Kapitel XXVII.
Ein Jagdausflug nach dem Ameralik-Fjord.

Wir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, einmal am Ameralikfjord auf Rennthierjagd zu gehen, doch hatte uns bis dahin stets die geeignete Schneeschuhbahn gefehlt. Endlich, am Freitag, den 23. November, saßen wir im Boot, das nach vielem Hin- und Herreden mit den mancherlei für einen solchen Ausflug in dieser nicht sehr milden Jahreszeit erforderlichen oder doch wünschenswerthen Gegenständen beladen war.

Am Strande standen mehrere der in der Kolonie ansässigen Europäer und die meisten der grönländischen Schönheiten versammelt, um uns ihr Lebewohl zuzuwehen, ja es sollen sogar nasse Augen vorhanden gewesen und Thränen geflossen sein, weil die norwegischen Freunde sie auf so lange Zeit verlassen wollten.

Anne Kornelia und Joel.
Ein armer Seehundsfänger und seine Frau aus Neu-Herrnhut. (Reine Rasse.)
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Das Boot stieß vom Ufer ab, die Segel wurden gehißt und wir nahmen unter einer frischen, nördlichen Brise unsern Kurs südwärts, ein anderes Boot und einen Kajak im Schlepptau mit uns führend, sechs herzensfrohe Menschen im Boot. Unter diesen Sechsen befanden sich fünf Mitglieder der Expedition. Ravna wollte nicht mit, er sagte nur: „Ich alter Lappe, mir allzu kalt!“ An seiner Statt hatten wir Joel mitgenommen, der ein köstlicher Typus eines Eskimo ist. Von Natur ist Joel klein, er hat einen kräftigen starken Oberkörper, sein Gesicht ist breit und rundlich mit einem gutmüthigen, schalkhaften Ausdruck, einem breiten, lächelnden Mund, zwei kleinen, schwarzen, stets feuchten Augen, ein wenig Bartwuchs auf Kinn und Oberlippe, struppiges rabenschwarzes Haar, das ihm in Büscheln an den Seiten des Kopfes und in den Nacken hineinhängt. Er ist ein tüchtiger Kajakruderer, aber kein Fänger — man beschuldigt ihn der Trägheit — und infolgedessen ist er arm. Zum Fischen, ein Handwerk, auf das die Großfänger mit Verachtung herabsehen, zur Rennthierjagd und jeglichem anderen zufälligen Sport ist er gut zu gebrauchen. Er ist grundfaul, böse Zungen sagen ihm auch nach, daß er keine ganz klaren Begriffe über das „Mein“ und „Dein“ hat. Er ist mit einer Dame seines eigenen Kalibers, Namens Anne Kornelia verehelicht.

Wir erreichten an jenem Nachmittage die Mündung des Ameralikfjords, wo wir durch widrige Winde am Vordringen gehindert wurden. Nachdem wir uns eine ganze Weile im Dunkeln abgemüht haben — das Tageslicht ist dort oben um diese Zeit von sehr kurzer Dauer, — und nachdem wir mehrere Stunden damit zugebracht hatten, für einen Zeltplatz den Schnee hinweg zu schaffen und Zeltsteine das steile Ufer hinauf zu schleppen, ist endlich alles in Ordnung, der Ofen ist aufgestellt, ein lustiges Feuer knattert darin und der Theekessel summt ganz lustig, in unser kleines, gemüthliches Zelt sein lebhaftes Aroma aus dem fernen Osten entsendend, das uns, während draußen Sturm und Schnee tosen, an die Heimath und die Freuden des Familienlebens erinnert.

Die Abendmahlzeit wird verzehrt, wir zünden unsere Cigarren an, und eine behagliche Gemüthlichkeit verbreitet sich in dieser norwegisch-lappisch-grönländischen Versammlung, wir überlassen uns einem angenehmen Dolce far niente, zufrieden in dem Bewußtsein, daß wir jetzt keine solche Eile mehr haben wie damals, als wir früher auf dem Inlandseis in unserm Zelt kampirten.

Am nächsten Tage war Joel der Ansicht, daß es nicht gerathen sei, weiter zu reisen, da ein ziemlich heftiger Sturm in widriger Richtung wehte. Wir gingen deswegen auf Schneehühnerjagd. Am andern Tage war es besser, freilich war der Wind noch immer widrig, aber es war doch möglich, vorzudringen; so ruderten wir denn weiter, von Joel in seinem Kajak geleitet.

Als wir uns am Nachmittage in der Dämmerung Kasigiangiut, der Stelle an der Südseite des Fjords, wo wir landen sollten, näherten, führte uns Joel auf die unerklärlichste Weise herum, ehe wir unsern bleibenden Zeltplatz erreichten. Erst kamen wir bis an das Ende einer tiefen Bucht, wo Joel in einen Fluß hinaufruderte, um Wasser zu trinken und sich gütlich zu thun, während er uns ruhig warten ließ, dann ging er aus der Bucht heraus, am andern Ufer entlang, darauf lag er eine Viertelstunde vor einer Landzunge still, mit einer räthselhaften Arbeit beschäftigt, die, soweit ich es begriff, hauptsächlich darin bestand, daß er eigentlich nichts that. Dann ging es weiter bis an das Ende einer andern Bucht und abermals an dem andern Ufer entlang. Was in aller Welt das zu bedeuten hatte, war uns ganz unmöglich zu verstehen. Die Antwort hierauf lag möglicherweise in dem Vortrag, mit dem uns Joel unausgesetzt unterhielt, da wir aber nicht so glücklich waren, ihn zu verstehen, ist es mir bis auf den heutigen Tag ein Räthsel geblieben. Hungrig, müde und ärgerlich wie wir waren, gaben wir uns keine weitere Mühe, Joels Streiche zu ergründen, sondern beschlossen, uns nicht länger von ihm zum Narren halten zu lassen. Sobald wir eine Strecke aus dieser Bucht herausgekommen waren, landeten wir. Da aber vernahmen wir Joels Stimme draußen im Dunkeln, — wir sollten dorthin kommen. Wir hatten jedoch durchaus nicht die Absicht, uns vom Fleck zu rühren, ehe wir sicher waren, deshalb fragten wir zum letztenmal, und vernahmen denn auch endlich das langersehnte „Ajungilak“. (Hier ist es gut).

Es war übrigens ein vorzüglicher Zeltplatz, Wasser gerade vor der Thür, ein guter Hafen für die Kajaks, gutes Wildterrain ringsumher, — wenn Joel uns nur sofort hierher geführt hätte, so wäre alles gut gewesen.

Das Zelt wurde aufgeschlagen und der Ofen aufgestellt. Joel machte Feuer an, holte Wasser und brachte den Theekessel „in Schwung“. Er war jetzt der personifizierte Diensteifer, was er wohl kaum gewesen wäre, wenn er die vielen Flüche verstanden hätte, die an jenem Nachmittage über sein sündiges Haupt ergossen waren.

Hier verbrachten wir neun gemüthliche Tage, theils auf der Rennthier- und Schneehühnerjagd, theils im Kajak. Dann zogen wir ein wenig weiter bis Iterdtlak.

Es würde zu weitläufig und zu einförmig sein, eine Beschreibung von dieser ganzen Zeit zu geben. Um aber doch einen Begriff von dem Jägerleben dort oben in Grönland zu bekommen, kann man uns ja, falls man nicht bereits genug bekommen hat, noch ein paar Tage auf der Jagd begleiten.

Den 27. November. Die Sonne war schon aufgegangen, die Berggipfel auf der andern Seite des Fjords errötheten gerade in ihren ersten Strahlen, als Joel und ich in unseren Kajaks an das Ende der westlich von unserm Zeltplatz gelegenen Bucht kamen, wo uns Joel an dem Abend unserer Ankunft auf so unbegreifliche Weise umhergezerrt hatte.

Hier wurden die Kajaks auf das Ufer gezogen, die Schneeschuhe angeschnallt, und dahin ging es, das Thal entlang. Heute haben wir es auf das Rennthier abgesehen.

Wir waren noch nicht sehr weit gelaufen, als wir schon die Spuren zweier Thiere im Schnee fanden, die den vorhergehenden Tag das Thal passirt haben mußten. Wir folgten der Spur, die Augen schweiften unablässig von dem einen Gebirgsabhang bis zum andern, aber kein Thier war zu erblicken.

Wir gelangten an einen See, hier gingen die Spuren zurück, aber wir setzten trotzdem unsern Weg thaleinwärts fort, kamen über den See, tranken aus dem Bach unter Gefahr, kopfüber hineinzustürzen, während wir auf der morschen Eisdecke lagen, setzten unsern Weg dann aufwärts fort und waren gerade im Begriff, einen kleinen Hügel zu erklimmen, als ich plötzlich Joel, wie vom Blitz getroffen, den Kopf herabbeugen und auf die Ostseite des Thals zeigen sah, wobei er mit leiser Stimme „Tugtut“ (Rennthier) rief.

Mit Blitzesgeschwindigkeit senkte sich jetzt auch mein Kopf dem Erdboden zu, — dort, in nicht weiter Entfernung von uns, standen sechs Thiere! Schnell zogen wir uns zurück, so daß wir Deckung durch einen Hügel erhielten. Ich zog mein weißes leinenes Ueberziehhemd und die dazu gehörigen Beinkleider heraus, die eigens zu dem Zweck angefertigt waren. Joels Antlitz, als er mich in dieser Kleidung erblickte, drückte das unverhohlenste Staunen aus, und er rief ein einziges „Jupinnekaok“ (du gerechter Schöpfer) aus.

Der Zweck dieser Schneekleidung war ihm jedoch sofort klar, weshalb er mich aufforderte, voranzugehen, und sich selber hinter meinem Rücken verkroch. Als wir nähergekommen waren, mußten unsere Waffen nachgesehen, von Schnee und Eis befreit werden etc. Um zu einem neuen Schuß mit seiner Mundladebüchse bereit zu sein, nahm Joel eine Kugel in den Mund. Da ich fand, daß dies ein sehr praktischer Aufbewahrungsort war, und ohne an die Kälte zu denken, wollte ich dasselbe mit einer Büchsenpatrone thun, kaum aber berührte das Metall die Zunge, als es auch schon festhing. Ich riß die Patrone heraus, es blieb aber ein Stück von der Zunge daran hängen.

Das Rennthier in Schußweite.
(Von A. Bloch.)

Vermuthlich habe ich ein furchtbares Gesicht geschnitten, denn Joel bekam einen krampfhaften Lachanfall. Die Patrone wurde nun mit einigen anderen in dem einen Fausthandschuh angebracht, und wir krochen vorsichtig weiter. Es war gerade keine leichte Arbeit, still und unbemerkt zu gehen, wenn man bei jedem zweiten Schritt bis an den Magen in den Schnee versinkt — die Schneeschuhe hatten wir natürlich wieder abnehmen müssen, da wir auf ihnen nicht kriechen konnten — und noch dazu zwischen den großen Kieselsteinen in einem grönländischen Flußbett! Mein weißer Ueberrock bildete indessen einen vorzüglichen Schutz, was den Anblick betraf, der Schnee dämpfte den Laut, und der kleine Joel verbarg sich, so gut er vermochte, hinter meinem breiten Rücken oder vielmehr hinter dem Körpertheil der, wenn man auf allen Vieren kriecht, davorliegt.

Endlich kamen wir an den Rand eines Hügels und hatten nun die ganze Rennthierherde auf einer Ebene vor uns, sie befand sich aber außer Schußweite. Da war nichts, was uns hätte Deckung gewähren können, deswegen mußten wir abermals zurückgehen und versuchen, weiter ostwärts vorzudringen.

Hier kamen wir in dem Schutz einiger hoher Hügel gut vorwärts, spürten gleichsam einen schwachen Luftzug hinter uns im Nacken, und Joel mußte mit einer Wollflocke ausprobiren, aus welcher Richtung der Wind kam. Da erblickte ich plötzlich einen jungen Rennochsen, der allein stand und uns ansah, und den wir noch nicht bemerkt hatten. Wir bückten uns Beide, er aber kam plötzlich auf uns zugesprungen. Ein Höhenrücken entzog ihn unserm Blick — wir hielten die Büchsen bereit —, da kam er in guter Schußweite oben auf einem Hügel zum Vorschein, ich legte an und zielte, aber der Schuß ging nicht los.

In größter Hast spannte ich den Hahn von dem zweiten Lauf, der inzwischen mit einer Rundkugel glattgebohrt war, und legte abermals an. Jetzt knallte mein Schuß gleichzeitig mit Joels. Das Thier zuckte zusammen, es war offenbar in den Rücken getroffen, das rechte Vorderbein schleppte. In wilden Sprüngen entfernte es sich von uns. Ich versuchte nochmals meinen Büchsenlauf, aber er versagte wieder. Schnell steckte ich eine neue Patrone hinein, diesmal knallte es und von der Expreßkugel hinten getroffen, fiel das Thier todt um. Ich sprang nun vor, um nach den andern Rennthieren zu sehen, die waren aber nirgends zu erblicken. Da es bereits über die Mittagsstunde war und die Tage nur kurz waren, hielt ich es für zu spät, um sie zu verfolgen, und wir kehrten nach unserer Hütte zurück, unsere Beute hinter uns herschleppend.

Das Erste, was ich that, war jedoch, daß ich niederkniete und einen tüchtigen Trunk warmen Blutes aus der Schußwunde sog. Das schmeckt an so einem kalten Tage! Joel stand da und sah mir verwundert zu. Ich fragte ihn, ob er nicht auch einen Schluck haben wolle, da aber lächelte er verschmitzt über das ganze Gesicht, schüttelte den Kopf und zeigte auf die Schnauze und den Magen des Thieres, was so viel heißen sollte, als „aus dem Blute macht der Eskimo sich nichts, die Schnauze und der Inhalt des Magens sind aber für ihn eine Delikatesse, die er dem ganzen übrigen Rennthier vorzieht“.

Es handelte sich nun darum, unsere Beute an den Fjord hinunter zu schleppen, wo unsere Kajaks lagen, aber dies war keine leichte Arbeit. Wir holten unsere Schneeschuhe, verfertigten eine Art Schlitten, indem wir sie alle nebeneinander legten, und packten das Rennthier darauf. Dann spannten wir uns vor das Gefährt und zogen es. Es war aber kein leichtes Stück Arbeit, um so weniger, als wir keine Schneeschuhe mehr an den Füßen hatten und oft bis an die Hüften in den Schnee versanken. Am schlimmsten war es, wenn wir auf Geröll kamen, wo wir unablässig zwischen die großen Steine fielen, die der Schnee verrätherisch bedeckte.

Aber es ist alles nur ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als er geschunden wurde!

Gegen Nachmittag erreichten wir den Fjord. Es war eigentlich unsere Absicht gewesen, unsere Kajaks zusammenzubinden, das Rennthier hinten quer darüber zu legen und es so auf gewöhnliche Eskimomanier bis an unser Zelt zu schaffen; aber wir fanden, daß es zu spät und zu dunkel geworden war, deshalb zogen wir es vor, unsere Beute einstweilen liegen zu lassen.

Nachdem wir den Bauch geöffnet, das Herz und die Leber herausgenommen und von der letzteren einen Theil verzehrt hatten, sammelten wir Steine, um das Thier damit zu bedecken, warfen Schnee darüber, steckten einen Skistab daneben und banden einige Lappen daran fest, um Füchse, Raben und Raubvögel fernzuhalten.

Dann bestiegen wir unsere Kajaks und zogen fröhlich heimwärts. Wir waren nicht gar weit gekommen, als Joel die Melodie zu dem „ewig munteren Kupferschmied“ anstimmte, die damals in Grönland in der Mode war, und der man grönländische Worte untergelegt hatte. Unter Gesang glitten die Kajaks durch die Dunkelheit dahin, und die Kameraden konnten uns schon aus der Ferne hören.

Sverdrup und Balto, die ebenfalls auf Rennthierjagd gewesen waren, erzählten, daß sie vier Thiere in einem hochgelegenen Thal gesehen hätten, aber nicht bis auf Schußweite an sie herangekommen wären.

Am folgenden Tage war das Wetter schlecht, wir schafften das Rennthier mit dem Boot bis an unser Zelt, zogen die Haut ab und zerlegten es. Das Blut war nicht ganz rein. Unvorsichtigerweise hatte ich nämlich ein Loch in einen Darm geschnitten, als ich am vorhergehenden Abend den Bauch öffnete. Es war aber doch schade, dies gute Blut fortzuschütten, deswegen versetzten wir es mit Mehl und kochten trotzdem eine Blutspeise davon in unserem Kaffeekessel, der so leck war wie ein Sieb. Er mußte mit Grütze und Fleisch und allem, was wir finden konnten, dicht gemacht werden. Den Ausguß banden wir mit Stroh, Mehl und Tauwerk zu. Es war wirklich ein schöner Anblick!

Und dann speisten wir unser Schwarzsauer! Die ersten Löffel voll hatten eine große Neigung, wieder zurückzukommen, aber die Gewohnheit ist ein guter Lehrmeister, wir gingen mit Todesverachtung darauf los, und bald schmeckte es auch besser. Joel sah dieser Zubereitung mißvergnügt zu, und als er aufgefordert wurde, an der Speise theilzunehmen, schüttelte er den Kopf und sagte: „Ajorpok“, was auf Deutsch heißt „das ist Dreck“. Um sich zu trösten, holte er ein ungekochtes Schneehuhn hervor, öffnete den Bauch, zog den Magen und die Gedärme heraus und verschlang sie auf einmal, als sei ihm in unserer Blutspeise nicht genügend Darminhalt. Dieser Anblick war Balto denn doch zu viel, er rief: „Nein, nein!“ steckte den Kopf zur Zeltthür hinaus, und dann folgten einige unartikulirte Laute, wie von einem Menschen, welcher seekrank ist. Joel setzte indessen ruhig seine Mahlzeit fort, rupfte das Schneehuhn und verzehrte es mit Haut und Haaren. Das Einzige, was zurückblieb, war ein Federbüschel. Dies war in Baltos Augen sehr heidnisch und er sagte: „Das sieht gerade so aus wie ein Adler.“

Später kochten wir einen Theil des Rennthieres, aber es schmeckte leider fast ebensosehr nach dem Inhalt des Darmes, wie die Blutspeise. Dies schien jedoch Balto und Joel zu behagen, die Beiden aßen ganz gehörig, ja, sie tranken sogar die Brühe dazu, an deren Geruch wir Anderen mehr als genug hatten.

Ueberhaupt war unsere Zubereitung des Essens nicht gerade ausgesucht. Wenn wir Mehlbrei kochten, wurde er fast immer halbgar verzehrt und schmeckte wie Kleister, denn wir ließen uns niemals Zeit, zu warten, bis er ganz gar war. Brieten wir Rennthierfleisch, so geschah es auf die Weise, daß wir die gefrorenen Stücke auf den Ofen legten und die äußere Rinde abschälten, sobald sie warm wurde. Balto behauptete, daß wir es nicht in Godthaab hätten aushalten können, weil es dort zu reinlich herginge und wir unser Leben auf dem Inlandseise nicht vergessen könnten, deswegen seien wir nach „Ameralik“ gezogen, um „Schweinerei“ zu machen. Das sei der einzige Grund gewesen!

Balto war übrigens unser steter Spaßmacher. Sobald wir unsere Abendmahlzeit im Zelt eingenommen und Cigarren und Pfeifen angezündet hatten, holte er die Karten hervor, die bald so schmutzig waren, daß wir Mühe hatten, sie zu unterscheiden; die eifrigsten Kartenspieler holten sofort eine Kiste herbei, die als Tisch dienen mußte, und dann fing das Spielen an, das bis tief in die Nacht hinein währte und von diesen pelzgekleideten Männern bei einer Temperatur von −15° ebenso lebhaft betrieben wurde, als säße man in dem wärmsten Zimmer jenseits des Meeres. Wenn die Finger gar zu steif wurden, so machte man einige schlagende Armbewegungen, um das Blut wieder in Cirkulation zu bringen, und dann begann das Spiel wieder mit erneuter Kraft.

Durch seine Bemerkungen in seinem oft höchst wunderlichen Norwegisch verschaffte uns Balto viel Amusement. Wenn er z. B. sagte: „Morgen will ich auf die Jagd gehen und Rennthiere schießen, wenn ich aber nichts bekomme, dann gehe ich nie wieder auf Rennthierjagd, sondern nehme meine Bürschte (Büchse) und schieße Schneehühner,“ da konnten wir uns vor Lachen kaum halten. Oder wenn er uns erzählte: „Tod und Teufel! Ueber Nacht will ich einen Fuchs sitzen!“ so wirkte auch das unwiderstehlich komisch; er meinte damit, er wollte Füchsen auflauern, die in der Nacht an den Strand hinab zu kommen pflegten.

Den 4. Dezember. Das Tageslicht dämmerte schwach, als ich erwachte. Ich steckte meinen Kopf aus dem Schlafsack und war angenehm überrascht, als ich Joel schon in seinem kalten Segel aufgerichtet sitzen sah, mit seiner höchst primitiven Morgentoilette beschäftigt, die darin bestand, daß er sich mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar fuhr, das ihm wie Hörner nach allen Seiten hin abstand. Dann steckte er den Kopf zur Zeltthür hinaus, ließ die Augen über die Berggipfel zu beiden Seiten des Fjordes gleiten und zog den Kopf wieder zurück. „Nun, Joel, wie sieht’s heute mit dem Wetter aus, eignet es sich wohl für die Rennthierjagd?“ „Asukiak, imekame.“ („Ich weiß nicht, es ist möglich.“) Ich kenne Joel genügend, um zu wissen, daß dies so viel bedeutet als: „Das Wetter ist schlecht.“ Es ist eine Eigenthümlichkeit, die ich nicht bei unserem Freunde Joel allein, sondern ganz allgemein bei den Grönländern gefunden habe, daß sie einem Europäer nicht gern widersprechen oder ihm eine Antwort geben, die ihm unangenehm sein könnte. In letzterem Falle kleiden sie ihre Worte gern in eine etwas zweideutige Form. Dies ist ja im Grunde ein hübscher Zug ihres Charakters, der aber für Diejenigen, die mit ihnen zu thun haben, oft recht unangenehm sein kann.

Ich kannte Joel, wie gesagt, und erwiderte ihm: „Du meinst also, daß es heute wieder schlecht aussieht?“ „Soruna Ajorpok.“ („Freilich, es sieht schlecht aus.“) „Der Wind steht thalaufwärts.“ Nun, dabei war nichts zu machen. Wenn der Wind thalaufwärts steht, so daß man ihn, wenn man dem Rennthier nachspürt, im Rücken hat, da soll man die Sache lieber ganz aufgeben, denn man erreicht nichts weiter, als daß das Wild scheu wird. Freilich sagte Joel oft, daß der Wind ungünstig sei, wenn er selber faul war (und das kam häufig vor), da mußte ich denn selber hinaus und mich davon überzeugen, und gelangte dann häufig zu dem Resultat, daß es sich schon machen ließe. Diesmal verhielt es sich jedoch so, und wir beschlossen, wie gewöhnlich in solchen Fällen, auf die Schneehühnerjagd zu gehen. Joel kleidete sich an, heizte ein und ging an den Bach, um Wasser für unsern Kaffeekessel zu holen, wobei er gewöhnlich einigemale auf dem Glatteis fiel, so daß man ihn und den Kaffeekessel deutlich hören konnte. „Da liegt Joel wieder,“ pflegte Sverdrup zu sagen.

Endlich war dann der Kaffee fertig, und wir verzehrten unser Frühstück in den Schlafsäcken, wobei wir berathschlagten, wohin die Einzelnen heute gehen wollten, und wo wohl am meisten Aussicht auf Schneehühner sei. Sobald das Frühstück eingenommen war, kleideten wir uns an, griffen nach den Büchsen, gingen hinaus, schnallten die Schneeschuhe unter die Füße und verschwanden Jeder in seiner Richtung.

Es währte eine ganze Weile, bis ich fertig war, mehrere von den Gefährten hatten sich bereits auf und davon gemacht, besonders waren Balto und Kristiansen heute sehr früh auf den Beinen gewesen. Als ich die Schneeschuhe angezogen hatte, ging ich über einige Bergrücken ein wenig östlich vom Zelt, wo es aussah, als könnten dort Schneehühner sein. Der Weg war beschwerlich, er führte über unebene Stellen, wo das Schneehuhn sich gern aufhält. Das Auge späht und späht nach allen Richtungen zwischen den Steinen, aber ich hatte heute kein Glück, nichts war zu entdecken, was auf die Nähe eines Schneehuhns schließen ließ, kein schwarzer runder Punkt, der dem Auge eines Schneehuhns[92] gleichen konnte, hob sich von der weißen Schneedecke ab, nirgends eine Spur oder ein gackernder Laut! Ich vernahm nichts als meine eigenen Schritte auf dem Schnee. Ich stieg immer höher und erreichte einen Bergrücken, der eine Aussicht über das Land nach dem Inlandseise gewährte. Wie wunderbar leblos, nicht einmal ein kreisender Adler oder ein krächzender Rabe, an denen es doch sonst niemals zu fehlen pflegt. Rings umher stehen die schweigsamen schneebedeckten Berge mit den dunklen Abhängen, an denen der Schnee nicht liegen bleibt. Tief unten, an der steilen Felswand entlang, schlängelt sich der dunkle Ameralikfjord schwermüthig dem Meere zu, von allem Leben, allem Sonnenlicht vergessen, — bis an sein Gestade dringt den ganzen Winter nicht ein einziger Sonnenstrahl. Kein Wald, keine Bäume, ja nicht einmal ein Busch oder Strauch ist zu erblicken. Und doch ist es schön hier! Jetzt wirft die Sonne ihr Streiflicht über die Berggipfel an der anderen Seite des Fjordes, der Schnee erglänzt, erröthet. Die Natur bedarf, um schön zu sein, nicht immer des Lebens.

Ich lenkte meine Schritte weiter landeinwärts. Vor mir lag eine flache Ebene mit einer Moorstrecke, und jenseits derselben eine steile Felswand. Ich hatte noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als es mir vorkam, als vernähme ich dort oben auf der Felswand einen Laut. Ich glaubte, daß es möglicherweise ein Rennthier sein könne, das sich verlaufen hatte. Ich blickte hinauf, konnte aber nichts entdecken, und fand es auch ganz natürlich, kein flügelloses Wesen konnte den steilen Abhang erklimmen. Abermals schritt ich landeinwärts weiter, da vermeinte ich ganz deutlich ein rasselndes Geräusch zwischen den Steinen zu hören, und diesmal konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hielt an, ich blickte hinauf, entdeckte aber nichts; es mußte dennoch ein Irrthum gewesen sein, und abermals setzte ich meinen Weg fort, indem ich darüber grübelte, wie ich mich im Grunde so irren könnte. Da erschallten plötzlich Schritte von der Bergwand her, diesmal aber so scharf und deutlich, daß von einem Irrthum nicht die Rede sein konnte, und so suchte ich denn mit meinen Augen die ganze Bergwand nach dem vermeintlichen Rennthier ab. Es währte lange, bis ich etwas fand, — ich suchte zu weit nach unten; als ich aber bis an die Mitte der steilen Felswand kam, wie staunte ich da, als ich einen Menschen erblickte, der dort oben gleich einer Mücke zwischen den Steinen umherkroch. An dem langen Wams und der viereckigen Mütze erkannte ich Balto, er ging gerade mit seinen Schneeschuhen über einen kleinen schneebedeckten Abhang, der über die steile Felswand hinausragte. Ich stand wie angenagelt da. Soweit der Abstand es gestattete, verfolgte ich jede Bewegung. Ich konnte sehen, wie er die Schneeschuhe in die Schneewand hineinstampfte, um festen Fuß zu fassen, die Büchse hing ihm schräg über den Rücken, den Kopf wandte er der Bergwand zu. Er bewegte sich vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts, während er sich auf seinen Stab stützte. Ich konnte nicht begreifen, woher er, der doch sonst so für sein Leben besorgt war, plötzlich diesen Muth bekommen hatte. Da glitt ein Fuß aus, er hieb den Stab fest ein, da glitt auch der andere Fuß aus, — in sausender Fahrt ging es bergabwärts, — das Blut erstarrte mir förmlich in den Adern. Der Schnee wurde mit hinabgerissen, es ging in immer wilderer Fahrt, und gerade unter ihm befand sich eine tiefe Schlucht. Da blieben seine Kleider an einem Felsvorsprung hängen, der über dem Abgrund aus dem Schnee hervorragte. Einen Augenblick blieb er in der Schwebe, zappelnd und bemüht, festen Fuß zu fassen, dann aber gab das Felsstück nach. Nun folgte eine Luftreise, dann ging es über eine schneebedeckte Strecke, dann abermals an einem steilen Abhang hinab, bis er als unbewegliche Masse auf einem Felsabsatz liegen blieb. Ich hielt ihn für todt oder doch jedenfalls völlig gerädert.

Da ward ein Arm sichtbar, der sich vorsichtig im Gelenk bog, dann ein zweiter, und dann der Kopf, der sich ein wenig aufrichtete und einige vorsichtige Nackenbewegungen machte, dann die Beine — merkwürdigerweise schien alles heil geblieben zu sein —, und nun erhob er sich. Ich konnte nicht so recht sehen, was er eigentlich wollte, dann erklang aber ein Schuß. War seine Büchse losgegangen? Ich sah ihn mit etwas beschäftigt, konnte aber nicht erkennen, was es war. Ein zweiter Schuß folgte. Was hatte dies nur zu bedeuten? Er ging auf dem kleinen Absatz umher, augenscheinlich nach einem Ausweg spähend, der nicht zu finden war. Nun aber nahm er die Schneeschuhe auf den Nacken und fing vorsichtig an, die Bergwand an einer Stelle hinabzusteigen, wo er einigermaßen festen Fuß fassen konnte. Schritt für Schritt ging er. Als ich ihn endlich unten im Steingeröll außer Gefahr sah, zog ich weiter. Ich fand an dem Tage jedoch keine Schneehühner, ich hatte kein Glück. Da vernahm ich einen Schuß von Balto, er befand sich nun nicht weit von mir oben zwischen dem Steingeröll an der anderen Seite einer Felsspalte. Ich blickte hinüber und gewahrte einen Flug Schneehühner, die von ihm weg flatterten und sich zwischen dem Steingeröll in der Bergspalte niederließen. Da es nicht weit von mir war, ging ich den Weg hinauf und gewahrte bald Unmengen von Schneehühnern, die in dem Schnee zwischen den Steinen umhertrippelten. Sobald man sich näherte, standen sie still und reckten ängstlich die Hälse aus, ließen mich aber doch bis auf Schußweite herankommen. Ich schoß ein paar Vögel, scheuchte aber damit den ganzen Schwarm tiefer in das Geröll hinein, wo Balto gerade zum Vorschein kam, und wo er nun seine Mundladebüchse lud und damit schoß, als gälte es sein Leben. Da ich sah, daß er sehr gut allein damit fertig werden konnte, setzte ich mich hin, schaute ihm zu und wartete auf ihn. Die Schneeschuhe hatte er abgenommen und sprang nun von einem Stein zum andern, überall vorsichtig umherspähend. Es mußte ihm sehr heiß sein, denn er hatte die Mütze abgeworfen, obwohl es 15 Grad Kälte waren. Erblickte er ein Schneehuhn, so schlich er sich an dasselbe heran, theils krummgebeugt hinter den Steinen gehend, theils auf allen Vieren kriechend, bis es ihm oft so nahe kam, daß er es fast hätte mit dem Büchsenkolben tödten können, — ein langes vorsichtiges Zielen, dann ein Knall, und das Schneehuhn lag in der Regel todt da. Dann lud er und sah sich, ehe er sich näherte, vorsichtig um, ob mehr Schneehühner in der Nähe wären. War das Thier angeschossen, so entstand eine wilde Jagd, es flatterte voran und Balto eilte hinterdrein, so daß der Schnee um ihn her aufstob, hin und wieder trat er fehl und versank bis an den Magen zwischen den Steinen. Schließlich stürzte er sich über den Vogel und biß ihm den Kopf ab. Endlich war er fertig und kam nun barhäuptig und außer Athem zu mir hinab, während ihm die Schneehühner von der Schulter herabhingen, mich fragend, ob ich ein angeschossenes Huhn gesehen habe, das ihm nach dieser Richtung hin entwischt sei. Wenn er das bekäme, hätte er gerade fünfzehn. Nein, ich hatte es nicht gesehen. Dann fand er aber Spuren im Schnee und bald auch das Schneehuhn selber, jetzt entstand eine neue Jagd, die damit endigte, daß es oben zwischen einigen Steinen gefangen wurde. Dann sammelte er seine Siebensachen und wir zogen heimwärts; auf dem Wege erklärte er mir, daß unter dem einen Bergabhang einige Schneehühner liegen müßten, die dort hinuntergefallen seien, und richtig, wir fanden sie dort. Er war in rosigster Laune, sichtlich erfüllt von seinem Jägerglück, und erklärte mir ganz genau, wie er die einzelnen Schneehühner geschossen habe. Im Laufe des Gesprächs erwähnte er auch, daß er nahe daran gewesen sei, das Leben zu verlieren, er sei einen Berg hinabgefallen. Ich ließ ihn ruhig erzählen. Als er geendet hatte, sagte ich ihm, daß ich Augenzeuge des Ganzen gewesen, daß es mir aber nicht klar geworden sei, was die beiden Schüsse zu bedeuten gehabt hätten. Er erwiderte, daß er, als er sich vergewissert hatte, daß alles an ihm heil geblieben sei, sich umgesehen und plötzlich bemerkt habe, daß er neben zwei Schneehühner gefallen sei, die ihn mit schiefen Köpfen verwundert anschauten. Er holte die Büchse hervor und schoß das eine Schneehuhn, das andere blieb ruhig sitzen, während er lud, auch das habe er erlegt. „Aber,“ schloß er seinen Bericht, „jetzt hab’ ich’s fürs Erste satt, Schneeschuhe auf steilen Felswänden zu benutzen,“ und das bewies er auf dem Rückwege, denn sobald er an einen steilen Abhang kam, nahm er seine Schneeschuhe ab und trug sie.

Wir hatten nun alle Rennthierstriche um Kasigianguit herum besucht und sehnten uns nach Abwechselung und neuen Jagdgebieten. Joel erzählte, daß sich weiter ins Land hinein bei Iterdtlak vorzügliche Rennthierweiden befinden sollten, und so brachen wir denn eines Morgens unser Lager ab, schoben das Boot ins Wasser, belasteten es und zogen weiter, während Joel uns mit seinem Kajak den Weg zeigte. Die See vor dem Zeltplatz war ruhig, als wir auszogen, sie lag vor den Winden geschützt da. Sobald wir aber an der nächsten Landzunge in den Fjord hinausgekommen waren, sollten wir indessen andere Erfahrungen machen. Vom Ende des Fjordes her wehte ein heftiger Ostwind, der auf die hohen Felsen stieß und das Wasser hoch aufpeitschte. Unser langes, jämmerliches Boot, „der Walfischfänger“, das trotz seines Namens nie Dienste als solcher gethan hat, durchschnitt die hohen, wilden Wogen gleich einem Keil mit seinem spitzen Bug, so daß jede Welle darüber zusammen schlug. Dies hätte nichts zu sagen gehabt, falls wir hätten schöpfen können, aber es war so kalt, daß das Wasser, das sich schon auf dem Gefrierpunkt befand, in dem Augenblick, wo es mit dem kalten Holz oder Eisen des Bootes in Berührung kam, gefror. Bis zu mir, der ich hinten am Steuer saß, gelangte auch nicht ein nasser Tropfen, während Sverdrup, der vorne saß und ruderte, bald in einen vollständigen Eisharnisch gehüllt war. Wir mühten uns lange ab, es wäre eine Schande, die Flinte ins Korn zu werfen, um so mehr, als Joel in seinem kleinen Kajak nur über das Ganze lachte, dann aber half es nicht mehr, wir mußten wenden, das Boot war dem Sinken nahe. So ging es denn in fliegender Fahrt zurück nach unserem alten Zeltplatz. Sobald wir in dessen Schutz kamen, bemerkte ich, daß die Nase mir völlig abgefroren war, sie war weiß und gefühllos wie ein Eiszapfen. So eine gefrorene Nase ist kein schöner Anblick, wenn sie nachher wieder auftaut und zu einem rothen Gewächs mit Fransen von abfallender Haut anschwillt.

Unser langes jämmerliches Boot durchschnitt die hohen wilden Wogen.
(Von Th. Holmboe nach einer Zeichnung des Verfassers.)

Es war kein geringer Genuß nach all den Beschwerden des Tages, die ja die Würze des Jägerlebens sind, das Boot ans Land zu ziehen, das Zelt aufzuschlagen und eine gute Tasse warmen Kaffee in den Schlafsäcken zu sich zu nehmen.

Am 5. Dezember hatten wir besseres Glück und gelangten trotz des starken Seeganges nach Iterdtlak, wo wir indessen statt der erwarteten Rennthiere die Thäler mit Steingeröll und Moränen angefüllt fanden, die für das Auge eines Geologen interessant genug waren, für einen Jäger aber wenig Interesse boten. Dies ist diejenige Art von Land, auf welcher die Rennthiere am allerwenigsten gedeihen. Wir hatten unseren guten Freund Joel in Verdacht, daß er uns nur da hinausgelockt habe, um Fuchsfallen aufzustellen und möglicherweise Blaufüchse zu fangen, deren Fell nach grönländischen Verhältnissen gut bezahlt wird. Die Handelscompagnie bezahlt ein solches Fell mit 4 Kronen, um es in Europa für etwa 100 Kronen wieder zu verkaufen.

Als wir uns über zwei Wochen im Ameralik-Fjord aufgehalten hatten, fing unser Proviant an auf die Neige zu gehen, alles Brot war verzehrt, auch an Mehl gebrach es uns, und die Rennthiere waren fast gänzlich verschwunden. Als deswegen am 10. Dezember ein günstiger Wind wehte, beluden wir unser Boot und zogen heimwärts. Wir spannten unsere beiden Segel auf, eins auf jeder Seite, und in fliegender Fahrt durchschnitten wir die Wellen auf unserm Wege aus dem Fjord hinaus.

Joel leistete Erstaunliches in seinem Kajak, denn trotz unseres schnellen Segelns konnte er es mit uns aufnehmen. Bald erreichten wir die Mündung des Fjordes, da wir aber nun eine nördliche Richtung einschlagen mußten, so hatten wir den Wind entgegen und mußten rudern.

Bald brach die Dunkelheit herein, der Wind flaute ab und bei dem herrlichsten Mondschein zogen wir über die dunkle Wasserfläche dahin, von der sich die schneebedeckten Felsen und Inseln weiß und schweigend abhoben; hinter uns blitzte unser Kielwasser im Mondschein wie ein langer silberner Streif.

Eine grönländische Winternacht kann unvergleichlich schön sein!

In der Nähe von Godthaab wurde Joel mit seinem Kajak vorausgesandt, und als wir am Landungsplatz anlangten, war die ganze Kolonie dort versammelt, um uns in Empfang zu nehmen. Grönländer und Europäer standen nebeneinander unten am Strande. Diese Menschenmengen nahmen sich phantastisch aus in dem glänzenden Mondlicht, mit der winterlich gekleideten Kolonie im Hintergrunde.

Viele Hände waren behülflich unsere Sachen ans Land zu schaffen. Ein wenig Reinlichkeit, etwas europäischer Komfort und ein erwärmtes Zimmer, das that gut nach dem mehrwöchentlichen Zeltleben in Eis und Schnee.

[92] Die weißen Schneehühner sind nämlich für jedes ungeübte Auge schwer von dem Schnee zu unterscheiden; am leichtesten erkennt man sie an dem schwarzen Schnabel und den schwarzen Augen.