V.
Fürsten und Vornehme.

Verhältnisse zu Fürsten

Die Tadler Goethes berichten, daß er gegen Fürstlichkeiten zu devot, daß er ein Fürstenknecht gewesen sei. Es war Vielen nicht recht, daß der Dichter des „revolutionären“ Götz über fünfzig Jahre einem Fürsten diente und als Hofmann das höfische Zeremoniell getreulich mitmachte. Als im Beginn der französischen Revolution auch in Deutschland Viele, und nicht die Schlechtesten, eine gründliche Zerstörung des Alten und einen herrlichen neuen Aufbau erhofften, da war es ihnen verdrießlich, daß Goethe nicht mit ihnen ging daß er vielmehr seinen Herzog in den Krieg gegen die Franzosen wie zu einem Vergnügen begleitete und auch nachher die Freiheitsapostel verspottete. Und als nach der endlichen Niederwerfung Napoleons die Frei- und Deutschgesinnten einen sehr schwierigen und gefährlichen Kampf gegen die Zwingherren-Gelüste der Fürsten und Minister führten, da schmerzte es dies jüngere Geschlecht, daß der geistige König Deutschlands kühl abseits stand. Aber Goethe war nun einmal nicht umstürzlerisch oder auch nur demokratisch gesinnt; er glaubte nicht an Verfassungen, Preßfreiheit und Mehrheitsweisheit; er war durchaus Aristokrat und Monarchist. Und was seine Ministertätigkeit angeht, so konnte er mit Recht fragen: „Diene ich denn etwa einem Tyrannen? einem Despoten? Diene ich etwa einem Solchen, der auf Kosten des Volkes seinen eigenen Lüsten lebt? Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns!“

Ob der heutige Betrachter Goethes politische Ansichten teilt oder nicht: Jeder muß anerkennen, daß er sich um die Gunst der Fürsten nicht eben viel bemüht hat. Er wurde durch sein nahes Verhältnis zu Karl August mit vielen fürstlichen Personen bekannt; er pflegte solche Bekanntschaften aber sehr wenig und erwarb sich denn auch an den Höfen nicht den zehnten Teil der Gunst, die etwa sein Gegner Kotzebue gewann. Karl August war mit der königlichen Familie von Preußen und mit dem Herzoge von Braunschweig nahe verwandt; auf Goethe senkte sich kein Gnadenzeichen aus jenen Fürstenhäusern; man ließ ihn eher Abneigung spüren. Mit einigen benachbarten Fürsten hatte er in jüngeren Jahren eine gewisse Freundschaft; aber auch Das schlief ein. Seine politische Gesinnung hatte er nicht den Mächtigen zu Gefallen. Mehreren Monarchen war er zu aristokratisch, zu konservativ gesinnt, z. B. dem edlen Herzog Ernst von Gotha-Altenburg und seinem Bruder August. Auch der andere vortrefflichste Landesvater im damaligen Deutschland, Franz von Dessau, erklärte, als man ihn fragte, warum er nicht öfter mit Goethe verkehrt habe: Dieser sei ihm zu vornehm, zu höfisch gemessen gewesen, manchmal unangenehm schweigsam. „Auch spürte ich im Allgemeinen etwas von Inhumanität an ihm.“

Goethe hat den Kaiser Napoleon ehrlich bewundert; er hat die kranke junge Kaiserin Maria Ludowika von Österreich wie ein zärtlicher Vater geliebt; im Alter hat er dem kunstbegeisterten König Ludwig von Bayern mit Freude und Hoffnung zugesehen; im übrigen spielten die Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten in seinem Innern keine große Rolle – immer abgesehen von der weimarischen Fürstenfamilie, mit der sein Leben verbunden war. Vielleicht hatte er im Alter eine Schwäche für Orden; aber er war doch schon 59 Jahre alt und bereits seit 32 Jahren ein hoher Staatsdiener, als er die erste Auszeichnung dieser Art bekam, und Diese schätzte er zumeist deshalb, weil Napoleon ihn damit zu ehren wünschte.

Im Jahre 1818 war die Witwe des russischen Kaisers Paul, die Mutter des regierenden Kaisers Alexander und der weimarischen Erbgroßherzogin, in Weimar. Ihr zu Ehren wurde bei Hofe ein Fest gegeben, zu dem Goethe seinen letzten „Maskenzug“ dichtete. Zu dieser Arbeit hielt er sich zumeist in Berka auf, so daß ihn die Kaiserin erst bei der Aufführung zu sehen bekam. Am letzten Tage ihrer Anwesenheit ließ sich Goethe bei ihr melden, um Abschied zu nehmen; er kam dann aber nicht, sondern ließ sich entschuldigen. Als Dies der Kaiserin gemeldet wurde, wandte sie sich zum Großherzog und sagte: „Nun, es freut mich doch, daß ich Goethe wenigstens einmal gesprochen habe und daß er sich gegen mich so freundlich und huldreich bezeigt hat.“ Karl August lächelte bei diesen Worten; sie sah es und fuhr fort: „Ich sage Das nicht ohne Absicht, denn gewiß muß Jeder es für eine Huld erkennen, wenn Goethe gegen ihn freundlich ist.“

Als Eckermann im September 1827 seinen Meister auf die Höhe des Ettersberges begleitet hatte, blickte Goethe nach Westen, wo man über Erfurt hinaus das hochliegende Schloß Gotha entdecken konnte. „Ich bin dort nicht zum besten angeschrieben“ meinte der alte Dichter. „Als die Mutter des jetzt regierenden Herrn noch in hübscher Jugend war, befand ich mich dort sehr oft. Ich saß eines Abends bei ihr allein am Teetisch, als die beiden zehn- bis zwölfjährigen Prinzen, zwei hübsche blondlockige Knaben, hereinsprangen und zu uns an den Tisch kamen. Übermütig, wie ich sein konnte, fuhr ich den beiden Prinzen mit meinen Händen in die Haare mit den Worten: „Nun, ihr Semmelköpfe, was macht ihr?“ Die Buben sahen mich mit großen Augen an, im höchsten Erstaunen über meine Kühnheit – und haben mir es später nie vergessen.“

Stolz und Untertänigkeit

Und der Alte fuhr fort: „Ich hatte vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher, wenn nicht zugleich eine tüchtige Menschennatur dahinter steckte, nie viel Respekt. Ja, es war mir so wohl in meiner Haut, und ich fühlte mich selber so vornehm, daß, wenn man mich zum Fürsten gemacht hätte, ich es nicht eben sonderlich merkwürdig gefunden haben würde. Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten Viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich!“

In diesem Bericht ist Einiges nicht glaubhaft. Daß Goethe nicht mehr nach Gotha kam, erklärt sich aus seinem hohen Alter und daraus, daß der dortige Herzog Friedrich ein schwerkranker Mann war; in gesunden Tagen war er gut Freund mit Goethe gewesen. Auch seinem vor ihm regierenden Bruder August, einem ebenso geistreichen wie wunderlichen Herrn, ist kein Schmollen wegen der „Semmelköpfe“ zuzutrauen; er machte vielmehr seine Witze auch über den „weimarischen Papst“, und so ging ihm Goethe lieber aus dem Wege. Noch weniger aber kann sich Goethe zu den Frankfurter Patriziern gerechnet haben, denn sein Großvater väterlicherseits war ein zugewanderter Schneider, der später Gastwirt wurde; die Vorfahren von der Mutter her waren Gelehrte und Beamte, aber auch keine Patrizier. Das stolze Selbstbewußtsein, mit dem sich Goethe nach Eckermanns Worten den Fürsten gleichsetzte, hatte er jedoch nicht selten. Oft fiel freilich auch das Gegenteil auf. Karl August soll den alten Freund wegen seiner untertänigen Förmlichkeit verspottet haben. Richtig ist, daß Goethe sich durch die Vergünstigungen, die ihm seine Freundschaft mit Karl August, sein weltberühmter Name, sein allgemein bewundertes Genie boten, nicht dazu verführen ließ, sich über die herkömmlichen Formen hinwegzusetzen, und daß er die untertänigen Wendungen der Hofsprache gebrauchte, auch gegen Karl August. Goethe hielt sich auch sonst streng an den Kurialstil. „Hochwürdige, Hoch-, Hochwohl- und Wohlgeborene und Hochedle“ redete er im Juli 1800 die Landschafts-Deputation des Fürstentums Weimar an, und er fährt fort: „Höchst- und Hochzuverehrende, auch Hochgeehrteste Herren! Nachdem ich, Endesunterzeichneter, das freie Lehngut zu Oberroßla, welches durch Serenissimi besondere Gnade neuerlich in ein rechtes Erblehn verwandelt worden, sub hasta erstanden und damit beliehen worden ...“ In solchen Dingen merkte man, daß Goethe eben noch vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts geboren war. Wer aber die devoten Formen jener alten Zeit beurteilen will, bedenke, wie genau Rechte und Pflichten zusammenhängen: der Eine hielt des Andern überlieferte Rechte heilig, damit auch seine eigenen unverletzlich blieben. Und weiter: Höflichkeit und Förmlichkeit sind Mauern, mit denen wir uns gegen lästige Vertraulichkeit und unerwünschte Zumutungen schützen. Karl August wußte „seine Leute zu plagen“: also war selbst gegen ihn einige Umständlichkeit am Platze.

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Der gebundene Leib

Ernst Moritz Arndt wollte Goethes Verhalten gegen Vornehme aus einem Körperfehler erklären.

In der herrlichen Goetheschen Mannesgestalt war doch eine Unangemessenheit; seine Beine waren um 6 bis 7 Zoll zu kurz. Daher hatte er etwas von Dem, was Albrecht Dürer in seiner Beschreibung der vollkommenen Menschengestalt einen gebundenen Leib nennt; es fehlte ihm körperliche Gewandtheit und Leichtigkeit ... Diese seine Beinverkürzung gab ihm wirklich eine etwas unbewegliche Steifigkeit, welche ein Unkundiger und Unwissender leicht als absichtliche Förmlichkeit und angenommene Vornehmigkeit hat deuten können. Ich möchte ferner behaupten, daß Goethe ... dieses Naturmangels seiner Schenkel frühe inne geworden ist, daß daher auch Das entsprungen ist, was in seinen Schriften öfters nicht angenehm auffällt; daß er in der Leichtigkeit und Beweglichkeit der körperlichen Haltung, wie sie jeder Jagdjunker und Kammerjunker unter Lakaien, Rossen und Jägern von Jugend auf gewinnt, oft etwas zu Männliches und Idealisches gesehen und es als Solches dargestellt zu haben scheint. In dem wirklichen Leben unter gewandten Weltleuten (Offizieren, Hofleuten) stand der große Mann daher ohne jenen Stolz, der ihm da wohl doppelt erlaubt gewesen wäre, fast mehr einem Untergeordneten gleich. Ich habe ihn selbst mit Erstaunen vor jungen Leutnanten aus freiherrlichen und gräflichen Geschlechtern mit einer gewissen steifen Verlegenheit stehen gesehen. Er fühlte sich vor solcher Ungebundenheit und Leichtigkeit offenbar mit seinem Körper verlegen und gebunden.

Arndt überschätzte gewiß die Wirkung des Wuchsfehlers, der übrigens auch bei Alexander dem Großen, Friedrich dem Großen, Napoleon, Mozart, Beethoven, Napoleon dem Dritten, Richard Wagner und anderen berühmten Leuten, den sog. Sitzriesen, festgestellt ist und den Homer auch seinem Odysseus zuschreibt. Aber es ist in der Tat aus jedem Lebensalter Goethes diese körperliche „Steifigkeit“ bezeugt; schon der kleine Knabe hielt sich überaus gerade und schritt „gravitätisch“ einher, und über den Sechsundzwanzigjährigen, in Weimar Eintretenden lesen wir: „seine steife Haltung, die enge Bewegung seiner Arme und sein Perpendikulargang fielen allgemein auf.“[8] Als Knabe und Jüngling hörte Goethe manchen Spott darüber. Aber wichtiger für sein Verhalten gegen Gewandtere ist doch der andere Umstand, daß er in Gesellschaft, unter Fremden sich innerlich unbeholfen fühlte. Insofern war ihm fast jeder Sprößling eines guten adligen Hauses im gesellschaftlichen Leben überlegen; also mußte Goethe an vielen vornehmen Leuten, die vielleicht wenig Gehalt hatten, eine höchst wünschenswerte Meisterschaft verehren.

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Hatte er „vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher nie viel Respekt“, so mochte er doch das Feine und Gute am aristokratischen Wesen gern genießen. Noch in seinem Todesjahre sprach er zu Eckermann einmal davon, wie sympathisch ihm ein echter Aristokrat sei, ein Mann wie Karl v. Spiegel, von dem gerade die Rede war. „Seine Abkunft kann er ebensowenig verleugnen als Jemand einen höheren Geist verleugnen könnte. Denn Beides, Geburt und Geist, geben Dem, der sie einmal besitzt, ein Gepräge, das sich durch kein Inkognito verbergen läßt. Es sind Gewalten wie die Schönheit, denen man nicht nahe kommen kann, ohne zu empfinden, daß sie höherer Art sind.“

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Karl August

Aus diesem Gepräge, das die Menschen durch ihre Abstammung haben, aus dieser angeborenen Gewalt des Aristokraten, die durch die Erziehung und den freien Weltüberblick des Wohlhabenden und Gesicherten noch gestärkt wird, erklärt sich zum Teil auch, warum Goethe, nachdem ihm Karl Augusts Fehler gar oft ärgerlich gewesen waren, sich und sein Schicksal diesem selben Karl August schließlich doch völlig anvertraute. „Ich leugne nicht: er hat mir anfänglich viel Not und Sorge gemacht“ erzählte er 1828. „Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald zum besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.“ Karl August erwies sich nach dem Ausgären eben gerade als geborener Fürst.

Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden und Jeden an seinen Platz zu stellen .... Er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen, war seine Hand immer bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches ... Und drittens: er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab ... Er sah überall selber, urteilte selber und hatte in allen Fällen in sich selber die sicherste Basis.[9]

Goethe fühlte, daß auch ihm, dem scheinbar so Selbständigen, die Anlehnung an diesen echten Fürsten zum Segen gereichte. Nach langer Besinnung über seine Vergangenheit und Zukunft und in großer räumlicher Entfernung, in Neapel, schrieb er 1787 an den Herzog:

Ich bin zu Allem und Jedem bereit, wo und wie Sie mich brauchen wollen ... Wie Sie mich bisher getragen haben, sorgen Sie ferner für mich! Und tun Sie mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf! Geben Sie mich mir selbst, meinem Vaterlande, geben Sie mich sich selbst wieder, daß ich ein neues Leben und ein Leben mit Ihnen anfange. Ich lege mein ganzes Schicksal zutraulich in Ihre Hände!

Und zehn Monate später wiederholt er:

Ich kann nur sagen: Herr, hie bin ich; mache aus deinem Knecht, was du willst. Jeder Platz, jedes Plätzchen, die Sie mir aufheben, sollen mir lieb sein. Ich will gerne gehen und kommen, niedersitzen und aufstehen.

Goethe erinnerte sich noch recht gut aller der Sprüchlein, die seine Landsleute in der freien Stadt Frankfurt über die Übel des Hoflebens und Fürstendienstes im Scherz und Ernst sagten, und er hatte manche dieser Übel am eigenen Leibe erfahren: dennoch schloß er diesen Bund auf Lebenszeit mit einem thüringischen Herzog. Und Beide hatten großen Vorteil davon. Karl August, den seine Lust am Reisen und am Soldatenleben viel außer Landes führte, wußte daheim stets einen treuesten Freund, vor dem er kein Geheimnis hatte, auf dessen Wahrhaftigkeit und guten Willen er stets rechnen konnte. Und Goethe behielt durch diese Freundschaft den Anschluß an das wirkliche und tätige Leben, bekam Einblick in vielfältige und große Verhältnisse, während er, wenn er nur seiner eigenen Natur gefolgt wäre, sich an ein abseitiges, abgesondertes Gelehrten-Dasein gewöhnt hätte, das vielleicht dem Leben seines Vaters gar zu ähnlich geworden wäre. Und Goethe freute sich geradezu, daß ihn der Herzog beeinflußte und lenkte. Er lasse sich leicht bestimmen, gestand er 1815 dem Altersfreunde Boisserée, und vom Herzog gern, denn Der bestimme ihn immer zu etwas Gutem und Glücklichem. Demselben Freunde sagte er: was die Verhältnisse mit Fürsten teuer und wert mache, sei das Beständige und Beharrliche darin, wenn einmal ein Vertrauen entstanden.

Goethe 1818.
Von Ferdinand Jagemann.
Karl August bei Goethe.
Von C. A. Schwerdgeburth.

Ihre höchste Feier erlebte diese Freundschaft, als Herzog Karl August fünfzig Jahre seiner Regierung und Goethe fünfzig Jahre seines Aufenthaltes in Weimar beendete. Mit dankbarer Lust rühmten da Beide einander. „Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden“ sagte Goethe im Frühjahr 1825 zu Eckermann, „und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber lügen müßte ich, wenn ich sagen wollte, ich wüßte einen einzigen Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hätte, etwas zu tun und auszuführen, das dem Lande zum Wohle gereichte und das geeignet wäre, den Zustand des Einzelnen zu verbessern. Für sich persönlich: was hat er denn von seinem Fürstenstande, als Last und Mühe! Ist seine Wohnung, seine Kleidung und seine Tafel etwa besser gestellt als Die eines wohlhabenden Privatmanns? ... Dieses sein Herrschen, was war es weiter als ein beständiges Dienen?“

Als dann der 3. September 1825 anbrach, Karl Augusts Jubeltag, trat ihm Goethe morgens um sechs Uhr vor dem ‚Römischen Hause‘ im Park entgegen: ein Chor sang eine von Riemer gedichtete Kantate, Goethe wollte dem Fürsten die auf den Tag geprägte Denkmünze überreichen, aber die Rührung gestattete ihm keine Worte. Der Fürst ergriff des alten Freundes Hände. „Bis zum letzten Hauch beisammen“ sagte er, und dann sprach er von Jugendtagen, von Ilmenau und Tiefurt, und wiederholte das Sprüchlein: „Nur Freundeslieb’ und Luft und Licht, Verzage nicht, wenn Das nur blieb!“ Und Goethe antwortete: „Dies Dreifache gab mir, was ich gegeben.“

Als dann am 7. November Goethes Ehrentag kam, schrieb Karl August einen herzlichen fürstlichen Brief an Goethe, in dem er „die Treue, Neigung und Beständigkeit“ des Jugendfreundes pries und deutlich bekannte: „Seinem umsichtigen Rat, seiner lebendigen Teilnahme und stets wohlgefälligen Dienstleistungen verdanke ich den glücklichen Erfolg der wichtigsten Unternehmungen, und ihn für immer gewonnen zu haben, achte ich als eine der höchsten Zierden meiner Regierung.“

Goethe sah, nachdem er den Brief empfangen, die Leute vor einer Mauer stehen, wo öffentliche Bekanntmachungen angebracht wurden. Er schickte seinen Großneffen Nicolovius hinunter, nachzusehen, was es sei. Als Dieser wiederkam und meldete, der Dank des Großherzogs an Goethe sei gedruckt und angeschlagen, rief der alte Dichter mit Freudentränen: „Das ist Er!“

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Ankämpfen gegen den Herzog

Tüchtige Menschen behalten, auch wenn sie ihrem Fürsten von Herzen ergeben sind, ihre eigene Ansicht der Dinge. Auch Goethe hat seinem Fürsten und Freunde unter vier Augen und in vertraulichen Briefen sehr oft deutlich widersprochen. „Mit dem Herzog gegessen“ heißt es am 19. Januar 1782 in seinem Tagebuche; „sehr ernstlich und stark über Ökonomie geredet und wider eine Anzahl falscher Ideen, die ihm nicht aus dem Kopfe wollen.“ Und ein andermal: „Conseil. Der Herzog zu viel gesprochen. Mit dem Herzog gegessen. Nach Tische einige Erklärungen über Zu-viel-reden fallen lassen, Sich-vergeben, Sachen in der Hitze zur Sprache bringen, die nicht geredet werden sollten. Auch über die militärischen Makkaronis [d. h. Liebe zu überflüssigem Militär].“ Oft kämpfte Goethe gegen des Herzogs Lust an Krieg und Soldaten, die so sehr ein Hemmnis für die Besserung der Staatsfinanzen war und den Fürsten seinem Lande zu entfremden drohte.

Die Kriegslust, die wie eine Art Krätze unsern Prinzen unter der Haut sitzt, fatigiert mich wie ein böser Traum, in dem man fort will und soll und einem die Füße versagen. Sie kommen mir wie solche Träumende vor, und mir ist es, als wenn ich mit ihnen träumte. Ich habe auf dieses Kapitel weder Barmherzigkeit, Anteil, noch Hoffnung und Schonung mehr.[10]

Goethes Briefe sind oft Meisterstücke feinster Diplomatie; seine Schreiben an Karl August zeigen, in welcher klugen Form er seinen Fürsten warnte, tadelte, ermahnte. Im Dezember 1784 war Karl August wieder einmal draußen im Reich; manche Leute daheim schalten laut über diese Reiselust, Goethe aber schreibt ihm, von sich selber redend, jedoch in Gedanken an des Fürsten Unruhe und Streben nach Neuem:

Mich heißt das Herz das Ende des Jahres in Sammlung zubringen. Ich vollende mancherlei im Tun und Lernen und bereite mir die Folge einer stillen Tätigkeit auf’s nächste Jahr vor und fürchte mich vor neuen Ideen, die außer dem Kreise meiner Bestimmung liegen. Ich habe deren so genug und zu viel; der Haushalt ist eng, und die Seele ist unersättlich.

Ich habe so oft bemerkt, daß, wenn man wieder nach Hause kommt, die Seele, statt sich nach dem Zustand, den man findet, einzuengen, lieber den Zustand zu der Weite, aus der man kömmt, ausdehnen möchte; und wenn Das nicht geht, so sucht man doch, soviel als möglich von neuen Ideen hereinzubringen und zu pfropfen, ohne gleich zu bemerken, ob sie auch hineingehen und passen oder nicht. Selbst in den letzten Zeiten, da ich doch jetzt selbst in der Fremde nur zu Hause bin, hab ich mich vor diesem Übel, oder wenn Sie wollen: vor dieser natürlichen Folge nicht ganz sichern können.

Es kostet mich mehr, mich zusammenzuhalten, als es scheint, und nur die Überzeugung der Notwendigkeit und des unfehlbaren Nutzens hat mich zu der passiven Diät bringen können, an der ich jetzo so fest hange.

Und als die Empörung der Untertanen über die vom Herzog am Ettersberge angesiedelten Wildschweine vorgetragen werden mußte, schrieb Goethe scharf und mild zugleich:

Auch die Jagdlust gönn’ ich Ihnen von Herzen und nähre die Hoffnung, daß Sie dagegen nach Ihrer Rückkunft die Ihrigen von der Sorge eines drohenden Übels befreien werden. Ich meine die wühlenden Bewohner des Ettersbergs. Ungern erwähn’ ich dieser Tiere, weil ich gleich anfangs gegen deren Einquartierung protestiert und es einer Rechthaberei ähnlich sehn könnte, daß ich nun wieder gegen sie zu Felde ziehe. Nur die allgemeine Aufforderung kann mich bewegen, ein fast gelobtes Stillschweigen zu brechen, und ich schreibe lieber, denn es wird eine der ersten Sachen sein, die Ihnen bei Ihrer Rückkunft vorgebracht werden. Von dem Schaden selbst und dem Verhältnis einer solchen Herde zu unsrer Gegend sag’ ich nichts; ich rede nur von dem Eindrucke, den es auf die Menschen macht. Noch habe ich nichts so allgemein mißbilligen sehn; es ist darüber nur eine Stimme. Gutsbesitzer, Pächter, Untertanen, Dienerschaft, die Jägerei selbst: Alles vereinigt sich in dem Wunsche, diese Gäste vertilgt zu sehn. Von der Regierung zu Erfurt ist ein Kommunikat deswegen an die unsrige ergangen.

Was mir dabei aufgefallen ist und was ich Ihnen gern sage, sind die Gesinnungen der Menschen gegen Sie, die sich dabei offenbaren. Die Meisten sind nur wie erstaunt, als wenn die Tiere wie Hagel vom Himmel fielen; die Menge schreibt Ihnen nicht das Übel zu; Andre gleichsam nur ungern, und Alle vereinigen sich darinne, daß die Schuld an Denen liege, die, statt Vorstellungen dagegen zu machen, Sie durch gefälliges Vorspiegeln verhinderten, das Unheil, das dadurch angerichtet werde, einzusehn. Niemand kann sich denken, daß Sie durch eine Leidenschaft in einen solchen Irrtum geführt werden könnten, um etwas zu beschließen und vorzunehmen, was Ihrer übrigen Denkens- und Handelnsart, Ihren bekannten Absichten und Wünschen geradezu widerspricht.

Der Landkommissär hat mir gerade in’s Gesicht gesagt, daß es unmöglich sei, und ich glaube, er hätte mir die Existenz dieser Kreaturen völlig geleugnet, wenn sie ihm nicht bei Lützendorf eine Reihe frisch gesetzter Bäume gleich die Nacht drauf zusamt den Pfählen ausgehoben und umgelegt hätten.

Könnten meine Wünsche erfüllt werden, so würden diese Erbfeinde der Kultur ohne Jagdgeräusch, in der Stille, nach und nach der Tafel aufgeopfert, daß mit der zurückkehrenden Frühlingssonne die Umwohner des Ettersbergs wieder mit frohem Gemüt ihre Felder ansehen könnten.

Man beschreibt den Zustand des Landmanns kläglich, und er ist’s gewiß: mit welchen Übeln hat er zu kämpfen! Ich mag nichts hinzusetzen, was Sie selbst wissen. Ich habe Sie so Manchem entsagen sehn und hoffe, Sie werden mit dieser Leidenschaft den Ihrigen ein Neujahrsgeschenk machen, und halte mir für die Beunruhigung des Gemüts, die mir die Kolonie seit ihrer Entstehung verursacht, nur den Schädel der gemeinsamen Mutter des verhaßten Geschlechtes aus, um ihn in meinem Kabinette mit doppelter Freude aufzustellen.

Möge das Blatt, was ich eben endige, Ihnen zur guten Stunde in die Hand kommen![11]

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Mahnungen an den Herzog

In seinem Amtsbereiche war Goethe immer sehr unabhängig, ja zuweilen selbstherrlich. Als er in Jena ein Stück der alten Stadtmauer fortreißen ließ, um gegen die Feuchtigkeit der Bibliothek das Nötige zu tun, schickte die Stadtverwaltung an den Herzog eine Deputation mit der untertänigen Bitte, daß es doch Seiner Hoheit gefallen möge, durch ein Machtwort diesem Beginnen ein Ende zu setzen. „Ich mische mich nicht in Goethes Angelegenheiten“ erwiderte der Herzog. „Er weiß schon, was er zu tun hat, und muß sehen, wie er zurechtkommt. – Geht doch hin und sagt es ihm selbst, wenn ihr Courage habt!“ Und wenn es sich um Theatersachen handelte, ärgerte sich der Herzog selber oft genug über seines Untergebenen „Tyrannei“ und „Herrschsucht“. In Weimar war man der Ansicht, daß Goethes Wille von Niemand zu lenken sei; man erzählte sich zum Beispiel von einem Gespräche über die Berufung eines Professors nach Jena, wo der Fürst seine Wahl gegen Goethe verteidigte oder durchzusetzen suchte. „Du bist ein närrischer Kerl“ rief Karl August schließlich; „Du kannst keinen Widerspruch vertragen.“ – „O ja“, versetzte Goethe, „aber er muß verständig sein.“

[8] Karl v. Lyncker, Am weimarischen Hofe.

[9] Eckermann, der diese Worte berichtet, war auf die Gnade des weimarischen Hofes angewiesen; er übertrieb wohl zuweilen Goethes Lob der fürstlichen Familie. Man kann von Karl August sehr viel Rühmliches sagen, aber nicht wohl behaupten, daß er immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber gedacht habe.

[10] An Knebel, 2. April 1785.

[11] 26. Dezember 1784.