Kapitel XIV.
Neues Zusammentreffen mit Eskimos. Zwischen Eisbergen.

Durch dicht gepacktes Eis fuhren wir an jenem Tage (6. August) um Skjoldungen herum, an dessen Nordseite wir wegen der Eisverhältnisse ein gutes Stück in den Fjord hineinrudern mußten, an einem Lande entlang, das in wilder Schönheit nicht hinter dem zurückstand, was wir bisher gesehen hatten. Ueberall fielen die Gletscher mit ihren lothrecht abgeschnittenen Wänden, in denen sich häufig tiefe, dunkelblaue Grotten befanden, steil in das Meer ab. Es ist nicht ganz ohne Gefahr, nahe an diese Eiswände heran zu rudern. Es geschah auch an jenem Tage mehrmals, daß nicht weit von uns große Stücke von den Gletschern ins Meer hinabstürzten, die ein vorüberfahrendes Boot ohne Zweifel zu Staub zermalmt haben würden.

Als wir, andauernd unter schlechten Eisverhältnissen, über den Akorninapkangerdlua (Fjord) gerudert waren, vernahmen wir plötzlich in der Nähe einer Insel bei Singiartnarfik Rufe von Menschenstimmen und verspürten gleichzeitig einen durchdringenden Thrangeruch. Wir richteten unsere Blicke dem Lande zu und sahen nun ein Zelt und viele Menschen, die sich in auffallend lebhafter Bewegung befanden. Da es kein weiterer Umweg für uns war, steuerten wir auf sie zu, jetzt aber verwandelte sich ihre Bewegung in eine wilde Flucht. Mit allem, was man an Kostbarkeiten besaß, mit Fellen, Kleidern etc. beladen, verschwand Einer nach dem Andern auf die Berge hinauf. In einer langen Linie, die sich an den Felsabsätzen hinaufschlängelte, konnten wir sie laufen sehen, was das Zeug halten wollte. Es schienen fast ausschließlich Frauen und Kinder zu sein. Zuletzt sahen wir eine Frau in die Thür des einzigen Zeltes, das wir erblicken konnten, verschwinden, aber sie kam bald darauf mit einem Bündel Felle in den Armen zurück und eilte dann, so schnell ihre Füße sie tragen konnten, den Anderen nach, ins Gebirge hinauf. Mehr und mehr verschwanden sie zwischen den Bergen, und das Letzte, was wir sahen, waren einige Frauen, die auf einem Felsenkamm neugierig stehen blieben und uns nachschauten. Wir ruderten indessen auf das Zelt zu; das einzige lebende Wesen aber, was wir dort erblickten, war ein Hund, der vor der Zeltthür lag und merkwürdigerweise nicht heulte. Obwohl wir nichts mit diesen Menschen zu schaffen hatten, so war es uns doch ärgerlich, daß wir so fortreisen sollten, ohne sie von unseren friedlichen Absichten überzeugt zu haben. Wir machten ihnen Zeichen zu, wir riefen die wenigen grönländischen Worte, die wir kannten, aber alles war vergebens; — sie standen regungslos da und glotzten uns an. Endlich schien eine der Frauen unseren einladenden Winken nicht länger wiederstehen zu können, sie näherte sich langsam und bedächtig, eine zweite folgte ihr in einiger Entfernung. Allmählich kamen wir uns so nahe, das wir das Sprechen hören konnten, was uns ja nicht viel nützen konnte, da wir ihnen nur wenig zu sagen hatten, aber jedenfalls konnten sie doch unsere freundlichen Gesichter und unsere beruhigenden Mienen und Gebärden erkennen. Wir zeigten ihnen einige Blechdosen, die wir ihnen schenken wollten. Dies schien ihnen freilich sehr verlockend. Sie setzten äußerst verlegene Gesichter auf, die übrigens nicht so aussahen, daß sie ihrer Schönheit wegen hätten besorgt zu sein brauchen. Da zeigte sich plötzlich ein Mann auf der Bildfläche, und nun bekamen sie Muth; sie begaben sich beinahe ganz an den Strand hinab und blieben hier stehen, während wir in unseren Böten lagen. Wir sahen einander an, während sie mit dem Manne als Vorsänger ihr gewöhnliches Verwunderungsgebrüll anstimmten. Der Mann sah übrigens aus wie ein wüthender Ochse, während er so dastand, obwohl er im Innern gewiß die friedlichsten Gedanken hegte. Er trug auf dem Oberkörper einen Anorak von Baumwollenzeug, und auf dem Kopf hatte er eine Kajakmütze von der gewöhnlichen, breiten, flachen Form, aus einem Tonnenreifen mit darüber gespanntem Baumwollstoff bestehend, mit einem roth und weißen Kreuz verziert, — alles unverkennbare Beweise von Verbindung mit den westgrönländischen Handelsplätzen.

Wir näherten uns allmählich dem Strande, Einer von uns sprang ans Land, aber wie von einer Tarantel gestochen, fuhren die Eskimos zurück, um doch einen Zwischenraum von einigen Schritten zwischen sich und uns zu schaffen; als sie sahen, daß wir auch jetzt keine Zeichen zu feindlichen Tendenzen machten, gewannen sie wieder Muth und näherten sich uns. Als wir ihnen gar das großartige Geschenk einer Blechdose machten, war das gute Verhältniß besiegelt, und ihre Gesichter glänzten vor Freude und Verwunderung über diese freigebigen Menschen. Allmählich gesellten sich mehrere Eskimos zu uns; es schien, als wenn die Männer in ihren Kajaks auf dem Wasser gewesen und durch das Geschrei der Frauen herbeigelockt seien.

Allen wurde die kostbare Gabe gezeigt und hinzugefügt, daß wir durchaus friedliche Individuen seien. Die merkwürdigste Erscheinung war ein kleiner buckeliger Zwerg mit einem angenehmen, ältlichen Gesicht; — er zeichnete sich übrigens durch einen ungewöhnlich guten Anzug aus. Wir vertauten unsere Böte und machten einen Spaziergang ans Land. Wie staunten wir jedoch, als wir hinter dem einen Zelt ein ganzes Zeltlager fanden, das durch eine kleine Höhe unsern Blicken entzogen gewesen war. Unser Staunen wuchs, als wir einen Dannebrog von einer kleinen Stange wehen sahen, die neben dem einen Zelt aufgepflanzt war.

Diese Flagge mußte Einer von ihnen wahrscheinlich vor einigen Jahren von Kapitän Holm bekommen haben, denn er berichtet, daß er einigen Eskimos Flaggen geschenkt habe. Merkwürdig war es, daß sie sich so vor uns fürchteten, obwohl sie also früher mit Europäern in Berührung gekommen sein mußten. Wir mußten wohl sehr unheimlich ausgesehen haben, als wir so in unsern eigenen Böten und ganz allein angerudert kamen, während Kapitän Holm Böte wie die ihren mit einer Eskimobesatzung hatte. Unmöglich ist es auch nicht, daß die Sagen, die von der Westküste zu ihnen gedrungen sind, und welche erzählen, wie ihre Vorfahren die Kavdlunaker, d. h. die Europäer, vernichtet haben, sie mit der Furcht erfüllten, daß die Besiegten eines Tages in Schiffen über das Meer heranziehen und Rache nehmen würden.

In einer kleinen Bucht unterhalb des Lagers lag ein Frauenboot, das offenbar ins Wasser herabgelassen war, um zur Flucht bereit zu sein. Da ich gern gedörrtes Seehundsfleisch probiren wollte und außerdem dachte, daß es möglicherweise praktisch sein könne, unsern Proviant ein wenig zu ergänzen, fragte ich vermittelst eines grönländischen Wortes, das ich in meinem Wörterbuch gefunden hatte, danach; wie gewöhnlich wollte es mir jedoch nicht gelingen, mich verständlich zu machen. Als ich aber hinging und ein Stück Fleisch anfaßte, das vor einem der Zelte zum Trocknen hing, verstanden sie mich sofort und kamen mit einigen Rippenstücken herbei, — hierfür gab ich ihnen eine große Stopfnadel. Als sie diese kolossale Bezahlung erblickten, kamen sie mit einem großen Stück Fleisch nach dem andern herbei, um mehr Nadeln zu bekommen. Wir erhielten jeder unsere Geschenke an Seehundsfleisch, wofür wir ihnen außer den Nadeln noch einige leere Blechdosen gaben. Nur Ravna wollte keine Geschenke annehmen und war trotz aller Ueberredungen nicht dazu zu bewegen. Später erfuhr ich, daß er der Ansicht gewesen sei, die armen Menschen würden wohl selber Verwendung für ihr Fleisch haben, und eine Nähnadel sei doch eine zu geringe Bezahlung.

Diese Begegnung mit den Eskimos schildert Balto folgendermaßen:

„— — Als wir über eine Fjordmündung gerudert waren, rochen wir wieder den Geruch von ranzigem Seehundsfett, aber die Heiden hatten uns gesehen und mit Frauen und Kindern die Flucht ins Gebirge ergriffen, weit fort von den Zelten. Als wir in die Bucht kamen, wo die Zelte standen, machten wir Halt und sahen diesen Aermsten nach, die die Flucht ergriffen. Dann rief Nansen ihnen zu: „Nogut piteagag“, — was dasselbe ist wie: „Wir sind Freunde“ (furchtbar verkehrtes Grönländisch), — aber sie kehrten sich nicht daran, sondern winkten uns mit der Hand zu, als wollten sie sagen: „Zieht fort! Zieht fort!“ Da kamen zwei Männer hinter einem Berg hervor, sie kamen an den Strand herab, und als sie sich näherten, brüllten sie wie andere Heiden ihr: „iö, iö, iö!Der eine Mann sah aus, als wenn er nicht höher als ein Meter sei. Dann landeten wir und baten sie um etwas gedörrtes Fleisch, das wir vor ihren Zelten hängen sahen, denn wir hatten in Kapitän Holms Buch gelesen, daß gedörrtes Seehundsfleisch sehr gut zu essen sei. Wir gaben ihnen einige Nadeln für das Fleisch und zogen dann weiter.“

Wie Balto berichtet, stiegen wir bald wieder in unsere Böte und waren noch nicht weit gekommen, als einige der Männer uns in ihren Kajaks folgten, große Stücke gedörrten Seehundfleisches mit sich schleppend, das sie uns gegen Nadeln vertauschen wollten. Als wir in die Böte stiegen, sahen wir in weiter Ferne den obenerwähnten Zwerg ein großes Stück Fleisch herbeischleppen, auch er wollte seinen Antheil haben, aber er erreichte uns nicht mehr. Nicht wenig staunten wir, als wir eine Weile später einen kleinen Kerl in einem Kajak weit hinten in unserm Kielwasser heranrudern sahen und in ihm den Zwerg erkannten, der unleugbar eine höchst komische Figur abgab, wie er so mit seinem krummen Rücken aus der Oeffnung des Kajaks hervorragte. Er strengte sich scheinbar sehr an, um uns wieder einzuholen, wir sollten sein Fleisch haben! Aber trotz aller seiner Bemühungen erreichte er uns doch nicht und mußte sein Vorhaben schließlich aufgeben, — der Aermste!

Je nördlicher wir kamen, desto mehr Kajakmännern begegneten wir; sie gaben uns Alle das Geleite und waren Alle äußerst freundlich und mittheilsam. Schließlich hatten wir eine Eskorte von 7 Mann um uns versammelt, die uns an allen Seiten umkreisten und die größte Verwunderung über uns und unsere Böte an den Tag legten.

Als sie uns eine lange Strecke begleitet hatten und es zu dunkeln begann, verminderten sie Einer nach dem Andern die Schnelligkeit ihrer Fahrt und lagen dann noch eine Weile still, um uns nachzusehen, ehe sie den Heimweg antraten. Gerade als uns die vier Letzten verlassen hatten und noch still lagen, erblickte ich einen Seehund auf einer Eisscholle. Obwohl das frische Fleisch ein großer Leckerbissen für uns gewesen wäre, konnte ich es nicht unterlassen, den vier Kajaks zuzuwinken, denn wir hatten alle die größte Lust zu sehen, wie die Eskimos auf Seehundsjagd gingen. Sie kamen sofort zu uns, konnten aber gar nicht begreifen, was wir wollten, denn von ihren niedrigen Kajaks aus konnten sie den Seehund nicht auf dem Eise sehen. Ich zeigte auf das Thier, sie spähten und spähten, bis sie seiner plötzlich ansichtig wurden, und nun kam Bewegung in die Kajaks; die Ruder arbeiteten unverdrossen, während sich die Eskimos vornüberbeugten, um unbemerkt im Schutze des Eises vorwärts zu kommen. Zwei von ihnen gewannen einen Vorsprung vor den Anderen und kamen in fliegender Eile näher und näher. Jetzt fing der Seehund jedoch an, unruhig zu werden, aber jedes Mal, wenn er den Kopf erhob und in der Richtung nach ihnen blickte, lagen sie still, ohne auch nur ein Glied zu rühren, bis er sich wieder beruhigt hatte, dann ruderten sie abermals kräftig darauf los, lagen dann wieder still u. s. w. Auf diese Weise kamen sie so nahe an ihre Beute heran, daß wir jeden Augenblick erwarteten, sie würden die Harpune auswerfen, — da springt der Seehund plötzlich ins Wasser. Sie lagen nun eine Weile still, zum Wurf bereit für den Fall, daß er sich wieder zeigen würde, aber kein Seehund erscheint, und sie zogen niedergeschlagen heimwärts, während wir ein wenig ärgerlich unsern Weg gen Norden in gutem Fahrwasser fortsetzten. Wir übernachteten auf einer kleinen Insel in einer Bucht an der Ostseite einer größeren Insel (63° 20′ N. B., 49° W. L.). Diese ist aus früheren Zeiten dadurch bekannt, daß Graah dort auf der Westseite bei Imarsivik i. J. 1829-30 überwinterte.

Am nächsten Tage (den 7. August) traten uns abermals schlimme Eishindernisse in den Weg, wir kämpften uns aber muthig hindurch und gelangten noch am selben Tage weiter nördlich an offeneres Fahrwasser. Bis dahin hatten wir uns ganz vorzüglich aus Holms und Gardes Karten über die Küste orientiren können, hier aber verloren wir den Faden. Es schienen hier viele kleinere und größere Inseln und Fjorde zu sein, die entweder falsch oder auch gar nicht auf der Karte angegeben waren, — schließlich wurde die Sache so bunt, daß ich mich entschloß, nach meinem eigenen Kopf zu gehen, und das half. Wie es sich mit der Karte auf dieser Strecke von Savsivik bis zum Kap Mösting verhielt, war mir ein Räthsel, bis ich später von Holm erfuhr, daß er nicht dazu gekommen war, diesen Theil in der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand, zu vermessen, er habe deswegen Graahs Karte benutzen müssen, in der Voraussetzung, daß sie zuverlässig sei, da er die Gegend von seinem Winteraufenthalt her doch gründlich kennen sollte.

Die nördliche Küste war sehr reich an Seevögeln. Da waren u. a. mehrere Vogelberge, und wir schossen an Blaumöven (larus glaucus) und Grüllummen (uria grylle), was uns in den Weg kam. Wir krochen auf einen Felsen hinauf, wo Unmengen von Lummenjungen nisteten, um auf Junge zu fahnden, aber unsere Beute beschränkte sich auf zwei. In der Regel legen die Grüllummen ihre Eier an ganz unzugängliche Orte, so daß unbeflügelte Wesen nur mit der größten Lebensgefahr dahin gelangen können. Die jungen Grüllummen sind übrigens sehr fett und schmeckten ganz delikat.

Als wir vor einem Vogelberg auf der Nordseite von Kap Moltke lagen und auf Blaumöven und Grüllummen schossen, vernahmen wir plötzlich ein Sausen in der Luft und sahen eine Schar Eidergänse an uns vorüberfliegen. Wir hatten gerade noch Zeit genug, in die Böte zu springen, zu den Büchsen zu greifen und ihnen einen Schuß nachzusenden, auf welchen zwei Vögel fielen. Es war dies das erste Mal, daß wir Eidergänse an der Küste erblickten. Als es bereits dunkelte, zog abermals ein Schwarm über uns hinweg nach Norden zu. Ich hörte Sverdrup im Boote hinter mir „Gebt Acht!“ rufen und vernahm auch das Sausen ihres Flügelschlags, doch war es zu dunkel, um zu schießen, ich konnte nur gegen den dunklen Hintergrund, den das Land bildete, unterscheiden, daß sich etwas bewegte.

Indessen gelangen wir immer nördlicher, und die Angst der Lappen wird mit jedem Tage sichtbarer und giebt sich in immer lauteren Tönen zu erkennen. Balto, der das Wort führt, hat mir mehrmals anvertraut, daß sie ruhiger geworden seien, seit wir den Eskimos begegnet waren und gesehen hatten, daß dies gutartige Geschöpfe sind, die keine Menschen fressen, wie man sich in Finnmarken erzählt habe, und daß man im Nothfall bei ihnen überwintern kann. Seit wir aber, ihrer Ansicht nach, die letzten Eskimos verlassen hatten und noch immer in nördlicher Richtung weiter zogen, waren sie ängstlich geworden, klagten über die schwere Arbeit, die karge Kost, jammerten, daß wir uns so weit vom Kap Farvel entfernten und doch keine Stelle fanden, wo wir auf das Eis gehen konnten. Ich tröstete ihn stets damit, daß das Land höher hinauf bei Umivik oder nördlich davon besser sei, er müsse das ja selber gesehen haben, als er im Eise trieb; aber er hatte nichts gesehen, und schließlich wurden seine Klagen so laut, daß mir die Sache über ward und ich ihm, statt ihn zu trösten, eine tüchtige Portion Schelte für seine elende Feigheit zukommen ließ. Da aber brach das Unwetter los! Er wollte mir nur lieber gleich sagen, was er in diesen Tagen alles in sich hineingefressen habe: in Kristiania habe ich ihnen versprochen, daß sie jeden Tag Kaffee haben sollten, und daß sie so viel zu essen bekommen würden, wie sie nur wollten, aber in all’ diesen drei Wochen hätten sie nur ein einziges Mal Kaffee bekommen, und wie sah es mit dem Essen aus? Sie erhielten eine elende Portion ausgetheilt, die sie noch dazu ausloosen müßten, — er wollte es mir nur verrathen, daß keiner von ihnen Allen auch nur ein einziges Mal satt geworden sei, seit sie an die Küste gekommen waren. Hungern müßten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandirt, sie müßten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Thiere, — nein, das wäre nicht zum Aushalten. Er für seinen Theil würde gern viele tausend Kronen bezahlen, wenn er wieder in der Heimath sein könne!

Ich erwiderte ihm, Kaffee hätten sie nicht bekommen, weil ihnen einerseits nichts versprochen wäre, und weil wir andererseits keine Zeit zum Kochen gehabt hätten. Ferner stellte ich ihm vor, was daraus werden würde, wenn wir Alle nach Herzenslust essen wollten, dann würden unsere Vorräthe wohl ungefähr bis zur Mitte von Grönland ausreichen, und dann sei es sicher zu spät, das Geschehene zu bereuen. Wir müßten redlich theilen wie Brüder, und was das Kommandiren anbeträfe, so müsse er doch wohl einsehen können, daß auf einer solchen Expedition nur ein einziger Wille herrschen könne.

Nein, er konnte nichts einsehen, er war und blieb untröstlich, daß ihn das Schicksal mit Menschen zusammengeführt habe, die so „fremde Sitten und Gebräuche hätten“, wie er sich ausdrückte. Was sich hier geltend machte, waren die nomadischen Gewohnheiten der Lappen und ihre Unfähigkeit, sich unterzuordnen, und dies kam trotz Baltos liebenswürdigen Charakters wieder und wieder, worüber man sich ja nicht wundern kann. Aber je länger wir zusammen waren, desto weniger blieb davon zurück.

Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß es niederdrückend war, gleich im Anfang auf so schwere Arbeit zu stoßen, wie wir sie an der Ostküste hatten, und von so kärglichen Rationen gedörrter Nahrungsmittel leben zu müssen. Unsere Mägen waren daran gewöhnt, gefüllt zu werden, und konnten sich schwer in diese zwar kräftige, aber wenig umfangreiche Kost finden. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, und dann ging es besser. „Es war das Bewußtsein, daß es genug war, was uns half,“ sagte Kristiansen, als er später in der Heimath gefragt wurde, ob er unterwegs satt geworden sei. Nein, satt sei er niemals gewesen. — „Das müsse aber doch ein unangenehmes Gefühl sein?“ — „Ach ja, besonders im Anfang, als wir nicht daran gewöhnt waren, aber dann versicherte uns Nansen, daß das Essen, das wir bekämen, ausreichend sei, und das half uns. Und wie Sie sehen können, hatte er vollständig Recht.“

Die Küste fing jetzt an, weniger steil zu werden, die Felsformationen waren abgerundeter. Wir kamen nun in die Gegenden, wo wir an ein Aufsteigen denken konnten, und nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte, denn selbst wenn uns hier ein Unglück zustoßen sollte, das unser Vordringen an der Küste verhinderte, so konnten wir doch von hier aus unsere Wanderung über das Inlandseis antreten. Die Hoffnung steigerte sich fast bis zum Uebermuth. Das vorzügliche Fahrwasser, das wir an jenem Abend hatten, und das herrliche Wetter trugen nicht wenig zur Erhöhung der Stimmung bei. Ebenso wie am vorhergehenden Abend stand am südlichen Himmel ein glänzendes Nordlicht; in langen, wogenden Bändern rollten die Strahlenbündel hin und her. Es flimmerte und brannte unruhig jagend, es war, als kämpften Schaaren mit glühenden Spießen, bald wichen sie zurück, bald stürmten sie wieder vorwärts, und plötzlich wie auf ein gegebenes Zeichen fuhren mächtige Strahlenbündel flammend und wechselnd durcheinander. Es war, als dringe ein ganzer Regen von glühenden Spießen auf einen bestimmten Punkt, die Krone, nahe am Zenith ein, dann erlosch abermals alles, damit das ganze, wechselnde Spiel wieder von vorne beginnen konnte. Die Eskimos knüpfen einen schönen Aberglauben an das Nordlicht, — sie glauben, daß es die Seelen der verstorbenen Kinder sind, die Ball im Himmel spielen.

In der Nacht schlugen wir unser Lager auf der Innenseite der Insel Kekertarsuak auf. Kaum hatten wir unser Zelt ausgespannt, als uns ein gewaltiges Getöse im Süden, in der Richtung vom Kap Moltke, aufschreckte. Es war, als könnten wir die Erde unter uns zittern vernehmen. Wir sprangen auf den nächsten Felsblock hinauf und schauten gen Süden, konnten aber nichts entdecken, — es war zu weit entfernt. Das Getöse hielt ungefähr zehn Minuten an, und es klang, als stürze eine ganze Felsmasse in die See hinab und verursache eine gewaltige Bewegung, so daß die Wellen bis zu uns hinauf gelangten und sich an Klippen und Riffen brachen. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß es ein kolossaler Eisberg war, der zusammenstürzte oder seine Lage veränderte, obwohl auch die Möglichkeit eines Bergrutsches nicht ausgeschlossen ist.

„Der lieblichste Fleck, den wir bis dahin in Grönland gesehen hatten.“
(Nach einer Photographie.)

Am folgenden Tage (8. August) versuchten wir in offenem Fahrwasser und bei herrlichstem Wetter auf der Innenseite der Insel bei Igdloluarsuk vorzudringen und über Kangerdlugsuak oder den Bernstorffs-Fjord zu gelangen, wurden aber nicht wenig überrascht, als wir das Wasser hier vollständig mit Gletschereis und anderem Eis angefüllt fanden, das bis hart an die Küste heran lag und jegliches Vordringen hemmte. Nachdem ich das der Küste zunächst liegende Vorgebirge der Insel Sagliarusek bestiegen und mich von hier aus vergewissert hatte, daß das Fahrwasser unpassirbar war, mußten wir wieder zurückrudern, um die Insel von außen zu umschiffen.[77] An der Südseite der Insel fielen uns im Innern der Bucht einige Steine auf, die nebeneinander aufgerichtet waren. Wir ruderten dorthin, um zu sehen, was das sei, und entdeckten nun den lieblichsten Fleck, den wir überhaupt bis dahin in Grönland gesehen hatten, eine kleine flache, grüne Wiese mit einem großen Süßwasserteich, in dem kleine Fische schwammen (es war mir nicht möglich, die Art zu bestimmen). Auf der einen Seite der Wiese lagen die Ruinen von Eskimohäusern, eine derselben war auffallend größer als die anderen. In und vor dem großen Hause fanden wir zahlreiche Menschenknochen, darunter den sehr wohl konservirten Schädel eines Eskimos, den wir mitnahmen. Diese Menschenknochen deuteten darauf hin, daß auch diese Ansiedelungen durch Hungersnoth zerstört waren. Wir beschlossen, an diesem Orte unser Leben ein wenig zu genießen, und obwohl es zu früh war, um unsere Mittagsmahlzeit zu verzehren, ein wenig zu rasten, uns in dem üppigen Gras auszustrecken und uns von der Sonne braten zu lassen. Die Eskimos hatten wohl gewußt, was sie thaten, als sie sich hier an diesem Ort niederließen, denn hier war ein vorzüglicher, wohlbeschützter Hafen mit einem guten Strand, auf den man die Fellböte mit Leichtigkeit hinaufziehen konnte, und dann vor allen Dingen diese lächelnde Natur! Die fünf flachen Steine, die am Strande aufgerichtet waren, und die zuerst meine Aufmerksamkeit erregten, blieben mir lange ein Räthsel; seit ich jedoch mit Kapitän Holm darüber gesprochen habe, scheint es mir annehmbar, daß es Frauenbootsstützen gewesen sind, d. h. Stützen, auf welche die Frauenböte zum Trocknen gelegt werden, und an die man sie während des Winters festbindet.

Uebrigens findet man auf diesen Inseln[78] viele Spuren menschlichen Wirkens. So fand ich auf mehreren Landzungen Warten oder, — wie ich glaube, — Ueberreste von Fuchsfallen.

Bei der äußersten Insel am Igdloluarsuk angelangt, fanden wir die Mündung des Fjordes so voll von gewaltigen Eisbergen, daß wir ins Meer hinausrudern mußten, um zu versuchen, ob das Fahrwasser dort besser sei. Eine Strecke dringen wir glücklich zwischen den Eisbergen hindurch, müssen aber bald innehalten. Von einer rasenden Strömung zwischen diesen Kolossen eingeklemmt, lagen die Eisschollen so fest, daß sie nicht aus der Stelle zu bewegen waren. Wir mußten wieder umkehren und noch weiter ins Meer hinausrudern.

Als wir an einen leicht zugänglichen Eisberg kamen, machten wir sofort den Versuch, ihn zu erklimmen, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu erhalten. Diese schwimmenden Kolosse nehmen sich von unten gesehen ganz imponirend aus, aber das ist doch nichts im Vergleich mit dem Eindruck von Größe, den man erhält, wenn man sich auf ihrem Gipfel befindet. Der Eisberg, den wir bestiegen, war verhältnißmäßig flach und bildete förmlich eine Hochebene von beträchtlichem Umfang. Dietrichsen sagt in seinem Tagebuch, daß man beinahe eine Viertelstunde braucht, um sie an der schmalsten Stelle zu durchqueren. Dort oben war der Schnee hart und das Terrain hügelig, ganz ungewöhnlich geeignet zum Schneeschuhlaufen. Der Eisberg war an dem höchsten Punkt sicher mehr als 70 m über dem Meeresspiegel. Bedenkt man nun, daß sich 6 bis 7 Mal so viel Eis unter dem Wasser befindet, so hat ein solcher Berg also eine Höhe von mindestens 400 m. Fügt man hierzu eine Breite von 1000 m oder mehr, so kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, welcher Art diese schwimmenden Eisklumpen sind, — und deren giebt es an der Küste entlang Hunderte und Tausende. Von dem Gipfel des Eisberges herab hatten wir eine herrliche Aussicht. Die Gegend um uns her glich einer Alpenlandschaft in Eis. Zwischen jedem Eisberg waren Schluchten, auf deren Grunde man die See sehen konnte. Gerade unter uns schlängelte sie sich wie ein schmales, dunkelblaues Band durch eine enge Rinne, die von zwei lothrechten, mehrere hundert Fuß hohen Eiswänden gebildet wurde.

Die Eisberge pflegen in zwei Formen zu erscheinen. Es hatte den Anschein, als seien sie auf zwei ganz verschiedene Weisen entstanden. Einzelne Berge sind an der Oberfläche wild zerklüftet, sind reich an Spalten, Rissen und Schluchten. Ihre Oberfläche gleicht derjenigen der Eisgletscher, die ins Meer hinausgedrängt werden. An ihrem bläulichen Aussehen und ihren unregelmäßigen Formen, kann man sie schon von weitem erkennen. Ihr Ursprung liegt klar auf der Hand —, sie stammen direkt von den obenerwähnten Gletschern. Dann aber hat man eine andere, weit prosaischere Form, und zu dieser gehörte der Eisberg, auf dem wir uns befanden. Diese Form wird durch kolossale Eisblöcke ohne jene zahlreichen blauen Schluchten und mit verhältnißmäßig glattpolirter Oberfläche und quer abgeschnittenen, lothrechten Seiten gebildet. Sie haben eine mehr weißlichblaue Färbung als die andere Art und machen einen weit solideren Eindruck. Man kann ruhiger an sie heranrudern, als an die anderen, denn es geschieht weit seltener, daß sich Stücke von ihnen ablösen und den Vorüberfahrenden auf den Kopf fallen. Obwohl sie mit ihrer ebenen Oberfläche völlig verschieden sind von den Gletschern, die ins Meer hinabstürzen, so finden sie sich doch ohne Frage am zahlreichsten vor. Man kann rechnen, daß man auf je einen der anderen Art fünf von diesen trifft.

Woher aber stammen diese Eisberge? Oder wie haben sie sich gebildet? Daß die Gletscher jemals so still und ruhig in die See hinabgleiten, ohne zahlreiche Risse und Spalten an der Oberfläche zu bilden, ist eine Unmöglichkeit. Auf der anderen Seite liegen ja diese Eisberge in den Fjorden direkt vor den Gletschern mit ihrer ziemlich zerklüfteten Oberfläche und müssen daher, eben so wohl als die Eisberge der anderen Art von ihnen herstammen.

Die einzig annehmbare Erklärung dieser Erscheinung ist meiner Ansicht nach der Umstand, daß beim Hinausgleiten die Oberfläche der Gletscher bei den einen nach oben gekommen ist, während die anderen sich entweder gleich beim Herabstürzen oder auch später gewendet haben, so daß sie mit dem abpolirten Fuß oder einer der ziemlich ebenen Bruchflächen in die Höhe ragen.

Zu unserer Freude bemerkten wir, daß sich hinter den Eisbergen offenes Fahrwasser befand, scheinbar so weit das Auge reichte, und nachdem wir uns über den Kurs geeinigt hatten, der uns sicher zu diesem Fahrwasser führen mußte, stimmten wir einen Siegesgesang an, und kehrten wieder in unsere Böte zurück, um mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen und das verlockende Fahrwasser zu erreichen, ehe das Eis sich verdichtete, was bei den wechselnden Strömungen, die hier herrschen, schnell geschehen kann. Wir hatten wenig Lust, die Nacht zwischen diesen launenhaften Eiskolossen zu verbringen.

So schnell unsere Ruder uns befördern konnten, gings gen Norden durch die engen Rinnen, wo wir nichts als das tiefblaue Wasser mit einzelnen Eisschollen unter uns, hohe Eiswände zu beiden Seiten und einen kleinen Streifen blauen Himmels über uns erblickten.

Obwohl mächtige Eisberge mehrmals um uns her zusammenstürzten oder kenterten, das Wasser wild aufpeitschend und die Luft mit ihrem gewaltigen Getöse erschütternd, so kamen wir doch unbeschädigt durch die großen Eismassen, die weit nach Norden hinauf vor der Fjordmündung lagen. An einer Stelle mußten wir, um vorwärts zu kommen, durch einen Hohlweg gehen, der quer durch einen großen Berg führte und wo das schmelzende Wasser unaufhörlich auf uns herabrieselte. Ob diese große Menge von Eisbergen aus dem Bernstorffsfjord herrührte, war nicht zu entscheiden und ist auch kaum anzunehmen, obwohl aus diesem Fjord die größten der an der Ostküste befindlichen Eismassen stammen.

Nachdem wir wohlbehalten am Kap Mösting vorüber und durch die schlimmste Eisberggegend hindurch gekommen waren, übernachteten wir auf einer kleinen Schere (63° 44′ N. Br., 40° 32′ W. L.). Da wir dort keinen so großen, flachen Platz fanden, daß wir unser Zelt aufschlagen konnten, legten wir uns in unseren Schlafsäcken auf den Felsen. Gerade gegenüber auf dem Festlande befand sich ein Vogelberg mit Blaumöven, die während der ganzen Nacht einen solchen Lärm machten, daß wir es im Schlafe hörten und sie sich in unsere Träume hineindrängten. Zur Strafe dafür machte ich am nächsten Morgen eine Visite drüben, die mehreren von ihnen das Leben kostete und uns einen guten Proviant für die Küche lieferte, in der wir jetzt allerlei noch nicht verwendetes Wild hatten. Besonders die jungen Blaumöven, die eben flügge waren, sind eine vorzügliche Speise.

Wir waren jetzt in eine Gegend gekommen, wo wir fast überall mit ziemlicher Leichtigkeit auf das Inlandseis hinaufgelangen konnten. Dort waren nach innen zu viele Nunataks (d. h. Berggipfel oder Felsmassen, die über die Oberfläche des Eises emporragen). Der allgemeinen Annahme der Grönlandsreisenden zufolge soll das Eis um diese Felszacken herum uneben und zerklüftet sein. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn die Nunataks aus Gletschereis hervorragen, das sich in starker Bewegung befindet, in diesem Falle bieten sie dem Eise einen Widerstand, gegen den es gedrängt und gepreßt wird. An anderen Stellen dagegen — glaube ich — machen die Nunataks das Eis eher eben, indem sie es gleichsam festhalten und die gleitende Bewegung desselben, die diese Unebenheiten und Risse verursacht, verhindern. Es lag jedoch für uns kein Grund vor, das Inlandeis schon hier in Angriff zu nehmen, da das Fahrwasser bis nach Umivik hinauf offen zu sein schien, und von hier aus war die Entfernung bis nach Kristianshaab bedeutend geringer.

Gegen Norden in offenem Fahrwasser zwischen Eisbergen. 9. August.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

In immer mehr offenem Wasser setzten wir die Reise gen Norden fort, während rings um uns her an allen Ecken und Kanten Eisstücke herabstürzten, bald von den Gletschern, bald von den Eisbergen.

Gegen Abend hatten wir ein merkwürdiges Erlebniß. Gerade als wir zwischen einigen Eisbergen beschäftigt sind, zwei Eisschollen auseinander zu sprengen, ertönt ein furchtbares Getöse, und ein großes Stück des an der Backbordseite gelegenen Eisberges stürzt herab und zertrümmert zum Theil die eine Eisscholle, auf der wir stehen, wühlt einige mächtige Wogen auf und schafft uns das beste Fahrwasser, das wir nur wünschen können. Hätten wir ein paar Minuten früher den Weg eingeschlagen, den wir ursprünglich beabsichtigten, so wären wir wohl zertrümmert worden. Dies war das dritte Mal, daß uns dies begegnete.

Aussicht gegen Norden von unserem Schlafplatz an Kangerajuk.
(Nach einer Photographie.)

Auf einer kleinen Insel Kekertarsuatsiak vor dem Krumpensfjord, wo wir unser Mittagsessen verzehrten, begab ich mich auf den Gipfel, der sehr hoch war und von wo ich eine köstliche Aussicht über das nördliche Fahrwasser hatte, das offen und fast ganz frei von Treibeis zu sein schien, wenigstens so weit das Auge reichte, bis nach Umivik. Gletschereis und Eisberge waren ziemlich zahlreich vorhanden, besonders vor dem Gyldenlöves-Fjord und der Kolberger-Heide schienen viele Eisberge zu liegen. Die hohen Berge bei Umivik, besonders der kegelförmige Kiatak, der unser Ziel war, schienen ganz nahe zu liegen, doch mußte die Entfernung nach der Karte noch sieben Meilen betragen. Dies verschwieg ich den Gefährten, welche glaubten, daß wir noch vor Hereinbruch der Nacht dorthin gelangen könnten, weswegen sie aus Leibeskräften ruderten.

Wir segeln am letzten Tage unserer Seereise. 10. August.
(Von B. Bloch nach einer Augenblicks-Photographie.)

Am Abend gelangten wir an eine Landzunge, Kangerajuk an der Kolberger-Heide, wo sich zwischen zwei mächtigen Gletschern ein wenig freies Land befand (64° 4′ N. Br., 40° 34′ W. L.). Hier konnten wir unsere Böte heraufziehen, einen Platz für unser Zelt fanden wir jedoch nicht, weswegen wir uns wie in der vorhergehenden Nacht in unseren Schlafsäcken an zwei Stellen hinlegten, wo wir gerade genügende Fläche fanden, um liegen zu können. Da während der Nacht starker Thau fiel, war unser Schlaf von ziemlich feuchter Beschaffenheit, — von den Gletschern herab und von den vielen Eisbergen rings um uns her ertönte ein ununterbrochenes Getöse, das durch Hinausgleiten und Zusammenstürzen des Eises hervorgerufen wurde.

Früh am nächsten Morgen — den 10. August — wurde ich durch einen Raben geweckt, der mir von einem Bergkamm gerade über uns einen Morgengruß zusandte, und da der herrliche Sonnenschein zu verlockend war, schleiche ich ganz unbemerkt aus dem Sack und mache eine photographische Aufnahme von der Landschaft, einen mächtigen vorspringenden Arm des Gletschers auf der Kolberger-Heide im Hintergrunde und meine beiden Schlafgenossen, Sverdrup und Dietrichson, noch in tiefem Schlummer im Vordergrunde. Ich hoffe, sie werden es mir verzeihen, daß sie auf diese Weise, ohne es zu wissen, auf ihrem keuschen Lager liegend dargestellt werden. In der Ferne erblickt man auf dem Bilde den kegelförmigen Kiatak.

Wir hatten das herrlichste Wetter und ganz eisfreies Fahrwasser, das beste, das uns bis dahin vorgekommen war; mit schneller Fahrt ging es nun unserem Ziel entgegen. Unser Mittagsmahl nahmen wir auf höchst angenehme Weise ein, indem von Süden her eine schwache Brise wehte, so daß wir unsere Segel aufsetzten und uns Muße zum Essen lassen konnten. Ich bin niemals auf einen Felsen zugerudert, der mir so hartnäckig vorgekommen ist, wie dieser Kiatak — 800 m hoch. Wir hatten ihn nun zwei Tage lang gesehen und doch schien er uns noch immer gleich fern zu liegen. Mit Hülfe von Rudern und Segeln schienen wir ihn jedoch endlich bewältigen zu sollen, aber da kam der Seenebel. Ehe alles um uns her verhüllt war, waren wir aber so nahe herangekommen, daß wir sehen konnten, wo wir landen mußten, und unser Peilen mit dem Kompaß aufnahmen.

[77] Oben auf dem Gipfel dieses Vorgebirges fand ich ein niedergerissenes Bauwerk, aus einigen quer übereinanderliegenden Steinen bestehend, die einen länglichen Raum bildeten. Obwohl die Fuchsfallen der Eskimos in der Regel nicht ganz in dieser Weise gebaut werden, glaube ich doch, daß dies die Trümmer einer solchen waren.

[78] Die große Insel, die auf Holms Karte angeführt ist, ist nicht eine einzige Insel, sondern eine schmale Meerenge theilt sie in zwei Inseln, von denen die äußere die kleinere ist.