Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr, es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt abermals nachzulassen.
Jetzt wird uns auch die Ursache der merkwürdigen Tatsache klar, daß unser Bewußtsein, wie wir bereits auf S. 11–14 ausführten, nur sechs gesonderte Taktschläge, aber 40 Töne, in 5 Takten zu 5 Einheiten zusammengefaßt, umspannen kann: Aufmerksamkeit und Bewußtsein sind rhythmisch veranlagt. Das liegt offenbar an unserer gesamten leiblich-geistigen Einrichtung. Da das Herz in bestimmtem Takt klopft, klopft es in den Schlagadern des ganzen Körpers in gleicher Weise. In Fieberzuständen fühlen wir, wie es überall hämmert, in gesundem Zustand allerdings seltener, mitunter aber deutlich vor dem Einschlafen. Aber schon die Atembewegungen wirken merklich auf uns ein. So kommt es, daß wir jede körperliche und geistige Arbeit am besten, erfolgreichsten und liebsten in einem gewisse Takte ausführen.
Die Aufzeichnungen des Ergographen, an dem der menschliche Finger Gewichte über die Ermüdung hinaus fortgesetzt hebt, bis ein weiteres Heben infolge Ausgabe aller Kräfte nicht mehr möglich ist, zeigen ein Gleichmaß von bewundernswerter Stetigkeit. Awramoff[12] ließ Versuchspersonen Hebungen mit dem Finger an diesem Gerät ausführen. Er stellte ihnen die beiden Aufgaben, ohne und mit Takt zu arbeiten. Da mußte er die merkwürdige Erfahrung machen, daß er niemand fand, der nicht nach 2–5 Hebungen ganz von selbst zu einem bestimmten Rhythmus überging. Ebbinghaus zweifelte überhaupt daran, daß es ihm möglich sein würde, seine Silben gänzlich ohne Takt zu lernen. Darum lernte er alles taktmäßig.
Und gar der Takt des Gehens bildet (nach Wundt) „einen deutlich erkennbaren Hintergrund unseres Bewußtseins“.[13] Dieser Grundzug unseres Wesens gilt sogar für die Denkarbeit. Erwähnt sei Goethes Ausspruch: „Die besten Gedanken kommen mir im Gehen.“ Auch der Naturforscher Helmholtz machte ähnliche Erfahrungen. Er erzählt von sich, daß er bei gleichmäßigem, langsamem Bergsteigen leicht und erfolgreich zu denken vermöge. Vergleiche Praktische Gedächtnispflege S. 15. Von Beethoven sagt man, daß er fast alle Tondichtungen im Gehen geschaffen habe.
Die drei empfanden also die gewaltige Macht des Rhythmus. Sie sind unverdächtige Zeugen; denn sie hatten damals sicher noch keine Ahnung von den tieferen Gesetzmäßigkeiten des Bewußtseins, die uns erst die Versuchsforschung enthüllte.
Tatsächlich hat der Rhythmus zu allen Zeiten und bei allen Völkern eine Rolle gespielt, bei den Tänzen und Liedern sowohl, als auch beim Arbeiten (s. Abb. 14, S. 39). Heute noch beobachten wir die vereinigende und belebende Kraft des Taktes beim Getreidedreschen, beim Straßenpflastern, beim Rudern usw.
Er schafft einen gewissen Anreiz zur Arbeit, so daß der Zuhörer gar nicht untätig bleiben kann. Lebhafte und abwechslungsreiche Takte können erregen, sogar aufregen.
Beim Lernen ist der Takt darum schon seit den ältesten Zeiten eingeführt. Die Griechen bevorzugten stark diese Form für Lebensregeln und Gesetze. Ich persönlich habe noch keine Sprachlehre der alten Sprachen gesehen, die nicht eine Fülle von Regeln in Rhythmus und Reim enthielte. Ja, der Takt ist sogar ein Kennzeichen der Dichtung geworden. Aus welchen Ursachen er es wurde und seine seelischen Wirkungen, habe ich ausführlich dargestellt in „Deine gestaltende Seele und Dein Stil“.
Ebert und Meumann haben denn auch zahlenmäßig die Vorteile festzustellen versucht. Bei einer Versuchsperson waren für 10 Silben, unrhythmisch gelernt, 23 Wiederholungen; für 12 Silben, rhythmisch gelernt, 14 Wiederholungen; bei einer anderen Versuchsperson für 12 Silben, unrhythmisch gelernt, 49 Wiederholungen; für 16 Silben, rhythmisch gelernt, 31 Wiederholungen nötig.
Die Erklärung dieser auffallenden Ergebnisse dürfte darin zu suchen sein, daß sich der Rhythmus unserer Aufmerksamkeit selbsttätig, d. h. unwillkürlich, regelt, so daß die Anspannungen mit den betonten Silben, das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit den unbetonten zusammenfällt, die schwach und kurz betonten Eindrücke sich an die kräftiger betonten anschließen und so zusammen eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Tonstärke werden eng zusammenhaltende Gruppen gebildet. Die Aufmerksamkeit selbst wird beherrscht und ihre Verteilung geregelt; denn nicht allein die Aufmerksamkeitskraft, sondern auch ihre sparsame und zweckmäßige Verwendung ist bedeutungsvoll.
In welchem Takte zu lernen ist? Je nach den Verhältnissen! Schnelles rhythmisches Lernen gliedert günstiger als langsames Lernen. Bei sinnarmen Stoffen oder Tätigkeiten (Berufstätigkeiten) wird man also ein schnelles Zeitmaß wählen, da durch schnelles Lesen und Arbeiten die Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt wird. Dann aber vermindert sich die Aufmerksamkeit, und schließlich wird die Arbeit von selbst abschnurrend. Aber gerade das selbstwirksame Arbeiten ist ja vielfach das Ziel der Übung, besonders im Berufe, weil durch Selbstbetrieb die meiste geistige Kraft erspart wird.
Allein es ist wohl zu beachten, daß dieses maschinenmäßige Verfahren sich nur für Sinnloses eignet. Für Stoffe, die der Verstand erarbeitet und wo jedes einzelne Glied aufgefaßt werden soll, sollte langsam und mit Verstand gelernt werden. Es ist also die Unterscheidung, ob sinnlos oder sinnvoll, wichtig für den einzuschlagenden Weg zur Einprägung.
Mehr darüber in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 23–29.