Wir wandern im Sommer bei herrlichem Sonnenschein durch ein grünes Wiesental. Zahlreiche Schmetterlinge umgaukeln mit leichtem Flug die Blumen, die in dem saftigen Grün ihre weiß, blau oder rosa gefärbten Kelche emporstrecken. Bienen und andere Insekten schwirren durch die Luft, Heupferdchen und Grillen zirpen ihr eintöniges, aber doch liebliches Lied. In inniger Harmonie leben all diese leichtbeschwingten, zierlichen Wesen zusammen, deckt doch die Allmutter Natur ihnen den Tisch so reichlich, daß Neid und Streit hier keinen Raum haben. Das blühende Gras, die endlose Fülle der Blumen spenden ihnen allen Nahrung im Überfluß, und hierin allein liegt der Grund zu dem zahlreichen Auftreten der Insektenwelt. Nicht Nächstenliebe und Freude an der Geselligkeit haben die bunten Schmetterlinge zusammengeschart, sondern die überaus günstigen Lebensbedingungen lockten sie herbei. Jedoch kümmern sich die einzelnen Tiere wenig oder gar nicht umeinander. Ähnliches finden wir auch bei anderen Tieren. An sonnigen Berghängen tritt die kleine, behende Bergeidechse häufig sehr zahlreich auf, die Sümpfe und Teiche wimmeln von Fröschen, und in düsteren Waldungen belebt nach dem Regen der gelbgefleckte Feuersalamander in Mengen die Wege. Auch hier sind es die Lebensbedingungen im Verein mit einer ergiebigen Fortpflanzung, die die Tiere auf einen verhältnismäßig kleinen Raum zusammendrängen, ohne daß es berechtigt erscheint, von einem Geselligkeitstrieb zu sprechen. Die Tiere haben von ihrem innigen Zusammenleben keinerlei Vorteil. —
Unser Weg führt uns weiter in einen Eichenwald, aber welch trauriger Anblick. Von dem Grün der Blätter ist fast nichts mehr zu sehen. Entlaubt recken die Eichen, dies Urbild stolzen Germanentums, ihre Wipfel zum Himmel empor. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners, die in Millionen und Myriaden hier hausten, haben das traurige Werk vollbracht. Hier hat ein soziales Leben der Insektenwelt in geradezu schrecklicher Weise gewütet.
Das Massenauftreten der Raupen beruht zunächst auf einer überreichen Vermehrung dieses schädlichen Insekts. Aber die enge Gemeinschaft der Raupen wird nicht allein hierdurch bedingt, sondern hier handelt es sich um ein wirklich soziales Leben. Die Raupen vereinigen sich zu großen Gesellschaften. Die enge Gemeinschaft mit ihresgleichen scheint den Tieren geradezu Lebensnotwendigkeit zu sein. Versuche mit gefangenen Raupen ergaben, daß die isolierten Tiere, selbst dann, wenn sie reichlich mit Nahrung versehen waren, immer das Bestreben hatten, sich zu vereinigen, und daß sie dies sofort taten, sobald sie nicht mehr daran gehindert wurden. Ein objektiver Nutzen aus diesem sozialen Leben scheint jedoch nicht vorhanden zu sein, wenigstens läßt er sich nicht erkennen, im Gegenteil, für die Ernährung ist eine Vereinigung in großen Massen ja nur unvorteilhaft. Es kann also nur ein stark ausgeprägter Geselligkeitstrieb sein, der die Tiere zusammenschart.
Der Geselligkeitstrieb äußert sich bei den Raupen in verschiedener Weise. Bei manchen Arten tritt er nur zeitweise auf. So leben z. B. die Raupen des Ringelspinners (Malacosoma neustria), die in Obstkulturen großen Schaden anrichten, nur bis zu ihrer letzten Häutung gesellig, dann aber zerstreuen sie sich als Einzelgänger. Die Raupen des Mondvogels (Phalera bucephala) geben ihr Gesellschaftsleben vor der Verpuppung auf, während bei anderen Raupen der Geselligkeitstrieb überhaupt nicht erlischt. Letzteres ist beim Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) der Fall. Die Raupen, die durch ihren Kahlfraß in Eichenbeständen wahre Verwüstungen anrichten, verpuppen sich in gemeinsamen Nestern. Außer ihrer großen Schädlichkeit hat die Raupe des Eichenprozessionsspinners noch eine andere, sehr unangenehme Eigenschaft. Sie ist giftig. Zwischen den langen Haaren stehen noch winzig kleine Härchen, die sehr lose sitzen und schon bei der geringsten Berührung abfallen, ja sogar vom Winde abgestoßen und fortgetragen werden. Diese Haare sind giftig und erzeugen auf der Haut eine Entzündung mit starkem Juckreiz. Der Besuch eines von diesen Raupen heimgesuchten Eichenwaldes kann daher sehr böse und unangenehme Folgen haben, da die Gifthaare durch den Wind leicht in die Augen und Atmungsorgane geweht werden.
Eine andere, nicht leicht zu beantwortende Frage ist die, auf welche Weise die Raupen bei ihrem Gesellschaftsleben sich zusammenfinden. Die Raupen haben Geruch, Sehvermögen, Geschmack, Gefühl für Temperatur und Tastsinn, jedoch kein Gehör. Für die Bildung von Gesellschaften können von diesen Sinnen nur der Geruch, das Gesicht und der Tastsinn in Frage kommen. Der Geruch ist nur sehr gering ausgebildet, ja man kann sagen fast verkümmert, so daß also ein gegenseitiges Spüren nicht möglich ist. Mit den Augen vermögen die Raupen nur sehr nahe Gegenstände, die kaum weiter als 1 cm entfernt sind, zu erkennen. Der Sinn des Gesichts kann also die Tiere ebensowenig leiten. So bleibt nur der Tastsinn übrig, der bei den Raupen außerordentlich fein ausgebildet ist und seinen Sitz nicht nur in den Tastern hat, sondern über den ganzen Körper verteilt ist. Besonders die Haare der behaarten Raupen sind fein organisierte Taster. Ihre Berührung löst je nach der Körperstelle eine verschiedene Wirkung aus. Während eine leichte Berührung der Tasthaare am hinteren Leibesende die Vorwärtsbewegung beschleunigt, wird die Bewegung durch ein Berühren der Haare am vorderen Körper gehemmt. Ein starker Reiz veranlaßt die Raupe, sich zusammenzurollen. Sehr empfindlich sind die Raupen des Kiefernprozessionsspinners (Thaumetopoea pinivora). Bläst man sie mit dem Munde an, so löst dies einen starken, unangenehmen Reiz auf sie aus. Sie speien ihren Kropfinhalt aus, der als grüner Tropfen aus dem Munde tritt, und biegen den Vorderleib rückwärts. Werden die Raupen aber durch einen heftigen Windstoß erschüttert, so reagieren sie nicht darauf, sondern verhalten sich völlig teilnahmslos. Die Raupen vermögen also mit ihrem Tastgefühl sehr feine Unterschiede wahrzunehmen. „Das Tastgefühl“, sagt Deegener, der sich um die Biologie der Raupen sehr verdient gemacht hat, „scheint der Raupe alle Daten zu verschaffen, deren sie bedarf, um den sozialen Zusammenhang aufrechtzuerhalten und wiederherzustellen.“
Die Raupen hinterlassen auf dem Wege, den sie zurücklegen, einen Seidenfaden. Dieser Faden dient offenbar zur Orientierung für andere Raupen, denn sie folgen ihm mit Vorliebe, wobei wiederum das Tastgefühl als Vermittlerin dient. Mit dem Tastgefühl nimmt die Raupe den Seidenfaden einer Genossin wahr. So bilden zweifellos diese Seidenfäden, die die Spuren übermitteln, eine große Rolle bei dem sozialen Leben der Raupen. Dennoch sind sie nicht von ausschlaggebender Bedeutung, denn experimentell wurde nachgewiesen, daß die Raupen sich auch zusammenfinden, wenn keine Seidenfäden als Wegweiser vorhanden sind. Das Tastgefühl der Raupen muß so fein und so eigenartig entwickelt sein, daß es auch ohne unmittelbare Berührung zu wirken vermag. Vielleicht genügen schon geringe Schwingungen in der Luft, die durch die Bewegung der Raupen verursacht werden, um einen Empfindungsreiz auf die Tastorgane anderer Raupen auszulösen. Der Tastsinn der Raupen als Mittel für ihre Orientierung ist ein außerordentlich interessantes Problem, das noch eines gründlichen Studiums bedarf. —
Unser Weg im Walde führt uns weiter an einen See, dessen blauer Wasserspiegel im wundersamen Kontrast steht zu den düsteren Tannen, die ihn umrahmen, und zu dem hellen Grün des Schilfes am Ufer; und doch vereint sich das Ganze zu einer bezaubernden Harmonie, die unserer Seele ein so wohltuendes Gleichgewicht verleiht. Wir stehen am Ufer, blicken in das klare Wasser und sehen eine Schar kleiner Fische, die sich hurtig und munter in dem nassen Element umhertummelt.
Auch hier wieder eine Ansammlung von Tieren auf engem Raum in inniger Gemeinschaft. Die Schwarmbildung der Fische beruht auf verschiedenen Ursachen, und man kann nach Schiemenz Geschlechts-, Ernährungs-, Familien-, Winter- und Wanderschwärme unterscheiden. Geschlechtsschwärme werden gebildet durch ein Zusammenscharen zahlreicher Fische an bestimmten Stellen in Flüssen, Seen oder im Meere, um das Fortpflanzungsgeschäft auszuüben. Die Ernährungsschwärme kommen zustande durch die Anhäufung bevorzugter Nahrung in gewissen Gegenden. Besonders die Planktonfresser folgen in großen Schwärmen der jeweiligen Verbreitung des Planktons. So bildet der Hering auf seinen Beutezügen gewaltige Scharen, die aus Millionen einzelner Fische bestehen.
Wie wir früher schon sahen, üben manche Fische eine Brutpflege aus, indem sie ihre Jungen eine Zeitlang führen und schützen. Die zahlreiche Nachkommenschaft bildet dann mit den Elterntieren einen Familienschwarm.
Bei den Winterschwärmen vereinigen sich die Fische, wie Weißfische, Aale und andere, um sich scharenweise im Schlamm zu vergraben und im erstarrten Zustande einen Winterschlaf zu halten.
Die größten Vergesellschaftungen bilden die Fische auf ihren Wanderungen, die z. B. die Lachse aus dem Meer in die Flüsse und die Aale umgekehrt aus den Binnengewässern in das Meer unternehmen, um den weitentfernten Laichplätzen zuzustreben.
Die Massenvereinigung der Fische auf ihren Wanderzügen verschafft ihnen den Vorteil, Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, wie Wehren, Stromschnellen oder Wasserfälle, leichter überwinden zu können, indem die dicht zusammengedrängte Masse der Fischleiber als ein Ganzes wirkt und so eine gewaltige Kraft entfaltet.
Außer diesen äußeren Gründen, die die Fische zur Schwarmbildung veranlaßt, spielt zweifellos auch ein ausgeprägter Geselligkeitstrieb hierbei eine große Rolle. —
Die letzten Sonnenstrahlen bedecken die Flur; die Bäume am Waldesrand, an dem wir unsere Schritte heimwärtslenken, werfen lange Schatten in abenteuerlicher Gestalt auf ein wogendes Roggenfeld. Plötzlich bleiben wir wie gebannt stehen, aus dem Walde schiebt sich langsam ein großer, dunkler Körper hervor — ein Stück Rotwild, das zur Äsung auszieht. Vorsichtig tritt es auf den Weg und verhofft mit hochgehobenem Kopf. Der Windfang, wie der Jäger die Nase des Wildes nennt, saugt begierig die leise Luftströmung ein, die ihm die Witterung des verhaßten Menschen aus weitester Entfernung zuträgt; die Lauscher drehen sich hin und her, um die feinsten Schallwellen aufnehmen zu können. Nach kurzer Zeit senkt das Tier vertraut den Kopf und zieht weiter. Die Luft ist rein und nichts scheint den Frieden der Natur zu stören. In wenigen Augenblicken folgt ein zweites Tier mit einem Kalb, immer mehr Wild tritt heraus. Wir zählen 7, 8, 9 Stück Rotwild, alles Kahlwild, d. h. weibliches Wild in der Weidmannssprache. Schließlich folgt ein schwacher Hirsch, ein Achtender mit noch ungefegtem Geweih. Die starken Kronenhirsche stehen in der Feistzeit im Sommer abseits vom Mutterwild (Abbildung 27). Sie hassen die Kinderstube und lieben die Einsamkeit, indem sie entweder als Einzelgänger ein heimliches Leben führen, oder zu zweien, bisweilen auch zu mehreren sich zusammentun, bis im Herbst, wenn die Blätter fallen, die Macht der Liebe sie erfaßt und sie wieder zum Kahlwild streben, um mit orgelndem Brunftschrei das Recht des Stärkeren geltend zu machen.
Das Rudel, das wir beobachteten, ist inzwischen weiter hinaus ins Feld gezogen. Das Alttier immer voran, die anderen im kurzen Abstande folgend. Nicht der Zufall, nicht äußere Gründe haben die Tiere vereint, sondern sie haben sich zusammengefunden, um gemeinsam den Gefahren, die sie bedrohen, zu begegnen. Ein altes, nicht mehr fortpflanzungsfähiges, weibliches Stück, ein Gelttier, wie der Weidmann sagt, übernimmt die Führung des Rudels. Es zieht auf dem Wechsel aus der Dickung zum Äsungsplatz an der Spitze und geleitet das Rudel, wenn die Morgendämmerung anbricht, wieder sicher in das schützende Waldesdunkel. Da das Gelttier keine Mutterpflichten mehr zu verrichten hat und ganz auf sich selbst eingestellt ist, so mögen Geruch und Gehör, die Sinne, mit denen das Wild die Gefahren wahrnimmt, bei ihm besser ausgebildet sein. Jedenfalls wird die Tätigkeit dieser Sinne durch keine anderen seelischen Gefühle und Triebe beeinflußt und gehemmt. Sie können also ihre Aufgabe ohne Ablenkung voll und ganz erfüllen. Das Rudel vertraut sich der Führung des Leittiers unbedingt an und fühlt sich unter seiner Obhut völlig sicher. Der große Wert des Leittiers zeigt sich so recht, wenn dieses auf einer Treibjagd zuerst abgeschossen wird. Das Rudel prellt zurück und löst sich, der Führung entbehrend, auf, so daß dann die einzelnen Stücke den Schützen vors Rohr kommen und leicht abgeschossen werden können. Dies gilt aber heute, wo unser Wildstand durch die Kriegs- und Revolutionszeit sehr gelitten hat, nicht mehr als weidmännisch. Man schießt vielmehr auch auf Treibjagden nur einzelne Stücke und knallt nicht wahllos alles nieder.
Im Unterschied zu den Gesellschaften der Schmetterlinge, Frösche und anderer Tiere, die nur durch äußere Lebensbedingungen gebildet werden, haben wir es hier mit einem wirklich sozialen Leben zu tun. Die Vereinigung erfolgt zum Zweck der persönlichen Sicherheit. Sie gründet sich auf einen gegenseitigen Nutzen.
Ebenso wie das Rotwild verfahren alle Wiederkäuer und viele andere Säugetiere. Die Antilopen und Zebras bilden große Rudel. Häufig bestehen die Antilopenrudel sogar aus verschiedenen Arten. Der wegen seiner Wildheit gefürchtete afrikanische Kaffernbüffel bildet große Herden, die in früheren Zeiten, als der Bestand der Tiere durch die Verfolgung des Menschen noch weniger gelitten hatte, nach Hunderten und Tausenden zählten. Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden im Innern des schwarzen Erdteils Büffelherden, die aus 4000–5000 Tieren bestanden, beobachtet. Eine solche Massenvereinigung ist freilich nur denkbar und möglich in Gegenden, wo ein Überfluß an Nahrung vorhanden ist, wie in den weiten, endlosen Gebieten der afrikanischen Steppe. Da der einzelne Büffel durch die Stärke seines Körpers und die gewaltigen Hörner ein sehr wehrhaftes Tier ist, das sich allein gegen jede Gefahr verteidigen kann, so verfolgt die Herdenbildung weniger den Zweck, die Sicherheit zu erhöhen, sondern geschieht wohl hauptsächlich aus Geselligkeitstrieb. Das Tier bedarf anscheinend zur Herstellung seines seelischen Gleichgewichts und Wohlbehagens der Gesellschaft seinesgleichen. Wie groß die Liebe zur Geselligkeit ist, geht am besten daraus hervor, daß ganz alte Stiere, die von überlegenen Rivalen abgekämpft sind und aus der Herde verstoßen werden, nicht gern ein einsiedlerisches Leben führen, sondern sich ihrerseits zusammenfinden, um eine Gemeinschaft alter Junggesellen zu bilden. Gewöhnlich sind 10 bis 15 solcher alten, griesgrämigen Bullen vereint.
Der im polaren Nordamerika lebende Moschusochse, der entsprechend dem kalten Klima seiner Heimat mit einem dichten, zottigen Pelz ausgerüstet ist, lebt in Rudeln von 10–30 Stück. Der Hauptfeind dieser Tiere ist der Wolf, dessen Angriff sie sehr erfolgreich zu begegnen wissen. Sie drängen sich in einem dichten Kreis zusammen und richten ihre Köpfe nach außen, wobei die spitzen Hörner eine undurchdringliche Phalanx bilden, gegen die die blutdürstigen Raubtiere machtlos anrennen. Auf diese Weise gelingt es den Moschusochsen, selbst den Angriff einer starken Rotte von Wölfen abzuschlagen. Hier hat sich das soziale Leben bereits zu einer gemeinsamen, gegenseitigen Verteidigung ausgebildet.
Bei den Gemsen und Steinböcken halten stets einzelne Posten Wache, sobald das Rudel sich zur Ruhe niedertut. Diese Wachen legen sich nicht nieder, sondern bleiben aufrecht stehen mit hochgehobenem Kopf, um vermittels ihres feinen Gehörs und Geruchs jede Gefahr rechtzeitig zu erkennen und das Rudel zu warnen. Der Warnruf der Gemsen ist ein lauter, durchdringender Pfiff, der Steinböcke ein pfeifendes Schnauben. Auf das Signal hin erhebt sich sofort das ganze Rudel, um unter Führung des Leittieres sein Heil in der Flucht zu suchen.
Im Gegensatz zu den Wiederkäuern hat bei den Wildpferden, Zebras, Wildeseln und den asiatischen Urwildpferden stets ein männliches Tier die Führung des Trupps. Der stärkste Hengst, der alleiniger Besitzer der Stuten ist und zugleich der Beherrscher des ganzen Rudels, sorgt für die Sicherheit. Ebenso ist es bei den gesellig lebenden Affen, bei denen das soziale Leben nach strengen Regeln und Gesetzen geordnet ist.
Bei den Meerkatzen führt der älteste und stärkste Affenvater das Regiment in der Bande, die sich ganz und gar seiner erfahrenen Führung anvertraut und allen seinen Befehlen ohne Widerspruch Folge leistet. Er übt sein verantwortungsvolles Amt mit größter Umsicht und nie ermüdendem Eifer aus. Auf der Wanderung geht er eine Strecke voraus. Alle übrigen Affen folgen genau seinen Fußtritten, ersteigen denselben Baum und klettern über dieselben Äste hinweg, auf denen der Weg des Leitaffen entlangführt. Ab und zu hält dieser vom Gipfel eines Baumes Umschau. Sofort bleibt die ganze Horde halten, bis die gurgelnden Töne des sorgsamen Alten verkünden, daß keine Gefahr droht und die Reise fortgesetzt werden kann. Kommt man an ein Maisfeld, dann wartet man hübsch ab, bis der gestrenge Herr sich überzeugt hat, daß man hier gefahrlos den Mittagsschmaus halten kann. Die Bande löst sich allmählich auf, jeder sucht sich ein Plätzchen, wo er sorglos seinen Hunger stillen kann. Die noch unmündigen Kinder, welche auf dem Marsche an dem Leibe ihrer Mütter hingen, verlassen diese und spielen umher, werden aber stets von der Mutter sorgfältig beaufsichtigt. Der alte Affenvater vergißt beim Verzehren des wohlschmeckenden Maiskolben nicht, ständig für die Sicherheit zu sorgen. Von Zeit zu Zeit erhebt er sich, ersteigt einen Baum oder Hügel, um sich zu überzeugen, daß keine Gefahr droht. Sobald er irgend etwas Verdächtiges bemerkt, läßt er seinen Warnruf erschallen. Sofort springen alle Affen auf und sammeln sich um ihren Gebieter, um, wenn notwendig, den Rückzug unter seiner Führung anzutreten. Jeder sucht noch so schnell wie möglich recht viel Maiskörner zusammenzuraffen und in den Backentaschen zu bergen.
Bei den Pavianen, die bisweilen in großen Horden von mehreren Hunderten zusammenleben, haben häufig mehrere Männchen die Führung, und zwar sind es stets die ältesten und stärksten Stücke. Auch das Liebesleben ist geregelt, wie man bei dem Mantelpavian oder Hamadryas beobachtet hat. Jedes mannbare Männchen hat sein Weibchen, das seinem Gemahl auf Schritt und Tritt folgt und stets in seiner unmittelbaren Nähe bleibt. Nähert sich ein jüngeres Männchen in verführerischer Absicht einem verehelichten Weibchen, so wird es von dem rechtmäßigen Gemahl sofort ernstlich angegriffen und verjagt. Unter Umständen entspinnt sich auch ein ernstlicher Kampf, der dem Sieger den Besitz des Weibchens sichert.
Bei dem im abessinischen Hochlande lebenden Nacktbrustaffen oder Dschelada, der sich durch eine nackte rote Stelle am Unterhals und der Brust auszeichnet, besteht die Horde aus einzelnen, kleineren Trupps, die von je einem alten Männchen geführt werden. Einige alte Männchen scheinen die Oberaufsicht über die ganze Bande zu haben. Sie sind es wohl auch, welche als Wachposten für die Sicherheit sorgen, wenn die Horde sich zur Ruhe oder Mahlzeit niederläßt.
Wertvolle Angaben über das soziale Leben der Menschenaffen verdanken wir Eduard Reichenow[6]. Nach seinen Beobachtungen leben Schimpanse (Abbildung 29 u. 30) und Gorilla (Abbildung 28) in Familien, die sich zu größeren oder kleineren Horden zusammenschließen. Jede Horde bewohnt einen bestimmten Bezirk im Urwalde, dessen Durchmesser sich gewöhnlich auf etwa 15 km erstreckt. Innerhalb dieses Gebiets streifen die Affen am Tage Nahrung suchend umher. Während die einzelnen Gorillafamilien sich hierbei trennen und jede für sich ihren Weg geht, um sich erst am Abend wieder zusammenzufinden, hält die Schimpansenhorde mehr zusammen. Auch sind die Schimpansenherden in der Regel zahlreicher als die Gorillagesellschaften. Erstere bestehen bisweilen aus 20–30 Köpfen, während in einer Gorillahorde meist nur 7–16 Tiere vereint sind. Am Abend errichten sich Schimpanse und Gorilla Schlafnester, der Schimpanse stets auf Bäumen in einer Höhe von 8–13 m, der Gorilla meist auf dem Erdboden oder in einem niedrigen Strauch 1–1½ m über der Erde. Im Süden seines Verbreitungsgebiets, das sich im Innern Afrikas von Kamerun bis zum Tanganjikasee erstreckt, übernachtet nur das Männchen der Gorillafamilie auf der Erde, während das Weibchen und die halbwüchsigen Jungen sich ihre Schlafnester auf Bäumen in einer Höhe von 5–6 m bauen. „Eine Erklärung für das verschiedene Verhalten des Gorillas im Süden und Norden zu geben, ist recht schwierig“, sagt Reichenow und fährt fort: „Wenn es die Furcht vor dem Angriffe des Leoparden wäre, wie Koppenfels meint, die im Süden die jungen und die weiblichen Tiere auf die Bäume treibt, so wäre nicht zu verstehen, warum diese Furcht im Norden nicht besteht; denn der Leopard fehlt hier gleichfalls nicht. Gerade der Umstand, daß der Gorilla im nördlichen Urwaldgebiet sein Nachtlager am Boden errichtet, beweist, daß er, im Gegensatz zum Schimpansen, den Leopard nicht fürchtet.“
Daß die verschiedenartige Anlage der Nester nur auf Gewohnheit und Sitte beruhen soll, kann man meiner Ansicht nach kaum annehmen. Irgendeinen Grund muß die Sache schon haben. Wir sehen hier wieder, wie schwer es bisweilen ist, die biologischen Eigenschaften der Tiere zu verstehen und zu erklären.
Die Angabe älterer Autoren, daß beim Schimpansen nur die Weibchen mit den Jungen in Bäumen auf Nestern schlafen, und daß das Männchen stets unten am Stamm übernachtet, um den Überfall des Leoparden rechtzeitig bemerken und abwehren zu können, hält Reichenow für unrichtig. Nach seinen Beobachtungen baut sich auch das alte Männchen stets ein Schlafnest im Baumgipfel.
Die Nester des Schimpansen und Gorillas ähneln in ihrem Äußern den Storchnestern. Sie bestehen aus Ästen und Zweigen, die die Affen nach innen umbiegen und zusammenflechten.
Das Schlafnest des erwachsenen Gorillas hat einen Durchmesser von etwa 1½ m; die Nester halbwüchsiger Tiere sind entsprechend kleiner. Fast immer stehen zwei große Gorillanester dicht nebeneinander und einige kleine Nester in unmittelbarer Nähe, was auf die Lagerstätte eines Ehepaares mit seinen Kindern hindeutet. Reichenow schließt daraus, daß der Gorilla monogam lebt und meint, daß die Ehe auf Lebenszeit, jedenfalls für längere Dauer geschlossen wird. Diese Beobachtung ist von besonderem Wert, da es der erste Fall von Monogamie unter den Affen wäre, die sonst durchaus polygam leben. Ob auch der Schimpanse eine monogame Lebensweise führt, konnte Reichenow leider nicht feststellen.
Schimpanse und Gorilla benutzen ihre Schlafnester stets nur einmal und errichten sich am Abend an der Stelle, wo ihr Tageswerk beendet wird, jedesmal eine neue Lagerstatt. Während die Nester der einzelnen Familienmitglieder stets nahe beisammen stehen, befinden sich zwischen den Lagerstätten der Familien größere Zwischenräume. Man kann daher nach der Anzahl der Nestgruppen die Zahl der Familien einer Herde, und nach der Anzahl der Familiennester die ungefähre Kopfstärke der Familie feststellen. Im letzteren Falle ergibt sich jedoch keine genaue Zahl, sondern nur eine annähernde Schätzung, da die ganz jungen Affen noch keine eigenen Nester bauen, sondern zusammen mit der Mutter schlafen, und die älteren Tiere bisweilen das zuerst gebaute Nest durch ein zweites ersetzen, wenn ihnen jenes nicht sicher genug erscheint. Bei starkem Regen sollen die Affen nicht im Nest, sondern unterhalb desselben übernachten, indem sie sich auf dem Erdboden oder in den Zweigen hinkauern und das Nest als Dach zum Schutz gegen die Nässe benutzen.
Auffallend ist es, daß Tiere von so gewaltiger Körperstärke, wie die Menschenaffen, ausschließlich vegetarisch leben. Ihre Nahrung besteht in Früchten, Knospen und Blättern, und nur hin und wieder werden Vogeleier ausgetrunken, eigentliche Fleischkost wird dagegen verschmäht. Reichenow gibt hierfür eine sehr interessante und beachtenswerte Erklärung. Er fand im Darm der Menschenaffen Protozoen, die den Infusorien der Wiederkäuer sehr ähnlich sind und offenbar für die Verdauung eine große Rolle spielen. „Diese Infusorien“, sagt unser Gewährsmann, „erleichtern ihren Wirten durch die von ihnen geleistete Zelluloseverdauung die Ausnutzung der pflanzlichen Nahrungsstoffe, und sie bieten dadurch, daß sie selbst ständig in großer Zahl im Darme zugrunde gehen und verdaut werden, einen gewissen Ersatz für Fleischnahrung.“ In der Gefangenschaft verschwinden diese Infusorien sehr bald aus dem Darm der Menschenaffen, wodurch die Ernährung des Körpers beeinträchtigt wird. Die Sucht nach Fleischnahrung, die die gefangenen Tiere im Gegensatz zu den freilebenden häufig zeigen, läßt sich vielleicht hiermit in Zusammenhang bringen. Die Tiere haben unwillkürlich das Verlangen, sich für die fehlende Infusoriennahrung einen Ersatz zu verschaffen. Auch die Hinfälligkeit der Menschenaffen in der Gefangenschaft und ihre Neigung zur Tuberkulose und anderen Krankheiten steht wahrscheinlich hiermit im Zusammenhang. Jedenfalls tut der Tiergärtner gut, den Menschenaffen Fleischkost nicht vorzuenthalten, um hierdurch einen Ausgleich für den in der Gefangenschaft veränderten Stoffwechsel zu schaffen.
In Gegenden, wo die Gorillas vom Menschen unbehelligt leben, sind sie überaus dreist und furchtlos. Wenn sie mit der Mahlzeit beschäftigt sind, lassen sie den Menschen bis auf wenige Schritte herankommen. Wittert das Männchen Gefahr, so trommelt es mit den Fingern auf die Wangen des geöffneten Maules, um seine Familie zu warnen und zum Rückzug aufzufordern, während er selbst meist standhält, um sich von der vermeintlichen Gefahr zu überzeugen. Erblickt er den Menschen, so stößt er ein mehrmaliges kurzes Brüllen aus, klatscht mit den Händen und schlägt mit ihnen gegen die Brust. Einen Angriff wagt der Gorilla jedoch meist nicht, sondern er zieht sich langsam zurück, wenn man ihm näher auf den Leib rückt. In einiger Entfernung bleibt er dann wieder stehen, und das Spiel beginnt von neuem. Nur ganz alte Männchen, die sich von der Herde abgesondert haben und Einzelgänger geworden sind, greifen bisweilen den Menschen, der in seiner Nähe auftaucht, an und sind dann furchtbare Gegner.
Die Behauptung der Eingeborenen, daß Gorillamännchen Negermädchen überfallen und sie vergewaltigen, ist ein Märchen, das nach einstimmiger Aussage aller Forscher durchaus unglaubwürdig ist. Schon die Witterung des Menschen flößt dem Affen Schrecken ein. Er erkennt in ihm seinen Feind, betrachtet ihn aber niemals als seinesgleichen oder als einen willkommenen Ersatz, um Liebesgefühle zu befriedigen.
Der dritte Menschenaffe ist der auf Sumatra und Borneo heimische, mit rotem zottigen Haar bekleidete Orang-Utan (Abbildung 31 u. 32). Auch er baut sich Schlafnester, die er mit grünen Zweigen auspolstert. Sonst sind wir über die Lebensweise dieses Affen weniger unterrichtet, als es vom Schimpansen und Gorilla der Fall ist. Im Gegensatz zu diesen ist er ein ausgesprochenes Baumtier, das nur ungern zum Boden hinabsteigt. Der Gorilla dagegen bewegt sich vorzugsweise zu Fuß auf dem Erdboden fort, und in der Mitte zwischen Gorilla und Orang steht der Schimpanse, der sich sowohl auf dem Erdboden wie in den Baumkronen aufhält. Dem Orang kommen bei seinem Baumleben die sehr langen Arme zugute, mit denen er weitentfernte Äste ergreifen kann. Er hat unter den drei Menschenaffen die längsten Arme und kürzesten Beine und entfernt sich in dieser Beziehung sehr weit vom Menschen. Dagegen steht er in bezug auf die Schädelform dem Menschen wieder am nächsten, was sich besonders in der Jugend ausprägt. Der Schädel eines Orang-Kindes hat nach Hans Virchow „einen verblüffend menschlichen, ja man möchte beinahe sagen: einen unangenehm menschlichen Zug“, der besonders in der steil ansteigenden Stirnpartie zum Ausdruck kommt. Im Vergleich zum Gorilla, und besonders zu dem sehr lebhaften, temperamentvollen Schimpansen ist der Orang viel phlegmatischer und ruhiger. —
Ein soziales Leben, das gemeinsamen Interessen dient, hat sich auch unter den Raubtieren herausgebildet. Die Wölfe rudeln sich im Winter zu großen Scharen zusammen, um zur Zeit der Hungersnot auch stärkeren Tieren zu Leibe zu gehen. Sie greifen dann gemeinsam Rentiere, Hirsche und Wildschweine an, ohne Rücksicht darauf, daß der Kampf zahlreiche Opfer unter ihnen fordert. Hier heißt es: „Einer für alle und alle für einen“, um den harten Kampf des Daseins zu bestehen. Bei ihren Raubzügen gehen die Wölfe bisweilen planmäßig vor und verteilen die Rollen. Ein Teil hetzt und verfolgt die Beute, während der andere Teil ihr den Weg abzuschneiden sucht.
Der afrikanische Hyänenhund hetzt wie eine Parforcejagdmeute das Wild zu Tode. Die Hunde leben in Rudeln von etwa 30 bis 60 Stück und ziehen gemeinsam auf Beute aus. Bei der Hetze, die mit ständigem Lautgeben, das ein Gemisch von Bellen und Heulen ist, begleitet wird, entwickeln die Hunde eine gewaltige Ausdauer und Schnelligkeit. Selbst die schnellste Antilope wird verfolgt, bis sie vor Erschöpfung zusammenbricht oder sich stellt. Mag es der wehrhaften Säbelantilope auch gelingen, die ersten Angreifer mit ihren langen, speerartigen Hörnern zu erdolchen, ihr Schicksal ist besiegelt. Sie unterliegt trotz mutiger Verteidigung der Überzahl ihrer Feinde, die sie sofort in Stücke zerreißen und verzehren. Bei der Hetze eines schnellen Wildes, das die Kraft der Hunde auf eine harte Probe stellt, schneiden die hinteren Tiere des Rudels den Weg ab, sobald das verfolgte Tier einen Bogen macht oder Haken schlägt. Hierdurch verkürzen sie die Laufbahn und schonen ihre Kräfte. Haben sie das gehetzte Wild wieder erreicht, so übernehmen sie die unmittelbare Verfolgung, und die anderen bleiben zurück, um bei späterer Gelegenheit ebenso zu verfahren. Durch diesen Wechsel wird einer frühzeitigen Ermüdung der ganzen Meute vorgebeugt, und es bleiben immer frische Kräfte dem Opfer auf den Fersen.
Der Hyänenhund ist ein hochläufiger Wildhund von etwa 75 cm Schulterhöhe. Er ist weiß, schwarz und gelb gescheckt, indem bald die eine, bald die andere Farbe mehr hervortritt. Abweichend von allen anderen Hunden trägt der Hyänenhund an allen Füßen nur vier Zehen. Die mittellange Rute ist buschig. Der breite, kurzschnauzige Kopf mit den großen, hochstehenden Ohren ähnelt dem Kopf der Hyäne. Die Heimat des Hyänenhundes ist die Steppe Afrikas südlich der großen Wüste.
Etwas Ähnliches wie bei den Raubtieren finden wir auch unter den Vögeln, bei denen der Geselligkeitstrieb außerordentlich stark ausgeprägt ist. Schuhschnabel und Schlangenhalsvogel unternehmen gemeinsame Raubzüge und unterstützen sich planmäßig beim Fischfang. Beide Vogelarten sind sehr interessante Erscheinungen in der artenreichen Vogelwelt.
Der Schuhschnabel (Balaeniceps rex) ist ein den Reihern nahestehender Vogel mit dunkelbraunem Gefieder und einem höchst absonderlichen, plumpen Schnabel, der einem großen Holzschuh gleicht. Er lebt in dem Sumpfgebiet des Weißen Nils. Beim Fischfang vereinigen sich die Vögel zu mehreren und treiben, langsam im Wasser vorwärtsschreitend, die Fische allmählich nach seichten Stellen, wo sie dann leicht erbeutet werden können. Auf großen Wasserflächen kreisen sie die Fische regelrecht ein, indem sie sich in einem weiten Kreisbogen gruppieren und sich langsam nach der Mitte zu bewegen. Beim Abfischen von schmalen Flußläufen teilen sich die Schuhschnäbel in zwei Gruppen, die eine bewegt sich stromabwärts und treibt die Fische vor sich her, während die andere Gruppe ihren Kameraden stromaufwärts entgegenkommt, um die Fische zu fangen. Der Schuhschnabel übt also beim Fischfang regelrechte Treibjagden aus.
Der in Afrika und Asien heimische Schlangenhalsvogel (Anhinga) gehört zu den Kormoranen und bewohnt in mehreren Arten Amerika, Australien und Asien. Der Vogel zeichnet sich durch einen sehr langen, dünnen, beweglichen Hals aus, auf dem ein sehr kleiner, spitzer Kopf mit spitzem Schnabel sitzt. Da der Hals mit dem kleinen Kopf einer Schlange ähnlich ist, führt der Vogel den Namen Schlangenhalsvogel. Die Schlangenhalsvögel sind vortreffliche Schwimmer und Taucher. Sie bilden beim Fischen große Gesellschaften von vielen Hunderten. Der vordere Teil der Vogelschar fischt unter Wasser, der hintere Teil folgt im Fluge über dem Wasserspiegel. Dann überholen die fliegenden Vögel ihre unter Wasser fischenden Kameraden, tauchen vor ihnen in die Flut, und die anderen erheben sich aus dem Wasser, um nun den Kameraden, die sie ablösten, im Fluge zu folgen. So wälzt sich der Strom der Schlangenhalsvögel abwechselnd tauchend und fliegend als eine lange Masse über und unter dem Wasser dahin, und es unterliegt keinem Zweifel, daß diese eigenartige Sitte den Zweck hat, den Fischfang zu begünstigen. In dem gemeinsamen Fischfang des Schuhschnabels und Schlangenhalsvogels prägt sich ein wirklich soziales Leben aus, in dem sich die Vögel gegenseitig helfen und unterstützen.
Ein derartig soziales Leben ist aber eine Ausnahme in der Vogelwelt. Zwar leben die meisten Vögel sehr gesellig, ohne daß jedoch hierbei das Prinzip der Arbeitsteilung und gegenseitigen Hilfe, was den Sozialismus kennzeichnet, zum Ausdruck kommt. Die Vergesellschaftungen der meisten Vögel sind lediglich eine Folge ihres stark entwickelten Geselligkeitstriebes.
Der Storch nistet gern in Gesellschaft seinesgleichen. Der Star und der Sperling bilden in der Brutzeit mit Vorliebe kleinere oder größere Kolonien, und die artenreiche Gruppe der Prachtfinken, der Astrilden und Amadinen, leben stets sehr gesellig. Wie groß ihre Liebe zur Geselligkeit ist, kann man am besten beobachten, wenn man die reizenden, buntfarbigen Vögel in Gefangenschaft hält. Dichtgedrängt, einer neben dem anderen, sitzen sie in langer Reihe da, wenn sie der Ruhe pflegen, und schmiegen sich eng zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen und durch Krauen mit dem Schnabel im Gefieder zu liebkosen. Die Webervögel bilden große Scharen, die nach Hunderten und Tausenden zählen. Ihre kunstvollen Nester hängen in Massen beisammen.
Die Flamingos bevölkern in gewaltiger Menge die Lagunen, wo ihre tellerförmigen Schlammnester weite Strecken bedecken.
Der Hang der Vögel zur Geselligkeit tritt am meisten auf den großen Wanderungen der Zugvögel hervor. Finkenartige Vögel vereinigen sich zu Hunderten in großen Schwärmen. Die Störche erhalten auf ihrem Reiseweg von allen Seiten neuen Zuwachs, so daß schließlich die Schar gewaltig zunimmt. Goldhähnchen und andere Kleinvögel gesellen sich zu Tausenden zusammen, auch unser Star, der die Gesellschaft über alles liebt, bildet auf dem Zuge große Massenflüge. Der Kranich, der bei uns in Deutschland und auch in anderen Gegenden ein recht seltener Vogel geworden ist, bevölkert in der Winterherberge, dem Gebiet des Weißen Nils, in zahlloser Menge die schimmernden Inseln des heiligen Stromes. Die Vögel stehen häufig Kopf an Kopf, so dicht gedrängt, daß kaum noch ein Zwischenraum bleibt. Unter sie mischen sich mit Vorliebe die kleineren Jungfernkraniche, die hier ebenfalls überwintern. Eine Vereinigung mehrerer Vogelarten auf dem Zuge ist jedoch im allgemeinen eine Ausnahme. In der Regel wandern die einzelnen Arten gesondert. Andere Vögel begnügen sich damit, auf dem Zuge nur kleinere Gesellschaften zu bilden, wie es z. B. die Wildtauben tun, die ich auf der Kurischen Nehrung immer nur in Flügen von etwa 7 bis höchstens 15 Stück wandern sah. Auch die Raubvögel, die mehr ein einsames Dasein führen oder paarweise leben, ziehen bisweilen gesellig. So wurden große Flüge von wandernden Bussarden, Abendfalken, Sperbern und Eulen beobachtet. Besonders die Waldohreule liebt es, im Winter kleinere oder größere Trupps zu bilden.
Ebenso wie die eigentlichen Zugvögel schweifen auch die Strichvögel im Winter gemeinsam umher. Jedem sind ja die Scharen von Meisen bekannt, die häufig unter Führung eines großen Buntspechts unsere Wälder in der kalten Jahreszeit durchstreifen. Die Meisentrupps bestehen meist aus mehreren Arten: Kohlmeisen, Blaumeisen und Sumpfmeisen, zu denen sich hin und wieder noch Goldhähnchen und Baumläufer gesellen. So zieht eine bunte und lustige Gesellschaft durch den schneebedeckten Winterwald.
Wie wir schon gesehen haben, vollführen nicht nur die Vögel, sondern auch andere Tiere, Säugetiere, Fische und Insekten, große Wanderungen. Auch hier findet stets eine Vergesellschaftung statt. Es scheint dem Tier ebenso zu gehen wie dem Menschen, auf der Wanderung liebt es die Geselligkeit. Es wandert sich zu mehreren leichter als einsam, und dies Gefühl mag auch das Tier haben. Ein wirklich praktischer Nutzen ist in der gemeinsamen Wanderung der Tiere kaum zu erkennen, im Gegenteil, ihre Anhäufung auf engem Raum muß ihre Ernährung beeinträchtigen. So können wir die Ursache zur Schwarmbildung nur in psychischen Momenten erblicken. Das einzelne Individuum fühlt sich offenbar unbehaglich, wenn es seine Heimat verläßt und neue, weit entfernte, unbekannte Gegenden aufsucht. Es wähnt sich sicherer in Begleitung zahlreicher Artgenossen, die die Gefahren der Reise mit ihm teilen.
Die gemeinsame Reise bietet ferner den Vorteil, daß die älteren Tiere, die den Weg schon wiederholt zurückgelegt haben und ihn daher kennen, die jungen Individuen leiten. Doch darf diesem Umstand nicht allzuviel Wert beigelegt werden, denn aus der Vogelzugforschung wissen wir, daß bei den einsam wandernden Arten, wie z. B. vielen Raubvögeln und dem Kuckuck, der junge Vogel ohne jede Führung die Winterherberge zu finden weiß, was offenbar auf einem angeborenen Richtungssinn beruht, worüber in dem Abschnitt, der die Tierwanderungen behandelt, schon ausführlich gesprochen wurde. So kommt man immer wieder darauf zurück, daß es hauptsächlich ein seelisches Verlangen ist, das die Tiere auf ihren Wanderungen zusammenschart; es ist der Geselligkeitstrieb, der zur Reisezeit in der Tierseele erwacht.
In Afrika lebt ein kleiner, etwa wachtelgroßer Regenpfeifer, der nach seiner absonderlichen Freundschaft mit dem Krokodil den Namen Krokodilwächter (Pluvialis aegyptius) trägt. Dieser harmlose Vogel hat sich mit dem ungeschlachten Krokodil vergesellschaftet. Er läuft unbesorgt auf dem Panzer des gefährlichen Reptils umher, um die daran haftenden Wasserinsekten und Würmer abzulesen und zu verspeisen. Ja er scheut sich sogar nicht, in den gewaltigen, aufgesperrten Rachen seines riesigen Freundes zu schlüpfen und die Blutegel, die sich an dessen Zahnfleisch angesaugt haben, als willkommenen Leckerbissen zu verzehren. Da kommt es bisweilen vor, daß das Krokodil seinen Rachen schließt. Der kleine Wicht duckt sich dann ganz ruhig in dem gefährlichen Gefängnis nieder und wartet, bis das Krokodil wieder den Rachen aufsperrt und seinen Wohltäter befreit. Der Vogel versteht es, mit großer Gewandtheit und Vorsicht sich vor den Bissen des Krokodils zu schützen. Vielleicht hat aber auch das Krokodil ein gewisses Gefühl für die Wohltaten des Vogels und vermeidet es, diesem ein Leid zuzufügen. Die innersten Regungen und Vorgänge in der Tierseele sind uns ja noch so wenig bekannt, daß es unendlich schwer ist, eine zutreffende Erklärung für derartige eigenartige Erscheinungen des Tierlebens zu geben. Die Wissenschaft hilft sich in solchen Fällen damit, von angeborenen, automatischen Triebhandlungen zu sprechen, die ohne Zweifel die Handlungen der Tiere in hohem Maße beeinflussen. Aber schließlich kann man nicht alles damit erklären. Wir können eben letzten Endes das Tier nicht fragen, und so werden viele Vorgänge vielleicht in ein ewiges Dunkel gehüllt bleiben. Das „Ignorabimus“ eines Du Bois hat vielleicht auch hier Gültigkeit.
Das Krokodil genießt aber noch einen zweiten Vorteil von dem Zusammenleben mit dem Vogel. Dieser ist sehr schreckhaft und läßt bei jeder verdächtigen Gelegenheit seinen Warnruf erschallen, der für das Krokodil ein Signal zur Flucht geworden ist. Es taucht sofort unter, wenn es die Stimme des Vogels vernimmt, um sich in Sicherheit zu bringen. Nach dieser Wirkung seiner Stimme, der sich der Vogel freilich nicht bewußt ist, hat er den Namen „Krokodilwächter“ erhalten.
Beide Tiere, sowohl der Vogel wie das Krokodil, haben von dem Zusammenleben einen unverkennbaren Vorteil. Der Vogel findet seine Nahrung an der Echse, und diese wird dadurch von den lästigen Schmarotzern befreit und zugleich durch die Stimme des Vogels vor Gefahren gewarnt. Wissenschaftlich nennt man eine derartige Gemeinschaft zweier verschiedener Tierarten, die auf einem gegenseitigen Nutzen beruht, Symbiose.
Eine Symbiose besteht ferner zwischen den Madenhackern, afrikanischen Starvögeln, und dem Elefanten, dem Nashorn sowie den Wiederkäuern. Die Vögel lesen diesen Tieren das Ungeziefer von der Haut ab.
Ein besonders eigenartiger Fall von Symbiose ist die Freundschaft eines kleinen indischen Fisches (Amphiprion percula) mit einer großen Aktinie (Discosoma). Der Fisch hält sich zwischen den langen Fangarmen der Aktinie auf und flüchtet sogar, wenn er sich bedroht fühlt, in den Innenraum des Hohltiers. So fühlt sich der kleine buntgefärbte Fisch ganz sicher unter dem Schutz der Aktinie und dankt ihr die Gastfreundschaft dadurch, daß er sie mit Nahrung versieht. Er schiebt ihr diese in den Schlund.
Die Korallenfische leben in den Korallenriffen und suchen bei Gefahr Schutz in den Korallenästen. Die Korallen haben jedoch keinen Vorteil von der Gemeinschaft mit den Fischen, sondern lediglich die letzteren. Man nennt diese Lebensgemeinschaft mit einseitigem Nutzen „Parökie“.
Eine andere Art der Vergesellschaftung ist die Synökie. Hier wohnt ein Tier auf oder in einem anderen, ohne daß hieraus dem Wirtstier ein Nutzen oder Schaden erwächst. Dieses gibt nur dem Partner die Wohnung. Der Nadelfisch (Fierasfer acus), der im Mittelmeer lebt, bewohnt die zu den Aktinien gehörenden Seegurken. Der Fisch schlüpft in dem Augenblick, wo die Seegurke ihre Kloake zur Wasseratmung öffnet, mit dem Kopf in diese hinein und dreht sich dann schnell um, so daß er mit dem Kopf vor der Kloakenmündung liegt. Hier verbringt er den Tag, um nachts seine Behausung zu verlassen und Nahrung zu sich zu nehmen, die aus kleinen Meerestieren besteht, welche durch die Exkremente der Seegurke angelockt werden. Der Seegurke erwächst von ihrem „Aftermieter“ kein Schaden. Der Nadelfisch ist ein kleiner, etwa 14 mm langer Fisch mit glatter, schuppenloser Haut.
Eine andere Familie der Fische, die Schiffshalter (Echeneis), haben auf dem Oberkopf eine große längliche Saugscheibe, mit der sie sich an andere größere Fische festsaugen und von diesen umhertragen lassen. So unternimmt der Fisch weite Reisen, die ihn sogar in fremde Weltmeere führen.
Die Schiffshalter bewohnen in etwa 10 Arten die warmen Meere der ganzen Welt, eine Art der Schildfische (Echeneis remora) kommt auch im Mittelmeer vor. Die Fische saugen sich auch an Seeschildkröten, ja sogar an leblose Gegenstände, wie Schiffskörper, an. Die Eingeborenen Afrikas benutzen die Schiffshalter zum Fang von Seeschildkröten. Sie binden den Fisch an eine lange Leine und lassen ihn an Stellen, wo Seeschildkröten häufig sind, im Wasser schwimmen, wo der Fisch sich bald an eine Schildkröte festsaugt, die dann zusammen mit dem Fisch an der Leine herausgezogen wird.