Vierzehntes Kapitel.
Zwei Heimgekehrte.

Kehret der Wandrer zurück, der lang’ in der Ferne verweilte,
Fremd schaut alles ihn an, fremde erscheinet er selbst.

Mehrere Jahre waren vergangen, seit Junker Veit von Rotenhahn die Burg Hohenheiligen verlassen hatte; ungefährdet waren seitdem die Warenzüge auf jener Straße gefahren, und man hatte den gefürchteten Wegelagerer fast vergessen, oder man erinnerte sich seiner nur mit einem Gefühl der Genugthuung darüber, daß man des adligen Räubers Herr geworden war. Da geschah es eines Tages, daß einige Knechte schreiend und jammernd am Stadtthor erschienen, mit der Nachricht, sie wären plötzlich von einer Schar vermummter Reiter überfallen worden, als sie nichts ahnend durch den Reichswald zogen; man hätte die Mehrzahl der Begleiter gefesselt und nebst den Wagen unter lautem Hallo fortgeführt. Eine große Aufregung bemächtigte sich der Stadt; sollte Junker Veit die Frechheit besessen haben, zurückzukehren und sein räuberisches Handwerk von neuem aufzunehmen? — Die Überfälle mehrten sich, und jede Woche brachte neue Klagen; doch war die Sache diesmal viel besser geordnet, als früher; die Ritter vom Stegreif waren zahlreicher und besser bewaffnet, sie lauerten bald hier, bald da den Zügen auf und hatten verschiedene Schlupfwinkel, in denen sie mit ihrem Raube verschwanden. Die Erkundigungen, welche Herr Wilibald Ebner von seinem Vogt im Dorf Hohenheiligen einzog, führten zu der Erkenntnis, daß man es nicht allein mit dem von Rotenhahn, sondern mit einer ganzen Räuberbande zu thun habe, welche auf einer Anzahl fester Burgen in der Umgegend hause und sich zu Schutz und Trutz verbündet habe. Man bemerkte, daß jeder der Raubritter an der Satteldecke das Zeichen eines weißen Wolfes trage, und daß sie stets mit demselben Ruf auf ihre Beute einzudringen pflegten. „Die Wölfe kommen!“ das wurde bald der Schreckensschrei, mit welchem die reisenden Kaufleute ihre Bedeckung zur äußersten Wachsamkeit und zum mannhaften Widerstande aufriefen; dennoch blieben die Wölfe nur zu oft die Sieger im Streit. —

Ebenso groß wie in Nürnberg war der Schrecken auf Maltheim gewesen, als dort eines Tages Frau Walburg erschien und ihr väterliches Erbe in Anspruch nahm. Frau Kunigunde, die ganz allein war, wußte nicht, wie sie sich der Stieftochter erwehren sollte, deren Anmaßung durch keine Autorität mehr in Schranken gehalten wurde. Man solle ihr Dorf und Flur Hohenheiligen als Erbteil übergeben, so lautete ihr Begehr, Maltheim möge Ulrich behalten. Die Antwort, daß Hohenheiligen längst verkauft sei, versetzte sie in die bitterste Entrüstung, und mit rauhen Worten verlangte sie eine Summe, welche diesem Besitz entspräche, widrigenfalls sie sich an das kaiserliche Landgericht wenden werde, um ihr gutes Recht zu erlangen. Sie habe schlagende Beweise in Händen, daß Irmgard nicht des Ritters Kind gewesen sei, also auch keinen Anspruch an seine Hinterlassenschaft habe, und sie riete Frau Kunigunden, das alte Märchen nicht noch einmal vorzubringen.

Was sollte die Edelfrau thun? das bare Geld war immer ein knapper Artikel auf Maltheim gewesen, seit Herr Werner seine Tasche nicht mehr auf Kriegszügen durch Beute und Lösegeld gefüllt hatte; das Kaufgeld von Hohenheiligen hatte nur hingereicht, um Ulrichs Studienjahre zu sichern und Irmgards Brautschatz beim Eintritt in das Kloster zu erlegen. Schon lange lebte Frau Kunigunde aufs sparsamste, und ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, Maltheim von den Schulden zu befreien, die darauf lasteten, um ihrem Sohne sein väterliches Erbe ohne Pfandlehen zu übergeben. An Walburg hatte sie nicht mehr gedacht; sie hoffte, Junker Veit und seine Familie würden nie wieder in die Heimat zurückkehren. Nur mit Mühe und durch mancherlei Opfer ließ sich die Stieftochter bewegen, sich bis zu Ulrichs Rückkehr zu gedulden.

Es war ein schmerzliches Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn: der Vater tot, die Schwester im Kloster, der alte Besitz gefährdet, überall Unsicherheit und Streit. Ulrich war inzwischen zum Manne gereift; er hatte Philosophie und altes Recht studiert und sich auf der Universität Ehren erworben, die sonst erst älteren Gelehrten zufielen, aber sein Sinn war auf das Ideale gerichtet geblieben und unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens wußte er nicht Bescheid. Er hatte sich daher bald nach seiner Rückkehr nach Nürnberg begeben, um sich Rats zu erholen und die alten Freunde zu begrüßen; beides war nicht nach seinen Wünschen ausgefallen. Die Rechtskundigen hatten sich Bedenkzeit ausgebeten, ehe sie sich in dieser Sache entscheiden könnten, und das Wiedersehen, auf das er sich am meisten gefreut, hatte ihm eine bittre Täuschung gebracht.

Eine Woche nach dem Sebaldusfeste machte er sich wieder auf den Weg nach der Stadt, um das Urteil sachverständiger Männer über die Teilung des väterlichen Erbes zu hören. Der ganze Zank um das Mein und Dein war seinem feinfühligen Sinn unendlich lästig; er hätte am liebsten Maltheim verkauft, den Erlös mit Walburg geteilt und wäre mit seiner Mutter fortgezogen in ein anderes Land, um ein neues Leben der Arbeit und des geistigen Strebens zu beginnen. Was fesselte ihn denn noch an die Heimat? überall stieß er auf wehmutsvolle Erinnerungen, auf traurige Veränderungen; die Enthüllungen über Irmgards Herkunft entrissen seinem Herzen die geliebte Schwester, — es schien ihm, als lägen die vier Jahre seiner Abwesenheit wie eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Einst und dem Jetzt.

In der Stadt angekommen, fand er es noch zu früh, um zu dem berühmten Rechtsgelehrten, Herrn Pirkheimer, zu gehen, und er beschloß daher, erst bei Meister Andreas Fiedler vorzusprechen, dem er von seiner Knabenzeit her ein herzliches Andenken bewahrte. Manchmal hatte er mit Berthold und Margarete zu den Füßen des alten Mannes gesessen und seinen guten, frommen Worten gelauscht, die zwar mitunter ganz anders klangen, als die seines Lehrers, aber dennoch einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt machten. Frau Eva begrüßte ihn mit herzlicher Freude und führte ihn in das Vorderzimmer, wo immer noch, wie vor Jahren, der Alte auf seinem Lehnstuhl am Fenster saß, zeichnend und schneidend. Vor ihm stand eine schlanke, jugendliche Frauengestalt, die dem Eintretenden den Rücken zukehrte. Bei dem freudigen Ausruf des Meisters wendete dieselbe sich schnell um — Margarete Ebnerin stand Ulrich gegenüber. Eine glühende Röte stieg in ihre Wangen, als sie ihn wiedersah; ihr erstes Gefühl trieb sie, auf ihn zuzueilen und ihm beide Hände zum Gruß zu reichen, aber bei einem Blick in sein ernstes Gesicht, auf seine förmliche Verneigung sanken ihre Arme schlaff herab, und sie wendete sich traurig ab.

Ulrich trat zu dem Alten und begrüßte ihn mit Herzlichkeit; er zog einen Schemel heran und begann lebhaft zu fragen und zu erzählen, ohne auf das Mädchen zu achten. Sie wollte aufstehen und fortgehen, aber sie konnte sich nicht rühren; wie gebannt blieb sie sitzen und betrachtete verstohlen die wohlbekannten Züge des schönen Gesichts, das durch die zunehmende Männlichkeit und das weiche Bärtchen auf der Oberlippe nichts von seinen edlen Linien verloren hatte. Aufmerksam lauschte sie dabei auf jedes seiner Worte.

„Ja, ich bin auch in Rom gewesen,“ erwiderte Ulrich jetzt auf eine Frage des Meisters, „und herrliche Wunder der Kunst haben sich dort meinem staunenden Blick gezeigt. Welche Kirchen! alles strahlt von Glanz und Farben, von allen Wänden grüßen uns die herrlichsten Gemälde, unser Ohr schwelgt in Wohllaut, die Pracht der Gottesdienste nimmt alle Sinne gefangen. Und doch hatte ich zuweilen das Gefühl, als ob in unserm ärmeren und kälteren Deutschland mehr Tiefe und Innigkeit des Glaubens zu finden sei, als in jenem gesegneten Lande voll Glut und Schönheit, wo alles nach außen drängt; als ob an den reichbesetzten Tafeln, wo man dem Auge und dem Ohr die auserlesensten Leckerbissen auftischt, das deutsche Gemüt hungrig und durstig bliebe.“

„Ähnliches habe auch ich empfunden, als ich das Welschland durchwanderte,“ sagte Meister Andreas nachdenklich. „So überreiche Nahrung auch den Sinnen zuteil wird — in meinem Innersten fing ich an zu darben, und erst, als ich in eine deutsche Kirche trat, ward mir wieder heimisch und wohl zu Mut. Aber auch bei uns liegt vieles im argen, manche Dinge fordern dringend eine Erneuerung, und die Besten schauen sehnsüchtig nach dem aus, der unsre teure Kirche von allen Schlacken reinigen soll. Und der Schwan wird kommen — sicherlich! doch die hundert Jahre sind noch nicht um, und ich werde es nicht mehr erleben, daß die Weissagung sich erfüllt.“

„Wie meint Ihr das, Vater?“ fragte Ulrich.

„Es sind nun bald siebzig Jahre her,“ erzählte der Alte, „und ich war noch ein Knabe, als ich meine Eltern nach Kostnitz begleitete, wo Kaiser Sigismund ein großes Konzil zusammenberufen hatte, um über Abstellung vieler Schäden in der Kirche zu beraten. So jung ich war, so hat sich jene Zeit meinem Gedächtnis doch unvergeßlich eingeprägt, und über vieles, was damals unverstanden an mein Kinderohr schlug, ist mir später das Verständnis aufgegangen. Wenn wir auf der Straße gingen, wies man uns fortwährend kirchliche und weltliche Würdenträger, denn alles, was Europa an geistlichen und gelehrten Größen, an hohen Staatsmännern besaß, war dort zusammengeströmt. Einen Mann aber gab es unter den fremden Gästen, der aller Augen auf sich zog, ob ihn gleich weder die Tiara, noch der Fürstenmantel schmückte, und er in keinem Palast wohnte. Das war Johann Huß, der furchtlose Böhme, dessen Name seitdem freilich durch falsche Anhänger einen blutigen Ruhm erworben hat, der aber damals nur eine reinere Lehre auf Grund des ewigen Gotteswortes predigte und unter kaiserlichem Geleit nach Kostnitz gekommen war, um seinen Glauben zu verteidigen. Seine schlichte Güte, seine überzeugende Wahrhaftigkeit gewannen ihm die Herzen; wenn er sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, und wir Kinder hingen uns an seine Hände und lauschten seiner milden Rede. Mein Vater schloß sich mit Hingebung an Huß an, ließ sich mit seinen Freunden von ihm belehren und pries ihn als einen wahren Christen. Eines Tages aber ging ein Schreckensschrei durch unsere Reihen; man hatte Vater Huß der Ketzerei angeklagt und eingekerkert, — nicht lange danach ward er zum Feuertode verurteilt. Ehe er seine reine Seele aushauchte, rief er laut aus: ‚Heute braten sie eine Gans, aber über hundert Jahre wird ein Schwan kommen, den werden sie nicht verbrennen! Das Wort blieb der Trost der Unsrigen, darauf hoffen und warten wir geduldig, bis es Gott gefällt, die Zeit zu erfüllen.‘“

Mit gespannter Teilnahme hatte Ulrich zugehört. „Vielleicht, mein Vater, ist der Schwan der Prophezeiung schon erschienen!“ rief er mit leuchtenden Augen. „In Florenz hörte ich einen Dominikaner-Mönch — etwas Ähnliches habe ich nie vernommen, denn er predigte gewaltig und nicht wie die andern. In tief einschneidenden Worten wies er auf die Gebrechen der Kirche hin und forderte jeden Einzelnen auf, Hand anzulegen, daß sie gebessert würden. Das könne nur durch wahre Herzensbuße und eifriges, einmütiges Gebet geschehen, damit, wie einst in der Urzeit der Kirche, Fluten des Geistes herniederströmten und ein neues Leben schüfen. So erschütternd war Savanarolas Rede, daß keiner in der großen Versammlung ungerührt blieb; Frauen sanken laut schluchzend auf die Kniee, Männer schlugen an ihre Brust und gelobten Reue und Besserung — — es war, als sei wieder ein Pfingstmorgen angebrochen, wie damals, als sich dreitausend an einem Tage taufen ließen. Könnte das nicht der Retter sein, dessen Ihr harrt?“

„Gott gebe, daß Ihr recht hättet, teurer Herr!“ sagte der alte Meister inbrünstig. „Und doch hatte ich immer gedacht, der Befreier sollte ein Deutscher sein und zuerst unser liebes deutsches Volk zum reinen Glauben erwecken! Aber wie Gott will — Er weiß am besten, was seiner Kirche notthut.“

Hingerissen hatte Margarete diesen Reden gelauscht; in diesem Augenblick hatte sie alles vergessen, was sich feindselig zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt hatte. „So habt Ihr also doch gefunden, wonach Eure Seele verlangte, Ulrich?“ fragte sie mit der alten Wärme und Teilnahme; „ich fürchtete schon bei Eurer Schilderung von Rom, daß Euch Italien das nicht gehalten hätte, was es Euch versprach.“

Er wendete sich lebhaft zu ihr hin: „Ich habe dort viel gelernt und erfahren, aber ich habe auch eingesehen, daß Ihr recht hattet, Margarete, als Ihr mich vor dem Fluge des Ikarus warntet. Wie oft habe ich mit geknickten Flügeln am Boden gelegen, wenn mir im Widerstreit der Meinungen die reine Wahrheit zu entfliehen schien und ich schier verzweifelte, sie jemals zu erfassen! Dann habe ich an Euch gedacht, liebe Margarete; Ihr schient mir tröstend zuzuwinken und mich zu neuem Suchen zu ermutigen, und wenn ich im Streben und Forschen nicht müde wurde, so habe ich’s Euch zu danken.“

Sie sah ihn beglückt an und senkte dann das errötende Antlitz, wie eine Blume vor dem heißen Sonnenstrahl. „So habt Ihr wirklich meiner gedacht in all den langen Jahren Eurer Abwesenheit?“ flüsterte sie.

„Täglich, Margarete, und bei jeder neuen Erkenntnis, zu der ich hindurchdrang, freute ich mich auf die Zeit, da ich sie Euch würde mitteilen dürfen. Aber habt Ihr die alte Freundschaft auch so treu bewahrt?“

„Gewiß!“ sagte sie fest und sah ihn treuherzig an; „was hätte mir auch das Andenken an die glückliche Kindheit rauben sollen? Bin ich doch viel ärmer geworden, seit Ihr uns verließt, Ulrich, da ich Berthold und Irmgard hingeben mußte.“

Das Eis war plötzlich durchbrochen, unaufhaltsam strömte die Flut dessen, was beider Herzen bewegte, herüber und hinüber. Lächelnd sah Meister Andreas sich gänzlich bei Seite geschoben, aber er war darüber nicht erzürnt, sondern beschäftigte sich eifrig mit seinem Holzstock, um den Erguß nicht zu stören. Erst, als draußen die Turmuhr die vierte Nachmittagsstunde verkündigte, sprang Ulrich auf. „Verzeiht, wenn ich Euch verlassen muß,“ sagte er hastig; „ich vergaß meine dringenden Geschäfte. Darf ich abends bei Euch einsprechen, liebe Margarete?“

„Ihr werdet uns allen herzlich willkommen sein, und ich hoffe Ihr seid zu Nacht unser Gast, wie in alter Zeit. Die Mutter wird sich freuen, Euch zu sehen.“

„Auf Wiedersehen!“ sagte er warm und drückte ihre Hände, die sie jetzt nicht mehr zurückzog. Im innersten Herzen froh und glücklich ging Margarete nach Hause.

Seit langer Zeit hatte man im Ebnerschen Familienkreise keinen so angenehmen Abend verlebt; es war fast, als sei ein lieber Sohn ins Elternhaus zurückgekehrt, so teilnehmend fragte jeder nach Ulrichs Erlebnissen, so bestrebt waren alle, ihm von dem zu berichten, was sich inzwischen zugetragen. Selbst der Hausherr betrachtete den ehemaligen Freund seines Sohnes mit wohlwollendem Blick und hörte seinen Erzählungen mit offenbarem Anteil zu. Nur an Bertholds und Irmgards Schicksal wagte keiner zu rühren, es waren zu wunde Punkte für beide Teile, um sie anders, als unter vier Augen zu besprechen. Dagegen kam die Rede auf die Rotenhahns, und Ulrich sprach seinen tiefen Unwillen dagegen aus, in nahen, verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Manne zu stehen, welcher seine ritterliche Ehre so gering achte und seinen adligen Namen so unheilbar beflecke.

Über Herrn Wilibalds Gesicht flog ein spöttischer Ausdruck. „Mit dieser Ansicht dürftet Ihr unter Euren adligen Genossen sehr allein stehen, Herr von Maltheim; die wenigsten werden an so ritterlichem Gewerbe Anstoß nehmen; nur die ehrliche Arbeit ist in den Augen dieser hochgebornen Herren eine Schmach.“

„Ich kann Euren harten Worten nicht widersprechen, Herr Ratsherr,“ versetzte Ulrich trübe, „unsre Moral ist arg herabgekommen, doch giebt es auch noch Andersdenkende unter uns, und ich vertraue darauf, daß auch für unsern Stand einmal die Erneuerung kommen wird, die so vielem in der Welt dringend notthut.“

„Doch würde ich Euch raten, Euch damit zu beeilen,“ meinte Lorenz Tucher mit seinem überlegenen Lächeln, „sonst möchten Euch die Städter vollends überflügeln. Nach meiner Meinung gehört die Zukunft nicht dem Ritter, sondern dem Bürger.“

Hier suchten die Frauen dem Gespräch mit klugen Worten eine andre Wendung zu geben, denn so weitherzig und vorurteilsfrei Ulrich sich auch zeigte, so mußten solche Reden ihn doch verletzen. —

Mit dunkel umwölkter Stirn kam wenige Tage später Herr Wilibald aus der Ratssitzung nach Hause. „Die Wölfe werden immer unverschämter,“ sagte er zu seiner Gattin, „sie schwärmen schon in Rudeln bis dicht an die Thore der Stadt. Es wird Zeit, sie in ihren Höhlen aufzusuchen und ihre Nester auszuräuchern — — wir haben heute den Beschluß gefaßt, dem Bunde die Fehde anzusagen.“

Frau Ursula erschrak. Fehde! das Wort hatte einen bittern Klang. Es bedeutete Mord, Brand und Plünderung, bedeutete das Elend vieler kleinen Leute in den offnen Ortschaften, große Verluste für die Städter, vielleicht eine Zeit der Einschließung. Mutter und Töchter saßen in der Dämmerstunde bei einander und sprachen über diese traurigen Aussichten, als eine Magd meldete, daß eine fremde Frau Jungfer Margarete zu sprechen begehre. Die Gerufene verließ das Zimmer und erkannte mit Erstaunen Frau Eva Fiedlerin, die noch nie zuvor das Haus betreten hatte. „Was führt Euch her, Mutter Eva?“ rief das Mädchen ihr freundlich entgegen, „kann ich Euch in irgend einer Sache helfen?“

„Stille, stille,“ sagte die Alte geheimnisvoll, „nicht hier, bringt mich an einen Ort, wo niemand uns sieht und hört.“

Erstaunt blickte Margarete in das erregte Gesicht der Sprecherin, doch willfahrte sie dem Wunsche und führte sie in ihre eigne Kammer. Frau Eva schloß vorsichtig die Thür, drängte das Mädchen in einen Winkel und flüsterte: „Ich bringe Euch einen Gruß von Eurem Bruder.“

„Von Berthold?“ fragte Margarete betroffen, „wo habt Ihr ihn gesehen?“

Die Alte zog ihr Ohr ganz nahe zu sich herab und hauchte hinein: „Er ist in unserm Hause.“

„Jesus Maria!“ stammelte Margarete, „wie kommt er dahin? er ist doch nicht ....“

„Er ist aus dem Kloster entflohen.“

Das Mädchen sank, wie vom Blitz getroffen, auf den Rand ihrer Bettstelle nieder und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen. Barmherziger Himmel! welch eine entsetzliche Nachricht! was würden ihre Eltern dazu sagen — ihr Vater, dem ein gegebenes Wort als unantastbares Heiligtum galt, ihre Mutter, die sich unter tausend Schmerzen den Sohn vom Herzen gerissen hatte, um seine Seele zu retten! Und nun war er wortbrüchig geworden an seinen heiligsten Gelübden, nun irrte er umher als ein gehetzter Flüchtling, von dem sich jeder gute Christ mit Verachtung abwenden mußte! O dies war schrecklicher, als alles andre, denn hiefür gab es keinen Trost und keine Ergebung. Der Schwester war zu Mut, als könnte sie nie wieder ihr Haupt erheben, nie wieder um sich blicken, ohne über des Bruders Thun schamrot zu werden!

„Er klopfte gestern in später Abendstunde an unsre Thür,“ begann Eva wieder, nachdem sie der andern Zeit gelassen, den ersten, tödlichen Schrecken zu überwinden; „ich erkannte ihn zuerst gar nicht, so elend und hager, so vergrämt sieht er aus. Er schwankte noch, ob er sich einem der Seinigen entdecken sollte, aber er ist ganz ohne Mittel, und wir sind nicht reich genug, um ihm allein zu helfen. Wollt Ihr ihn sehen, Jungfer Margarete, oder soll er ohne Euren Beistand sein Heil in der Welt versuchen?“

Lange blieb das Mädchen regungslos in der vorigen Stellung sitzen; endlich erhob sie sich mit festem Entschluß, wenn auch mit totenbleichen Wangen. „Ich will ihn sprechen,“ sagte sie, „er selbst soll mir sagen, warum er uns das gethan hat.“

Sie warf einen dunklen Mantel um und verließ mit zitternden Schritten das Haus; auf der Schwelle des Fiedlerhäuschens blieb sie noch einmal zaudernd stehen, dann raffte sie ihren Mut zusammen und trat ein. Meister Andreas saß allein in seinem Stuhl; er streckte ihr die Hände entgegen und sagte, als er ihr finstres Gesicht, mit den fest zusammengepreßten Lippen sah, im Tone der Bitte: „Scheltet ihn nicht, Margarete, er hat Unsägliches erduldet und könnte Euren Zorn nicht ertragen.“

„Wo ist er?“ fragte sie mit heiserem Ton.

„Oben in der Dachkammer — es darf niemand ahnen, daß wir einen Gast beherbergen. Eva, schließ die Thür zu und drücke die Fensterläden fester, damit kein Lichtstrahl und kein Schatten auf die Straße falle.“

Diese Vorsichtsmaßregeln erweckten ein Gefühl tiefer Demütigung in Margaretens Seele — der flüchtige Verbrecher, den sie schützen sollten, war ihr eigner Bruder! „Darf ich zu ihm gehen?“ fragte sie tonlos.

„Die Stiege ist kaum für Eure Füße gemacht, und oben ist kein Aufenthalt für Euch, werte Jungfer; laßt Berthold herabkommen, in der Küche seid Ihr völlig ungestört.“

(S. 173.)
Armer, armer Berthold!

Sie wartete in bebender Spannung auf sein Erscheinen; jetzt kamen leise, vorsichtige Schritte die Treppe herab, die Thür ging auf, und auf der Schwelle stand in scheuer Haltung eine Gestalt in zerlumpter Bauerntracht, abgemagert, mit bleichem Antlitz und unsäglich kummervollem Ausdruck. War das wirklich ihr Bruder, ihr lebensfrischer, jugendschöner Berthold? Nichts erinnerte mehr an ihn, als die dunklen Augen, die sich bei ihrem Anblick, ihrer Zurückhaltung, langsam mit großen Thränen füllten.

Ja, er war es doch! das Gefühl, den Gefährten ihrer glücklichen Kindheit so elend und unglücklich vor sich zu sehen, übermannte sie; sie breitete ihre Arme aus und rief schluchzend: „Armer, armer Berthold! so muß ich dich wiederfinden?“

Er eilte auf sie zu, drückte sie einen Augenblick an sich und ließ sie dann auf einen Schemel niedersitzen, während er zwei Schritte davon stehen blieb.

„O, warum bin ich nicht damals an der Pest gestorben!“ sagte er mit dumpfer, klangloser Stimme; „ich wäre unschuldig und ahnungslos dahingegangen, meine Mutter hätte sich längst getröstet und mir eine ungetrübte Erinnerung bewahrt, und ich hätte nicht Schmach und Schande über die Meinen gebracht. Warum muß ich so vor dir stehen, als das unwürdigste Geschöpf, das auf Erden wandelt — ein entlaufener Mönch?!“

„Armer, armer Berthold!“ wiederholte sie mit überströmenden Augen, „willst du mir alles sagen, was dir widerfahren ist? ich möchte dich und dein Thun gern begreifen lernen. Aber fasse dich kurz, denn bald muß ich fort, um keinen Argwohn zu erregen.“

„O meine Schwester,“ versetzte er, indem er die abgezehrten Hände krampfhaft ineinander preßte, „wie soll ich dir die Qual dieser drei Jahre beschreiben? mich dünkt, es gehörten ebensoviel Wochen dazu, um dir meinen Jammer klar zu machen. Zuerst war es ein ewiges Einerlei, eine eintönige Abwickelung von Gebeten und Übungen, wobei das Herz kalt und tot, der Geist öde und leer blieb. Für jede kleinste Übertretung der Disciplin gab es harte Strafen und schwere Bußen, aber der innere Sinn ward dadurch nicht verändert. Ich konnte die Heiligkeit dieses Lebens nicht verstehen, es erschien mir völlig zwecklos, und als ich mich weigerte, das Novizenkleid mit der Mönchskutte zu vertauschen, als keine Drohung, keine Geißelung mich bewegen konnte, das bindende Gelübde abzulegen, — da warfen sie mich in einen unterirdischen Kerker ohne Licht und Luft und ließen mich schier verschmachten. Zuweilen kam einer von den frommen Brüdern zu mir und redete mir mit guten und bösen Worten zu, meinen Trotz fahren zu lassen; aber wenn ich sie fragte, worin denn die Gottgefälligkeit des Klosterlebens bestehe, warum man Gott nicht auch in der Welt dienen könne, da doch unser Heiland und seine Apostel in der Welt gelebt hätten, — da schalten sie heftig auf mich ein und nannten mich einen verstockten Sünder, der zur Hölle fahren müsse. Da befahl ich meine arme Seele Gott und bat ihn, wenn jene recht hätten, mich an dieser Stelle sterben zu lassen, hätten sie aber unrecht, so wolle er selbst mich befreien. Und siehe da, Gott hörte die Bitte des Elenden und ließ mir meine Flucht gelingen.“

„Mein Bruder,“ fragte Margarete schmerzlich, „war es wirklich Gott, der dir half?“

„Ja, gewiß und wahrhaftig; war Er doch der einzige Freund in meiner Not, zu dem ich rief bei Tag und Nacht. Einmal, als ich in bitterer Verzweiflung an den Eisenstäben rüttelte, die das kleine Fenster meines Kerkers verwahrten, fühlte ich, daß die Mauersteine nachgaben. Das war ein Hoffnungsstrahl, und mit eiserner Ausdauer machte ich mich daran, das morsche Gemäuer zu lockern. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, denn ich konnte Tage und Nächte nicht zählen, und oft sank ich bewußtlos nieder vor Hunger und Erschöpfung. Aber endlich wich die Eisenstange unter meinen Händen, mit Mühe zwängte ich meine abgemagerten Glieder durch die enge Öffnung und fand mich im Klostergarten. Durch eine wunderbare Fügung stand das Mauerpförtchen offen; ungesehen kam ich ins freie Feld, und mit Aufbietung meiner letzten Kräfte rannte ich vorwärts, bis ich in einem Heuschober zusammenstürzte. Dort fand mich am nächsten Tage ein mitleidiger Bauer, der mir zu essen gab und mir diese dürftige Kleidung schenkte. Dann bettelte ich mich weiter und stieß, kurz vor der Stadt, auf einen Händler, der Vieh zum Markte trieb; ich bot mich ihm zur Hilfe an und kam unaufgehalten durch das Thor. So kehrte der einzige Sohn des reichen, hochgeachteten Ratsherrn in seine Vaterstadt zurück — ein zerlumpter Bettler unter einer Herde grunzender Schweine!“

Margarete war zu tief ergriffen, um zu sprechen; „armer, armer Bruder!“ stöhnte sie nur unter ihren Thränen hervor und versank dann in tiefes, schmerzliches Sinnen. Endlich raffte sie sich auf. „Die Zeit drängt, Berthold; sage mir, was du weiter zu thun denkst.“

„Ich habe nur einen Wunsch für mein gescheitertes Leben, den: mich nach dem Norden durchzuschlagen und bei dem Deutschen Orden Aufnahme zu suchen. Auch dort gelten die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, denen ich, meiner Mutter zu liebe, nicht untreu werden möchte, aber dort bin ich freier, und wenn Gott mein heißes Gebet erhört, so läßt er mich einen ehrlichen Tod für eine gute Sache finden.“

Ein heftiges Pochen an der Hausthür schreckte die Geschwister auf; „rette dich, Berthold!“ rief Margarete, bleich vor Angst, und mit einem Sprunge war er aus der Thür, die Treppe hinaufgehuscht und auf dem finstern Bodenraum verschwunden. Frau Eva fragte von innen, wer da sei. „Ich bin es, Justus,“ war die Antwort, „ist Jungfer Margarete hier? die gestrenge Frau ist in großer Sorge um sie.“ Gewaltsam bezwang sich das Mädchen so weit, um dem Eintretenden mit unbekümmert klingendem Ton entgegenzurufen: „Habe ich mich so verspätet, Just? ich komme gleich“; dann nahm sie mit scheinbar heiteren Worten Abschied von dem alten Paar und trat langsam den Heimweg an.

„Verzeiht, liebe Mutter,“ begann sie, als sie Frau Ursula und Elsbeth allein fand; „ich konnte Frau Evas Bitte nicht widerstehen; die alten Leutchen haben große Sorge um einen Verwandten, der ihre Hilfe begehrt. Er scheint ein leichtsinniger Bursche, aber von guten Gaben zu sein, und wir berieten hin und her, was sich für ihn thun ließe. Das Dringendste wäre, ihn in eine anständige Kleidung zu stecken, denn er ist arg herabgekommen, aber die Mittel der Fiedlers sind beschränkt, und sie möchten ihm ihr Erspartes lieber als Zehrpfennig auf die Reise geben.“

Margarete erschrak selbst über die Sicherheit, mit der sie der geliebten Mutter diese Fabel vortrug, doch sah sie zu ihrer Beruhigung, daß jene völlig ahnungslos und mit warmer Teilnahme darauf einging. Oben in der Kammer hingen noch Kleider von Berthold, die wollte sie zu Meister Andreas schicken; hier fräßen sie doch nur die Motten, und dort könnten sie noch einem Unglücklichen helfen.

In der Stille einer langen, schlaflosen Nacht überlegte Margarete, was sie für den Bruder thun könne, und wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke an Ulrich. Er war der einzige, dem sie sich vertrauen wollte, er würde einen Weg wissen, auf dem Berthold nach dem Norden gelangen könnte. Sobald es, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, geschehen konnte, eilte sie am nächsten Morgen in das Hundsgäßlein, sendete von dort eine Botschaft nach Maltheim und übergab Berthold das Päckchen mit seinen eignen Kleidern. Er bewegte sich freier und natürlicher in der von früherher gewohnten Tracht und war auch für sie mehr der Alte; sie konnte vertraulicher mit ihm reden und ihn ansehen, ohne über die furchtbaren Veränderungen der letzten Jahre zu erschrecken.

Am folgenden Tage kam Ulrich, den das Schicksal seines Freundes mit brennender Teilnahme erfüllte, und der zu jeder Hilfe bereit war. Er riet, Berthold möge so schnell als möglich die Stadt verlassen; er selbst wolle ihn unter seinen Knappen nach Maltheim mitnehmen; dort könne er in leidlicher Sicherheit verweilen, bis alles zu seiner Reise vorbereitet sei. Einer derer von Maltheim war Komtur auf einer preußischen Ordens-Ballei; dorthin müsse Berthold sich wenden und ein Unterkommen suchen; an Empfehlungen solle es ihm nicht fehlen.

Berthold hatte dem allen zugehört, ohne etwas einzuwenden, nur einmal erhob er seine Stimme und fragte mit schmerzlichem Beben: „Nach Maltheim? muß es sein? muß ich so vor Irmgard erscheinen?“

„Du wirst sie nicht mehr auf der Burg finden,“ war die Antwort, die in trübem Ton gegeben wurde.

„Wie, ist sie verheiratet, oder — — barmherziger Himmel — ist sie tot?“

„Nein, sie ist ins Kloster gegangen.“

Berthold fuhr mit der Hand nach der Stirn. „Ins Kloster? träume ich? der weiße Edelfalke trauert auch zwischen den mitleidlosen Mauern? wer war so grausam, ihn dort einzusperren?“

Die Erzählung ihres Geschickes bewegte ihn tief, „wenn sie dort ausharren kann, hätte ich es auch wohl vermocht!“ murmelte er, „aber sie war immer stärker, mutiger, größer, als ich! Arme, weiße Rose, wie welk magst du jetzt dein liebes Köpfchen hängen lassen!“ Er war nun mit allem, was Ulrich vorschlug, dankbar einverstanden, und so schien die schwierige Angelegenheit sich in hoffnungsvoller Weise zu ordnen. Unter Schmerzen und Thränen nahm Margarete von dem Bruder Abschied und befahl ihn dem Schutze des Himmels und der Fürsorge des treuen Freundes, der gerade zu rechter Zeit heimgekehrt war, um ihr in den bängsten Stunden ihres Lebens beizustehen.

Noch eine Zeit namenloser Aufregung galt es durchzumachen, als die Nachricht von Bertholds Flucht aus dem Kloster Herrn Wilibald Ebner erreichte. Die Kunde warf Frau Ursula aufs Krankenbett und beugte die stolze Haltung des Ratsherrn für viele Tage. Dann zeigte er seinem ganzen Hause an, daß sein Sohn für ihn tot sei und niemand seinen Namen nennen dürfe, und ging wieder aufrechten Hauptes in sein Kontor.

Margarete that, was sie konnte, um ihre Mutter zu trösten; daß sie um Bertholds Entweichen wisse, durfte sie ihr freilich nicht verraten, aber sie suchte dasselbe im mildesten Lichte darzustellen. Doch wenn Frau Ursula in einem Augenblick eine gewisse Erleichterung in dem Gedanken fand, daß ihr geliebter Sohn nicht mehr unter einem unerträglichen Druck leide, so überfiel sie im nächsten die Todesangst um seine gefährdete Seele und die bittere Sorge um sein augenblickliches Ergehen. Es war für Margarete eine schwere Aufgabe, ihre Fassung gegenüber diesem Jammer der geliebten Mutter zu bewahren und sich doch nichts von dem merken zu lassen, was sie wußte. Mit unsäglicher Spannung wartete sie auf die Nachricht von Bertholds glücklich erfolgter Abreise, die Ulrich ihr sogleich zu bringen verheißen hatte.