Sechstes Kapitel.
Die Kapelle der heiligen Anna.

Unverletzliche Treue! Dir naht sich die seligste Stunde,
Da, was das Herz sich ersehnt, endlich das Auge erschaut!

Muhme Lene wanderte mit den beiden Knaben durch die Straßen, um Hans alle Merkwürdigkeiten seiner neuen Heimat zu zeigen, und Berthold brannte, mit dem ganzen Stolze eines echten Nürnberger Kindes, darauf, das überwältigte Erstaunen seines Gefährten zu sehen, der eben frisch vom Lande kam und seine schöne Vaterstadt noch gar nicht kannte. Doch fand er sich einigermaßen enttäuscht, denn in Hans erwachte das schlummernde Andenken an das reiche Lüttich; er verglich beständig, was er hier sah, mit den Bildern seiner Erinnerung und befand sich oft im Streit mit Berthold, welche Stadt die schönere sei. Sie hatten jetzt den Markt erreicht, „solch einen Brunnen hast du sicher in Lüttich nicht gesehen,“ rief Berthold triumphierend, „denn selbst der Kaiser hat gesagt, daß er ein unerreichtes Meisterwerk sei.“ Und halblaut sang er dazu:

„Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn’;
So weit, als leuchten mag die Sonn’,
Find’t man desgleichen nicht.“

Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe, mit Bögen und Giebeln von kunstreich durchbrochener Arbeit, von vielen Bildsäulen umgeben, die lauter Heldengestalten darstellen, ragt über dem Becken empor. Magdalene machte Hans mit liebevollem Eifer auf alle Einzelheiten aufmerksam, und der Knabe erfaßte alles mit bewunderndem Blick. Da hob die Uhr auf der nahen Frauenkirche zum Schlagen aus, und Berthold drängte dorthin, um das „Männleinlaufen“ nicht zu versäumen. Das war ein kunstvolles Uhrwerk über der Eingangsthür, welches zu jeder Stunde eine Menge bunter Figuren in Bewegung setzte. Auf einem Thron sitzt der Kaiser in vollem Ornat; ein Herold erscheint, gefolgt von vier Posaunenbläsern, denen sich die sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien anschließen. Alle bewegen sich langsam vorwärts; vor dem Throne angekommen, setzen die Bläser ihre Instrumente an den Mund, die Fürsten nehmen die Hermelinmützen ab, hinter dem Kaiser aber steht der Knochenmann und schlägt mit der Sense die Stunden an die Glocke. Als das Kunstwerk mit der Vollendung des Glockenschlages wieder zur Ruhe gekommen war und Hans seine Bewunderung gebührend ausgesprochen hatte, gingen die drei weiter, überschritten die Königsbrücke, welche über die gelblichen Fluten der Pegnitz führt und standen nun vor dem höchsten Stolz aller Nürnberger, dem herrlichen Lorenzmünster, der mit seinen beiden goldgedeckten Türmen bis in den Himmel zu ragen scheint. Reiches steinernes Bildwerk umrahmt den Eingang; innen vereinigen sich die Bogen der himmelanstrebenden Pfeilerreihen wie zu einem Laubengange, dessen Ende der staunende Blick kaum ermißt. Durch die schön gemalten Fenster warf die Sonne schimmernde, wie Rubinen und Saphire glänzende Lichter in die heiligen Räume und beleuchtete das neue Schnitzbild von Veit Stoß, der englische Gruß genannt. Auf einem Throne sitzt Gott Vater mit Krone und Scepter in göttlicher Majestät, und seine Strahlen senken sich nieder auf die betende Jungfrau, welche die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken vernimmt. Ein Kranz von Blumen und Blättern in unendlich zierlicher Arbeit schlingt sich um die Figuren und schließt das Ganze wie ein Rahmen ab.

Wie geblendet wandelte Hans umher; „wer auch so Schönes erdenken, so Erhabenes schaffen könnte,“ sagte er aus tiefster Seele; „ich wollte, ich könnte ein Künstler werden!“ Hatte das Staunen seines Gefährten Berthold zuerst nicht befriedigt, so wurde er jetzt ungeduldig, als jener mit Schauen und Bewundern kein Ende finden konnte; fehlte ihm selbst doch jener künstlerische Blick, jenes tiefere Gefühl für das Schöne, die Hans als ein altes Erbteil seiner Familie überkommen hatte, und die jetzt zuerst zu vollem Bewußtsein erwachten.

„Ich meine, Sankt Sebald lassen wir für ein andermal,“ schlug Berthold vor, „und gehen nun zu Meister Andreas. Ich bin gar zu neugierig, was der Alte sagen wird, wenn wir ihm einen Fiedler ins Haus bringen.“ Die andern waren damit zufrieden, und so schlugen sie den Weg nach dem Hundsgäßlein ein. Unterwegs machte Magdalene Hans auf vieles aufmerksam, hier auf ein mächtiges Warenhaus, dort auf ein buntes Kirchenfenster, auf das Steinpflaster in einigen Straßen und die Laternen, welche an den Ecken quer über den Weg hingen — zwei Einrichtungen, welche Nürnberg vor andern Städten damaliger Zeit voraus hatte —; mit allem war der Name Tucher eng verbunden. „Die Tuchers,“ sagte sie, „sind seit alten Zeiten treue Söhne ihrer Vaterstadt gewesen und haben ihr ihre besten Kräfte gewidmet. Zwar haben sie viel Handel nach Welschland und den Niederlanden getrieben und dort auch Niederlassungen gegründet, aber im Herzen blieben sie stets echte Nürnberger. Meine Mutter war auch eine Tucherin,“ setzte sie mit bescheidenem Stolze hinzu.

„Wie kommt es nur, Muhme Lene,“ fragte Berthold; „daß so viel von den Tuchers, und so wenig von den Ebners die Rede ist? Haben die Vorfahren meines Vaters sich denn gar nicht ausgezeichnet?“

„Der Herr Vater ist kein Nürnberger Kind; er ist aus Ulm zugewandert,“ war die Antwort. „Da aber dein Großvater keinen Sohn hatte und Herr Wilibald in allen Stücken seine rechte Hand war, so wurde, er, mit Zustimmung des weisen Rates der Stadt, in alle Rechte eines Sohnes eingesetzt. Daher ist er auch Ratsherr geworden, was sonst einem Zugewanderten nicht gewährt wird.“

Sie pochten jetzt an die Thür des Fiedlerhauses, und Frau Eva öffnete. „Es ist Junker Berthold!“ rief sie freudig, „Gott willkommen, liebes Junkerlein, und dem Herrn sei Dank, der Euch vom Tode errettet hat!“ Auch Meister Andreas empfing den Knaben mit herzlicher Freude und drückte Magdalenen wie einer vertrauten Freundin die Hand. „Und wen haben wir hier?“ fragte er, auf Hans deutend.

„Das sollt Ihr einmal raten, Meister,“ rief Berthold fröhlich, „wir sagen’s Euch nicht. Es ist mein Kamerad, der mit mir bei Latein und Mathematik leiden soll, — aber Euch geht er noch näher an.“

„Uns?“ fragten die beiden Alten erstaunt, „redet deutlicher, lieber Junker.“

„So seht ihn doch nur an, Mutter Eva; findet Ihr nicht eine wunderbare Ähnlichkeit mit Eurem Meister an ihm?“

Frau Eva betrachtete ihn aufmerksam. „Wahrhaftig, Alter, er hat deine Augen, die guten, ehrlichen Fiedleraugen, und es liegt etwas in seinem Gesicht ....“

„Ich bin auch ein Fiedler,“ sagte Hans, „der Sohn von Meister Matthias, dem Goldschmied.“

Der Alte breitete seine Arme aus. „Komm an mein Herz, mein Junge,“ sagte er mit warmer Freundlichkeit, „und sei mir tausendmal willkommen! Dein Vater war mein Brudersohn und ein lieber, braver Geselle. Sieh, Eva, da führt uns der Herr noch am Abend meines Lebens einen Menschen von meinem Fleisch und Blut zu, dem ich die alten Fiedlerschätze hinterlassen kann. Es hat mich immer schon gewurmt, daß sie in fremde Hände fallen sollten!“ —

In kurzer Zeit war Hans völlig in sein neues Leben eingeführt; sein heitres Wesen, sein dankbares Bestreben, sich für die ihm erwiesene Güte erkenntlich zu zeigen, gewann ihm schnell alle Herzen. Die Töchter des Hauses konnten sich keinen besseren Gespielen wünschen, denn er war stets bereit, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, ihren Puppen mit geschickten Händen neue Köpfe und Füße anzusetzen, oder ihnen Blumen zu holen, die weit vor dem Thor wuchsen. Der Ratsherr hatte einen älteren Bacchanten ins Haus genommen, welcher die Knaben in Latein und allem Wissenswerten unterrichten sollte; derselbe fand es schwer, Berthold zu fesseln, dem die Grammatik bald ein Greuel wurde, und der sich nur für Kriegs- und Heldenthaten begeisterte, während Hans treu und fleißig lernte und seinem Lehrmeister wenig Schwierigkeiten bereitete. Seine schönsten Stunden aber waren die, welche er bei Meister Andreas verlebte; so oft er konnte, eilte er dorthin, wo er stets wie ein lieber Enkel empfangen wurde und die Herzen der beiden Alten durch seine kindliche Anhänglichkeit labte. Nie wurde er müde, die vielen Bilder zu betrachten und nachzuzeichnen, und keine größere Freude konnte ihm der Oheim machen, als wenn er ihm sagte, daß er gute Anlagen besäße und auch einmal ein Meister werden könne. Oft versenkten sich beide in Betrachtung der alten Fiedlerschätze, die Andreas wie wahre Heiligtümer bewahrte. Da war zuerst eine uralte Fiedel von einfachster Form, auf welcher die Jahreszahl 1220 eingeritzt war, die stammte von jenem berühmten Spielmann, von dem noch manches Lied im Munde des Volkes lebte, von jenem Friedel, den sie einst den Sänger Barbarossas genannt hatten; dann war da ein goldnes Gnadenkettlein, das hatte weiland Kaiser Friedrich der Zweite jenem nämlichen Sängerfriedel als Zeichen seiner Gunst geschenkt. Auch manch kunstreiches Schnitzwerk war vorhanden, das aus alter Zeit stammte und von irgend einem Fiedler gefertigt war, — denn die ganze Familie hatte sich durch eine geschickte Hand ausgezeichnet, daneben aber auch eine besondere Freude an Musik und Gesang bewahrt, weshalb sie auch den Namen Fiedler angenommen hatte. —

Während zu dieser Zeit das Leben im Ebnerhause so ruhig verlief, daß auch nicht ein Wellchen die glatte Oberfläche zu kräuseln schien, gab es doch ein Wesen darin, welches sich bei Tag und Nacht in geheimer Unruhe verzehrte, — und das war Frau Ursula. In der ersten Zeit nach Bertholds Genesung hatte sie nichts empfunden, als Wonne und Glückseligkeit; ihr ganzes Sein erhob sich in einem steten Dankgebet zu Gott und der heiligen Anna, welche so Großes an ihr und ihrem Hause gethan. Mit wahrer Herzensfreude hatte sie die kleine Kapelle ausgeschmückt; verbot deren ehrwürdiges Alter auch durchgreifende Veränderungen, so legten doch die prachtvolle Altardecke und die silbernen Leuchter zu beiden Seiten des Bildes ein beredtes Zeugnis von der Dankbarkeit der Geberin ab. Als Pater Anselmus eine feierliche Messe darin abhielt, und danach die gesamten Bewohner des Annenhofes, samt einer großen Anzahl von Armen der Umgegend, gespeist und reich beschenkt wurden, da hatte Frau Ursula das Gefühl, daß sie alles gethan habe, was die Heilige von ihr erwarten könne. Aber nun regte sich eine Stimme in ihrem Innern, welche ihr, erst leise und undeutlich, dann aber immer lauter und dringender zurief, daß sie die Hauptsache noch unausgeführt gelassen habe, daß sie den Himmel um eine ihm angelobte Seele betrügen wolle. Oft fuhr sie in der Stille der Nacht von ihrem Lager empor, weil mit entsetzlicher Deutlichkeit ihre eignen Worte: ich will ihn dem Himmel weihen! an ihr Ohr schlugen. Sie mußte es wohl, daß dieselben nur eine Auslegung zuließen; der Himmel hieß — das Kloster, und bei diesem Gedanken überlief ein kalter Schauder ihre Glieder, sie streckte abwehrend die Hände aus, als müsse sie ein Schreckliches von sich und ihrem Erstgebornen fernhalten.

Nein, es konnte nicht sein! so Unmögliches konnten die Heiligen nicht verlangen. Sie wußte ja selbst nicht recht, welch ein Leben sie für Berthold erwarte; sein Sehnen und Streben stimmte mit dem Willen seines Vaters gar nicht zusammen, und sie hatte bisher nicht einmal den Mut gehabt, ihn ernstlich auf seine Bestimmung zum Kaufmann hinzuweisen. Doch hätte dieser Beruf ihn wenigstens in die Welt hinausgeführt, in die stete Gesellschaft der Menschen; er schloß Lebensfreude und Genuß nicht aus, wenn er auch strenge Arbeit und Hingabe verlangte. Sie wollte sich von nun an bemühen, ihn mit den Wünschen seines Vaters auszusöhnen, ihm die ritterlichen Träume auszureden; in einem Augenblick kam ihr dies schon wie ein verdienstliches Werk vor, — aber im nächsten tönte plötzlich jenes dumpfe „Amen“ in ihrer Seele wieder und flößte ihr neue Angst ein. War irgend ein Mensch Zeuge ihres übereilten Gelübdes gewesen, oder hatte der Himmel selbst sein „Ja“ dazu gesprochen?

In dieser Gewissensqual, die sie weder ihrem Gatten, noch ihrem Beichtvater anzuvertrauen wagte, fiel ihr Meister Andreas Fiedler ein, von dessen reiner Frömmigkeit Magdalene so viel zu rühmen wußte, dessen Wesen auch auf sie selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Ihm wollte sie den Fall vorsichtig vortragen und seine Meinung hören; vielleicht würde er ihn vorurteilsfreier ansehen, als mancher andre.

An einem Sonntag-Vormittag, als die Ihrigen in der Kirche waren, eilte sie dem kleinen Hause zu. Der alte Meister saß, wie sie erwartet, allein in seinem Lehnstuhl, das offne Evangelienbuch vor sich; er sah so fromm und friedlich aus, daß sie sich innerlich gelobte, seine Ansicht für Wahrheit anzunehmen. „Gott grüß’ Euch, Meister,“ sagte sie herzlich, „mich hat es recht verlangt, ein Wort mit Euch zu reden.“

„Geruht Euch zu mir zu setzen, ehrsame Frau,“ versetzte er mit liebreicher Höflichkeit; „ich freue mich, Euer gütiges Antlitz wiederzusehen.“

Sie redeten eine Weile über dies und das, bis Frau Ursula plötzlich anfing: „Was haltet Ihr vom Klosterleben, lieber Meister? ist es wirklich der sichre Friedenshafen, als den es uns die frommen Väter so gern schildern, oder findet man dort auch nicht den Himmel auf Erden?“

„Ich habe Klosterleute beiderlei Geschlechts gesehen,“ versetzte der Alte, „welche vom Himmel sicher viel weiter entfernt waren, als manche fromme Laien; andre dienten ihrem Gott in unverfälschtem Glauben und reiner Heiligkeit. Das Kloster ist so wenig der Himmel, wie die Welt die Hölle: erst der Mensch macht beides dazu, je nachdem er gut oder böse ist.“

„So meint Ihr, man könne ein Kind dem Himmel weihen, ohne es ins Kloster zu bringen?“

„Sicher, werte Frau; lehrt es nur Gott vor Augen und im Herzen haben, weis’t es hin auf das selige Paradies, das unser Heiland uns erworben, und lehrt es jede Sünde fliehen, die es dafür untüchtig macht, — und seid gewiß, Ihr werdet seine Seele sicherer dem Himmel weihen, als wenn Ihr es wider seine Neigung zum Mönch oder zur Nonne machen wolltet. Seht, ich hatte selbst ein teures, einziges Kind, meine Hedwig — die glaubte, als ihr die liebste Hoffnung scheiterte, sie könne das Leben in der Welt nicht mehr ertragen und müsse ins Kloster fliehen, um dort den Frieden zu finden. Sie fand ihn auch, — aber er lag nicht fertig auf der Schwelle, wie sie gewähnt hatte, sondern sie mußte ihn mühsam erringen in Kampf und Gebet. Und als es mit ihr zum Sterben kam, da ließ sie uns rufen und sagte: ‚Vater, Mutter, vergebt mir, daß ich Euch eigenwillig verließ; ich habe zu spät erkannt, daß ich einen Irrtum beging, daß ich den Frieden, der im Glauben und in der Ergebung liegt, auch bei Euch hätte finden können.‘“

Der alte Mann hatte sein Haupt bei der schmerzlichen Erinnerung gesenkt, ein paar Thränen fielen auf die gefalteten Hände herab. Frau Ursala war tief gerührt, aber noch mehr erhoben und getröstet. „Habt Dank!“ sagte sie warm, indem sie ihm beide Hände reichte, „Ihr habt mir unendlich wohlgethan, lieber Meister. Der Himmel segne Euch und erhalte Euch Euren reinen Glauben!“

Sie ging nach Hause, ihre Schritte waren beflügelt, sie trug ihr Haupt höher, eine Centnerlast war von ihrer Seele genommen. Fortan sollte keine Sorge mehr ihren Frieden stören; sie wollte nicht allein Berthold, sondern alle ihre Kinder in der Art dem Himmel weihen, wie es Meister Andreas sie gelehrt hatte, und so ihr Gelübde überschwenglich erfüllen.

Und noch eins wollte sie thun: sie hatte der heiligen Anna eine neue Kapelle gelobt, jetzt wußte sie, wo sie dieselbe bauen lassen wollte. Der Rat hatte in der Zeit, als die Pest wütete, verboten, die Toten noch ferner innerhalb der Mauern zu begraben; es war ein neuer Friedhof vor dem Tiergärtner Thor geweiht worden, der fortan als allgemeine Ruhestätte dienen sollte. Doch war man bei der großen Menge auf heftigen Widerstand gestoßen, und es hatten sich alle Gutgesinnten, denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, die Aufgabe gestellt, den neuen Johanniskirchhof aufs schönste auszustatten, um so das Vorurteil zu besiegen. Es fiel Frau Ursala nicht schwer, ihren Gatten für ihren Plan zu gewinnen; er liebte es, seinen Reichtum zu entfalten und zum allgemeinen Besten anzuwenden, nur fehlte es ihm, unter den tausend Geschäften, die der ausgedehnte Handel seines Hauses mit sich brachte, oft an Zeit und Gedanken dafür. Doch war er gern bereit, eine Versammlung der besten Kunsthandwerker Nürnbergs in sein Haus zu berufen, um den Plan der Kapelle mit ihnen zu besprechen.

Um den großen Tisch im Wohnzimmer waren bald darauf die hervorragendsten Meister der Stadt vereint. Da war Michael Wohlgemuth, der die besten Gemälde in Nürnberg fertigte, — denn der, welcher einst sein Schüler werden und seinen Ruhm tief in Schatten stellen sollte, Albrecht Dürer, lag noch als kleines Kindlein in der Wiege —; Peter Vischer, der treffliche Rotgießer, der schon manches schöne Werk geschaffen hatte; Veit Stoß, der geschickte Bildschnitzer, von dem der englische Gruß in der Lorenzkirche herrührte; Sebastian Lindenast, der kunstreiche Verfertiger des Männleinlaufens; Veit Hirschvogel, der Glasmaler, der die Kirchen mit köstlichen Fenstern schmückte, und andre; nur der eigentliche Baumeister war ausgeblieben. Während Herr Wilibald seine Absichten entwickelte, Frau Ursula hin und wieder ein bescheidenes Wörtchen einwarf, und die Anwesenden ihre Ideen aussprachen, war Magdalene draußen beschäftigt, einen Imbiß vorzubereiten, denn es war anzunehmen, daß nach vollendeter Beratung jeder einen rechtschaffenen Hunger und Durst empfinden werde.

Der Diener Just meldete ihr, daß ein Mann sie zu sprechen wünsche. „Mich?“ fragte sie erstaunt, „habt Ihr auch recht gehört? wer ist es?“

„Er ist mir ganz fremd, ein hoher schlanker Mann mit langem, dunklem Bart; er trägt sich anders, als die Leute hier pflegen.“

Magdalenens Herz wallte hoch auf — sollte endlich die lange und heiß ersehnte Stunde gekommen sein? „Führt ihn zu mir auf den Vorsaal,“ sagte sie gepreßt; sie mußte sich an einem Stuhl festhalten, denn sie zitterte an allen Gliedern. Der Fremde stieg die Treppe herauf; jetzt stand er vor ihr; einen Augenblick betrachtete er sie prüfend, dann breitete er seine Arme aus. „Meine Magdalene,“ rief er, — und der eine Laut sagte ihr alles, zwanzig Jahre des Harrens waren in einem Moment ausgelöscht, sie schluchzte nur: „Adam!“ und sank halb ohnmächtig an seine Brust.

Wenige Minuten später that sich die Thür zum Versammlungszimmer auf; mit einem Ausdruck des Glücks, welcher ihre ganze Erscheinung verjüngte und verschönte, trat Magdalene ein, Adam an der Hand führend. „Verzeiht, liebe Herren, wenn ich Euch unterbreche,“ sagte sie mit leuchtendem Blick, „aber hier ist einer, der bei Eurem Werk auch wohl ein Wörtchen mitreden dürfte, und dessen Rat Ihr nicht verschmähen werdet. Adam Krafft ist wiedergekehrt!“

(S. 78.)
Adam Kraffts Heimkehr.

Alle sprangen von ihren Sitzen auf, staunend umringten sie den Ankömmling, der den meisten von ihrer Jugend her bekannt war, an dessen Wiederkehr aber keiner mehr geglaubt hatte, als das eine treue Herz seiner Braut. „Wo habt Ihr so lange verweilt? — was hat Euch all die Jahre zurückgehalten? — wo kommt Ihr plötzlich her?“ so hieß es von allen Seiten. „Setzt Euch und berichtet uns, wie es Euch ergangen ist.“

Es war eine traurige Geschichte, die Adam zu erzählen hatte. Anfangs zwar war ihm alles herrlich geglückt; von einem Meister an den andern empfohlen, von der Lust, zu schauen und zu lernen, immer weiter gelockt, hatte er schöne Jahre in Deutschland und Italien verlebt und manchen reichen Verdienst eingesammelt, der ihm das künftige Haus sollte bauen helfen. In Neapel hatte er kehrt machen wollen, ein Schiff sollte ihn bis Genua führen, und Wind und Wellen schienen dem Streben seiner treuen Liebe hold zu sein. Aber plötzlich erhob sich ein Unwetter, die Masten mußten gekappt werden, ein Sturm trieb das steuerlose Schiff an ein fremdes Gestade, und an dem schlimmen Empfang, den sie dort fand, erkannte die unglückselige Mannschaft, daß sie in die Hände des heidnischen Herrschers von Tunis gefallen sei. Viele Jahre hatte Adam dort als Sklave die niedrigsten Dienste verrichten und endlich Steine zum Bau eines Tempels heranschleppen müssen. Er erkannte mit verständnisvollem Blick, daß das Gebäude übel angelegt sei, und warnte den König und den Baumeister vor den Folgen. Man strich ihn für seine Dreistigkeit mit Ruten; als aber bald darauf sein Wort in Erfüllung ging und der Tempel zusammenstürzte, da gedachte der König seiner Warnung und befahl ihm, ein neues Bauwerk zu errichten. Er that es, und sein Lohn war die Freiheit, doch ward er ohne Habe bei Genua ans Land gesetzt, und mühsam hatte er von dort aus seinen Weg bis zur Heimat zurückgelegt. Nun war er nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder in seiner lieben Vaterstadt angelangt, — aber arm, wie er gegangen; nur seine gesunden Arme hatte er mit heimgebracht, einen Kopf voller Pläne und Entwürfe und seine unveränderte Liebe für seine Magdalene.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von Adam Kraffts Heimkehr durch die Stadt, alles drängte sich hinzu, um ihn zu begrüßen und Jungfer Magdalene zu beglückwünschen. Wie viele Scheltworte hatte sie um ihrer Hartnäckigkeit willen hinnehmen müssen! wie oft hatten sich Witz und Spott an ihrer hoffnungslosen Treue versucht! Sie hatte sich durch das eine so wenig irre machen lassen, wie durch das andre, und ließ sich auch jetzt nicht dadurch anfechten, daß Adams Armut ihre Vereinigung mit ihm ins Ungewisse hinausrückte. Aber hier zeigte sich der Geist der Nürnberger im schönsten Licht: Adam, hieß es, sei ein echter Sohn der Stadt, und ein Sohn dürfe nichts dagegen einwenden, wenn die Eltern ihn ausstatteten. Von allen Seiten trug man ihm Geschenke zu, der eine brachte Geld, der andre Hausrat, und Adam dachte zu groß, um sich solcher Liebe zu schämen. Er kaufte ein freundliches Häuschen, richtete es mit dem Notdürftigsten ein und bat Magdalene, seine Hausfrau zu werden. Im Herbst ward die Hochzeit gefeiert, die ganze Stadt nahm den herzlichsten Teil daran. Herr Wilibald Ebner übertrug ihm den Bau der Kapelle, den er aufs glänzendste ausführte; er bewies sich dadurch als ein trefflicher Baumeister und hervorragender Steinmetz, dem es fortan an Bestellungen nicht fehlte. Der Name Adam Krafft strahlte von da an als heller Stern am künstlerischen Himmel von Nürnberg.

Frau Ursulas liebster Gang führte sie fortan zur Kapelle der heiligen Anna auf dem Johanniskirchhof; dort betete sie oft für ihre Kinder und mit ihnen und erneuerte den Entschluß, sie in treuer Sorge für den Himmel zu erziehen. Sie ließ es sich jetzt angelegen sein, Berthold für der Stand seines Vaters zu bestimmen, und so sehr er auch anfangs widerstrebte, so fand er sich doch allmählich in den Gedanken, schon um seiner Mutter willen, an der er mit schwärmerischer Liebe hing. Wie keck und übermütig er auch oft sein mochte — ein bittendes Wort von ihr, ein vorwurfsvoller Blick genügte, um seiner mutwilligen Laune eine Schranke zu setzen und ihn zu liebevollem Gehorsam zurückzuführen. So vergingen einige Jahre in stillem Frieden, und wenn Frau Ursula auch zuweilen darüber seufzte, daß ihr Gatte so wenig Zeit für sie und die Kinder übrig habe, wenn sie auch mitunter wünschte, er möchte aufgeschlossner, vertrauensvoller sein, so sah sie diese Entbehrungen doch als die unvermeidlichen Schwächen an, die jedem Erdenlose anhaften, und betrachtete sich als eine glückliche Frau und reich gesegnete Mutter, denn ihre Kinder erblühten neben ihr, frisch und schön, wie die Rosen.