Zwanzigstes Kapitel.
Die Tsirakuaindianer.

Bei den wilden Tapietes am Rio Parapiti machte ich, wie schon erwähnt, die Bekanntschaft von Gefangenen eines Stammes, der in den unbekannten, wasserarmen Buschfeldern des nördlichen Chaco umherstreift. Die Tapietes nennen diese Indianer nach ihren eigentümlichen Streitkolben und Grabekeulen (Abb. 139) Tsirakuas. Die Weißen nennen sie Empelotos, was nackt bedeutet, die Chanés sagen Tsirióno. Mit den in den Urwäldern nördlich und östlich von Santa Cruz de la Sierra wohnenden Sirionos haben sie indessen nichts Gemeinsames. Die Tsirakuas gehören dem Trockenwald, die Sirionos dem finsteren, üppigen Hochwald an.

Die Tsirakuas werden von allen verfolgt. Die Weißen schießen sie nieder, wo sie sie treffen. Wenn möglich, rauben sie die Kinder von den Eltern, um sie taufen zu lassen und dann zu verkaufen. Die Chanés behandeln sie ebenso wie die Weißen. Die Tapietes in gleicher Weise.

Ihnen selbst ist es zuweilen gelungen, sich zu rächen. Am Rio Grande ermordeten sie vor einigen Jahren einige Kinder. Schlafende Landreisende sind des Nachts zwischen dem Rio Parapiti und dem Rio Grande überfallen worden. Wahrscheinlich sind es die Tsirakuas, die manchmal die von der Saline de San José Salz Holenden überfallen haben.

Die Tsirakuas, die ich gesehen habe, waren vier Kinder und zwei Frauen. Sie schienen mir ein ungewöhnlich breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen zu haben. Die Kinder waren auf der Stirn bis zu den Augenbrauen stark behaart. Auch auf dem Körper hatten sie viel Haare. Die beiden Frauen waren im Verhältnis zu anderen Chacoindianern von normaler Größe.

Nach dem, was ich gesehen und erfahren habe, scheinen sich die Tsirakuas nicht zu tätowieren und auch keinen Körperteil zu verstümmeln oder zu durchbohren. Sie bemalen sich dagegen mit den Samen von Uruku rot und mit Ruß. Sowohl die Frauen als die Kinder waren äußerst schmutzig und voller Läuse.

Nach den Tapietes haben die Tsirakuas dieselben runden Hütten, wie sie selbst, die Chorotis, die Matacos und andere Stämme hier haben. Sie haben keine Hunde und keines der Haustiere des weißen Mannes. In der Nähe der Hütten haben sie zahme Vögel, die schreien, wenn sich jemand diesen nähert.

Abb. 139. Grabekeule. ⅛. Tsirakua.

Was für Feuerstätten sie in den Hütten haben, weiß ich nicht. Eine der Tsirakuafrauen, der ich ein Stück Fleisch schenkte, grub in meiner Gegenwart einen den hier (Abb. 16) von den Ashluslays wiedergegebenen vollständig gleichen Ofen. Mit ihrer Grabekeule machte sie, auf dem Boden sitzend, eine Grube. Zu dieser grub sie einen schrägen Gang. Sie legte dann Holz in die Grube, das mit einem von einer anderen Feuerstätte geholten Feuerbrand angezündet wurde. Auf dem Magen liegend, blies sie aus allen Kräften durch ein Bambusrohr in den Gang, damit das Holz brenne. Hierauf hieb sie mit ihrer (hier also als Axt angewendeten) Grabekeule ein großes Stück Rinde aus einem Flaschenbaum. Als sie in der Grube genügend Glut hatte, legte sie das Fleisch in die Grube und bedeckte dann sowohl die Grube als den Gang mit Rinde und Sand. Sie ließ das Fleisch dann mehrere Stunden rösten. Leider war ich nicht dabei, als es aufgegessen wurde, es war aber sicher wohlschmeckend.

Eine gleiche Art des Fleischröstens ist von den argentinischen Gauchos bekannt. Es ist eine vortreffliche Art.

Als die Frau ihre Nahrung zubereitete, warf sie hier und da Hände voll Sand nach verschiedenen Richtungen, gleichsam um böse Geister oder dergleichen zu verjagen.

Die Tsirakuas leben hauptsächlich von Honig, wilden Früchten, Wurzeln und von der Jagd. Die oben erwähnte Frau sammelte Stämme von Caraguatá, die sie röstete und aß. Die mit den Tsirakuas verwandten Zamucos[130] haben nach Cardus[131] einen äußerst primitiven Feldbau. Die Tsirakuas kennen Mais, Tabak, Uruku und Zapallo.

Die Waffen dieser Indianer sind vor allem Keulen. Außer den langen Grabekeulen haben sie Wurfkeulen von verschiedenen Typen (Abb. 140). Als ich der Tsirakuafrau meine von den Yanaygua und Chanés erhaltene Keulensammlung von ihrem Stamm zeigte, erklärte sie mir ihre verschiedene Verwendung und führte, die Grabekeule gegen den Mund gedrückt, einen Kriegstanz auf, wobei sie mit blökender Stimme: „hé ha há, he si sia, he ha há, he si sia“ sang.

Als Signal für Aufpassen wenden die Tsirakuas Pfeifen von eigentümlicher Form an (Abb. 142).

Abb. 140. Wurfkeulen. Tsirakua.

Nackt nennen die Weißen die Tsirakuas. Dies ist unrichtig, denn bei diesen Indianern findet man dieselben Kleidungsstücke wie bei den wilden Tapietes. Die Frauen haben ein Stück Zeug um die Beine, die Männer eines, das die Geschlechtsteile bedeckt und um den Leib befestigt ist (Abb. 141). Außerdem haben sie große Decken, die in der Form den von den Chorotis, Ashluslays usw. angewendeten ähnlich sind. Alle diese Kleider sind aus Caraguatá, und nicht aus Wolle. Die Kleider sind aus Schnüren geknotet. Sie verstehen auch breite Bänder aus Caraguatá zu weben.

An den Füßen tragen die Tsirakuas viereckige Sandalen aus Tapirhaut (Abb. 138) oder Holz. Diese haben vier Löcher für die Schnüre, während die von anderen Indianern angewendeten Sandalen nur drei haben.

Wir finden bei den Tsirakuas dieselbe Art Taschen aus Caraguatá, wie bei den Chorotis und Ashluslays. Den Honig verwahren sie in Taschen aus ganz abgezogenen Tieren.

Abb. 141. Von den Männern über die Geschlechtsteile getragenes Stück Zeug. Tsirakua. ⅐.

Ein einziges grobes Tongefäß habe ich von diesen Indianern, sowie eine mit einem eingeritzten Vogel verzierte Kalebasse.

Das Eisen ist bei den Tsirakuas sehr selten. Jedes Stückchen wird aufbewahrt und geschaftet. Größere Stücke, deren sie habhaft werden, werden zwischen mehreren geteilt. Sie sollen manchmal die Weißen und die Chanés nur überfallen, um Eisen zu bekommen. Für einige Stückchen dieses kostbaren Metalls setzen sie ihr Leben aufs Spiel.

Wahrscheinlich verfolgen auch die Chamacocos[132] oder ein anderer Stamm die Tsirakuas und drängen sie nach dem Rio Parapiti, wo sie, wie Batirayu mir gesagt hat, erst in neuerer Zeit aufzutreten beginnen.

Die Tsirakuas gehören den unbekannten Wildnissen des nördlichen Chaco an, von dem wir so wenig wissen. Eine Erforschung des Inneren dieses Landes würde sicher viel Interessantes bieten.

Was für Menschen leben dort? Diese Frage habe ich an viele Indianer gerichtet. Von diesen hat mir ein Chanéindianer, Bátcha, der, wie gesagt, lange mit den Tapieteindianern gelebt hatte, folgendes berichtet.

Ungefähr sechs Tagemärsche vom Rio Parapiti westwärts wohnt, wie die Tapietes sagen, ein Zwergvolk, das in Erdhöhlen lebt. Diese Zwerge sind freundlich gesinnt und sprechen Guarani. Von ihren Höhlen hörte ich schon 1902 von einem Sergeant Gonzales, der diese auf einer Expediton nach dem Innern des Chaco gesehen hatte.

Abb. 142. Pfeife aus Holz. ½. Tsirakua.

Einen solchen Bericht hat man allen Anlaß, wenigstens was die Zwerge betrifft, für unwahr zu halten. Die Erdhöhlen können Brunnen sein, wie sie die Ashluslays und Lenguas graben.

Sehr eigentümlich ist es gleichwohl, daß Hawtrey[133] von den am Rio Paraguay wohnenden Lenguaindianern dieselbe Angabe über Zwerge erhalten hat. Zwei auf beiden Seiten des großen unbekannten Gebietes im nördlichen Chaco wohnende Stämme haben also dieselbe Erzählung. Möglicherweise ist es nur eine gemeinschaftliche Sage. Die Zukunft wird es zeigen.

Im Innern des Chaco nahe der Saline de San José hat man, wie erzählt wird, moderne Indianergräber getroffen, die alle mit hölzernen Kreuzen geschmückt waren. Ob dies wahr ist, weiß ich nicht. Unmöglich ist es nicht, denn viele der dort wohnenden Indianer stammen sicher von Indianern, die Christen gewesen sind. Unter den Zamucos, die, wie gesagt, den Tsirakuas nahe stehen, haben die Jesuiten Missionen gehabt.

Vielleicht ist es nicht ein reiner Zufall, daß die hier abgebildete Tsirakuafrau die Hände auf Christenweise wie zum Gebet faltet. Etwas Ähnliches habe ich bei den nicht von den Missionaren besuchten Chorotis und Ashluslays niemals gesehen.

[130] Daß die Tsirakuas und die Zamucos eine ähnliche Sprache sprechen, geht aus folgendem Vergleich hervor.

Zamuco
Tsirakua
Ohr = yagoroné
(dlyócon)goroni
Auge = yedoi
(dlyóqui)dodye
Hand = imanaetio 
(dlyóco)maná
Sonne = yede
géte
Wasser = yod
mama
Feuer = pioc
pió

Zum weiteren Vergleich teile ich hier auch einige gewöhnliche Tsirakuaworte mit

Mais = géshna
Tabak = sidódu
Zapallo = ógodieú
Caraguatá = gutá
Grabekeule = bahábe
Uruku = tasi
Kalebasse = pitáu
Strauß = bái
Wildschwein = pósnoni
Asche = pútchucuru
Stein = kukáni
Hund = tomóco.

[131] Cardus: Las Misiones Franciscanas entre los infieles de Bolivia. Barcelona 1886.

[132] Vgl. Frič. Globus. Bd. 96 (1909) S. 24. Die unbekannten Stämme des Chaco boreal.

[133] Hawtrey, l. c.