Eskimo-Wohnung im Winter. (Vom Verfasser.)

Kapitel XXX.
Tagebuchaufzeichnungen aus Sardlok und Kangek.

6. Februar. Ich wohne in einer Erdhütte, halb unter der Erdoberfläche, der Raum ist sehr niedrig, ich kann nur so eben aufrecht stehen. In die Hütte hinein gelangt man, wie dies bei allen Eskimowohnungen der Fall ist, durch einen langen, noch tiefer liegenden Hausgang, der so niedrig und eng ist, daß man, um hindurch zu kommen, fast auf allen Vieren kriechen muß. Das Haus ist völlig vom Schnee begraben. Das Einzige, was ich sehen kann, ist ein Stückchen vom Fenster, das, so weit es sich machen läßt, von Schnee frei gehalten wird, sowie das Loch, durch das man in den Hausgang hinabkriecht.

Es war schon längst meine Absicht gewesen, nach Sardlok zu reisen, und da der Doktor im Januar hierher mußte, um sich nach einem Kranken umzusehen, so reiste ich in Begleitung meines Freundes Joel mit. Sardlok liegt drei Meilen von Godthaab entfernt, es war eine ungewohnte Bewegung für die Arme, und die gezwungene Stellung der gerade ausgestreckten Beine im Kajak war sehr ermüdend für den noch ungeübten Ruderer. Als der Nachmittag kam, dachte ich deswegen nicht ohne Sehnsucht an das Ziel unserer Reise.

In Joel hatte ich indessen, wie der Leser weiß, einen munteren Gefährten. Bald sang er Lieder, bald erzählte er eine Menge unverständliches Zeug über die Orte, an denen wir vorüber kamen, bald machte er, wenn er eine Schar Eidergänse fliegen sah, ganz entsetzliche Anstrengungen, um die Büchse aus dem Kajak herauszuholen, was ihm jedoch nur einmal rechtzeitig gelang, und da schoß er vorbei (er war gerade kein Meisterschütze), bald brüllte er, daß er ans Land müsse, und dann ruderte er, was das Zeug halten wollte, um seinen Kajak zu entleeren. Derselbe war halb voll Wasser, da er sich wie die ganze übrige Person in einem sehr schlechten Zustand befand und grausam leckte.

Der Abend war dunkel. Drohend standen der „Sattel“ und die übrigen Berge da und verschlossen die Ostseite des Fjords, während über uns die Sternenwölbung funkelte. Wir ruderten schweigend nebeneinander, außer dem Plätschern der Ruder und dem Rieseln des Wassers gegen die Kajakwände war kein Laut zu vernehmen.

Endlich, als wir an einer Landzunge vorübergekommen waren, schien uns ein Licht vom Lande her freundlich entgegen, und wir befanden uns am Ziel. Der Doktor war etwas vor uns angekommen.

Es hat seinen eigenen Reiz, durch den Hausgang zu kriechen, in die kleinen aber gemüthlichen Räume zu gelangen und mit der den Eskimos eigenen Gastfreiheit empfangen und gepflegt zu werden. Ich halte mich in dem Hause des alten Katecheten Johan Ludwig auf. Außer ihm und meiner Wenigkeit wohnt hier seine Gattin, eine Tochter und ein junger Sohn. Johan Ludwig erzählte mir mit sichtlichem Stolz, daß sein Großvater ein Norweger gewesen, der wegen seiner ungeheueren Stärke sehr berühmt war. Er selber war früher ein sehr tüchtiger Fänger, jetzt war er aber über 70 Jahre alt und ging nicht mehr auf Fang aus. Er hat mehrere Söhne gehabt, die tüchtige Fänger waren, zwei von ihnen sind jedoch im Kajak umgekommen. Jetzt ist nur noch ein 18jähriger Sohn bei ihm zu Hause, der aber kein guter Fänger ist. Die Eltern sind zu besorgt, um ihn hinaus zu lassen.

Der „Sattel“, Gebirgsstock nördlich von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Der vierte Sohn,[94] Johannes, der einmal der Stolz der Familie gewesen, lag jetzt, als wir kamen, bleich und abgemagert auf der Pritsche. Er litt an Schwindsucht. Er hatte einen zehrenden Husten und konnte fast nichts genießen, aber während er so dort lag, ohne jegliche Hoffnung, jemals wieder von seinem Krankenlager zu erstehen, weilten doch alle seine Gedanken bei der Jagd und dem Leben in freier Luft. Die Erinnerung an alte Zeiten, als er der erste Fänger des Ortes gewesen, tauchten wieder in seiner Seele auf, und wenn der Husten es gestattete, wurde er nicht müde, von seinen Heldenthaten zu erzählen. Dann glänzten seine Augen, ein Lächeln umspielte seine Lippen, er saß abermals im Kajak, er sah den Seehund, er erhob den mageren, kraftlosen Arm, um zu harpuniren, er bugsirte sein Fahrzeug durch Wind und Wellen. Dann kamen die Hustenanfälle, er spie Blut und sank auf das Kissen zurück, schöne Traumgebilde umgaukelten ihn, er warf die Harpune zum letztenmal.

Der Arzt nahm ihn mit, um ihn im Krankenhaus zu Godthaab zu pflegen. Jetzt hat er ausgelitten.

Im Hause nebenan liegt Johannes’ Vetter, Justus; auch er war einstmals einer der besten Fänger von Sardlok, liegt jetzt aber noch elender an Schwindsucht darnieder als Johannes und macht es wohl nicht mehr lange.[95] Beide hinterlassen eine Familie. Der Letztere hat mehrere hoffnungsvolle Söhne, Justus dagegen hat nur einen. Es ist unheimlich, zu sehen, wie dies arme Volk von dieser schleichenden Krankheit dahingerafft wird.

Es ist gerade kein sehr thatenreiches Dasein, das ich hier führe, ich werde immer mehr zum echten Eskimo. Ich lebe das Leben dieses Volkes, esse ihre Speisen, lerne ihre Leckerbissen schätzen, wie rohen Speck, rohe Hellbutthaut, wintergefrorene Krähenbeeren mit ranzigem Speck etc.

Ich schwatze mit ihnen, so gut ich kann, rudere mit ihnen im Kajak, fische, schieße, gehe mit ihnen auf die Jagd, kurz es wird mir klar, daß es nicht ganz unmöglich für einen Europäer ist, ein Eskimo zu werden, wenn ihm nur die nöthige Zeit dazu gelassen wird.

Unwillkürlich fühlt man sich wohl in der Gesellschaft dieser Menschen. Ihr unschuldiges, sorgloses Wesen, ihre anspruchslose Zufriedenheit und Güte wirken ansteckend und vertreiben allen Mißmuth, alles unruhige Sehnen.

Es war meine ursprüngliche Absicht, auf Rennthierjagd zu gehen, ich war auch eines Tages auf Schneeschuhen aus, da ich aber keine Spur entdecken konnte, gab ich es seither auf. Mein größtes Vergnügen war es, Hellbutt zu fangen. Es giebt kein interessanteres Fischen, als diese großen, kräftigen Thiere, die im stande sind, ein Boot zum Kentern zu bringen, in dem schmalen Kajak sitzend, aus dem Wasser zu ziehen.

Man kann lange, ja häufig tagelang, daliegen, ohne einen einzigen Biß zu haben, und gewöhnlich ist das keine Kleinigkeit bei einer Kälte von 20° und einem beißenden Nordwind, der oft mit Schnee vermischt ist; man muß sich sehr in acht nehmen, daß nicht ein kleinerer oder größerer Theil des Gesichts abfriert.

Das Fischen der Hellbutt.
(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)

Beißt der Fisch aber endlich, so ist alles vergessen. Man fühlt aber in der Regel nicht sofort einen heftigen Ruck, es ist mehr, als wenn die Schnur mit langsamer aber unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen wird, dann werden die Rucke fühlbarer, in einem Nu fährt das Ruder unter den Riemen[96], man ergreift die Leine mit beiden Händen und zieht so hart und so heftig daran, wie man nur irgend kann, wiederholt das mehrmals, dann kann man fühlen, ob der Fisch noch da ist; ist dies der Fall, und zuckt er wieder, so zieht man abermals an, dies wiederholt sich einmal über das andere, man sieht zuletzt aus wie ein Rasender, aber es gilt, fest zuzugreifen und wenn sich das Ziehen durch hundert Klafter Angelleine fortpflanzen soll, so muß es schon recht kräftig geschehen. Endlich hat der Fisch fest genug angebissen, und man beginnt, die Leine aufzuziehen. Es ist nicht leicht, denn der Fisch widerstrebt heftig, und die Leine ist lang, die Arme werden lahm dabei. Die Leine wird regelrecht auf dem Kajak hingelegt und um sie vor dem Zusammenfrieren zu bewahren, mit Seewasser besprengt. Falls der Fisch abermals zu Grunde gehen und mit der ganzen Leine fortlaufen sollte, wirft man die Blase, welche an das eine Ende der Leine befestigt ist, neben dem Kajak aus, man läßt den Fisch dann ruhig laufen, folgt der Blase, die oben auf dem Wasser schwimmt und nimmt die Leine erst wieder auf, wenn der Fisch matt geworden ist.

Es ist wunderbar, wie lang eine Schnur sein kann, wenn man einen Hellbutt aufzieht. Endlich merkt man, daß das Ende da ist, man sieht, wie die Leine den Bewegungen des Thieres folgt, der Widerstand wird stärker, man vermag es kaum mehr zu halten, Zug für Zug geht es in die Höhe, jetzt kommt der Senkstein, — noch ein Zug, und nun ragt ein mächtiger Fischkopf über dem Wasser empor, mit einem Maul und ein paar Augen, daß einem angst und bange davor werden kann. Man greift nach der Holzkeule, die hinten auf dem Kajak liegt und versetzt ihm, wenn es möglich ist, einige tüchtige Schläge auf den Hirnkasten. Mit einem verzweifelten Ruck fährt der Kopf unters Wasser und in pfeilschneller Fahrt gehts wieder auf den Grund. Wehe Dem, der die Leine dann nicht in Ordnung hat, so daß es irgend wo hapert. Ist dies der Fall, so wird man, ehe man sichs versieht, mit dem Kajak rund herum gedreht. Ist der Fisch auf den Grund gekommen, so vermindert sich die Schnelligkeit, und man kann abermals anfangen, aufzuziehen. Man zieht ihn zum zweitenmal an die Oberfläche, aber möglicherweise geht er nochmals auf den Grund. Es ist keine leichte Arbeit, einen Hellbutt drei- bis viermal aus einer Tiefe von hundert Klaftern an die Oberfläche zu ziehen. Endlich gelingt es, ihn ganz in die Höhe zu ziehen und ihm einige wohlgezielte Schläge zwischen die Augen zu versetzen. Das Thier wird matter, man schlägt so hart und so schnell wie möglich darauf los, es macht noch einige verzweifelte Versuche, hinab zu tauchen, allmählich aber betäuben es die Schläge. Man steckt nun das Messer ins Gehirn und Rückenmark. Dann wird die Fangblase an seinem Mund befestigt, um es an der Oberfläche schwimmend zu halten; man nimmt die Schnur, die an dem Fisch befestigt ist, zwischen die Zähne und rudert dem Lande zu. Ich muß gestehen, daß mir dies Bugsiren das Unangenehmste von der ganzen Geschichte war, denn jedesmal, wenn der Kajak auf den Kamm einer Welle gehoben wurde, hielt die Schnur plötzlich gegen, und es gab einen Ruck in den Zähnen, so daß ich häufig glaubte, sie würden mir aus dem Munde gerissen. Dies kann ein Eskimo wahrscheinlich nicht verstehen, denn ihm hat die Natur so feste Zähne gegeben, daß er ohne alle Schwierigkeit Nägel damit ausziehen kann.

Sobald man ans Land gekommen ist, wird der Hellbutt sorgfältig derartig an die Seitenwand des Kajak gebunden, daß er aufrecht im Wasser steht, mit dem Kopf voran, um beim Bugsiren so wenig Schwierigkeit wie möglich zu verursachen; dann geht es heimwärts.

Ein solcher Fang ist übrigens nicht zu verachten. Diese Fische wiegen 100–200 Kilogramm und bieten im Winter, wo es an anderem Fang gebricht, eine vorzügliche Nahrung. Von den beiden Fischen, die ich fing, lebten wir fünf Menschen ungefähr drei Wochen und hatten während der ganzen Zeit fast keine andere Speise.

Als wir eines Tages bei stillem Wetter auf dem Fangplatz lagen, verdunkelte sich der Himmel plötzlich im Süden und ein Südwind zog herauf. In größter Eile sammelten Alle ihre Fangleinen, ehe wir aber noch damit fertig waren, brach das Unwetter los, — zuerst kamen ein paar gelindere Windstöße, die aber bald an Heftigkeit zunahmen. Die See brauste schwarz-weiß heran, und bald war die eben noch spiegelblanke Fläche in ein einziges Schaummeer verwandelt. Strömung und See kämpften miteinander, grünlich-weiße Wellen rollten daher, die Kajaks verschwanden gänzlich in den Wellenthälern. Wir mußten an Land rudern, um unseren Fang und uns selber in Sicherheit zu bringen, und quer durch die Wellen hindurch ging es, so schnell unsere Ruder uns vorwärts zu zwingen vermochten.

Für die Grönländer war dies ja natürlich etwas ganz Alltägliches, für mich aber hatte es das ganze Interesse der Neuheit, und meine Fertigkeit im Kajakrudern wurde auf eine harte Probe gestellt. Man mußte die schweren Sturzwellen aufmerksam verfolgen. Schlug so eine über den Kajak dahin, ehe das Ruder auf der Windseite fertig war, so konnte man auf das Allerschlimmste gefaßt sein.

Wir hielten uns hart an der Küste, um Schutz zu suchen. Den Wind im Rücken, ging es nun mit fliegender Fahrt nordwärts, aber es ist noch schwieriger als vorhin, die Wellen kommen hinter uns her gerollt, und man muß das Ruder mit der größten Vorsicht handhaben, um nicht umgeworfen zu werden. Da kommt eine schwere Sturzsee, ein paar schnelle Ruderschläge, das Ruder flach auf der einen Seite, und das Hintertheil des Kajaks wird hoch in die Höhe gehoben, man legt sich aber hinten über, die Welle bricht sich, man bekommt sie wie einen Schlag in den Rücken, hoch spritzt das Wasser über dem Kopf auf und man fühlt sich auf der Spitze des schäumenden Wellenkammes durch die Luft geschleudert. Dann rollt sie weiter, man sinkt hinab in das Wellenthal, dann wieder ein paar schnelle Ruderschläge, eine neue Sturzsee und man wird wieder dahin getragen.

Ich hatte einen guten Begleiter und Lehrmeister in Eliase, der sich stets so nahe an meiner Seite hielt, wie die Wellen es gestatteten. Bald jagte er wie ein Sturmwind an mir vorüber auf dem Kamm einer Welle reitend, bald überholte ich ihn auf einer anderen Woge. Es war ein Tanz mit den Wellen und ein Spiel mit Gefahren.

Dann wurde das Ufer höher, und wir kamen in Schutz, ein Eisgürtel legte sich uns aber hindernd in den Weg. Hindurch mußten wir, da galt es denn, die Kajaks in acht zu nehmen, daß sie nicht zwischen den unruhigen Eisschollen zerdrückt wurden. Wir entdeckten eine kleine Oeffnung; der Augenblick mußte ausgenutzt werden, und mit ein paar raschen Ruderschlägen trieb ich den Kajak auf dem Kamm einer großen Welle glücklich hindurch.

Terkel, Sardloks stolzer Fänger, und sein Bruder Hoseas hatten jeder ihre Hellbutt im Schlepptau, und sie kamen erst eine Weile nach uns in den Schutz. Wir hofften, daß der Wind sich ein wenig legen würde, während wir die Beute an den Kajaks befestigten und andere Vorkehrungen trafen, aber es trat keine Veränderung ein, und wir mußten wieder ins Unwetter hinaus, um nach Sardlok zu gelangen. Da wir aber den Wind mit uns hatten, ging es schnell, und wir befanden uns bald im sichern Hafen.

Ich werde oft in die andern Häuser zum Hellbuttessen eingeladen, nachdem ich mich schon zu Hause darin satt gegessen habe, und muß dann essen, so lange der Magen es annehmen will. Besonders oft bin ich in Terkels Haus, welches das größte hier am Ort ist. Neulich abends, als ich dort saß, ward ich Zeuge eines eigenthümlichen Schauspiels. Hoseas’ Sohn, der etwas über ein Jahr alt war, tanzte den „Mardleck“ mit Terkels dreijährigem Töchterchen. Der kleine Bursche tanzte im bloßen Hemd, das ihm bis an die Mitte des Magens reichte, die Arme hielt er steif vom Leibe ab und mit der ernstesten Miene von der Welt hüpfte er bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein, dann drehte er sich rund herum, alles in vollständig richtigem Takt mit der Musik, die aus Gesang bestand, und immer mit der gleichen Miene das kleine, hübsche Mädchen anschauend, die ihr Haar und ihre Kleidung genau so trug wie eine erwachsene Grönländerin und dabei ein so kokettes Gesicht aufsetzte, als sei es nicht das erste Mal, daß sie mit Herren zu thun habe. Der ganze Anblick war unwiderstehlich lächerlich. Die eskimoischen Kinder sind sehr früh entwickelt.

Terkel, der beste Seehundsfänger in Sardlok.
(Von A. Bloch nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Kajaks in offener See.
(Von Th. Holmboe nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)

Am 14. Februar kehrte ich wieder nach Godthaab zurück, nachdem ich mich ungefähr einen Monat in Sardlok aufgehalten hatte. Unsre Reisegesellschaft bestand außer Joel und mir noch aus Hoseas aus Sardlok. Alle Kajaks waren mit Hellbuttfleisch, Vögeln und dergl. schwer belastet. Deswegen war es kein leichtes Rudern, als wir von einem heftigen Westwind überfallen wurden. So lange wir uns an dem westlichen Ufer hielten, ging es einigermaßen gut, da der Wind hier keine Macht hatte, als wir aber über den Godthaaber Fjord setzten, wurde es schlimmer. Je mehr wir uns vom Lande entfernten, desto höher wurden die Wellen und wir verschwanden gänzlich zwischen ihnen. Als es nun auch anfing zu schneien, so daß wir nicht die Hand vor Augen sehen konnten, wurde es den Eskimos bedenklich und sie riefen mir zu, daß wir umwenden müßten, um wieder unter den Schutz des Landes zu kommen. Ich war der Meinung, daß es trotz des Schneetreibens leicht sein müsse, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, und bestand darauf, daß wir es noch eine Weile versuchen wollten, es ging auch noch eine Zeit lang, die Wellen kamen halb von hinten, aber es wurde von Minute zu Minute schlimmer, und nun halfen keine Bitten mehr, sie riefen mir wieder etwas zu, was ich nicht verstand und wandten sich dann um, ohne meine Antwort abzuwarten. Wir arbeiteten gegen den Wind nach dem Lande zurück, wo wir im Schutz lagen, und warteten ab, ob sich das Wetter nicht ändern würde. Unsere Bootslast, die hinten auf den Kajaks lag, wurde an Land gebracht und mit Steinen und Schnee belastet, da wir sie am folgenden Tage, wenn das Wetter es erlaubte, abholen wollten. Es ist nicht gut, die Kajaks bei Seegang zu sehr zu belasten, weil sie dann dem Kentern zu leicht ausgesetzt sind. Als das Schneetreiben sich ein wenig verzogen und der Wind sich gelegt hatte, machten wir uns wieder auf den Weg und gelangten glücklich über den Fjord nach Godthaab.

Kangek, 28. Februar.

Heute schreiben wir den 28. Februar — auch dieser Monat ist schon zu Ende. Vielleicht noch einer — dann kommt das Schiff und dann geht es fort von diesem Leben und diesen Menschen auf Nimmerwiedersehen.

Aber das läßt sich nicht ändern, deswegen ist es am besten, den Gedanken daran fahren zu lassen.

Es ist so frisch hier draußen am Rande des Meeres. Die Wellen stehen mit voller Kraft aufs Land, sie spielen mit dem Kajak, als sei es ein Knäuel Garn, brausen schäumend weiß dahin und donnern gegen Klippen und Felsen, während der Schaum hoch hinaufspritzt bis über das schneebedeckte Land.

Es ist ein herrliches Leben, Wind und See bespülen die Wange, während Hirn und Muskeln sich in steter Spannung befinden, um den Kajak auf den rechten Kiel zu halten, und das Auge nach der Windseite ausspäht, um die Sturzsee jedesmal richtig abzupassen. — — —

Und dann die Nächte, die oft ganz still sind, still und schweigend stehen die Felsen da, sich schwarz von dem weißen Schnee und dem Meere abhebend, das in melancholischem Takt gegen das Ufer schlägt und in dem sich ein schwacher Widerschein des dunklen sternenglitzernden Himmels widerspiegelt. Hin und wieder huscht ein glänzendes Nordlicht, bald in bläulichem, bald in röthlichem, in gelbem, dann wieder in bläulichem Schein über das nächtliche Firmament, bald als wogende, stets wechselnde Bänder, bald als Flammen an dem südlichen Himmel dahinrollend, sich bald in blendenden Strahlenbündeln sammelnd; es brennt und leuchtet, breitet sich aus, sammelt sich wieder und verschwindet. Dann kommen neue Feuergarben, neue Flammen sprühen auf — es ist ein ewiger Wechsel, stets dasselbe, und doch stets etwas Neues — gleich räthselhaft und fesselnd —, das Meer aber rollt wie vorhin in schweren Wellenschlägen gegen das Ufer.

Vor kurzem war ich in Sardlok, jetzt bin ich hier draußen — und weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich auf den Frühling, wo die Tage länger werden, die Sonne wärmer scheint und der Schnee schmilzt. Ich fühle mich ihm hier draußen gleichsam näher gerückt, wenn er vom Süden her übers Meer gezogen kommt, werde ihn aber doch nicht mehr hier oben erleben, trotzdem aber ist es wohlthuend, zu sehen, wie die Tage länger werden, zu sehen, wie das Meer in der höher aufsteigenden Sonne erglänzt, sie beinahe wärmend zu fühlen, und mit dem grauenden Tag auf Fang auszuziehen, gegen Abend heimzukehren, ohne daß der Tag schon zu Ende ist. Die menschliche Gesellschaft, ihre großen Gedanken und ihr großes Elend — alles liegt gleich fern — nur das Gefühl der Freiheit, die reine Freude am Leben ist geblieben.

Am 17. Februar kam ich hier heraus. Es ist ein guter Ort, um sich im Kajakrudern zu üben. Die Strömung ist reißender als sonst irgendwo, sie stürzt zwischen den Scheeren und an den Landzungen vorüber wie ein Fluß, und wo sie den großen Wellen draußen in dem offenen Meer begegnet, da thürmen diese sich auf und zischen wild in die Höhe. So ist es denn kein Wunder, daß die Kangeken die besten Kajakruderer hier in der Gegend sind, und schwerlich findet man ihres gleichen in ganz Grönland. Auf dem offenen Meere suchen sie ihren Erwerb, oft setzen sie dabei das Leben aufs Spiel, Viele kommen um, aber unberührt davon bewegen sie sich tagaus, tagein auf dem tückischen Element. Es ist ein Vergnügen, sie mit den hohen Wellen tummeln zu sehen, die gleich galoppirenden Pferden mit ihnen herangestürmt kommen, die flatternden Mähnen mit weißem Schaum bedeckt. Keine Welle ist ihnen zu hoch. Kommt ihnen einmal eine Sturzsee zu schwer heran, so stemmen sie die Seite des Kajaks dagegen, stecken das Ruder unter den Riemen an der Windseite, beugen sich tief über den Kajak und lassen die Sturzwelle über sich hinrollen, oder sie legen auch das Ruder flach gegen die Windseite und indem die Welle sich bricht, wälzt sich der Ruderer mitsamt seinem Kajak in den Abgrund hinab und schwächt dadurch ihre Macht. Sobald sie vorübergerollt ist, richtet er sich wieder auf dem Ruder auf. Man hat mir erzählt, daß die wirklich überlegenen Kajakruderer noch einen anderen Kunstgriff haben. Ist eine Welle so hoch, daß sie sie nicht auf andere Weise zu bezwingen glauben, so kentern sie ihren Kajak in demselben Moment, wo die Welle sich über sie ergießt, und lassen den Boden den Stoß aufnehmen, ist die Welle vorüber, so richten sie sich wieder auf.

Die Stöße, welche eine solche Welle versetzen kann, müssen oft sehr heftig sein. Es wurde mir erzählt, daß ein Mann durch eine Welle, die mit ihrer ganzen Gewalt über ihn hereinbrach, derartig auf den Kajak gedrückt wurde, daß er eine Rückgratsverletzung davon trug, die ihn fürs Leben zum Krüppel machte. Trotzdem kenterte er aber nicht. Es ist bewunderungswerth, welche Geistesgegenwart und Herrschaft über die Kajaks diese Eskimos besitzen!

Ein Kajakmann läßt eine Sturzwelle über sich hinrollen.
(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze.)

Anton, ein hervorragender Fänger aus Karusuk (einem tief in den Fjord hineingelegenen Wohnort), kam eines Tags auf Fang nach Kangek. Die See war sehr erregt, und, unbekannt wie er war, jagte er auf einer Welle über eine Untiefe dahin. Plötzlich saß er fest und im nächsten Augenblick stürzte sich eine neue Welle über ihn. Er glaubte, daß es mit ihm aus sei, beugte sich aber vorüber, klemmte das Ruder gegen den Kajak und verschwand unter dem schäumenden Wasser. Als die Sturzsee sich verlaufen hatte, war auch Anton wieder flott geworden und schoß in seinem Kajak dahin, genau so überlegen wie vorher.

Hauptsächlich betreibe ich hier Jagd auf Eidergänse. Man hat dazu die beste Gelegenheit hier draußen bei einigen kleinen Inseln und Werdern, die Jemerigsek genannt sind.

Simon, Katechet und Seehundsfänger von Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Man schießt die Eidergänse hier gewöhnlich auf andere Weise als in Godthaab, indem man selber umherzurudern und die Vögel aufzusuchen pflegt. Bemerkt man Eidergänse auf dem Wasser, so hält man sich auf der Windseite und nähert sich ihnen, soweit man kann. In der Regel kommt man ihnen jedoch nicht sehr nahe, bevor sie auffliegen, da sie aber gegen den Wind auffliegen müssen, so sehen sie sich gewöhnlich gezwungen, in Schußweite an den Kajaks vorüber zu kommen. Da gilt es denn, eine solche Stellung einzunehmen, daß sie an der richtigen Seite vorüberfliegen und man zum Schuß kommen kann. Ein Mensch, der nicht links zu schießen versteht, kann nämlich nicht rechts schießen, wenn er im Kajak sitzt, sondern muß die Vögel gerade vor sich oder auf der linken Seite haben. Der Kajak gestattet keine großen Schwenkungen. Wenn die Vögel auffliegen und man sieht, welche Richtung sie einschlagen, muß man also, wenn der Kajak nicht die richtige Lage hat, ihn in aller Eile wenden, das Ruder unter den Riemen stecken, den rechten Fausthandschuh abziehen, die Büchse aus dem Sack holen und an die Wange legen — dann knallt der Schuß! Will man aber Aussicht auf Erfolg haben, so muß dies alles Sache eines Augenblicks sein, und bei hoher See muß man so verwachsen mit seinem Kajak sein, daß man die Büchse ebenso sicher hantirt als auf dem Lande, natürlich darf man, wenn der Schuß knallt, nicht kentern. Viele von den Kangeken haben diese Jagd zu einer großen Vollkommenheit gebracht. Ich habe sie bei hohem Seegang ihr Dutzend Eidergänse und mehr schießen sehen, und zwar indem sie nur auf einzelne Vögel zielten. Zuweilen ging ich mit einem Fänger Namens Pedersuak — der große Peter — weit in See hinaus. Er war ein guter Vogelschütze, und ich habe oft mit ihm um die Wette geschossen, zog aber zu seinem Entzücken gewöhnlich den Kürzeren dabei. Eines Tages, als wir zusammen auf der See lagen, kamen zwei Eidergänse in voller Geschwindigkeit mit dem Winde daher geflogen. Sie befanden sich außerhalb meiner Schußweite, flogen aber in der Richtung auf Pedersuaks Kajak zu. Ich machte ihn auf sie aufmerksam, er bemerkte sie auch, ließ sie aber ruhig an sich vorüberfliegen, ich konnte gar nicht begreifen, was er damit beabsichtigte, plötzlich aber erhob er die Büchse, es knallte und beide Vögel fielen. Er erklärte mir später, er habe nur gewartet, um sie beim Schießen auf einer Linie zu haben. Ich hielt das Ganze für einen bloßen Glückszufall, aber wir hatten gar nicht lange gerudert, als abermals zwei Eidergänse genau so wie vorhin herangeflogen kamen, diesmal aber noch in besserer Schußweite für Pedersuak. Er steckte das Ruder unter den Riemen und hielt die Büchse bereit, jedoch ohne zu schießen. Endlich als sie längst vorüber waren, knallte ein Schuß, und abermals fielen die beiden Vögel. Ich habe das später häufig erlebt, ja ich habe sogar drei Vögel, die zusammen dahergeflogen kamen, auf einen Schuß fallen sehen, indem der Schütze den Augenblick abwartete, wo sie aneinander vorbei flogen und sich alle auf einer Linie befanden. Die Eskimos schießen nur mit einer Mundladebüchse, die sie indessen gut zu laden wissen und mit der sie in einer ganz unbegreiflichen Entfernung treffen können. Oft, wenn ich mit ihnen auf Jagd gerudert war, unterließ ich es, auf die vorüberfliegenden Vögel zu schießen, weil mir der Abstand viel zu groß erschien, dann aber hat ein Eskimo neben mir sofort angelegt, gezielt und den Vogel getroffen. Es ist gar nicht leicht, diese Büchsen zu laden, wenn die See über die Kajaks hereinbricht; man legt sie mit dem Kolben vorn auf den Kajak und kehrt die Mündung dem Gesicht zu oder stützt sie auf die Schulter, während man Pulver, Zündhütchen etc., das man, nur um es trocken zu halten, in der Mütze aufbewahrt, hervorholt. Auf diese Weise kann man sich selbst bei dem stärksten Seegang so einrichten, daß kein Wasser in den Büchsenlauf kommt. Zur Aufbewahrung der Büchse, die man am liebsten immer bei der Hand hat, dient ein oben auf dem Vordertheil des Kajaks liegender Sack.

Tobias, einer der besten Seehundsfänger von Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Boas, einer der besten Seehundsfänger in Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Eine andere Art der Vogeljagd, die, falls man Uebung darin hat, im Grunde ein noch größerer Sport ist, wird mit dem Vogelpfeil betrieben, doch ist hierzu noch mehr Uebung erforderlich. Hierin sind jedoch die Kangeken wahre Meister. Es ist ein wahres Vergnügen, sie ihre Vogelpfeile werfen zu sehen.

Nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalt in Kangek kehrte ich wieder zurück. Bei der Gelegenheit erhielt ich einen guten Beweis von dem Aberglauben der Grönländer. Als ich in Godthaab ankam, wurde ich wie gewöhnlich von einer ganzen Schar von Grönländerinnen empfangen. Ich muß unfreundlicher und wortkarger als gewöhnlich gewesen sein, vielleicht war ich auch, da ich den ganzen Tag auf Jagd nach Vögeln umhergestreift hatte, ermüdet. Die Grönländerinnen waren sich aber sofort darüber einig, daß ich einem großen, unheimlichen Kobold begegnet sein müsse oder einem Wesen, das auf den Inseln da draußen hausen und den einsamen Kajakmännern erscheinen soll, die sich in die Nähe dieser Inseln wagen (sie nennen dies Wesen Tupilik, weil es in der Form einem Zelt gleicht). Kehren die Jäger heim, nachdem sie dies Wesen gesehen haben, so pflegen sie noch lange nachher stumm zu sein. Hieran glauben die Grönländer steif und fest, und die Kajakmänner nähern sich aus diesem Grunde niemals allein diesen Inseln und wollten es auch mir nicht erlauben, so viel allein umherzustreifen, wie ich es that, jetzt hofften sie, daß ich mein Lehrgeld bezahlt hätte.

[94] Man lese nur die Beschreibung, die Lieutenant Bluhme im Jahre 1864 von ihm macht.

[95] Er starb noch bevor wir Grönland verließen.

[96] Das Ruder wird unter den an dem Kajak befestigten Querriemen gesteckt, so daß es gegen die Seitenwand des Kajaks liegt. Durch den Widerstand, welchen das Ruderblatt im Wasser leistet, trägt das Ruder sehr dazu bei, die Lage des Kajaks zu befestigen.