Als wir endlich unsere Vorbereitungen zur Abreise getroffen hatten, waren alle Kajakmänner verschwunden bis auf einen einzigen, der so galant sein wollte, uns gen Norden zu begleiten. Die Scenerie war nun ebenso öde und leer, wie sie vor einer Stunde voller Leben und Bewegung gewesen war, — statt auf Zelte, Hunde und Menschen schien die Sonne jetzt auf Eis, Schnee und kahle Felsen herab.
Wir nahmen unsern Kurs nordwärts an der Küste entlang. Das Fahrwasser war anfangs offen, und wir holten tüchtig mit den Rudern aus, denn die Anderen hatten einen langen Vorsprung, und da wir uns einen großen Vortheil von ihrer Kenntniß des Fahrwassers und der Eisverhältnisse versprachen, so wollten wir die Reise gern in ihrer Gesellschaft fortsetzen. Es währte denn auch nicht lange, bis wir sie eingeholt hatten. Sie lagen im Schutz einer Landzunge und schienen unschlüssig zu sein. In dem einen Boot erhoben sich einige Frauen und winkten uns zu. Als wir näher kamen, forderten sie uns durch Zeichen auf, vorauszurudern und ihnen einen Weg zu bahnen, denn das Eis war ziemlich dicht. Dies war allerdings das Gegentheil von dem, was wir erwartet hatten, aber wir glitten ruhig an ihnen vorüber zwischen zwei mächtigen Eisschollen hindurch, die dicht nebeneinander lagen und die sich scheinbar nicht aus der Stelle rücken ließen. Sie hatten den Eskimos den Muth benommen. Als wir uns indessen, ohne anzuhalten, mit unserm ersten Boot dazwischen klemmten, und, theils das Boot als Keil benutzend, theils mit Hülfe unserer langen Bambusbootshaken, mit denen wir alle Sechs auf einmal ausholten, diese Ungeheuer wirklich auseinander trieben, — da kannte ihr Staunen keine Grenzen und ihr Gebrüll stand natürlich im Verhältniß dazu. Jetzt bahnten wir uns unsern Weg weiter durch das Eis, das einigermaßen passirbar war. Dann kamen die beiden Frauenböte der Eskimos und zu beiden Seiten folgten 4 Kajakmänner. Jede Bewegung, die wir machten, wurde von lebhaftem, anhaltendem „Gebrüll“ begleitet, — ich will nicht behaupten, daß es die schönste Musik war, die ich gehört habe.
Viel Vergnügen gewährte es uns zu beobachten, wie die Kajakmänner schnupften. Besonders einer von ihnen zeichnete sich in dieser Beziehung aus. Ich glaube, er hielt alle zehn Minuten an, um sein ungeheures Horn hervorzuholen und beide Nasenlöcher vollzustopfen, und dann nieste er, daß es mir unerklärlich war, wie er sich in seinem Kajak im Gleichgewicht halten konnte. Wenn er uns dann wieder ansah, während ihm Schnupftabak und noch sonst allerlei über die Oberlippe rann und ihm die Thränen die Backe hinabliefen, da war sein joviales Gesicht so unbezahlbar, daß wir ihn regelmäßig mit einem herzlichen Gelächter begrüßten, wozu er nickte und lächelte, als wenn er sehr damit einverstanden sei. Und dann wurde von beiden Seiten das einzige Wort gerufen, das wir behalten konnten, nämlich pitssak’ase. Wir meinten, daß es „schöne“ oder „herrliche Fahrt“ bedeute, denn es wurde uns bei jeder Gelegenheit zugerufen, sowohl wenn wir das Eis durchbrachen, als wenn wir durch das offene Wasser hindurchruderten. Als wir später an die Westküste kamen, erfuhren wir von den Eskimos dort, daß es so viel bedeutet als „Ihr seid geschickt“ oder auch: „Ihr seid gut, Ihr seid freundlich.“
Die großen Böte der Eskimos, die sog. Frauenböte (auf Eskimoisch heißen sie „Umiak“) werden bekanntlich nur von Frauen gerudert. Bei den unvermischten Eskimos gilt es als unter der Würde eines Mannes, in ihnen zu rudern. Ein Mann — gewöhnlich das Oberhaupt einer Familie — muß es dagegen steuern, und zwar ist es seine Pflicht, sich darin aufzuhalten, obwohl alle Seehundsfänger am liebsten in ihren Kajaks fahren. Diese Frauenböte sind ungefähr dreißig Fuß lang oder darüber, an der Ostküste Grönlands pflegen sie kürzer zu sein als an der Westküste, da hier stets so viel Treibeis ist, daß ein längeres Boot schwer zu handhaben wäre, — überall sind diese Böte im Treibeis schwer zu hantiren.
Die Frauen in den beiden Böten, die uns begleiteten, ruderten ohne regelmäßigen Takt und auf höchst eigenthümliche Art. Sie fingen mit einigermaßen schnellen Schlägen an, mit einem passenden Moderato, dann aber wurde der Takt schneller und schneller, die Ruderschläge kürzer und kürzer, sie hoben die Körper ganz von den Sitzen auf, so daß sie fast bei jedem Schlag in den Böten standen, wodurch das Ganze ein merkwürdig hüpfendes Aussehen bekam. Plötzlich, mitten im besten allegro vivace, hält man inne, man verpustet sich einen Augenblick, und dann beginnt dieselbe Geschichte wieder von neuem. Ein solcher Ruck währt immer nur wenige Ruderschläge, man fährt aber ununterbrochen damit fort. Die kurzen Ruder sind wohl zum Theil schuld an dem auffallend kurzen Takt. Auf diese eigenthümliche Weise kommen sie aber doch sehr schnell vorwärts. Im offenen Wasser nahmen sie es mit uns auf, was auch kein Wunder war, wenn man bedenkt, daß in unsern Böten nur 2 Mann an den Rudern saßen, während sich in jedem der ihren bis zu 7 rudernde Frauen befanden. Einmal gewannen sie einen kleinen Vorsprung vor uns. Als wir sie einholten, waren sie abermals von festem Eis aufgehalten, und einige der Frauen winkten uns zu, daß wir ihnen zu Hülfe kommen möchten. Wir kamen denn auch mit unsern langen Bootshaken herbei und mußten laut auflachen, als wir einen Eskimo dastehen und mit einem Stock auf eine Eisscholle losschlagen sahen. Es lag etwas so unendlich Macht- und Hoffnungsloses in der Art und Weise, wie er so allein dastand. Es fiel natürlich keiner von den Frauen in den Böten, keinem der Männer in den Kajaks ein, ihm zu Hülfe zu kommen. Wir griffen alle sechs Mann zu, und das Eis wich zurück, so daß unsere Böte hindurch kommen konnten. Wir ruderten weiter, während die Frauenböte infolge ihrer Länge in Verlegenheit kamen und große Beschwerde hatten, sich durchzuarbeiten. Es war übrigens oft der Fall, daß sie festsaßen, wo wir ihnen mit unsern kürzeren Böten schon den Weg gebahnt hatten; auf diese Weise hätten wir oft einen langen Vorsprung gewinnen können, wenn wir nicht gewartet hätten. Mit großem Staunen machte ich diese Erfahrungen, die in krassem Widerspruch zu dem Lob stehen, das in der Heimath von allen Seiten diesen Frauenböten gespendet wird. Sowohl Kapitän Holm als Kapitän Garde sagen, daß eine Reise an Grönlands Ostküste entlang ohne dieselben eine Unmöglichkeit ist. Dieser Ansicht sind die Dänen übrigens schon seit langer Zeit gewesen. Sie haben selbst keine oder doch nur wenig Erfahrung in der Führung eines Bootes durch das Treibeis gehabt und haben infolgedessen die Ueberlegenheit der Eskimos anerkannt; da diese jedoch nur Frauenböte haben, liegt es nahe, dieselben für die besten zu halten und auch die aus Eskimos bestehende Besatzung beizubehalten. Meiner Erfahrung nach verhält sich jedoch die Sache gerade umgekehrt. Europäische Böte mit einer tüchtigen europäischen Mannschaft, die an dies Leben gewöhnt ist, sind im Treibeis bei weitem vorzuziehen. Die Behauptung, daß ein europäisches Boot nicht genug tragen kann, ist völlig unbegründet.
Da der Tag zur Neige ging, mußten wir Europäer ein wenig Nahrung zu uns nehmen. Wir machten deswegen Halt, um unsere Rationen auszutheilen. Die Eskimos, die ein merkwürdiges Talent zum Fasten haben, zogen indessen weiter. Nur zwei Kajakmänner blieben bei uns zurück, um uns essen zu sehen. Zur Belohnung erhielten sie einige Stücke „Knäkkebrot“, worüber sie sich sehr freuten.
Bald hatten wir die Andern so weit wieder eingeholt, daß wir sie vor uns sehen konnten. Wir bemerkten, daß ein paar Kajakmänner an der Nordseite der Ruds-Insel ans Land gegangen waren und von einem Vorgebirge aus in nördlicher Richtung über das Eis und das Meer spähten. Das waren schlimme Zeichen! Wahrscheinlich war das Eis unpassirbar. Sie setzten ihren Weg jedoch fort, ehe wir sie erreichen konnten, und ruderten über den Fjord, der zwischen der Insel und dem Festlande liegt. Indessen hatte das Wetter sich verändert, dunkle Wolken zogen am Himmel herauf, und es fing an zu regnen. Wir zogen unsere braunen Regenkleider an und ruderten getrost weiter, waren aber noch nicht weit vom Lande entfernt, als wir die Eskimoböte auf uns zukommen sahen. Alle Frauen zeigten mit bekümmerten Mienen gen Himmel, auch die Männer machten uns Zeichen zu, daß das Eis vor uns dicht und schwierig sei, wir müßten Alle auf der Insel an Land gehen, um unsere Zelte aufzuschlagen und zu übernachten. Ich bedeutete ihnen indessen durch Zeichen, daß wir weiter wollten, aber sie erklärten, es sei ganz unmöglich, vorwärts zu kommen. Hierüber hatte ich nun meine Zweifel, aber ich wollte nicht weiter gehen, ehe ich an Land gewesen war, um die Verhältnisse von einem Felsen aus selbst in Augenschein zu nehmen. Infolgedessen ruderten wir Alle zurück, die Frauenböte richteten ihren Kurs auf die Innenseite der Insel, während wir auf die nächste Landzunge zusteuerten. Als einer der Kajakmänner dies sah, folgte er uns, um die ganze Ueberredungskunst anzuwenden, die er durch Zeichen zu entfalten vermochte. Es nützte ihm jedoch nichts, denn sobald ich das Land erreicht hatte, sprang ich auf einen Felsvorsprung und entdeckte nun, daß das Fahrwasser, so weit ich mit dem Fernrohr sehen konnte, einigermaßen gut aussah; damit war es denn bestimmt, daß wir weiter zogen. Als der Eskimo einsah, daß all seine Mühe vergeblich war, ruderte er tiefbetrübt von dannen. Zum Abschied schenkte ich ihm noch eine Blechdose, was seinen Kummer sehr zu mildern schien. Es war ganz klar, daß einzig und allein der Regen die Eskimos zur Umkehr bestimmt hatte. Sie wollten nicht gern naß werden, besonders die Frauen nicht, was man ihnen ja auch nicht verdenken konnte, um so weniger als einige von ihnen Säuglinge in ihren Amauten auf dem Rücken trugen. Daß sie ihr Möglichstes thaten, um uns ebenfalls zur Umkehr zu bewegen, war auch nicht zu verwundern, — wir waren so merkwürdige Menschen, daß sie gern noch eine Weile mit uns zusammen bleiben mochten, außerdem konnte vielleicht das eine oder das andere für sie dabei abfallen.
So zogen wir denn weiter, ganz stolz auf unsern Muth, während die Eingeborenen, die doch das Fahrwasser kannten, zurückblieben. Eine ganze Weile ging auch alles gut, und unser Muth wuchs mehr und mehr; in der Mitte des Fjords angelangt, sollten wir jedoch empfinden, daß es kein Kinderspiel war, auf das wir uns eingelassen hatten. Das Eis lag hier ziemlich dicht, und eine reißende Malströmung wirbelte die großen Schollen derartig herum, daß es nicht mehr angenehm war. Bald prallten diese Kolosse gegeneinander, bald wichen sie zurück, und man mußte noch vorsichtiger als gewöhnlich sein, wenn man unbeschädigt mit den Böten hindurchkommen wollte. Und je weiter wir kamen, desto schlimmer wurde die Situation. Einmal waren wir zwischen zwei lange Schollen gerathen, die plötzlich, von anderen Schollen getrieben, mit gewaltiger Macht gegeneinander gestoßen wurden. Durch einen schnellen Rückzug entgingen wir noch im letzten Augenblick dem sichern Verderben. Gegen Abend, als es bereits dunkelte, erreichten wir glücklich die andere Seite des Fjords, hier war das Ufer jedoch sehr steil, und es fiel infolgedessen nicht leicht, einen Zeltplatz zu finden. Es gelang uns, die Böte — nachdem wir sie entleert hatten — vermittelst eines starken Takels in eine Felsschlucht hinaufzuziehen. Ein wenig aufwärts von dieser Schlucht fanden wir einen Felsabsatz, der groß genug war, um unser Zelt aufzunehmen. Das Ganze hatte eine große Aehnlichkeit mit einem Adlernest, das an einem Felsen hängt, deshalb tauften wir den Ort „Adlershorst“ (auf Eskimoisch heißt es übrigens Ingerkajarfik und liegt auf dem 62° 10′ N. Br. und dem 42° 12′ W. L. auf dem Festlande).
Der Felsabsatz, der den Boden des Zeltes bildete, gab nicht gerade den angenehmsten Schlafplatz ab, der mir vorgekommen ist. Er war so abschüssig, daß wir uns am Morgen, als wir nach einem erquicklichen Schlummer erwachten, an der einen Ecke des Zeltes übereinanderliegend fanden.
Am nächsten Tage schien die Sonne wieder, es war das herrlichste Wetter. Gerade vor uns, im Süden, fiel ein mächtiger Eisgletscher steil ins Meer hinab; seine wilden zerrissenen Klüfte spielten im Sonnenlicht in den märchenhaftesten Farben.
Wir nahmen unser Frühstück in aller Eile ein und ließen die Böte hinab, beluden sie und zogen, nachdem wir eine photographische Aufnahme von der südlichen Landschaft gemacht hatten, durch leidliches Fahrwasser weiter. Ueberall stießen wir auf Treibeis, aber es war doch so weit offen, daß wir in der Regel mit ziemlicher Leichtigkeit hindurchkommen konnten.
Etwas über die Mittagszeit hinaus erreichten wir eine kleine Insel, die vor dem Mogens Heinesens Fjord lag, dort legten wir in einem vorzüglichen Hafen an um unser Mittagessen einzunehmen. Diese Insel schien uns der schönste Fleck zu sein, den wir auf der Oberfläche dieser Erde gesehen hatten. Sie war grün bewachsen mit Gras, Heidekraut, Säuregras, Blumen in verschiedenen Farben etc. Oben auf der Höhe fanden wir zwei Ruinen von Eskimobehausungen, und dort war die Vegetation besonders üppig, und wir empfanden ein ungeheures Wohlbehagen, als wir uns in dem hohen Gras ausstrecken und von der brennendheißen Sonne bescheinen lassen konnten. Wir genossen diese süße Ruhe eine kurze Weile, dann pflückten wir uns einige Blumensträuße zur Erinnerung an dies kleine grönländische Idyll, bestiegen unsere Böte und setzten die Reise gen Norden fort.
Die Küste, an der wir bis dahin entlang gefahren waren, zeichnet sich eigentlich nicht durch besonders schöne Formationen aus. Sie ist niedrig, einförmig und kahl. An den meisten Stellen gehen der Schnee und die Gletscher bis hart an die See hinab, und wie man auch aus der Karte ersehen kann, ragen nur verhältnißmäßig wenige graue Felsen aus dem Schnee empor. Nachdem wir an jenem Nachmittag den Eingang zu Mogens Heinesens Fjord passirt hatten, der von einer schönen Reihe wilder Bergzinnen umgeben ist, kamen wir an eine ganz neue Landschaft. Hier reichen nirgends Schneefelder und Eisgletscher bis an das Meer, überall ist das Land frei, die Felsen ragen oft in bedeutender Höhe empor, und nach dem Lande zu — besonders im Norden — trifft man überall die herrlichsten Gebirgslandschaften, in denen sich wilde Gipfel und Zinnen dicht nebeneinander erheben. Alles hier in der Welt ist relativ, und dies gilt wohl nicht im geringsten hier, wo es uns vorkam, als wenn wir in fruchtbare Gegenden gelangt seien. Sommergedanken und Sommerstimmungen bemächtigten sich unserer Seele mitten zwischen dem Treibeis, als wir jetzt an der Küste statt des ewigen Eises und Schnees kahle Felswände erblickten. Der Uebergang hätte kaum fühlbarer sein können, wenn wir jetzt plötzlich in die fruchtbarste Gegend gekommen wären. Im Norden winkte und lockte die blauende Bergreihe des Tingmiarmiuts-Landes, als sei dort das gelobte Land.
Je nördlicher wir gelangten, desto häufiger wurden die großen Eisberge, die hier an der Küste zum Theil bis an den Grund reichten. Gegen Abend erblickten wir östlich von Nagtoralik einige weiße Spitzen, die über den Horizont hinausragten. Sie hatten eine so eigenthümliche Form, daß ich mir lange nicht darüber klar werden konnte, bis ich endlich entdeckte, daß es die Zinnen eines kolossalen Eisberges waren, der eine so phantastische Form hatte, wie ich sie noch niemals gesehen. Ich machte eine photographische Aufnahme davon, die Entfernung war jedoch so beträchtlich, daß das Bild bei weitem nicht den überwältigenden Eindruck wiedergiebt, den der Eisberg auf uns machte, als wir in seine Nähe kamen. Zu oberst ragten zwei Spitzen gleich schlanken Kirchthürmen hoch in die Luft empor. Oben an der hohen, lothrechten Wand quer durch das Feld befand sich ein großes Loch, und unten hatte die See so große Grotten ausgehöhlt, daß ein kleines Schiff bequem unter das Eisdach gehen konnte. In diesen Grotten sahen wir ein wunderbares Farbenspiel von Blau bis zu dem tiefsten Ultramarin. Es sah aus wie ein schwimmender, aus Saphiren gebauter Feenpalast, und ringsumher rieselten Bäche und bildeten kleine Wasserfälle, die sich an den Seiten herabstürzten, während aus den Grotten unaufhörlich der Laut tropfenden Wassers zu uns heraufdrang. Es war Schönheit, aber von einer fremden Natur, sie machte die Gedanken zu den geheimnißvollen Märchenlanden der Kindheit zurückschweifen.
Nachdem wir in der Dunkelheit eine Weile nach einem Lagerplatz gesucht hatten, legten wir gegen Abend an einer Insel an, die auf dem 62° 25′ N. Br., 42° 5′ W. L. liegt.
Wie gewöhnlich wurden die Böte geleert und dann ans Land gezogen. Dies war vielleicht derselbe Platz, der einer ostgrönländischen Sage zufolge der Schauplatz eines Kampfes zwischen einem Europäer und einem Grönländer gewesen sein soll.[76]
Am nächsten Morgen — den 2. August — ruderten wir weiter und wollten gerade über den Fjord, nördlich von der Insel Uvdlorsiutit setzen, kamen aber sehr bald in dichtes, undurchdringliches Eis hinein. Wir mußten abermals umwenden, um auf das Land zuzusteuern und uns an der Küste des Fjords entlang fortzuarbeiten. Da das Eis noch immer sehr dicht zu sein schien, überlegten wir, ob es nicht besser sei, durch den Sund, zwischen dem Festland und der eben erwähnten Insel, zu gehen, als wir auf deren Südspitze Eskimozelte entdeckten. Wir landeten, um uns nach dem nördlichen Fahrwasser zu erkundigen, waren aber nicht wenig überrascht, als wir am Strande von einer Schar Frauen und fast völlig nackter Kinder empfangen wurden, die wir als unsere Freunde vom Kap Bille wiedererkannten. Sie lachten aus vollem Halse und erzählten, sie seien an uns vorübergefahren, während wir schliefen, — wahrscheinlich am vorhergehenden Morgen. Sie hatten ihre Zelte auf einem gemüthlichen kleinen mit Gras und Heidekraut bewachsenen Platz aufgeschlagen. Nur ein Mann war zu erblicken, er stand eben bei dem einen Zelt und besserte seinen zerbrochenen Kajak aus. Alle anderen Männer und Kajaks waren verschwunden, — wahrscheinlich waren sie auf Jagd aus, um sich Nahrung zu schaffen.
Wir fragten nach dem Fahrwasser auf der Innenseite der Insel, aber sie bedeuteten uns, daß wir auf der Außenseite bleiben müßten, ja man wollte uns sogar weismachen, daß die Straße so schmal sei, daß man unmöglich hindurchfahren könne. Dies war indessen eine Lüge, da Holms Expedition mehrmals diesen Weg genommen hatte. Der Sicherheit halber ruderten wir jedoch um die Insel herum und kamen in ziemlich gutes Fahrwasser. Das Eis lag freilich in der Nähe der Landzungen überall recht dicht, aber wir drangen hindurch und schlüpften am Lande entlang fort.
Nach Mittag erreichten wir die Nordseite der Insel Uvdlorsiutit, wo wir eine ganz merkwürdige Grotte fanden, die tief in den Felsen hineinging.
Am Abend, als wir die Insel Ansivit passirten an der nördlichen Seite des Tingmiarmiut-Fjords, vernahmen wir in der Ferne vom Lande her einen Chor heulender Hunde, woraus wir schlossen, daß sich ein Eskimolager in der Nähe befinden müsse. Wir hatten aber keine Zeit, Besuche zu machen, und zogen deshalb weiter, bis wir am Abend an einer Insel bei Nunarsuak (62° 43′ N. Br.; 41° 49′ W. L.) gelangten.
Am Morgen des folgenden Tages (den 3. August) wehte ein so frischer Wind vom Lande her, daß wir beschlossen, unsere Segel aufzuspannen, die in aller Eile aus dem Zeltboden für das eine Boot und aus zwei zusammengenähten Persennings für das andere Boot hergestellt wurden. Im Anfang ging es schnell nordwärts; es war eine reine Lust, wenn das Boot sich auf die Seite neigte, mit dem Winde dahinzusausen durch das enge Fahrwasser zwischen den Eisschollen, wo man genau acht geben mußte, um nicht anzustoßen. Wir hatten jedoch noch nicht lange gesegelt, als das Vergnügen anfing, ein recht zweifelhaftes zu werden. Die Windstöße wurden heftiger und gingen in eine nördliche Richtung über. Bald hatten wir den Wind uns derartig entgegen, daß wir die Segel nicht mehr führen konnten.
Wir ruderten nun eine Weile und gelangten an die hohe, steile Insel Umanarsuak, von deren Bergen der Wind mit einer solchen Heftigkeit herabstürmte, daß wir unsere liebe Noth hatten, das Boot vorwärts zu zwingen. Es wurde schlimmer und schlimmer, zuweilen mußten wir das Boot an den Eisschollen entlang ziehen, um es nur vorwärts zu bekommen, und einmal waren wir nahe daran, in dem vom Sturm heftig erregten Eis zerschellt zu werden. Die beiden Böte hatten sich bis dahin einigermaßen zusammengehalten, nun aber nahm die Sache einen ernsteren Charakter an. Niemand hatte mehr Zeit, auf den Andern zu achten, Jeder mußte sich helfen, so gut er konnte. Gerade als es am schlimmsten aussieht, holt einer der Leute in meinem Boot so kräftig aus, daß sein Ruder am Schaft abbricht. Wir haben keine Reserveruder mehr im Boot, sie sind alle im Eis zerbrochen. Hier ist aber keine Zeit zu verlieren; wir mußten mit dem halben Ruder weiterarbeiten und nur um so kräftiger zugreifen. Zuweilen fallen die Windstöße jedoch so heftig über uns her, daß wir trotz aller unserer Kraftanstrengungen zurückgedrängt werden. Da springt eine Dolle! Das war weit schlimmer als das erste Mißgeschick, denn das Ruder hängt in einer Strippe, die nur an einer Dolle befestigt ist, und alle anderen Ruderplätze sind belästigt. So schnell es sich machen läßt, wird der Schaden reparirt, und wir entgehen auch diesmal glücklich der Gefahr. Langsam aber mit ziemlicher Sicherheit schrammen wir mit Aufbietung aller unserer Kräfte am Lande entlang. Da kommen wir an eine Eisscholle; die Fangleine in der Hand, springt Dietrichson hinauf, um das Boot daran entlang zu ziehen. In seinem Eifer bemerkt er jedoch nicht, daß er auf eine hohle, vorstehende Eiskante springt, die mit ihm zusammenbricht, so daß er kopfüber ins Wasser fällt. Dies war nun freilich nichts Ungewöhnliches für uns, aber zu einem ungelegeneren Zeitpunkt konnte es kaum geschehen. Gewandt und voller Geistesgegenwart wie er ist, kommt er jedoch gleich wieder hinauf, und wie gewöhnlich ohne sich zu ergeben, ergreift er abermals die Fangleine und zieht nun das Boot vorwärts; — — die Arbeit hielt ihn warm, sonst wäre es wohl kaum zu ertragen gewesen in diesen triefend nassen Kleidern und bei dem schneidenden Wind. So etwas focht Dietrichson jedoch niemals an.
Auch an dieser Eisscholle kamen wir glücklich vorüber, aber der Wind hatte so zugenommen, daß wir nur noch mit der größten Anstrengung vorwärts kommen konnten; die beiden Ruderer arbeiteten jedoch meisterhaft mit den Ruderstummeln, die uns noch geblieben waren. Als Dietrichson das Boot mit einem Bootshaken von einer Eisscholle abstoßen wollte, sprang der Haken, und es fehlte nur wenig, so wäre er abermals über Bord gefallen. Wir hatten heute merkwürdig viel Unglück.
Endlich kamen wir jedoch in ruhigeres Fahrwasser unterhalb der Felsen und erreichten bald das Land, wo Sverdrups Boot kurz vor uns angelangt war. Hier nahmen wir unsere Mittagsmahlzeit ein und machten eine kleine Ruhepause, die wir wohl verdient hatten. Dann wurde die Reise wieder fortgesetzt, aber der Wind war beinahe noch ebenso stark, und als wir hinter der Südspitze von Umanuarsuak in ziemlich eisfreies Fahrwasser kamen, rollte uns von dem nordwärts belegenen Fjord ein recht unangenehmer Seegang entgegen. Obwohl es unserer Gewohnheit nach noch ziemlich früh am Tage war, gingen wir deswegen, sobald wir Umanak erreicht hatten, ans Land. Hier hatten wir — es war das einzige Mal auf der ganzen Reise an der Küste entlang — Zeit, uns einen Zeltplatz auszuwählen und genossen das Behagen, auf einem Rasen zu liegen, statt wie gewöhnlich auf dem harten Felsboden oder auf dem Eise. Darüber wollen wir uns indes nicht beklagen; wir schliefen immer ausgezeichnet, wenn wir nur stets genug Schlaf bekommen hätten.
Sobald wir ans Land gekommen waren und alles in Ordnung gebracht hatten, beschlossen wir, Brennmaterial zu sammeln (was in Form von Wachholderbüschen, Heidekraut u. dergl. reichlich vorhanden war), und uns eine Kerbelsuppe zu kochen. Hierzu waren Alle bereit, es wurde ein großartiger Eifer entfaltet, so daß bald ein gewaltiges Feuer zwischen einigen großen Steinen aufflammte, über denen wir in einer leeren Kakesdose das herrlichste Essen kochten, das man sich nur denken kann. Schwerlich wird einer von Denjenigen, die an jenem Abend um das Feuer herumsaßen und in Ruhe und Frieden das einzige warme Gericht verzehrten, das sie während der ganzen Bootsreise an der Küste entlang erhielten, den Zeltplatz auf Umanak oder der Griffenfelds-Insel vergessen. Daß wir indessen nicht die Ersten waren, die das Leben an dieser Stelle genossen, sahen wir u. a. an den Ruinen einiger Eskimohäuser, die ganz in unserer Nähe lagen; und daß auch Scenen weniger angenehmer Natur hier vorgefallen waren, davon zeugten deutlich verschiedentliche Menschenknochen, die zwischen den Häusern zerstreut lagen; besonders ungemüthlich grinste uns der Schädel eines alten Eskimos an. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß die Bewohner dieser Häuser an Hungersnoth starben, und daß die verlassenen Wohnungen dann im Laufe der Zeiten zusammenstürzten.
Am nächsten Tage — den 4. August — hatte sich der Wind zum Theil gelegt, und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Aber das Eis war oft dicht, besonders schlimm sah es an der Mündung des Schesteds-Fjords aus. Hier mußten wir weit hinaus, um einen Durchgang zu finden, und nur mit Hülfe von Axt und Bootshaken konnten wir uns unsern Weg bahnen. Um 9 Uhr des Abends kamen wir an einem herrlichen Lagerplatz vorüber, da es aber unserer Ansicht nach noch zu früh war, um Rast zu machen, ruderten wir in nördlicher Richtung weiter. Dafür mußten wir nun aber bis 1½ Uhr arbeiten, ehe wir auf der Ostseite der Insel Uvivak eine kleine Insel fanden, wo wir unsere Böte ans Land ziehen konnten (63° 3′ N. Br., 41° 18′ W. L.). An dem Tage hatten wir eine siebenzehnstündige schwere Arbeit im Eise gehabt, nur durch eine halbstündige Mittagsrast unterbrochen.
Am 5. August gings mit Hülfe von Axt und Bootshaken weiter durch dicht zusammengepacktes Eis, das auf dem Wege nach Norden am ganzen Strande entlang lag. Viele mächtige Eisberge lagen hier an der Küste. Als wir gegen Nachmittag das Vorgebirge Kutsigsormiut passirten und an einer kleinen Insel anlegten, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu haben, sahen wir wenige hundert Ellen von uns entfernt plötzlich ein großes Eisstück sich loslösen und von einem dieser Kolosse herabfallen, der dadurch das Gleichgewicht verlor und mit einem ohrenzerreißenden Getöse kopfüber stürzte. Das Meer gerieth in eine gewaltige Erregung, rings umher wurden die Treibeisschollen gegen einander geschmettert, und eine kleine Insel, die vor uns lag, war plötzlich völlig überspült von schäumenden Wogen. Hätten wir unsern Weg fortgesetzt, wie wir anfangs beabsichtigten, so wären unsere Böte wahrscheinlich an den Felsen zerschellt.
Nach fast unglaublichen Anstrengungen erreichten wir spät am Abend eine Insel mitten in der Mündung des Inugsuarmiut-Fjordes. Hier wollten wir unser Lager aufschlagen, müde und erschöpft wie wir waren, zu unserer Verwunderung aber kamen wir aus dem dichten Eis plötzlich in offenes Fahrwasser hinein. Gerade bis gegen Skjoldungen lag der Fjord beinahe blank da. Es war sehr verlockend, diese Gelegenheit zu benützen, und nach einer Extraration Fleischpulver-Schokolade setzten wir unsere Fahrt fort und erreichten einen guten Lagerplatz auf einer Schere unterhalb des Landes auf der anderen Seite (63° 12′ N. Br., 41° 8′ W. L.).
An der Ostküste von Grönland giebt es eine ziemlich starke Ebbe und Fluth. Wir hatten in diesen Tagen das Unglück, einen niedrigen Wasserstand zu treffen, gerade wenn wir des Abends die Böte an den Strand ziehen mußten; infolgedessen mußten wir sie ein gutes Stück hinauf ziehen, um sicher vor der Fluth zu sein. Auch in dieser Nacht hatten wir Bagage wie Böte eine tüchtige Strecke aufs Land hinauf gebracht, waren aber nicht wenig verwundert, als am nächsten Morgen unser Bierfaß und ein Brett, womit wir die Böte gestützt hatten, verschwunden waren. Die See hatte nicht allein die Böte erreicht, sondern auch einen Theil der Proviantkasten unter Wasser gesetzt. Diese waren jedoch dicht, und so hatte nichts gelitten; wir mußten uns freuen, so billigen Kaufes davongekommen zu sein. Den Verlust unseres Bierfasses, das wir zugleich mit dem Boot vom „Jason“ bekommen hatten, beklagten wir alle sehr; nicht etwa, weil noch Bier darin gewesen wäre — das hatten wir längst ausgetrunken —, sondern weil wir die Tonne mit Wasser zu füllen pflegten. Wenn wir das Wasser aus dem Spundloch tranken und an der Tonne rochen, die noch einen gewissen Biergeruch an sich hatte, so bildeten wir uns ein, daß wir eine Art Bier tränken.
Seit jenem Tage wurden die Böte stets sehr sorglich in acht genommen.
Uebrigens wurden wir an jenem Morgen von einem weniger willkommenen Gast geweckt. Ich erwachte von einem heftigen Jucken über dem ganzen Gesicht und fand das Zelt mit Mücken angefüllt. Hatten wir im Anfang die Mücken voller Freude begrüßt, so wurden wir an diesem Morgen von dieser Neigung geheilt, und wenn ein Morgen in gräßlicher Erinnerung steht, so ist es dieser. Es war ein Wunder, daß wir unsern Verstand nicht verloren. Nachdem ich völlig wach geworden, fuhr ich schnell in meine Kleider und stürzte ins Freie hinaus, um diesen schlimmen Gästen zu entgehen, aber da kam ich aus dem Regen in die Traufe! Hier stürzten sich ganze Scharen dieses Teufelsungeziefers auf mein Gesicht und meine Hände.
Am schlimmsten wurde es, als wir unser Frühstück verzehren wollten, denn wenn man nicht einmal einen Bissen zu Munde führen kann, ohne daß er mit einer dicken Schicht Mücken belegt wird, so wird Einem die Sache denn doch zu toll! Wir flüchteten auf die höchsten Felsspitzen in der Nähe, wo etwas Wind war, in der Hoffnung, hier unser Frühstück in Ruhe verzehren zu können, — war das doch der einzige Genuß, den wir noch kannten. Wir sprangen von einer Felsklippe zur anderen, wir hängten uns Taschentücher vor das Gesicht, zogen unsere Mützen über Hals und Nacken, fochten und schlugen wie Rasende mit den Armen in der Luft herum, lieferten wie gesagt die verzweifeltste Schlacht dieser Uebermacht von Ungeheuern gegenüber, aber alles war vergebens. Wo wir standen, gingen oder liefen, führten wir — wie die Sonne ihre Planeten — unsere kleine Privatwelt von Freunden mit uns, bis wir uns schließlich voller Verzweiflung dem Feind ergaben, uns an der ersten besten Stelle niederwarfen und uns martern ließen, während wir in fliegender Eile unser mit Mücken belegtes Frühstück verzehrten. Dann machten wir unsere Böte klar und flohen auf das Meer, aber selbst hierher verfolgten diese Scheusale uns. Schließlich schlugen wir in wilder Verzweiflung mit Persennings, Jacken und was wir sonst finden konnten, um uns, und als wir den Wind zum Bundesgenossen bekamen, übermannten wir endlich den Feind. Der Blutverlust auf unserer Seite war aber doch ganz beträchtlich.
[76] Siehe „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9, Seite 187. Kopenhagen 1889.