dies aber allein durch die recht umfangreiche Ausrüstung der Expedition so ziemlich belastet werden würde, nahm ich mit Dank das freundliche Anerbieten des Kapitäns an, uns eins von Jasons kleinsten Fangböten zu überlassen. Die beiden Böte wurden heruntergelassen und neben das Schiff gelegt, und nun entstand ein reges Leben und Treiben an Bord; wir öffneten unsere sämtlichen Kisten und packten den Inhalt in die Böte. Es ist schwer zu sagen, wer bei der Hülfeleistung am eifrigsten war, — die Mitglieder der Expedition oder die Schiffsmannschaft.

Wir legten die letzte Hand an unsere Korrespondenzen, an die Briefe in die Heimath etc. etc. Und wer einen Freund oder eine Freundin hatte, denen er ein letztes Lebewohl zu sagen wünschte, der that das jetzt, — man konnte ja nicht wissen, was die Zukunft uns bringen würde. Die Stimmung unter den Mitgliedern der Expedition schien indessen eine sehr heitere zu sein; man hatte von dieser kleinen Schar keineswegs den Eindruck, als bereite sie sich zu einem ernsten Strauß vor. Nach sechswöchentlichem Warten und Sehnen sollte nun endlich die Erlösungsstunde schlagen. Wir hatten ein erhebendes Gefühl, als begeben wir uns zu einem Tanz, wo wir die Geliebte treffen sollten. Nun ja, es wurde ja auch ein Tanz, wenngleich nicht auf so vielen Rosen, wie wir erwartet hatten, und die Auserwählte ließ gar lange auf sich warten.

An das norwegische „Morgenblatt“ schrieb ich vor unserer Abfahrt in aller Eile folgenden Brief:

An Bord des „Jason“, den 17. Juli 1888.

Am 15. wurde nichts aus der Landung, ebensowenig gestern. Zwischen uns und dem Lande lag ein 4-5 Meilen breiter Eisgürtel. Derselbe bestand zwar theilweise aus offenem Eise, durch das wir hindurchrudern konnten, aber wir wünschten weiter nach Westen zu am Kap Dan vorbei in der Gegend von Inigsalik westlich vom Sermilikfjord zu landen, wo die Küste weniger zerklüftet ist als im Osten. Das Land nördlich vom Kap Dan ist nämlich die wildeste, zerrissenste Felsgegend, die ich jemals gesehen habe, — die wildesten norwegischen Felspartien, ja selbst die Alpen können sich, was phantastische, himmelanstrebende Formen betrifft, nicht damit messen. Die Höhen sind freilich nicht so beträchtlich, — eine der höchsten Spitzen, der Ingolfsberg, mißt nur ungefähr 1885 m. Es ist ein scharfer, sehr hervortretender Felsen, den wir während unserer ganzen Fahrt an der Küste entlang bis gestern Abend nicht außer Sicht verloren. Es schien mir jedoch, als könne man weiter nach Norden zu und wahrscheinlich tiefer ins Land hinein, Berge sehen, die beträchtlich höher waren.

Das Land nördlich vom Kap Dan ist jedoch noch nicht untersucht und noch von keines Europäers Fuß betreten worden. Gestern passirten wir Kap Dan und in diesem Augenblick befinden wir uns nur noch 2 Meilen vom Lande entfernt, gerade vor dem Sermilikfjord, bereit, sobald alles in Ordnung ist, den „Jason“ zu verlassen, um, so viel wir sehen können, durch Schlampeis und offenes Eis an Land zu kommen. Links von uns liegt das Inigsalikland, und wir können hier hinter den Bergen zum erstenmal den Rand des Inlandseises sehen, dieser mystischen Eiswüste, die nun für die nächste Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach für mehr als einen Monat unser Tummelplatz sein soll.

Das Inigsalikland scheint ein verhältnißmäßig ebenes Land zu sein, das zur Erklimmung des Eises geeignet sein wird. Kapitän Holm, der Führer der dänischen „Frauenbootsexpedition“, empfahl mir dies Land, und von hier aus macht es den Eindruck, als wenn meine Erwartungen nicht getäuscht werden sollten.

Aber unsere beiden Böte liegen schon zur Abreise bereit.

Da das Eis hier so dünn ist, habe ich außer dem Boot, das wir für die Expedition mitnahmen, eins von „Jasons“ Fangböten erhalten. Es ist nämlich weit bequemer, zwei Böte zu haben und außerdem ist es auch sicherer für den Fall, daß das eine von dem Eise zerschlagen werden sollte.

Und so bricht denn der Augenblick an, an dem wir „Jasons“ tapferem, braven Führer, Kapitän Jakobsen, und der ganzen braven Besatzung Lebewohl sagen sollen. Wir nehmen manch eine liebe Erinnerung an gute Freunde und angenehme Stunden mit uns. Wir besteigen unsere Böte mit der festen Zuversicht auf einen glücklichen Ausfall der bevorstehenden Reise. Ein griechischer Weiser hat irgendwo einmal gesagt, die Hoffnung sei der Traum der Wachenden! wohl an, Träume gehen auch zuweilen in Erfüllung und ich glaube, das wird mit diesem Traum der Fall sein.

Ich hoffe, Kristianshaab erreichen zu können, bevor das letzte dänische Schiff im September fährt, da würden wir noch im Herbst wieder zu Hause sein; gelingt uns das nicht, dann kommen wir im nächsten Sommer. Auf Wiedersehn!

Ihr
Fridtjof Nansen.

Ungefähr um 7 Uhr des Abends war alles zur Abreise bereit. Der Sermilikfjord lag nun gerade vor uns. Nach Berechnung durch Kreuzpeilung mußten wir uns 2½ geographische Meilen von der Mündung der Bucht befinden. Ich kletterte zum letztenmal in die Tonne, um zu sehen, welchen Kurs wir einzuschlagen hatten. Die Luftspiegelung des offenen Wassers an der Innenseite des Eises war jetzt noch deutlicher sichtbar als zuvor. In etwas westlicher Richtung von King Oskars Hafen schien das Eis am dünnsten zu sein, weshalb ich mich für den Kurs entschied.

Siegesgewisser denn je zuvor stieg ich wieder auf Deck hinab, und nun schlug die Abschiedsstunde. „Jasons“ ganze Mannschaft war auf Deck versammelt. Trotz der Freude über die Aussicht auf einen glücklichen Anfang unserer Fahrt bemächtigte sich unser aller doch ein wehmüthiges Gefühl, als wir Abschied von diesen derben Seeleuten nahmen, unter denen wir wohl Alle treue Freunde gewonnen hatten; jetzt setzten sie freilich eine etwas bedenkliche Miene auf oder wandten sich mit einem bezeichnenden Kopfschütteln ab. Man konnte sich wohl des Gedankens nicht erwehren, daß man sich zum letztenmale sah. Zu allerletzt drückten wir Kapitän Jakobsen die Hand zum Abschied, und nie werde ich die ruhige, einfache Art und Weise vergessen, mit der dieser Urtypus eines norwegischen Seemannes uns sein wohlgemeintes Lebewohl sagte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß es uns gut ergehen möge.

Dann das Fallreb hinab und in die Böte. Während ich mich an das Steuer des Bootes setzte, das uns vom „Jason“ überlassen war, und in dem Dietrichson und Balto jeder ein Ruder führten, übernahm Sverdrup den Oberbefehl des zweiten Bootes mit Ravna und Kristiansen als Ruderer.

„Alle Mann an Platz? Stoßt ab!“ und indem die Böte unter den ersten kräftigen Ruderschlägen durch das dunkle Wasser dahinschießen, hallt die Luft wider von den drei kräftigen Hurrahrufen der 64 Mann, während zwei weiße Rauchsäulen aus „Jasons“ beiden Kanonen uns ihren letzten Gruß nachsenden. Dumpf rollt ihr Donner durch die dunkle, regenschwangere Luft und erstirbt. Die letzte Brücke hinter uns ist abgebrochen. — — Lebt wohl! Und unsere Böte gleiten unter den taktfesten Ruderschlägen durch das Eis, um die erste, kalte Umarmung der Natur zu empfangen, die uns nun für eine Zeit lang behausen soll. Wir hatten Alle das beste Zutrauen zu unserem guten Stern, — daß Anstrengungen und Gefahren unser harrten, wußten wir, aber waren überzeugt, daß wir sie zu überwinden im stande sein würden.