Wir haben von Goethe viele Bilder: sehr verschieden wirken sie auf uns. Und ebenso verschieden sind die Schilderungen Derer, die ihm in seinem Stadthause aufwarteten. Die Einen fanden ihn sehr groß, die Andern „keineswegs von hervorragender Größe.“ Die Einen erblickten ein Ideal männlicher Schönheit, die Andern wissen nichts davon zu berichten. Manche fanden ihn, wie sie ihn sich gedacht hatten; Andere sagten, er sehe aus wie ein Forstmeister, ein Gutsbesitzer oder ein Großkaufmann. Den Einen erschien er überaus sympathisch, mit einem einzigen Blicke Liebe und Verehrung erweckend; Andern war er „ein langer, alter, eiskalter Reichsstadtsyndikus,“ und sie atmeten auf, wenn sie seine Eisluft hinter sich hatten.
So verschieden sehen die Menschen durch ihre Gefühle hindurch! Aber Goethe war auch nicht immer der Gleiche. Groß erschien er, wenn er sich recht steif und gerade hielt und würdig auftrat, und Das pflegte er Fremden gegenüber zu tun; in Wirklichkeit war er nicht so groß, wie wir ihn uns gern denken. Nach einer Marke im Gartenhause, die für sein Maß gilt, würden wir ihm für seine jungen Jahre 1,77 m zuschreiben.[7] Und seine Schönheit hing sehr von den Stimmungen ab; in erhöhten Stunden sahen seine Bewunderer in ihm einen Apollo oder Jupiter; kritische Betrachter dagegen bemerkten einige Pockennarben im Gesicht, sahen, daß sein linkes Auge größer war oder höher saß als das rechte, daß die Nase schief gegen die Stirne stand, daß der zahnlose Mund eingefallen und beim Reden unschön war, daß er gelbe Zähne hatte. Sie fanden, daß seine Beine zu kurz seien; in seinen fünfziger Jahren war er auch übermäßig dick. Sicherlich war der Jüngling und der Greis erheblich schöner als der Mann im mittleren Alter.
Ein Bild des jungen Mannes entwarf ein langjähriger Diener: „Als ich bei ihm kam, mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen mögen.“ Gleim bemerkte um die gleiche Zeit „außer einem Paar schwarzglänzender italienischer Augen, die er im Kopfe hatte,“ nichts Auffallendes.
Oberthür aus Würzburg glaubte schon im 28jährigen Goethe „einen tief denkenden, ernsthaften, kalten Engländer dem Kleide und der Miene nach“ zu sehen; den „lustigen, launigten, auch ein wenig mutwillig-lustigen Gesellschafter,“ von den man redete, hätte er in diesem Manne nie erraten. „Nach und nach merkte ich, daß der Dichter sich noch mehr in sich selbst zurückzog, stille wurde, ernsthaft und kalt wie in einem englischen Spleen dastunde.“ Immer wieder werden seine Augen hervorgehoben. „Das weiß ich, daß in seinen großen, hellen Augen der ganze Goethe strahlte“ schreibt die Tochter der Karschin, und der junge Schauspieler Iffland: „Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen ist.“
Schiller urteilte 1788:
Er trägt sich steif, geht auch so, sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll, und man hängt mit Vergnügen an seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett und schien mir viel älter auszusehen, als er es sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm.
Die Dichterin Friederike Brun schilderte ihn, wie er 1795 in Karlsbad zu ihr kam.
Anspruchsloser, wie er es ist, in seinem Reden und Schweigen, in seinem Gehen und Stehen, ist es unmöglich zu sein. Sein Gesicht ist edel gebildet, ohne gleich einen inneren Adel entgegen zu strahlen; eine bittere Apathie ruht wie eine Wolke auf seiner Stirn. Bei einem schönen männlichen Wuchse fehlt es ihm an Eleganz, und seinem ganzen Wesen an Gewandtheit.
Sie versuchte, wie viele andere Frauen und auch wohl Männer, die Gestalten seiner Dichtungen oder den Verfasser dieser Dichtungen in ihm zu erkennen. Zunächst sah er nur wie der Urheber des ‚Wilhelm Meister‘ aus; bei weiterem Umgang sah sie aber auch den Faust, den Werther und Egmont hervorleuchten; nur bis zu Tasso und Iphigenie stieg er nicht empor. Einmal sah er leibhaftig aus wie Faust. „Bald glaubte ich ihn auf dem Faß zu sehen, und dann glaubte ich wieder, der Gottseibeiuns würde ihn auf der Stelle holen.“
Dies waren schon die Jahre, wo seine Dickigkeit das Bild verdarb und auch häufige Kränklichkeit und viel Hypochondrie sich abzeichneten. Später aber entstand eine neue Schönheit. Den älteren Mann scheint der schon genannte Mediziner v. Weltzien 1820 sehr unparteiisch zu zeichnen:
Sein Gesicht hat ungeachtet der tiefen Furchen und Runzeln, die zweiundsiebzig Lebensjahre hineingegraben haben, einen außerordentlichen Ausdruck, den ich aber ganz anders fand, als ich erwartete: nichts von Arroganz, nichts von Menschenverachtung, sondern etwas ganz Unnennbares, wie es Männern eigen zu sein pflegt, die durch vielfältige Erfahrungen und Schicksale und gleichsam im Kampf durch das Leben gegangen sind und nun im Gefühl ihrer wohlerhaltenen Integrität mit beneidenswerter Gemütsruhe der Zukunft entgegensehen. In diesem Ausdrucke mischt sich bei Goethe ein unverkennbarer Zug von Herzensgüte und zugleich ein andrer von besiegter ehemaliger Leidenschaftlichkeit, welche noch in dem unsteten Wesen seines Blicks sich offenbart. Diesem Ganzen verleiht das graue Haar einen noch größeren Zauber.
Ganz ähnlich scheint Goethe selber über sein Aussehen gedacht zu haben, denn 1818 schreibt er in dem Aufsatze ‚Antik und modern‘:
Ein geübter Diplomat, der meine Bekanntschaft wünschte, sagte, nachdem er mich bei dem ersten Zusammentreffen nur überhin angesehen und gesprochen, zu seinen Freunden: Voilà un homme qui a eu de grands chagrins! Diese Worte gaben mir zu denken. Der gewandte Gesichtsforscher hatte recht gesehen, aber das Phänomen bloß durch den Begriff von Duldung ausgedrückt, was er auch der Gegenwirkung hätte zuschreiben sollen. Ein aufmerksamer, guter Deutscher hätte vielleicht gesagt: Das ist auch Einer, der sich’s hat sauer werden lassen!
In den Tagebüchern des Grafen Platen finden wir eine Schilderung von 1821:
Er ist sehr groß, von starkem, aber nicht in’s Plumpe fallendem Körperbau. Bei seiner Verbeugung konnte man ein leichtes Zittern bemerken. Auch auf seinem Angesichte sind die Spuren des Alters eingeprägt. Die Haare grau und dünn, die Stirn ganz außerordentlich hoch und schön, die Nase groß, die Formen des Gesichts länglich, die Augen schwarz, etwas nahe beisammen, und wenn er freundlich sein will, blitzend von Liebe und Gutmütigkeit. Güte ist überhaupt in seiner Physiognomie vorherrschend.
Platen fährt fort: „Bei der Feierlichkeit, die er verbreitet, konnte das Gespräch nicht erheblich werden,“ und der Theologe Stickel berichtet von seinem Besuche 1827: „Unwillkürlich verneigte ich mich so tief wie sonst noch vor keinem Sterblichen; eine innere Gewalt beugte mich nieder.“
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Ebenso wie in Haltung und Auftreten, so war Goethe auch in der Kleidung das volle Gegenteil Friedrichs des Großen, von dessen verschabtem blauen Rock und buckliger Gestalt er einmal spricht. Zwar in jungen Jahren legte auch er wenig Wert auf seine Kleidung, und namentlich fragte er nicht nach Mode oder Sitte und erregte dadurch in Frankfurt oft Anstoß. Wo alle andern in feierlichen Kleidern erschienen, war er nachlässig gekleidet; „er ist ganz sein, richtet sich nach keiner Menschen Gebräuchen“ schreibt der Maler Kraus 1775 von ihm. Daß er im Hause der vermeintlichen Schwiegermutter Schönemann elegant und modisch auftreten sollte, um zu ihrem Vermögen, ihrer Geselligkeit und ihren Möbeln zu passen, behagte ihm gar nicht; lieber ließ er sich von den Freunden Bär oder Hurone oder Westindier schelten. Am liebsten ging er in grauem Biberfrack mit lose geschlungenem braunseidenem Halstuch.
Als er dann im Frühjahr 1775 seiner Braut und ihrer Mutter mit den Grafen Stolberg entfloh, trugen sie alle „Werther-Uniform“, d. h. blauen Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste, Lederhose und Stulpenstiefel; namentlich die Stiefel waren ganz gegen die damalige Kleiderordnung, die in besserer Gesellschaft seidene Strümpfe und Schuhe vorschrieb. Auch nach Weimar kam er in dieser Kleidung. Das Naturburschentum war damals Mode, und Goethe war ein Führer dieser Mode. Er entsetzte die Damen durch sein Fluchen bei Tische, brauchte gern unanständige Ausdrücke und machte sich nichts daraus, wenn sein Lieblingswort „Kerl“ Anderen nicht gefiel. Aber bald übernahm er Ämter und Pflichten, und zu gleicher Zeit kam er in die Erziehung der geliebten Charlotte v. Stein; er ward an sich haltender, auf seine äußere Erscheinung bedachtsamer. Auf einem Schattenbilde von 1778 sehen wir ihn mit Haarbeutel, Spitzenkrause, eng anliegendem Rock, der bis über die Knie reicht, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen. Matthisson schildert ihn 1783 als „stattlichen Mann in goldverbrämtem blauem Reitkleid.“ Johanna Schopenhauer verliebte sich ein wenig in den berühmten Dichter, als er ihr im Herbst 1806 bei ihrem Eintritt in Weimar die Ehre erwies, sie häufig zu besuchen. Trotzdem sind ihre Schilderungen seiner Person zuverlässig genug.
Er ist das vollkommenste Wesen, das ich kenne, auch im Äußeren. Eine hohe, schöne Gestalt, die sich sehr gerade hält, sehr sorgfältig gekleidet, immer schwarz oder ganz dunkelblau; die Haare recht geschmackvoll frisiert und gepudert, wie es seinem Alter ziemt, und ein gar prächtiges Gesicht mit zwei klaren braunen Augen, die mild und durchdringend zugleich sind. Wenn er spricht, verschönert er sich unglaublich.
Ein ausdrucksvolleres, mobileres Gesicht habe ich nie gesehen. Wenn er erzählt, ist er immer die Person, von der er spricht. Der Ton seiner Stimme ist Musik. Jetzt ist er alt, aber er muß schön wie ein Apoll gewesen sein.
Goethe wechselte offenbar gern zwischen sehr schlichten und sehr feinen Anzügen. Die Freunde sahen ihn im Alter öfters in Hemdsärmeln sitzen, wenn der Tag heiß war, oder im Winter im dicken wollenen Wams behaglich an seinem geliebten breiten Ofen stehen. Selbst am Mittagstisch saß er im Sommer zuweilen in Hemdsärmeln. Er empfing auch wohl Freunde im weißen flanellenen Schlafrock, und wenn ihn in diesem Kostüm gerade ein Bruder Napoleons überraschte, brachte ihn Das auch nicht in Verlegenheit. Aber wo er sich vorbereiten konnte, ließ er sich doch standesgemäß ankleiden. Weltzien notiert 1820: „Ganz in Gala, schwarzer, feiner Frack, worauf der große Stern des Falkenordens prangte, schwarze Pantalons nebst Stiefeln, eine weiße Weste und sehr feine Manschetten, so daß ich nicht begreifen konnte, wie ein Mann in solchem Alter sich zu Hause solchen Zwang antut.“ Da hatte ihm Goethe eben nicht gesagt, daß er den Großherzog erwarte. Gustav Carus erwähnt 1821: „blauen Zeugüberrock, kurzes, etwas gepudertes Haar.“ Der Pole Odyniec sah 1829 „einen dunkelbraunen, von oben herab zugeknöpften Überrock, auf dem Halse ein weißes Tuch, das durch eine goldene Nadel kreuzweis zusammengehalten wurde, keinen Kragen.“ In zwei verschiedenen Gestalten erschien er 1826 dem Dichter Grillparzer. Zuerst in einer großen Gesellschaft: „schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung trat er unter uns, wie ein Audienz gebender Monarch.“ Ein paar Tage später gingen sie im Hausgarten auf und ab, und Goethe war viel gemütlicher und herzlicher:
Sein Anblick in dieser natürlichen Stellung, mit einem langen Hausrock bekleidet, ein kleines Schirmkäppchen auf den weißen Haaren, hatte etwas unendlich Rührendes. Er sah halb wie ein König aus und halb wie ein Vater.
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„Und schreien kann er wie 10000 Streiter“ schreibt Felix Mendelssohn in der Übertreibung, die die Jugend liebt; „einen ungeheuren Klang der Stimme hat er.“ Schwerhörige dagegen klagten, daß Goethe zu leise spräche und, wenn er ihnen zu liebe die Stimme erhöbe, sie doch sogleich wieder sinken ließe. Alle Berichte sagen, daß Goethes Stimme ein sehr wohlklingender Baß gewesen sei und daß er rezitierend oder deklamierend großen Eindruck machte. Uns Heutige würde es vielleicht stören, daß der berühmte Dichter, ebenso wie Schiller und fast alle Zeitgenossen, seine heimatliche Mundart nie ganz aufgab. Eine Schulsprache gab es damals noch nicht, und ebensowenig hatte das Theater die Deutschen in dieser Hinsicht schon einiger machen können. So sprach Goethe, wenn er sich gehen ließ, „frankfortsch“, und dem Berliner, der sich über das Berlinische seiner Landsleute nicht wunderte, fiel das natürlich auf. So dem Dr. Parthey, der am 28. August 1827 mit August Goethe nahe der Tür eines Zimmers stand, in dem der Dichter die Fürstlichkeiten, die ihm zum Geburtstag gratulierten, empfing. Goethe trat plötzlich heraus und sagte eilig zu seinem Sohne im echtesten Frankfurter Dialekte: „August, der König von Bayern will ä Glas Wasser habbe!“ –
„Man soll sich sein Recht nicht nehmen lassen“ meinte Goethe zu Jakob Grimm; „der Bär brummt nach der Höhle, in der er geboren ist“.
[7] 1,74 m gibt Kuhn in seinem Buche ‚Aus dem alten Weimar‘ (Wiesbaden, 1905) an; er stützt sich auf die Berechnungen eines Anatomen und eines Schneidermeisters aus Goethes erhaltenen Kleidern, gibt also die Zahlen für das Alter. Danach maß Goethe ferner von der Mitte bis zur Fußsohle 97 cm; die vordere Armlänge war 57 cm, der Brust- und Rückenumfang 113 cm, der Umfang der Mitte 126 cm, die Schulterbreite 12 cm, der Kopfumfang 60 cm.