Kapitel VIII.
Gegen Land. — Das Treiben im Eise.

Nachdem wir eine Strecke in das Eis eingedrungen waren, kam uns ein Boot mit 12 Mann von dem zweiten Steuermann geleitet nach. Es war von Kapitän Jakobsen ausgesandt worden, um uns wenn möglich das erste Stück durch das Eis hindurchzuhelfen durch Bahnbrechen oder Schleppen der Böte. Sie begleiteten uns eine Weile, als ich aber sah, daß sie uns nur wenig nützen konnten, dankte ich ihnen für ihre gute Absicht und sandte sie wieder zurück.

Wir fanden eine ganze Strecke Schlampeis, wehten dem Boote ein Lebewohl zu und steuerten direkt hinein.

Im Anfang ging es ganz gut mit uns. Das Eis lag so lose, daß wir fast immer zwischen den Schollen hindurchrudern konnten, sonst mußten Brechstangen und Aexte einen Weg bahnen. Nur an wenigen Stellen waren wir gezwungen, die Böte über kleinere Schollen zu ziehen. Schon ehe wir den „Jason“ verließen, hatte es angefangen, ein wenig zu regnen, jetzt nahm der Regen zu, während der Himmel sich verdunkelte und eine gewitterartige Stimmung annahm. Es war ein eigenthümlich wirkungsvoller Anblick, diese Männer in ihren dunkelbraunen Waterproofs, die spitzen Kapuzen gleich den Mönchen über den Kopf gezogen, sich sicher und schweigend in ihren beiden Böten, von denen das eine dem andern im Kielwasser folgte, durch die weißen, ruhigen Eisschollen hindurch arbeiten zu sehen, die einen starken Kontrast zu dem dunklen, gewitterschwangeren Nachthimmel bildeten. Ueber den zerrissenen Felsen am Sermilikfjord lagerten dunkle Wolkenbänke, — von Zeit zu Zeit zerriß dieser Wolkenvorhang und durch die Spalten schaute man in einen Himmel hinein, der in dem anhaltenden Strahlenglanz eines arktischen Sonnenunterganges glühte und einen milden Wiederschein auf die Ränder des dunklen Vorhanges warf. Es währte nicht lange und der Vorhang schloß sich, dunkler als je, während wir uns Schlag auf Schlag unverdrossen weiter arbeiteten und der Regen uns peitschend ins Gesicht schlug. War dies ein Vorzeichen unseres eigenen Schicksals? Nein, gewiß nicht, aber die Menschenseele ist schwach und abergläubisch, sie glaubt so leicht, daß sich die Elemente und das Universum um ihr großes Selbst — den Mittelpunkt des Ganzen — drehen.

Das Eis wurde ein wenig schwieriger, oft mußte man auf einen Eishügel hinauf, um den besten Weg auszukundschaften, und von dem Gipfel eines solchen Eishügels winkte ich dem „Jason“ mit der norwegischen Flagge unser letztes Lebewohl zu, und der „Jason“ antwortete, indem er die seine senkte. Dann ging es wieder vorwärts — ohne Aufenthalt, denn hier ist keine Zeit zu verlieren.

Wir hatten von Anfang an in westlicher Richtung einen großen Eisberg vor uns gehabt. Seit längerer Zeit hatten wir uns ihm jedoch in auffallender Weise genähert, obwohl wir uns nicht in der Richtung vorwärts bewegten. Unser Kurs war bedeutend östlicher. Die Strömung mußte uns westwärts führen. Und so verhielt es sich, — mit unwiderstehlicher Fahrt riß sie uns fort; es ward uns bald klar, daß keine Rede davon sein konnte, diesen Eisberg an der östlichen Seite zu umschiffen. Wir mußten uns in die Leeseite desselben begeben. Hier geriethen wir jedoch plötzlich in einen reißenden Malstrom, der die Eisschollen gegeneinander trieb, so daß sie sich krachend überschlugen und droheten, unsere beiden Böte zu zerschmettern. Sverdrup zog das seine auf eine Scholle hinauf und befand sich in Sicherheit. Wir arbeiteten uns zu einer eisfreien Stelle durch, schwebten aber in Gefahr, jeden Augenblick zwischen den Eisschollen zerschmettert zu werden. Da galt es aufmerksam zu sein, das Boot an allen gefährlichen Punkten klar zu halten, es auf den „Fuß“ oder in die „Bucht“[33] eines Eisberges zu retten, wenn das Eis preßte; aber dies war keine leichte Aufgabe in den unwiderstehlichen Wirbeln. Mit vereinten Kräften gelang es uns indessen. Wir kamen in die große eisfreie Stelle, in den Schutz des Eisberges und waren vorläufig in Sicherheit. Nun handelte es sich um Sverdrup. Ich winkte ihm zu, daß er versuchen sollte uns zu folgen, er that es, und es gelang ihm, indem er sein Boot in ruhigerem Fahrwasser hielt als wir.

Jetzt fanden wir eine eisfreie Stelle nach der anderen. Nur ein paarmal verdichtete sich das Eis wieder, dies war besonders jedesmal der Fall, wenn der Strom uns an einen der zahlreichen Eisberge, die ringsum auf dem Grunde lagen, trieb, das Fahrwasser wurde aber regelmäßig freier, sobald wir an ihnen vorbei passirt waren. Unsere Aussichten waren Licht, unser Sinn war leicht. Der Regen hatte aufgehört und gerade jetzt stieg die Sonne über dem zackigen Hintergrund des Sermilikfjords empor, den noch wolkenbedeckten Himmel in Brand steckend und auf den Gipfeln und Zinnen Feuer entzündend.

Vor uns lagen lange, eisfreie Strecken, ich glaubte schon vom Boote aus das offene Wasser auf der Innenseite des Eises sehen zu können. Wir hatten uns dem Lande auf der Westseite des Fjords sehr genähert, ich konnte deutlich die Steine und die Unebenheiten der Klippen und Felsen sehen. Nichts schien uns jetzt aufhalten und unsere Landung verhindern zu können, wir sprachen schon davon, wo und wann wir den Kaffee an Land kochen wollten.

Da verdichtete sich das Eis wieder, wir sahen uns genöthigt, die Böte auf eine Scholle hinaufzuziehen. Mein Boot war in einer Enge in eine ungünstige Stellung gekommen, und als das Eis sich wieder mehr vertheilte und das Boot ausgesetzt werden sollte, schnitt eine scharfe Eiskante in eine Planke an der einen Seite ein. Das Boot konnte nicht schwimmen, da war nichts zu machen, als es abzuladen und zur Reparatur wieder auf die Eisscholle zu ziehen. Sverdrup mit Kristiansen als Assistent machten sich an die Arbeit und brachten mit den verhältnißmäßig schlechten Hülfsmitteln, die ihnen zur Verfügung standen, alles in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit wahrer Meisterschaft wieder in Ordnung. Als Material benutzte er ein Tannenbrett, das auf dem Boden des Bootes gelegen hatte, einige große Nägel, eine Axt und eine Holzkeule.

Dies schadhafte Boot sollte indessen über unser Schicksal entscheiden. Während der Ausbesserung desselben verdichtete sich das Eis, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und der Regen stürzte in Strömen herab, alles ringsumher verhüllend. Da war denn nichts anderes zu machen, als das Zelt aufzuschlagen und zu warten. Wir schrieben den 18. Juli, und es war 10 Uhr des Vormittags. Das Beste, was wir thun konnten, war, in unsere Schlafsäcke zu kriechen und den Schlaf nachzuholen, der uns nach fünfzehnstündiger, anstrengender Arbeit im Eise nicht unerwünscht war.

Ehe wir uns zur Ruhe begaben, klärte es sich über dem Meere ein wenig auf, und wir gewahrten in weiter Entfernung den „Jason“, der gerade anheizte und eine Stunde später in See ging, wahrscheinlich im guten Glauben, daß wir längst wohl behalten am Lande angelangt seien. „Als Ravna das Schiff zum letztenmale sah,“ schreibt Balto in seiner Reisebeschreibung, „sagte er zu mir: „Ach, wie dumm sind wir gewesen, daß wir das Schiff verließen, um hier zu sterben. Es ist keine Aussicht, daß wir lebendig davonkommen. Das große Meer wird unser Grab werden.“ Ich antwortete ihm, daß es nicht richtig gewesen wäre, wenn wir beiden Lappen zurückgekehrt wären. Wir würden keine Bezahlung erhalten haben, und vielleicht hätte uns der norwegische Konsul auf Kosten der Armenkasse nach Karasjok zurückbefördern müssen. Das wäre doch eine große Schande gewesen.“

Während wir schliefen, mußte stets einer von uns Wache halten, um zu melden, falls sich das Eis öffne, daß wir weiter kommen könnten. Dietrichson erbot sich gleich, die erste Wache zu übernehmen. Aber der Zustand des Eises veränderte sich wenig oder gar nicht. Nur einmal hatte es den Anschein, als würde es ein wenig loser, gleich darauf aber schob es sich wieder mehr zusammen. Es war nicht daran zu denken, die Böte über dies Eis zu ziehen, — es war zu uneben und bestand aus zu kleinen Schollen. Solange der Regen anhielt, mußten wir warten und konnten voraussichtlich länger schlafen, als uns lieb war. Wir waren bereits in die verkehrte Strömung gerathen.

Mit reißender Geschwindigkeit führte uns die Strömung westwärts in den breiteren Eisgürtel auf der Westseite des Sermilikfjordes. Hier nahm sie eine südlichere Richtung und führte uns vom Lande fort und zwar schneller, als wir uns durch das Eis hindurcharbeiten konnten. Wären wir nicht durch das beschädigte Boot aufgehalten, so würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb des Gürtels gelangt sein, wo die Strömung am reißendsten war, und in das ruhigere Wasser unterhalb des Landes.

Die Schnelligkeit der Strömung, in die wir hier gerathen waren, zeigte sich bedeutend größer, als man bis dahin allgemein angenommen hatte. Daß hier starke Strömungen waren, wußte ich allerdings, und ich hatte das auch berechnet, hätte ich aber eine Ahnung von ihrer wirklichen Stärke gehabt, so wäre ich sicher ein wenig anders zu Werke gegangen. Ich hätte mich dann bedeutend östlicher gehalten, gerade vor Kap Dan; wir würden, indem wir uns quer durch die Strömung durchgearbeitet hätten, aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Eisgürtel gelangt sein, ehe wir westlich an der Mündung der Sermilikbucht vorbei und in den breiteren Eisgürtel hineingerathen waren, wo die Strömung eine südliche Richtung nimmt. Wie die Sache jetzt lag, blieb uns nichts übrig als das tröstliche Bewußtsein, wie schön es hätte sein können. Eine Stunde bei günstigem Fahrwasser und wir wären hindurch. Aber die Pforten des Paradieses waren verschlossen und wir wurden gegen südlichere Breitengrade getrieben. —

Inzwischen hatten wir genug zu thun, das Regenwasser, das durch die Schnürlöcher in der unteren Zeltwand hineinsickerte, von dem Boden des Zeltes aufzuschöpfen. Nachdem wir ungefähr 24 Stunden wesentlich hiermit beschäftigt in unserm Zelt verbracht hatten, zertheilte sich das Eis so weit, daß wir mit neuem Muth und erneuten Kräften unsere Landungsversuche abermals beginnen konnten. Dies geschah am Morgen des 19. Juli ungefähr um 6 Uhr. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und durch eine Lichtung in den Regenwolken konnten wir das Land am Sermilikfjord erkennen. Wir waren über doppelt soweit davon entfernt als im Anfang — ungefähr vier Meilen —, schauten aber voller Hoffnung vorwärts, denn wenn wir auch die Küste nicht bei Inigsalik (westlich vom Sermilikfjord) erreichten, so hatten wir doch alle Aussicht, südlich bei Pikiutdlek an Land zu gehen. Es galt jetzt nur, sich unverdrossen quer durch den Strom zu arbeiten, dann mußten wir das Ziel einmal erreichen. An Unverdrossenheit fehlte es uns freilich nicht, und wir arbeiteten mit Lust. Bald kamen wir in den Schutz eines mächtigen Eisberges, fanden lange eisfreie Stellen und gelangten ein gutes Stück vorwärts. Da verdichtete sich plötzlich das Eis wieder, und wir mußten uns abermals auf eine Eisscholle zurückziehen. Von Zeit zu Zeit brach die Sonne durch, wir zogen die Böte ganz auf das Eis herauf, schlugen unser Zelt auf und richteten uns so gemüthlich wie möglich ein, zogen zum Theil trockenes Zeug an und trockneten die durchnäßten Kleidungsstücke. Besonders für mich war dies letztere sehr wünschenswerth, da ich am Tage bei der Arbeit ins Wasser gefallen war. Ich wollte von der vorstehenden Kante einer Eisscholle in unser Boot springen, als das Eis brach. Derartige unfreiwillige Bäder gehörten übrigens zu den fast täglichen Begebenheiten auf unserer Expedition. Im Laufe des Tages brach die Sonne völlig durch, und wir labten uns recht gründlich an ihren milden Strahlen. Den Konserven, die uns Stavangers Hermetische Fabrik geschenkt hatte, ließen wir volle Gerechtigkeit widerfahren, auf den Eisschollen war vollauf des herrlichsten Trinkwassers zu haben und in dem Bierfaß, das zu dem Boot vom „Jason“ gehörte, war noch Bier übrig. In jedem Fangboot eines Seehundsfängers befindet sich nämlich ein Bierfaß und eine Brotkiste, die mit Brot und Speck gefüllt ist. Diese Behältnisse hatte der Kapitän uns wohlgefüllt und in bestem Zustande überlassen, und das kam uns jetzt zu gute.

Wir konnten draußen am Rande des Eises eine ziemlich starke Brandung vernehmen, aber wir legten kein weiteres Gewicht darauf. Dem Anschein nach trieben wir mehr und mehr vom Lande ab, die Berggipfel am Similikfjord wurden kleiner und kleiner.

Am Abend blieb ich noch lange, nachdem die Anderen in ihre Schlafsäcke gekrochen waren, auf, um Skizzen zu entwerfen. Es war ein herrlicher, nordischer Abend mit jenen wunderbar weichen Farbentönen, die sich gleichsam liebkosend an uns schmiegen, mit jener träumerischen, lichten Melancholie, die sich so wohlthuend über unser Gemüth senkt und die den nordischen Nächten so charakterisch ist. Die wilde, zerklüftete Landschaft im Norden am Sermilikfjord hebt ihre kühngeschwungenen Linien scharf gegen den glühenden Abendhimmel ab, während die mächtigen Flächen des Inlandseises den Horizont im fernen Westen begrenzen und sanft in den gelben Hintergrund mit seinen weichen Linien übergehen.

Es war alles so nahe, — ärgerlich, daß nur ein Stückchen Treibeis uns so hartnäckig von dem Ziel unserer Sehnsucht zu trennen vermochte!

Während ich so dasaß und zeichnete, vernahm ich plötzlich ein heftiges Dröhnen im Eise. Es ist der wachsende Seegang, der sich Bahn bricht. Ich schaue auf das Meer, der Himmel war da ein wenig dunkel. Mit dem Gedanken, daß da draußen wohl ein Unwetter heraufzieht, daß uns dies ja aber im Grunde nichts angeht, krieche ich endlich in den Schlafsack zu meinem schlummernden Kameraden.

Am nächsten Morgen (den 20. Juli) erwachte ich infolge einiger heftiger Stöße, welche unsere Eisscholle erhielt. Der Seegang mußte bedeutend zugenommen haben. Wir krochen aus unseren Säcken und sahen, daß unsere Eisscholle, in geringer Entfernung vom Zelte quer geborsten war, die Lappen, welche sofort auf den höchsten Punkt der Scholle geklettert waren, um sich umzusehen, riefen, daß sie das Meer erblicken können. Und so verhielt es sich auch wirklich. Glänzend im Schein der Morgensonne breitete sich das Meer in der Ferne aus; wir hatten es nicht gesehen, seit wir den „Jason“ verließen.

In meinen Tagebuchaufzeichnungen von diesem Tage und von den folgenden Tagen heißt es weiter:

„Der Seegang wächst, er bricht sich immer gewaltiger an unserer Scholle; Eisstücke und zu Schnee zerriebenes Eis thürmen sich am Rande der Scholle auf und bilden einen Wall, der dem ersten Anprall der Wellen Widerstand leistet. Das Schlimmste ist jedoch, daß wir uns dem Meere mit unheilverkündender Schnelligkeit nähern. Wir beladen unsere Schlitten und versuchen sie über das Eis zu ziehen, entdecken aber gar bald, daß die Schnelligkeit, mit der wir hinausgetrieben werden, uns zu stark ist. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als uns nach einer sichereren Eisscholle umzusehen, auf der wir unser Domizil aufschlagen können, denn diejenige, auf der wir uns jetzt befinden, erscheint uns ein wenig gebrechlich. Im Anfang war es eine runde Eisscholle von ungefähr 30 m Durchmesser, aber in der Nacht barst sie einmal und nun berstet sie abermals in anderer Richtung, so daß sie schließlich klein wird. Dicht neben uns befindet sich eine große, dicke Eisscholle, die noch unberührt ist, — auf diese ziehen wir hinüber.

„Inzwischen nähern wir uns der Brandung mehr und mehr, der Lärm wächst, die Wellen prallen gegen unsere Scholle an und treiben an allen Ecken und Kanten darüber hin. Die Situation fängt an, kritisch zu werden.

„Die armen Lappen sind nicht in der besten Laune. Am Vormittage waren sie gänzlich verschwunden, ich konnte nicht begreifen, wo sie geblieben waren, da es auf dieser kleinen Eisscholle gerade nicht allzuviele Stellen gab, an denen man sich voreinander verstecken konnte. Da fiel es mir auf, daß einige Persennings sorgfältig über das eine Boot gebreitet waren. Ich hob sie leise in die Höhe und sah die beiden Lappen auf dem Boden des Bootes liegen. Der Jüngere, Balto, las dem Aelteren auf Lappländisch aus dem neuen Testament vor. Ohne daß sie es bemerkten, deckte ich die kleine Kirche, die sie sich so eingerichtet hatten, leise wieder zu. Sie hatten das Leben aufgegeben und bereiteten sich zum Tode vor.“ — Wie mir Balto lange nachher einmal gestand, hatten sie einander dort unten im Boote ihre Herzen ausgeschüttet und ihre blutigen Thränen vergossen, sich selbst und Andere mit bitteren Vorwürfen überhäufend, daß sie je ihre Heimath verlassen hatten. Man kann sich nicht verwundern, daß sie ängstlich waren; es war ihnen ja alles so fremd. —

„Es ist das herrlichste Wetter mit sengendem Sonnenschein, so daß wir die Schneebrillen herausholen müssen. Wir benutzen die Sonne, um eine Ortsobservation vorzunehmen und durch Kreuzpeilung (des Landes) bestimmen wir, daß wir uns auf dem 65° 8′ N. B. u. dem 38° 20′ W. L. befinden, also 30 Minuten (7½ Meilen) von der Mündung des Sermilikfjordes und 23 bis 25 Minuten (ungefähr 6 Meilen) von dem nächstgelegenen Lande.

„Das Mittagsessen wird wie gewöhnlich zubereitet, nur, daß wir in Rücksicht auf die Verhältnisse Erbsensuppe kochen, — die Verschwendung hatten wir uns nämlich bis dahin nicht erlaubt, etwas zu kochen. Während wir hiermit beschäftigt waren, wird die Bewegung indessen stärker und stärker, so daß unser Kochapparat mehrmals fast umgeworfen wird.

„In tiefem Schweigen nehmen die Lappen das Mittagsessen ein, die anderen schwatzen und scherzen wie gewöhnlich und die heftigen Stöße der Wellen geben Veranlassung zu Witzen, die bei den Lappen freilich nicht auf dankbaren Boden fallen, sie sind scheinbar der Ansicht, daß Zeit und Ort nicht recht passend zum Scherzen seien.

„Von der höchsten Spitze unserer Eisscholle kann man ganz deutlich sehen, wie das Meer über die anderen Eisschollen dort draußen hinspült, während der aufspritzende Schaum gleich weißen Wolken hoch in die blaue Luft geschleudert wird, — dort kann sich wohl schwerlich ein lebendes Wesen auf dem Eise halten. Und es scheint unvermeidlich, daß auch wir da hinausgetrieben werden! Aber unsere Scholle ist dick, wir hoffen, daß sie eine Weile aushalten wird, und wir beabsichtigen nicht, sie zu verlassen, ehe wir dazu gezwungen sind; tritt aber der Fall ein, daß wir uns nicht mehr halten können, so müssen wir als letzten Ausweg versuchen, unsere Böte durch die Brandung zu bringen. Das wird ein feuchtes Vergnügen, aber unser Entschluß, den Kampf auf Tod und Leben zu kämpfen, steht unerschütterlich fest.

„Eins der beiden belasteten Böte bei der heftigen Sturzsee und den rollenden Eisschollen ins Wasser zu setzen, ohne daß es ganz gefüllt oder ganz zerschmettert wird, das ließe sich allenfalls bewerkstelligen, da wir ja die Besatzung der beiden Böte (alle 6 Mann) dazu verwenden können, — schwieriger dagegen wird es für die zurückbleibende Besatzung, das zweite Boot ins Wasser zu setzen. Wir überlegen, wie sich das am besten einrichten läßt, kommen aber zu dem Resultat, daß wir das Allernothwendigste in das eine Boot nehmen müssen, damit dies so leicht wie möglich wird, und daß wir dann im Nothfall nur an dies denken wollen, — im übrigen können wir nichts thun, als abwarten, wie sich die Verhältnisse gestalten, wenn wir in die Brandung hineingerathen.

„Wir haben jetzt kaum mehr als 300 m vor uns. Niemand von uns zweifelt daran, daß wir uns vor Ablauf von wenigen Stunden entweder in südlicher Richtung an dem Eise entlang auf dem Meere schaukeln oder im Begriff sind auf den Grund des Meeres zu versinken.

„Der arme Ravna verdient jedenfalls das größte Mitleid — er ist noch nicht an das Meer und an dessen Launen gewöhnt. Er geht schweigend umher, steht von Zeit zu Zeit oben auf den höchsten Spitzen der Eisscholle, starrt bekümmert in die Brandung hinaus, während die Gedanken sicher hinüberschweifen zu der Rennthierheerde und zu dem Zelt mit Frau und Kindern auf der finnmarkischen Hochebene, wo jetzt alles Sonne und Sommer ist.

Ach ja, Ravna, —

„Leb’ wohl ist stets ein bitt’res Wort, —
Die Heimath ist der schönste Ort.“

— — — — — — — — — — — — —

Es ist menschlich, in solchen Stunden die Erinnerung zu dem zurückschweifen zu lassen, was uns als das Schönste im Leben erschienen ist, und auf schönere Erinnerungen als auf die sonnigen Tage oben auf den Bergen kann wohl kaum Jemand zurückblicken.

„Aber auch hier scheint die Sonne und zwar ebenso milde und friedlich wie nur irgendwo, hier auf dem rollenden Meer und der tosenden Brandung, die uns umbraust. Die Abendsonne ist herrlich, — ebenso roth wie gestern geht die Sonne unter, den westlichen Himmel in Feuer tauchend und Land, Eis und Meer einen langen, glühenden Abschiedskuß zusendend, ehe sie hinter dem Rande des Inlandseises verschwindet, — kein Lüftchen regt sich, die Meeresfläche rollt uns gelb und blank wie ein Schild unter dem Abendhimmel entgegen. Unwillkürlich fallen mir die ersten Zeilen des alten bekannten Liedes ein:

„Schön ist das Meer, wenn still es sich wölbet
Blank wie ein Schild ob des Vikingers Grab. —“

„Ja, wahrlich, es ist ein erhebender Anblick, — sieh diese mächtigen, langen Wogen, wie sie uns gewaltsam entgegenrollen, als könne nichts sie anhalten, dann schlagen sie krachend gegen das weiße Eis, erheben ihre feuchten bläulich-grünen Schwingen, treiben Eisstücke und Schaum vor sich her über den weißen Schnee und schleudern sie hoch empor zu der blauen Luft. Der Gedanke an Untergang bei einem solchen Wetter erscheint uns fast unglaublich, — doch — einmal muß es ja sein, und eine schönere Abschiedsstunde kann man sich wohl kaum wünschen.

„Hier ist aber keine Zeit zu verlieren, wir nähern uns der Brandung mit Windeseile. Die See geht so hoch, daß wir unten im Wellenthal nichts von dem Eis um uns her erblicken, — wir sehen sonst nur den Himmel über uns, die Eisschollen prallen gegeneinander an, zerschellen und zerstieben rings um uns her, auch unsere Scholle ist geborsten. Wen wir binnen kurzem das Meer erreichen, werden wir alle unsere Kräfte nöthig haben, denn wir müssen voraussichtlich mehrere Tage und Nächte ununterbrochen rudern, um aus dem Bereiche des Eises zu gelangen. Deswegen werden alle Mann zum Schlafen ins Zelt geschickt, das noch nicht in die Böte gepackt wurde. Sverdrup soll als der Erfahrenste und Ruhigste die erste Wache übernehmen und uns im entscheidenden Augenblick wecken. Nach Verlauf von 2 Stunden soll Kristiansen ihn ablösen.

„Vergebens spähe ich bei meinen Kameraden nach einem einzigen Zug, der Furcht verrathen könnte, sie haben denselben ruhigen Ausdruck wie gewöhnlich und die Unterhaltung wird ebenso lebhaft geführt wie sonst. Nur die Lappen setzen bekümmerte Gesichter auf. Es scheint mir aber doch, als sei eine ruhige Resignation über sie gekommen, sie sind fest überzeugt, daß sie die Sonne zum letztenmale untergehen sahen. Trotz dem Getöse der Brandung liegen wir bald Alle in festem Schlaf, auch die Lappen sind bald eingeschlafen. Sie sind zu echte Naturkinder, als daß die Angst sie ihres Schlafes berauben könnte. Balto, dem das Zelt wohl nicht sicher genug erscheinen mochte, liegt oben auf dem einen Boot, er erwacht nicht einmal, als es von den Wellen beinahe fortgespült wird, so daß Sverdrup seine liebe Mühe hat, es zu halten. Nachdem ich eine Zeit lang geschlafen — wie lange es gewesen, vermag ich nicht zu sagen — erwache ich durch ein brausendes Geräusch dicht neben meinen Ohren an der äußeren Zeltwand. Die Eisscholle wogt fühlbar auf und ab gleich einem Fahrzeug, das sich in starkem Seegang befindet, und die Brandung donnert betäubender denn je gegen uns an. Ich erwartete, jeden Augenblick Sverdrups mahnenden Ruf zu vernehmen, oder das Zelt mit Wasser gefüllt zu sehen, aber nichts von alledem geschah. Deutlich hörte ich seinen wohlbekannten ruhigen Schritt auf der Scholle zwischen dem Zelt und den Böten auf und nieder gehen. Es war mir, als sähe ich seine kräftige Gestalt dort unbekümmert hin und her wandern, die beiden Hände in den Taschen, ein wenig vorübergebeugt, das nachdenkliche, unerschütterlich ruhige Gesicht auf die See gerichtet, von Zeit zu Zeit auf den Kautabak im Munde priemend, — — — dann verwirren sich meine Gedanken, — ich schlafe wieder ein.

Sverdrups Nachtwache am 20. Juli. (Nach einer Skizze des Verfassers gezeichnet von E. Nielsen.)

„Erst gegen Morgen erwachte ich wieder und fuhr verwundert auf, — die Brandung war jetzt nur noch vernehmbar wie das ferne Geräusch des Donners. Als ich aus dem Zelte trat, sah ich, daß wir von dem offenen Meer weit entfernt waren, — wie aber sah unsere Eisscholle aus? Große wie kleine Eisstücke waren an allen Seiten aufgeschwemmt und hatten sich rings am Rande zu einem hohen Wall aufgethürmt. Nur die Erhöhung, auf welcher das Zelt und das eine Boot standen, hatte die See nicht erreicht.

Sverdrup erzählte, er sei im Laufe der Nacht mehrmals am Eingange des Zeltes gewesen, um uns zu wecken. Einmal habe er die eine Krampe schon in die Höhe gehoben, er besann sich aber wieder und begab sich zu den Böten, wo er ein wenig wartete und in die Brandung hinaus sah. Der Sicherheit halber hatte er aber die Zeltthür nicht wieder geschlossen. Wir befanden uns damals gerade an dem äußersten Eisrande, dicht neben uns schaukelten große Eishügel vorüber, die sich jeden Augenblick auf unsere Eisscholle zu stürzen drohten, — was gerade keine angenehme Ueberraschung für uns gewesen wäre. Die Brandung spülte an allen Ecken über unsere Scholle, aber der Wall von Eisstücken, der sich gebildet hatte, hielt sie wenigstens so weit ab, daß das Zelt und das eine Boot verschont blieben. Das zweite Boot, in dem Balto lag, war so von den Wellen umspült, daß Sverdrup es mehrmals festhalten mußte.

„Dann aber verschlimmerte sich die Situation. Er näherte sich abermals der Zeltthür, öffnete noch eine Krampe, besann sich jedoch. Er wollte die nächste Sturzsee abwarten.

„Mehr Krampen sollte er jedoch nicht öffnen, denn gerade als es am allerschlimmsten aussah, und unsere Eisscholle kurz davor war, in die stärkste Brandung hineingeschleudert zu werden, veränderte sie plötzlich ihren Kurs und steuerte mit ganz erstaunlicher Schnelligkeit dem Lande zu. Sverdrup sagte, es habe auf ihn den Eindruck gemacht, als würde sie von einer unsichtbaren Hand gelenkt.

„Jetzt, als ich aus dem Zelt trat, waren wir weit fortgetrieben und lagen in einem sicheren Hafen, nur das Brausen der Brandung, das man noch deutlich hören konnte, erinnerte an die Ereignisse der verflossenen Nacht. So brauchten wir denn diesmal unsere eigene Seetüchtigkeit und die unserer Böte nicht auf die Probe zu stellen.

„Der 21. Juli war ein stiller Tag nach sturmbewegter Nacht. Alles athmete Ruhe und Frieden, wir entfernten uns immer weiter vom Meere, die Sonne schien mild und warm, die Eisschollen lagen ruhig und einförmig rings um uns her, selbst die Lappen schienen sichtlich erleichtert.

„Nur ein Gedanke nagte an meiner Ruhe, — nämlich die Aussicht, daß die Expedition diesmal mißlingen und dadurch ein ganzes Jahr verloren gehen würde. Nun, wir müssen thun, was in unseren Kräften liegt und uns übrigens mit Geduld wappnen.

„Wir benutzen die Sonne, um die Längen- und Breitengrade zu bestimmen. Wir befinden uns auf dem 64° 39′ N. B. und dem 39° 15′ W. L., wir können noch die Gipfel des Sermilikfjordes sehen, das Inlandseis von Pikiudtlek nördlich bis Inigsalik breitet sich weiß und imponirend vor uns aus; mit seinem graden, wagerechten Horizont gleicht es einem einzigen, weißen unermeßlichen Meer; keine Nunatakker (d. h. Felsspitzen, die aus dem Inlandseise aufragen) sind zu erblicken, nur draußen, am Rande gewahren wir einzelne dunkle Gipfel und Klippen (am bemerkenswerthesten ist der Nunatak bei Pikiudtlek), die sich von der sonst ununterbrochenen weißen Fläche abheben.

„Die Landschaft hier unten hat einen ganz anderen Charakter wie die nördlichere bei Sermilik, Angmagsalik und Ingolfsfjeld. Dort oben steigt das Land hoch, zerklüftet und wild aus dem Meere auf, die ruhige Fläche des Inlandseises liegt verborgen hinter einer Reihe herrlicher, himmelanstrebender Bergzinnen, deren erhabene Schönheit unwillkürlich das Auge fesselt und über die das Eis niemals hinwegzuwachsen und ans Meer zu gelangen vermochte. Hier dagegen ist die Landschaft niedrig, das Inlandseis durfte seine grenzenlose, weiße Fläche bis ins Meer erstrecken, und die wenigen Formen, die hier hervortreten, sind niedrig und ruhig. Sie sind vom Eise abgeschliffen, — alles scheint von dem übermächtigen Eis ins Meer hineingedrängt zu sein. Auch diese Landschaft ist wild, aber es ist die öde Wildheit der Einförmigkeit.

„Da ist nichts, was das Auge fesseln kann, und deshalb schweift es willenlos über die lockende Eiswüste und verliert sich in der Ferne, wo der Horizont den Blick begrenzt. Leider liegt das alles weit, — weit von uns! Es ist wunderlich, dem Ziele so nahe gewesen zu sein und nun wieder draußen auf offenem Meere schaukeln zu müssen.

„Das Eis öffnet sich ein wenig, wir entdecken eine eisfreie Stelle und setzen das eine Boot aus, um zu versuchen, ob wir uns ein wenig durcharbeiten können, aber es ist vergebliche Mühe, das Schlampeis zwischen den Schollen (das sich durch das ununterbrochene Gegeneinanderreiben der Eisschollen während des Seeganges gebildet hat) ist so dick, daß wir mit den schwer belasteten Böten nicht vorzudringen vermögen. Wir müssen unser Vorhaben vorläufig aufgeben. Die Schlitten und Böte über die Eisschollen zu ziehen, ist ebenfalls eine Unmöglichkeit, da der Zwischenraum zwischen den einzelnen Schollen ein zu großer ist. Das Getöse der Brandung erschallt noch immer in der Ferne, — der Seegang hat nicht nachgelassen und hält das Eis nach wie vor zusammen.“

An diesem Tage, dem ersten an welchem wir Zeit hatten an etwas anderes als unser Vordringen durch das Eis oder ans Schlafen zu denken, fingen wir unser meteorologisches Tagebuch an. Es wurde im wesentlichen von Dietrichson geführt, der sich dessen stets, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, mit bewunderungswürdigem Eifer annahm. Hauptsächlich wurde die Temperatur, der Luftdruck, die Feuchtigkeit der Luft, die Stärke und die Richtung des Windes, sowie die Wolkendecke und die Form der Wolken verzeichnet. Die Observationen wurden so oft und so sorgfältig wie nur möglich gemacht. Natürlich werden bei einer Expedition wie der unsrigen, auf der man in der Regel von anstrengender Arbeit in Anspruch genommen ist viele Lücken in dem meteorologischen Tagebuch entstehen, besonders des Nachts, wo man von der anstrengenden Arbeit des Tages ausruhen soll. Trotzdem glaube ich aber, daß das Tagebuch, das wir mit nach Hause brachten, dank Lieutenant Dietrichsons unverdrossenem Eifer, ziemlich vollständig ist und manche werthvolle Beobachtungen enthält.

[33] Das Seewasser zehrt, besonders in der Nähe der Wasserfläche, an dem Eise; der Theil der Eisscholle, der sich dadurch unter dem Wasser vorstreckt, heißt „der Fuß“; er bildet einen guten Zufluchtsort, besonders wenn das Eis zusammenpreßt, indem er unter dem Wasser mit der nächsten Eisscholle in Berührung kommt und sie auf diese Weise fernhält, so daß eine offene Wasserfläche bleibt, auf der das Boot sicher liegen kann. Auf gleiche Weise bilden die Buchten in den Eisschollen Zufluchtsörter, indem die Ränder die anderen Schollen abhalten und der Boden frei bleibt.