Kunst und Handwerk im Leben der Tiere

Die Urahnen des Menschengeschlechts wohnten nach Art wilder Tiere in natürlichen Felshöhlen. Erst die fortschreitende Entwicklung des menschlichen Geistes weckte im Menschen den Gedanken, sich eigene Wohnstätten zu erbauen und sich in bestimmten Gegenden, die günstige Lebensbedingungen gewährten, anzusiedeln. So bildeten sich die ersten menschlichen Niederlassungen. Die allmählich erwachende Kultur, die eine Folge des Ackerbaues und der Ansiedlung der Menschen war, verwandelte die ersten, primitiven Laubhütten in feste Gebäude, die einen hinreichenden und dauernden Schutz gewähren sollten gegen die Unbilden der Witterung, die Gefahr durch wilde Tiere und nicht zum mindesten gegen die Angriffe, die die Menschen selbst gegeneinander führten. Es entstanden Steinbauten, massive Wohnhäuser, Burgen und Festungen.

Diese Errungenschaften der Kultur sind jedoch nicht das alleinige Vorrecht des Menschen geblieben. Wir finden sie, wenn auch nicht in gleicher Vollendung, so doch in ähnlicher Weise sogar in der Tierwelt. Obwohl Kultur, Kunst und Wissenschaft der Tierseele fremd sind, so wissen die Tiere dennoch, kunstvolle Bauten für ihre Unterkunft und ihr Heim herzustellen, deren Ausführung unsere Bewunderung erregen muß.

Kunstbauten des Bibers

Ein vollendeter Baukünstler unter den Säugetieren ist der Biber. Er errichtet sich feste Burgen und baut sogar Staudämme im Wasser nach allen Regeln der Wasserbautechnik.

Die Behausungen der Biber liegen teils im Wasser, teils werden sie am Ufer auf dem Lande oberirdisch oder unterirdisch angelegt. Die unterirdischen Uferbauten bestehen in einem größeren Kessel, der höher als der Wasserspiegel liegt. Von ihm führen mehrere Gänge zum Wasser, die unter dem Wasserspiegel münden, so daß der Biber seine Wohnung ungesehen, unter Wasser schwimmend, erreichen und verlassen kann. Der Wohnraum ist mit Holzspänen ausgelegt. Häufig besteht die ganze Anlage nicht aus einem, sondern aus mehreren Kesseln, die durch Röhren miteinander verbunden sind.

Steigt bei anhaltendem Regen das Wasser sehr hoch, so daß der Uferbau überschwemmt wird und die Wohnräume unter Wasser stehen, dann legen die Biber weiter entfernte Notbaue an. Sie errichten auf dem Lande Hütten aus Reisern und trockenem Laub, die sie so lange beziehen, bis der Wasserstand gefallen ist und die Uferbaue wieder bewohnbar werden. Die verlassenen Hütten liegen dann ziemlich weit vom Wasser entfernt und ihre Zugangsröhren münden auf dem Lande.

Wenn dagegen umgekehrt in trockenen Jahren der Wasserstand so weit fällt, daß die unter Wasser mündenden Zugangsröhren der Uferbauten trocken gelegt werden, dann verkleiden die Biber die Öffnungen der Röhren durch Vorbauten aus Reisig, die laubenartig zum Wasser führen, so daß sie wieder, ohne ans Land steigen zu müssen, ihre Wohnungen erreichen können.

Außer den Uferbauten und den Hütten errichten die Biber noch eine dritte Art von Bauten, die sogenannten Burgen. Sie bestehen aus Knüppeln, zernagten Baumstämmen und Ästen, die mit Erde, Schlamm, Lehm und Sand verschmiert und verkleidet werden. Die Burgen haben die Form einer Kuppel. Sie stehen entweder auf dem Lande in der Nähe des Ufers oder mitten im Wasser. Die Zugänge führen stets unterhalb des Wasserspiegels ins Wasser. Im Innern der Burg befindet sich ein Kessel als Wohnraum und meist noch einige Vorratskammern. Die Luftzufuhr nach dem Kessel erfolgt von oben her durch die dünne Decke. Bisweilen ist auch ein Luftschlot vorhanden. Ob dieser Luftschacht absichtlich vom Biber angelegt wird, oder ob er von selbst durch eine Senkung der dünnen Oberlage entsteht, ist noch nicht aufgeklärt. Wird die Öffnung zu groß, dann wird sie durch übergelegte Reiser verschlossen.

Die Wasserburgen sind die ursprünglichen Bauten des Bibers, die er jedoch heute nur noch dort anlegt, wo er völlig ungestört lebt, wie im Urwalde Kanadas, während die Biber an der Elbe und Mulde hauptsächlich in unterirdischen Röhrenbauen wohnen und nebenbei noch Reisighütten und Landburgen errichten. Die norwegischen Biber bauen hauptsächlich Landhütten, in denen sich auch das Fortpflanzungsgeschäft abspielt, und nur junge Tiere graben sich Erdröhren als Schlupfwinkel. In Frankreich dagegen, wo der Biber noch vereinzelt im Rhonedelta vorkommt, legt er sich meist Erdbaue im Steilufer an. Jeder Uferbau enthält zwei Räume, von denen der größere als Vorratskammer dient, der kleinere den Wohnraum und die Wochenstube bildet. Die Baue der Biber sind also je nach der Örtlichkeit verschieden.

Die merkwürdigsten Bauten des Bibers, gegen die die Burgen und Hütten ganz zurücktreten, sind die Dämme, mit denen die Tiere das Wasser anstauen, um zu verhindern, daß der Wasserstand in trockenen Zeiten zu niedrig wird und die Zugänge zu ihren Bauten freigelegt werden. Zu diesem Zweck stecken die Biber starke Ast- und Baumstücke, die etwa 1–2 m lang sind und einen Durchmesser von 10–15 cm haben, senkrecht in den Grund des Flusses. Die dicht nebeneinander stehenden Pfähle werden mit Reisern und Zweigen fest verbunden, und das Ganze wird mit Schilf, Schlamm, Lehm und Erde verdichtet. Die Seite des Dammes, die der Strömung entgegengerichtet ist, bildet eine senkrechte Wand, während die andere Seite eine schräge Böschung darstellt. Hierdurch leistet der Damm dem Wasserdruck den kräftigsten Widerstand. Die stärksten und größten Dämme des amerikanischen Bibers sind 150–200 m lang, 2–3 m hoch, am Grunde bis zu 6 m und oben bis zu 2 m dick. Es sind also ganz gewaltige, leistungsfähige Wasserbauten, die imstande sind, selbst reißende große Ströme in ihrem Lauf aufzuhalten und anzustauen. Die Dämme werden entweder in gerader Linie von Ufer zu Ufer durch das Wasser geführt oder auch stromaufwärts etwas gebogen. Schadhafte Stellen werden sofort sorgfältig ausgebessert. Bei Hochwasser überwachen die Biber die Dämme sehr eifrig und geben darauf acht, daß kein Durchbruch entsteht. Reißt die Flut den Damm ein, so wird der Schaden sogleich wiederhergestellt.

In der amerikanischen Wildnis, wo der Biber noch in großen Kolonien lebt, geben die Dämme der Landschaft mit der Zeit ein ganz anderes Gepräge. Durch die Anstauung des Wassers entstehen Teiche, die allmählich immer größer werden und sich über die angrenzende Landfläche ausbreiten. Mehrere Dämme einer größeren Biberkolonie in einem Flußgebiet verursachen eine Kette von Teichen, die terrassenförmig übereinanderliegen.

Werden solche Stellen später von den Bibern verlassen, so verfallen die Dämme, die Teiche trocknen aus, und es entstehen sumpfige und morastige Flächen, die mit einer üppigen Vegetation bewachsen. Einzelne Dämme in Amerika werden von den Bibern seit Jahrhunderten erhalten, wie man aus den Torfschichten, die den unteren Teil der Dämme überlagern, schließen kann.

Das Material für seine Bauten holt sich der Biber aus dem Walde, wo er sich unablässig damit beschäftigt, Bäume zu fällen. Das Fällen geschieht in der Weise, daß der Biber in sitzender Stellung den Stamm kranzförmig von zwei Seiten, nämlich von oben und von unten benagt. Die Schnittflächen beider Kreise laufen schräg nach dem Innern des Stammes und treffen sich hier. An dieser Stelle wird der Stamm immer dünner, bis er schließlich seinen Halt verliert und umfällt. Da der Biber meist die nach dem Wasser zugewendete Seite des Baumes stärker benagt, so fällt dieser gewöhnlich nach der Wasserseite um, was den Transport des Holzes ins Wasser erleichtert. Der gefällte Baum wird dann von den größeren Ästen befreit und ins Wasser geschleift, indem der Biber das Ende des Stammes mit den Zähnen erfaßt und so den Baum vorwärts zieht, was bei schwerer Last langsam und ruckweise mit großer Anstrengung erfolgt. Im Wasser wird dann die Rinde vom Stamm geschält und das Holz zerkleinert und gebrauchsfähig gemacht. Für die Bauten werden nur Holzstücke verwendet, die der Rinde völlig entkleidet sind. Die zerkleinerten Stämme werden als Pfähle für den Bau der Dämme und Burgen verwendet, die Zweige dagegen zur Verkleidung und Befestigung des Bauwerks. Für seine Arbeiten wählt der Biber am liebsten Weiden, sowie Pappeln, Birken und Eschen, wagt sich aber auch an Eichen und andere Bäume mit hartem Holz heran. Etwa armdicke Stämme, die er in kurzer Frist durchnagt, sind ihm besonders willkommen, er scheut aber auch nicht davor zurück, dicke Bäume von 30, ja 60 oder 70 cm Durchmesser zu fällen. Am Großkühnauer See bei Dessau haben die Biber sogar eine Silberpappel gefällt, deren Umfang fast 2 m betrug. Für diese Riesenarbeit, die öfters unterbrochen, aber immer wieder mit neuem Eifer begonnen wurde, gebrauchten die Tiere fast 3 Jahre.

Da die Nahrung des Bibers in Baumrinde, Zweigen und Blättern besteht, so wird die Arbeit des Holzfällens das ganze Jahr eifrig ausgeübt. Auch wird beständig an den vorhandenen Bauten ausgebessert, und neue Bauten werden angelegt. Es fehlt also niemals an Arbeit, und diese ist auch notwendig, damit die in dauerndem Wachstum begriffenen Nagezähne sich ständig abschleifen.

Das Fällen der Bäume erfolgt nicht immer unmittelbar am Ufer, sondern auch in einiger Entfernung davon. Da die Biber für ihre Arbeiten mit Vorliebe dieselben Stellen aufsuchen, so entstehen mit der Zeit abgeholzte Blößen, die sogenannten „Biberwiesen“, die durch die stehengebliebenen Stümpfe mit den schrägen Schnittflächen sofort als Biberarbeit kenntlich sind.

Die Biber halten auf ihren Wegen zum Arbeitsplatz bestimmte Wechsel inne. Durch die Schwere ihres Körpers, der ein Gewicht bis zu 30 kg erreicht, und durch die Last der ins Wasser geschleiften Baumstämme bilden sich in dem weichen, morastigen Boden Rillen, die sich mit der Zeit immer mehr vertiefen und erweitern. Das Grundwasser sickert durch und füllt die Rillen allmählich an, so daß regelrechte Kanäle entstehen, welche zu dem Platz führen, wo das Holz gefällt wird, und ebenso auch zu den Hütten und Landburgen, wenn sie etwas weiter vom Ufer entfernt liegen. Die Biber haben hierdurch den Vorteil, anstatt des unbequemen Fußmarsches, den sie sehr ungern ausführen, ihre Wege schwimmend zurücklegen zu können. Die gefällten Baumstämme und Äste brauchen nicht mühsam zum Wasser geschleppt zu werden, sondern können auf den Kanälen geflößt werden, was die Arbeit wesentlich erleichtert. Früher glaubte man, daß die Kanäle von den Tieren absichtlich zu diesem Zwecke angelegt werden, dies ist jedoch, wie man neuerdings festgestellt hat, nicht der Fall, sondern sie entstehen auf die obenbeschriebene Art von selbst.

Einen Winterschlaf hält der Biber nicht. Er verbringt aber die kälteste Jahreszeit, solange das Wasser zugefroren ist, in seiner Wasserburg oder in dem Uferbau. Mit Eintritt der Kälte schichtet er große Mengen von Holz und Ästen vor den unter Wasser liegenden Zugangsröhren auf, die ein schwimmendes Floß bilden und ihm im Winter zur Nahrung dienen. Von diesem Vorrat zieht er unter dem Eise den Bedarf an Holz in seine Behausung hinein. Solange die Eisdecke nur schwach ist, durchbricht er sie in der Nähe der Zugangsröhren seines Baues an einigen Stellen, um ins Freie gelangen zu können.

Früher war der Biber über Europa weit verbreitet. In der Mark Brandenburg kam der Biber noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. An der Havel und Nuthe hat er noch in den sechziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts gelebt. Die Kolonie Neu-Babelsberg bei Potsdam führt ihren Namen nach dem Biber, der dort häufig vorkam. Der Name Babelsberg leitet seinen Ursprung von „Biberberg“ her.

Heute lebt der Biber in Europa nur noch an der mittleren Elbe und Mulde in der Umgebung von Magdeburg und Dessau, ferner im Rhonedelta und im südlichen Norwegen. Jedoch ist er nirgends mehr häufig. Im Elbgebiet hat ihn nur der ihm zuteil gewordene gesetzliche Schutz vor dem Untergang bewahrt, und wir dürfen hoffen, daß der Biber als Naturdenkmal uns auch weiter erhalten bleibt. In Rußland und Asien, wo der Biber früher sehr häufig war, scheint er gänzlich ausgerottet zu sein. Zahlreich ist der Biber noch in den Waldungen des nördlichen Amerikas, besonders in Kanada, vertreten. Der amerikanische Biber unterscheidet sich vom europäischen durch ein dunkleres Fell und einen schmäleren Kopf mit stärker gewölbter Stirn. Er ist infolgedessen als besondere Art „Castor canadensis“ von dem europäischen Biber „Castor fiber“ abgetrennt worden.

Im Körperbau des Bibers fällt besonders der breite, flache, abgerundete Schwanz auf, der ein vorzügliches Steuerorgan beim Schwimmen ist und auf dem Lande beim Aufrichten des Körpers auch als Stütze benutzt wird. Die Hinterfüße sind mit Schwimmhäuten versehen, die jedoch den Vorderfüßen fehlen. Diese versteht der Biber sehr geschickt als Hände zu gebrauchen, und sie leisten ihm daher bei seinen Baukünsten vortreffliche Dienste. Die frühere Auffassung, daß der Biber seinen breiten Schwanz als Kelle gebraucht, wenn er die Dämme und Burgen mit Schlamm und Lehm verkittet, ist irrig. Er verrichtet diese Arbeit ausschließlich mit den Vorderfüßen.

In der Bauchhöhle des Bibers liegen zwei eigenartige Drüsen, die in der Öffnung der Geschlechtsteile münden und eine braune, stark riechende Salbe absondern. Diese Drüsen, Geilsäcke genannt, dienen offenbar zur Anlockung der Geschlechter und wohl auch zur gegenseitigen Verständigung. Der Biber entleert den Inhalt der Drüsen mit Vorliebe an seinen Ausstiegen, also an den Stellen, wo er aus dem Wasser ans Land steigt, um hierdurch andere Biber anzulocken, da er als geselliges Tier die Gesellschaft seinesgleichen liebt.

Ebenso wie der Biber gräbt sich auch der Fischotter unterirdische Wohnungen ins Ufer. Die Zugangsröhren münden wie bei den Biberbauten unter dem Wasserspiegel.

Geräumige Erdwohnungen errichten sich ferner Fuchs und Dachs. Zu dem Kessel, der das Lager bildet, führen stets mehrere Röhren, so daß der Fuchs oder Dachs, wenn er von einer Seite bedrängt wird, nach anderen Seiten ungehindert entweichen kann. In ähnlicher Weise sind auch die Erdbaue des Murmeltieres, Hamsters, Ziesels, der Ratten und Mäuse angelegt.

Brunnenbau des Maulwurfs

Auch der Maulwurf baut sich in der Erde regelrechte Burgen, die ihm als Wohnung dienen. Da die Geschlechter für gewöhnlich getrennt leben, so besitzt jeder Maulwurf seine eigene Wohnstätte, in deren Umgebung sein Jagdgebiet liegt, das er täglich mehrmals durchstreift. Die Anlage der Wohnungen ist recht verschieden. Sie liegen meist 30–60 cm unter der Erdoberfläche. Von der eigentlichen Behausung, dem mit Gras und Blättern ausgepolsterten Kessel, führen mehrere horizontale Laufgänge nach verschiedenen Richtungen in das Jagdrevier, sowie Röhren nach oben zur Verbindung mit der Außenwelt. Besondere Luftschachte enthält der Bau nicht, sondern die durch die Ritzen der aufgeworfenen Erdschollen spärlich eindringende Luft gibt dem Maulwurf die notwendige Sauerstoffversorgung. Die Baue der Weibchen sind einfacher und haben weniger Röhren. Überhaupt machen sich in der Anlage der Baue große Verschiedenheiten bemerkbar. Bisweilen liegen die Laufröhren in 2 Stockwerken übereinander.

Der Maulwurf trinkt gern und viel und ist daher sehr darauf bedacht, daß er immer Wasser zur Verfügung hat. Befinden sich Wassertümpel oder Teiche in der Nähe seines Reviers, so verbindet er diese durch unterirdische Laufgänge mit seiner Wohnung, damit er stets schnell seinen Durst löschen kann. Ist dies nicht möglich, dann baut er sich regelrechte Brunnen. Er gräbt Schächte unter der Erde, in denen sich das in die Erde dringende Regenwasser ansammelt. Falls die Trockenheit nicht zu lange anhält, so bleiben die Brunnen stets mit Wasser gefüllt. —

Andere Säugetiere errichten sich Wohnungen über der Erde, die zum Teil an Vogelnester erinnern. Ein ganz reizendes Nest baut die zierliche Zwergmaus, das sie aus zerschlissenen Rohrhalmen und Riedgras herstellt. Das runde Nest ist oben überwölbt und hat einen seitlichen Eingang.

Das Nest hängt entweder nach Art der Webervögelnester frei an einem Zweig oder Halm, so daß es in der Luft hin und her schaukelt, oder es wird in eine von den Mäusen sehr kunstvoll aus Riedgrasblättern hergerichtete Tüte gestellt, welche durch Zusammenflechten einer großen Anzahl von Gräsern angefertigt wird. Das Innere des Nestes, das lediglich als Wochenstube dient, wird mit Pflanzenwolle ausgepolstert (Abbildung 17).

Die Zwergmaus ist, wie ihr Name sagt, die kleinste aller Mäusearten und erreicht nur eine Körperlänge von kaum 6 cm. Sie lebt in Europa von den Mittelmeerländern bis zum hohen Norden und in Sibirien, soweit der Ackerbau reicht, denn Getreide bildet ihre Hauptnahrung. Sie ist oben hellbraunrot und unten weiß gefärbt, klettert sehr gewandt in Halmen und Zweigen umher und schwimmt auch vorzüglich. Ihr Aufenthalt sind die Felder sowie das Röhricht in Brüchen und Sümpfen. Obwohl sie durchaus nicht selten ist, wird sie doch wegen ihrer Kleinheit und ihrer versteckten Lebensweise leicht übersehen.

Von allen Nagetieren ist die Zwergmaus für die Gefangenschaft besonders geeignet. Sie ist sehr sauber, verbreitet nicht den unangenehmen Geruch, der anderen Mäusen anhaftet, und ist sehr lebhaft. Wenn man ihren Käfig mit Halmen und Zweigen ausstattet, so richtet sie sich bald häuslich ein und erfreut ihren Pfleger durch den fleißigen Bau der reizenden Nester. Sie ist ein außerordentlich interessantes Tier, dessen Beobachtung ebenso lehrreich wie anmutig ist. —

Ringelschwanz-Phalanger

Ein sehr hübsches, rundliches, überdachtes Nest, mit seitlichem Eingangsloch, das dem Nest des Zaunkönigs ähnlich ist, baut der zu den Beuteltieren gehörende Ringelschwanz-Phalanger (Pseudochirus peregrinus) aus Australien.

Fallenbau des Eichhorns

Freistehende Nester baut auch das allbekannte Eichhörnchen. Das Nest, in dem das Eichhorn seine Jungen großzieht, wird aus Ästen und Laub hergestellt. Es ist sehr dicht und fest, oben überdacht und besitzt ein halbmondförmiges Schlupfloch. Das Nest steht entweder in einer starken Astgabel, angelehnt an den Hauptstamm des Baumes, oder auch in einer Baumhöhlung. Sehr gern benutzen die Eichhörnchen auch alte Raubvogel- oder Krähenhorste als Unterlage für ihren Nestbau. Außer diesen „Hauptnestern“ baut das Eichhörnchen noch „Notnester“ aus Laub in den Baumkronen, in die es seine Jungen trägt, wenn das Hauptnest gefährdet ist. Außerdem errichtet das Eichhorn in den äußersten Zweigen der Bäume sogenannte „Lustnester“, die weniger fest und liederlicher gebaut sind und anscheinend nur aus Spielerei und zur Befriedigung der Baulust hergestellt werden. Eine vierte Art von Nestern sind die „Fangnester“. Sie haben ein sehr großes Eingangsloch und bestehen im Innern aus zwei durch eine Scheidewand getrennte Räume. In der Scheidewand befindet sich ein Durchschlupf, der durch eine bewegliche Klappe verschlossen ist. Diese Fangnester stellen eine regelrechte Vogelfalle dar. Meisen, Zaunkönige und andere Kleinvögel, die gern Schlupfwinkel aufsuchen, kriechen hinein und werden dann von dem außen auf einem Ast auf der Lauer liegenden Eichhörnchen in dieser Falle gefangen.

Netze der Spinnen

Die Kunst des Fallenstellens wird auch von anderen Tieren geübt. Die Spinnen weben Netze, in denen sie Fliegen und Mücken, die ihre Nahrung bilden, fangen. Die Form dieser Fangnetze ist je nach der Art der Spinne verschieden. Die Kreuzspinne webt ein radförmiges, vertikal stehendes Netz, indem sie zuerst den äußeren Rahmen herstellt, der zwischen zwei übereinander befindlichen Zweigen oder im Winkel eines Gebäudes befestigt wird. Dann zieht sie im Durchmesser des Kreises einen Faden, begibt sich in den Mittelpunkt und zieht von hier aus zahlreiche Strahlen nach der Peripherie, wobei sie stets den zuletzt gesponnenen Faden zur Rückkehr nach dem Zentrum benutzt. Zum Schluß werden die Strahlen durch eine Anzahl parallel laufender Kreise verbunden (Abbildung 18). Der mittlere Raum des Netzes bildet später den Aufenthaltsort der Spinne, wo sie beim Insektenfang auf der Lauer liegt. Er besteht aus trockenen Fäden, während die übrigen Fäden des Netzes zahllose, kleine Knoten enthalten, die einen klebrigen Stoff absondern, der dazu dient, die sich fangenden Insekten festzuleimen und zu verhindern, daß sie sich aus dem Netz befreien. Sobald sich eine Fliege gefangen hat, stürzt sich die Spinne auf ihr Opfer, beißt es tot und verzehrt es, oder spinnt um die Fliege eine feine Hülle von Fäden, um sie als Mundvorrat für spätere Zeit aufzubewahren. Fängt sich eine Wespe oder ein anderes der Spinne nicht zusagendes Insekt, so befreit sie das Tier, indem sie das Spinngewebe in dessen Umgebung zerbeißt. Nicht immer sitzt die Spinne in der Mitte des Netzes, sondern bisweilen, besonders bei ungünstiger Witterung, verkriecht sie sich in einem Schlupfwinkel in der Nähe des Fangnetzes, mit dem sie aber durch den Spinnfaden ihres Leibes verbunden bleibt. Die Erschütterung des Netzes beim Fang einer Beute wird der Spinne durch den Faden fühlbar gemacht, der gewissermaßen als Telegraph wirkt. Die Spinne begibt sich dann zunächst in den Mittelpunkt des Netzes, um von hier aus die Beute zu ergreifen.

Die Baldachinspinne spinnt als Fangnetz eine wagerechte Decke und zieht darüber schräge Fäden nach allen Richtungen. Die Beute fängt sich zunächst in diesen Fäden, gerät dann auf die darunter befindliche Decke, in deren Mitte die Spinne, mit dem Rücken nach unten hängend, lauert.

Echse auf einem Felsen sitzend
James’ Preß Agency, London
Abbildung 22
Riesengürtelschweif
Eine mit Stacheln bewehrte Echse
Echse auf einem Felsen sitzend
James’ Preß Agency, London
Abbildung 23
Krötenechse
Eine mit Dornen bewehrte Echse von krötenartigem Aussehen
Echse auf einem Felsen sitzend
James’ Preß Agency, London
Abbildung 24
Anoli
mit aufgeblasenem Kehlsack in Abwehrstellung

Die Labyrinthspinne stellt ein wagerechtes Fangnetz her, das wie eine Hängematte in niedrigem Buschwerk oder zwischen Kräutern ausgespannt ist. Die eine Seite des Netzes endigt in einer mehrfach gewundenen Röhre, in die oben, zum Schutz gegen Regen und Sonnenstrahlen, ein Blätterdach hineingewebt ist. Diese Röhre bildet die Warte der Spinne, in der sie auf Raub lauert.

Minierspinne

Die in den Mittelmeerländern beheimatete Minierspinne gräbt in die Erde einen etwa ½ m langen Gang und tapeziert dessen Wandung mit Spinngewebe aus, um ihm Halt und Festigkeit zu geben. Die Öffnung der Röhre wird durch eine ebenfalls aus Gewebe hergestellte bewegliche Klappe, die oben in einem Scharnier hängt, verschlossen. Diese Tür fällt durch ihre Schwere von selbst zu, wenn sie geöffnet worden ist. Dies Verließ mit der selbsttätigen Tür dient der Spinne nicht als Fangvorrichtung, sondern lediglich als Schlupfwinkel am Tage, den sie nur in der Nacht verläßt, wenn sie auf Raub ausgeht. Jedem Versuch, die Tür von außen zu öffnen, leistet die Minierspinne nach Kräften Widerstand, indem sie die Klappe von innen mit den Füßen festhält und sich dabei gegen die Wand ihrer Behausung stemmt.

Wasserspinne

Die Wasserspinne errichtet an Wasserpflanzen eine Fangglocke aus Luftblasen, die vermittels eines klebrigen Sekretes ihrer Spinndrüsen aneinander geheftet werden. Der etwa walnußgroße Bau, der mit seinem unten liegenden Eingange einer umgestülpten Glocke ähnlich ist, wird noch durch Spinnfäden verstärkt und gefestigt. Von der Öffnung aus werden einzelne lange Fäden nach allen Richtungen ins Wasser gezogen, die als Fallstricke für die in der Nähe vorüberschwimmenden Wasserinsekten dienen. Die auf diese Weise gefangene Beute wird dann in die Glocke gezogen und verspeist, oder wenn der Hunger gestillt ist, hier mit einem Faden aufgehangen, um für spätere Zeit aufgehoben zu werden.

Der Faden, mit dem die Spinnen ihr Gewebe herstellen, entsteht aus einer zähen Flüssigkeit, die in Drüsen in der Leibeshöhle gebildet wird und aus den siebartig durchlöcherten Spinnwarzen abgesondert wird. An der Luft erhärtet diese Masse zu einem trockenen oder auch klebrigen Faden.

Die Spinne benutzt den Spinnfaden nicht nur zur Herstellung ihres Fangnetzes, sondern auch um schnell und bequem eine Ortsveränderung vorzunehmen. So läßt sie sich an dem wie von einer Spule ablaufenden Faden aus der Höhe zur Erde herabgleiten, ist auch imstande, an dem Faden wieder in die Höhe zu klettern, wobei sich dieser nicht, wie man früher glaubte, wieder in den Leib zurückzieht, sondern um die Füße gewickelt wird. Wenn es gilt, einen weit entfernten Gegenstand zu erreichen, dann schwingt sich die an einem langen Faden hängende Spinne so lange hin und her, bis sie Fuß fassen kann. Der Faden dient also auch als Schwebeseil. Schließlich spielt die Spinnkunst eine große Rolle bei der Fortpflanzung. Die weibliche Spinne baut für die Eier, die sie sorgsam behütet, und die Jungen ein Nest aus Spinnfäden, das sie entweder mit sich herumträgt oder in einem Versteck unterbringt. —

Ameisenlöwe

Eine regelrechte Falle zum Fang von Beute fertigt sich auch der Ameisenlöwe an, ein zu den Netzflüglern gehörendes Insekt. Seine Larve gräbt in den Sand einen Trichter, der 5 cm tief ist und am oberen Rande 7–8 cm weit ist. Dieser Trichter ist eine Fanggrube, auf dessen Grunde der Ameisenlöwe auf Beute lauert, um Ameisen oder andere Insekten, die hineinfallen, mit den zangenförmigen Kiefern zu erfassen und zu verzehren. Zum Bau des Trichters gräbt das Insekt zuerst mit den Füßen eine kreisförmige Rille und schaufelt dann den in der Mitte stehenbleibenden Sandhügel mit seinem breiten, flachen Kopf heraus, wobei durch Drehen des Körpers eine trichterförmige Mulde entsteht. Da sich hauptsächlich Ameisen in der Grube fangen, so führt der kleine geschickte Fallensteller den Namen „Ameisenlöwe“.

Pillendreher

Eine eigenartige Kunst betreiben die in den Mittelmeerländern, besonders in Ägypten heimischen Pillendreher. Sie gehören zur Familie der Mistkäfer und zeichnen sich durch einen großen halbkreisförmigen Kopf aus, dessen vorderer breiter Rand gezackt ist. Die Pillendreher entfalten bei der Fortpflanzung eine höchst sonderbare Kunst. Sie drehen, wie ihr Name sagt, Pillen als Hülle für die Aufbewahrung der Eier. Mit Hilfe des zackigen Kopfschildes wird aus einem Haufen Kuhdünger ein Stück abgesondert und mit den Füßen zusammengeballt. Das Weibchen legt dann ein Ei hinein. Jetzt rollen beide Ehegatten den Dungteil hin und her, indem der eine Käfer mit den Beinen nach vorn zieht, während der andere mit dem Kopf von hinten schiebt. Durch dieses Rollen erhält der Dung allmählich die Gestalt einer Kugel, die bei den größeren Pillendreherarten einen Durchmesser von fast 5 cm hat. Ist die mühevolle Arbeit des Pillendrehens vollendet, dann graben die Käfer eine Röhre in den Erdboden, versenken darin die Dungkugel mit dem Ei und schütten die Öffnung zu. Haben die Käfer eine größere Anzahl Eier auf diese Weise eingebettet, gehen sie an Erschöpfung zugrunde. Wie so viele Insekten, besiegeln auch sie die Liebe mit dem Tode.

Die Dunghülle dient später der ausgeschlüpften Larve zur Nahrung, die sich innerhalb mehrerer Monate zum Käfer entwickelt, der dann das unterirdische Verließ verläßt, um die kurze Zeit seines Daseins mit der mühevollen Arbeit des Pillendrehens zu verbringen, bis auch er wieder der Erschöpfung von all der Arbeit erliegt. Wenn die Käfer ihr oberirdisches Leben beginnen, dann ist von ihren Eltern und Vorfahren niemand mehr am Leben, der sie in der eigenartigen Technik des Pillendrehens unterweisen kann, und doch fertigen sie die Dungkugeln genau nach allen Regeln der Kunst an und versenken sie in die Erde, wie es einst ihre Erzeuger getan haben — ein Beweis, daß diese Verrichtungen mit Intelligenz und Verstand nichts zu tun haben, sondern angeborene Triebhandlungen sind, die reflektorisch zur Geltung kommen.

Die Pillendreher haben noch eine andere Berühmtheit erlangt. Sie spielten in dem Tierkultus der alten Ägypter eine große Rolle. Diese sahen in der eigenartigen Gestalt des Käfers und seinem wundersamen Treiben das Symbol der Erde und Sonne. Das Bildnis des Käfers wurde in gewaltiger Größe in Stein gemeißelt und als Schmuck in den Tempeln und den Gräbern der Pharaonen aufgestellt. Diese „Skarabäen“ geben noch heute beredtes Zeugnis von jenem Volk, das vor Jahrtausenden an den Ufern des heiligen Nil eine so hohe Kultur entwickelt hatte.

Totengräber

Viele Insekten legen ihre Eier an Aas ab, das den später ausschlüpfenden Larven zur Nahrung dient. Ein kleiner schwarzer Käfer mit zwei orangefarbigen Binden auf den Flügeldecken, der Totengräber (Necrophorus vespillo), vergräbt kleine Tierleichen, wie Maulwürfe, Mäuse, Vögel oder Frösche in die Erde. Die Käfer sammeln sich in größerer Anzahl an einer Leiche, kriechen darunter und scharren die Erde fort, so daß der tote Körper allmählich versinkt. Die aufgeworfene Erde fällt wieder über das Grab, und bald ist von dem bestatteten Tier nichts mehr zu sehen. Die Käfer legen dann an der vergrabenen Leiche ihre Eier ab. Die Larven leben von den Verwesungsstoffen und verpuppen sich später in der Erde.

So findet sogar der traurige Beruf des Totengräbers eine Nachahmung in der Tierwelt. —

Bauten der Bienen, Wespen und Ameisen

Bewundernswerte Baukünstler sind die Bienen, Wespen und Hornissen. Die sechseckige Form der Zellen, die die Honigbiene für den Bau ihrer Waben wählt, stellt die bestmögliche Ausnutzung des Raumes dar.

Die Mauerwespe gräbt ein etwa 10 cm tiefes Loch in eine Lehmwand. Der ausgehobene Lehm wird mit Speichel angefeuchtet und erweicht und für den Bau einer Röhre, die sich von der Öffnung der Höhlung aus schräg nach unten neigt, verwandt. Den Innenraum des Nestes füllt die Mauerwespe mit Larven und kleinen Raupen aus, die vorher durch einen Stich betäubt und gelähmt werden und später der Wespenmade zur Nahrung dienen. Dann legt die Wespe ein Ei in den Brutraum und verschließt ihn mit Lehm. In dem Brutraum verbringt die nach wenigen Tagen ausschlüpfende Made ihr Larvenstadium, lebt von dem aufgespeicherten Vorrat, um im nächsten Frühjahr nach vollzogener Metamorphose als Wespe ihre unterirdische Wohnung zu verlassen.

Sehr kunstvolle, papierdünne Nester aus Tonerde, Bast, verfilzten Tierhaaren und anderen Stoffen bauen die Papierwespen. Die Nester haben die Gestalt einer Kugel, Halbkugel, eines Kegels oder Zylinders und hängen an Zweigen oder Blättern.

Sehr geschickte Baumeister sind die Ameisen. Sie errichten ihre Wohnungen in der Erde, in hohlen Baumstümpfen und unter Steinen oder schichten auch aus Reisern, Tannennadeln, Steinchen und Sand einen hohen Haufen zusammen. Das Gebäude besteht aus zahlreichen Gängen und mehreren Stockwerken mit vielen Räumen, die ihre besondere Bestimmung haben. Da gibt es Vorratskammern, Versammlungssäle, Zufluchtsräume für den Aufenthalt bei schlechter Witterung, Bruträume für die Eier und Puppen und Schlafkammern, in denen die kalte Winterzeit verbracht wird. Auch die über der Erde in Form großer Haufen angelegten Behausungen sind stets unterkellert und reichen mitunter bis zu ½ m tief in das Erdreich hinab. Von der Wohnstätte aus werden zahlreiche Straßen angelegt, die in die weitere Umgebung führen, und auf denen die Ameisen das Baumaterial, das für eine beständige Ausbesserung und Erweiterung des Baues notwendig ist, herbeischaffen. Eine ausländische Ameise (Atta fervens) baut von ihrer Behausung aus unterirdische Tunnel von 150 m Länge, an deren Ausgang sich noch eine etwa 50 m lange oberirdische Straße anschließt. Einige amerikanische Ameisenarten überdachen die über der Erde angelegten Wege. Überhaupt finden wir gerade in den Tropen, der eigentlichen Heimat der Ameisen, außerordentlich viel Abwechslung in der Art und Weise der Herstellung ihrer Bauten. Eine südamerikanische Ameise errichtet in den Zweigen der Bäume große Nester, die wie Körbe herunterhängen. Eine australische Ameise legt ihre Ansiedlung in die hohlen Äste und Zweige der Cecropienbäume an.

Gartenbau der Ameisen

Eine Ameise, die im brasilianischen Tropenwald lebt, übt sogar die Gärtnerkunst aus. Sie schichtet im Gipfel der Bäume Erdteilchen auf, die schließlich einen großen Klumpen bilden, der ihre Behausung ist. Auf der Erde wuchert in kurzer Zeit ein üppiger Pflanzen- und Blumenwuchs, und es entsteht in luftiger Höhe ein prächtiger hängender Garten.

Die in den Tropenwaldungen Amerikas lebenden blattschneidenden Ameisen der Gattung Atta legen sich regelrechte Pilzkulturen an. Zu diesem Zweck suchen die Tiere in großen Scharen Bäume und Sträucher auf und schneiden mit ihren scharfen Kiefern kleine Stückchen aus den Blättern heraus. Dann begibt sich die ganze Kolonne im geschlossenen Zuge heimwärts. Jede Ameise trägt ein Blattstückchen, das größer ist als sie selbst und sie wie ein Schirm bedeckt, was einen höchst sonderbaren Eindruck macht. Zu Haus werden die Blätter zerkleinert und in Haufen aufgeschichtet, auf denen dann sehr bald ein Pilz wuchert, der den Ameisen zur Nahrung dient. Die Pilzkulturen werden sorgsam gepflegt, mit dem eigenen Mist gedüngt und von Unkraut und anderen Pilzarten gesäubert. Man kann also bei den Blattschneiderameisen von einer wirklichen Gartenbaukunst sprechen.

Ackerbau der Ameisen

Den Ackerbau betreibt die in Texas heimische Ernteameise (Pogonomyrmex barbatus). Sie bewohnt dürre Gegenden mit nur spärlichem Graswuchs und lebt von dem Samen des sogenannten Ameisengrases (Aristida fortida). Die Tiere sammeln reiche Vorräte von dem Samen ein. Die Körner beginnen zu keimen, und es entsteht auf dem Ameisenhaufen mit der Zeit ein üppiger Graswuchs, dessen Samen den Tieren willkommene Nahrung spendet. Es ist freilich zweifelhaft, ob es sich hier wie bei den Pilzkulturen der Blattschneiderameisen um einen zielbewußten Ackerbau handelt. Das Einsammeln von Grassamen hat anscheinend nur den Zweck, Vorräte für kärgliche Zeiten anzulegen, erfolgt jedoch nicht zur Bebauung des Landes. Der Graswuchs ist vielmehr eine unbeabsichtigte Nebenerscheinung, die freilich den Tieren sehr zustatten kommt. —

Burg der Termiten

Vollendete Baumeister sind die Termiten, die nicht zu den Ameisen gehören, sondern eine besondere Ordnung in der Klasse der Insekten bilden und sich den Schaben anreihen. Sie bewohnen die heißen Länder. Die Termitenhügel bestehen im Innern aus einer aus Holz gefertigten Masse, die äußerlich mit einer Erdkruste umkleidet ist. Die einzelnen Teile des Baues werden mit einem aus dem Vordarm kommenden Sekret aneinandergefügt. Das Sekret erhärtet sehr schnell und wirkt wie Zement, wodurch der ganze Bau eine ungeheure Festigkeit erhält. Er ist so stark, daß er selbst den strömenden Regengüssen der Tropen, Sturm, ja umstürzenden Bäumen Widerstand leistet und sogar mit Hacke und Beil nur schwer zu zertrümmern ist. Bisweilen ist die Widerstandsfähigkeit so groß, daß eine gewaltsame Zerstörung nur mit Anwendung von Sprengstoffen möglich wird.

Die Bauten der afrikanischen Termiten sehen wie große Heuschober aus und erreichen eine Höhe bis zu 3 m. Die australischen Termiten führen schlanke, turmartige Bauten auf, die oben spitz zulaufen, bis 6 m hoch und etwa 1,5 m breit sind.

Bei den Insekten, und besonders bei den Ameisen, Bienen und ihren nächsten Verwandten, ist unter allen Tieren der Sinn für die Baukunst zur höchsten Entwicklung gelangt. Sie errichten für ihr geregeltes Staatenleben wahre Prachtbauten, die stolzen Burgen und trutzigen Festungswerken gleichen, wie sie die Kultur des Menschengeschlechts in aufblühender Kunst und Wissenschaft geschaffen hat.

Vogelnester

Vollendete Meister in der Bautechnik sind auch die Vögel, die durch das eigenartige Federkleid, das in keiner anderen Tiergruppe wiederkehrt, und durch die Umbildung der Kiefer zum Schnabel eine fest in sich abgeschlossene Reihe im Reich der Tiere bilden.

Alle Handwerke, die menschlicher Erfindungsgeist ersann, werden auch von den Vögeln ausgeübt. Die Vögel errichten ihre Bauten lediglich zum Zweck der Fortpflanzung. Das Nest ist der Brutraum für die Eier und die Wiege für die Nachkommenschaft.

Wie überaus mannigfaltig ist die Bauart der Niststätte! Bienenfresser, Eisvogel und Erdschwalbe führen Minierarbeiten aus und graben sich tiefe Erdhöhlen. Die Spechte sind die Zimmerleute im wahren Sinne des Wortes. Sie meißeln mit ihrem harten, scharfkantigen Schnabel birnenförmige Höhlungen in die Baumstämme und schaffen dadurch zugleich anderen Höhlenbrütern, wie Wiedehopf, Hohltaube und Blaurake, die nicht imstande sind, solch grobe Arbeit zu verrichten, passende Niststätten. Wie abhängig diese Vögel von der Zimmerarbeit der Spechte sind, geht am besten daraus hervor, daß Wiedehopf, Blaurake und Hohltaube, die bei uns in Deutschland recht selten geworden waren, wieder erheblich zugenommen haben, seitdem der Schwarzspecht, dessen verlassene Wohnungen sie mit Vorliebe beziehen, in den letzten Jahrzehnten zahlreicher geworden ist.

Das Töpferhandwerk üben unsere Schwalben aus, die aus Lehmklümpchen, welche sie mit ihrem Speichel zusammenleimen, ihre Nester bauen.

Der Kleiber mauert den Zugang zu seiner Nisthöhle mit Lehm zu, wenn er zu weit ist, um sich vor den Angriffen von Eichkätzchen und anderem Raubzeug zu schützen.

Eine kunstvolle Burg mauert der südamerikanische Töpfervogel, ein etwa stargroßer, rotbrauner Sperlingsvogel. Er errichtet auf einem dicken, wagerechten Ast eine Lehmburg von ca. 16 cm Höhe, 20 cm Länge und 11 cm Tiefe. Die Wände sind 2–4 cm dick. Der fertige Bau wiegt 8–9 Pfund. Innen ist der Raum durch eine Scheidewand, die halb so hoch wie der ganze Bau ist, in zwei Abteilungen getrennt, von denen die hinterste der Nistraum ist. Den Zugang bildet eine runde Öffnung an einer Längsseite.

Buchfink und Zeisig filzen ihre halbkugligen Nester aus Spinnengeweben und Flechten zusammen.

Die Webekunst in höchster Vollendung betreiben die Webervögel, die ihren Namen hiernach erhalten haben. Sie flechten und weben ihre Nester aus Bastfäden und Grashalmen zusammen. Diese haben die Form einer Kugel, eines Beutels oder einer Retorte und hängen frei an einem Zweige. Der Eingang ist stets nach unten gerichtet.

Pfahlbauer sind die Rohrsänger, welche napfförmige, tiefe Nester aus Rohr und Schilf zwischen senkrecht stehenden Rohrstengeln über dem Wasserspiegel errichten.

Schwimmende Nester, die gewissermaßen ein Floß darstellen, bauen die Taucher und das Wasserhuhn im Wasser. Die Nester sind an festgewachsenen Rohrhalmen verankert, so daß sie von der Strömung nicht fortgetrieben werden können.

Sogar das Schneiderhandwerk ist in der Vogelwelt vertreten. Die in Indien und auf den Sundainseln heimischen Schneidervögel nähen mit einem aus Pflanzenwolle selbst gedrehten oder aufgefundenen Bindfaden ein oder auch mehrere Blätter zu einer Tüte zusammen, in die sie das Nest stellen. Der Vogel sticht hierbei mit dem Schnabel Löcher in den Rand der Blätter und zieht den Faden sehr geschickt hindurch. Auch der in Südeuropa lebende Cistensänger näht sich aus Blättern eine Nesthülle. Er bereitet sich den Faden aus Spinngewebe und Pflanzenwolle.

Webeameisen

Ähnlich wie der Schneidervogel treiben es auch manche Ameisen. Die in den Tropen der Alten Welt wohnenden Webeameisen (Oecophylla) spinnen in Büschen und Bäumen Blätter zusammen, um ihre Nester darin zu errichten. Ist der Zwischenraum zwischen zwei Blättern zu groß, um diese zusammenzuziehen, so bilden die Ameisen eine lebende Brücke. Eine Ameise faßt eine zweite mit ihren Greifzangen um den Leib, diese hält in derselben Weise eine dritte, diese wieder eine vierte usw., bis schließlich die ganz vorn schwebende Ameise imstande ist, das Nachbarblatt zu erfassen und heranzuziehen. Zum Zusammenspinnen der Blätter benutzen manche Arten ihre Larven, welche den Spinnfaden absondern. Die Larven spinnen aber nicht selbsttätig, sondern werden von den Ameisen mit den Zangen erfaßt und als „Webeschiffchen“ verwendet, indem sie schnell zwischen den Rändern der Blätter hin und her bewegt werden. Diese Webekunst der Ameisen, bei denen die Larven das Handwerkzeug bilden, ist eine der wunderbarsten Erscheinungen im Zauber des Tierlebens.

Manche Raubvögel, wie der Fischadler und der Wespenbussard, haben die Gewohnheit, ihre aus Ästen und Reisig hergestellten Horste mit frischen, grünen Zweigen zu belegen, um den Nistplatz unkenntlich zu machen und zu verblenden. —

Die kunstvollen Bauten, welche Säugetiere, Vögel und Insekten ausführen, müssen um so mehr unsere Bewunderung erregen, als die kleinen Baukünstler ohne Werkzeuge und ohne Gerät ihre Arbeiten ausführen. Die Natur gab ihnen die notwendigen Werkzeuge mit auf den Lebensweg, indem sie ihren Körper entsprechend ausrüstete und dem Gebrauch der Organe zugleich die notwendige Geschicklichkeit verlieh. Der Vogel trägt das Material für den Nestbau mit seinem Schnabel herbei und benutzt diesen als Pfriemen, Nadel, Zange oder Meißel, wobei auch die mit Krallen bewehrten Füße zum Festhalten des Baustoffes gute Dienste leisten. Nagetiere, wie Biber und Eichhörnchen, besitzen in den scharfen, langen Nagezähnen vorzügliche Werkzeuge zum Zerkleinern von Holz und wissen außerdem ihre Vorderfüße sehr geschickt als Hände zu gebrauchen. Die Ameisen tragen mit ihren zu Zangen umgebildeten Kiefern den Baustoff herbei und schichten ihn sachgemäß auf. Die Schienen an den Hinterbeinen der Arbeitsbiene sind flach, etwas ausgehöhlt und mit Borsten besetzt. In diesen natürlichen „Körbchen“ sammelt die Biene den Blütenstaub, aus dem das für die Ernährung so wichtige „Bienenbrot“ bereitet wird.

Stachelkleid des Igels

Ein äußerst praktisches Werkzeug ist das Stachelkleid des Igels. Wird er von einem Feind bedroht, so rollt er sich zur Kugel zusammen. Kopf, Füße und Leib sind dann völlig in dem Stachelpanzer verborgen, der wie ein Verhau aus Stacheldraht den ganzen Körper schützt. Aber der Igel weiß die Stacheln noch in anderer Weise sehr praktisch zu benutzen. Sie dienen ihm als Gerät zum Fortschaffen von Gegenständen. Wenn er sich sein Winterlager bereitet, dann wälzt er sich im trockenen Laub. Die Blätter bleiben an den Stacheln haften, und er trägt sie dann auf dem Rücken nach seiner Behausung. Im Sommer und Herbst verzehrt der Igel mit Vorliebe Obst. Findet er unter einem Baum reichliches Fallobst, dann wälzt er sich auf dem Boden, spießt die Früchte hierdurch auf und trägt sie huckepack nach einem Versteck.

Aber auch Tiere, denen derartige natürliche Werkzeuge fehlen, wissen sehr kunstvolle Bauwerke zu errichten. Es gibt Fische, die für die Brutpflege Nester bauen, die kaum weniger kunstvoll sind als die Nester der Vögel, obwohl sie keine Gliedmaßen haben, die als Hand oder Werkzeug verwendet werden können.