Kapitel XI.
Nordwärts an der Ostküste entlang. Zusammentreffen mit Eskimos.

Das Erste, was wir thaten, nachdem wir glücklich das Eis überwunden hatten, war dem Lande zuzustreben; wir mußten ja so bald wie möglich Grönlands Felsenboden unter unsern Füßen fühlen, und außerdem hatte ich schon vor längerer Zeit versprochen, an dem Tage, an dem wir unsern Fuß auf festen Grund setzen würden, eine Festmahlzeit mit Schokolade anzurichten.

Gerade vor uns und zunächst lag die Insel Kutdleck mit ihrer hohen, abgerundeten Kugelform. Dort konnten wir jedoch nicht landen, es würde uns zu weit von unserm Kurs abgeführt haben, der nordwärts ging. Wir steuerten deswegen lieber über das offene Wasser auf die nördlich gelegene Insel Kekertarsuak zu.

Auf dem Wege dahin kamen wir an einen mächtigen Eisberg, der hier in dem offenen Wasser bis auf den Grund reichte. Auf seinem weißen Rücken saßen Unmengen von Möven, die gleich dunklen Punkten darüber hingestreut waren. Indem wir vorüberfuhren, fiel ein kolossales Stück Eis mit großem Getöse ins Wasser, Scharen von Möven wurden aufgeschreckt und umflatterten uns mit ihrem einförmigen Geschrei. Dies war ein ganz neues Leben, und wir empfanden es als eine große Wohlthat, ungehindert im offenen Wasser vorwärts rudern zu können.

Als wir eine Strecke weiter gekommen waren, entdeckten wir, daß doch noch allerlei Hindernisse zu überwinden seien, ehe wir das Land erreichten, denn wir stießen auf einen neuen Eisgürtel, der sich nach Süden zu am Ufer entlang erstreckte. Er war jedoch nicht breit und auch nicht sehr fest, so daß es uns nicht viel Mühe machte, ihn zu durchbrechen. Endlich glitten wir — die Böte mit norwegischer und dänischer Flagge geschmückt — unter eine steile Klippe, deren dunkle Wand sich in dem blanken Wasser spiegelte und dies fast kohlschwarz machte. Es gab einen Widerhall, wenn man sprach, — das war ein feierlicher Augenblick. Hinter dieser Klippe fanden wir einen Hafen, wo wir mit den Böten anlegen konnten. Wir wetteiferten förmlich, ans Land zu springen und Steine, wirkliche Steine unter den Füßen zu fühlen. Wir kletterten auf die Klippen hinauf, um Umschau zu halten. Wir waren wie die Kinder: ein Stückchen Moos, ein Grashalm, geschweige denn eine Blume erregte einen ganzen Sturm von Gefühlen in uns. Es war alles so neu, der Uebergang so kraß und so plötzlich. Die Lappen verschwanden augenblicklich zwischen den Felsklippen, und es währte eine ganze Zeit, ehe wir ihrer wieder ansichtig wurden.

Nachdem sich die erste stürmische Freude gelegt hatte, mußten wir unsere Gedanken auf etwas Prosaischeres richten — auf unsere Festmahlzeit. Der Kochapparat wurde auf eine Klippe unten beim Boot gestellt und in Wirksamkeit gebracht, um unsere Schokolade zu kochen. Es waren Hände genug da, die dies verrichten konnten, und da eine ganze Zeit darüber hingehen würde, so konnte ich ruhig dem Beispiel der Lappen folgen und eine kleine Gebirgstour unternehmen, um mich u. a. nach dem gen Norden führenden Wege umzusehen.

So stieg ich denn bergan, anfangs über einige kahle Klippen, dann über ein kleines Schneefeld und endlich durch Moos und Heidekraut über eine kleine Ebene, auf der große erratische Blöcke zerstreut umherlagen. Wie sonderbar war es nicht, einmal wieder einen weiten Gesichtskreis zu haben, das Meer und das Eis weit unter sich erglänzen zu sehen, rings umher Reihen hoher Felsengipfel zu erblicken, die, von einem Nebelschleier umgeben, im Sonnenschein dalagen, und dahinter das Inlandseis, das kaum so hoch war, wie der eigene Standpunkt.

Im Süden lag die Insel Kutdleck und noch weiter südwärts das schöne Vorgebirge Kap Tordenskjold. Ich begrüßte es wie einen Landsmann, nicht nur der Name, sondern auch die Form war mir heimisch. Ich setzte mich auf einen Stein, um eine Skizze aufzunehmen und mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Wie ich so da saß, mich meiner Umgebung und meines Lebens freuend, hörte ich etwas summend durch die Luft herannahen und bei meiner Hand Halt machen. Es war eine auffallende alte, wohlbekannte Musik, — ich sah nach, und richtig — eine Mücke, eine lebendige Mücke! Und der einen folgten bald mehrere. Ich ließ sie ruhig stechen, — es war mir eine wahre Wonne. Sie gaben mir fühlbare Beweise, daß ich mich auf festem Grund und Boden befand, diese lieben, kleinen Wesen, die dort saßen und sich rund und roth saugten, — es war sicher lange her, seit sie zuletzt Menschenblut gekostet hatten. Wie ich später erzählen werde, sollten wir freilich gar bald dieser Wonne überdrüssig werden.

Ich hatte eine ganze Weile dort oben gesessen, als ich ein Zwitschern vernahm und einen Schneesperling erblickte, der sich dicht neben mir auf einen Stein niederließ, den neu angekommenen Gast verwundert betrachtend, indem er das Köpfchen bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte; dann zwitscherte er wieder, hüpfte auf den nächsten Stein, wo er noch eine Weile sitzen blieb, guckte mich abermals an und — weg war er. Es ist stets schön, dem Leben zu begegnen, nicht am wenigsten wo es in Form kleiner zwitschernder Vögel zu uns kommt, es erweckt einen Wiederklang der Vogelnatur in uns selber, besonders wenn man Frühling und Sommer so lange entbehrt hat.

Von hier oben herab konnte ich eine ganze Strecke nordwärts schauen. Es hatte den Anschein, als wenn wir auf der ersten Strecke Schlampeis haben würden, aber ein wenig nördlich von Inugsuit wurde das Eis scheinbar fester und möglicherweise würden wir dort Mühe haben, uns hindurch zu arbeiten.

Aber es war jetzt an der Zeit, sich wieder zu den Anderen hinabzubegeben, — jetzt mußte wohl die Schokolade fertig sein. Als ich unten anlangte, war jedoch die Schokolade keineswegs fertig, das Wasser kochte noch nicht einmal. Meine Begleiter hatten auf dem Treibeis keine allzugroße Uebung im Kochen gehabt. Ich benutzte die Wartezeit, um eine photographische Aufnahme von dieser Scene und von diesem Ort zu machen, der ja in der Geschichte unserer Entdeckungsreise einen hervorragenden Platz einnimmt.

Endlich war man fertig, und sechs begierige Kehlen konnten in langen Zügen den herrlichen, kochendheißen Göttertrank einsaugen. Außer reichlicheren Rationen als sonst wurden heute noch Extra-Rationen in Form von Hafercakes, Schweizerkäse, Mysekäse und eingemachten Preißelbeeren vertheilt. Das war wirklich eine königliche Mahlzeit, wie wir sie noch nicht abgehalten hatten, aber wir hatten sie auch verdient und wir genossen sie. Die Stimmung war sehr animirt.

Es wurde beschlossen, daß wir uns ausnahmsweise einmal Zeit lassen und das Leben in vollen Zügen genießen wollten, damit mußte es dann aber auch ein Ende haben. Von nun an lautete die Parole: So wenig Schlaf wie möglich, so wenig und so schnelles Essen wie möglich, so viel Arbeit wie möglich. Unsere Nahrung sollte im wesentlichen aus Wasser, Biskuits und gedörrtem Fleisch bestehen. Wir hatten wenig oder gar keine Zeit, um uns etwas zu kochen oder uns mit frischem Fleisch zu versehen, obwohl es Wild genug gab. Die beste Zeit war bereits verloren gegangen, es blieb nur noch wenig übrig von dem kurzen, grönländischen Sommer, aber noch mußten wir die Westküste erreichen können, wenn wir nur die Zeit gut ausnutzten. Es galt nur, energisch darauf loszugehen, — und das thaten wir.

Die Insel Kutdleck und Kap Tordenskjold, von Kekertarsuak aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)

Als wir um fünf Uhr des Nachmittags endlich fertig waren, gingen wir wieder in die Böte und zogen nordwärts an der Küste entlang.

Eine Strecke lang ging alles leicht und gut. Das Fahrwasser war glatt und offen. Gegen Abend aber verschlimmerte sich die Situation. Das Eis wurde dichter, wir konnten es oft nur mit Mühe durchbrechen. Zuweilen stießen wir freilich auf lange offene Stellen, wo wir schnell vorwärts rudern konnten. Blutroth versank die Sonne hinter den Bergen, die Nacht war still und sehnsuchtserweckend, der Tag lag hinter den Zinnen und Gipfeln und träumte. Die ganze Nacht hindurch arbeiteten wir uns in nördlicher Richtung durch das Eis. Um Mitternacht war es schwer zu sehen, wenn man aber genau acht gab, konnte man das Schlampeis und das Wasser von dem festen Eise durch den Wiederschein unterscheiden, den sie von dem gelblich rothen Nachthimmel gaben.

Ich strebte danach, nordwärts zu kommen, denn wir hatten nicht mehr weit bis zu dem berüchtigten Gletscher Puisortok, an dem Kapitän Holm auf seiner Reise längs der Küste i. J. 1884 von dem Eise volle 17 Tage zurückgehalten wurde. Ich hielt es für eine Möglichkeit, daß der Grund für den bösen Ruf, den dieser Ort hat, darin liegen könne, daß das Treibeis hier durch die Strömung besonders stark zusammengedrängt werde, und deshalb war es für mich von größter Wichtigkeit, diese gefährliche Stelle so früh wie möglich zu erreichen, um die erste günstige Gelegenheit, wo das Eis sich zertheilte, benutzen und vorbeikommen zu können.

Unser erster Landungsplatz an der Ostküste Grönlands.
(Nach einer Photographie.)

Im Laufe der Nacht gelangten wir unter das Vorgebirge Kangek oder Kap Rantzau, hier wurde das Eis so fest, daß wir nicht mehr so rudern konnten, wie bisher, sondern uns hauptsächlich durchbrechen mußten. Unseren Aexten, Bootshaken und Brechstangen mußte das Eis indessen weichen, und wir kamen beständig vorwärts. Was die Sache noch erschwerte, war, daß sich auf dem Wasser zwischen den Schollen neues Eis bildete; dies nahm während der Nacht an Dicke zu und war unsern Böten sehr hinderlich. Es hielt sich bis hoch in den folgenden Tag hinein. Gegen Morgen fingen die Kräfte an zu erschlaffen, wir hatten lange gearbeitet, waren hungrig, denn seit unserer gestrigen Festmahlzeit hatten wir nichts genossen, und Einige von uns waren so müde, daß sie kaum die Augen mehr offen halten konnten. In unserem Streben, nordwärts zu gelangen, und in unserer Freude über dies neue Leben hatten wir die Bedürfnisse des Körpers ganz vergessen, — jetzt meldeten sie sich mit verdoppelter Macht. Wir legten deswegen an einer Eisscholle an, um ein wenig Rast zu halten und unser Frühstück einzunehmen, obwohl wir eigentlich das Gefühl hatten, daß jetzt keine Zeit zur Ruhe sei. Da kam der Tag, es wurde heller und heller, eine rothe Gluth entzündete sich dort unten im Nordosten am Horizont, — strahlend stieg die Feuerkugel über den Eisrand empor. Körper und Seele badeten sich in dem Lichtmeer, alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Und von neuem ging’s an die Arbeit im Lichte des jungen Tages.

Das Eis aber war dichter denn je zuvor, — Zoll für Zoll, Fuß für Fuß mußten wir uns durchbrechen und kämpfen, um nordwärts zu gelangen. Oft sah es fast hoffnungslos aus aber — vorwärts mußten wir und vorwärts kamen wir.

Wir ruderten an Kap Rantzauvorüber, vorüber an Karra akungnak, bekannt von Holms und Gardes Reisen i. J. 1884, und kamen ans Kap Adelaer, hier aber wurde es schlimmer denn je; die großen, mächtigen Schollen lagen fest aufeinander gepreßt. Mit unseren langen Haken versuchten wir sie auseinander zu stoßen, aber es nützte nichts, — wir hieben alle sechs auf einmal zu, sie lagen unbeweglich da, — noch einmal versuchten wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte, — jetzt wichen sie einen Zoll voneinander, das machte uns Muth; noch einmal drauf los! sie gaben ein wenig nach; das half; nur nicht nachlassen! Bald haben wir sie soweit auseinandergetrieben, daß die Böte hindurchgleiten können, wenn man die vorstehenden Ränder mit der Axt abschlägt. Dann schiebt man die Böte bis zur nächsten Scholle hindurch; hier wiederholt sich dieselbe Geschichte. Mit vereinten Kräften, die wir bis zum äußersten anstrengen, zwingen wir uns vorwärts. Es erfordert eine nicht geringe Uebung, das Boot sicher durch dies gefährliche Fahrwasser zu führen. Man muß einen Blick dafür haben, wo die Eisschollen am besten anzugreifen sind, um sich einen Weg hindurch zu bahnen, man muß die Kräfte, die einem zur Verfügung stehen, aufs beste zu verwerthen wissen, und man muß die Gelegenheit gewandt benutzen, um die Böte glücklich durch die auseinandergeschobenen Eisschollen zu bringen, denn diese schließen sich augenblicklich wieder, und wenn die Böte dann nicht auf der anderen Seite angelangt sind, werden sie unbarmherzig zermalmt. Es geschah mehrmals, wenn wir nicht schnell genug waren, daß ich Sverdrups Boot, das dicht hinter dem unseren folgte, zwischen die Eisschollen eingeklemmt sah, so daß die Seiten ganz eingedrückt wurden, aber es war elastisch und wurde stets im letzten Augenblick hindurch gezwungen, ohne daß ein Unglück geschah.

Wir zwingen uns einen Weg nach Norden zu durch das Eis.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)

Schließlich kamen wir auch an Kap Adelaer vorüber und arbeiteten uns fortwährend durch dichtes Eis hindurch am Lande entlang, bis zu dem nördlich gelegenen Vorgebirge, dem ich den Namen Kap Garde gegeben habe.

Wir erreichten es endlich um die Mittagszeit und beschlossen, hier zu landen, um uns durch Nahrung und Schlaf zu erquicken; diese Ruhepause hatten wir nach fast vierundzwanzigstündiger Arbeit reichlich verdient. Wir hatten soeben unsere Böte mit großer Mühe an den steilen Klippen emporgezogen, unser Zelt aufgeschlagen und uns an das Abwägen unserer Mahlzeit gemacht, als sich etwas ganz Unerwartetes, uns fast unglaublich Erscheinendes ereignete.

Ich glaube, es wird von Interesse sein, wenn ich es mit denselben Worten wiedergebe, mit denen ich es am nächsten Morgen in meinem Tagebuch verzeichnete:

„Es war gestern (30. Juli) ungefähr um die Mittagszeit (11 Uhr?), als wir nach einer unglaublich mühseligen Fahrt durch das Eis bei — nun, nennen wir es vorläufig Kap .... auf der Nordseite von Karra akungnak angelegt hatten, um ein wenig Nahrung zu uns zu nehmen und endlich einige Stunden zu schlafen. Den vielgefürchteten Puisortok hatten wir vor uns, hofften ihn aber noch selbigen Tages passiren zu können. — — Während wir aßen, oder vielmehr während der Zubereitung unserer einfachen Mahlzeit, vernahm ich zwischen Mövengeschrei und anderem Geräusch Rufe, die eine fabelhafte Aehnlichkeit mit menschlichen Stimmen hatten. Ich machte meine Gefährten darauf aufmerksam, aber es war so wenig wahrscheinlich, in dieser Gegend Menschen anzutreffen, daß wir so lange wie möglich versuchten von Lumme (Columbus) und ähnlichen Vögeln zu sprechen, deren es hier freilich wohl ebensowenig giebt wie Menschen. Trotzdem beantworteten wir die Rufe ein paarmal. Sie kamen beständig näher. Gerade als wir mit den letzten Theilen unserer Mahlzeit beschäftigt sind, vernehmen wir einen Ruf, der so deutlich und so nahe klingt, daß die Meisten aufspringen und einer von uns darauf schwört, daß es keine Lumme gewesen ist; selbst die eifrigsten Anhänger der Lummentheorie werden zweifelhaft. Es währt auch nicht lange, bis Balto, der mit dem Fernrohr bewaffnet auf einen Felsblock geklettert ist, uns zuruft, daß er zwei menschliche Wesen sehen kann. Ich springe selbst zu ihm hinauf, und richte das Fernrohr auf zwei schwarze Punkte, die zwischen den Eisschollen bald zusammen fahren, bald wieder auseinanderschnellen. Sie scheinen nach einer Durchfahrt zu spähen, denn sie gehen mehrmals vorwärts und wieder zurück, — aber sieh, da kommen sie gerade auf uns zu, gleich Mühlenflügeln bewegen sich die Ruder in der Luft. Es sind zwei kleine Menschen in ihren Kajaks. Sie kommen näher und näher. Balto setzt eine halb verwunderte, halb ängstliche Miene auf und sagt, er fürchte sich fast vor diesen wunderlichen Wesen. Da kommen sie, der Eine beugt sich gleichsam zum Gruß in seinem Kajak vornüber (das war nun freilich nicht der Fall), der Andere thut nichts. Mit einem einzigen Ruderschlag legen sie an der Klippe an, kriechen aus ihren Kajaks, der Eine trägt das seinige hinauf, der Andere läßt das seine im Wasser liegen, — und dann stehen sie vor uns, die beiden ersten Repräsentanten dieser viel besprochenen Heiden (auf der Ostküste Grönlands). — War der erste Eindruck günstig? Ja, unbedingt, — zwei freilich etwas wilde, aber freundliche Gesichter lächeln uns an. Der Eine trug ein Seehundswams und Seehundsbeinkleider, die ein gutes Stück bloßen Leibes sehen ließen, sowie „Kamiken“ und als einzige Kopfbekleidung ein Perlenband. — — —“

Hier wurden meine Tagebuchaufzeichnungen über diese seltsame Begegnung unterbrochen, die Erinnerung daran steht indessen so lebendig vor meiner Seele, als habe es sich gestern zugetragen, und infolgedessen ist es nicht schwer, die Lücke auszufüllen. Der andere Grönländer trug zu unserer Verwunderung theilweise Kleider europäischen Ursprungs, indem der Oberkörper mit einem „Anorak“, ein jackenähnlichen Kleidungsstück aus blauem Baumwollzeug mit weißen Tupfen bedeckt war, — an den Beinen hatte auch er Beinkleider aus Seehundsfell und Kamiken (so wird die eigenthümliche Fußbekleidung der Grönländer genannt). In der Mitte des Leibes war ein gutes Stück völlig nackend wie bei seinem Kameraden.

Auf dem Kopfe hatte er eine sonderbare breite, flache Mütze mit einem Schirm, der aus einem mit blauem Baumwollstoff überspannten Tonnenreifen gebildet war. Ueber die ganze obere Fläche der Mütze erstreckte sich ein rothes und weißes Kreuz. Diese Art Mützen in verschiedenen starken Farben, in der Regel mit einem Kreuz verziert, sind sehr allgemein unter den Eskimos der Ostküste, sie benutzen sie auf ihren Fahrten in den Kajaks, theils weil sie nützlich sind, indem der Schirm sie gegen die Sonne schützt, theils weil sie dieselben für eine Zierde halten. Ich sah sie später voller Stolz ihre Mützen vorzeigen.

Diese Beiden waren kleine Menschen, scheinbar noch ganz jung, und der Eine, der nur ein Perlenband im Haar trug, war geradezu hübsch. Er hatte eine dunkle, fast kastanienbraune Hautfarbe und langes, rabenschwarzes Haar, das mit der Perlenschnur aus dem Gesicht gehalten wurde und tief über Nacken und Schulter herabfiel, — dazu ein breites, rundes Gesicht mit beinahe regelmäßigen, weichen Zügen, die eine beinahe weibliche Schönheit hatten, so ausgeprägt weiblich, daß wir lange in Zweifel waren, ob wir wirklich einen Mann vor uns hätten. Sie waren von leichtem, geschmeidigem Bau und graziösen Bewegungen.

Bei uns angekommen, begannen sie zu lächeln, zu gestikuliren und durcheinander zu sprechen in einer Sprache, von der wir natürlich kein Wort verstanden. Sie zeigten gen Süden und zeigten gen Norden über das Eis hinüber und über das Land hinweg, dann zeigten sie auf uns, auf die Böte und auf sich selbst, und während der ganzen Zeit stand ihnen der Mund nicht still. Sie waren ganz ungewöhnlich beredt, aber nichtsdestoweniger verstanden wir kein Wort. Wir lächelten ihnen wieder zu und starrten sie mit einem dummen Gesicht an, während die Lappen sich nicht recht wohl dabei zu befinden schienen. Sie fürchteten sich ein wenig vor diesen „wilden Menschen“ und hielten sich in der Entfernung.

Dann suchte ich einige Papiere heraus, auf die ein Bekannter auf Grönländisch eine Reihe von Fragen geschrieben hatte, deren Beantwortung für mich von Interesse sein konnte. Ich versuchte nun hiernach, einige Fragen an sie zu richten, wie ich meinte auf gut Grönländisch, nun aber kam die Reihe dumm auszusehen an sie. Ich versuchte es nochmals, aber mit demselben Resultat, — sie verstanden kein Wort. Nach noch einigen Versuchen, warf ich verzweifelt die Papiere fort, und nahm meine Zuflucht zu Zeichen, das ging besser, und nun bekam ich heraus, daß sie ihrer Mehrere waren und daß sie auf der Nordseite von Puisortok wohnten oder sich dort in einem Lager befanden, daß man sich hart an den Gletscher halten müsse, um nordwärts zu gelangen. Dann zeigten sie auf Puisortok und machten eine Menge sonderbarer Gebärden, wobei sie eine ernste, bedenkliche Miene aufsetzten und eine Unmenge redeten, was wahrscheinlich bedeuten sollte, daß dieser Gletscher sehr gefährlich sei, daß man sich deswegen in acht nehmen müsse. Die Ostgrönländer haben nämlich eine Menge abergläubischer Begriffe von diesem Gletscher. Da versuchten wir ihnen denn begreiflich zu machen, daß wir nicht von Süden her am Land entlang gekommen seien, sondern über das Meer, was nur einen langen brummenden Laut zur Folge hatte, fast wie das Brüllen einer Kuh, und der wohl den höchsten Grad von Verwunderung bedeuten sollte. Sie betrachteten gleichzeitig uns und einander mit einer zweifelhaften Miene, sie glaubten natürlich kein Wort oder richtiger kein Zeichen davon, oder auch wir mußten übernatürliche Wesen sein. Und das letztere war ihnen wohl im Grunde nicht unwahrscheinlich.

Dann begannen sie, unsere Ausrüstung zu bewundern, — die Böte zogen vor allem ihre Aufmerksamkeit auf sich, besonders erregte der Eisenbeschlag ihre höchste Bewunderung.

Wir gaben Jedem ein Stück Fleischbiskuit, worüber sie sehr erfreut waren, sie aßen ein kleines Stück davon und hoben das Uebrige auf, das wollten sie augenscheinlich mit in das Lager nehmen. Die ganze Zeit hindurch standen sie da und zitterten und froren, was schließlich nicht so merkwürdig war, denn sie hatten nur wenig Zeug an und waren, wie gesagt, in der Mitte des Leibes nackend; auch war die Witterung nicht gerade mild. Sie machten einige bezeichnende Gebärden, daß sie hier auf der Klippe frören und wieder in ihre Kajaks zurückkehren wollten. Durch Zeichen befragten sie uns, ob wir nach Norden hin kämen, worauf wir eine bejahende Antwort gaben, dann zeigten sie noch einmal warnend auf den Puisortok und gingen an den Strand hinab. Hier zogen sie ihre Halbpelze an, legten die Kajaks zurecht und krochen dann behende und leicht wie Katzen hinein. Mit wenigen Ruderschlägen flogen sie leicht und lautlos über den Meeresspiegel dahin. Bald gingen die Ruder wie Mühlenflügel, während sie zwischen den Eisschollen dahin schossen, bald hielten sie an, um sich einen Weg zu bahnen und das Eis zur Seite zu schieben oder um eine Durchfahrt zu erspähen, bald erhob sich der Arm zum Wurf, er wurde gesenkt, hielt einen Moment still, während der Pfeil eingestellt wurde, und dann schnellte er vorwärts gleich einer Stahlfeder, indem der Pfeil vom Wurfgeschoß sauste. Und während alledem entfernten sie sich mehr und mehr, bald sahen wir sie nur noch als zwei schwarze Punkte zwischen dem Eise dort oben in der Nähe des Gletschers, dann bogen sie um einen Eisberg und verschwanden aus unserm Gesichtskreis. Und wir blieben zurück, über diese erste Begegnung mit den Eskimos der Ostküste grübelnd. Es war so sonderbar und so unerwartet, hier Menschen zu treffen, wo ja nach Holms und Gardes Erfahrungen keine wohnen sollten, daher schlossen wir, daß unsere neuen Bekannten sich auf der Reise befunden hatten, und nachdem wir zu diesem Resultat gekommen waren, begaben wir uns in unser Zelt und krochen in unsere Schlafsäcke. Es währte auch nicht lange, bis wir Alle in einen tiefen Schlaf gefallen waren.

Diese eben erzählte Begebenheit schildert Balto ein ganzes Jahr später und obwohl er niemals mein Tagebuch gelesen hatte, fast gleichlautend mit meinen Aufzeichnungen. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, die betreffende Stelle hier wiederzugeben:

„Während wir aßen, hörten wir Laute, die wie Menschenstimmen klangen, wir glaubten aber, daß es ein Rabe sei, welcher krächzte. Nach einer kleinen Weile hörten wir dieselben Laute wieder; Einige von uns glaubten, daß es Wasservögel seien, welche schrien. Ich nahm das Fernrohr und lief auf einen Felsblock hinauf und spähte um mich. Da sah ich etwas Schwarzes, das sich auf eine Eisscholle zu bewegte. Ich rief: „Dort hinten kann man zwei Männer auf dem Eise sehen.“ Nansen kam sofort herbeigelaufen und sah durch das Fernrohr. Wir hörten sie nun ihre heidnischen Gesänge singen (?) und wir riefen sie an. Sie hörten uns gleich und ruderten auf uns zu, und es währte nicht lange, bis sie bei uns waren. Als sie sich uns näherten, verbeugte sich der eine tief mit dem ganzen Körper, und als sie an den Strand kamen, nahm jeder seinen Kajak in die Hand und ging auf das Land hinauf. Als sie an uns herankamen, riefen sie Beide im Chor: „iö, iö!“ was soviel heißen sollte, als daß sie sich wunderten, was für eine Art von Leuten wir wohl seien. Wir versuchten nun, mit ihnen zu reden, aber wir verstanden kein Wort von ihrer Sprache ...“

Am Nachmittag, ungefähr um 6 Uhr, erwachte ich und sprang aus dem Zelt, um nach dem Eis zu sehen. Es wehte ein frischer Wind vom Lande her, und das Eis hatte sich noch mehr zertheilt als vorhin. Es schien nach Norden zu gutes Fahrwasser zu sein, da weckte ich denn die Gefährten.

Bald waren wir in den Böten und richteten unsern Kurs auf den vielgefürchteten Puisortok. Wir hatten das herrlichste Fahrwasser von der Welt. Ich fürchtete indessen, daß es schlimmer werden würde, wenn wir weiter vorwärts gelangten, aber dies war keineswegs der Fall. Das Eis, das dort lag, bestand im wesentlichen nur aus größeren oder kleineren Stücken Gletschereises, und das ist in der Regel weit leichter als das Treibeis mit Holzböten zu passiren, die nicht wie Fellböte von dem Eis zerschnitten werden können. Am hinderlichsten war uns der Umstand, daß das Wasser an einzelnen Stellen zwischen den Eisschollen mit einer Unmenge von ganz kleinen Stücken Gletschereises angefüllt war. Ohne weitere Störungen kamen wir an dem Gletscher vorüber, mehrmals ganz dicht an seine lothrechte Eiswand hinanrudernd, die in allen blauen Gletscherfarben spielt, von dem tiefsten Blau drinnen in den Spalten und Schluchten bis zu dem hellsten Milchblau an den geraden Eiswänden und höher gelegenen Stellen, die noch zum Teil mit Schnee bedeckt sind.

Was diesen Gletscher eigentlich so gefürchtet gemacht hat, verstehe ich nicht, denn er hat nur eine ganz unbedeutende Bewegung, wirft infolgedessen nur wenig Eis ab, und wenn dies der Fall ist, sind es doch stets nur kleinere Stücke, die herunterfallen, denn es liegt nicht viel Eis in der Nähe.

Bereits Graah und sogar mehrere Schriftsteller vor ihm, berichten indessen von der übertriebenen Furcht der Eskimos vor diesem gefährlichen Gletscher, der stets bereit ist, herabzustürzen und die Vorüberfahrenden zu zerschmettern, und der selbst weit draußen im Meer plötzlich große Eismassen aus der Tiefe emporschleudere und Böte und Mannschaft vernichten kann. Der Name Puisortok deutet auch auf diese Annahme hin. Er bedeutet nämlich: der Ort, an dem etwas emporgeschnellt wird, und ist nicht ganz allein dastehend an der Ostküste. An mehreren Stellen trifft man denselben Namen in Verbindung mit dem Gletscher, — was dies eigentlich bedeuten soll, ist mir nicht ganz klar. Daß Holms und Gardes grönländische Mannschaft ebenfalls eine abergläubische Furcht vor diesem Gletscher hegte, davon erhält man einen deutlichen Eindruck, wenn man ihren interessanten Bericht ließt. Garde erzählt, daß die Bewohner der südlichen Westküste die Auffassung haben, daß man, indem man den Puisortok passirte, unter einer überhängenden Eiswand hinweg ruderte, die jeden Augenblick herabstürzen könne, sowie über Eismassen, die unter dem Wasser verborgen lägen und nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um emporzuschnellen und die vorüberziehenden Böte zu zertrümmern.

Diese abergläubischen Vorstellungen haben die Bewohner der Westküste natürlich von den an der Ostküste ansässigen Heiden erhalten, mit denen sie zusammengetroffen sind. Diese besitzen sogar eine ganze Reihe von Vorschriften darüber, wie man sich bei dem Passiren des Puisortok zu verhalten hat, um mit heiler Haut davon zu kommen, — man darf nicht sprechen, nicht lachen, nicht essen, nicht rauchen, während man vorüberfährt, auch darf man den Gletscher nicht ansehen und vor allem das Wort Puisortok nicht aussprechen. Wenn man es thut, so stört man den Gletscher, und das bedeutet einen gewissen Untergang.

Sei dem, wie ihm wolle, — eins steht fest, der Puisortok verdient seinen üblen Ruf nicht. Wie ich später entdeckte, ist er wahrscheinlich ein verhältnißmäßig kleiner lokaler Gletscher, der auf einem Gebirgsrücken liegt, welcher auf der Innenseite durch ein Thal von dem eigentlichen Inlandseise getrennt wird. Dies ist auch der Grund für die äußerst geringe Bewegung, die Garde nachgewiesen hat.[72]

Das einzig Merkwürdige an diesem Gletscher ist, daß er mit einer so großen Fläche an die See stößt. Garde giebt seine Breite auf ¾ Meilen an, und das scheint mir durchaus zutreffend zu sein. Hierin muß, wie auch Garde annimmt, der Grund für die Furcht der Eskimos vor diesem Gletscher liegen; wenn sie an der Küste entlang fahren wollen, müssen sie hart an ihm vorüberrudern, da er direkt am Meer liegt ohne jegliche Scherenbildung. Die Eskimos fahren überhaupt nur ungern an Gletschern vorüber, was auch nicht so merkwürdig ist, da diese Gletscher oft Eis ins Wasser abschieben, oder auch kleinere Stücke von ihnen herabfallen, was leicht ein Unglück anrichten kann. Wenn sich ein Boot in einem solchen Augenblick vor einem Gletscher befindet, so ist es gewiß in den meisten Fällen rettungslos verloren, denn selbst wenn es nicht direkt von den herabstürzenden Eismassen getroffen wird, so geräth das Wasser doch in eine so heftige Bewegung, und die treibenden Eisstücke und Eisschollen werden so heftig gegeneinander geschleudert, daß ein Boot wohl nur schwer dem Untergang entrinnen würde.

Die meisten größeren Eisgletscher liegen unmittelbar an dem Ende enger Fjorde, die sie selber im Laufe der Zeiten vermittelst ihrer starken hinausschiebenden Bewegung, unter welcher sie Massen von Kies und Steinen mit sich ins Meer hinausführen, gebildet und ausgegraben haben. Bis an das Ende dieser Fjorde kommen die Eskimos selten, — deshalb ist es nicht nothwendig für sie, sich in der Nähe der gewaltigen Endwände dieser Gletscher zu bewegen, deren launenhafte Gefährlichkeit sie nur zu gut kennen.

Es ist daher kein Wunder, daß sie, wenn sie an einen so breiten Eisgletscher wie den Puisortok kommen, an dem sie nothgedrungen vorüber müssen, ängstlich sind, obwohl der Gletscher nur eine geringe Bewegung hat.

Wie bereits gesagt, kamen wir sicher und gut an dem Gletscher vorüber, und keine abergläubische Furcht hinderte uns, in vollen Zügen die gewaltige Schönheit dieser zerklüfteten Eismassen zu genießen.

Das Fahrwasser war auch fernerhin verhältnißmäßig gut, und wir kamen schnell vorwärts. Unser Muth war im Wachsen begriffen, und wir gewannen mehr und mehr die unerschütterliche Ueberzeugung, daß uns jetzt nichts mehr hindern könne und solle, unser Ziel glücklich zu erreichen.

[72] Lieutenant Garde berechnete eine Bewegung von zwei Fuß in 24 Stunden. Schon die Form des Eisgletschers wie seine Haltung beweisen, daß er völlig lokal ist.