11. Die Welträtsel.

Wer darf sagen:
Ich glaub’ an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
und ihre Antwort scheint nur Spott
über den Frager zu sein.
Goethe, Faust I.

a) Der a. B. d. W.

„Weh! Wo ist Gott“ ruft klagend der junge Parsifal (Parzival) in Wolfram von Eschilbachs (Eschenbachs) unsterblicher, christlich frommer Heldendichtung. Ja, wo ist Er? Schnell ist die Antwort bereit: „Überall!“ Ganz richtig! Er ist überall. Aber war er es für die Menschen stets? Die Geschichte der Religion antwortet darauf (natürlich vom subjektiv-menschlichen Standpunkte) mit Nein. Es bedurfte einer langen, an Irrwegen und Straucheln reichen, überreichen Entwicklung des Gottesgedankens, bis der Mensch bei der Allgegenwart Gottes angelangt war.

Den Anfang einer Verehrung von Dingen außer sich machte der noch lallende Mensch mit dem noch heute bei den Naturvölkern nicht ausgestorbenen Fetischdienste (lat. facticius, portug. feitiço, Amulett, Talisman, Zauberding), d. h. der Anbetung eines Geistes wie einem Dinge. Heilige Steine und heilige Bäume, wir wissen nicht, ob zugleich oder nacheinander, waren die ersten Gegenstände dieser ursprünglichen Religion; wir finden ihre Spuren auf der ganzen Erde. Der schwarze Stein der Kaaba in Mekka ist den Mohammedaner noch jetzt heilig. Aus den Baumgeistern wurden bei den Griechen die reizenden Dryaden (Waldnymphen). Von den unbeweglichen Dingen schritt der Mensch zur Verehrung der Tiere. Im alten Ägypten blühte dieser so unwürdig erscheinende Dienst unter den zivilisierten Völkern wohl am längsten; aber schon neben ihm tauchen die sonst menschlich geformten Gottwesen mit Tierköpfen, endlich auch mit voller Menschengestalt auf. Aber auch, wo wir nur menschlich geformte Götter finden, wie bei den Griechen, verrät sich ihre frühere Tiergestalt noch in den Tieren, die ihnen beigesellt werden, so dem Zeus der Adler, der Aphrodite die Taube, dem Apollon der Wolf u. s. w., während untergeordnete mythische Wesen noch aus Tier und Mensch gemischt sind, wie die Kentauren, Harpyien, Nereiden u. s. w.

Daß die verehrten Wesen zur Menschengestalt gelangten, dazu hat wahrscheinlich das Auftreten bedeutender Menschen, „Übermenschen“ beigetragen, die Völkern Gutes taten wie Prometheus, der ihnen das Feuer brachte, oder sie von gefährlichen Tieren, Riesen, Ungeheuern und dergl. befreiten, wie Herakles (Herkules). Diese wurden später zu Heroen, Halbgöttern.

In weiten oder sehr verzweigten Ländern, wie Ägypten, Babylonien, Hellas hatte ursprünglich jeder Stamm, Ort oder Gau seinen eigenen Gott oder Halbgott. Dieser Henotheismus wurde durch Zusammenfassung der Gaue zu Staaten oder Bünden zum Polytheismus; die Götter wurden zur Vielgötterei versammelt.

Bei den Israeliten, die uns hier als Vorläufer des Christentums am meisten interessieren müssen, fällt die Stufe der Vielgötterei weg, weil ihre Stämme schon früh einen gemeinsamen Gott hatten, Jahve, (Jehova). Aber auch dieser Gott trug, wie die neuere Forschung zur Gewißheit erhoben hat, „alle entscheidendsten Merkmale des Heilbringers an sich.“ So nennt Prof. Breysig in Berlin „eine Gestalt der Überlieferung, von der man menschen-, oder teils menschen-, teils tierhaftes Auftreten auf der Erde erzählt, der man schon während ihres irdischen Lebens übermenschliche Kräfte beimißt und die zumeist nach ihrem Entschwinden in die Gestalt eines Geistes von sehr hohen Kräften übergeht.“ — „Die Umschaffung der Erde ist eine der bezeichnendsten Eigenschaften des Heilbringers schon bei den Urvölkern.“ Die wahrscheinlich ältesten Bestandteile der hebräischen Überlieferung von Jahve feiern ihn als den siegreichen Drachentöter (so im zweiten Jesaias, ähnlich im 89. Psalm, sogar in dem später entstandenen Hiob).

Der Drache ist sonst überall die Nacht, die vom Sonnengotte überwunden wird, hier ist er das Urmeer, nach anderer Ansicht ein wirkliches Ungeheuer. Mag es der streng Gläubige nun gern hören oder nicht, — Zeugnisse der Bibel selbst beweisen den Ursprung Jahves aus einer Naturgottheit,[13] in ältester Gestalt eines Sturm- und Windgottes (Jahve = er weht oder er vernichtet). Seine wichtigsten Taten, Schöpfung und Flut, haben ihr Vorbild im heidnischen Babylon und sind nur ethisch und monotheistisch umgearbeitet, wodurch sie eine höhere, edlere Auffassung erhielten. Die Erzählung genau betrachtet, erscheint die Schöpfung der Genesis keineswegs als eine Erschaffung aus Nichts. Beide Formen der Schöpfungssage (Genesis 1,1 ff. u. 2,4 ff.) wissen nichts vom Nichts. Die zweite Form ist ihrer ganzen Fassung nach die ältere, rein menschliche, die erste aber eine jüngere priesterliche Umarbeitung. Beide lassen durchblicken, daß die Erde (die damalige „Welt“) bereits in Gewalt einer trockenen Wüste (nach der älteren), einer Wasserwüste (nach der jüngeren Form) vorhanden war, daß also nur von einer Umformung die Rede sein kann. Ebenso verhält es sich mit dem Himmel, denn wo sonst sollte Jahves, des Ewigen Wohnung gewesen sein? Doch gewiß nicht im Nichts! Ähnlich sind die Schöpfungssagen vieler, selbst amerikanischer Völkerstämme.

Aber noch ein anderer Umstand ist zu beachten, der geeignet ist, die hergebrachte Anschauung stutzig zu machen. In mehreren Stellen des A. T. ist von Göttersöhnen die Rede, die bald mit Jahve den Himmel, (z. B. Psalm 89,6-8 und Hiob 1,6 u. 38,6 f.), bald neben den neugeschaffenen Menschen die Erde bewohnen, die Töchter der Menschen ehelichen und mit ihnen Kinder, die „Helden“, zeugen (Genesis 6,1 ff.). Ja sogar in der jüngeren Schöpfungssage (Gen. 1,26) spricht Gott von sich in der Mehrzahl, und sein Name (Elohim) hat eine Mehrzahlform. Er ist also ursprünglich nicht allein. Doch ist dies nicht eine Vielgötterei im Sinne zusammengebrachter Stammesgötter, sondern eine urzeitliche Vervielfältigung der einheitlichen Gottheit.

Die irdischen „Göttersöhne“ erscheinen völlig menschlich, und so wird auch Jahve, das Haupt der himmlischen Göttersöhne, nach der Schöpfung ganz menschenähnlich, nicht wie ein Gott, sondern wie ein Heilbringer dargestellt, ja noch in dem spät entstandenen Buche Hiob, in dem er wie ein Held und Kämpfer auftritt. Diese Menschlichkeit dauert an; Jahve wandelt im Paradies in der Kühle des Tages, spricht mit Adam, Eva, Kain, Noah, Abraham, Jakob, Moses u. s. w. und verkehrt noch mit König David durch Nathan. Er ist der besondere Gott des Volkes Israel, das ferne davon ist, die Götter anderer Völker nicht für wirklich zu halten, ja sogar sich zeit- und teilweise diesen zuwendet (wie dem Baal und Moloch der Phöniker).

Dies ändert sich aber um das Jahr 760 v. Chr. durch Amos, den ersten der zeitlich bestimmbaren Propheten. Seitdem entwickelt sich Jahve vom Gotte eines Volkes zum Gotte der damaligen Welt, d. h. der Erde, vom Eingotte zum Alleingotte. An die Stelle des Namens Jahve tritt der früher als Mehrzahl, jetzt als Einzahl geltende: Elohim. Es ist jetzt ein Plural der Majestät. Elohim ist zwar immer noch ein Gott seines Volkes, aber der einzige Gott, mit Ausschluß aller übrigen, die nur noch Götzen sind.

Mit dem Christentum änderte sich dieses neuerdings. Der sein Volk bevorzugende Gott wird zu einem Gotte der Menschheit, der keinen Unterschied der Völker mehr kennt. Aber — er ist immer noch ein bloßer Gott der Erde, der nun diese vor allen übrigen Weltkörpern bevorzugt, was darin seinen Gipfelpunkt erreicht, daß er ihr seinen Sohn sendet. Denn es wird bei dieser Anschauung angenommen, daß die Menschen der Erde die einzigen denkenden Wesen im Weltall und die übrigen Weltkörper nur um der Erde zu leuchten da seien. Nach den ungeheuern Fortschritten der Astronomie seit Kopernikus ist diese Auffassung unhaltbar geworden. Es gibt Millionen Sonnen mit wahrscheinlich undenkbar vielen Planeten, auf denen organisches Leben, auch mit Steigerung zum Denken, besteht, bestand oder bestehen wird. Solche der Erde allein zuzuschreiben, ist entweder keck oder kindisch, sonst wäre ja die ganze Sternenwelt nur wesenloser Schein!

Seitdem besteht eine unausfüllbare Kluft zwischen den Kirchen, die immer noch an einem Gott der Erde hängen, wie das Dogma von der Dreifaltigkeit drastisch zeigt, deren zweite Person ja nur der Erde angehört, und der aufgeklärten Menschheit, die nach einem Gotte der Welt (im wahren Sinne, nicht im Verstande von Erde) verlangt. Die Freimaurerei steht auf diesem Standpunkte; denn sie nennt Gott den allmächtigen Baumeister der Welt oder auch: aller Welten. Sie fragt aber keinen Bruder nach seiner persönlichen Vorstellung von Gott, sondern überläßt dies ihm und seinem Gewissen. Sie verlangt daher auch keinen Glauben an einen persönlichen Gott, sondern läßt auch dem Gerechtigkeit widerfahren, der den Begriff „Person“ für viel zu beschränkt und eng begrenzt hält, um ihn dem unfaßbaren Geiste beizulegen, der das unendliche Weltall in seiner wunderbaren Ordnung erhält und unzweifelhaft über jeder Vorstellung hoch erhaben ist, die sich die kindlichen Menschen der Erde von ihm zu bilden vermögen! —

Es ist ja gar nicht anders möglich! Diejenigen Weltkörper, welche denkende, d. h. menschenartige Wesen hervorzubringen vermögen, tun dies ihrer Natur gemäß, und diese ist notwendig verschiedenartig. Solche menschenartige Wesen sind daher auf den verschiedenen Weltkörpern untereinander eher unähnlich als ähnlich. Gott anthropomorphisch, d. h. mit Eigenschaften, wie sie die Menschen der Erde besitzen, sich vorzustellen, ist gewiß ein Recht frommer, aber dem Weltenbau fremder Seelen; wissenschaftlich ist es nicht. Gott ist ein Geist; eine Gestalt und solche Eigenschaften wie die Menschen kann er nicht haben, weil er keinen Körper hat, wenn nicht das Weltall selbst diesen bildet. Dann ist er aber eben für Menschenverstand unfaßbar, und wir müssen uns bescheiden zu sagen: Er ist der Geist der Welt; mehr können wir nicht, wenn wir uns nicht in bodenlose Phantasien verirren wollen!

b) Der ewige Osten.

Von Osten kommt das Licht, von Osten erhebt sich die Sonne, uns zu erleuchten und zu wärmen, von Osten kam die Leuchte der Kultur zu uns, von Osten wird die Loge erleuchtet und geleitet. Von Osten kommt Ostern, und zu Ostern erwacht die Natur zu neuem Leben und berichtet uns die ehrwürdige Überlieferung die Auferstehung eines der größten Geister, für die Meisten unter uns des größten unter allen, weil des reichsten an Liebe. Weil also von Osten das Licht, das Leben und die Liebe kommen, nennen die Freimaurer auch den unbekannten, rätsel- und geheimnisvollen Ort, wohin die gehen, für die auf der Erde Licht, Leben und Liebe aufgehört haben zu leuchten und zu blühen, — den ewigen Osten. Denn weil alles Leben von ihm kommt und wieder zu ihm zurückkehrt, ist er ewig wie der keinen Anfang und kein Ende kennende Kreis der Ewigkeit, der ewige Kreislauf des Lebens der Welt und des Wirkens Gottes.

Der ewige Kreislauf alles Lebens, der sich offenbart in der ewigen Wiederkehr der Sonne am Morgen und der des Mondes und der Sterne am Abend, des Aufkeimens der Pflanzenwelt im Frühling, der Verwandlung der Insekten aus mühsam kriechenden in lustig fliegende Wesen hat seit den ältesten Zeiten und bei fast allen Völkern die Menschen dahin geleitet, wie für die gesamte Natur, so auch für das Leben jedes Einzelnen eine Auferstehung nach dem Tode zu erwarten. Nicht zu leugnen ist, daß neben diesen Beobachtungen zuerst auch die Selbstliebe des Menschen, später die große, gar zu oft übertriebene Ansicht von der Wichtigkeit seines Ich bestimmend auf sein Verlangen, nach dem Tode fortzuleben, eingewirkt hat, während in edler entwickelten Naturen an die Stelle dieser Stimmungen eine uneigennützige Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den vorangegangenen Lieben und ein besseres Dasein der Geister überhaupt nach dem Willen Gottes trat. Träume im Schlafe vom Wiedersehen mit Verstorbenen trugen ebenfalls das ihrige dazu bei. Alle diese Umstände zusammen genommen erklären es, warum sämtliche Religionen ihren Vorstellungen vom Fortleben nach dem Tode, oder, wie es kurz ausgedrückt wird, ihrem Jenseits ein durchaus sinnliches Gepräge geben, als ob es sich von selbst verstände, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper einen neuen, wenn auch leichtern und zartern Leib erhielte, wodurch? wird niemals erklärt werden, weil es nicht erklärt werden kann.

Der Begriff des „Wiedersehens“ schließt offenbar ein Sehen und das Sehen Augen in sich. Mit einem bloß geistigen Sehen würde sich schwerlich ein Jenseitsgläubiger befriedigt fühlen, abgesehen von der Unklarheit dieses Begriffes. Damit ist auch die Religion nicht zufrieden, indem sie sogar eine „Auferstehung des Fleisches“ lehrt. Wo die Seele zwischen dem Tode und dieser Auferstehung weile, ist ein — Geheimnis. Es ist auch unklar, von wem bis dahin die Orte des Jenseits bevölkert würden. Die römische Kirche füllt diese Lücke mit dem Fegfeuer aus, ohne zu erklären, wie körperlose Seelen von einem Feuer gebrannt werden können. Diese Bedenken hielten aber den großen, mit riesenhafter Phantasie begabten Dante und andere Jenseitsschilderer nicht ab, schon zu ihren Lebzeiten Hölle, Reinigungsort und Himmel (Paradies) bereits ziemlich angefüllt darzustellen. Manche Völker suchten sich den Zwiespalt zwischen der Trennung von Seele und Körper und sinnlichem Jenseits dadurch zu erklären, daß sie als das Fortlebende den Atem oder Schatten des Menschen betrachteten; manche auch ließen Pflanzen und Tiere nach ihrem Absterben im Jenseits fortleben, andere wieder nahmen im Menschen 2, 3, 4 Seelen an, deren jede eine besondere Bestimmung habe. Nicht selten ist der Glaube an eine zeitweilige Abwesenheit der Seele vom Leibe, eine öfter wiederholte Trennung beider. Dieser Glaube hat als Aberglaube die bizarrsten Auswüchse krankhafter Phantastik erzeugt, wie die Sagen von Doppelgängern, vom „zweiten Gesicht“, Fernwirkungen, Todesverkündigungen, Ekstasen, Verzückungen und anderes. Der Widerspruch, daß ein Leben zwar einen Anfang, aber kein Ende haben, also zugleich endlich und unendlich sein soll, sucht die in Indien besonders lebhaft ausgeschmückte Lehre von der Seelenwanderung zu lösen, nach der die Seele nach dem Tode unbekannt wo weilen und nach geraumer Zeit in einem neuen je nach ihrem Verdiente tierischen oder menschlichen Körper wieder geboren werde und so ohne Anfang und Ende. Nur das seligen Geistern vorbehaltene Nirvana (wörtlich: Auslöschen) befreit davon.

Der Aberglaube an Geistererscheinungen fußt natürlich auf dem Glauben, daß der Abgeschiedene seine Gestalt behalte, der an Spuk darauf, daß ihm auch seine physischen Kräfte gewahrt bleiben, beide darauf, daß die Seele an oder nahe bei ihrem Aufenthalte im Leben verweilen müsse, bis sie erlöst würde.

Der Ort des Jenseits macht die buntesten Phantasien durch. Man kennt Eingangstore zum Totenreiche, so zum griechischen Tartaros, zum römischen Orkus; im deutschen Volksglauben führen verschiedene Stellen durch Sümpfe, Höhlen u. s. w. dahin. Naturvölker fabeln von Abenteuern, die der Tote auf seiner Reise ins Jenseits zu bestehen habe; er muß steile und schlüpfrige Berge, haarschmale Brücken, Abgründe, reißende Ströme, Meere u. s. w. überwinden. Es wird auch erzählt, daß Seher, Häuptlinge u. dergl. dort gewesen und auf die Erde zurückgekommen seien. Das Jenseits liegt je nach dem Volksglauben in hohlen Bergen, unter der Erde, auf entfernten Inseln, über Meeren, natürlich meist im Westen, weil die Sonne dort untergeht, daher auch eine Unterwelt besonders oft angenommen wird. Unser Zeitgenosse, Prof. Bautz in Münster versichert, die Hölle liege unter der Erdoberfläche und die Vulkane seien ihre Schlote. Weit poetischer verlegen Naturvölker ihr Jenseits auf Sonne, Mond oder Gestirne; Wilmershof (1866) suchte das für die Erdbewohner auf der Venus! Der Himmel ist vielfach bevorzugt, natürlich soweit man an ein Himmelsgewölbe glaubt. Manche Völker sind auch mit den Wolken zufrieden. Fischervölker wünschen ein Land mit viel Wasser, Jägervölker ein solches mit viel Wild, Nomaden eines mit herdenreichen Fluren oder Steppen, also einfach eine Fortsetzung des irdischen Lebens.

Allgemein erwartet man im Jenseits eine Belohnung der guten und eine Bestrafung der bösen Taten. Darüber soll das Weltgericht entscheiden, — eine Übertragung menschlicher Verhältnisse auf das Jenseits; wie aber über diejenigen entschieden werde, die sich nach dem Glauben ihrer Bekannten schon jetzt in Himmel oder Hölle befinden, weiß niemand! Natürlich beruht diese Vorstellung auf der Ansicht, daß die Erde die Welt sei, die Erwartung von Lohn und Strafe aber auf selbstsüchtigen oder mißgünstigen Meinungen, oder etwa auf Gerechtigkeitssinn? Bei wem ist denn etwa dieser unfehlbar?

Im Gegensatze zu diesen mannigfachen Vorstellungen vom Jenseits gab es eines der höher zivilisierten Völker, das keine Fortdauer der Seele nach dem Tode annahm. Es waren dies dieselben Israeliten, bei denen der Glaube an Einen, alleinigen Gott seinen Ursprung hatte. Selbst orthodoxe Theologen geben zu, daß im A. T. bis zur Wegführung der Juden nach Babylon sich keine Lehre über eine Fortdauer nach dem Tode finden lasse. Der Grund davon kann kein anderer sein als der, daß sich zu diesem Glauben kein Bedürfnis zeigte. Das Wort Scheol, worin man eine Art Jenseits, eine Unterwelt suchte, zeigt in allen Zusammenhängen, daß damit das Grab gemeint ist. Nach der Rückkehr aus Babylonien erst, ohne Zweifel durch Einwirkung der persisch-zoroastrischen Lehre, nahmen die Juden eine Vorstellung vom Jenseits und zwar gleich eine recht ausgeschmückte an.

Es läßt sich nachweisen, daß die Lehren vom letzten Gerichte, von der Auferstehung der Leiber, von den Engeln und Teufeln und selbst vom Messias (pers. Sosiosch) von den Persern zu den Juden und von diesen zu den Christen gewandert sind. Seitdem bevölkerten sich der Himmel (Abrahams Schoß genannt) und die Hölle (Gehenna) außer jenen guten und bösen Geistern mit den Seelen der guten und bösen Menschen, welche Vorstellung die Masse des Volkes noch heute beherrscht.[14]

Die Freimaurerei hat sich niemals über Einzelheiten des Unsterblichkeitsglaubens ausgesprochen, sondern die Ansichten über diesen Begriff, der ja an soviel Unklarheit und Widersprüchen leidet, den Brüdern freigegeben. Man kann ebensogut ein wackerer Mensch und treuer Bruder sein, wenn man unter Unsterblichkeit das Andenken bei den lieben Hinterlassenen und den Ruhm bei der Mit- und Nachwelt versteht, wie wenn man an Himmel und Hölle, Engel und Teufel glaubt (doch dürfte der Glaube an die bösen Geister und ihr Reich unter den Brrn. sehr dünn gesät sein, trotz der Freundschaft zu Satan, die uns unsere Feinde lächerlicherweise andichten); denn es bedarf zu dem Verzicht auf ein „ewiges“ Leben einer starken Seele und eines unabhängigen Geistes. Dessenungeachtet ehrt die Freimaurerei den Begriff der Unsterblichkeit hoch und nimmt dies auch von den Brrn. an. Mit der Außenwelt teilt sie daher auch das Sinnbild der Ewigkeit (Gottes und der Welt) in der Gestalt des eine sich in den Schweif beißende Schlange vorstellenden Ringes, ohne es bei besonderem Anlasse anzuwenden. In diesem Sinnbilde liegen zugleich Weisheit, Stärke und Schönheit, nämlich Weisheit im Glauben an die Ewigkeit des Allgemeinen, des Wahren, Stärke in dem an die Ewigkeit des Guten und Schönheit in der Form des Ringes selbst, der schönsten, die es gibt. Das Sinnbild ist in der Tat sehr alt und bei allen höher strebenden und tiefer fühlenden Menschen geehrt. Weil es ohne Anfang und Ende ist, liegt darin alles enthalten, was es Wahres, Gutes und Schönes gibt.

Und so schließen wir mit diesem Ringe der Ewigkeit unsere kurz gefaßten Betrachtungen über die Sinnbilder der Freimaurerei, indem wir hoffen, daß unsere Abweichung von einigen bisher geläufigen, aber nach unserer Überzeugung veralteten Anschauungen, als im Interesse der Freimaurerei selbst vorgebracht, mit brüderlicher Nachsicht beurteilt werden möchte.

Es folgt noch, der Vollständigkeit wegen, ohne einzelne Sinnbilder zu berühren, eine kurze Darstellung der verschiedenen freimaurerischen Systeme oder Lehrarten.

[13] Breysig, Die Entstehung des Gottesgedankens und der Heilbringer. Berlin 1905. Gunkel, Schöpfung und Chaos. Göttingen 1895.

[14] Über diese Gegenstände handelt ausführlicher des Verf. Buch „Das Jenseits“. Leipzig 1881. S. 1 ff. und 80 ff.