3. Das Licht.

Es werde Licht!Genesis.
Mehr Licht!Br. Goethe.

a) Die Vorbereitung des Lichtes.

Das Licht ist die höchste Idee, nicht nur der Freimaurerei, sondern der Welt überhaupt; es ist die höchste Offenbarung des höchsten Wesens und dessen verständlichste Versinnbildlichung, daher auch mit seiner Schöpfung diejenige der Welt nach der Auffassung des hebräischen Altertums und nach der ältesten aller höher gebildeten Völker ihren Anfang nimmt. Und wenn wir uns daher fragen, welches die größten Lichter der Freimaurerei sind, so fühlen wir im Innersten, daß es nicht bloße Sinnbilder sein können, sondern wirkliche Objekte des Glaubens und Wissens, nämlich:

das Licht über uns, die Gottheit,
das Licht in uns, das Gewissen und
das Licht um uns, die Menschheit,

und ihre Bilder, nicht selbst Lichter, zugleich unentbehrliche Hilfsmittel der Baukunst:

das Sinnbild der Macht, der Hammer,
das der inneren Stimme, das Winkelmaß,
das der denkenden Umgebung, der Zirkel.

Unseren germanischen Vorfahren war der Hammer der Begleiter des höchsten Gottes, des Donnerers, Donar oder Thor, der persönlich gedachten Allmacht.

Die Benennung „Lichter“ kann auch weiter gefaßt werden, doch ohne Zwang, wenn es sich um wirkliche Lichter handelt, z. B. die Sonne.

Wie Schauberg richtig sagt, sind die Freimaurer Lichtgläubige und Lichtsuchende; das Logenleben ist ein wahrer Lichtdienst und jede Loge ein Tempel des Lichtes. Das höchste Fest der Loge ist daher die Aufnahme eines Suchenden, deren Hauptteil die Erteilung des Lichtes an ihn bildet. Darum nur ist die Loge dunkel, damit durch das Anzünden der Lichter ihr Charakter als Tempel des Lichtes vollkommen zum Bewußtsein der Brüder gelange. Die Loge gleicht daher der Erde, die in der Nacht dunkel ist und mit dem Aufgange der Sonne erhellt wird, die im Winter düster und kalt ist, um bei dem Anbruche des Frühlings mit Licht und Wärme durchdrungen zu werden. Wäre die ganze Menschheit in gleicher Weise des Lichtes bedürftig, so wäre die Loge überflüssig, und ganze Völkerscharen würden am Morgen früh auf lichten Höhen der Sonne zujubeln und deren, wie ihren Schöpfer preisen und am Ende des Winters mit heiligen Gesängen den Einzug des Frühlings begrüßen.

So weilt denn auch der das Licht Suchende und im Einklang damit „hell leuchtend“ ballotierte Kandidat in der dunklen Kammer, in die ihn sein Pate geführt hat, in diesem Abbild der Loge im kleinen, auch Kammer des Nachdenkens genannt, um mit sich zu Rate zu gehen, warum er das Licht suche und was er im Lichte suche und finden werde. Die dunkle Kammer ist ein Abbild des Mutterschoßes und zugleich des Grabes; feuchte Wände umgeben sie und schließen Abbilder des Todes ein; sie gleicht also auch dem Dunkel, von dem wir vor der Geburt und nach dem Tode umhüllt sind.

Man kann auch der Ansicht sein, daß diese düstere Umgebung nicht zweckmäßig sei und dem Suchenden üble Eindrücke verursache; sie war auch in den ersten Zeiten des Daseins der Freimaurerei nicht gebräuchlich und gehört, soviel Sinn sie auch hat, zu dem Theatralischen, mit dem sich der Bund, nicht zu seinem Vorteile, umgeben hat.

Doch, nach dem vorherrschenden Gebrauche wird das Gleichnis der Geburt zum Lichte fortgesetzt. Der vorbereitende Br. erscheint, spricht dem Suchenden freundlich zu, und erklärt ihm, daß der Lichtsuchende dem neugeborenen Kinde gleich sein müsse, das nackt, arm und (geistig) blind in die Welt trete. Diese Prozedur wurde früher maßlos übertrieben; man begnügte sich zuletzt, den Suchenden das Oberkleid ablegen zu lassen und den einen Fuß in einen niedergetretenen Schuh zu hüllen[3], was aber nicht mehr allgemein üblich ist. Dagegen blieb die Abnahme alles beweglichen Metalles (oder der Wertsachen) und das Anlegen der Augenbinde. Beides ist auch ein schönes Zeichen des Vertrauens in die guten Absichten der Brüderschaft.

Eine der schönsten Stellen in den Reden des Heilandes sagt: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Diese Zuversicht ist wahrlich nicht überall so gerechtfertigt und angebracht wie in der Loge. Diese ist geduldig und nachsichtig, und wenn die in der dunkeln Kammer gegebenen Antworten auf die an den Suchenden gerichteten Fragen nur einigermaßen befriedigend sind, so wird ihm und seinen Führern auf ihr Anklopfen in maurerischer Weise (mit 3 starken Schlägen, welche die 3 obigen Verheißungen bedeuten sollen) die Türe des Tempels aufgetan.

Nachdem der Suchende auf die Frage des M. v. St. erklärt hat, was er in der Loge suche, bemerkt ihm der Vorsitzende: wie der Eintritt in den Tempel den Eintritt in das Leben, so bedeuten die Vorgänge in der Loge das Leben selbst. Das Leben sei eine mannigfach bewegte Reise, auf der man sich oft verirren, aber schließlich doch an das erstrebte Ziel gelangen könne. Wie der Mensch auf der Reise des Lebens in vieler Hinsicht geprüft werde, so müsse auch der Lichtsuchende seine Sündhaftigkeit beweisen. Dies geschieht nun durch die drei Reisen, die in jedem Grade auf verschiedene Weise in einem Umgange um die die Mitte des Saales einnehmenden Lichter unter sicherer Führung vollführt werden. Im ersten Grade sind es die Elemente, die der Suchende zu berühren hat, nämlich das Feuer, das Wasser und die Erde, an deren Stelle in einigen Lehrarten die Luft tritt.

Dies wird folgendermaßen erklärt: Der Aufzunehmende hat das Licht gesucht und ist in verzehrendes Feuer geraten. Oft werden strebende Menschen von dem wilden Feuer der Leidenschaften versengt und gehen darin unter. Aber durch weise Vorsicht ist das Feuer zu bändigen und zum wohltätigen Wärmespender umzuwandeln.

Im Wasser erlischt die zügellose Flamme; aber das Wasser der kühlen Selbstsucht erstickt auch die heilige Glut der Begeisterung für Menschenwohl. Die weise Besonnenheit aber drängt die kalten Wogen der Gleichgültigkeit für das Ideal zurück und gestattet den Fluten nur ihre wohltätige Wirkung zum Besten der Gesundheit und Reinlichkeit auch im Seelenleben.

In den Staub der Erde versinken Reichtum, Pracht und Schönheit; aber der fruchtbringende Schoß der Mutter Erde befördert das Samenkorn, das in sie versenkt wird, zu herrlicher Blüte und wohlschmeckender Frucht.

Die Probe der Luft ist uns nicht bekannt und auch in unseren Hilfsmitteln nicht erwähnt.

Diese Gleichnisse können allerdings noch weiter ausgedehnt werden, was uns aber in nebelhafte Fernen führen und — verführen würde.

Die eigentümliche Art der drei sinnbildlichen, einen rechten Winkel bildenden Schritte, die früher nach vollendeten Reisen zum Oriente hin getan werden mußten (ein Überrest aus den alten Handwerksbräuchen), und mehrere andere antiken Kulten nachgeahmte Proben, die jetzt als verwirrend, beängstigend und ermüdend meist aufgegeben sind, versagen wir uns zu erwähnen.

b) Die Erteilung des Lichtes.

Die Prüfungen sind überstanden; der Suchende wird zum Orient geführt und vor den Altar gestellt. Es wird ihm vom Meister mitgeteilt, daß er nach vollendeter Aufnahme nicht mehr zurücktreten könne. Beharrt er auf seiner Absicht, so wird fortgefahren; in dem gewiß höchst seltenen Falle des Verzichtes aber wird er entlassen, wodurch er aber in einen inneren Konflikt kommen kann, etwas erlebt zu haben, was für ihn keine weitere Bedeutung hat und ihn in der Achtung der Brüder herabsetzt. Im ersteren, wahrscheinlichen Falle hat er zu erklären, daß er das neue Gelübde ablegen wolle. Es hat Fälle gegeben, in denen ein Aufgenommener später sein Gelübde brach und sogar sich einer dem Freimaurer-Bunde feindlichen Richtung anschloß.[4] Dies hat er mit seinem Gewissen abzumachen; für den Bund ist er verdorben und gestorben. —

Es folgt die Ablegung des Gelübdes, das im Bunde der Freimaurerei kein solches der Verzichtleistung auf alle irdischen Güter des Lebens ist wie in den Mönchsorden, sondern ein Gelübde der Tat, der Treue und der Verschwiegenheit, soweit diese notwendig ist, um die Interessen des Bundes zu wahren. Es bezieht sich nicht auf die Geschichte und die Organisation des Bundes, auch nicht auf eigentliche der Welt verborgene Geheimnisse, die es ja gar nicht gibt, sondern nur auf die Erkennungszeichen und auf die dem Br. im Vertrauen gemachten Mitteilungen. Die Gebräuche der Loge sind nur insofern geheim zu halten, als Äußerungen darüber mutwillig und zwecklos oder gar böswillig erscheinen. Zu wissenschaftlichen und sonstigen ernsten Zwecken dürfen und sollen sie besprochen werden; was wie dies zur Kenntnis der menschlichen Kultur gehört, kann und darf kein Geheimnis bleiben. Die Wissenschaft kennt diesen Begriff nicht. Unsere Loge zeigt sogar den Tempel jedem würdigen Besucher des Hauses.

Die Form eines Eides hat das Gelübde nicht mehr überall. Auf einen bestimmten Gegenstand braucht es nicht notwendig abgelegt zu werden; wenn doch, so ist dieser ein Sinnbild der Einordnung in den Kreis der Brüderschaft. Die feierliche Aufnahme schließt diesen Vorgang. Sie geschieht bisweilen durch den Bruderkuß, meist aber durch den Handschlag.

Nun ist es Zeit geworden, dem Suchenden die Binde von den Augen zu nehmen und ihn das Licht der Loge schauen zu lassen.

Zu diesem Zwecke wird der neue Br. in die Bruderkette gestellt, die die Hände sämtlicher anwesenden Brr. vereinigt, wodurch die Zusammengehörigkeit Aller versinnbildlicht wird.

Im rektifiz. schott. System findet eine zweimalige Erteilung des Lichtes statt, erst des schwachen und dann des starken. Bei jenem erhellt nur eine aufflackernde und dann erlöschende, einen magischen Eindruck erweckende Flamme, bei diesem aber das volle Licht für den Aufgenommenen den Bruderkreis und die Loge. Meist wird das letztere allein erteilt, und nun erst sieht der neue Br., wo er ist, sieht sich verbunden mit den übrigen Brrn., deren Gesang mit Musikbegleitung ihn als Br. begrüßt.

Er vernimmt nun die Namen der drei Säulen der Loge: Weisheit, Stärke und Schönheit, ihrer Lichter, der Zieraten und Werkzeuge, die der Freimaurerei Höheres bedeuten und die Pflicht der Wohltätigkeit. Noch ist er aber in der Lage nicht, sie zu üben, und ihn ziert eine schöne Beschämung. Es wird ihm daher das Abgenommene zurückgegeben, und er kann sein erstes Almosen in den „Sack der Witwe“ entrichten, wie die Armenkasse genannt wird.

Den Schluß der Aufnahme bildet die Mitteilung von Zeichen, Wort und Griff des I. Grades, der Art des Anklopfens, die Überreichung der maurerischen Bekleidung und Abzeichen, sowie der Handschuhe, auf welcher Dinge Bedeutung an ihrem Orte zurückzukommen ist.

Nun ist der bisher Außenstehende ein Eingeweihter geworden, — doch noch nicht vollständig. Er ist erst Exoteriker, — das Höhere, Esoteriker, wird er erst nach seiner Erhebung zum Meister. Diese beiden Bezeichnungen führten die „außer- und innerhalb des Vorhangs“, der den Meister verhüllte, stehenden, die neu eingetretenen und die vorgeschritteneren Schüler des Pythagoras und anderer griech. Philosophen, und man gebraucht sie auch von den in die Geheimnisse anderer Lehren mehr oder weniger Eingeweihten. Das Exoterische der Freimaurerei besteht in der äußeren Form; es umfaßt die Gebräuche und Sinnbilder und die sittlichen, auf geistige Erhebung abzielenden Lehren der Loge. Esoterisch dagegen ist der tiefere Sinn, der innere Grund der freimaurerischen Übungen und die genaue Kenntnis der Geschichte ihrer Entwicklung.

Man hat sich gefragt, ob Blinde, weil sie das Licht nicht sehen, und Taubstumme, weil sie die Lehren bei der Aufnahme nicht hören und das Gelübde nicht ablegen können, fähig seien, in den Bund aufgenommen zu werden. Es sind aber wiederholt Unglückliche beider Arten aufgenommen worden; denn es wäre offenbar ungerecht, sie wegen dieses Mangels von einem Ziele, dem sie bewußt zustreben, auszuschließen. Die Wissenschaft ist so weit vorgeschritten, daß es Mittel gibt, nicht nur Blinden und Tauben, sondern sogar solchen, die beides sind, alle Kenntnisse zu erschließen. Ebenso unmaurerisch wäre es, Suchenden, die mit irgend welchen anderweitigen, weniger störenden körperlichen Mängeln behaftet sind, die Pforten der Loge nicht öffnen zu wollen. Ihr Licht ist nicht nur ein sichtbares, ihre Lehren sind nicht nur hörbare; beides ist für den Geist bestimmt, der sich über das rein Leibliche zu erheben versteht.

[3] In vielen Religionen durfte oder darf kein Schuh den heiligen Boden des Tempels betreten.

[4] Beispiel der Earl von Ripon, Großmeister der englischen Großloge, der sein Amt niederlegte und sich dem Papsttum unterwarf.