Kapitel XXII.
Die Seereise in dem „halben Boot“. Die Ankunft in Godthaab.

Am nächsten Morgen, den 29. September, trugen wir das Boot über das angeschwemmte Land an die See. Mit der Last durch den zähen Lehm zu stampfen, war ein schlimmeres Stück Arbeit, denn je, — die Füße versanken, sogen sich fest und gaben bei jedem Schritt ein Geräusch von sich wie der Stempel in einer Luftpumpe. Endlich erreichten wir das Ufer und legten das Boot hin, um zurückzugehen und die anderen Sachen zu holen. Hier draußen waren Unmengen von Möven, — wir hatten uns schon auf das frische Fleisch gefreut, leider aber hielten sie sich in einer allzu ehrerbietigen Entfernung. Zu unsern Sachen zurückgekehrt, fanden wir, daß wir jetzt mehr als genug von dieser Lehmstampferei hatten. Wir beschlossen deshalb, den Versuch zu machen, den Rest über das unebene Terrain zu tragen.

Als ich wieder zu unserm Boot zurückkam, sah ich es weit draußen auf der See schwimmen. Das Wasser war inzwischen gestiegen und hatte den ganzen äußeren Theil des aufgeschwemmten Landes überfluthet. Glücklicherweise war Sverdrup, obwohl wir uns so weit vom Ufer befanden und ganz sicher zu sein glaubten, so vorsichtig gewesen, das Boot an einem Stock zu befestigen, den er in den Lehmboden einbohrte. Während ich unsere Sachen bis an eine Landzunge trug, die weit in die See hinausreichte, watete Sverdrup bis an das Boot und ruderte es bis zu demselben Punkt, und so war denn endlich nach fast 24stündigen Anstrengungen auch dies Hinderniß glücklich überwunden, und wir hatten das offene Fahrwasser erreicht.

Wir verzehrten unser Mittagessen und traten unsere erste Seereise an, deren Ziel nichts Geringeres war, als die nördliche Seite des Fjordes, wo wir uns am Lande entlang zu halten beabsichtigten. Zu unserer Freude bemerkten wir jetzt, daß das Boot nicht ganz so schwer zu rudern war, wie wir erwartet hatten. Man konnte zwar nicht sagen, daß unsere Fahrt besonders schnell von statten ging, aber wir kamen doch vorwärts und erreichten das jenseitige Ufer unserer Ansicht nach in ziemlich kurzer Zeit. Dichtigkeit gehörte freilich nicht zu den Tugenden unseres Fahrzeuges, es leckte dermaßen, daß wir das Wasser ungefähr alle zehn Minuten mit unsern Bechern ausschöpfen mußten.

Die Bucht, die sich vor uns ausbreitete, war in unsern Augen ganz ungewöhnlich schön. Ein liebliches, stilles Thal, umgeben von langgestreckten, braunen Weideplätzen und runden, niedrigen Hügeln, erstreckte sich bis an das Ufer. Es war ein Land, das sich ganz vorzüglich zur Rennthierjagd eignen mußte. Alles, was wir mit Nahrung und mit Jagd in Verbindung setzen konnten, interessirte uns am meisten. Der poetische Leser muß es uns nicht verargen, wenn wir diesen Maßstab an die Natur legten.

So ruderten wir denn an Ameragdlas[42] steiler Nordseite entlang und landeten am Abend an einem Punkt, wo wir das Boot aufziehen und einen Schlafplatz finden konnten, was sich nicht überall machen ließ. Wir waren an diesem Tage nicht weit gekommen, aber waren doch zufrieden, uns wieder einmal auf der See tummeln zu können. Den größten Genuß gewährte es uns jedoch, daß wir jetzt nach einer 46tägigen Fastenzeit, in der wir ausschließlich von gedörrten Nahrungsmitteln gelebt hatten, endlich nun wieder frisches Fleisch essen, und zwar uns darin satt essen konnten. Während unserer Bootstour hatte ich sechs von den großen Blaumöven (Larus glaucus) geschossen.

Jagd auf Möven vom Segeltuchboote aus. (Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Wir beschlossen, für Jeden von uns zwei dieser großen Vögel zur Nachtkost zu kochen. Sie wurden von Haut und Federn befreit, zu zweien in den Kessel mit kochendem Wasser über das Feuer gesetzt und so wenig wie möglich gekocht. Sverdrup wurde später einmal gefragt, ob wir sie ausgenommen hätten: „Ach, das weiß ich wirklich nicht,“ erwiderte er. „Ich sah wohl, daß Nansen etwas ausnahm, wahrscheinlich waren es die Gedärme.“ — Ob sie denn geschmeckt hätten? — „Ja, — etwas Besseres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen.“

Wir zerlegten die Vögel mit Zähnen und Händen, so gut und so schnell wir vermochten. Es währte auch nicht lange, bis die ersten Vögel mit Kopf, Füßen und allem verschwunden waren. An die zweite Portion gingen wir mit größerer Ruhe heran, wir hatten mehr Genuß davon und tranken von der Suppe dazu. Die Sprache hat keine Ausdrücke, um das Wohlsein der beiden Wilden zu beschreiben, die an jenem Abend an dem nördlichen Ufer des Ameragdlas saßen und mit den Händen in den Kochtopf langten, während der Schein des Feuers fast durch ein ungewöhnlich strahlendes Nordlicht verdunkelt wurde. Der ganze Himmel stand in Flammen, im Süden wie im Norden zuckte es hell auf; plötzlich aber war es, als wenn ein gewaltiger Wirbelsturm über den ganzen Himmel hinzog und alle Flammen vor sich hertrieb, sie am Zenith zu einer wirbelnden Feuermasse vereinend. Das Auge wurde fast davon geblendet. Dann legte sich der Sturm, das Licht schwand mehr und mehr, und schließlich flatterten nur noch einzelne matte Lichtnebel über die Sternenwölbung hin, die in ihrem früheren Glanz funkelte. Und abermals stand man ganz verwundert da. Ein ähnliches Nordlicht habe ich niemals, weder früher noch später gesehen. Und dort unten zu unsern Füßen lag der Fjord, kalt und leidenschaftslos.

Am nächsten Tage (30. Septbr.) ging es nicht so gut mit unserm Boot wie am ersten. Am Vormittage erhob sich ein widriger Wind, der schließlich derartig stürmte, daß wir — statt vorwärtszukommen — zurückgetrieben wurden, und unsere kleine Nußschale von Boot derartig auf den Wellen schaukelte, daß es aussah, als ob wir rettungslos umkippen mußten. Unser Boot war jedoch äußerst seetüchtig, kein Wassertropfen kam zu uns herein, — natürlich mit Ausnahme der Unmengen, die durch den Segeltuchboden eindrangen. Es war ein schweres Stück Arbeit, gegen den Wind zu rudern. Wir zogen deswegen unser Boot ans Land, schliefen ein wenig und warteten, bis der Wind sich gegen Abend gelegt hatte. Dann setzten wir unsere Reise fort. Es währte nicht lange, bis wir an die Landzunge „Nua“ kamen, wo der Itivdlek-Fjord, ein Arm des Ameralik-Fjords, nördlich in das Land schneidet.

An dem schönen, stillen Abend setzten wir über den Fjord, und bei hereinbrechender Dunkelheit erreichten wir das Vorgebirge auf der Südseite. Hier gingen wir an Land, um ein wenig zu Abend zu essen, aber wir fanden kein Brennmaterial und kein Wasser und mußten uns deshalb mit kalter, trockener Kost begnügen, was ja übrigens nichts Neues für uns war. Wir hatten die Absicht gehabt, während der Nacht weiter zu rudern, aber von Westen her, über der wilden Gebirgslandschaft mit dem steilen, scharf geschnittenen Felsgipfel an der Nordseite des Fjords zogen unheilverkündende Gewitterwolken auf. Es wurde so dunkel, daß nicht daran zu denken war, nach der Nordseite hinüberzurudern, wie wir anfänglich beabsichtigt hatten. Deshalb beschlossen wir, das Boot ans Land zu ziehen und ein wenig zu schlafen, vielleicht würde der Mond später aufgehen. Als wir das Boot hinauftragen wollten, hatte Sverdrup das Unglück, ins Wasser zu fallen, was nicht sehr angenehm ist, wenn man sich schlafen legen will und kein trockenes Zeug zum Wechseln hat.

Das Wetter wurde nicht besser, und wir schliefen bis an den hellen Morgen (1. Oktober), der mit strahlendem Sonnenaufgang und einer schwachen, günstigen Brise anbrach.

Am Vormittag kamen wir an die Nordseite des Fjords hinüber, wo wir an Land gingen und uns ein solides Mittagessen mit 2 Möven pro Mann samt einer Suppe bereiteten, die wohl kaum je ihresgleichen gesehen hat. Wir verkochten Erbsen und Brot in der Mövenbrühe, die so stark war, daß wir förmlich fühlten, wie unsere Kräfte wuchsen, während wir die Suppe literweise zu uns nahmen. Wir aßen uns satt und froh. An dieser Stelle, wo wir gelandet waren, wuchsen unglücklicherweise Unmengen von Krähenbeeren (Empetrum nigrum). Es war ganz natürlich, daß wir zum Dessert davon aßen. Sie schmeckten unbeschreiblich erquickend, Obst ist gesund, wir hatten es lange entbehren müssen, und infolgedessen aßen wir, anfangs stehend, dann sitzend, und als auch das nicht mehr gehen wollte, legten wir uns hin, und nun konnten wir es unglaublich lange aushalten. Als wir landeten, war es ganz windstill gewesen, aber während wir aßen, erhob sich ein starker Nordwind, der gerade auf den Fjord stand, so daß wir nicht daran denken konnten, den Kampf gegen Wind und Wetter aufzunehmen. Wir mußten liegen bleiben, wo wir waren, und fuhren mit dem Verzehren der Krähenbeeren fort. Schließlich waren wir so faul, daß wir sie nicht mehr mit den Händen, sondern, auf dem Bauche liegend, die Beeren mit dem Munde pflückten. Dann schliefen wir so, wie wir lagen, ein und schliefen bis zum Abend; als wir aber die Augen aufschlugen, hingen uns die Beeren groß, saftig und blauschwarz vor dem Mund. Natürlich aßen wir wieder, bis wir abermals einschliefen. Wenn die Behauptung begründet ist, daß die Unmäßigkeit zu den größten Sünden gehört, so werden wir Beide, die wir an jenem Tage am Ameralikfjord Krähenbeeren aßen, eine entsetzliche Strafe zu verbüßen haben. Merkwürdigerweise folgte sie nicht gleich auf dem Fuße, — dazu waren unsere Magen wohl in zu guter Ordnung.

Unser Rastplatz am Morgen des 1. Oktober.
(Nach einer Photographie.)

Um Mitternacht flaute der Wind ab, und ich weckte Sverdrup, der sich am Abend trotz des unmäßigen Beerengenusses doch so viel hatte rühren können, daß er Holz sammelte und Wasser für eine eventuelle Nachtmahlzeit holte. In aller Eile kochten und aßen wir. Um 1 Uhr saßen wir im Boot und konnten nun mit frischen Kräften darauf los rudern. Schnell glitt unser Boot in der rabenschwarzen Nacht unter den steilen Felswänden an der Küste entlang. Das Meerleuchten glühte so stark, daß es unter südlichen Himmelsstrichen nicht heller leuchten kann. Unsere Ruder glichen geschmolzenem Silber, und wenn sie das Wasser berührten, so glitzerte und funkelte es bis in die Tiefe hinein mit phosphorartigem Glanz.

An diesem Tage schien es fast, als wenn das Glück uns günstig sei, und in der Beziehung waren wir nicht sehr verwöhnt. Wir hatten gutes Wetter ohne Wind.

Gegen Morgen hörten wir an einer Stelle, wo wir Rast machten, Unmengen von Schneehühnern gerade über uns im Heidekraut gackern. Wir hätten sie mit Leichtigkeit schießen können. Das Jägerblut in mir kochte, aber wir fanden, daß wir keine Zeit hatten, deswegen anzulegen; so bewiesen wir denn die heroische Charakterstärke, diesen köstlichen Leckerbissen den Rücken zu wenden und weiter zu rudern.

Den ganzen Vormittag setzten wir unsere Fahrt ohne Unterbrechung fort. An der ganzen Küste entlang fiel das Ufer so steil in die See ab, daß sich eine Landung nur an sehr wenigen Stellen hätte bewerkstelligen lassen. Gegen Mittag näherten wir uns zu unserer Ueberraschung der Mündung des Fjords. Da wir hier ein Vorgebirge mit einem schönen, flachen Strand fanden, machten wir Halt. Unser Entzücken, so weit gekommen zu sein, kannte keine Grenzen. Es konnte gar nicht mehr weit bis nach Godthaab sein, und in dieser Veranlassung bereiteten wir uns ein Mittagsmahl, das die Mahlzeit des vorhergehenden Tages noch bei weitem übertraf. Ich erinnere mich, daß wir infolge dieser Mahlzeit große Schwierigkeiten hatten, wieder in unser Boot zu kommen, und ich mußte alle Kräfte aufbieten, um mich vorüberbeugen und zu den Rudern greifen zu können.

Zu unserer Ueberraschung bekamen wir jetzt auch günstigen Wind, und es ging am Nachmittag trotz unserer vollen Magen ziemlich schnell vorwärts. Der einzige dunkle Punkt in unserm Dasein waren die schmalen Stöcke, auf denen wir statt auf Ruderbänken saßen. Ein gewisser Theil des Körpers schmerzte derartig, daß ich wünschte, ihn entbehren zu können. Das Glück ist hier auf Erden selten ganz ungetrübt.

So kamen wir denn aus dem Fjord heraus, und in den Strahlen der untergehenden Sonne sahen wir das Meer, die vielen größern und kleinern Inseln vor uns liegen. Die weichen, gesättigten Farbentöne des Himmels spiegelten sich im Meere wieder, das die dunklen Inselchen und Scheeren umwogte. Es sah aus, als schwebten sie frei in einem dunkelglühenden Himmelsraum. Wir hielten mit dem Rudern inne — ein Gefühl der Heimath überkam uns. Genau so liegen die wetterzerklüfteten Inseln daheim im Meere! Der aufspritzende Meeresgischt, der liebkosende Sonnennebel umgiebt sie und dahinter erhebt sich das Land, erstrecken sich die Fjorde. Kein Wunder, daß unsere Vorfahren sich von diesem Lande angezogen fühlten.

Nach Godthaab. (Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)

Wir ruderten aus allen Kräften bis in den Abend. Da aber die Strömung uns direkt zuwider war, mußten wir schließlich auf einer Landzunge landen. Die Uhr war jetzt ungefähr 9, und mit Ausnahme eines kurzen Frühstücks und eines kaum längeren Mittagessens hatten wir nun seit 20 Stunden auf unseren Marterbänken gesessen. Ich kann nicht leugnen, daß es ein wahrer Hochgenuß war, die Glieder auf einer breiteren Grundlage auszustrecken.

Wenn die Mittagsmahlzeit lukullisch gewesen, so war das Abendessen es nicht minder. Zum erstenmal, seit wir den „Jason“ verlassen hatten, aßen wir uns nach Herzenslust satt in Brot, Butter und Leberpastete. Besonders der Butter sprachen wir tüchtig zu. Und zum Dessert gab es so viel Fleischpulverschokolade, wie wir nur essen mochten, und das will etwas sagen. Wir machten ausfindig, daß die Tafeln, fett mit Butter bestrichen, ganz vorzüglich schmeckten. Dazu tranken wir Wasser mit Zucker und Zitronensaft und thaten alles, was in unsern Kräften lag, damit nichts von alledem, womit wir nun so lange gegeizt hatten, zu Menschen kommen sollte, für die es völlig werthlos war, denn das wäre doch zu ärgerlich gewesen.

Zum letztenmal — ehe wir zu Menschen und zu Luxus gelangten — genossen wir den wunderbaren Abend. Während wir dort auf dem Berge unter dem sternhellen Himmel saßen, hatten wir ein Gefühl, als wenn wir Abschied von dieser Natur und diesem Leben nehmen sollten, in das wir uns nun so hineingelebt hatten, und das uns so vertraut geworden war.

Unsere Reise war nun bald beendet, es hatten sich uns viel Mißgeschick und viele unerwartete Hindernisse in den Weg gestellt, aber wir waren doch glücklich über alles hinweggekommen. Wir hatten uns einen Weg durch das Treibeis am Ufer wie über das Inlandseis gebahnt, waren trotz widrigen Winden in unserem gebrechlichen Boot über den Fjord gelangt, wir hatten harte Kämpfe zu bestehen gehabt und große Entbehrungen erduldet, bis wir an das Ziel gekommen waren, dem wir uns jetzt so nahe sahen, — und welche Gefühle bewegten uns jetzt? Waren es die des glücklichen Siegers? Für meine Person muß ich diese Frage mit „Nein“ beantworten. Es war mir nicht möglich, ein anderes Gefühl als das des Gesättigtseins zu empfinden, und das war ja recht gut, aber das Ziel, — nein, auf das hatten wir zu lange gewartet, das kam zu wenig unvorbereitet.

Wir krochen in unseren Pelzen auf einem Heidefleck am Bergabhang zusammen und schliefen in dieser letzten Nacht, die wir unter freiem Himmel verbrachten, so gut wie seit langer Zeit nicht.

Es war bereits spät am Tage (den 3. Oktober), als wir endlich erwachten. Der Wind hatte schon eine ganze Weile an dem Sund entlang auf Godthaab zu gestanden und uns an die Arbeit gerufen, aber endlich hatten wir einmal keine Eile, wir konnten ausschlafen, wir kamen noch immer früh genug ans Ziel.

Wir verzehrten unser Frühstück mit der ehrlichsten Absicht, dem Proviant, den wir noch hatten, ein Ende zu machen; wir aßen Brot und Leberpastete und hieben mächtig auf Butter und Schokolade ein, aber wir mußten es schließlich aufgeben und in See stechen. Später am Vormittag gelangten wir an ein Vorgebirge, südlich von Godthaab, wo wir mehrere Eskimohütten und ein großes europäisches Haus erblickten. Wie wir späterhin erfuhren, war es Neu-Herrnhut, eine der Stationen, welche die deutsche Herrnhut-Mission in Grönland errichtet hat.

Als sich plötzlich ein starker ungünstiger Wind erhob, beschlossen wir über Land bis nach Godthaab zu gehen und richteten den Kurs unseres kleinen Troges dem Lande zu, wo schon eine ganze Schar von Eskimos, hauptsächlich alte Weiber, aus den Häusern gestürzt kamen und an den Strand liefen. Hier scharten sie sich unter Geschrei und Geschwätz zusammen und machten genau dieselben eigenthümlichen Gebärden, von denen wir schon eine Menge an der Ostküste kennen gelernt hatten. Für uns war der Unterschied nur gering, das gleiche Aussehen, die gleiche Häßlichkeit, die gleiche fettglänzende Freundlichkeit.

Sobald wir landeten, versammelten sie sich um uns, halfen uns, die Sachen hinauf zu tragen und das Boot an den Strand zu ziehen, was alles unter ohrenbetäubendem Geplapper, Lachen und verwunderten Ausrufen über uns beide armen Menschen, die in einem halben Boot kamen, vor sich ging. Dieser Name für unser gebrechliches Boot war ganz bezeichnend; es war dem Vordertheil eines Bootes ganz ähnlich. Während wir dastanden und acht auf unsere Büchse und andere werthvolle Dinge gaben, ohne an alle die vielen Menschen um uns her zu denken, die wir ja nicht verstanden, erblickten wir einen jungen Mann, der auf uns zukam. Er trug gewissermaßen grönländische Kleider, hatte aber eine Tam’o-Shanta-Mütze auf dem Kopfe und besaß ein hübsches, blondes Gesicht, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit den Eskimos hatte. Man konnte sich nicht irren, — es mußte ebenso wie die ganze Erscheinung aus dem guten alten Kopenhagen importirt sein. Er trat an uns heran und begrüßte uns, ich erwiderte seinen Gruß. Dann fragte er: „Do you speak English?“ Der Accent verrieth die dänische Zunge, so daß mich diese Frage gewissermaßen in Verlegenheit versetzte, denn ich fand, daß wenig Grund vorhanden war, die Unterhaltung auf Englisch fortzusetzen, wenn wir uns unserer Muttersprache bedienen konnten. Glücklicherweise fragte er, noch ehe ich antworten konnte: „Are you Englishmen?

Hierauf antwortete ich in gutem Norwegisch: „Nein, wir sind Norweger!“ — „Darf ich nach Ihrem Namen fragen?“ — „Mein Name ist Nansen, und wir kommen über das Inlandseis.“ — „Ach, dachte ich’s doch, darf ich Ihnen dann zu Ihrem Doktorgrad gratuliren!“

Das Erste, wonach ich fragte, war das Schiff nach Dänemark, und ob es schon fort sei? — Ja, das letzte Schiff hatte Godthaab vor zwei Monaten verlassen, und jetzt könnten wir keine Schiffe mehr erreichen. Die einzige Möglichkeit sei, daß man den „Fox“ in Ivigtut einhole, aber der solle Mitte Oktober abgehen und es seien siebzig Meilen bis dahin. Diese Aussichten waren sehr wenig tröstlicher Natur. Die Hoffnung, das Dampfschiff nach Europa zu erreichen, hatte uns über das Inlandseis vorwärts getrieben, der Gedanke an das Schiff hatte uns unablässig im Kopfe gespukt und uns keinen Augenblick unser Dasein genießen lassen. Wir hatten uns damit getröstet, daß wir auf der Heimfahrt alles nachholen könnten, und jetzt — wo wir glücklich soweit waren — hatte das Dampfschiff Godthaab bereits verlassen, ehe wir unsere Eiswanderung antraten. Ein ganzes Luftschloß von schönen Hoffnungen war mit einem Schlage ins Meer versunken. Besonders für die andern war es schlimm, die Freunde und Verwandte, ja selbst Frau und Kinder hatten, nach denen sie sich sehnten, und die so oft davon geredet hatten, wie herrlich es sein würde, wenn sie nun bald nach Hause kämen! Sie sollten einen langen Winter und einen ganzen Frühling warten, während ihre Lieben in der Heimath sie längst für todt hielten. Das durfte nicht geschehen, — so schnell wie möglich mußte eine Post an den „Fox“, unser letzter Rettungsanker, entsandt werden. Während wir hierüber sprachen, kam noch ein zweiter Europäer hinzu; es war der Herrnhuter Missionar, Herr Voged. Er begrüßte uns sehr freundlich, hieß uns willkommen und ließ uns nicht, ohne uns zum Eintreten einzuladen, an seiner Thür vorübergehen.

Er wohnte in dem kirchenähnlichen Gebäude, das sowohl als Kirche wie als Missionshaus diente. Es war eine Veränderung, unsern Fuß wieder in ein civilisirtes Heim zu setzen. Die einfache Ausstattung der Wohnung dieses frommes Mannes erschien uns wie der größte Luxus, — auf einem Stuhl zu sitzen war für uns allein eine Wonne und ganz wunderbar war es, wieder an einem Tisch mit schneeweißem Gedeck zu essen, sich weißer Steingutsteller wie Messer und Gabeln zu bedienen. Ob es uns schmeckte? So unbedingt kann ich das nicht behaupten. Es hatte uns ganz vorzüglich geschmeckt draußen am Feuer, — und es hatte ein eigenartiger Reiz darin gelegen, die Möven mit den Zähnen und den Fingern zu zerlegen, ohne Teller, Messer und Gabeln, ohne alle Ceremonien.

Während wir aßen, kam Pastor Balle aus Godthaab und ein wenig später der Arzt des Oertchens, Dr. Binzer. Das Gerücht von unserer Ankunft war schon bis zur Kolonie gedrungen, da waren die beiden Herren gleich hinausgeeilt, um uns herzlich willkommen zu heißen.

Nun entstand ein Fragen und ein Erzählen über die Reise, man lauschte uns mit dem lebhaftesten Interesse. Dann brachen wir auf und nahmen Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthen.

Groß war unsere Verwunderung, als wir wieder ins Freie kamen und sahen, daß es regnete. Wir waren also vom Glück begünstigt gewesen und hatten die menschlichen Wohnungen rechtzeitig erreicht. In unserem kleinen Trog würde der Regen eine sehr unangenehme Zugabe gewesen sein.

Nachdem man uns versprochen hatte, unser Boot und unser Gepäck sicher zu befördern, zogen wir in einem wahren Platzregen über die Hügel gen Godthaab.

Endlich kamen wir an einen Bergabhang, und nun lag die ganze Kolonie zu unsern Füßen. Es waren nicht viele Gebäude, — etwa vier bis fünf europäische Häuser, eine hochgelegene Kirche und eine Reihe grönländischer Hütten. Der ganze kleine Ort lag in einer Thalsenkung an einer kleinen freundlichen Bucht. Die dänische Flagge wehte von der hohen Flaggenstange oben auf dem an der Bucht gelegenen Flaggenberg. Ringsumher wimmelte es von Menschen, alles war auf den Beinen, um die räthselhaften Inlandsmenschen zu sehen, die in dem halben Boot gekommen waren.

Und dann ging’s bergab. Kaum waren wir in die Nähe der Häuser gekommen, als ein Kanonenschuß über die See hinrollte, ein zweiter folgte und ein dritter, — ein donnernder Salut. Unter Kanonendonner hatten wir Abschied von der Civilisation genommen, unter Kanonendonner zogen wir wieder in die civilisirte Welt ein, denn dazu muß man die Westküste von Grönland rechnen. Man hätte glauben sollen, daß wir sehr kriegerisch gesinnte Individuen seien. Wie viele Schüsse abgefeuert wurden, kann ich nicht sagen, aber eine ganze Menge waren es jedenfalls. Die kleinen Menschen dort oben bei der Flaggenstange hatten ihre liebe Mühe zu putzen und zu laden, während wir uns den Häusern näherten, vor denen sich die Grönländer und Grönländerinnen versammelt hatten, und wo sie in langen Reihen zu beiden Seiten des Weges standen. Sie nahmen sich sehr hübsch aus in ihren malerischen Trachten, besonders die Frauen. Lächeln und Freundlichkeit strahlte uns aus allen Gesichtern entgegen. Es war, als läge heller Sonnenschein über dem Leben.

Aber da kommen die Europäerinnen — die vier dänischen Damen der Kolonie —, die uns entgegengegangen waren. Wir wurden vorgestellt. Es war ganz sonderbar zwischen all diesen mit Pelzen und Beinkleidern angethanen Schönen einmal wieder Frauenröcke zu erblicken.

In der Direktorialwohnung, wo die Frau des Hauses uns in ihrem und in ihres Mannes Namen herzlich willkommen hieß, wurde ein Glas auf unsere glückliche Ankunft geleert, worauf uns der Doktor zu Mittag um vier Uhr einlud.

Bolette, Grönländerin von gemischter Abstammung aus Godthaab.
(Von Inspektor C. Ryberg nach einer Photographie.)

Es war noch lange bis dahin, aber wir konnten die Zeit gut gebrauchen, um uns zu waschen und Toilette zu machen. Zu dem Zweck wurden wir in Baumanns Zimmer geführt. Dies kleine gemüthliche Dachzimmer in der Direktorialwohnung machte einen unvergeßlichen Eindruck auf mich. Eine Spieldose spielte uns „die letzte Rose“ vor. Wie erschraken wir aber, als wir unsere eigenen schmutzigen wettergebräunten Gesichter in einem Spiegel erblickten! Wir sahen gerade nicht salonfähig aus nach unserer langen Enthaltsamkeit in Bezug auf Waschen und Wechseln von Kleidungsstücken.

Es war ein unbeschreiblich wohlthuendes Gefühl, den Kopf ganz in das Waschbecken stecken und eine gründliche Wäsche vornehmen zu können. Ganz rein wurden wir das erstemal freilich nicht. Dann zogen wir reines Unterzeug an, das wir selber mit über das Inlandseis geschleppt hatten. Wir fühlten uns wie neugeboren und waren dazu aufgelegt, das flotte Diner des Doktors einzunehmen.

So waren wir denn in den sicheren Hafen eingelaufen, nun handelte es sich nur darum, unseren Kameraden im Ameralikfjord so schnell wie möglich zu Hülfe zu kommen. Sie wußten ja nicht, ob wir glücklich ans Ziel gelangt oder elend zu Grunde gegangen waren, um sie dem Hungertod preiszugeben. Dann galt es dem „Fox“ unverzüglich eine Botschaft zukommen zu lassen.

Am Nachmittag versuchten wir diese Angelegenheiten zu ordnen, freilich ohne Erfolg. Gleich nachdem wir angekommen waren, brach ein so heftiger Südsturm los, daß die Eskimos, die sehr mäßige Seeleute sind, wenn sie nicht in ihren Kajaks sitzen, sich weigerten, mit einem Boot über den Ameralikfjord zu rudern, um die Andern zu holen. Der Bescheid an den „Fox“ mußte durch einen oder zwei Kajakmänner ausgeführt werden, in der Kolonie fand sich aber Niemand, der dies Amt in diesem Wetter übernehmen wollte. Wir mußten bis zum folgenden Tage warten.

Dann kam die Nacht und wir mußten uns zur Ruhe begeben. Sverdrup sollte oben bei Frederiksen, dem Zimmermann und Bootbauer des Ortes, schlafen, während mir Baumann sein Zimmer zur Verfügung stellte.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, in ein ordentliches Bett zu kommen, nachdem wir ein ganzes halbes Jahr hindurch diese Einrichtung hatten entbehren müssen. Ich reckte und streckte mich auf der weichen Unterlage und ein prickelndes Gefühl des Wohlseins durchzuckte alle meine Glieder, vielleicht zum Theil durch das Bewußtsein hervorgerufen, daß unser heißersehntes Ziel jetzt endlich erreicht war. Der Schlaf fiel jedoch nicht so gut aus, wie ich erwartet hatte; ich lag zu weich, war zu sehr an den Schlafsack und das Eis oder den Felsboden als Unterlage gewöhnt und empfand möglicherweise doch eine leise Sehnsucht darnach.

Am Morgen des 4. Oktober erwachte ich aus meinen unruhigen Träumen dadurch, daß eine junge Grönländerin mir Thee und Butterbrot ans Bett brachte — ein neuer Genuß. Nach dieser frühen Mahlzeit stand ich auf und ging hinaus, um mich ein wenig im Orte umzusehen.

Am Strande herrschte Leben und Bewegung, denn eine Ladung Seehunde, die an einem Fangplatz in der Nähe erbeutet waren, wurden ans Land gebracht und zerlegt. Ich begab mich mit Baumann dorthin, — es war ein ganz neuer Anblick für mich, dies Leben hier am Strande. Eine ganze Anzahl von Grönländerinnen lag mit aufgestreiften Aermeln vor den aufgeschlitzten Seehunden. Von einigen wurde das Blut in Eimern aufgefangen, von anderen wurden die Gedärme ausgelöst oder der Speck und das Fleisch zerschnitten. Alles wurde beachtet und benutzt.

Nachdem wir uns an diesem blutigen Schauspiel sattgesehen und die Gewandtheit, die Anmuth und die theilweise sehr hübschen Gesichter der Grönländerinnen zur Genüge bewundert hatten, gingen wir zu Sverdrup hinüber, um zu sehen, ob er aufgestanden sei, und ihn in dem Falle zum Frühstück beim Direktor abzuholen.

Als wir ankamen, saß jedoch Sverdrup bereits mit Herrn Frederiksen an einem opulenten Frühstückstisch mit frischgebratenen Schneehühnern, Schweinefleisch und anderen Delikatessen. Ich bedauerte, daß Sverdrup schon frühstückte, da ich gehofft hatte, wir könnten zusammen essen. Dem sei ja nichts im Wege, meinte Sverdrup. Dies sei sein erstes Frühstück, etwas so Angenehmes könne man ja aber immer wiederholen; er esse erst bei Frederiksen und nachher nochmals beim Direktor, auf diese Weise bekäme er alle Mahlzeiten doppelt. Drei Tage lang ging auch alles gut, dann aber hielt der Magen es nicht mehr aus, und Sverdrup mußte einen halben Tag das Bett hüten. Uebrigens währte es lange, ehe wir uns so richtig satt fühlten und wieder wie gewöhnliche Menschen aßen.

Am Vormittag des 4. Oktober wurden wir endlich eines Menschen habhaft, der sich zum Kajakboten eignete und der bereit war, meinen Auftrag auszuführen. Er hieß Daniel und war aus Neu-Herrnhut. Er sollte sich nach dem ungefähr zwanzig Meilen südwärts gelegenen Wohnplatz Fiskernäs begeben und hier Kajakleute miethen, die mit der Post weiter nach Süden gingen. Ich versprach ihm, daß, wenn die Nachricht den „Fox“ rechtzeitig erreichte, er sowie die anderen beiden Kajakmänner auf der südlichen Station eine Extrabelohnung haben sollten.

In aller Eile schrieb ich nun einen Brief an Herrn Smith, den Betriebsdirektor des Kryolithbruches in Ivigtut. Der „Fox“ gehört nämlich der Kryolithcompagnie. Außerdem schrieb ich an den Kapitän des Schiffes. In diesen zwei Briefen bat ich, daß das Schiff uns aus Godthaab abholen möge, um uns nach Hause zu bringen, falls dies irgend möglich sei. Der Grund, weshalb ich bat, uns abzuholen, statt das Schiff in Ivigtut warten zu lassen, bis es uns möglich war, dort hinabzukommen, war, daß wir bei den schlechten Witterungsverhältnissen nicht berechnen konnten, wie viele Zeit wir gebrauchen würden, um die Andern vom Ameralikfjord zu holen und dann mit einem Boot die 70 Meilen bis Ivigtut zurückzulegen. Ich hielt es für weit einfacher für das Schiff, selbst zu kommen, es wurde dadurch Zeit erspart.

Für den Fall, daß die Kajakpost das Schiff erreichte und dies doch abgehen sollte, ohne uns zu holen, schrieb ich in fliegender Eile einige Zeilen an Etatsrath Gamél, in welchen ich ihm von unserer glücklichen Ankunft an der Westküste in Kenntniß setzte und ihm in kurzen Zügen über den Verlauf der Expedition berichtete.

Außer diesem Schreiben erhielt der Kajakmann noch einen Brief von Sverdrup an dessen Vater.

Der Kajakmann versprach, sofort am Nachmittag abzureisen. Er machte freilich auch, wie man uns sagte, einen Versuch, mußte aber wegen des drohenden Wetters wieder umwenden.

Als das Wetter am Abend noch immer schlecht war, machte der Pfarrer den Vorschlag, vorläufig ein paar Kajakmänner mit etwas Proviant und der Nachricht hinüberzuschicken, daß wir glücklich angelangt seien. Ueber diesen Vorschlag war ich natürlich sehr erfreut, und während der Pfarrer zwei Kajakmänner, die Brüder Terkel und Hoseas, zwei kecke Bursche aus Sardlok, für die Fahrt warb, machte man sich in der Kolonie daran, eine Sendung der ausgesuchtesten Leckerbissen für die armen Verlassenen fertig zu machen. Dieser Proviant wurde in die Kajaks verstaut, nachdem ich noch einige etwas konsistentere Nahrungsmittel wie Butter, Schweinefleisch und Brot, sowie last not least etwas Tabak und einige Pfeifen hinzugefügt hatte. Bei dieser Sendung befand sich eine große dänische Porzellanpfeife mit langem Rohr und ein Pfund Tabak speciell für Balto. Ich hatte es ihm bei irgend einer Gelegenheit im Inlandseise versprochen, als er sich besonders gut gemacht hatte. Als die Kajaks reisefertig waren, gab ich mit Hülfe des Pfarrers, der als Dolmetscher fungirte, dem ältesten der Brüder, Terkel, eine genaue Beschreibung, wo die Gefährten zu finden seien, auch zeigte ich es ihm auf der Karte, aus der er sich sehr gut vernehmen konnte.

Am folgenden Morgen, den 5. Oktober, verließen die Kajakmänner Godthaab, und schon am nächsten Vormittag erreichten sie ihren Bestimmungsort.

Am Vormittag des 5. Oktober machte auch ein Boot den Versuch, nach dem Ameralikfjord hinzurudern, nach wenigen Stunden kehrte es jedoch schon wieder zurück. Die Grönländer sind, wie gesagt, keine Helden, wenn es sich ums Rudern handelt. Gegen Nachmmittag machte das Boot einen zweiten Versuch und kehrte jetzt merkwürdigerweise nicht wieder um; wie wir später erfuhren, waren sie nicht weiter als bis an eine südlich von Godthaab gelegene Insel gelangt, wo die Besatzung in einem Zelt viele Tage liegen blieb, ohne umzuwenden, obwohl die Entfernung so gering war, daß sie in einer Stunde hätten nach der Kolonie zurückrudern können. Dies hat seinen ganz einfachen Grund darin, daß sie in dem Falle keinen Tagelohn erhalten haben würden, und daß sie sich lange nicht so schön hätten amüsiren können wie jetzt im Zelt. Deswegen blieben sie ruhig dort, bis sie ihren Proviant verzehrt hatten.

Am folgenden Tage, den 6. Oktober, kam der Koloniedirektor an in Begleitung des deutschen Missionars Heincke aus Umanak, einer Herrnhuter Missionsstation am Fjorde, etwa neun Meilen von Godthaab entfernt. Der Koloniedirektor war in Umanak gewesen, als einer der Kajakmänner, die von der Kolonie ausgesandt waren, ihn erreichte und ihm einen Brief mit der Nachricht von unserer Ankunft überbrachte. Er und Herr Heincke hatten sofort zwei Kajakmänner zu den vier Leuten geschickt, die sich noch am Ameralikfjord befinden sollten. Diese Kajakmänner überbrachten den Gefährten ebenfalls Speisen von ihm sowie von Herrn und Frau Heincke, und hatten den Befehl, bei ihnen zu bleiben und ihnen auf alle Weise behülflich zu sein.

Am 7. Oktober kehrten Terkel und Hoseas bereits vom Ameralikfjord zurück mit einem Brief von Dietrichson, der uns mittheilte, daß sie sich jetzt, wo sie Ueberfluß an Essen und Trinken hätten und Sverdrup und mich in Sicherheit wüßten, ausgezeichnet wohl fühlten.

Am 9. Oktober wurde das Wetter endlich so gut, daß ein Frauenboot, das ich vom Missionar Voged geliehen hatte, mit einer im wesentlichen aus Grönländerinnen bestehenden Besatzung nach dem Ameralikfjord abgehen konnte. An diesem Tage verließ endlich auch das andere Boot die Insel, wo es sich die ganze Zeit über aufgehalten hatte.

Mehrere Tage lang hörten wir nichts von den Kameraden, die wir jetzt nachgerade erwarten konnte. Besonders die Grönländer waren sehr gespannt, die zwei Lappen zu sehen; denn solche Menschen hatten sie früher nie gesehen.

Die beiden Kajakmänner, die vom Fjord zurückkamen, hatten übrigens ihre Begegnung mit den Gefährten ganz genau beschrieben: „Da waren zwei von dem Volk, das lange Bärte trägt (Norweger), außerdem waren da aber zwei, die ungefähr so waren wie wir, und die trugen eine ganz seltsame Kleidung etc.“ Sie hatten also eine klare Auffassung, daß die Lappen — trotz aller Verschiedenheit — doch einem Volk angehörten, das auf einer Kulturstufe stand, die der ihren sehr nahe kam und völlig verschieden von derjenigen der Dänen oder Norweger war.

Endlich am 12. Oktober kamen sie; die ganze Kolonie kam jetzt auf die Beine, sowohl Europäer wie Grönländer gingen ihnen auf dem Strande entgegen.

Besonders große Aufmerksamkeit erregten die Lappen. Die Grönländer nannten sie Weibspersonen, weil sie lange Gewänder trugen, die an die Röcke der europäischen Damen erinnerten, sowie Beinkleider aus Rennthierfell, was in Grönland nur Sitte für die Frauen ist. Balto schien die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, sehr ruhig hinzunehmen. Er schwatzte und erzählte und stand bald auf dem besten Fuße mit der ganzen Bevölkerung. Ravna ging wie gewöhnlich seinen eigenen, ruhigen Gang, er kam zu mir heran, verneigte sich tief, ergriff meine Hand, sagte nicht viel, strahlte aber vor Freude und Zufriedenheit über das ganze Gesicht.

[42] So heißt der innerste Arm des Ameralik-Fjords.