XXXII.
Leipzigs frühere Feuerwehrverhältnisse.

A. Die städtische Feuerwehr.

Es ist selbstverständlich, daß man zu einer Zeit, wo man noch bei Weitem nicht mit den jetzigen Hilfsmitteln gegen Feuersgefahren versehen war, wie jetzt, bezüglich eines Schadenfeuers viel ängstlicher war wie heute. Von einer Wasserleitung im jetzigen Maaßstabe war noch keine Rede. Nur die allerdings Leipzig in besonders günstiger Weise durchkreuzenden Flüsse, und lagen diese zu entfernt, die sogenannten Röhrtröge und die Brunnen lieferten das zum Löschen nothwendige, oft nur mit vieler Mühe zu beschaffende Wasser; was namentlich zur Winterszeit, wenn Flüsse und Röhrtröge eingefroren waren, oft mit großem Zeitverlust verbunden war. Mit Recht legte man deshalb damals dem Ausbruch eines Schadenfeuers eine viel größere Bedeutung bei, wie jetzt, wo Telegraph und Telephon es bewerkstelligen, selbst großen Feuern binnen wenigen Minuten auf das Energischste auf den Leib zu rücken und dieselben durch massenhafte Ueberschwemmungen mit Wasser, womöglich schon in ihren Anfängen zu unterdrücken. Nicht ohne Lächeln denkt jetzt wohl der am Morgen erwachende ältere Bürger Leipzigs, wenn er bemerkt, daß in seiner unmittelbaren Nähe in der verflossenen Nacht ein Brand stattgefunden hat, ohne daß er in seiner Nachtruhe gestört worden ist oder überhaupt etwas bemerkt hat, an jene Zeiten zurück, in denen selbst der Ausbruch eines — wenigstens für die Jetztzeit ganz unbedeutenden Feuers — eine Alarmirung der ganzen Stadt und ihrer Vorstädte zur Folge hatte. — Es kann nicht unsere Absicht sein, eine ausführliche Geschichte des Feuerlöschwesens unserer Stadt zu schreiben, allein die früheren Einrichtungen in dieser Richtung bieten doch des Interessanten genug, daß wir wenigstens das Nothwendigste davon hervorheben, um den jetzigen und einst späteren Generationen ein, wenn auch nur gedrängtes Bild über den Unterschied zwischen damals und jetzt zu geben. — Eine Alarmirung der Stadt war damals, so wenig einleuchtend es auch Vielen dünken mag, dennoch geradezu eine Nothwendigkeit, und wenn auch in dieser Richtung nun allerdings meistens des Guten etwas zu viel gethan wurde, so dachte man damals eben mit Recht »besser zu viel als zu wenig!«

Sind doch sogar in der jetzigen Zeit mit ihren weitgehenden und vortrefflichen Löscheinrichtungen noch Brände vorgekommen, welche nur mit aller Anstrengung bekämpft werden konnten und denen sogar verschiedene Male Menschenleben zum Opfer fielen, um wie viel mehr war man es sich damals schuldig, die denkbar größte Aufmerksamkeit walten zu lassen, um die Bekämpfung eines Feuers gleich bei dessen Beginn in Angriff nehmen zu können. Damals hielt die Stadt selbst nur eine verhältnißmäßig geringe Anzahl wirklich zum Feuerlöschdienst ausgebildeter, besoldeter Feuerwehrleute, erst 60, dann 80 und später 140 Mann, welche in zwei Abtheilungen, Tag und Nacht mit einander abwechselnd, Dienst oder Feuerreserve hatten. Diese Feuerwehrleute, meistens Schuster und Schneider, hatten ihr Wachtlokal in den 40er und 50er Jahren unseres Jahrhunderts in den hüttenähnlichen Gebäuden der alten Armenschule, an der Stadtmauer nach Schloß Pleißenburg zu an der Schulgasse, genau auf demselben Grund und Boden, wo jetzt das kaufmännische Vereinshaus und die Bauhütte steht. Ein mäßig großer Mann konnte bequem mit der Hand auf das Dach dieser baufälligen Hütten langen. Hier trieben die diensthabenden Mannschaften am Tage zugleich ihr Handwerk als Schuster und Schneider und fanden, da sie selbst die verzweifeltsten Flickarbeiten bereitwilligst ausführten und die loyalsten Preise für kunstvoll eingesetzte Hosenboden oder mehr haltbare und gediegene, als künstlerisch schöne Seitenflecke für Schuhe und Stiefeln stellten, stets reichliche Arbeit. Gegen Ende der fünfziger Jahre, als die alten Schulgebäude abgerissen wurden, siedelten die Feuerwehrmänner nach der Magazingasse über, wo sie bis zur vollständigen Neuorganisation des städtischen Feuerlöschwesens verblieben. Zu diesen ständigen Feuerwehrleuten mit ihren Spritzen kamen noch etwa 130 Mann Nachtwächter, Lampenputzer (Laternenanzünder), Röhrwärter (Wasserleitungsbeamte) und Chaisen- oder Sänftenträger ebenfalls mit eigenen, vom Rathe gestellten Spritzen und die sogenannte Arbeiterkolonne, Arbeiter, von denen stets eine gewisse Anzahl Feuerreserve hatten, während welcher Zeit sie auf den Feueralarm hin, gegen entsprechende Entschädigung pro Stunde, zum Spritzendienst ausrücken mußten. Die Spritzen waren sogenannte Pariser, größere und kleinere Handspritzen und theilweise mit Zubringern. Um wenigstens für’s Erste gleich Wasser bei der Hand zu haben, standen auf verschiedenen Plätzen, sowie an vielen Straßenecken auf massiven Holzschleifen (eine Art Schlitten, welche auch früher Sommer und Winter zum Transport von Ballen und anderen Meßgütern in Leipzigs Straßen verwendet wurden und deren Schleudern oft lebensgefährlich war) befestigte riesige Tonnen, sogenannte Sturmfässer, welche stets mit Wasser gefüllt sein mußten, um eventuell sofort, durch die Pferde des damals an der Ecke des Neumarkts und der Magazingasse befindlichen städtischen Marstalls, auf den Platz des ausgebrochenen Schadenfeuers transportirt zu werden. Zu allen diesen complicirten und sicher nicht leicht in wirklich nützlicher Weise zu dirigirenden Einrichtungen kam nun noch der ebenso complicirte Apparat zur Feuermeldung selbst. Telephon gab es noch nicht, Telegraphen nur in sehr beschränktem Maaße, am meisten war es der Fall, daß beim Ausbruch eines Feuers, Einer oder Mehrere, dabei unterwegs fortwährend »Feuer« schreiend, nach der Polizeiwache am Naschmarkt lief, (andere Polizeiwachen existirten damals noch nicht) oder die Thürmer meldeten das Feuer durch die Feuerglocke. Im letzteren Falle signalisirten die Thürmer die Lage des Feuers bei Tage durch Herausstecken einer rothen Fahne nach der Richtung des Feuers zu, bei Nacht durch Heraushängung einer großen Laterne. Zugleich zeigten sie durch die Schläge der Feuerglocke in ganz kurzen Zwischenräumen an, ob das Feuer in der inneren Stadt (innerhalb des Promenadenrings), in der Vorstadt oder auf den nahen Dörfern (jetzigen Vorstädten) war und zwar indem sie jedesmal auf der Feuerglocke einen, zwei oder drei Schläge abgaben. Wenn auf diese Weise die Polizeiwache benachrichtigt war, erfolgte Mittheilung derselben an die Commandos der Garnison und der Communalgarde und nun erfolgte die allgemeine Alarmirung der ganzen Stadt. Die Nachtwächter ließen auf dem großen Horn ihre schauerlichen Feuerrufe erschallen, die Trommler der Communalgarde rasselten mit dem Generalmarsch durch die Straßen, dazwischen ertönten die Feuersignale aus den Hörnern der in Leipzig liegenden Jäger und Schützen. Die Feuerkommandos der Communalgarde und Jäger eilten, gefolgt von Sturmfässern, Zubringern und Spritzen und einer neugierigen Menschenmasse, im Trabe der Feuerstätte zu. Auf den Sammelplätzen angekommen, sammelten sich die Reserven der Communalgarden und Spritzenbedienungen. In der Nacht öffneten sich wie mit einem Schlage die Kneipen wieder, Männer, Frauen und Kinder, oft nur auf das Primitivste bekleidet, stürzten aus den Wohnungen, schiebend und geschoben, puffend und gepufft, schimpfend und geschimpft dem Orte des Schauspiels zu — um — wenn sie oft nach weitem Wege hinkamen, häufig zu erfahren, daß das Feuer längst mittelst einiger nasser Lappen gedämpft war und nun über ihre vergebliche Wanderung räsonnirend wieder heimwärtszogen. Und doch bewies die Dämpfung großer und gefährlicher Brände, welche in den vierziger und fünfziger Jahren stattfanden, wie der Brand des Hotel de Pologne, der Barfußmühle, der Thomasmühle, der Brauerei in der Windmühlenstraße, des alten Holzhofes und anderer, daß schon damals die Leipziger Feuerwehr Tüchtiges leistete. Hierzu trugen ausgesetzte Prämien für besonders gute Leistungen und vorzüglich für zuerst auf der Brandstelle eintreffende Spritzen wesentlich mit bei.

Mit dem größeren Anwachsen der Stadt erkannte man nun gar wohl die Unzulänglichkeit der zum größten Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert datirenden Einrichtungen, und Behörden wie Bürgerschaft wurden täglich mehr davon überzeugt, daß schnelle Hülfe hier nothwendig sei. Leider ließ sich dieselbe, wenn auch dringend gewünscht und eifrig angestrebt, doch nicht ohne Weiteres beschaffen, und es mußten vor Allem die Vertreter der Gemeinde an den enormen Kosten praktischer Löscheinrichtungen und ihrer Erhaltung Anstoß nehmen; Kosten, von so bedeutender Höhe, daß sie manchen Gemeinden überhaupt unerschwinglich erscheinen mußten. Da fand sich ein Ausweg, der zum Ziele zu führen schien, und der sich auch außerordentlich praktisch bewährte: — es war die Gründung freiwilliger Feuerwehren, vorzugsweise gebildet aus der Jugend unserer Turnvereine.

Bot sich doch hier auf dem Felde des Feuerlöschwesens den strebsamen Gliedern der Turnvereine die beste Gelegenheit, die auf dem Turnplatz gewonnene Körperkraft und leibliche Gewandtheit, That- und Willenskraft, mit einem Worte, Gemeinsinn, zu bethätigen.

B. Die Leipziger Turnerfeuerwehr.

Die Leipziger Turnerfeuerwehr bildete sich im Jahre 1846, kurz nach Gründung des Allgemeinen Turnvereins, und erlebte zehn Jahre später, nachdem sie bis dahin ein kümmerliches Dasein gefristet, eine Reorganisation, durch die ihr die Stellung angewiesen wurde, die sie bis zu ihrer Auflösung einnahm. Ihre Stärke betrug im Jahre 1863 zur Zeit des Turnfestes 170 Mann und wurde später auf 200 Mann erhöht.

Die Organisation unserer Leipziger Turnerfeuerwehr beruhte in jeder Beziehung auf sehr rationellen Principien; denn nicht nur, daß sie direct den Hauptmann, die Zugführer und die betreffende Anzahl Mitglieder zum Ehrengerichte wählte, hatten nur diejenigen Beschlüsse Geltung, welche von der Compagnie sanctioniert waren; hiervon waren jedoch selbstverständlich alle diejenigen Verfügungen und Maßnahmen ausgeschlossen, die unmittelbar zur Verwaltung oder zum Commando gehörten. Hinsichtlich ihrer Thätigkeit beruhte sie auf dem Principe der Vielseitigkeit, denn nach § 1 des Grundgesetzes konnte sie auch auf Anordnung des Feuerlösch-Commandos zu anderen Functionen als zur Spritzenbedienung und Rettung von Menschen und Sachen verwendet werden, so daß sie bei ausgebrochenen Schadenfeuern stets hinreichende Beschäftigung fand. Sie war in Folge dessen mit der nöthigen Ausrüstung versehen, wie dieselbe zu Ausübungen ihrer Funktionen nach den Principien der Neuzeit erforderlich war und wie wir sie noch jetzt bei den größeren freiwilligen Feuerwehren des Landes finden; dasselbe galt bezüglich ihrer Bekleidung. Nach den Grundgesetzen des Corps mußte jedes Mitglied gleichzeitig auch Mitglied des damals allein in Leipzig existirenden allgemeinen Turnvereins sein und wurde vor seiner Aufnahme wegen gehöriger Pflichterfüllung vom Rathe der Stadt vereidet.

Außerdem waren Bestimmungen über die zu erfüllenden Pflichten des Einzelnen vorhanden. Die Compagnie wählte direct den Hauptmann, die betreffende Anzahl Zugführer und zwei Ehrenrichter. Zwei der letzteren wurden vom Turnrathe aus dessen Mitte ernannt, während der fünfte Richter der jedesmalige Hauptmann war, der auch den Vorsitz im Ehrengerichte führte. Die Anführer bedurften der Bestätigung des Stadtrathes und waren demselben verantwortlich. Die Wahl der Rottmeister, Rohrführer etc. etc. war dem Hauptmann anheimgegeben. Aus dem Disciplinargesetze heben wir nur § 1 hervor. Derselbe lautete: »Jedes Mitglied der Turner-Lösch- und Rettungscompagnie hat in und außer dem Dienste ein ehrenhaftes männliches Betragen, insbesondere im Dienste Nüchternheit, Pünktlichkeit, Ruhe, Ausdauer, Gehorsam und, wo es gilt, Muth mit Besonnenheit zu zeigen«.

Fast alle Mitglieder waren eifrige, und ein großer Teil tüchtige Turner, so daß, abgesehen von der körperlichen Kraft und Gewandtheit der Einzelnen, durch das fast tägliche Zusammensein auf dem Turnplatze ein reger kameradschaftlicher Geist die Gesammtheit belebte, ein Geist, der nicht allein bei den Uebungen oder sonstigen Zusammenkünften, auch in der Praxis sich bewährt und seine guten Folgen gezeigt hat.

Die Compagnie war 1863 in zwei Züge eingetheilt (später drei), unter je einem Zugführer, einer entsprechenden Anzahl Rottmeister, Rohrführer und Steiger, und bediente, nebst verschiedenen anderen Geräthen, zwei Spritzen. Die Steiger einige dreißig Mann stark, einschließlich der Zug- und Rohrführer, hatten bei einem ausgebrochenen Schadenfeuer zuvörderst die Verpflichtung, die nicht zur Spritze gehörigen Gegenstände herbeizuschaffen beziehentlich zu bedienen, die Verbindung zwischen dem Hauptmann, den Zug- und Rohrführern zu unterhalten und sich hinsichtlich der Rettung von Menschen und Sachen zur Verfügung des Feuerlösch-Commandos zu stellen, wozu sie die nöthige Ausrüstung besaßen. Sobald diese Verrichtungen ausgeführt waren oder sonst keine weitere Verwendung für sie vorlag, mußten sie zur Bedienung der Spritzen zurückkehren. Da jedoch sämmtliche Mannschaften auf die genannten Verrichtungen mit eingeübt wurden, so waren dieselben, auch ohne Steiger zu sein, sehr häufig zu den speciellen Dienstleistungen derselben zu verwenden.

Die Steiger wurden durch eine Commission, vor welcher die Aspiranten eine Prüfung abzulegen hatten, ernannt, wurden aber, nachdem sie diese bestanden, erst nach sechs Monaten und wenn sie sich während dieser Zeit unausgesetzt als tüchtig bewiesen hatten, definitiv als solche bestätigt. Die Commission, bei welcher der Hauptmann den Vorsitz führte, wurde ebenfalls auf die Dauer eines Jahres aus der Mitte der Steiger ernannt. Die Uebungen fanden meist auf dem Turnplatz statt. Die Spritzen der Compagnie waren größere Pariser Karrenspritzen, davon einer mit Zubringer aus der Jauck’schen Fabrik zu Leipzig. Als Rettungsleiter wurde die Copenhagener angewendet. Die übrige Ausrüstung correspondirte mit der der jetzigen Feuerwehren.

Zur ersten Neu-Organisation der städtischen Feuerwehr, wie dieselbe 1868/69 eintrat, wo die Turnerfeuerwehr bereits 3 Züge stark war, sei Folgendes erwähnt:

Die besoldete Feuerwehr betrug von da ab, bis zu ihrer jetzigen, neuesten Organisation an festbesoldeten Mannschaften:

6 Oberfeuerwehrmänner,
1 Fourier,
36 Feuerwehrmänner,
18 Spritzenmänner,
81         do.          Tag- und Nachtabtheilung
Sa. 142 Mann,

hierzu kamen noch 20 Chaisenträger und 25 Laternenwächter, also zusammen 187 Mann, von denen am Tage 103, in der Nacht 184 Mann präsent waren.[1]

Dieselben vertheilten sich auf 7 Wachen. Eine 8. Wache bezog die Turnerfeuerwehr und Rettungskompagnie abwechselnd, aber nur täglich auf die Zeit von Abends 8 Uhr bis Morgens 5 Uhr.

Hierzu kamen an Reserve-Mannschaften: 670 Mann mit 13 Viertelsspritzen; 120 Mann freiwillige Rettungskompagnie.

Demnach, unter Nichtrechnung der Turnerfeuerwehr, welche sich bereits 1871 auflöste, zusammen 977 Mann mit 47 Spritzen und den sonstigen erforderlichen Geräthen. (Hierbei eine Landspritze (Omnibusspritze) von Jauck in Leipzig.)

Nachdem die Turnerfeuerwehr mit der Neuorganisation der städtischen Berufsfeuerwehr auf 3 Züge gebracht worden war, erhielt dieselbe ihr Wachlokal, welches sie abwechselnd mit der Rettungskompagnie zu beziehen hatte, in der Fleischhalle (jetzt interimistisches Reichsgericht) Ecke des Brühls und der Goethestraße und zwar in einem Gewölbe nach dem Brühl heraus. Die Wachtmannschaften bestanden je aus 10 Mann unter dem Commando eines Zugführers, Rottmeisters oder Steigers und war so eingetheilt, daß jede Abtheilung im Jahre 16 Wachen zu thun hatte. Wir kommen auf diese Wachen noch speziell weiter hinten in einem besonderen Artikel zurück. Der Dienst bei der Turnerfeuerwehr sowohl, als bei der Rettungskompagnie waren unentgeltlich zu leisten, und für den Wachtdienst und bei dem Ausbruch von Schadenfeuern wurde vom Rath der Stadt Leipzig eine kleine Entschädigung gewährt. Bei der Dämpfung aller Brände, welche unsre Stadt, von der Errichtung der Turnerfeuerwehr bis zu deren Auflösung betraf, nahm die Turnerfeuerwehr hervorragenden Antheil, indeß konnte es bei dem immer weiter fortschreitenden Ausbau des Feuerlöschwesens in Leipzig allmälig nicht an Anfangs nur kleinen Differenzen zwischen Berufs- und Turnerfeuerwehr fehlen. Thatsache ist, daß man von Seiten der ersteren die letztere, trotzdem sie es eigentlich war, welche zum Ausbau des städtischen Feuerlöschwesens nicht nur in vielen Fällen die ersten Direktiven und nothwendigen Fingerzeige gegeben hatte und deren exakte Organisation und Eingreifen bei Bränden sich jederzeit auf das Vortrefflichste bewährt hatte, nach und nach über die Achsel anzusehen und als etwas Entbehrliches zu betrachten begann. Diese bedauerlichen Zustände spitzten sich im Laufe der Jahre immer mehr und mehr zu. Selbst von untergeordneten Mitgliedern der Berufsfeuerwehr mußten solche der Turnerfeuerwehr manche Nichtachtung ertragen, obwohl sich die Mitglieder der letzteren aus den besten Ständen zusammensetzten. Auf Beschwerden erfolgten laue Verweise, die in keiner Weise das gekränkte Ehrgefühl des Corps zu beruhigen vermochten, ja dasselbe mußte schließlich selbst einsehen, daß man den offenbaren Wunsch, sie los zu sein, selbst höheren Ortes hegte und so kam es denn allmälig so weit, daß das Corps, obwohl mit Leib und Seele für ihren freiwillig übernommenen Beruf begeistert und thätig, mit bittren Gefühlen und schweren Herzen seine freiwillige Auflösung selbst beschloß und diese im Juni 1871 erfolgte. Wie manches früher mit Begeisterung aufgenommene Gute und Vortreffliche später bei Seite geschoben wird, so erging es auch der Turnerfeuerwehr und nach ihr der freiwilligen Rettungskompagnie; aber es ist die Pflicht des Chronisten, derartige gemeinnützige Einrichtungen auch für spätere Generationen in der Geschichte der Stadt zu verzeichnen und dadurch die Anerkennung und den Dank, den unsre Vaterstadt denselben schuldet, zum dauernden Ausdruck zu bringen.

Oswald Faber in Feuerwehrmontur.
Oswald Faber,

Führer des zweiten Zuges der ehemaligen Leipziger Turner-Feuerwehr.

Die Commandanten der Turnerfeuerwehr waren: Advocat Max Rose (später Stadtrath), Staatsanwalt Löwe.

Wird aber in Leipzigs Geschichte überhaupt der edlen Turnerei und speciell der freiwilligen Feuerwehren gedacht, so kann dies unmöglich geschehen, ohne dabei auch eines Mannes zu gedenken, der — jetzt ein Veteran derselben — doch noch immer geistig und frisch in Mitten derselben steht, dessen Verdienste um das Turn- und Feuerlöschwesen — in welch Letzterem er eine ganze Reihe noch jetzt als praktisch bewährte Einrichtungen erfand — bedeutende sind und der unzählige Male mit Wort und Schrift für dasselbe begeistert und viele Andere begeisternd eintrat und wahrhaft unermüdlich wirkte. Es ist dies der Kaufmann und Turngeräthefabrikant Herr Oswald Faber in Leipzig,[2] dessen Bild als Zugführer der Turnerfeuerwehr wir auf dem Titelblatt und im Text unsres Heftes VI bringen. In wahrhafter Bescheidenheit hat er sich stets allen Ovationen für seine Thätigkeit entzogen, ihm gebührt ein Ehrenplatz in dieser Chronik unsres Leipzigs.

[1] Nach Oswald Fabers »Die freiwilligen Feuerwehren,« 3. Auflage.

[2] Mit seiner Concurrenzarbeit »Ueber Organisation von Dorf-Feuerwehren« mit der großen silbernen Medaille der k. k. österreich. Regierung prämirt im Juli 1870 auf dem 8. deutschen Feuerwehrtag zu Linz.

C. Die Rettungscompagnie.

Die Leipziger freiwillige Rettungscompagnie, welche neben der städtischen und der Turnerfeuerwehr bestand, rekrutirte sich aus Leipziger Bürgern und Einwohnern von den besten Gesellschaftsklassen herab bis zum Arbeiterstande. Ein sehr großer Theil derselben waren ebenfalls noch aktive oder doch frühere Turner. Die Compagnie, deren Zusammensetzung, Ziele u. s. w. so ziemlich dieselben waren, wie die der Turnerfeuerwehr, wich an der Bekleidung insofern von der Turnerfeuerwehr ab, als sie dunklere, schwarzgraue Blousen mit dem auf die Brustseite angestepptem R. C. trug. Obwohl die Mitglieder derselben ebenfalls zum Spritzen- und Steigerdienst vollständig ausgebildet waren und ihre eigene vom Rath beschaffte Spritze besaßen, war ihr Augenmerk doch in erster Linie, wie schon ihr Name sagt, auf das Rettungswerk von Personen und beweglichem Besitzthum gerichtet. Die Rettungscompagnie, welche eine Stärke von etwa 100 Mann besaß, wechselte mit der Turnerfeuerwehr behufs Besetzung der Wache im Brühl dergestalt ab, daß sie, nachdem die 15 tägigen Wachtposten der Turnerfeuerwehr beendet waren, ihrerseits nun während 9 Tagen die Wache besetzte, worauf wieder der Turnus der ersteren begann. Auch die Rettungscompagnie nahm an der Tilgung aller Brände während der Zeit ihres Bestehens mit gleicher Bravour und großer Pflichttreue und Erfolg Theil und hielt — kleine Häkeleien dann und wann ausgenommen — mit der Turnerfeuerwehr treue Kameradschaft. Aber dieselben Gründe, welche schon 1871 eine freiwillige Auflösung der Turnerfeuerwehr herbeiführten, führten auch obwohl mehr als ein Jahrzehnt später ihre freiwillige Auflösung herbei. Dieselbe erfolgte am 31. Dezember 1886. Bei dem Abschiedscommers im alten Schützenhause am Abend des 31. December wurde die gesammte Mannschaft zur Tilgung eines größeren Feuers nach Reudnitz commandirt. Commandanten der Rettungscompagnie waren nach einander:

Kaufmann Rudolf Gruner (s. Bericht an den Rath vom 5. August 1842).

Advokat (späterer Stadtrath) Schilling vom 5. April 1851 (ausgetreten am 1. Februar 1862).

Eisengießereibesitzer Gustav Götz vom 12. Februar 1862 (ausgetreten am 17. Februar 1870).

Kaufmann Hermann Meister, vom 23. Februar 1870; (vom 1. Juni 1875 städt. Branddirektor).

Zimmermeister Aug. Kersten (vom 5. Juni 1875, gest. im August 1883).

Baumeister W. Rob. Rost (vom 12. Oktober 1883 bis zur Auflösung der Compagnie am 31. Dezember 1886).

Beide Corporationen wurden vielen Hunderten freiwilliger Feuerwehren in ganz Deutschland zum Vorbild, sie nahmen unter allen derselben den ältesten und berechtigsten Vorrang ein und wenn jetzt noch das — namentlich für kleinere und mittlere Gemeinden von so außerordentlich wichtigen, werthvollen und mit verhältnißmäßig geringem Kostenaufwande verbunden — freiwillige Feuerlöschwesen in so hoher Blüthe steht, so fällt ein guter Theil des Bewußtseins, wesentlich hierzu beigetragen zu haben, auf die ehemalige freiwillige Feuerwehr zu Leipzig.