Zu höheren Sphären erheben uns jene freimaurerischen Sinnbilder, die nicht bloß Zeichen, Zieraten oder Werkzeuge, wenn auch von noch so sinnvoller und tiefer Bedeutung, sind, sondern Werke, Begriffe und Ideen vertreten, die in der Geschichte und den Idealen der Menschheit begründet sind, die aber tief geahnt und richtig verstanden werden müssen, um den strebenden Menschen zur Nachfolge anzufeuern. Diese Sinnbilder sind nicht der Baukunst, nicht der Freimaurerei selbst entnommen, sondern beruhen teils auf großartigen Tatsachen der Kulturgeschichte, teils auf erhabenen Idealen der Menschheit. Es sind teils längst ihres Zweckes enthobene, wenn auch noch vorhandene, teils noch heute in Kraft und Blüte bestehende, teils endlich hehren Erwartungen künftiger Zeiten entsprechende Erscheinungen oder Gedanken.
Vergangenheit ist genau genommen alle Zeit, die bis auf diesen Augenblick verflossen ist. Die Geschichte fliegt aber nicht mit Windeseile wie der flüchtige Augenblick, sondern schreitet langsam und bedächtig vorwärts; daher behält vieles, vielleicht sehr vieles, was im wörtlichen Sinne vergangen ist, für uns seine Gegenwart. Was für diese durchaus vergangen ist, liegt weit hinter uns zurück, Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Verschwunden bis auf steinerne Spuren, sind für uns die einst blühenden Reiche am Nil, am Tigris und Euphrat, die einst riesigen und prachtvollen Königsstädte Theben und Memphis, Ninive und Babylon, und ihre, bisher von Sagen und Fabeln überwucherte Geschichte mußte mühsam aus jenen steinernen Spuren ausgegraben und durch die geistvolle Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften aufgehellt werden. Für die Freimaurerei kommt indessen hier nur Ägypten in Betracht, von dessen steinernen Überresten einige zu Sinnbildern des Bundes geworden sind, denn die kurze Erwähnung des Babylonischen Turmes in einer alten freimaurerischen Schrift hat zu keinem Sinnbild Anlaß geboten. Hingegen ist Ägypten in mehrfacher Hinsicht für unsern Bund von Bedeutung, nicht wegen der Phantasien, welche die Brr. Polak, Leutbecher und Schauberg verleitet haben, den Ursprung unseres Bundes dort oder noch weiter zurück zu suchen, sondern wegen der Ähnlichkeiten, die der Bund mit den Mysterien der ägyptischen Priester darbietet, die jedoch durch Verschiedenheiten zwischen beiden weit überwogen werden.[7]
Unter den Denkmälern des Nillandes, die hier und da in freimaurerischen Logen und Graden Verwendung gefunden haben, sind die ältesten und großartigsten die Pyramiden. Die größten und berühmtesten dieser kolossalen Bauten sind die drei in Giseh bei Kairo zum Himmel ragenden. Sie stammen aus der Zeit der vierten Pharaonendynastie, deren Herrschaft wahrscheinlich um das Jahr 3250 vor Chr. begann. Die größte baute Chufu (griech. Cheops), die zweitgrößte sein Nachfolger Chafra (Chefren), die dritte dessen Nachfolger Menkaure (Mykerinos). Nach diesem geriet der Pyramidenbau bereits in Verfall. Neuerdings will man entdeckt haben, daß diese Denkmäler astronomische Zwecke hatten, indem sie genau nach den Himmelsgegenden gerichtet sind. Anderson, einer der älteren Freimaurer, brachte sie bald nach der Entstehung des Bundes mit diesem in Verbindung, daher ihre Gewalt noch hie und da in Logen Verwendung findet. Sie eignen sich in der Tat zu einem Sinnbild solider in sich festgefügter Stärke des Willens.
Jünger und kunstvoller als die Pyramiden sind die Obelisken (d. h. „kleine Spieße“), vierkantige, langgestreckte, aus einem Stein gehauene, von unten nach oben schmäler werdende und auf dem Gipfel eine kleine Pyramide tragende, zum Schmucke der Tempelhöfe dienende Säulen. Auch diese erscheinen bisweilen als Sinnbilder schönen, harmonisch geordneten Bauens.
Ebenfalls jünger, aber durch Nachbildung des Lebens und bedeutungsvollen Charakter hervorragend sind die Denkmäler des Nillandes und, von dort her eingeführt, auch anderer Länder, die den Namen Sphinx tragen, aber in Ägypten männlich, in Asien und Griechenland und daher auch anderswo weiblich gebildet sind. Ein Männer- oder Frauenkopf mit Brust gleicher Art ruht auf einem bisweilen geflügelten Löwenleibe. In Ägypten bildeten die Sphingen ganze Alleen, die zu den Tempeln führten; das bekannteste und am besten erhaltene, wenn auch stark beschädigte Bild dieser Art ist das bei der zweiten Pyramide ausgegrabene, aus dem Felsengrund gehauene Bild des Gottes Harmachis, einer Gestalt des Sonnengottes. Es war dort Sinnbild der Stärke und Weisheit, wozu in Hellas noch das der Schönheit kam — aber auch des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Diesen Charakter hat die Sphinx auch in Europa behalten, wo sie überall weibliche Gestalt hat. Wenn auch nicht gerade als anerkanntes freimaurerisches Symbol, so wird sie doch in Logen, am Eingange solcher, auf Siegeln und Denkmünzen vielfach dargestellt und trägt einen schönen, aber ernsten und geheimnisvoll blickenden Frauenkopf.
Wir verlassen diese Vergangenheit als ein Reich der Mysterien und des Rätsels.
Die Gegenwart im kulturgeschichtlichen Sinne, d. h. der Inbegriff der Kulturschöpfungen, die für uns jetzt noch Wert und Bedeutung haben, ist wie gesagt kein flüchtiger Augenblick, ja nicht nur die sog. neuere oder neueste Zeit, sondern ein mehr als zweitausendjähriger Zeitraum. Er beginnt mit dem Verfalle jener Reiche, die für uns Vergangenheit sind, weil wir von ihnen keine Kulturschätze bewahrt haben, und mit dem Beginne neuer Ideen, die althergebrachten abergläubigen Vorstellungen zuleibe gingen. Das geschah um die Zeit von 500 vor Chr., als Ägypten und Babylon ihre Selbständigkeit und ihren alten Charakter verloren, und wie auf einen Schlag in den verschiedensten Ländern Geister wie Kongfutse, Buddha, Zarathustra und Pythagoras neue Wege einschlugen und die Götzen der alten Versunkenheit in dumpfen Wahn niederwarfen. Eine Periode von vier bis fünf Jahrtausenden endete, und eine neue begann. Wie lange wird sie dauern?
Etwa ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt ist die Bibel (d. h. vorläufig die Hauptteile des A. T.) in ihrer heutigen Gestalt abgeschlossen worden. Ihre noch heute fortdauernde Hochschätzung berechtigt uns, mit diesem Zeitpunkte die Gegenwart im weitesten Sinne zu beginnen. Allerdings ist diese Hochschätzung nicht immer die gleiche geblieben. In sehr vielen Kreisen zwar wohl; aber in den ebenfalls weiten der unabhängig Denkenden ist die Bibel von „Gottes Wort“, das früher ihre allgemeine Bezeichnung war, zu einer durchaus menschlichen Büchersammlung zurückgegangen. Dazu haben zweierlei Umstände beigetragen, einerseits der Widerspruch gegen den Zwang, mit dem das Ansehen der Bibel den Menschen aufgedrängt wurde (und jeder Zwang erzeugt in nicht sklavischen Seelen Widerspruch), und anderseits die Tätigkeit der historisch-kritischen Wissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts, deren Träger über jedem Verdacht einer schlimmen Absicht erhaben sind und deren Charakter makellos dasteht. Wem diese Vorgänge Schmerz verursachen, der vergißt, daß die ganze Bibel auch dem Gläubigsten nicht mehr absolute Autorität ist. Für den Christen hat die mosaische Gesetzgebung im 3. bis 5. Buche des Pentateuch schlechterdings nicht mehr Gewicht als für den Juden das Neue Testament. Aber noch mehr! In jüngster Zeit haben die orthodoxesten Theologen und ihr Anhang in vielen Punkten des Bibelglaubens Zugeständnisse an die Kritik gemacht, so daß ihnen Stellen, die mit der Wissenschaft unvereinbar sind, nicht mehr als Wahrheit, sondern nur noch als bildliche Einkleidung religiöser Gefühle erscheinen, — sogar auf katholischer Seite.
Der Begriff der wörtlichen Offenbarung ist ohnehin stets streitig gewesen, und es wird auch auf bibelgläubiger Seite vielfach zugegeben, daß Abschriften, Übersetzungen, streitige Lesarten und Mißverständnisse im Laufe der Zeit viele Änderungen des ursprünglichen Textes herbeigeführt haben. Der Verfasser verwahrt sich übrigens ausdrücklich gegen den Verdacht, als wisse er die Bibel nicht zu schätzen. Von mehreren Teilen ist dies in hohem Maß der Fall, von anderen freilich nicht, und zwar aus guten Gründen.
Religiöse Streitigkeiten sind im Schoße der Freimaurerei ausgeschlossen; da nun aber tatsächlich die Bibel mit der Loge in Zusammenhang gebracht worden ist, war dieser Gegenstand hier nicht zu umgehen.[8]
Und wie verhält es sich nun mit diesem Zusammenhange?
Die Fragestücke 17 und 18 des Lehrlings-Katechismus lauten:
17. Welches sind die 3 großen Lichter der Freimaurerei? — Bibel, Zirkel und Winkelmaß.
18. Wie erklären Sie solches? — Die B. ordnet und richtet unsern Glauben, das W. unsere Handlungen, und der Z. bestimmt unser Verhältnis gegen alle Menschen, insbesondere gegen unsere Brüder.
Diese Fassung und Zusammenstellung ist schlechterdings unhaltbar. B., W. und Z. können unmöglich in ihrer Wirkung zusammengestellt werden; denn die B. hat einen bestimmten Wortinhalt, W. und Z. aber nicht. Es wird nicht genau gesagt werden können, wie unsere Handlungen und unser Verhältnis gegen die Menschen und Brr. beschaffen sein sollen; es ist dies dem Gefühl und Gewissen der Einzelnen zu überlassen. Kommt aber die Bibel dazu, so hat dies ein anderes Gesicht. Die B. sagt genau (Mißverständnisse vorbehalten), was geglaubt werden soll.
Nach den Grundsätzen der Freimaurerei können von den Brüdern gute Handlungen und ein treues Verhältnis zu den Brrn. verlangt werden, ein bestimmter Glaube aber nicht. Der Freimaurer-Bund ist keine Glaubensgenossenschaft, am wenigsten eine solche zur Pflege eines wörtlich festgelegten Glaubens. Es herrscht daher gegenwärtig die Auffassung vor (Handb. der Freimaurerei, Art. Bibel): da die B. mit W. und Z. zusammengestellt und diese beiden der Freimaurerei nur bildlich zugeeignet sein können, so könne auch die B. nur vorwiegend symbolische Bedeutung haben. Sie sei das Sinnbild wahrer Religiosität und Frömmigkeit, einer Religion, in der alle Menschen übereinkommen, wenn sie auch verschiedenen Bekenntnissen angehören. Wenn nun aber weiterhin zugestanden wird, daß der Jude an ihrer Stelle als Sinnbild das bloße A. T., der Mohammedaner den Koran, der Hindu die Vedas u. s. w. setzen könne, was alles entschiedene Glaubensbücher sind, wie ist da derjenige Christ, der den Glauben an viele oder die meisten Teile der B. verloren hat, oder vollends der Freidenker, dem sie nur ein Teil der Weltliteratur ist, gestellt? Es ist damit wieder gesagt, daß eben doch der Freimaurer verpflichtet sei, einen bestimmten religiösen Glauben zu haben. Das ist er aber nicht; sein Gewissen ist seine Religion, und wie diese beschaffen sei, darüber ist er keine Rechenschaft schuldig. Das Ritual unserer Loge verbietet sogar, den Aufzunehmenden bei Angabe seiner Personalien nach seiner Konfession zu fragen. Ein freier Mann von gutem Rufe kann keine schlechte Religion haben, kann auch keinem rohen und frivolen Atheismus huldigen. Wie er sich den A. B. d. W. vorstellt, ist seine eigene Sache. Unsere Loge hat daher auch das Gelübde auf die Bibel aufgegeben und nur ein solches auf Ehre, Tugend und Bruderliebe beibehalten. Daß dagegen eine andere Loge an die Stelle der B. ein weißes Buch, mit der Aufschrift „Gott“ gesetzt hat, entzieht sich unserem Urteil, da es ausschließlich Sache ihrer Brüderschaft ist.
Wir haben oben als höchste Lichter der Freimaurerei, wie es auch unsere Loge getan, die Gottheit, das Gewissen und die Menschheit mit den Sinnbildern des Hammers, des Winkelmaßes und des Zirkels vorgeschlagen. Und die Bibel? Sie soll nicht ignoriert werden. Sie soll ein Sinnbild bleiben, aber nicht das unseres Glaubens, der unabhängig sein soll, sondern das Sinnbild einer kulturgeschichtlichen Periode, derjenigen, in der auch wir leben, aber mit der Hoffnung, daß nach und nach an die Stelle der bisherigen Bibel, die ja neben viel wunderbar Schönem auch viel Schwaches und Anfechtbares enthält, eine neue treten werde, nicht als Organ einer Kirche, sondern der Menschheit, und diese neue Bibel müßte das beste und schönste aus der gesamten Weltliteratur, mit Einschluß des besten und schönsten aus der bisherigen Bibel enthalten,[9] und zwar nicht nur religiöses (das Hohe Lied ist dies ja auch nicht), sofern auch alles was würdig ist, der Menschheit zur Richtschnur zu dienen. —
In den Hochgraden gibt es, wie schon die Titel der schottischen Grade und ihr sog. Arbeitsfeld (oben S. 41 ff.) zeigen, eine Menge Erinnerungen an das A. T., so besonders an die Stiftshütte in der Wüste, die aber von der Rolle, die der Tempel Salomos schon in der älteren Freimaurerei spielt, weit überragt wird, wie überhaupt viel auf den König Salomo bezügliches in den Logen vorkommt. So Salomos Siegel, als Sinnbild der Verschwiegenheit, nach einer Stelle der seinen Namen tragenden Sprüche, die ermahnt, Mund und Zunge zu bewahren. Salomos Siegelring gilt als ein Zaubermittel, sich die Geister dienstbar zu machen und als ein Sinnbild der Weisheit. Salomos Thron kommt im Konstitutionenbuche Andersons als Stuhl des Großmeisters vor. In demselben Buche wird Salomos Tempel als der Ausgangspunkt der Freimaurerei bezeichnet; denn er habe, sagt die altfreimaurerische Sage, unter seinen Aufsehern und Arbeitern die ersten Logen gestiftet und selbst als Großmeister gewirkt, wie der Baumeister Hiram Abif als zugeordneter Großmeister, was natürlich reine Erdichtung ist. Schon im 17. Jahrhundert wurde die Kirche unter dem Bilde des salomonischen Tempels gedacht, und Comenius, der Vorläufer der Freimaurerei, kleidete unter diesem Bilde seine Idee einer allgemein menschlichen (zugleich christlichen) Gesellschaft ein, die jedoch, da es sich um einen israelitischen, von einem Heiden (Hiram aus Tyros) gebauten Tempel handelte, nicht ausschließlich christlich sein konnte, sondern als Vorbild einer konfessionslosen, rein humanen Freimaurerei verstanden sein muß. Die drei Teile des Tempels, der Vorhof, das Innere und das Allerheiligste, konnten als Vorbedeutungen der drei Grade, die länglich viereckige Gestalt des Tempels als Vorbild der Loge gelten, und so gibt es noch viele Analogien, besonders in den Zahlenverhältnissen, so daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß die Gründer der ersten Großloge (der von England) den Tempel Salomos als Vorbild für die Loge benutzten.[10]
Der Räucheraltar im Innern des salomonischen Tempels hat ohne Zweifel mit seinen Leuchtern als Vorbild der christlichen Altäre gedient. In der Freimaurerei kommt erst in den Anfängen der sog. schottischen Hochgrade (Mitte des 18. Jahrh.) an Stelle des Tisches des Meisters vom St. (der anfangs ebenfalls nicht vorhanden war) ein Altar vor, der diesen Namen aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. allgemein erhielt. Einen gottesdienstlichen Charakter trägt er nicht, wohl aber einen dreiarmigen Leuchter und wo diese gebraucht wird, die Bibel und andere Sinnbilder, und dient zum Gebete und zur Ablegung des Gelübdes. Hier und da breitet sich über ihm ein Baldachin als Sinnbild des Himmels. Hauptsächlich aber bezeichnet er, zu dem 3 Stufen emporführen, den Ort, von dem aus die Loge geleitet wird.
Mit der Bibel und dem Altar bilden die Säulen eine Dreizahl heiliger Dinge in der Loge und kommen selbst wieder in dreierlei Zahl vor.
„Eine einzige Säule zeugt von verschwundener Pracht“,[11] d. h. das Bild einer oben abgebrochenen Säule am Altar der Loge im Lehrlingsgrad des rektifizierten Systems, mit der Inschrift „Adhuc stat“ (noch steht sie) versinnbildlichte ursprünglich den Untergang des Templerordens; in der Freimaurerei will sie sagen, daß ein edles menschliches Gebilde, wenn auch zum Teile gebrochen, doch unerschütterlich fortbestehe.
Zwei Säulen stehen auf beiden Seiten des Eingangs zur Loge. Sie haben zu Vorbildern zwei eherne Säulen vor der Vorhalle des salomonischen Tempels; sie waren 18 Ellen hoch und trugen jede ein kupfernes Kapitell von 5 Ellen Höhe mit Schmuck von Lilien und Granatäpfeln. Zur Stütze dienten sie nicht, sondern nur zur Verzierung. Nach 1. Kön. 7,15-21 hießen sie, die zur Rechten Jachin (der Herr wird dich aufrichten) und die zur Linken Boas (in ihm [Gott] ist es stark oder: der Herr wird dich stärken). Dem Wortlaute gemäß ist in der Loge die erste der ein verkleinertes Abbild ihrer Vorbilder bildenden 2 Säulen dem Lehrlings- und die zweite dem Gesellengrade gewidmet. In vielen Lehrarten haben bei ihnen die beiden Aufseher oder Vorsteher ihren Platz. Die beiden Säulen stehen auch, ohne Stützen zu sein, im Dome zu Würzburg. Ob sie auch ein Vorbild der 2 Türme vieler Dome waren, wollen wir dahin gestellt sein lassen.
Drei Säulen oder Pfeiler der Loge, die den Tempel der Humanität stützen, werden die drei Ideen Weisheit, Stärke und Schönheit genannt. „Weisheit entwirft, Stärke führt uns und Schönheit ziert.“ Dargestellt werden sie einmal durch die drei obersten Beamten, den M. v. St. und die beiden A. oder V., und sodann durch die drei Pfeiler, in der Mitte der Loge, die drei Kerzen tragen, durch welche die Loge erleuchtet wird, und den Teppich umstehen, indem sie einen rechten Winkel bilden. Oft wechselt übrigens die Stellung der Pfeiler sowohl als der beiden Ideen der Stärke und Schönheit unter sich; bald nimmt jene den zweiten, diese den dritten Rang ein, den ersten aber immer die Weisheit.
Dreierlei Säulen hatten die alten Griechen, die sich mit den drei freimaurerischen Idealen vergleichen lassen: die dorische mit der Stärke, die ionische mit der Weisheit und die korinthische mit der Schönheit. Auch die neuere Zeit (vom Mittelalter an) weist drei hauptsächliche Kunststile auf: den romanischen, den gotischen und den der Renaissance, die sich wieder in eine Früh-, Hoch- und Spätrenaissance gabelt.
Aus dem N. T. kommt in Hochgraden das Kreuz in verschiedenen Gestalten (Τ, +, ⧧, ×) und kommen die Namen Tabor und Golgatha vor, deren Bedeutung keiner Erklärung bedarf.
Bibel, Altar und Säulen sind also die Sinnbilder der Gegenwart in der Freimaurerei; mit ihnen ist der Mystizismus der Vergangenheit, d. h. deren unsicheres, dunkles Tasten nach den Geheimnissen des Lebens (oder der Aberglaube) zur Mystik, d. h. zum bewußten Streben nach ihrer Lösung (oder zur Religion) übergegangen. Weiter, höher hinauf (Excelsior) muß die Zukunft führen.
Aufgabe der Zukunft, deren Beginn wie bereits gesagt, nicht im nächsten Augenblick, sondern in ungeahnten Fernen liegt, muß es sein, aus bisherigen Dunkelheiten zur Klarheit, aus aufgedrängtem Glauben zur Gewissensfreiheit und aus dem mystischen Tasten zu bestimmteren Vorstellungen von dem zu kommen, was uns noch Mysterium ist. Dann wird das, was die Religion bisher erfolglos anstrebte, die geistige Einheit der Menschheit, unter dem Banner der Humanität erfochten werden.
Dieses hehre Ziel hat nach unserer Auffassung zum Sinnbilde den flammenden Stern, das höchste und herrlichste, wiewohl bisher noch wenig verstandene Symbol der Freimaurerei. Sein Bild entwickelte sich aus der in der königl. Kunst überall sich wiederholenden Dreizahl. Das gleichseitige Dreieck oder der Triangel, dessen Winkel zwei Rechten gleichkommen, bedeutete in verschiedenen Religionen die Gottheit. Es verbindet alle bereits (S. 10 ff. oben) erwähnten Dreiheiten. Da diese überall zu finden sind, da in der ganzen Natur aus dem männlichen und dem weiblichen Element das dritte, das Erzeugte, die Frucht, das Kind hervorgeht, bedeutet die Drei auch die Welt und damit das Weltbürgertum, dem die Freimaurerei entspricht.
Das Dreieck kann sich als Hexagramm verdoppeln:
und als Enneagramm verdreifachen:
Das Hexagramm, aus den verlängerten Seiten eines Sechsecks entstanden, ist von größerer Bedeutung. Das aufsteigende (△) Dreieck wird als Bild des Feuers, das absteigende (▽) als solches des Wassers, wagrecht durchschnitten jenes als das der Luft, dieses als das der Erde betrachtet, jenes auch als Bild des Männlichen, dieses als das des Weiblichen u. s. w. Kunstvoller ist das Pentagramm ober Pentalpha, auch der Drudenfuß, das aus den Diagonalen eines oder aus der Verlängerung der Seiten eines Fünfecks, bis sie sich treffen, entsteht. Der zweite Name, Pentalpha, rührt daher, daß die Figur aus fünf Alphas (Buchstaben A) besteht. Bei den Pythagoreern war es ein Gruß- und Erkennungszeichen, wobei fünf Buchstaben ὑγιέε, hygiée, sei gesund) die fünf Ecken zierten. Es wird auch mit Salomos Siegel verknüpft, da der König es auf dem Grundsteine des Tempels angebracht haben soll. In Goethes Faust verhindert es, nach altem Aberglauben, auf die Schwelle gezeichnet, den Eintritt des Bösen, sofern nicht die Spitze nach außen offen ist.
Nun kann sowohl das Hexa- als das Pentagramm den flammenden Stern vorstellen, wenn ein G in der Mitte steht und zwischen seinen Spitzen Flammen hervorschießen. Er ist nach dem „Handbuch“ ein Sinnbild „des geistigen und sittlichen Lebens des Menschen, das sich zeigt im Lichte der Erkenntnis, in der Stärke des Willens und in der warmherzigen Bruder- und allgemeinen Menschenliebe.“ Nach dem Ritual unserer Loge ist er ein Sinnbild für das Ideal. „Der Mensch, der sich in seinem Herzen ein Ideal gebildet hat, folgt ihm als seinem Leitstern durch das Leben; es ist ihm ein Ausfluß des göttlichen Lichtes der Wahrheit und der Vollkommenheit.“
Der Buchstabe G wird gewöhnlich auf Geometrie gedeutet, nicht auf das trockene Fach der Meßkunst, sondern auf die Maßhaltung im Leben, wie Schauberg sagt, auf die sittliche Meßkunst und die sittliche Gesundheitslehre.
Der flammende Stern enthält alles, was wir von der Zukunft erhoffen, eine herrlich ausgebildete von allen Schlacken gereinigte Kunst, eine mit edlem Herzen erforschte Wissenschaft, eine uneigennützige, aus reinstem Gewissen hervorgehende Sittlichkeit, die alle guten Handlungen hervorrufen, alle bösen aber verscheuchen muß, und er ist also auch das Sinnbild einer aus diesen drei Tätigkeiten gebildeten höheren Religion.
Mit dem flammenden Stern zusammen wird gern der Spiegel als Sinnbild der Selbsterkenntnis und damit auch der Welterkenntnis in Verbindung gebracht. Nicht der Spiegel, den die Eitelkeit liebt, in dem sich die Selbstsucht gefällt, sondern derjenige, in dem der Mensch seine Fehler erblickt, so daß er ihn befähigt, sie zu beseitigen und in allen Dingen nach Vervollkommnung seines Wesens zu streben. Damit ist viel verbunden, mehr als man gemeiniglich ahnt. Es ist die Verbesserung in allen Hinsichten.
Der Mensch soll sich nicht nur selbst erkennen, sondern auch selbst heilen, sein eigener Seelenarzt sein, die Unmäßigkeit und alles Ungesunde meiden, wie in Kunst und Wissenschaft, so auch im Leben. Frivolität, Obscönität auf der einen, süßliche Sentimentalität und Überzuckerung des Lasters auf der anderen Seite entstellen und verderben die Kunst; Unwahrhaftigkeit auf der einen, Versinken in unnützen Kram, der der Menschheit ewig fremd bleibt, auf der andern Seite, sind der Untergang der Wissenschaft. Gleichgültigkeit gegen Roheit und Gewalttätigkeit, Nachsicht gegen Schlechtigkeiten untergraben die Sittlichkeit ebenso sehr wie eigene schlimme Handlungen. Gesundheit und Reinheit sollen das Leben beherrschen, und daher soll der Freimaurer und jeder Edelmensch sich hüten, ein Übermensch oder ein Untermensch sein zu wollen, sich jenseits von Gut und Böse zu stellen, das Leben als einen Kampf um das Dasein, um das „Recht des Stärkern“ zu betrachten, sich zum Schaden Anderer ausleben zu wollen. Aber nicht nur passiv, auch aktiv soll er auftreten und kämpfen für alles Gute und gegen alles Böse, wie es ihm sein Gewissen eingibt. Dazu ist ja Anlaß genug vorhanden: Kampf mit aller Entschiedenheit gegen den Krieg, gegen den Zweikampf, gegen das Spiel um Geld, gegen den Alkoholteufel, gegen den Mißbrauch des weiblichen Geschlechts durch Prostitution und Mädchenhandel, gegen den Aberglauben, gegen ungesunde und unreine Vornahme jeder Art, dann gegen Unreinlichkeit als Quelle vieler Krankheiten, gegen unziemliches Verhalten mancher Kreise, gegen Mißbräuche in allen Verhältnissen. Solches und viel anderes, was uns zu weit führen würde, zu tun und zu lassen soll das Sinnbild des Spiegels lehren, der nicht nur ein Widerschein des ihn Betrachtenden, sondern ein solcher des ganzen Lebens und Treibens in der Welt sein soll, in dem sich alles spiegelt, was der Besserung bedarf und was der humane Mensch tun und lassen soll.
Als drittes Sinnbild im Bunde mit dem flammenden Stern und dem Spiegel im Lichte der Zukunft betrachten wir das der Akazie, des „heiligen Baumes“ der Freimaurerei. Sie stellt nach Schauberg „die ewig sich verjüngende Naturkraft, den nach dem Schlafe oder Tode der Natur stets wiederkehrenden Frühling, das unsterbliche Naturleben und zuletzt die Unsterblichkeit des Menschen dar“. Sie lehrt, wenn wir sie als Vertreterin der Naturkraft auffassen, was übrigens auch von jedem andern schönen Baume gilt, deren manche vielen Völkern heilig waren, den Menschen die Schönheit der Natur schätzen und damit für seine eigene geistige Schönheit besorgt sein. Sie lehrt die Gestirne und damit das unendliche Weltall, die Schönheit der Formen, die die Natur hervorbringt, das Wunderwerk des Menschen und seines Geistes bewundern, und damit auch über die unfaßbare Macht des A. B. d. W. staunend nachdenken. Sie lehrt also auch die Natur genießen, an ihr nicht gleichgültig vorübergehen, sie nicht verachten, vielmehr in den Schönheiten von Wald und Feld, von Blumen und Früchten, von Berg und Tal, von Seen und Meer schwelgen, und sie, wenn es die Anlagen gestatten, besingen, zeichnen und malen, jedenfalls aber preisen und dem Schöpfer dafür danken. Sie lehrt, Sonne, Mond und Sterne lieben, sich auch in deren Verdunkelung schicken und auf ihr Wiedererscheinen hoffen. Sie lehrt ferner die wahre Schönheit überall erkennen, edle Menschen nach ihrem Äußeren ergründen und schätzen, aus dem andern Geschlechte die zu finden, die fähig ist, glücklich zu machen und Liebe mit Treue zu vergelten.
Durch alles was sie, richtig verstanden, oder was, wenn man will, irgend ein anderes Naturgebilde lehrt, wird die Erde zum Garten und der Mensch zum fröhlichen Gärtner, der die Seinigen freudig pflegt, für ihr Bestes sorgt und auch anderen Menschen ein treuer Freund wird.
So tragen fl. St., Sp. und Akazie bei richtigem Verständnis zum Glücke der Menschheit und zu einer besseren Zukunft bei.
Sie entsprechen zugleich den 3 freimaurerischen Idealen, der fl. St. der Weisheit, der Sp. der Stärke und die Akazie der Schönheit, sowie den edelsten Tätigkeiten des Menschen, die aus dessen Wesensseiten hervorgehen, die Wissenschaft aus dem Geiste, die Moral aus der Seele, die Kunst aus der Natur.
Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder siehe folgende Seite.
Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder.
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Licht
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geschweifte Klammer nach unten über drei Spalten
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um uns:
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in uns:
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über uns:
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Menschheit.
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Gewissen.
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Gottheit.
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Sinnbild:
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Zirkel
(Menschenliebe) |
Winkelmaß
(Rechttung) |
Hammer (Macht
zum Guten |
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Zeitraum:
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Vergangen-
heit |
Gegenwart
|
Zukunft
|
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|
Mystizismus
(Aberglaube) |
Mystik
(Religion) |
Mysterium
(Humanität) |
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Weisheit
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Sphingen
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Bibel
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Flammender
Stern |
Geist — Wissenschaft.
|
|
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Stärke
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Pyramiden
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Altar
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Spiegel
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Seele — Moral.
|
|
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Schönheit
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Obelisken.
|
Säulen.
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Akazie.
|
Natur — Kunst.
|
|
|
Tempel der Menschheit
|
|||||
|
geschweifte Klammer nach unten über drei Spalten
|
|||||
|
Vorhof
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Innerstes
|
Allerheiligstes
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|
geschweifte Klammer nach links über drei Zeilen
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(Lehrlinge)
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(Gesellen)
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(Meister)
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Erde
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Mond
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Sonne
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(lichtloses,
beleuchtetes Gestirn) |
(beleuchtetes
und leuchtendes Gestirn) |
(Selbst-
leuchtendes Gestirn) |
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[7] Wir verweisen bezüglich des nähern Nachweises auf unser „Buch der Mysterien“, 3. Aufl., Leipzig 1890, S. 10-26.
[8] Über diesen handelt des Verf. Buch „Aus Loge und Welt“. Berlin (Franz Wunder) 1905, S. 66-102.
[9] Angeregt in des Verf. Buch „Kulturgeschichtliche Skizzen“. Berlin 1889. S. 239-260.
[10] Für das Nähere siehe Handb. der Freimaurerei, Art. Salomos Tempel und Schauberg, Symbolik II. S. 125 ff.
[11] Des Sängers Fluch von Uhland.
[12] Nähere Erklärung folgt im 10. Kapitel.