Dritter Abschnitt.
Die Höhen der Symbolik (Weisheit).

9. Die Meister.

Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann,
bei der Verehrung dieser Menge haben!
Goethe, Faust I.

a) Die Meister der Legende.

Der Name „Meister“ (master, maître, maestro) war zu allen Zeiten und bei allen Völkern, seitdem er besteht, ein hoher und geachteter und zierte die größten Gelehrten und Künstler, während das lateinische Wort, aus dem er entstand (magister) eine Bezeichnung für untergeordnete Schullehrer blieb. Doch wurde davon stets auch der bescheidene Handwerksmeister unterschieden. In der Freimaurerei kam er erst nach, doch bald nach der Gründung des Bundes (um 1723-25) in Gebrauch. Doch erhielt er auch hier einen höhern Rang durch die Bezeichnung der Vorsitzenden einzelner Logen (Meister vom Stuhl) und der Großlogen (Großmeister in Annahme des obersten Titels der Ritterorden).

Es ist nicht zu verwundern, daß die freimaurerischen Schriftsteller der ersten Zeit des Bundes, die keine Geschichtforscher waren, einem damals noch seit einigen Jahrhunderten beliebten Gebrauche huldigten, Geschlechtern und Gesellschaften einen Ursprung aus grauer Vorzeit anzudichten. Kaiser und Könige erhielten damals künstliche Stammbäume aus dem trojanischen Kriege und anderswoher, sogar mit Bildnissen von Ahnen, die nie gelebt haben, worin man damals durchaus keine Lüge oder Aufschneiderei, sondern lediglich eine angemessene Huldigung erblickte. Da wollten denn die freimaurerischen Schriftsteller nicht zurückbleiben und ernannten aus eigener Machtvollkommenheit um das Jahr 1730 den vor bald 3 Jahrtausenden gestorbenen König Salomo (s. oben S. 79 ff.) zu ihrem ersten Großmeister. So entstand damals, ähnlich wie ein Vierteljahrtausend vorher in der Schweiz die Tellsage, die maurerische Hiramlegende. Sie knüpfte sich an den Tempelbau Salomos, von dem man nach der Erzählung der Bibel eine übertriebene Vorstellung hatte, während er sich mit neueren Bauten, wie dem Dom von Köln, der Paulskirche in London und gar der Peterskathedrale in Rom bei weitem nicht vergleichen ließ. Die bekannte Prachtliebe Salomos bot dazu willkommene Handhaben. Welche Quellen zur Schöpfung dieser Mythe gedient haben ist unbekannt.

Die Bibel kennt im ersten Buche der Könige zwei Männer Namens Hiram; der eine war König der phönikischen Stadt Tyros (1. Kön. 5, 1 ff.) zur Zeit Davids und Salomos, dem er Holz der Zedern aus dem Libanon zum Baue des Tempels gegen Öl und Weizen überließ, der andere (1. Kön. 7,13 ff.) Sohn eines Tyriers und einer Witwe aus dem Stamme Naphthali, ein Erzarbeiter und als solche Verfertiger der zwei berühmten Säulen (oben S. 81 f.), des großen Wasserbeckens, das bei Luther „gegossenes Meer“ heißt, und anderer eherner Geräte des Tempels. Auf diesen Grundlagen bauten schon die älteren Maurer, vor der Entstehung des Freimaurer-Bundes, ihre Handwerkssagen seit dem 15. Jahrh., indem sie die Namen verwirrten und im 16. Jahrh. glücklich einen gleichnamigen Sohn des Königs Hiram von Tyros herausbrachten, der Oberbaumeister beim Tempelbau gewesen wäre, und nannten ihn Hiram Abif, nach der späteren Bearbeitung der Königsgeschichte, der sog. Chronik, II. Buch, 2. Kap., 11 ff., wo er Huram Abi heißt, Sohn einer Frau aus dem Stamme Dan und außer in Erz, auch in Bearbeitung von Steinen und Holz gewandt ist. Andersons Konstitutionenbuch (1723) legte den Namen fest, und seitdem nannten sich die Freimaurer gern „Söhne der Witwe“. In einem französischen Freimaurer-Werke heißt der Baumeister Adoniram (Adon Hiram) oder Adoram.

Die Legende von Hiram kam 1724 im Meistergrade zur Anwendung, erhielt aber erst 1738, in welchem Jahre dies Anderson erwähnt, durch den Tod Hirams ihren Abschluß. Danach hatte sie nun folgenden Verlauf:

Als oberster Meister des Bundes der Bauleute, nach dem Könige Salomo, erteilte Hiram das geheime Meisterwort nur jenen Gesellen, die sich dieser Ehre würdig erwiesen. Unter den Gesellen befanden sich aber drei, die nach dieser Ehre begierig waren, aber, da sie ihrer nicht teilhaftig wurden, sie sich durch Gewalt zu verschaffen beschlossen. Sie besetzten, als Hiram im Tempel war, die drei Tore im O., S. und W., und einer nach dem andern verlangte von Hiram, als er sich entfernen wollte, das ersehnte Wort. Da dieser sich weigerte, es mitzuteilen, wurde er im O. von dem ersten der Verbrecher mit einem Maßstabe, dann, da er gegen S. floh, vom zweiten mit einem Winkelmaß verwundet und endlich im W. vom dritten mit einem Hammer erschlagen. Die Verbrecher verscharrten den Leichnam heimlich und verbargen sich in einer Felsenhöhle. Der ergrimmte König aber ließ nach ihnen fahnden. Die Späher gelangten endlich an die Höhle, aus der sie Stimmen vernahmen, die klagten, die erste: „o wäre mir der Hals durchschnitten“, die zweite: „o wäre mir das Herz aus der Brust gerissen“, und die dritte: „o wäre mein Leib entzwei gehauen“. Da wurden sie ergriffen, und jedem geschah, wie sein böses Gewissen es gewünscht hatte. Salomo ließ nun auch nach dem Leichnam suchen; endlich entdeckten die Ausgesandten ihn, und von da an wurde das Wort des Entsetzens, das sie beim Anblicke des Opfers seiner Pflichttreue äußerten, an Stelle des seit seinem Tode vergessenen zum neuen Meisterworte angenommen. Auf das Grab Hirams aber und auf das eines verdienstvollen Meisters wird (in einigen Lehrarten) der heilige Baum, die Akazie gepflanzt. (s. oben S. 87 f.).

Welche Rolle diese Sage im III. Grade spielt, wissen die Meister. Sie ist aber je nach System und Ritual verschieden und dürfte noch mehr vereinfacht werden, als sie dies in unserer Loge bereits ist.

Wenn auch der spät vorkommende Name Adoniram unleugbar eine Verbindung des Namens Hiram mit dem hebräischen Adonai (der Herr) oder dem phönikischen Halbgotte (Sonnenheros) Adonis ist, so kann daraus doch nicht eine Ableitung der noch nicht 200 Jahre alten Sage vom Tode Hirams aus der antiken Mythe gefolgert werden, die den Sonnengott auf verschiedene Weise, wie er es ja scheinbar tut, untergehen und wieder auferstehen läßt, wie es Schauberg am Schlusse seines Werkes mit erstaunlicher, aber zu weit hergeholter Gelehrsamkeit tat. Die Hiramsage ist einfach eine in die Vergangenheit zurück versetzte Erklärung des Meisterwortes und der Erkennungszeichen aller 3 Grade und zugleich eine Feier der Pflichttreue und eine Äußerung des Abscheues und der Empörung gegen Verräterei und Untreue. Allerdings wünscht der Freimaurer-Bund selbst dem Verräter keine barbarischen Strafen, sondern überläßt ihn seinem Gewissen.

b) Die Meister der Wirklichkeit.

In den Fragestücken 19 bis 21 des Lehrlings-Katechismus wird gesagt, die 3 „kleinen Lichter“ der Freimaurerei seien die 3 Kerzen im Umrisse des länglichen Vierecks im O., W. und S. Sie stellen die Sonne, den Mond und den Meister vom Stuhl vor, und zwar deshalb, weil die Sonne den Tag, der Mond die Nacht und der M. v. St. die Loge regiere. Der altenglische Kat. fügt bei: „oder sollte es tun,“ und gibt damit dem M. v. St. eine Lehre, seine Pflicht zu erfüllen. Im System der Gr. L. L. von Deutschland (in Berlin) wird neben das Regieren noch das „Erleuchten“ gesetzt. Hier haben wir also zwei gegensätzliche Auffassungen, dort ein Mißtrauen in den M. v. St., hier dessen Überhebung, als erleuchte er allein die Loge „durch seinen weisen Rat“. Diese widersprechenden Äußerungen zeigen nach unserer Ansicht, wie ungeschickt die Zusammenstellung zweier Gestirne und eines Menschen ist; so „sinnig“ man sie auf den ersten Blick auch finden mag. Sonne und Mond sind Weltkörper, die so sind, wie sie ihrer Natur nach sein müssen, sie sind den Menschen der Erde gegenüber unabänderlich und könnten eine Änderung nur durch die Allmacht erleiden. Während sie sich sonach aller Kritik entziehen, ist der M. v. St., den ja die Loge wählt, von vornherein der Kritik unterworfen, tritt sein Amt an und wieder ab, während die Gestirne das ihrige in Ewigkeiten fortführen, — Ewigkeiten wenigstens für unsern Verstand. Sonne und Mond sind keine kleinen Lichter, sondern für unsere Erde geradezu die größten mit Sinnen wahrnehmbaren, denen zwar die idealen Lichter überlegen sind, die aber ohne die wahrnehmbaren nicht da wären, weil die Menschheit ohne sie in Dunkel und Kälte versunken wäre und daher auch keine geistigen Lichter erfassen könnte. Seien wir daher aufrichtig, bekennen wir unsere Unvollkommenheit, setzen wir uns nicht großartigen Erscheinungen der Natur gleich und nennen wir Sonne und Mond schlichtweg Gestirne und den M. v. St. schlichtweg einen Menschen. Einen Menschen zumal, dem es nicht allein zusteht, die Loge zu regieren, oder gar zu erleuchten; dazu sind auch die anderen Brr. da, aus denen er hervorging und in deren Mitte er wieder zurückkehrt. Ohnehin passen die sog. 3 kleinen Lichter nicht in die Bildersprache der Freimaurerei. Diese setzt Bilder, wie z. B. Hammer, Winkelmaß und Zirkel, an die Stelle von Ideen; Sonne und Mond aber werden nicht als Bilder für Ideen, sondern einfach als leuchtende Gestirne behandelt, ebenso der M. v. St. lediglich als einer unserer Brüder, dem wir ein besonderes Vertrauen entgegenbringen.

Demgemäß erscheint es natürlicher, menschlicher und daher auch maurerischer, wenn der M. v. St. sein Vorbild nicht in Sonne und Mond, sondern in großen Männern erblickt, die für ihre Zeit ebenfalls Meister, wenn auch nicht vom Stuhl, doch vom Segen der Menschheit begleitete waren. Als Nacheiferer solcher großen Menschen und Meister ihrer Zeit hat der M. v. St. wahrhaftig einen höheren Beruf als wenn er sich mit Sonne und Mond zusammenstellen läßt.

Führen wir einige dieser Lichter der Menschheit als Beispiele an.

Der große chinesische Philosoph Kongfutse (genannt Confucius) 551-476 vor Chr., schon in seiner Jugend ein Wunder von Weisheit, zeichnete sich auch durch seine Bescheidenheit aus. Nachdem er den 50 Jahre älteren Weisen Laotse, der in seiner Einsamkeit ein Genügen fand, kennen gelernt, sagte er zu seinen Schülern. „Gedanken so hoch wie der Vogel in der Luft erreicht Laotse gleich dem Pfeile, solche so schnell wie der Hirsch holt er ein gleich dem Jagdhunde, solche so tief wie der Fisch im Meere bringt er gleich der Angel ans Licht.“ Und doch ist Laotse beinahe vergessen, und Kongfutse ist noch heute der gefeierte Lehrer seines Landes und der geistige Führer aller Gebildeten, und seine Nachkommen genießen besondere Vorrechte. Seine Moral ist im wesentlichen auch die des echten Christentums und die der Freimaurerei.

Der Indier Siddhartha, ein Sohn edelsten Geschlechts (um 560-480 vor Chr.) verließ infolge einer Erleuchtung über die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, nach der Sitte der Weisen seines Volkes (allerdings nicht nach heutigem Geschmacke) die Pracht seines Vaterhauses und lehrte, durch den Beinamen Buddha (der Erwachte) ausgezeichnet, als Bettelmönch zahllose Schüler das Geheimnis von der Entstehung und Überwindung des Leidens, neben einer hohen sittlichen Veredlung, und seine Lehre eroberte weitgedehnte Länder Asiens. Obschon sie zeitweise tief entartete und an Boden verlor, ja ihre alte Heimat einbüßte, schwang sie sich in neuester Zeit empor und sucht sogar in Europa und Amerika dem Christentum Wettbewerb zu machen.

Der Athener Sokrates (469-399 vor Chr.) verachtete allen Reichtum und alle Ehrenstellen, um als wandernder Lehrer das Volk und die Jugend über die Erfordernisse eines menschenwürdigen Lebens aufzuklären und besiegelte sein hohes Streben durch den Gifttod, dem ihn sein von Demagogen verblendetes Volk überlieferte. Durch seinen Schüler, den göttlichen Platon und dessen Schüler, den vielseitigen Aristoteles hat er auf Jahrtausende hinaus veredelnd gewirkt.

Für das heutige Europa und seine Kolonien sind diese Meister, so groß sie für ihre Zeit und ihre Völker waren, in den Schatten gestellt durch einen weit größeren, vor dem wir indessen seinen für unsern Bund eine besondere Bedeutung besitzenden Vorläufer nennen müssen.

Johannes der Täufer, der als Schutzheiliger der Steinmetzen von Südengland, wo die Freimaurerei entstand, unseren Logen ihren Namen gab, verzichtete, obschon von priesterlichem Geschlechte, auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, ähnlich wie Buddha und Sokrates, und lehrte (29-31 uns. Zeitrechn.), arm gekleidet und sich ärmlich nährend, in der Wüste am Jordan, wohin ihm das Volk zuströmte, taufend und auf einen Höheren hinweisend, bis er aus Wahrheitsliebe unter dem Henkerbeile verblutete.

Jener Höhere war Jesus von Nazareth, dessen unerreichte und unerreichbare sittliche Erhabenheit es uns überflüssig erscheinen lassen, diese Idealpersönlichkeit mit weiteren Worten zu besprechen oder sie gar gegen die Ketzer-, Hexen- und Judenmörder zu verteidigen, die das Andenken dieses einzigen Menschen durch ihre angebliche Anhängerschaft schändeten und deren Nachkommen ihn durch erheucheltes Plappern, hohlen Prunk und politische Umtriebe zu ehren sich einbilden.

Was sollen wir noch von weiteren verdienstvollen Männern sagen, die dem M. v. St. und allen Meistern, ja allen Brüdern zum Vorbilde dienen können, von Männern, die ihre Überzeugungstreue mit dem Feuertode besiegelten, den unwürdige und unwissende Anhänger des Urbildes der Milde und Güte über sie verhängten (wie Arnold von Brescia, Hus, Savonarola, Giordano Bruno und andere) oder unter Mühen und Leiden sich der Belehrung des Volkes widmeten (wie Comenius, der Vorläufer unseres Bundes) oder sich in Sturm und Kampf und teilweise Not als geistige Helden bewährten (wie Luther, Zwingli, Kepler, Spinoza, Rousseau) oder an der Spitze von Völkern für Freiheit kämpften (wie Wilhelm von Oranien, Franklin, Washington) oder gar auf dem Throne für Aufklärung und Menschenliebe glühten (wie Friedrich der Große und Josef II., denen wir noch unsere verewigten Brüder, die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. anreihen dürfen), oder in geistiger Arbeit Lehrer der Menschheit wurden (wie Milton, Newton, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die Brüder Humboldt, Helmholtz, Mommsen u. s. w.)? Die Weltgeschichte antwortet hierauf.

Der Meister-Katechismus fragt in Nummer 12: „Wodurch soll sich ein Meister von den Gesellen und Lehrlingen unterscheiden?“ und antwortet: „Durch die genaueste Erfüllung seiner Pflichten, wodurch er nicht nur die Liebe seiner Brr., sondern auch die Hochachtung der Welt sich erwirbt.“

Die Meister haben in einigen Lehrarten noch besondere Sinnbilder, die auf Sündhaftigkeit in Gefahren und auf Unerschütterlichkeit in der Überzeugung hindeuten, so z. B. ein Schiff ohne Mast und Segel, das sich aber trotzdem aufrecht erhält, einen Schlüssel von Elfenbein, der die Gerechtigkeit bedeuten soll, ein Denkmal, auf dem ein Buch liegt und das eine schwebende Jungfrau mit einem Akazienzweige schmückt, was auf die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge hinweist und durch das das Schicksal bedeutende Buch die Hoffnung auf Unsterblichkeit nährt. Auch die Gesellen und Lehrlinge sind berufen, Meister zu werden und das von diesen Gesagte zur Tat zu gestalten.