Zweiter Abschnitt.
Die Bestandteile der Symbolik (Schönheit).

5. Die Zeichen.

Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
die heil’gen Zeichen dir erklärt.
Goethe Faust I.

a) Die Erkennungszeichen.

Zeichen zur Erkennung gewisser Eigenschaften von Orten und Personen, zur Mitteilung von Gedanken und zur Aufbewahrung von Dingen verschiedenster Art hatten die Menschen schon seit grauester Urzeit im Gebrauche. Die Tatuierungen bei Völkern geringer Kultur verkündeten den Stamm und die Taten der Leute, auf deren Haut sie eingeätzt waren. Verschiedenfarbige, in Kerben geknüpfte Schnüre hielten im alten Peru die Erinnerung an Tatsachen wach. Krause, Zeichnungen und Malereien an Felsen findet man in allen Erdteilen. Bilder von Gegenständen oder die solche vorstellen sollten, in Ägypten die Hieroglyphen, in Babylonien die Keilzeichen, in China die sonderbaren Silbenzeichen, waren die ältesten Schriften. Diese vereinfachten sich nach und nach, so daß keine Bilder mehr zu erkennen waren. Solche für den Uneingeweihten rätselhafte Zeichen waren die germanischen Runen und sind noch die heute gebräuchlichen Buchstaben aller Sprachen. Zeichen, die nicht zur Gedankenmitteilung dienen, sind die Hausmarken, die das Eigentum an einer Sache, die Künstlerzeichen, die den Verfertiger eines Werkes anzeigen, wohin auch die Steinmetzzeichen an den Arbeiten der Bauleute gehören, sowie die Fabrikzeichen und anderes. Die Logenzeichen erfüllen denselben Zweck, nur daß die Angehörigen sie bloß in den Versammlungen tragen. Die Freimaurerei verfügt aber auch über Erkennungszeichen, die keine Dauer haben und nur zum augenblicklichen Eindruck auf die Sinne des Gesichts, Gehörs und Gefühls bestimmt sind, wie sie schon bei den alten Steinmetzen gebräuchlich waren. Die einfachen dieser Erkennungsmerkmale sind die mit der Hand gegebenen, das Freimaurerzeichen und der Griff oder Händedruck. Die Hand ist überhaupt derjenige Körperteil, der in der Freimaurerei die meiste Anwendung findet. Sie ist das Organ des Schaffens, Gestaltens, Wirkens und Ordnens. Das maurerische Zeichen für das Gesicht besteht in einer Bewegung der Hand am Körper, das für das Gefühl im herzlichen Drucke zweier rechten Brüderhände. Beides verändert sich in gewissem Maße mit dem Übertritt in die oberen Grade. Der Handschlag besiegelt auch außerhalb des Bundes eine Freundschaft, ein Geschäft, einen Vertrag; unter Brrn. ist er ebenfalls eine Bekräftigung der Zusammengehörigkeit. Ja man spricht figürlich von der Hand Gottes, des Schicksals u. s. w. Man bietet die Hand zur Hilfe, ohne daß dies wörtlich gemeint ist. Die offene Hand bedeutet den Frieden, die als Faust geballte den Kampf. Bei den Römern bedeutete Manus die väterliche Gewalt über die Kinder und die des Gatten über die Frau. Noch eine andere Bestimmung hat in der Freimaurerei die Hand, die des Anklopfens, das wieder je nach dem Zwecke und nach dem Grade verschieden ist und das Nahen brüderlichen Besuchs versinnbildlicht.

Umständlicher sind schon die maurerischen Erkennungszeichen für das Gehör, und zwar gibt es da wieder einfachere und verwickeltere. Das einfachere ist das Wort, das ebenfalls mit dem Grade wechselt und unter Umständen buchstabiert wird, um die Eigenschaft als Freimaurer zu beurkunden.

Diese Worte sind alle dem Hebräischen entnommen und haben eine auf das Maurertum übertragene Bedeutung. Wichtiger ist das Wort, das ein Br. als Beteurung oder Versprechen abgibt; es ist so bindend wie irgend eines, das von einem Ehrenmanne gegeben wird, ja noch bindender, weil es unter Brüdern lebt. Ausführlicher sind die als Mittel der Erkennung von Brrn. durch Fragen und Antworten gegebenen Sätze, die den Inhalt der Katechismen aller Grade ausmachen und eine Zusammenfassung aller in diesen erteilten Lehren enthalten. Jedenfalls aber steht über dem Wortlaute der Geist, der durch selbes zum Ausdrucke kommt.

 
Übersicht:
 
Leitende
Idee
:
der Erkennungs- 
zeichen
:
Soziale
Bedeutung
:
Weisheit.
Wort.
Freiheit.
Schönheit.
Handzeichen.
Gleichheit.
Stärke.
Händedruck.
Brüderlichkeit.

b) Das Not- und Hilfszeichen.

Einzig und allein den Meistern wird ein gewisses Zeichen mitgeteilt, durch das sie in Notfällen von solchen, die es verstehen, Hilfe verlangen können.

Rührende Geschichten werden von Zeit zu Zeit in maurerischen Zeitschriften erzählt, wie dieses Zeichen gewirkt habe und wie schön es sei, so einem Br. helfen zu können! Es liegt dieser Auffassung aber ein Irrtum zu Grunde, der tiefer sitzt als nur im Not- und Hilfszeichen, ein Irrtum, der leider in vielen, wo nicht in den meisten Logen großgezogen wird. Dieser Irrtum besteht darin, daß Freimaurerei und Humanität miteinander verwechselt werden, also Form und Inhalt, gerade wie bei den kirchlich Gläubigen, welche ebenfalls Kirche und Religion verwechseln. Dies bringt die Letzteren dahin, außerhalb ihrer Kirche keine Religion anzuerkennen, so daß sie die Menschen, die nicht ihres Glaubens sind, verachten und sie von Glück und Seligkeit, ja von allen Menschenrechten ausschließen. Gerade so denken und handeln traurigerweise auch die meisten Freimaurer. Alles was die Füße nicht in den r. W. stellt, ist ihnen „profan“. Dieses häßliche und abscheuliche Wort, welches die aufgeblasenste Selbstvergötterung und die empörendste Menschenverachtung bei denen kundgibt, welche die Priester und Apostel der Humanität sein sollen, ist aus unseren Schriften längst verbannt. Wir haben auch dahin zu wirken versucht, daß die deutschen Maurer es überhaupt aufgeben, aber umsonst. Sogar die freisinnigsten Maurerzeitschriften, welche jeden Zopf in der Maurerei unbarmherzig bekämpfen, hängen fortwährend an der Bezeichnung „profan“ für die untergeordnete Menschenklasse, welche die Logen nicht besucht, — mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre. Man sieht daraus, daß diese Maurer die Nichtmaurer gründlich verachten und auf sie mit demselben mitleidigen Hochmut herabsehen, wie die Gläubigen irgend einer Religion auf die Ungläubigen, Ketzer und Schismatiker. Und dies ist wahrlich kein Wunder. Der in den Logen gewöhnlich herrschende Ton erzieht die Brr. förmlich dazu, in den „Aufgenommenen“ eine Art höherer Menschheit anzustaunen. In den meisten freimaurerischen Reden und Vorträgen, die man liest und hört, ist nur von den Pflichten der Brr. gegen Brr. und selten oder nie von denjenigen gegen alle Menschen die Rede. Man hört nur von der Erziehung der Brr. zur Selbsterkenntnis und Selbstveredlung, niemals von derjenigen anderer Menschen. Und so kommt es denn auch, daß in freimaurerischen Kreisen meist allgemein geglaubt wird, der Begriff der Humanität bestehe lediglich in demjenigen der Freimaurerei, diese beide seien identisch oder es gebe keine Humanität außerhalb der Freimaurerei, und die nichtmaurerische Menschheit wisse daher nichts von Humanität. Denn letztere ist eben den hier gemeinten Brrn. nur unter dem Namen der Freimaurerei bekannt und diese haben keine Ahnung, daß sie schon Jahrtausende vor der Existenz des Bundes gelehrt wurde und heutzutage außerhalb desselben viel ausgebildeter ist, viel folgerichtiger und allseitiger geübt wird als innerhalb der Logen. Denn in welcher andern Gesellschaft der zivilisierten Welt werden noch Nichtchristen oder Farbige oder Uneheliche (wie in England) oder Freidenker von der Aufnahme ausgeschlossen? Ja in dem freigesinnten Teile der nichtmaurerischen Welt ist die Humanität bereits eine so selbstverständliche Sache, daß ihrer kaum gedacht wird. Ja sogar ganz dieselben moralischen Lehren, welche die Maurer in Schule und Kirche, wie in nichtmaurerischen Büchern tausend und abertausendmal gehört und gelesen haben, — ganz dieselben einfach menschlichen Regeln, Gebote und Vorschriften halten sie allen Ernstes in der Rechteck für etwas ganz Neues, dem Freimaurerbunde Eigentümliches! Es wäre wirklich unglaublich, wenn es nicht erwiesenermaßen wahr wäre! Mit heiligem Ernste muß man zu hunderten von Malen wiederholen hören, die Rechteck allein sei der heilige Boden, auf welchem sich Männer aller Religionen, Nationen und Stände treffen; man muß es sogar von solchen begeistert ausrufen hören, welche einzelne dieser Menschenklassen vom Bunde ausschließen, — und die große Menge der Brr. denkt nicht daran, daß dasselbe in nichtmaurerischen Gesellschaften in noch viel weitherzigerm Maße der Fall ist!

Und aus diesem dünkelhaften Wahne stammt denn auch das unglückselige Not- und Hilfszeichen. Dasselbe kann und wird niemals einen andern Sinn haben, als daß man nur Brrn. helfen müsse, anderen Menschen aber nicht. Derjenige, der auf das N. u. H. Z. hin helfend eingreift, würde also in demselben Falle nichts tun, d. h. unter Umständen den Betreffenden ruhig zu Grunde gehen lassen, wenn derselbe kein Maurer wäre! Soll das irgend etwas mit Humanität zu tun haben? Steht da der verächtlich behandelte „Profane“ der ohne Zeichen und Ausweis als Mensch hilft, nicht weit höher? Ein Br., der als Soldat den, der das Zeichen macht, schont, den Andern aber niederhaut, — ein Br., der als Lootse ein Schiff mit der dem Zeichen gleichstehenden maurerischen Notflagge[6] (Z. u. W. auf blauem Grunde) rettet, das eines Nichtmaurers aber untergehen läßt, — handelt er aus irgend welchen menschlichen Regungen, aus humanem Pflichtgefühl, und nicht vielmehr aus ungern und zögernd beobachtetem Logengehorsam?

Wir halten daher das N. u. H. Z. für eine ganz inhumane und daher, weil Humanität der Inhalt der freimaurerischen Form ist, auch unmaurerische Erfindung und befürworten die gänzliche Abschaffung dieser ohnehin veralteten und unpraktischen, vor allem aber die Humanität fälschenden und höhnenden Einrichtung.

Ist ein Br. in äußerer persönlicher Gefahr — — und nur diesen Zweck hat das N. und H. Zeichen — so reicht bei sittlich zuverlässigen Menschen der Hilferuf vollkommen aus.

Wir haben nichts mehr beizufügen, als die Hoffnung, die Brr. möchten immer mehr erkennen, daß sie nicht besser sind als andere Menschen, daß niemand das Recht hat, andere als „profan“ zu verachten und daß wir Freimaurer höhere Pflichten und einen höhern Beruf haben, als längst breitgetretene und überall bekannte moralische Lehren immer noch breiter zu treten und zum Überdruß zu wiederholen und uns selbst zu betören, daß damit etwas Verdienstliches geschehe, ohne daß jedoch darin der mindeste Nutzen für irgend jemanden bewirkt wird!

[6] Diese hat indessen noch mehr Berechtigung, indem sie die Nähe von Brüdern anzeigt.