Kapitel XX.
Segelfahrt über das Inlandseis. Land! Land! Der erste Trunk Wasser.

Um die Mitte des September hofften wir mit jedem Tage, der verging, an die Abschrägung zu kommen, die wir an der Westküste zu finden glaubten. Nach dem Besteck mußten wir näher und näher kommen. Ich hegte jedoch den geheimen Verdacht, daß unser Besteck beträchtlich vorging im Verhältniß zu unseren Observationen, mit Absicht unterließ ich es aber, diese auszurechnen, da es mehreren der Gefährten eine schlimme Täuschung bereiten würde, wenn es sich herausstellte, daß wir nicht so weit gekommen waren, wie wir annahmen. Es fiel freilich Allen auf, daß wir noch immer keine Abschrägung erblicken konnten. Am 11. war die Senkung jedoch bemerkbar, und infolge einer Aufmessung mit dem Theodolith stellte es sich heraus, daß sie 22 Minuten betrug.

Am 12. September verzeichnete ich in meinem Tagebuch: „Wir sind Alle in ganz vorzüglicher Laune, voll Hoffnung auf einer baldige Veränderung zum Bessern. Dietrichson und Balto behaupten steif und fest, daß wir noch heute bloßes Land in Sicht bekommen; sie müssen sich wohl in Geduld fassen, wir befinden uns noch 2800 m (in Wirklichkeit waren es 2570 m) hoch; lange kann es jedoch nicht mehr währen. Wir rechneten heute Morgen aus, daß wir uns nach dem Besteck 17 Meilen vom Lande befänden,[40] und heute begünstigt uns die Senkung sowie der ebene Weg sehr.“

In den folgenden Tagen nahm die Senkung nach Westen ganz merklich zu, sie war jedoch nicht mehr eben — die Oberfläche des Schnees zog sich in langen Wellen hin, genau so wie wir es beim Aufsteigen an der Ostküste getroffen hatten.

Am 14. sollten wir nach unserm Besteck nur noch 8 Meilen zurückzulegen haben,[41] aber noch immer erblickten wir kein Land, und dies wurde den Lappen verdächtig. Ravna setzte ein immer saureres Gesicht auf, und eines Abends sagte er: „Ich alter Berglappe, ich Dummkopf, ich glaube, wir erreichen die Westküste niemals.“ Hierauf antwortete ich ihm: „Ja, Ravna, du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, daß du ein Dummkopf bist!“ Er fühlte sich augenscheinlich sehr getröstet durch dies zweifelhafte Kompliment. Mit ähnlichen trostlosen Aussprüchen kam Ravna übrigens häufiger.

Ein ander Mal rief Balto plötzlich aus: „Ach, verdammt und verflucht! Wie weit es von einer Küste bis zur andern ist, das kann Niemand wissen, denn hier ist noch niemals ein Mensch vor uns gegangen!“ Es war natürlich schwer, ihm begreiflich zu machen, daß man trotzdem die Entfernung berechnen könne, aber, aufgeweckt wie er war, schien ihm doch eines Tages, als ich es ihm auf der Karte zeigte, eine Ahnung darüber zu dämmern. Ebenso wie bei Ravna schien es auch bei Balto das beste Trostmittel zu sein, daß wir uns über ihre Feigheit lustig machten.

Als wir am 16. mehrere starke Senkungen nach Westen hatten, faßten Alle frischen Muth, und als wir am Abend nur noch −17,8° hatten, kam uns die Luft förmlich warm vor; es war, als seien wir wieder zum Sommer zurückgekehrt. Nach dem Besteck sollten wir jetzt nur noch 2 Meilen zurückzulegen haben, bis wir an bloßes Land gelangten.

Am 17. September waren gerade zwei Monate verflossen, seit wir den „Jason“ verließen. Es traf sich zufällig so, daß an jenem Morgen Butterrationen vertheilt werden sollten, was selbstverständlich zu den angenehmsten Ereignissen während unseres Inlandslebens gehörte; und als der Thee mit Zucker rings umher an den Betten servirt wurde, war die Stimmung sehr animirt, es schien eine allgemeine Zufriedenheit zu herrschen. Zum erstenmal seit langer Zeit hatte sich in dieser Nacht keine dicke Reifgarnitur an der Innenseite des Zeltes gebildet.

Während wir unser Frühstück verzehrten, glaubten wir zu unserer größten Ueberraschung plötzlich Vogelgezwitscher zu vernehmen. Bald verstummte es jedoch, und wir waren nicht sicher, ob wir uns nicht getäuscht hatten. Als wir aber gegen 1 Uhr des Nachmittags weiterzogen, vernahmen wir abermals Vogelgezwitscher in der Luft. Wir machten Halt und erblickten einen Schneesperling, der hinter uns hergeflogen kam. Er umkreiste uns mehrmals und nahm verschiedentlich einen Anlauf, sich auf unsere Schlitten zu setzen, dann aber schien er es nicht so recht zu wagen und ließ sich im Schnee ganz in unserer Nähe nieder, flog jedoch bald wieder auf und setzte seinen Weg munter zwitschernd fort.

Wie herzlich willkommen war uns dieser kleine Sperling! Brachte er uns doch einen Gruß vom Lande, dessen Nähe wir verspürten. Wenn man an gute Engel glaubt, so muß man diese beiden Schneesperlinge — den, der uns an der Ostküste ein Lebewohl zuzwitscherte, und diesen, der uns hier so freundlich willkommen hieß — für solche halten. Getrost zogen wir weiter, obwohl wir an jenem Tage keine bemerkenswerthe Senkung hatten. Am 18. Septbr. war es in dieser Beziehung ganz bedeutend besser, es wurde auch viel milder und das Leben schien uns von neuem zuzulächeln.

Gegen Abend erhob sich ein südöstlicher Wind und ich hoffte, daß wir endlich einmal günstigen Segelwind bekommen würden. Wir hatten lange genug voller Sehnsucht darauf gewartet, trotz Baltos Versicherung, „daß aus dieser Segelfahrt nichts anderes werden würde als Unsinn!“

In der Nacht hob sich der Wind und gegen Morgen wehte eine frische Brise. Obwohl man wie gewöhnlich nicht viel Neigung bezeigte, die Schlitten aufzutakeln und die Segel in der Kälte und im Schneegestöber zu hissen, wurde natürlich beschlossen, dies so schnell als möglich zu bewerkstelligen. Kristiansen, Sverdrup und ich übernahmen das eine Gefährt, aus Kristiansens und unserm Schlitten bestehend, zu dem der Zeltboden als Segel verwendet ward. Die drei Anderen takelten ihre beiden Schlitten auf.

Das vielfache Zusammenschnüren war nicht sehr angenehm bei der Kälte, das Schlimmste aber war, daß es, während wir damit beschäftigt waren, eine Weile so aussah, als wenn der Wind abflauen wolle. Glücklicherweise war dies jedoch nicht der Fall, und endlich waren beide Schlitten segelfertig. Ich war ungeheuer gespannt, wie die Sache ablaufen, und ob das Segel ausreichen würde, um die beiden Schlitten allein zu ziehen. Es wird gehißt und gut befestigt, — es giebt auch einen gewaltigen Ruck, aber die Schlitten sind während der Arbeit festgeschneit und rühren sich nicht vom Fleck. Es zerrt und rückt am Mast und in der Takelage, als sollte alles in Fetzen zerrissen werden, deshalb spannen wir uns schnell vor. Wir ziehen an und machen unser Fahrzeug flott. Kaum aber ist es losgekommen, als der Wind es uns auf die Hacken treibt und wir zu Boden stürzen. Wir stehen auf und machen einen neuen Versuch, aber es geht uns nicht besser, — sobald wir wieder auf den Beinen stehen, werden sie unter uns weggestoßen, und wir sitzen wieder im Schnee. Nachdem sich dies einigemale wiederholt hatte, sahen wir ein, daß wir auf diese Weise zu keinem Resultat kommen würden. Einer mußte auf Schneeschuhen vor dem Schlitten stehen und ihn mit Hülfe einer Stange steuern. Zu diesem Zweck befestigten wir ein Bambusrohr zwischen den beiden Schlitten, der Steuermann nahm es in die Hand und hielt sich das Gefährt auf diese Weise vom Leibe, während er selber vorwärts geschoben wurde. Die beiden Anderen konnten entweder auf den Schienen stehen und sich hinten am Schlitten festhalten oder folgen so gut sie vermochten.

Unser erster Versuch in der Segelfahrt am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Nun konnte die Fahrt beginnen, und Sverdrup, welcher das Steuer zuerst übernehmen sollte, hatte die Stange kaum ergriffen, als es mit schwindelnder Eile von dannen ging. Ich klammerte mich hinten auf dem einen Schlitten fest, auf meinen Schneeschuhen stehend, und mich an der Rückwand des Schlittens haltend, so gut ich konnte, während Kristiansen, dem dies zu halsbrecherisch erschien, auf seinen Schneeschuhen hinterher gelaufen kam.

So sausten wir dahin über den unebenen Schnee, über Höhen und Tiefen hinweg, daß Einem Hören und Sehen verging. Die Schlitten glitten über alle Unebenheiten hinweg, die Spitzen der Schneeschanzen oft nur wie im Tanz berührend. Ich hatte alle Mühe, mich da hinten fest zu halten. Dann fiel das Terrain plötzlich ab und zwar stärker denn je zuvor. Die Fahrt wurde schneller und schneller, die Schlitten berührten jetzt den Schnee kaum mehr. Gerade vor mir stach das vordere Ende eines Schneeschuhs aus dem Schlitten heraus, der quer über beide Schlitten festgeschnürt war, um sie zusammen zu halten. Es war nicht möglich, ihn zu entfernen, und er verursachte mir viel Beschwerde. Besonders schlimm war es, wenn wir über die Schneeschanzen hinwegglitten, die Schneeschuhe wurden dann festgeklemmt, und ich verlor jegliche Herrschaft über sie. So schlug ich mich lange mit dieser verzweifelten Schneeschuhspitze herum, während Sverdrup vorne am Steuer stand und glaubte, daß wir Beide hinten aufsäßen. Mit immer wachsender Geschwindigkeit ging es vorwärts. Der Schnee wirbelte um uns und hinter uns auf, und die Gefährten hinter mir im Schneegestöber wurden kleiner und kleiner.

Da aber begann eine Eisaxt, die auf dem Schlitten lag, sich zu lösen und machte Anstalten, abzufallen. Die mußte gerettet werden. Ich machte mich vorsichtig vorüber, ganz auf die Spitze des Schneeschuhes, und war gerade im Begriff, die Axt zu befestigen, als wir an eine hohe Schneeschanze kamen. Das Ende des Schneeschuhs auf dem Schlitten schnitt mich in die Beine, und da lag ich und starrte dem Schlitten und dem Segel nach, die dahinsausten und im Schneegestöber kleiner und kleiner wurden. Es war ganz unheimlich, wie schnell das ging! Und ich lag da und hatte das Nachsehen. Allmählich raffte ich mich jedoch auf und lief hinterdrein in dem Kielwasser des Schlitten, so lange meine Augen ihn zu erblicken vermochten.

Zu meiner Freude entdeckte ich, daß ich mich auf meinen Schneeschuhen mit Hülfe des Windes ganz schnell vorwärts bewegen konnte.

„— — da lag ich und starrte dem Schlitten und dem Segel nach — —“
(Von A. Bloch.)

Ich war noch nicht lange gelaufen, als ich die Axt fand, die ich vorhin hatte befestigen wollen. Eine Strecke weiter schimmerte mir auf der weißen Schneefläche, durch das Schneegestöber hindurch, ein viereckiger, dunkler Gegenstand entgegen. Es war eine Schokoladendose, mit unserer kostbaren Fleischpulverschokolade, die selbstverständlich nicht liegen bleiben durfte. Jetzt ging es eine ganze Meile in Ruhe und Frieden weiter, die Schokolade unter dem einen, die Axt und den Skistab unter dem andern Arm. Dann aber entdeckte ich abermals verschiedene dunkle Gegenstände im Schnee. Diesmal war es eine mir gehörende Pelzjacke sowie nicht weniger als drei Pemikandosen, die zerstreut umher lagen. Das war mehr, als ich bewältigen konnte. Hier war nichts anderes zu thun, als sich ruhig hinzusetzen und auf Hülfstruppen zu warten. Von meinem Platz aus konnte ich unser stolzes Fahrzeug überblicken, das Segel glich einem kleinen, viereckigen Lappen. Rastlos in fliegender Fahrt sausten die Schlitten dahin, plötzlich machten sie eine Wendung, die Sonne blitzte auf den Blechdosen, und das Segel fiel. Dann kam Kristiansen, und eine Weile später segelten die drei anderen Gefährten herbei. Sie mußten zwei von unseren Blechdosen aufnehmen, als wir sie aber festschnüren wollten, entdeckte Balto, daß auch sie nicht weniger als drei Pemikandosen eingebüßt hatten. Das war ein unersetzlicher Verlust, deswegen mußten sie zurückgehen und sie aufsuchen.

Inzwischen sausten Kristiansen und ich von dannen, Jeder mit einer Blechdose unterm Arm, zu Sverdrup hin, den wir bald erreichten. Und hier warteten wir nun auf die Anderen, was in dem schneidenden Wind und ohne jeglichen Schutz ein saures Stück Arbeit war. Sverdrup erzählte, er habe tapfer darauf losgesegelt und gefunden, daß es ausgezeichnet ginge. Er habe geglaubt, daß wir Beide hinten aufsäßen, denn vor dem Segel sei nichts zu sehen gewesen. Nach einer Weile sei es ihm so auffallend gewesen, daß die Passagiere da hinten so still waren, er habe einen Anlauf zu einer Unterhaltung genommen, aber es sei keine Antwort gekommen. Nachdem er eine Strecke weiter gesegelt, habe er abermals gerufen, diesmal lauter als vorher, schließlich habe er aus Leibeskräften geschrien, — es sei aber alles still geblieben. Er habe dies genauer untersuchen wollen und deshalb gegen den Wind an gesteuert, sei dann hinten herum gegangen und habe hinter das Segel geguckt. Wer beschreibt aber seinen Schrecken, als er dort Niemanden fand! Er schaute nun durch das Schneegestöber hindurch, den Weg entlang, den er gekommen war, und es schien ihm, als könne er ganz im Hintergrunde einen schwarzen Punkt entdecken. Das war meine Wenigkeit, auf den verlorenen Blechdosen thronend, und dann drehte er das Segel, was keine leichte Arbeit bei dem starken Winde war, und wartete geduldig auf uns.

Es währte jedoch eine lange Zeit, bis die Andern kamen. Wir konnten die Schlitten durch das Schneegestöber sehen, soweit es sich aber erkennen ließ, war kein Segel gehißt. Von den Gefährten war nichts zu erblicken. Endlich entdeckten wir einige kleine dunkle Punkte in weiter Ferne auf dem Schnee, sie schleppten etwas Glänzendes herbei, was zweifelsohne die Blechdosen waren. Einen Augenblick später wurde das Segel gehißt, es wurde größer und größer, und bald waren sie bei uns.

Wir schnürten unsere Schlitten jetzt noch fester aneinander und befestigten die Last sorgfältig, damit ein solcher Zwischenfall sich nicht wiederholen sollte. Dann brachten wir hinten auf den Schlitten einige Taue an, an denen wir uns halten oder mit denen wir uns festbinden konnten, während wir auf den Schneeschuhen standen. Auf diese Weise ging es vorzüglich, und diese Schneeschuhfahrt ist ohne Zweifel die amüsanteste, die ich jemals mitgemacht habe.

Nach einer Weile wurde Sverdrup des Steuerns überdrüssig, deswegen nahm ich seinen Platz ein. Wir hatten jetzt viele anhaltende und starke Senkungen, sowie günstigen Wind, — die Schlitten sausten dahin, als ging es einen guten, steilen Schneeschuhberg hinab, und dies Terrain veränderte sich stundenlang nicht. Es ist sehr spannend, vorn zu stehen und zu steuern, man muß auf das genaueste acht geben und darf vor allen Dingen nicht fallen, denn sollte dieser Fall eintreten, so würde in blitzschneller Fahrt das ganze Gefährt über den Unglücklichen hinsausen, man unter die Schienen gerathen und vorwärts geschoben werden und müßte froh sein, wenn man mit heilen Gliedern davonkäme. So etwas darf nicht geschehen, — man muß jede Bewegung berechnen, jede Muskel muß angespannt sein und die Schneeschuhe müssen gut zusammengehalten werden, während die Hand die Steuerstange sicher umschließt und das Auge unverwandt vorwärtsspäht; sorgfältig müssen die schlimmsten Schneeschanzen vermieden werden, im übrigen aber läßt man das Gefährt dahinsausen, mit den Schneeschuhen über Höhen und Tiefen hinweggleitend.

Segelfahrt auf dem Inlandseise am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Das Einnehmen der Mahlzeit war an jenem Tage gar nichts Angenehmes, deswegen suchten wir so schnell wie möglich damit fertig zu werden.

Gerade als wir am Nachmittag im vollen Segeln sind, erklingt plötzlich von den Schlitten hinter uns ein Jubelschrei; es ist Baltos Stimme, welche uns zuruft: „Land in Sicht!“

Durch das Schneegestöber hindurch, das gerade ein wenig schwächer geworden ist, schimmert über der Schneefläche im Westen ein länglicher dunkler Berggipfel, und südlich davon ein kleinerer. Wir stimmten Alle in den Jubel ein, das Ziel, für das wir so lange gekämpft hatten, lag endlich sichtbar vor unsern Augen.

Dies Ereigniß schildert Balto auf folgende Weise:

„Am Abend, als wir mit unsern Schlitten segelten, erblickte ich weit im Westen einen dunklen Punkt. Ich starrte und starrte, bis ich sah, daß es wirklich nackter Erdboden war; da rief ich Dietrichson zu: „Ich sehe nackten Boden!“ Dietrichson schrie sofort den Andern zu, daß Balto im Westen nackten Erdboden sehen könne. Hurrah! Hurrah! — Und nun sind wir froh, daß wir diesen Anblick endlich haben, denn wir hatten uns schon so lange danach gesehnt, und wir bekamen neuen Muth und neue Hoffnung, glücklich und ohne Schaden über dies Eisgebirge hinüberzukommen, denn es ist das größte auf der ganzen Welt. Wenn wir noch mehrere Tage im Eise hätten zubringen sollen, fürchte ich, daß es Einigen von uns schlimm ergangen wäre. — Sobald Nansen dies hörte, machte er Halt und theilte Jedem von uns zwei Stücke Fleischschokolade aus. Es war so Gebrauch bei uns, jedesmal, wenn wir an einen Punkt gekommen waren, nach dem wir uns lange gesehnt hatten, von dem Besten zu essen, was wir besaßen. So z. B., als wir von dem Meereis auf das Land gelangten, als wir nach Umivik kamen, als wir den höchsten Punkt von Grönland erreichten, als wir die Westküste erblickten, und zum Schluß, als wir schneefreies Land an der Westküste betraten, — dies Gute bestand hauptsächlich aus Eingemachtem, aus amerikanischen Hafercakes und aus Butter.“

Das Land, das wir zuerst erblickten, lag freilich nördlich von der Richtung, die wir bisher eingeschlagen hatten, aber ich lenkte den Kurs doch dahin, um so mehr, als das Eis in dieser Richtung scheinbar am niedrigsten war. Bald verhüllte das Schneegestöber das Land abermals, und den zunehmenden Wind direkt im Rücken, segelten wir den ganzen Nachmittag weiter, ohne wieder eine Spur vom Lande zu erblicken. Eine Abschrägung nach der andern wurde zurückgelegt, und es ging „Gloria“, wie wir uns ausdrückten, wenn etwas ungewöhnlich gut ging, was freilich nur selten der Fall war.

Am Nachmittag war das Terrain eine Weile ziemlich flach, und der Wind flaute ab, gegen Abend aber hob er sich wieder, und die Senkung wurde wieder stärker. Mit immer wilderer Fahrt sausten wir dahin, während das Schneegestöber zunahm. Es begann schon zu dunkeln, als ich plötzlich durch das Schneegestöber und die Finsterniß hindurch vor mir auf dem Schnee etwas Dunkles erblickte. Ich hielt es für eine gewöhnliche Unebenheit im Schnee, achtete nicht darauf und segelte ruhig weiter. Wenige Schritte davon entfernt, entdeckte ich jedoch meinen Irrthum, schnell wie ein Gedanke drehte ich das Steuer, so daß die Schlitten gegen den Wind wendeten. Es war auch die höchste Zeit, denn wir befanden uns hart an einer breiten Spalte — eine Sekunde weiter, und wir wären verschwunden, um nie wieder das Licht des Tages zu erblicken. Aus Leibeskräften schrien wir den Andern, die hinter uns herkamen, zu, daß sie anhalten sollten. Balto berichtet hierüber:

„Am Abend, als wir im besten Segeln waren, die Uhr mochte wohl halb acht sein, und es war schon ziemlich dunkel, sahen wir, daß Nansen, der voraussegelte, uns gewaltig zuwinkte und laut rief: „Segelt nicht weiter, es ist hier gefährlich!“ Wir waren in voller Fahrt begriffen und hatten alle Mühe, unsere Schlitten zum Stehen zu bringen. Wir legten uns schräg vor den Wind und warfen uns selber auf die Seite. Im selben Augenblick entdeckten wir gerade vor uns eine entsetzliche Eisspalte, die mehrere hundert Meter tief war.“

Ueber diese Segelfahrt berichte ich ferner in meinem Tagebuch: „Dies war die erste Spalte, aber es war nicht wahrscheinlich, daß es die letzte war, deshalb mußten wir darauf gefaßt sein, mehrere zu treffen. Die Gefährten äußerten ihre Bedenken, die Segelfahrt an jenem Abend fortzusetzen, aber ich fand, daß es zu früh war, um uns zur Ruhe zu begeben, wir mußten den Wind ausnutzen. Ich verließ deshalb meinen Schlitten und lief voraus, um das Eis zu untersuchen, während Sverdrup das Steuer übernahm und wir die Segel an beiden Schlitten, die mir in einiger Entfernung folgten, verkleinerten. Der Wind wehte so stark, daß er mir tüchtig half, ich konnte ganze Strecken lang auf meinen Schneeschuhen stehen, ohne die Beine zu bewegen, und es ging auf diese Weise schnell vorwärts. Sobald mir das Terrain verdächtig erschien, ging ich vorsichtig zu Werk und fühlte stets mit dem Skistab nach, ob sich nicht hohler Grund unter dem frischgefallenen Schnee befand. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel wäre es doch beinahe geschehen, daß Sverdrup und Kristiansen mit Schlitten und Bagage verschwunden wären. Dicht hinter ihnen stürzte der Boden ein, als sie gerade über eine Spalte hinübergekommen waren. Indessen nahm der Wind noch immer zu, und die Segel mußten mehrmals verkleinert werden, damit die Schlitten mir nicht zu unmittelbar folgten. Als der Hunger sich endlich allzu fühlbar machte, vertheilten wir zwei Fleischbiskuits pro Mann, ohne jedoch deswegen Halt zu machen, — wir mußten während der Fahrt essen.

„Die Dunkelheit senkte sich schnell herab, aber der Vollmond ging auf und leuchtete genügend durch das Schneegestöber hindurch, um mir die schlimmsten Spalten zu zeigen. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, die beiden Fahrzeuge mit den breiten vikingsartigen Segeln über die einförmige, von der großen Mondscheibe erhellte weiße Fläche dahinsausen zu sehen.

Segelfahrt im Mondschein am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Skizze des Verfassers.)

„In immer rasenderer Eile ging es vorwärts, während das Eis schwieriger und schwieriger wurde und ich beim Mondschein deutlich erkennen konnte, daß es vor uns noch schlechter aussah. Im nächsten Augenblick war ich dort, — es sind Unmengen von Spalten, die aber mit Schnee angefüllt und daher größtentheils ungefährlich sind. Hin und wieder stößt der Stab auf hohlen Grund, aber die Spalte ist schmal, und die Schlitten gleiten darüber hin. Dann kommt eine breitere Spalte und ich erblicke im Mondschein in geringer Entfernung vor mir eine dunkle, breite Schlucht. Ich mache Halt, nähere mich vorsichtig auf dem glatten Eis, auf dem sich jetzt kaum mehr frischgefallener Schnee befindet, und schaue in die tiefe, dunkle Schlucht hinab. Vor mir sehe ich Schlucht auf Schlucht, — tiefblaue Streifen, die sich parallel nebeneinander hinziehen. Ich gebe den Andern ein Zeichen und mache Halt. Hier ist an kein Vordringen mehr zu denken, wir müssen unser Zelt aufschlagen. Im Westen, wo noch ein schwacher Schein des entschwundenen Tages den Abendhimmel erhellt, ragt das Land empor. Es war dasselbe Land, das wir am Vormittage gesehen hatten, aber es erhebt sich jetzt hoch am Horizont und daneben, im Süden, ist eine ganze lange Landstrecke aus der Eisfläche emporgestiegen.

„Es war ein schwieriges Stück Arbeit, das Zelt in dem starken Wind und auf dem glasharten Eis aufzuschlagen, wo sich die Pardunen nirgends befestigen ließen. Die Haken wollten nicht halten, und wir mußten mit der Axt Löcher für die Skistäbe hauen, um die Pardunen daran zu befestigen. Endlich, nachdem wir mehr als gewöhnlich gefroren hatten, war das Zelt aufgeschlagen und wir fanden einigermaßen Schutz. Niemand hatte an jenem Abend Lust, etwas zu kochen, dazu war der Wind, selbst im Zelt, zu empfindlich. Die Festmahlzeit, die ich versprochen, sobald wir bloßes Land erblickten, und auf die wir uns so sehr gefreut hatten, wurde bis zum nächsten Morgen verschoben. Wir theilten den Rest unseres Schweizerkäses und krochen in unsere Schlafsäcke, höchst zufrieden mit unserm Tagewerk. In den Sack gekommen, bemerkte ich erst, daß mir während der Segelfahrt die Finger an beiden Händen abgefroren waren. Jetzt war es zu spät, sie mit Schnee zu reiben, sie fingen schon an aufzuthauen, und die Schmerzen waren während der ganzen Nacht fast unerträglich, bis ich endlich einschlief.“

Früh am nächsten Morgen fuhr ich plötzlich auf, voller Schreck mich erinnernd, daß ich vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen. Unglücklicherweise war es Sverdrup ebenso ergangen. Wir zogen sie sofort auf, aber nun war es zu spät.

Als wir den Kopf zum Zelt hinaussteckten, sahen wir das ganze Land südlich vom Godthaabs-Fjord sich vor uns ausbreiten; — es war ein bergiges, unebenes Terrain mit vielen hohen Felsspitzen und Gipfeln. Entsinnst du dich, wie du zum erstenmal als Kind das Hochgebirge daliegen sahest, voller Gletscher und Schluchten? Entsinnst du dich, wie diese ganze unbekannte Welt dich zog und lockte? Ja, dann wirst du verstehen können, was wir empfanden! Wir waren wie die Kinder. Wir hatten ein eigenthümliches Gefühl im Halse, während unser Blick den Thälern folgte und vergebens nach einer Spur von See spähte. Es war eine schöne Landschaft, wild und großartig, wie an der Westküste Norwegens. Oben auf den Bergen lag frischgefallener Schnee, dazwischen aber schoben sich dunkle Schluchten, deren Boden die Fjorde bildeten; wir konnten sie zwar nicht sehen, aber wir ahnten sie. Ueber dies Gebirgsland bis nach Godthaab zu gelangen, schien uns eine Kleinigkeit zu sein.

Bergabwärts.
(Vom Verfasser nach einer Augenblicks-Photographie.)

Wir nahmen unsere Festmahlzeit in aller Ruhe ein, kochten uns Thee „en masse“ und aßen Mysekäse und Haferkakes nach Herzenslust. Erst spät am Vormittag brachen wir auf. Wir hatten uns in der Nacht in ein häßliches Spaltenterrain hineingesegelt und mußten nun unsern Kurs in südlicher Richtung nehmen, um auf besseres Eis hinaufzugelangen. Der frischgefallene Schnee war auf der ganzen Strecke, die wir an diesem Tage passirten, zum Theil zu Schanzen zusammengeweht, besonders war dies überall da der Fall, wo das Terrain uneben war, an anderen Stellen war er ganz fortgefegt, so daß die harte, glatte Eisoberfläche ganz frei dalag. Nach einer Weile kamen wir an eine mächtige, lange Halde, die wir hinuntermußten. Sverdrup und ich hatten unsere Schneeschuhe angeschnallt und sausten mit Windeseile dahin, aber die Schlitten waren schlecht zu steuern und zu beiden Seiten hatten wir große Schluchten, endlich mußten wir uns entschließen, die Schneeschuhe abzulegen. Nun ging es die Halde hinab, während wir selber auf den Seiten standen und hemmten und lenkten, so gut wir konnten, um die Spalten zu vermeiden; die Lappen waren ganz ausgelassen und fuhren mit windesgeschwinder Fahrt dahin. Nach einer Weile stießen wir auf Blankeis, auf dem es sich sehr schwer gehen ließ, dem Anschein nach mußte es ein großer, zugefrorener See sein. Jenseits desselben stießen wir wieder auf unsicheres Eis. Nachdem wir hier mehrmals auf Spalten gerathen waren, fanden wir es am sichersten, die Schneeschuhe wieder anzuziehen, denn wenn wir quer über die Schluchten hinglitten, hielten die langen Schienen uns besser oberhalb derselben. Einmal sah die Sache schlimm genug aus, unser Schlitten kam der Länge nach an eine Spalte, und eine der Schienen durchschnitt die Schneedecke, welche darüber gebreitet war, sie begann schon, an dem ganzen Schlitten entlang zu streben, als es uns noch im letzten Augenblick gelang, den Schlitten auf festen Boden zu ziehen. Ravna und Balto erging es beinahe noch schlimmer, als sie einen kürzeren Weg einschlagen wollten, als den, welchen Sverdrup und ich genommen hatten; sie kamen an den Rand einer noch breiteren und tieferen Spalte, wo die eine ganze Schiene versank und der Schlitten nahe daran war, umzuwerfen. Nur mit Noth und Mühe zogen sie sich aus der Klemme; — ich war natürlich wüthend und schalt sie gehörig aus, weil sie unserer Spur nicht gefolgt waren. Meiner Ansicht nach wäre es doch genug, sagte ich, daß Diejenigen, welche die Führung übernommen hatten, solchen Gefahren ausgesetzt seien. — Auch Kristiansen war nahe daran gewesen, seinen Schlitten bei einer ähnlichen Gelegenheit einzubüßen.

Am Nachmittag zog ein Hagelwetter mit Sturm aus Süden und Süd-Osten auf. Die Hagelkörner peitschten uns ins Gesicht, und die Schlitten wurden von dem Wind wieder und wieder quer herum geworfen, so daß das Ziehen sehr beschwerlich war, besonders mein und Sverdrups Schlitten machte viele Mühe, da die Last auf demselben groß und hoch war und infolgedessen eine so beträchtliche Windfläche darbot. Jetzt wären die Stahlkiele unter den Schienen besonders angebracht gewesen, aber wie erwähnt waren sie früher in dem unebenen Eis an der Ostküste zerbrochen.

Am Abend machten wir auf einer kleinen Ebene Halt, wo etwas zusammengewehter frischer Schnee lag, in den wir unsere Skistäbe einrammen konnten und wo wir infolgedessen unser Zelt verhältnißmäßig schnell aufschlugen.

Wir hatten uns ursprünglich mit der Hoffnung geschmeichelt, dem Lande bedeutend näher zu kommen, wenn nicht gar, es noch am selben Abend zu erreichen; hierin täuschten wir uns aber sehr, es erschien uns, als seien wir ebensoweit davon entfernt als am vorhergehenden Abend.

Am nächsten Tage (21. September) hatten wir Schneewetter und konnten nichts vom Lande und auch nichts vom Eise ringsumher erblicken. So tasteten wir beinahe blindlings umher, — es war unmöglich zu sehen, wo das Terrain am günstigsten war.

Gegen Mittag machten wir Halt, um wenn möglich eine Mittagshöhe zu bestimmen; die Sonne blickte nämlich ein wenig aus den Schneewolken hervor, und es war für uns von größter Wichtigkeit zu wissen, wo wir uns befanden. Am vorigen Mittag war ich nämlich zu spät gekommen, da ich mich in der Zeit irrte, — ich hatte ja vergessen, meine Uhr aufzuziehen. Glücklicherweise war die Sonne gerade lange genug sichtbar, ich bestimmte die Mittagshöhe und berechnete die Breite auf 64° 14′ N. Br. Dies war etwas weiter nördlich, als ich wünschte, ich hatte während der Segelfahrt zu sehr in nördlicher Richtung gesteuert, nachdem wir Land in Sicht bekamen, und nun mußten wir, wie man ersehen wird, mehrere Tage dafür büßen. Hätten wir unseren südlichern Kurs innegehalten, wären wir wahrscheinlich direkt auf das Land herunter gesegelt.

Jetzt setzten wir unsere Fahrt mit südlichem Kurs fort. Gegen Nachmittag geriethen wir auf einen Höhenrücken zwischen so entsetzliche Spalten, daß wir froh waren, umkehren und so schnell wie möglich südwärts gelangen zu können. Jetzt kamen wir auf ziemlich ebenes Eis, auf den Boden eines Thals, das zwischen zwei Bergrücken lag, die an allen Ecken und Kanten mit Spalten durchzogen waren. Nach vorne zu verengte sich das Thal, bis es schließlich eine Schlucht bildete, wo die beiden Felsrücken sich beinahe berührten, und wo es ein schroffer Abhang mit wildzerklüftetem Eis wurde. Hier sah es völlig undurchdringlich aus, es war überflüssig, unter diesen Umständen weiter vorzudringen, aller Wahrscheinlichkeit nach waren wir schon zu weit gegangen.

Wir beschlossen nun, daß Ravna, Balto und Dietrichson das Zelt aufschlagen sollten, während Kristiansen, Sverdrup und ich eine Wanderung in das zerklüftete Eis unternahmen, um zu sehen, ob an ein Vordringen zu denken sei. Balto, der zum Unterkoch ernannt war, erhielt den Auftrag, den Kochapparat in „Schwung“ zu setzen, gute warme Erbsensuppe zu kochen und in dem oberen Gefäß warmes Wasser zu halten, damit wir nach dem Essen einen Citronentoddy machen könnten. Dies alles sollte fertig sein, wenn wir zurückkamen.

Wir drei Untersuchungsreisenden banden uns das Alpenseil um die Taille und zogen bergabwärts. Das Eis war ganz ungewöhnlich schlecht, wir konnten uns nur mit Mühe fortbewegen, überall stießen wir auf scharfe Eiskanten und Schluchten; gefährlich war das Terrain jedoch nicht, da die Schluchten in der Regel nicht tief waren.

Wie groß war mein Staunen, als ich, nachdem wir eine Strecke zurückgelegt hatten, mitten zwischen schneebedeckten Eisgipfeln eine kleine dunkle Fläche erblickte. Allem Anschein nach mußte es Wasser sein, aber es konnte ja auch Eis sein, deswegen sagte ich den Andern nichts. Als wir aber dahin gelangten und sich beim Einstecken des Stabes herausstellte, daß es weich war, da kannte unsere Freude keine Grenze. Wir warfen uns nieder, legten den Mund an die Wasserfläche und sogen das herrliche Naß nach Herzenslust ein. Nachdem wir monatelang unsern Durst nur durch spärliche Wasserrationen hatten befriedigen können, gewährte es uns einen unbeschreiblichen Genuß uns endlich einmal satt trinken zu können. Wie viele Liter wir zu uns nahmen, vermag ich nicht zu sagen, — eine ganz beträchtliche Anzahl war es aber. Wir konnten förmlich fühlen, wie unsere Magen anschwollen und groß und rund wurden. Dann zogen wir weiter, ein wenig schwerer als zuvor. Wir waren nicht weit gegangen, als wir Jemand rufen hörten und den kleinen Ravna, was das Zeug halten wollte, auf uns zueilen sahen. Wir warteten auf ihn, ganz besorgt, daß den Kameraden ein Unglück zugestoßen sein könne. Bald hatte er uns erreicht, und ich war nicht wenig erfreut, als ich erfuhr, daß er nur gekommen sei, um die Dochte zu den Spirituslampen zu holen, die ich wie gewöhnlich in der Tasche trug. Ich war sehr gespannt, ob Ravna wohl das Wasser entdeckt hatte, denn er war am schlimmsten vom Durst geplagt und ich fürchtete fast, daß er zuviel trinken könne. Schließlich konnte ich es doch nicht lassen, ihn geradezu zu fragen. Ja, er habe das Wasser gesehen, er habe jedoch keine Zeit zum Trinken gehabt, wolle nunmehr aber das Versäumte nachholen, und damit trabte er wieder von dannen.

Wir setzten unsere Wanderung fort und kamen nun in das unebenste und unwegsamste Terrain, das uns bis dahin vorgekommen war. Alles, was ich durch Kapitän Jensens Beschreibung von unebenem Eis gehört hatte, war nichts hiergegen. Völlig undurchdringlich war es zwar nicht, aber Eiswände, von denen die eine immer schärfer und unzugänglicher war als die andere, erstreckten sich nach allen Richtungen hin, unterbrochen von tiefen Schluchten, die häufig Wasser enthielten, über dem eine dünne Eisschicht lag, durch welche man hindurchbrach. Es dunkelte bereits stark, als wir endlich heimkehrten. Der Rückweg, auf dem wir unsern Weg durch den frischgefallenen Schnee bahnen mußten, war sehr ermattend, und mit großer Freude begrüßten wir deswegen den Anblick des Zeltes. Als wir an der ersten Wasserlache vorüberkamen, thaten wir noch einen guten Trunk. Wir legten uns flach zu Boden und ließen das Wasser in reichlichen Mengen durch unsere Kehlen strömen, — unsere Stirne umrieselte es eiskalt, aber das schadete nicht, es war ein wahrhaft himmlischer Genuß, sich endlich einmal nach Herzenslust satttrinken zu können. Bei dem Betreten des Zeltes, in dem die Kameraden um den Kochapparat kauerten, schlug uns ein belebender Duft warmer Erbsensuppe entgegen. Balto war sehr stolz darauf, meinen Anordnungen wörtlich nachgekommen zu sein, — alles war fertig und warm, — wir konnten an die Mahlzeit gehen.

Wie es den Andern während unserer Abwesenheit ergangen war, das schildert Balto auf folgende Weise:

„Die anderen Drei zogen von dannen mit dem Seil um den Leib, um einen Weg auszukundschaften. Ich, Ravna und Dietrichson blieben zurück, um das Zelt aufzuschlagen, und ich sollte Erbsensuppe kochen, denn ich war Koch. Ich holte die Kochmaschine heraus, entdeckte aber, daß keine Dochte darin waren. Nansen hatte sie in der Tasche. Da sandte ich Ravna hinter Nansen her, um die Dochte zu holen. Als Ravna zu uns zurückkam, erzählte er, daß er Wasser gefunden und sich den Magen voll getrunken habe. Sobald ich das hörte, ergriff ich einen leeren Blechkasten und lief in einem Sprung, bis ich den Teich erreichte. Dort warf ich mich nieder und trank. Von Zeit zu Zeit mußte ich den Kopf in die Höhe heben, um mich ein wenig zu verpusten, dann trank ich weiter. Es schmeckte genau so wie süße Milch, denn wir waren Tag für Tag seit einem ganzen Monat ohne Wasser gewesen. Dann füllte ich den Blechkasten und trug ihn zum Zelt zurück. Sofort warf Dietrichson sich bei dem Blechkasten nieder und trank, was das Zeug halten wollte. Der Blechkasten war groß, aber es blieb nur gerade genug für die Erbsensuppe übrig. Von dem Tage an fanden wir überall hinreichend Wasser.“

Ja, wir erinnern uns wohl Alle noch des 21. September, als wir zum erstenmal Wasser bekamen!

Sobald wir in das Zelt gekommen waren, wurde die herrlich duftende Suppe in Tassen gegossen, und wir sprachen der Mahlzeit mit mehr als gewöhnlichem Appetit zu, was sehr viel sagen will. Jetzt konnte auch Ravna essen. Bis dahin hatte er immer behauptet, er könne nicht ordentlich essen, weil er sich nie satt trinken dürfe. Er hob häufig von seinen Rationen auf und ärgerte uns Andere oft, indem er vier bis fünf Fleischbiskuits hervorholte und sie uns zeigte, um uns den Mund wässern zu machen. Wahrscheinlich bedurfte sein kleiner Körper nicht einer so reichlichen Menge Speisen wie unsere großen Leiber. Nach dem Abendessen wurde Citronentoddy servirt, der aus Citronensaft, einigen Tropfen Citronenöl und Zucker in warmem Wasser bestand. Wie wir so in unseren Schlafsäcken dalagen und dies Getränk in langen Zügen einsogen, mundete es uns ganz vorzüglich.

Ich war lange nicht so ermüdet gewesen wie heute. Dies stundenlange Stampfen durch den frischgefallenen Schnee greift die Beinmuskeln an. Auch den Andern ging es nicht viel besser. Aber hinterher im Zelte senkte sich über solche Abende ein unsagbares Gefühl des Wohlseins, und über alle Mühen und Beschwerden des Tages legt sich der mildernde Schleier des Vergessens.

Ein kleiner Lichtstummel, der letzte, den wir besitzen, erleuchtet, so lange wir essen, den kleinen Raum. Endlich ist man fertig, alles wird für den nächsten Morgen vorbereitet, das Licht wird ausgeblasen, man zieht den Kopf ganz unter den Deckel des Schlafsacks und schlummert bald in das Land der Träume hinüber.

[40] Wir befanden uns zu der Zeit in Wirklichkeit etwa 26 geograph. Meilen vom eisfreien Lande entfernt.

[41] Es waren in Wirklichkeit etwa 20 Meilen.