Kapitel XVIII.
Wir verändern unsere Route auf Godthaab. Einige Mittheilungen über Klima und Schneeverhältnisse.

Spät am Abend des 26. August machten wir Halt, nachdem wir eine Höhe von ungefähr 1990 m erreicht hatten. Infolge der Erfahrungen, die wir in der letzten Nacht gemacht hatten, trugen wir jetzt Sorge dafür, uns besser gegen den Schneesturm und den feinen, alles durchdringenden Schneestaub zu schützen. Wir schaufelten den Schnee fort, so daß wir eine Schneeschanze an der Windseite erhielten, stellten außerdem einen Schlitten gegen die Zeltwand, die gleichfalls nach der Windseite lag und bedeckten ihn mit Persenningen, wodurch wir uns ein ziemlich warmes Nest schufen. Wir waren alle in rosigster Laune, lautes Lachen erschallte, und der Theekessel summte über der Spiritusflamme, die ein schwaches Licht auf die kleine seltsame Gruppe in dem kleinen Raum warf, wo trotz aller Vorsichtsmaßregeln der Schnee lustig herumwirbelte und alles mit einer feinen weißen Schicht bedeckte.

Als der Thee fertig war, zündeten wir eins der fünf Stearinlichter an, die ich zum Photographiren mitgenommen hatte, und dies machte den Abend äußerst gemüthlich. Was kümmerte es uns, daß der Sturm draußen heulte und die Wände unseres Zeltes erzittern machte!

Als wir am nächsten Morgen (27. August) erwachten, hatte sich der Schneesturm noch immer nicht gelegt, aber das Zelt war doch nicht so voller Schnee wie am vorhergehenden Morgen. Da ich das Stampfen in dem losen Schnee gegen den Wind satt hatte, so beschloß ich, daß wir gleich an jenem Morgen einen Versuch machen wollten, unsere Schlitten mit Segeln zu bespannen. Hier stieß ich jedoch auf ziemlich starken Widerspruch, besonders von seiten der Lappen. Ravna setzte ein ganz jämmerliches Gesicht auf, und Balto schimpfte unbeschreiblich.

„Nun ja, zum Teufel auch! So verrückte Leute sind mir noch niemals vorgekommen. Sie wollten auf Schnee segeln!“

Er meinte, wir könnten ihn gewiß mancherlei lehren, wie z. B. das Segeln auf der See und dergl. m., ihn aber etwas auf dem Lande und gar auf dem Schnee lehren zu wollen, nein, das sollten wir uns nur nicht einbilden, das sei ein „Satans-Unsinn“. Er sparte nicht an Worten, aber es half ihm alles nichts, er mußte sich fügen, die Schlitten wurden nebeneinander hingestellt und zu zwei Flößen zusammengebunden, — das eine aus zwei, das andere aus drei Schlitten bestehend. Zu dem ersten Floß wurde der Zeltboden als Segel benutzt, bei dem andern, zu dem Balto, Ravna und Dietrichson gehörten, sollten zwei Persennings dieselben Dienste leisten.

Es war anfänglich meine Absicht gewesen, die Zeltwände hierzu zu benutzen, wir wagten es jedoch nicht, sie preis zu geben; sie waren zu dünn, und etwas Unangenehmeres als eine Beschädigung des Zeltes in diesen Umgebungen konnte uns nicht begegnen. Als die Persennings aufgespannt waren, riß der Wind sie jedoch voneinander, und nun mußten sie zusammengenäht werden. Es war keine Kleinigkeit, in der Kälte und bei dem Schneetreiben mit bloßen Händen dazusitzen und zu nähen. Wir mußten gut acht geben und die Finger tüchtig schlagen, und so wurden wir denn nach den verschiedensten Schwierigkeiten und einer sechs- bis siebenstündigen Arbeitszeit endlich gegen Nachmittag flott.

Wir sahen jedoch gar bald ein, daß aus dem Kreuzen gegen den Wind nichts werden konnte. Jedenfalls erreichten wir damit nicht viel. Ich hatte mir in der Beziehung auch keine großen Hoffnungen gemacht und einen andern Plan gefaßt. Ich war mir ganz klar darüber, daß wir bei diesen Eisverhältnissen und diesem widrigen Wind keine Aussicht hatten, Kristianshaab vor Mitte September zu erreichen. Um die Zeit ging das letzte Schiff nach Kopenhagen ab, und damit war uns die Möglichkeit genommen, die Heimath noch in diesem Jahr zu erreichen. Diese Aussicht schien mir damals höchst fatal, ein ganzer Winter würde mit einem Winteraufenthalt in Grönland verloren gehen, und die Gefährten würden sich alle nach der Heimath sehnen. Meine Kenntnisse der Schiffahrtsverhältnisse an der Westküste von Grönland waren nur sehr mangelhaft, und ich nahm an, daß dasselbe Schiff, das Kristianshaab im September verließ, die südlich gelegenen Häfen anlaufen würde. Ich zog daraus die Schlußfolgerung, daß wir mehr Aussicht auf eine Rückkehr in die Heimath im Laufe dieses Jahres haben würden, wenn wir unsern Kurs auf einen dieser südlicheren Häfen richteten, und meinte, daß Godthaab in dem Fall ein guter Ort sein müsse. Auch andere Gründe sprachen dafür, diese Richtung einzuschlagen, vor allen Dingen glaubte ich, daß die Untersuchung des Eises dort von größerem Interesse sein müsse da es bis dahin ja völlig unbekannt war, während Nordenskjölds beide Expeditionen viele werthvolle Aufklärungen über die Eisverhältnisse südöstlich von Kristianshaab verschafft hatten. Als dritter Grund galt, daß die Jahreszeit so weit vorgeschritten war, und der Herbst auf dem Inlandseise wohl kaum gelinde sein würde. Der Weg bis an den Fjord, an dem Godthaab lag, war aber bedeutend kürzer als der bis nach Kristianshaab, daher konnten wir darauf rechnen, falls wir die erste Richtung einschlugen, schneller ans Ziel zu gelangen und keiner so scharfen Kälte ausgesetzt zu sein. Freilich wußten wir nicht, ob die Beschaffenheit des Eises dort sich zum Absteigen eignete, und ob der Weg bis zu der Kolonie selbst nicht ebensoviel Zeit erforderte wie der nach Kristianshaab, denn bei Godthaab war die Strecke über das kahle Land von dem Inlandseise aus so bedeutend länger, ja vielleicht hatte es seine großen Schwierigkeiten, dort vorwärts zu kommen. Auf irgend eine Weise mußten wir die Kolonie aber erreichen können, und wenn es keinen anderen Ausweg gab, so mußten wir unsere Zuflucht zu dem Wege über die See nehmen.

Dies alles ging mir an jenem Vormittag durch den Kopf, die Karte wurde fleißig studirt, in aller Stille Berechnungen gemacht, und das Resultat war, daß ich mich für den Weg nach Godthaab entschied. Ich war darauf vorbereitet, in der Nähe von Godthaab auf schwieriges Eis zu stoßen, weil dort so viele Gletscher sind, die das Eis abschieben, aber ich hatte die feste Zuversicht, daß es irgendwo gehen müsse.

Der Punkt, an dem ich zu enden gedachte, war genau derselbe, wo wir in Wirklichkeit anlangten — ungefähr beim 64° 10′ N. Br. Ich hielt diesen Punkt für den besten, weil sich hier kein Gletscher befand, während nach der Karte, die übrigens völlig unrichtig war, sowohl im Norden wie im Süden mächtige Gletscher sich bis ans Meer hinan erstrecken sollten. Meiner Meinung nach mußte man nun zwischen zwei Gletschern einen Gürtel oder, wenn man will, eine Vertiefung finden, in dem das Eis einigermaßen ruhig liegt, und wo es infolgedessen ziemlich eben ist. Soweit meine Erfahrung reicht, hat sich dies ja auch als zutreffend erwiesen.

Als ich den Anderen meinen Entschluß, nach Godthaab zu gehen, mittheilte, waren sie Alle sehr damit einverstanden. Es schien, als habe man schon genug vom Inlandseis und sehne sich nach gastlicheren Gegenden. So wurden denn die Segel gehißt, und gegen 3 Uhr des Nachmittags zogen wir von dannen so hoch gegen den Wind, wie wir nur liegen konnten, aber es wurde niemals höher als quer, ja schließlich sogar einen Strich niedriger als quer. Da der Wind rechtweisend Nord bis West war, wurde unser Kurs auf diese Weise bedeutend südlicher als Godthaab, weil uns aber der Wind half, war es doch vortheilhafter für uns, die Segel zu benutzen und so niedrig zu liegen, statt zu ziehen. Wenn wir es so einrichteten, daß zwei von uns vorangingen und zogen, während einer hinterherging und steuerte, konnte es ganz gut gehen. Und obwohl wir so spät ausgerückt waren und ziemlich früh am Abend Rast machten, kamen wir an jenem Tage doch über eine Meile vorwärts.

Je weiter wir kamen, desto mehr beschäftigte mich der Gedanke, wie wir am besten vom Inlandseis zu den menschlichen Wohnungen hinabgelangen könnten. Nach der Karte zu urtheilen, schien es eine ziemlich wilde Gegend zu sein mit Bergen, Thälern und Fjorden, am besten war es scheinbar in der Richtung gegen den Wohnort Narsak, an der Südseite der Mündung des Ameralikfjord, südlich von Godthaab. Aber auch hier konnte es möglicherweise seine Schwierigkeiten haben, vorwärts zu kommen, und der Gedanke an den Seeweg drängte sich mehr und mehr in den Vordergrund. Es lag ja klar auf der Hand, daß wir in unseren beiden Waterproofs-Persennings und dem wasserdichten Segeltuchboden unseres Zeltes Material genug besaßen, um ein Boot zu bauen, — Holzmaterial für die Spille, die Ruder und dergleichen konnten wir von den Schneeschuhen, Stäben, Bambusstangen und dem Schlitten nehmen, es würde sich ausgezeichnet machen lassen —, und wenn wir allesamt an die Arbeit gingen, konnte es kaum lange währen, bis das Boot fertig war. Als ich erst zu diesem Resultat gekommen war, theilte ich eines Tages Sverdrup meinen Plan mit. Nach einigem Ueberlegen war er damit einverstanden, und nun beredeten wir während unserer Wanderung, wo es immer gut ist, wenn man die Gedanken mit etwas beschäftigen kann, häufig miteinander, wie das Boot in diesem Fall am besten zu bauen sei.

Während der folgenden Tage hatten wir dasselbe Wetter mit Sturm und Schneetreiben. Des Nachts fürchtete ich mehrmals, daß das Zelt zerrissen werden könne, — am Morgen, wenn wir weiter wollten, mußten die Schlitten aus den Schneeschanzen herausgegraben werden; wir mußten sie abladen, um die Schienen von Eis und Schnee zu befreien, sie wieder zusammenbinden und die Segel von neuem aufspannen, und diese Arbeit war nicht leicht bei starker Kälte und dem schneidenden Schneesturm; besonders das Zusammenbinden, das, wenn es halten sollte, mit bloßen Händen geschehen mußte, war ein saures Stück Arbeit. Hatten wir unsere Schlitten endlich flott gemacht, so mußten wir den ganzen Tag durch den Schnee stampfen, und das war schwer genug, man mochte vor den Schlitten gehen und ziehen oder hinterdrein und steuern. Am schwersten war es, am Abend das Zelt aufzuschlagen, denn erst mußte der Zeltboden mit den Zeltwänden verbunden werden, was vermittelst Schnürung geschah und mit bloßen Händen ausgeführt werden mußte, wobei man acht zu geben hatte, daß sie nicht abfroren. So geschah es mir eines Abends während der Arbeit, daß ich plötzlich entdeckte, daß meine Finger an beiden Händen bis zur Handfläche völlig weiß waren. Ich zog daran, sie fühlten sich völlig wie Holz an, so hart und leblos waren sie. Durch Reiben mit Schnee und Klopfen wurde der Blutumlauf jedoch bald wieder in Ordnung gebracht, und die Farbe kehrte zurück.

Am 28. August hatte Kristiansen das Unglück, am Rande einer Schneeschanze fehlzutreten und eines seiner Beine im Kniegelenk zu verrenken. Er war mehrere Tage lang so elend, daß ihm das Gehen schwer wurde, aber durch fleißige Massage erholte er sich bald wieder. Es machte einen merkwürdigen Eindruck, ihn mitten im Schneetreiben und in der schneidenden Kälte mit entblößtem Bein dasitzen zu sehen, während Dietrichson ihn massirte. Am 28. August bekamen auch die Lappen kranke Augen, — merkwürdigerweise waren sie, wie bereits erwähnt, die Ersten, die an Schneeblindheit litten, und sie blieben auch die Einzigen. Balto mußte ich Kokainlösung in seine Augen tröpfeln, und bei sorgfältiger Benutzung der Schneebrillen und des rothen Seidenschleiers wurden sie bald wieder gesund. Wir Anderen kamen glücklich um diese Krankheit hinweg, die viele arktische Reisende für ganz unvermeidlich erklärt haben. Wenn man dunkle Brillen und Schleier anwendet, kann man sich sehr wohl dagegen schützen. Obwohl wir die Sonne nur am Tage hatten, wirkte sie doch während der kurzen Zeit schlimm genug. Mitten am Tage konnte die Wirkung der Sonnenstrahlen geradezu intensiv sein. Im wesentlichen trug hierzu der Umstand bei, daß die Luft in der Höhe, in der wir uns befanden — 2000 m — sehr dünn war; eine starke Wirkung übten selbstverständlich aber auch die großen, ebenen Schneeflächen aus, welche die Sonnenstrahlen zurückwarfen. An unserer Gesichtshaut war dies mehr oder minder zu verspüren, wir waren ganz braun gebrannt, und an den vorstehenden Gesichtstheilen wie z. B. der Nase blätterte die Haut bei uns Allen ab. Besonders Kristiansens Gesicht litt sehr von der Sonne, seine Backen schwollen auf und waren mit Blasen bedeckt. Sie sahen aus, als seien sie abgefroren, und verursachten ihm große Schmerzen. Von nun an wurden wir sorgfältiger in Benutzung unserer rothen Seidenschleier, wodurch wir den schädlichen Einfluß der Sonne milderten.

Es sah ganz eigenthümlich aus, wie diese feinen Seidenschleier in der blauen Luft flatterten. Sie zogen unwillkürlich unsere Gedanken in die Heimath, auf unsere Promenaden, zu den prächtigen Equipagen, eleganten Damengestalten, den strahlenden Augen, — statt dessen erblickten wir hier sechs Männer, nichts weniger als elegant, die ihre eigenen Equipagen zogen, welche ebenfalls nicht an Eleganz litten, und hinter den Schleiern guckten nur sehr schmutzige, wettergebräunte Gesichter hervor.

Am Nachmittag des 29. August legte der Wind sich, weswegen es sich nicht mehr verlohnte zu segeln. Wir nahmen deshalb die Segel ab und fingen an zu ziehen mit direktem Kurs auf Godthaab.

Das Ziehen auf Indianertrugern.
(Nach einer Photographie.)

An jenem Tage wurde der Schnee so lose und tief, daß Sverdrup, Dietrichson und ich die Indianertruger unter die Füße schnallten. Es verursachte uns jedoch im Anfang ziemliche Schwierigkeiten, diese Einrichtungen zu benutzen, welche wir früher nicht ausprobirt hatten. Bei den ersten Schritten fielen wir unaufhörlich auf die Nase: bald spreizten wir die Beine nicht genug, der eine Schneeschuh schlug gegen das andere Bein und kopfüber ging’s. Dann nahmen wir uns eine Weile in acht, bis wir die eine Truge auf die anderen setzten, und als wir wieder ausschreiten sollten, fielen wir abermals auf die Nase; nun spreizten wir die Beine mehr, und infolgedessen ging es gut, bis sich die Spitze einer Truge in den Schnee bohrte, und wir wieder da lagen. Auf diese Weise ging es eine ganze Zeit, — immer lagen wir auf der Nase und wühlten im Schnee, allmählich aber gewöhnten wir uns an die Benutzung der Schneeschuhe und fanden sie schließlich sehr praktisch. Sie hielten uns vorzüglich über dem Schnee, und wir konnten festen Fuß damit fassen. Jetzt bereuten wir, daß wir uns ihrer nicht früher bedient hatten. Auch Kristiansen machte einen Versuch, aber er konnte nicht damit fertig werden; nachdem er wohl zwanzigmal auf der Nase gelegen hatte, wurde er so ärgerlich, daß er sie auf den Schlitten warf und die norwegischen Truger anschnallte, aber die sanken in den Schnee und waren bedeutend schwerer. Die Lappen, die sich früher so hoch und heilig verschworen hatten, „diese dummen Einrichtungen“ niemals zu benutzen, konnten sich jetzt natürlich nicht dazu bequemen, sie in Gebrauch zu nehmen, sie sahen uns dumme Menschen voller Verachtung und Mißbilligung an, als wir sie anschnallten. Es gewährte ihnen scheinbar eine große Befriedigung, als sie uns im Anfang einmal über das andere auf die Nase fallen sahen; als es aber allmählich besser ging, und wir ihnen offenbar sehr überlegen waren, da konnte Balto es nach einer Weile nicht mehr aushalten, er kam mit einer vorsichtigen Anfrage, ob es sich wirklich gut darauf gehen ließ; und diese Frage wiederholte er mehrmals. Es war ganz klar, daß er die größte Lust hatte, die Truger einmal zu versuchen, trotz seiner früheren Verurtheilung dieser „dummen Einrichtung“. Da wurde am Morgen des 30. August der Schnee derartig, daß wir Skier anwenden konnten, und nun schnallte er diese statt jener an. Ravna wartete noch eine Weile, dann griff auch er — auf Baltos Rath — nach den Skiern. Es währte nicht lange, so hatte auch Kristiansen die seinen angelegt. Da ich indessen fand, daß die Indianertruger, so lange wir die starke Steigung hatten, vortheilhafter waren, so fuhren Sverdrup und ich mit der Benutzung derselben bis zum 2. September fort, während Dietrichson seine Skier schon einen Tag früher hervorholte.

Unser Leben verlief in dieser ganzen Zeit wie auch in den folgenden drei Wochen ganz ungewöhnlich einförmig und ohne jegliche Spur von erwähnenswerthen Ereignissen. Da war es denn kein Wunder, daß die geringsten Kleinigkeiten zu bedeutenden Begebenheiten anwuchsen und die Tagebuchblätter aus jener Zeit anfüllten. Daß wir zum letztenmal Land sahen, war z. B. ein Ereigniß, das erwähnt werden mußte; so schreibt Dietrichson: „Ungefähr um 10 Uhr des Vormittags (31. August) erblickten wir zum letztenmal bloßes Land. Auf dem Kamm einer Welle (oder eines schwachen Höhenrückens im Terrain) entdeckten wir eine Spur von einem Nunatak, der seit vielen Tagen außer uns selbst und den Schlitten der einzige dunkle Punkt gewesen war, auf den wir unsere Augen richten konnten. Jetzt verschwand er ebenfalls“. Diesem unseren letzten Nunatak gaben wir den Namen Gaméls Nunatak.

Daß ein so merkwürdiges Ereigniß wie der Anblick eines Schneesperlings notirt werden mußte, versteht sich von selbst. Ich schrieb darüber:

„Eine Stunde nachdem wir den letzten Nunatak aus den Augen verloren hatten, wurden wir nicht wenig überrascht, als wir plötzlich Vogelgezwitscher in der Luft vernahmen und einen Schneesperling auf uns zuflattern sahen. Er umkreiste uns ein paarmal, ließ sich dann dicht neben uns im Schnee nieder, legte das Köpfchen auf die Seite und schaute uns an, hüpfte darauf munter über den Schnee dahin, zwitscherte ein wenig und flog gen Norden, unseren Blicken verschwindend. Dies war der letzte Gruß, den das Land uns sandte.“

Während der letzten Tage des August hatten wir noch Steigung. Wir hofften beständig, das Hochplateau zu erreichen und an die letzte Steigung gelangt zu sein; wenn wir aber hinaufkamen, fanden wir stets eine Ebene und eine noch höhere Steigung dahinter. Die Schneefläche erstreckte sich in langen Wellenlinien höher und höher landeinwärts:

Am Abend des 1. September kamen wir auf eine große Welle hinauf und fanden auf deren Kamm eine große Fläche mit fast unmerklicher Steigung landeinwärts. Wir bemerkten eine auffallende Wetterveränderung; im Westen am Horizont thürmten sich schwere Wolkenbänke auf mit runden Kumulusformen, wie wir sie bis dahin hier oben über der Schneefläche nicht bemerkt hatten. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß sich diese Wolken durch feuchten Luftzug bildeten, der vom Meere aus über den westlichen Abhang der Schneefläche gezogen kam, und vermuthete infolgedessen, daß wir nun so weit gekommen seien, um über diese hinwegsehen zu können.

Auch im Süden und Osten hatten sich Wolken angesammelt, während der Himmel gerade über uns klar war, und ebenfalls im Norden, wo die Schneefläche anstieg, während sie im Süden und Westen abfiel. Alles schien mir darauf hinzudeuten, daß wir jetzt die Höhe von Grönlands Innerem erreicht hatten, und als dies den Anderen mitgetheilt wurde, erregte es allgemeinen Jubel, den wir waren längst der starken Steigungen überdrüssig, die uns besonders in der letzten Zeit viel zu schaffen gemacht hatten. Sanguinisch, wie wir waren, hofften wir nun bald die Abschrägung nach Westen zu zu erreichen, wo es bergab ging, und wo alles Herrlichkeit und Freude sein würde. In der übermüthigsten Stimmung sahen wir an jenem Tage die Sonne strahlend und rothglühend hinter die Wolkenbänke versinken und den westlichen Himmel in die stimmungsvollste Farbendichtung verwandeln.

Für uns auf dieser Schneefläche umfaßte der Abend und der Sonnenuntergang alles, was schön war, das ersehnte Ziel schien dahinter aufzutauchen. Wir sollten jedoch noch lange warten!

Selbstverständlich wurde dieser Abend durch Extrarationen, die wie gewöhnlich aus Haferkakes, Mysekäse und Preißelbeerkompot bestanden, festlich begangen, und nach der Mahlzeit wurde eine Pfeife geraucht. Es war ein äußerst gemüthlicher Abend.

Unsere Aneroïd-Barometer waren jetzt infolge der Höhe und des geringen Luftdrucks derartig gesunken, daß nichts mehr von der Skala zu sehen war. Wir befanden uns jetzt auf einer Höhe von 2400 m; wenn wir noch höher kamen, würde es seine Schwierigkeiten haben, Observationen anzustellen. Mit Hülfe der beweglichen Höhenskala, die an den Barometern angebracht war, halfen wir uns jedoch ganz gut aus der Verlegenheit, trotzdem der Luftdruck späterhin noch tiefer sank.

Wochenlang arbeiteten wir uns durch eine unendliche, flache Schneewüste dahin.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Von einer Senkung des Terrains ließ sich jedoch nichts verspüren; wochenlang arbeiteten wir uns durch die endlose, flache Schneewüste hindurch, ein Tag verging wie der andere, es war dieselbe ermüdende Einförmigkeit, dieselbe anstrengende Arbeit; wer es nicht erlebt hat, kann sich schwerlich einen Begriff davon machen. Alles war flach und weiß, wie ein in Schnee verwandeltes Meer, am Tage sahen wir nur Dreierlei in dieser Natur, die Sonne, die Schneefläche und uns selber. Wir nahmen uns aus wie eine verschwindend kleine, schwarze Linie, die durch eine einzige weiße Unendlichkeit zog, — überall derselbe Gesichtskreis, nirgends ein Punkt, auf dem das Auge ruhen konnte. Wir mußten häufig nach dem Kompaß sehen und die Richtung so gut wie möglich innehalten, indem wir auf die Sonne achteten, wenn sie sich blicken ließ, die vier Männer ansahen, die in einiger Entfernung hinter uns herkamen und unsere eigene Spur nicht aus den Augen ließen, — dies war die einzige Art und Weise, wie wir Krümmungen unserer Wanderung vermindern konnten. Wir wußten ungefähr, wo wir waren, und wußten ebenfalls, daß wir fürs erste keine Veränderung in Aussicht hatten.

Die Schneefläche, über die wir uns hinbewegten, war beinahe ganz eben, sie wölbte sich nur in schwachen, langen Wellen, die man kaum mit dem Auge wahrnehmen konnte, von der einen Uferabschrägung bis zur anderen; die Richtung der Wellenthäler ging ungefähr von Süden nach Norden (rechtweisend).

Ueber die Oberfläche des Schnees schrieb ich am 30. August, daß die lose, frischgefallene Schneeschicht, die über dem vollständig hartgefrorenen alten Eisschnee liegt, heute nur 4–5 Zoll beträgt, und daß sie eben und glatt ist, während sie an den vorhergehenden Tagen ein Fuß hoch gewesen, und dazu zu Schanzen zusammengeweht war, über die die Schlitten nur schwer hinweggleiten konnten. — Von diesem Tage an war die Oberfläche glatt wie ein Spiegel ohne andere Unebenheiten als die Spuren, die wir selber hinterließen.

Unsere Tagesmärsche waren in der Regel nicht lang, sie schwankten zwischen 1–2 Meilen. Dies hatte seinen Grund darin, daß der Weg ziemlich mühselig war. Wären wir früher im Sommer gekommen, etwa um Johannis, so würden wir eine ausgezeichnet glatte, harte Schneeschuhbahn vorgefunden haben, wie wir sie zu Anfang unserer Wanderung (22. und 23. August) gehabt hatten. Nun hatte sich jedoch auf den hartgefrorenen Schnee loser, frischgefallener Schnee gelegt, der fein und trocken wie Staub und von dem Wind zusammengeballt war, so daß sowohl die Schneeschuhe wie die Schlitten nur langsam und schwer darüber hinglitten. Bei der starken Kälte, die wir bekamen, war dies ganz ungewöhnlich schlimm, es war, als arbeiteten wir uns durch Sand hindurch, und je weiter wir kamen, desto schlimmer wurde es. Oft fiel auch feiner, frischer Schnee, der die Sache wenn möglich noch verschlimmerte. Es war so schwer, vorwärts zu kommen, daß wir uns nur mit Aufbietung aller Kräfte durcharbeiteten, jeder Schritt kostete große Anstrengungen, und das ist auf die Dauer sehr ermüdend.

Meine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit tragen unverkennbar das Gepräge, daß wir unsere Wanderung sehr beschwerlich fanden. Ich will zur Probe einige derselben mittheilen. Am 1. September schrieb ich: „Heute war das Terrain ungewöhnlich ermüdend, es lag ein ungefähr 8–9 Zoll hoher frischgefallener, loser Schnee, der fein wie Staub und hart wie Sand die Kruste überzog, welche ein paar Zoll dick den alten, ebenfalls losen Schnee bedeckt. Gegen Mittag, als die Sonne auf den Schnee einwirkte, wurde es schlimmer denn je. In unserer Verzweiflung schraubten Sverdrup und ich die Stahlplatten unter unseren Schlittenschienen ab, weil wir glaubten, daß die Holzschienen bei einer solchen Kälte glatter über den Schnee hinweggleiten würden. Das Resultat war jedoch zweifelhaft. Es war und es blieb ein schweres Stück Arbeit, — scheinbar wird die Sache mit jedem Tag schwieriger!“ — —

Ein wenig später schreibe ich: „An einzelnen Tagen ist das Terrain besser, aber diese Freude ist stets nur von kurzer Dauer, und hinterher pflegt es schlimmer denn je zu werden. Sowohl des Nachts wie am Tage fällt häufig ein feiner Schnee, auf dem das Ziehen der Schlitten noch beschwerlicher ist als auf dem alten Schnee. Die Sonne hat, obwohl sie warm scheint, doch selbst zur Mittagszeit nicht so viel Macht, daß sie den Schnee an der Oberfläche soweit schmelzen kann,[37] daß sich eine Kruste darauf bildet.“

Am 8. September heißt es: „Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen Wind und Schneetreiben an.“ — Und weiter am 9. September: „Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter, — es war noch weit schlimmer als gestern; wenn ich sage, daß es war, als wenn wir die Schlitten über ein Lehmfeld zögen, so ist das keine Uebertreibung. Wir mußten bei jedem Schritt mit aller Macht anziehen, um die schweren Schlitten vorwärts zu bewegen, und am Abend waren Sverdrup und ich, die voran gingen und den Weg pflügten, fast ganz erschöpft. Die Anderen hatten es verhältnißmäßig leichter, da sie in unserer Spur gehen konnten, und ihre Schlitten mit den Stahlschienen glitten besser. Aber der Abend im Zelt mit einem guten Brei aus Brot, Bohnenwurst und Pemikan ließ uns alle Beschwerden des Tages vergessen.“

„Erschöpft.“
(Nach einer Photographie.)

Die hier mitgetheilten Auszüge beweisen wohl zur Genüge, wie schlecht die Beschaffenheit des Weges war. Uebrigens muß ich noch erwähnen, daß der Schlitten, den Sverdrup und ich gemeinsam zogen, weit schwerer zu ziehen war als alle die anderen, deswegen ließen wir ihn auch schließlich zurück. Hierüber schreibe ich: „Am 11. September fanden Sverdrup und ich, daß es schlimmer und schlimmer mit unserem Schlitten wurde, wir konnten ihn nur noch mit großer Anstrengung von der Stelle bewegen. Wir wußten nicht recht, woran dies liegen könne, er war immer schwieriger zu ziehen gewesen als alle die anderen, und Sverdrup meinte, der Teufel selber hocke gewiß hinten auf. Deswegen beschlossen wir am Vormittage, ihn zurückzulassen, statt dessen nahmen wir Baltos Schlitten, der seine Last mit auf Ravnas legte, und von nun an zogen die beiden Lappen also gemeinsam. Durch diese Veränderung ging förmlich eine neue Sonne über Sverdrups und meinem Dasein auf, wir kamen mit dem neuen Schlitten so schnell vorwärts, daß es den Anderen schwer wurde, uns zu folgen; das Leben erschien uns fortan beinahe angenehm.“

Uebrigens waren wir nicht die Einzigen, die das Leben schwer fanden; die Lappen klagten beständig, und eines Tages machte Balto Halt und sagte zu mir:

„Als wir beiden Lappen in Kristiania gefragt wurden, wie viel wir ziehen könnten, antworteten wir, daß wir Jeder 3 „Vog“ ziehen könnten, aber nun haben wir Jeder 6 „Vog“ zu ziehen, und das will ich nur sagen, wenn wir diese Last bis an die Westküste ziehen können, so sind wir stärker als Pferde.“

Um der Ansicht vorzubeugen, daß wir wenig oder doch nur geringen Nutzen von unseren Schneeschuhen hatten, was man infolge meiner Berichte über die schlechte Schneeschuhbahn etc. schließen könnte, will ich nur sagen, daß die Schneeschuhe eine absolute Nothwendigkeit waren. Ohne dieselben wären wir wohl nicht weit gekommen, wir hätten entweder einen jämmerlichen Tod erlitten oder wären zur Umkehr gezwungen gewesen. Die Skier sind, wie bereits erwähnt, für Denjenigen, der sie zu benutzen weiß, den indianischen Schneeschuhen bei weitem vorzuziehen, selbst wenn man einen Schlitten zu ziehen hat. Sie ermüden weniger, weil man sie nicht aufzuheben braucht und weil man nicht nöthig hat, die Beine mehr als sonst zu spreizen. 19 Tage hintereinander gingen wir vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf unseren Skiern und legten gegen 50 Meilen auf ihnen zurück.

Das Wetter war ungefähr während unserer ganzen Wanderung über das Inlandseis ziemlich klar, und die Sonne schien von Zeit zu Zeit. Nur ganz ausnahmsweise war der Himmel völlig bedeckt. Selbst wenn Schnee fiel, was oft der Fall war, war er selten so dicht, daß man die Sonne nicht sehen konnte. Der Schnee an und für sich war immer sehr fein und glich mehr gefrorenem Nebel, der herabfiel, als Schnee, so wie wir ihn in Europa kennen. Es war ungefähr dasselbe, was wir in einzelnen Gegenden in Norwegen unter dem Namen Frostschnee kennen, und der sich bildet, indem die Feuchtigkeit der Luft direkt in fester Form herabfällt, ohne Wolken zu bilden.

Wenn dann die Sonnenstrahlen durch diese mit fallendem Frostschnee gefüllte Luft drangen, bildeten sich stets Ringe um die Sonne, und diese, sowie Nebensonnen und Axen durch die Sonne u. s. w. waren deswegen, so lange wir uns im Innern von Grönland befanden, ein fast tägliches Phänomen. Wenn die Sonne sich dem Horizont so weit näherte, daß ein Theil des Ringes unter den Horizont kam, pflegten sich an den Punkten, wo der Sonnenring den Rand der Schneefläche schnitt, kräftige Nebensonnen zu bilden, und gleichzeitig bildete sich eine entsprechende Nebensonne auf der Schneefläche gerade unter der Sonne.

Die Kälte nahm mehr und mehr zu, je weiter wir in das Innere eindrangen. Die Sonne hatte aber, wenn das Wetter nur einigermaßen klar war, eine große Macht, und zur Mittagszeit konnte sie oft so stark brennen, daß die Wärme geradezu unangenehm wurde. Am 31. August erwähne ich u. a. in meinem Tagebuch, daß die Sonne in den letzten Tagen so geschienen hat, daß sie den Schnee ganz feucht und weich machte; die Schlitten glitten nur mühsam hindurch, und wir bekamen nasse Füße. — Wenn es dann wieder fror, sobald die Sonne zu sinken begann, glitten die Schlitten freilich leichter, aber für die Beine sah es schlecht aus, und man mußte sich in acht nehmen, damit sie nicht abfroren. Es geschah häufiger, daß die Schuhe des Abends, wenn wir sie ausziehen wollten, mit den Ueberstrümpfen und den Strümpfen zu einem Stück zusammengefroren waren.

Später vermochte die Sonne den Schnee nicht feucht zu machen, aber sie hatte doch eine große Macht in der Höhe, in der wir uns jetzt befanden, wo die Luft selbstverständlich sehr dünn ist und verhältnißmäßig wenig von ihren Wärmestrahlen in der Athmosphäre absorbirt wird. Als Beispiel von der Wirkung, welche die Sonne hatte, will ich nur anführen, daß ein Spiritusthermometer, das am ersten September in die Sonne gelegt wurde, +29,5° C. zeigte, während die Temperatur der Luft nur −3,6° C. betrug (mit dem Schwungthermometer gemessen). In der Nacht hatten wir −16° C. gehabt.

Am 3. September zeigte ein Spiritusthermometer, das wir um die Mittagszeit auf einen Schlitten in die Sonne legten, eine Temperatur von +31,5° C., während das Schwungthermometer um dieselbe Zeit zeigte, daß die Luft eine Temperatur von −11° C. hatte.

Dieser große Unterschied zwischen der Temperatur in der Sonne und im Schatten hat zweifelsohne seinen Grund in der starken Ausstrahlung in der dünnen, wenig feuchten Luft in dieser Höhe über dem Meeresspiegel. Schon vor vielen Jahren ist ein ähnliches Verhältniß in Sibirien von unserem berühmten Landsmann, dem Astronomen Hansten, beobachtet worden. In einem Brief aus Irkutsk vom 11. April 1829 schreibt er:

— — — „Die ziemlich hohe Lage des Landes und die bedeutende Entfernung vom Meere machen die Luft trocken und dunstfrei und bewirken ein starkes Strahlen der Wärme, welches letztere mit ein Grund zu der niedrigen Temperatur des Ortes ist. Die Gewalt der Sonne im Frühling ist hier so stark, daß bei einer Kälte von 20–30° R. im Schatten des Mittags an der Sonnenseite das Wasser von den Dächern tröpfelt.“[38]

Sobald der Nachmittag herannahte und die Sonne tiefer am Himmel stand, sank die Temperatur der Luft auffallend, aber besonders bemerkbar war dies, sobald die Sonne unterging.

Die Skala unserer Schwungthermometer reichte nur bis auf −30°, da Niemand um diese Zeit des Jahres eine so niedere Temperatur in dem Innern Grönlands erwartet hatte. Aber nach dem 3. September sank die Quecksilbersäule, sobald die Sonne am Abend verschwunden war, schnell tief unter die Skala. Wie tief die Temperatur sank, kann ich leider nicht mit Bestimmtheit angeben. Als ich am 11. September schlafen ging, versuchte ich, den Minimumthermometer unter mein Kopfkissen zu legen, als ich aber am Morgen danach sehen wollte, war die Quecksilbersäule weit unter die Skala gesunken, die bis −37° reichte. Wahrscheinlich war die Temperatur bis unter −40° gefallen, und das war in unserm Zelt, wo wir sechs Mann schliefen, und wo unser Essen auf einer Spirituslampe gekocht wurde.

Das Merkwürdige bei der Temperatur dort oben war der große Unterschied von mehr als 20° zwischen Tag und Nacht; einen so starken Wechsel findet man nicht an vielen Stellen auf der Welt. Am nächsten kommen die Beobachtungen, die man in der Wüste Sahara angestellt hat, wo es am Tage erstickend heiß sein kann, während des Nachts das Wasser gefriert.

Auffallend ist es, daß man nicht früher ein ähnliches bemerkenswertes Sinken der Temperatur während der Nacht auf dem Inlandseise Grönlands beobachtet hat. Der Grund ist wohl hauptsächlich darin zu suchen, daß ungefähr alle früheren Expeditionen, die ein Stück in das Innere hineingedrungen sind, zu einer Jahreszeit und auf einem Breitegrad stattgefunden haben, wo die Sonne des Nachts nicht unterging.[39] Auch ist von früheren Reisenden kein detaillirtes meteorologisches Tagebuch geführt worden.

Nach der Art und Weise, wie die Temperatur gegen Abend fiel, hat Professor Mohn ausgerechnet, daß wir in den kältesten Nächten ungefähr −45° C. gehabt haben müssen. Während dieser Zeit stieg die Temperatur der Luft gleich nach Mittag auf −20 bis −15°. Das war also Mitte September. Dies ist ohne Zweifel die niedrigste Temperatur, die um eine entsprechende Jahreszeit auf der Oberfläche unserer Erde beobachtet worden ist. Was für eine Temperatur man in diesen Gegenden mitten im Winter finden würde, entzieht sich jeglicher Berechnung.

Fragt man dagegen, welche Temperatur in Grönlands Innern um die wärmste Zeit des Sommers herrscht, und ob dann irgend welches Schmelzen des Schnees stattfinden kann, so haben wir dafür möglicherweise einen Anhaltspunkt, nämlich, indem wir den Bau des Schnees ein wenig in der Tiefe untersuchen und sehen, ob der alte Schnee dem Schmelzen ausgesetzt war. Dies thaten wir auch, soweit die Zeit es gestattete.

Bis zu der Höhe, die wir am 30. August erreichten (1980 m), fanden wir den alten Schnee völlig hartgefroren und zum Theil in eine Art körniges Eis verwandelt, oder wenn man will, in einen eisig zusammengefrorenen Kornschnee. Dieser Schnee war offenbar starkem Thauwetter ausgesetzt gewesen, auf das Frost gefolgt war. Oben auf diesem Schnee lagen in der Regel 5–10 oder sogar 12 Zoll loser, trockener, frischgefallener Schnee nach den Sommermonaten.

Rast mit Erfrischungen. (Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Am Abend des 31. August entdeckten wir zu unserem Staunen, als wir die Schneeschuhstäbe einrammen wollten, um das Zelt aufzuschlagen, daß sich freilich über dem alten Schnee, der unter dem frischgefallenen lag, eine feste Kruste befand; durchbrachen wir aber diese Kruste, so konnten wir die Stäbe bis in das Unendliche einbohren. Dies war ein deutlicher Beweis, daß wir uns schon damals auf der Höhe (2270 m) befanden, wo die Sonne nur mitten im Sommer eine dünne Schneeschicht weich oder feucht machen kann, und diese Schneeschicht gefriert dann des Nachts wieder, wenn die Sonne niedrig steht. Das Schmelzen des Schnees kann folglich die Schneemenge in dieser Höhe nicht im geringsten vermindern, denn das verschwindend kleine Quantum Schmelzwasser, das sich bildet, kann nirgends fortkommen, sondern wird vom Nachtfrost festgehalten.

Ein ähnliches Verhältniß fanden wir überall im Innern des Inlandseises, das Schmelzen des Schnees war kaum nennenswerth. Uebrigens war der schichtenweise Bau des alten Schnees ganz eigenthümlich. Am 3. September bemerke ich hierüber, daß ich an jenem Tage wiederholt den Versuch gemacht habe, den Stab durch den Schnee zu stecken, und daß ich da in der Regel ganz oben eine dreizöllige Schicht losen, frischgefallenen Schnees fand, dann folgte eine Eiskruste, die ungefähr ½ Zoll dick war, dann 7 Zoll loser Schnee und darauf wieder eine härtere Eisschicht, die sich nur mit Mühe durchbohren ließ, darauf ließ sich der Stab 1–2 Fuß tief durch härter und härter werdenden Schnee bohren, bis er ungefähr eine Elle von der Oberfläche nicht weiterzubringen war. An einer anderen Stelle, wo ich in der Frühe desselben Tages einen gleichen Versuch machte, lagen ganz oben mehrere Schichten in ungefähr demselben Verhältniß; der Stab ließ sich hier jedoch zwei Fuß durch härteren und härteren Schnee bohren, bis ihn eine ganz feste Schicht am Vordringen hemmte.

Ueberall landeinwärts fanden wir eine ähnliche Schichtenbildung im Schnee. In der Regel konnten wir den Stock ungefähr so weit wir wollten, einrammen. Alles deutete darauf hin, daß sich das Schmelzen des Schnees in Grönlands Innern darauf beschränkte, daß die Sonne während der wärmsten Zeit des Jahres die oberste Schneeschicht ein wenig feucht macht und diese in der Nacht wieder friert.

[37] Dieser Fall trat doch am 30. August ein. Wir bekamen eine dünne Kruste über dem Schnee, von der ich in meinem Tagebuch berichte, daß sie zweifelsohne durch die starke Einwirkung der Sonne gegen Mittag und den dann folgenden Frost gebildet sei. Diese Kruste war zwar nicht dick genug, um die Schlitten zu tragen, aber sie trug doch dazu bei, daß sie leichter glitten. Leider währte dies nur einen Tag.

[38] Astronomische Nachrichten, Bd. 7, Seite 327.

[39] Vergl. Seite 400–401 von Dalagers Expedition.