Allmählich müssen alle Indianer unter den Einfluß der Weißen kommen. Das ist unvermeidlich. Mit jedem Tage vermindern sich die Gebiete, in denen sie noch unabhängig leben. Sobald ihre Gebiete erobert sind, werden sie auf die eine oder andere Weise gezwungen, für die Weißen zu arbeiten und kommen in vollständige Abhängigkeit von ihnen. In der Regel werden sie auch schlecht behandelt, ausgesogen und moralisch verdorben.
Es ist deshalb ein Glück im Unglück, daß es aufopfernde Menschen gegeben hat und gibt, die etwas getan haben und tun wollen, um den Indianern zu helfen. Diese Menschen sind die Missionare. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese eine bedeutende zivilisatorische Arbeit unter ihnen versucht und auch vorgenommen haben. Enthusiasmus und Wille zur Aufopferung sind erforderlich, um Missionar zu werden. Seines Vergnügens wegen kann kein Mensch sein ganzes Leben in Gegenden leben, wo die Einsamkeit auf die Dauer schrecklich sein muß und wo das Leben keine Zerstreuungen oder Genüsse gewährt.
Für den Missionar ist die religiöse Bekehrungsarbeit die Hauptsache. Er will die Seelen aus der Hölle „tatahuasurenda“[127] erretten. Glücklicherweise sind die katholischen Missionare klug genug, auch ein wenig an dieses Leben zu denken und eine Verbesserung der materiellen Daseinsbedingungen der Indianer zu erstreben.
Der Indianer, der ein unabhängiges Leben liebt, aber mit in den Zivilisationstanz hineingezwungen wird, will kein Missionskind werden, wählt dieses aber als das geringere Übel. In der Mission steht er unter Vormunden, aber nicht unter Unterdrückern.
Als mein Freund, der Chanéindianer Batirayu, von dem ich hier mehrmals gesprochen habe, mich fragte, ob es nicht das beste sei, die Missionare zu bitten, zu den Chanés am Rio Parapiti zu kommen, dachte er sie sich als Retter von der Bedrückung der weißen Herren.
Als ich den Chiriguanohäuptling Maringay fragte, ob er nicht wolle, daß die Missionare nach seinem Dorfe kämen, wurde der Alte ganz aufgebracht und sagte mürrisch: „Ich habe wohl nichts Böses getan.“
Die größte Bedeutung der Missionare liegt darin, daß sie die Indianer von der Bedrückung und den Lastern der Weißen zu schützen suchen. Mit Freude habe ich gesehen, wie die Missionare den Branntwein, den verdammten Branntwein, in den Missionsstationen verbieten.
Ich glaube dennoch nicht an die Zukunft der Missionen. Sie scheinen mir zum Verschwinden verurteilt zu sein. In demselben Maße, wie die Indianer von den übrigen Weißen besser behandelt werden und für ihre Arbeit eine ordentliche Entschädigung erhalten, werden sie die Missionen verlassen und sich der Bevormundung der Franziskanermönche entziehen.
Immer aber werden die Missionare die Ehre haben, daß sie die Indianer wenigstens etwas vor den anderen Christen zu schützen versucht haben. Ehre haben sie auch mit den Studien, die sie über Sprache, Sitten und Gebräuche der Indianer gemacht haben, eingelegt.
In einem vorhergehenden Kapitel habe ich über die Wanderung der Indianer nach Argentinien gesprochen. Im nördlichsten Gebiet der Chiriguanoindianer findet noch eine andere Auswanderung statt. Sie unterscheidet sich von der ersteren u. a. dadurch, daß sie nicht freiwillig ist. Es handelt sich um die Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia. Jeder Indianer, der nach den argentinischen Zuckerfabriken geht, weiß, daß er, wenn kein Unglück eintrifft, wieder zurückkommt. Keiner hält ihn mit Gewalt zurück. Von den Gummigegenden kommt dagegen niemals einer wieder.
Ist es wahr, sagen sie, daß dort ein Riese ist, der Menschen frißt? Ist es wahr, daß die Menschen zu Gummi gemahlen werden? Ist es wahr, daß das Fleisch, das in Blechbüchsen kommt, von Menschen ist? Dies sind Fragen, welche die Indianer an mich gerichtet haben.
Auf eine schamlose Weise sind die Chiriguanoindianer, besonders vom Caipipendital, nach den Gummigegenden im nördlichen Bolivia gelockt worden, wo sie als Arbeiter verkauft worden sind. Unter Bewachung bewaffneter Leute sind sie über Quatro-Ojos den Rio Mamoré heruntergebracht worden.
Über das Verhältnis der Indianer zu der Gummiindustrie habe ich jedoch bessere Gelegenheit in dem Buche zu sprechen, in welchem ich über die Studien, welche ich in den Gummigegenden selbst und unter den Indianern, die in der Nähe derselben liegen, berichten werde.[128] Ich gehe deshalb hier nicht näher auf diese Frage ein.
Die Chiriguanos und Chanés, die in ihrem eigenen Land bei der zugezogenen weißen Rasse als Diener arbeiten, sind außerordentlich schlecht bezahlt. Dies gilt besonders für abgelegene Gegenden, wo die infolge der Konkurrenz höheren Arbeitspreise in den argentinischen Zuckerfabriken nicht auf die Löhne haben zurückwirken können. Den Chanés am Rio Parapiti wird z. B. selten mehr als 20 Centavos (nicht ganz 35 Pf.) pro Tag nebst Kost bezahlt. Die Frauen verdienen ungefähr halb soviel. Der Verdienst wird den Indianern teils in Branntwein und Zucker, teils in Zeug und Werkzeug ausbezahlt. Das Zeug ist so schlecht, daß ein Hemd aus einem solchen Stoff nicht viel länger reicht, als die Zeit, die zum Verdienen desselben gebraucht wird. Infolge dieses Systems fangen auch die Chanés und Chiriguanos an, wie ihre Stammfreunde in den Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia, der Schuldsklaverei zu verfallen.
Zu hoffen ist, daß die vom Ingenieur Herrmann in Gang gesetzten großen Anlagen in San Franzisko am Rio Pilcomayo die indianischen Lohnverhältnisse im allgemeinen verbessern werden. Bezahlt er besser als andere, so kommen alle Indianer zu ihm, und die übrigen Arbeitgeber müssen die Löhne erhöhen.
Die Chiriguanos und Chanés sind somit auf dem besten Wege, in den alles andere als glücklichen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hineinzugeraten.
Die bolivianische Regierung sollte dafür sorgen, daß die Felder der Indianer ins Grundbuch eingetragen werden, damit die Weißen sich nicht ihrer bemächtigen können. Die Regierung müßte auch die Bedingung aufstellen, daß kein Indianer sein Land verkaufen darf. Auf diese Weise würde die Regierung den Indianern das Besitzrecht am Lande, aber nicht das Eigentumsrecht an demselben zusichern.
Die Unsicherheit und die gedrückten Lohnverhältnisse, unter denen diese Indianer leben, tragen natürlich zur Auswanderung nach Argentinien und vor allem dazu bei, daß viele Indianer das Land nicht nur als Saisonarbeiter, sondern für immer verlassen.
Will die bolivianische Regierung etwas für die Indianer tun, so muß sie in erster Reihe ein Mittel gegen das schlimmste Übel, und zwar den Alkoholismus, zu finden suchen. Zwischen Maisbier- und Branntweintrinken ist nämlich ein ungeheurer Unterschied.
Ein Indianer, der sich in einheimischen Getränken betrunken hat, ist niemals so auf Streit und Schlägerei erpicht, wie derjenige, der von der Höllensuppe der Weißen gekostet hat. Außer daß der Branntwein die Moral und Gesundheit der Indianer schädigt, ruiniert er sie vollständig. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ein Indianer für ein Fäßchen Branntwein seine beste Kuh hergeben kann.
Die Brennerei für den eigenen Bedarf ist in Bolivia noch gestattet. Sie müßte verboten werden, ebenso, daß jeder an beliebiger Stelle Alkohol verkaufen darf.
Ganz unvernünftig ist das bolivianische Militärgesetz, das die Indianer zwingt, Militärdienst zu verrichten. Dasselbe kommt zwar sehr selten zur Anwendung, wenn es aber geschieht, und wenn die Behörde einen Jüngling zum Militärdienst abholt, ist er selbst und alle anderen Indianer in der Gegend mit ihm außer sich vor Schreck. Man kann nicht verlangen, daß die Indianer an der Verteidigung des Vaterlandes teilnehmen, bevor sie dieselben Rechte wie andere Bürger haben und wissen, welches ihr Vaterland ist.
Es ist unrecht, zu verlangen, daß sie helfen sollen, Bolivia zu verteidigen, die Weißen zu verteidigen, die ihnen, ihren Begriffen nach, ihr Land gestohlen haben. Auch die Chiriguanos und Chanés lieben ihr Land, aber dieses Vaterland sind nur die Täler und Wälder, in denen ihre Väter gerodet und ihre Mütter Tongefäße für die Feste gemalt haben.
Während der Entwicklungsperiode, die Bolivia jetzt durchmacht, ist es wichtig, sich die indianische Arbeitskraft auch hier im Lande der Chané- und Chiriguanoindianer zunutze zu machen.
Trotz ihrer eigenartigen Kultur setze ich keine großen Hoffnungen auf die Zukunft der Chiriguano- und Chanéindianer. Sie werden indessen als ein wichtiges Element der Mestizenrasse einverleibt werden, die in Zukunft allein über die Trockenwälder des Parapititales und die letzten Ausläufer der Anden nach El Gran Chaco herrschen wird.
Allmählich vergessen sie wohl ihre Sagen von Tatutunpa und Aguaratunpa und den anderen Göttern.
Die Nachkommen Maringays, Vocapoys und der anderen werden dann vielleicht studieren, was über ihre Vorväter in diesem Buche geschrieben ist, das in einem Lande gedruckt ist, wo der Mais nicht reift und die Palmen nur unter Glas wachsen. Sie werden vielleicht nach Norden fliegen, um die Schmucksachen zu sehen, mit denen die Alten bekleidet waren, und die schöngemalten Trinkgefäße, in welchen ihre Stammütter das Maisbier zu den Festen gereicht haben.