Siebzehntes Kapitel.

Quito. — Rohheit des Volkes. — Sehenswürdigkeiten. — Kirchliche Feste. — Die Geistlichkeit und die Regierung. — Die Indianer. — Theater. — Rückreise nach Guayaquil. — Der Chimborazo. — Ein Stiergefecht. — Todesgefahr. — Panama. — Reise über den Isthmus. — Aspinwall.

Quito liegt ebenfalls in einer Hochebene, die zwar auch groß und schön, aber bei weitem nicht so ausgedehnt und von keinen solchen Riesenbergen eingesäumt ist, wie jene von Latacunga. Die Stadt selbst sieht man erst zwei Leguas, bevor man sie erreicht. Ihr Anblick hat nichts überraschendes. Die Häuser sind niedrig und mit leicht aufsteigenden Ziegeldächern gedeckt. Ein Paar Thürme oder Kuppeln unterbrechen diesen Steinhaufen. Die beiden Berge Panicillo und Pinchincha, an welche sich die Stadt lehnt, sind weder mit Bäumen noch mit Untergebüsch bewachsen; eben so ist das ganze Gebirge beschaffen, das die Hochebene einfaßt. Die einzige Schönheit dieser Gegend besteht in dem Kreise der angehäuften Berge, von welchen einer über den andern blickt. Es breiten sich wohl überall in dem Thale schöne Wiesenteppiche aus, und viele kultivirte Felder liegen dazwischen; doch erwartet man unter diesem himmlischen Klima eine ungleich mehr in’s Auge fallende Vegetation, herrliche Waldungen, Hecken, Gebüsche, Blumen u. s. w. Die Berge sind nur mit ganz kurzem Grase bewachsen; die Kultur bemerkt man natürlich erst bei genauerer Betrachtung, und so kommt es, daß der Reisende, der von dieser Stadt und deren Lage die übertriebensten Beschreibungen gelesen hat, durch den Anblick sehr enttäuscht wird.

So ging es auch mir, je näher ich kam, desto mehr fiel meine Begeisterung. Die nächste Umgebung hat außer Feldern und Wiesen wenig Gärten oder Fruchtbäume. Die Häuschen in der Vorstadt sind klein, halb zerfallen und über alle Beschreibung unrein gehalten, die Straßen so voll Pfützen und Unrath, daß man sich die Nase hätte verhalten mögen, das Volk in die ekelhaftesten Lumpen gekleidet. Letzteres gaffte mich an, lachte mich aus, wies mit den Fingern nach mir, lief mir nach — Fremdlinge kommen selten in dieß vergessene Land, und sind sie nicht ganz so gekleidet, wie der Eingeborne (ich trug wohl den Poncho, allein der kleine Strohhut fehlte mir), so treibt das Volk sein Gespött mit ihnen.

Näher dem Platze werden die Häuser etwas stattlicher: sie zeigen ein Stockwerk und statt der Fenster Glasthüren mit Balkonen. Der Platz weist einige hübsche Gebäude auf, darunter die Kathedrale, der Palast des Bischofs und jener des Präsidenten. Beide Gebäude haben eine Säulenkolonnade. Der Palast des Präsidenten würde sich nicht übel ausnehmen, wäre er nicht schon halb in Ruinen zerfallen, was besonders von der Treppe an der Façade gilt. Er ist jedoch wenigstens nicht wie jener in Lima durch die angehängten kleinen Kaufmannsbuden verunziert. Den Platz schmückt ferner ein Kunstbrunnen, welchem jedoch eine Kleinigkeit fehlt — das Wasser.

In der Stadt Quito, die gegen 50,000 Einwohner zählen soll, gibt es keinen Gasthof. Ich war wohl mit vielen Empfehlungsbriefen versehen; allein ich hatte nur einen, an Herrn Algierre lautend, bei der Hand; die übrigen lagen im Koffer, der in Wachstuch eingenäht war.

Wir hielten vor dem Hause des Herrn Algierre an, fanden es aber verlassen. Herr Algierre war vor einigen Tagen mit seiner Familie nach seiner Hazienda gegangen. Für den ersten Augenblick wußte ich nun nicht, wohin mich wenden. Mein Schlingel von Diener kümmerte sich nicht im geringsten um mich, das Volk fing an, sich um mich zu versammeln, bestürmte mich mit neugierigen Fragen, schrie und lachte — ich war eine Frau, allein, ohne männlichen Schutz, es ließ daher ohne Rückhalt seiner Ausgelassenheit die Zügel schießen. Die Unannehmlichkeit meiner Lage stieg von Minute zu Minute, da trat endlich ein Herr herbei, reichte mir schnell einen kleinen Strohhut, wie ihn die Leute hier zu Lande tragen, und sagte meinem Diener, mich in sein Haus zu bringen. Daselbst angekommen, packte ich meinen Koffer schnell aus, zog mich ein wenig an, nahm unter den Briefen jenen an den Amerikanischen Chargé d’affaires, Herrn White, heraus, und eilte, von einem Indianerjungen begleitet, nach dessen Wohnung. Mein Diener war bereits verschwunden.

Noch war nicht alles Unangenehme überstanden. Mein Anzug gab diesem civilisirten Volke abermals Anlaß zu Gespött. Ich trug nämlich eine Mantille und einen seidenen Hut, nicht das landesübliche große Tuch, und ging ohne Begleitung, denn den Indianerjungen beachtete man nicht. Glücklicher Weise lag Herrn White’s Wohnung nicht sehr entfernt, und nach einigen Minuten war ich in Sicherheit.

Herr White und seine Frau boten mir sogleich ihr Haus an. Auch Herr de Paz, der Spanische Minister, und seine Gemahlin erwiesen mir in der Folge sehr viele Aufmerksamkeiten.

Ich kam in Quito häufig in Häuser der Alt-Spanier. Bei den Reichen sieht man, wenigstens in den Empfangssälen, viel Luxus. Die Wohnungen bestehen aus großen Gemächern, was man, der Außenseite der Häuser nach zu urtheilen, nicht vermuthen würde; aber auch hier, wie in Peru, geht die eigentliche Façade nach dem Inneren zu, auf hübsche Höfe, die mit Blumen, Springbrunnen u. dgl. geschmückt sind.

Die Frauen fand ich liebenswürdig, nur sehr wenig gebildet, woran wohl zum Theil die Abgelegenheit ihrer Stadt Schuld sein mag. Es verliert sich dahin nicht so leicht ein guter Lehrer, viel weniger ein Künstler oder Gelehrter; daher hören und sehen die Leute wenig oder nichts von Künsten und Wissenschaften, um so weniger, als sie der Literatur nicht hold sind. Ich glaube, daß die ganze Damenwelt Quitos kein anderes, als ein Gebetbuch zur Hand nimmt. Was geistige Auffassungskraft und Talente betrifft, sollen sie, gleich den Peruanischen Frauen, das männliche Geschlecht übertreffen. Sie mengen sich auch in alles, und ganz besonders in die Staatsangelegenheiten, für welche sie oft mehr Interesse zeigen, als die Männer. Dafür werden hier aber auch Mädchen und Frauen für politische Vergehen eben so gut gestraft, wie die Männer, und nicht selten auf Monate und Jahre in Klöster gesperrt. Ich lernte eine junge, sehr interessante Frau kennen (Schwiegertochter des Generals Algierre), die auf ein ganzes Jahr in ein Kloster gesperrt werden sollte; sie hielt sich jedoch lange Zeit verborgen, bis die Geschichte halb in Vergessenheit gerieth, und entging glücklich der Strafe. Gegen die Verbannung der Jesuiten, die vor ungefähr zwei Jahren statt hatte, kämpften die Frauen mit aller Macht; doch blieben die Männer Sieger, und die geistlichen Herren mußten den Wanderstab ergreifen und dem schönen Lande Lebewohl sagen.

Die einzigen Sehenswürdigkeiten Quitos sind die Kirchen. Die Jesuiten-, Franziskaner-, St. Domingo-Kirche und die Kathedrale zeichnen sich besonders aus. Sie sind ganz im Geschmacke der Augustinerkirche zu Lima, im Innern reich und fein vergoldet von der Decke bis zum Grunde, mit schönem Holzschnitzwerk bedeckt, die Statuen abgerechnet, die hier wie in Lima wahren Fratzengestalten gleichen. Zu meinem größten Erstaunen hörte ich dessen ungeachtet stets von den vielen guten Bildhauern und Bilderschnitzern sprechen, die Quito besitzen soll[21]. Die Hauptaltäre, desgleichen die Säulen rings um den Tabernakel, sind mit Silberplatten belegt. Außer diesen vier Kirchen gibt es noch mehrere andere, die reich an Vergoldung und innerer Ausstattung und nur etwas klein sind. An den Festtagen erscheinen die Heiligen in kostbaren Kleidern, mit echtem Schmucke. Der Schmuck, den die heilige Maria am Grün-Donnerstage trägt, soll über 200,000 Thaler werth sein. Das ausgezeichnetste Stück daran ist ein Rosenkranz von sehr großen, schönen Perlen.

Die Spitäler für Kranke, Irrsinnige und Aussätzige fand ich unter aller Kritik. Es wäre gewiß Gott viel wohlgefälliger, wenn die Leute etwas weniger auf die Ausschmückung seiner Tempel verwendeten und dagegen jene Anstalten etwas besser bedächten. Ich bediene mich nie wohlriechender Wässer; aber bei dem Besuche der Spitäler hätte ich gern ein Fläschchen Kölner Wasser herzaubern mögen. Die verpestete Luft, die in den Gemächern herrschte, wäre allein hinreichend, Gesunde krank zu machen. Die sogenannten Säle bestehen aus langen Gängen mit Nischen, in welchen die armen Kranken auf hölzernen, mit Ochsenhäuten überspannten Schragen liegen, ohne Polster und Decke. Die Unreinigkeit war grenzenlos, die Luft dick von Gestank. Jeder der Gänge hatte blos zwei winzige Fensterchen, das eine am oberen, das andere am unteren Ende, und selbst diese waren fest verschlossen.

Eben so beschaffen ist das Irrenhospital, in welchem sich auch die Leprekranken, jedoch in einer besonderen Abtheilung, befinden. Die Irrsinnigen liefen im Hofe, der gegen die Straße zu nicht einmal geschlossen war, frei herum; die Leprekranken sind eingesperrt. Wenn sich ein Paar Leprekranke verheirathen wollen, wird es ihnen gestattet, und so finden sogar an diesem Orte des größten Elendes manchmal Hochzeiten statt. Zum Glück für die Nachkommenschaft erfreut sich ein solches Ehepaar nie eines Kindes.

Weder in diesem noch in dem andern Hospitale sah ich eine Arznei an der Seite eines Kranken stehen. Es ist wohl eine Apotheke vorhanden; aber Gott mag dem beistehen, der etwas von den Heiltränken nimmt, die da zusammen gemischt werden. Die Unordnung ist so groß, daß die Leute gar nicht finden, was man verlangt. Ich benöthigte Terpentingeist für meine Insekten und Senfmehl für mich. Ich fühlte mich nämlich, vielleicht in Folge der feinen Luft oder der beschwerlichen Reise, während der ersten vierzehn Tage sehr unwohl, konnte nur sehr langsam gehen, der Athem fehlte mir; auch hatte ich Stechen auf der Brust und Husten. Nichtsdestoweniger ging ich jeden Tag aus und schleppte mich überall hin, wo es etwas zu sehen gab. Doch wieder auf die Apotheke zurück zu kommen — beim Suchen nach dem Terpentingeist wurde von ein Paar Dutzend Flaschen jede geöffnet und dazu gerochen, denn sie waren nicht einmal mit Etiketten versehen; das Senfmehl wollte gar nicht zum Vorschein kommen. Nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte und eben fortgehen wollte, fand man es in einem Winkel. Die Preise sind ungefähr zehnfach so hoch als bei uns in Deutschland, so daß die Armen keine Arznei kaufen können und (vielleicht zu ihrem Glücke) zu Hausmitteln ihre Zuflucht nehmen müssen.

Das Kollegium ist nicht groß, aber für die Zahl der Schüler hinreichend. Schon in Guayaquil erzählte man mir von einem Museum, das sich in dem Kollegium Quito’s befinden solle; in Quito selbst bestätigte man mir sein Vorhandensein. Als ich in das Kollegium ging, um es zu besehen, führte man mich in — einen ganz leeren Saal, der vielleicht einst zu einem Museum bestimmt und schon in vorhinein mit diesem Namen getauft worden ist.

Auch eine Münze wird den Besuchern gezeigt, die aber den größten Theil des Jahres friedlich ruht.

Um einen gesammten Ueberblick der Stadt und Umgebung zu haben, muß man den nicht sehr hohen Berg Panicillo ersteigen. Man übersieht die ganze Hochebene mit den sie begrenzenden, übereinander gehäuften Gebirgszügen und vielen einzelnen Gebirgsstöcken. Die Gebirge haben keine auffallenden oder pittoresken Formen. Die ganze Gegend scheint wasserarm zu sein: nirgends zeigt sich ein Fluß; ein winziges, kleines Bächlein stürzt sich von dem Pinchincha in eine Schlucht und versieht ganz Quito mit Trink- und Waschwasser. Morgens und Abends wird es in offene Kanäle geleitet, welche die Straßen der Stadt durchlaufen, und säubert sie so wenigstens einigermaßen vom Unrathe.

Auf dem Panicillo sind noch Mauerreste einer Festung zu sehen, die unter der Spanischen Regierung erbaut worden war.

Neben dem Panicillo erhebt sich der bedeutend höhere Pinchincha, ein einstiger Vulkan, der aber seit mehreren hundert Jahren erloschen schien. Zwei Tage, bevor ich Quito verließ, öffnete sich an einer Seite des Berges, und zwar gerade an jener der Stadt zugewandten, eine kleine Spalte, welcher Rauch entstieg. Man kann sich denken, in welche Unruhe diese Erscheinung die Stadtbewohner versetzte. Ich habe in der Folge nicht vernommen, ob die gefahrdrohenden unterirdischen Kräfte eine fernere Thätigkeit entwickelten.

Das Leben in Quito ist sehr billig; dennoch gibt es hier, wie in Peru, Chili, Neu-Granada u. s. w., keine Kupfermünzen. Als die kleinste Münze kann man den Medio betrachten. Es existiren zwar Quartillos (zwei auf einen Medio); sie sind aber so selten, daß man sie kaum zu sehen bekommt. Man pflegt statt der Scheidemünze Brot oder Eier heraus zu geben, welche Gegenstände auch der Verkäufer an Geldesstatt annimmt.

Man findet in Quito ganz eingerichtete Miethhäuser, mit Spiegeln, Teppichen, Möbeln, Lampen u. s. w. Für ein sehr wohleingerichtetes Haus mit acht bis zehn Zimmern zahlt man per Monat höchstens 50 Thaler — ein sehr billiger Preis, wenn man bedenkt, wie hoch Möbel, Teppiche, Spiegel u. dgl. durch den Transport über die Cordilleren zu stehen kommen, denn obgleich es in Quito der Sculpteurs in Menge gibt, ist doch niemand im Stande, einen ordentlichen Stuhl oder Tisch zu verfertigen.

Auch die Dienerschaft wird nicht besonders theuer bezahlt. Ein Diener, eine Magd erhalten nebst Kost drei Thaler per Monat, ein Koch sechs Thaler. Letzterem gibt man gewöhnlich für den Unterhalt des Hauses eine bestimmte Summe. In Familien z. B., die aus Mann, Frau, einem Kinde und ein Paar Dienstleuten bestehen, erhält er einen Thaler per Tag, wofür er zwei reichliche Mahlzeiten schafft, Morgens eine Suppe, Sancochado genannt, die aus Fleisch, Mais und Juka (Jams-Wurzeln) bereitet wird, dann noch zwei Fleischgerichte, Kartoffeln, Eier, Brot, Butter und Milch; zur zweiten Mahlzeit Hühnersuppe mit Reis, dreierlei Fleischgerichte, Kartoffeln, Brot und oft noch eine Mehlspeise, und Abends Brot und Milch zum Thee. Wahrlich genug für einen Thaler, der nur achtzig Cents gilt!

Ich befand mich gerade in der Charwoche zu Quito und hatte deshalb Gelegenheit, den wichtigsten kirchlichen Festen beizuwohnen.

Die erste feierliche Prozession fand am Palmsonntage nach der Kathedrale statt; sie stellte den Einzug des Erlösers in Jerusalem dar. Den Zug eröffnete die Geistlichkeit, ihr folgten der Präsident, die Stabsoffiziere, Beamten und Honoratioren, dann kam ein lebensgroßes, aus Holz geschnitztes Christusbild, auf eine Eselin gebunden; das Thier erwartete jedoch die Prozession vor der Kirchenthüre und trat erst in ihre Reihe, als sie in die Kirche einzog. Den Schluß machte das Volk. Ich sah hier zum ersten Male einem Esel den Eintritt in eine Kirche gestattet.

Am Montage sollte die Indianische Prozession statthaben. Indianer, Mischlinge, Alt-Spanier, mit einem Worte alle Ecuadorianer bekennen sich zwar zur katholischen Religion; allein die Alt-Spanier wollen nicht mit den Indianern auf eine Stufe gestellt werden, und daher haben letztere ihre besondere Prozession. Machen es ja die Anglikaner und Protestanten auch nicht anders, die haben gar Sperrsitze und Logen in den Kirchen, und wehe dem Armen, der sich in die aristokratischen Plätze eindrängen wollte! In den katholischen Kirchen Ecuador’s wie Peru’s findet doch wenigstens keine Absonderung der Reichen und Armen statt. Der Sklave kann sich neben seinen Herrn setzen, wenn er einen Platz an seiner Seite leer findet. Es gibt wenig Bänke in der Kirche; man pflegt kleine Teppiche mitzunehmen, um darauf zu knieen.

Die Indianische Prozession bekam ich leider nicht zu sehen; sie wurde von dem Bischof zum ersten Male verboten, weil es in den vergangenen Jahren gar zu toll dabei zugegangen war. Die Anzüge der Leute sollen so barock und komisch gewesen sein, daß der Zug der lächerlichsten Maskerade, nicht aber einer heiligen Prozession glich.

Die Hauptprozession fand am Grün-Donnerstag Nachmittags statt. Bei dieser machte das Militär den Anfang, hierauf folgten Beamte und Honoratioren, Laienbrüder, Geistliche und eine bildlich dargestellte Scene aus der Leidensgeschichte Jesu. Nach dieser kamen abermals Beamte, Honoratioren, Geistliche und Laienbrüder, eine zweite Scene u. s. w.; ich zählte im ganzen sechs verschiedene Scenen. In einer sah man Christus am Oelberge, wie ihm der Engel den Labebecher reicht, während die drei Jünger im Hintergrunde schlafen; in einer andern sah man ihn, das Kreuz tragend, in einer dritten an die Schandsäule gebunden, gegeißelt u. s. w. Die Schmerzens-Mutter war mit dem Dolche in der Brust dargestellt, hatte aber dabei ein langes Schleppkleid von schwarzem Sammet an und war mit Edelsteinen und dem bereits erwähnten kostbaren Rosenkranze geschmückt. Die Figuren dieser Scenen waren lebensgroß in Holz geschnitzt und vollkommen bekleidet; auf dem Kopfe trugen sie sogar Perücken. Sie waren auf Tribünen befestigt und wurden mittelst vieler Stangen zu meinem Erstaunen von Indianern getragen. Ich sage: zu meinem Erstaunen, denn die stolzen Alt-Spanier, die sich mit den Indianern nicht vermengen wollen und eine besondere Prozession für sie veranstalten, sollten ihnen um so weniger gestatten, die Bildnisse Gottes und seiner Heiligen zu tragen.

Den Schluß der Prozession machten neun Domherren in langen, schwarzen Kleidern mit zwölf Fuß langen Schleppen, die sie nachzogen. Hinter jeder Schleppe gingen vier Jungen, die nichts anderes zu thun hatten, als die Schleppen gehörig auszubreiten, wenn sie sich aufschlugen oder zusammenrollten.

Ich fand an dieser Prozession durchaus nichts erbauliches; sie kam mir im Gegentheile eher wie ein theatralisches Gepränge vor.

Am Charfreitag Abends ging das Kirchen- und Gräberbesuchen an. Die Beleuchtung der Kirchen war wahrhaft blendend, der ganze Hintergrund strahlte in dem Glanze von Hunderten von Lichtern. Auch bei dieser Gelegenheit waren Scenen aus dem Leben Jesu dargestellt, z. B. das letzte Abendmahl, die Brotaustheilung, die sieben Sakramente u. s. w. Lächeln kann man über solche Scenen nicht, der Gegenstand ist zu ernst, zu würdig; aber bis in das Innerste muß sich jeder nur einigermaßen denkende Mensch verletzt fühlen, wenn er mit dem Heiligsten solch ein schmachvolles Spiel treiben sieht. Eine Beschreibung der fratzenhaften Figuren, der barocken Stellungen, der überaus komischen Zusammenstellung der Kleidertrachten aus ältester und neuester Zeit zu machen, wäre schwer, wenigstens für meine Feder. Die Figur z. B., die in den sieben Sakramenten die letzte Oelung empfing, hatte die vollsten, schön gefärbtesten Wangen und leuchtende Augen, gleich funkelnden Sternen. Gar abscheulich nahm sich die Ehe aus: Braut und Bräutigam hatten die Gesichter ganz verzogen und so unsichere Stellungen, daß man meinte, jetzt und jetzt müßte das eine vor-, das andere rückwärts sinken. In der Scene, wo Jesus die Kindlein zu sich kommen läßt, hatten diese Banditenmäntel um, die ihnen bis über die Füße hingen, und dazu auf den Köpfen Strohhütchen oder Käppchen.

Es wäre nöthig, daß der Papst einige ernste, würdige Priester hierher sendete, um so manchem unsinnigen Treiben Schranken zu setzen. Unter den bestehenden Verhältnissen ist es freilich nicht zu wundern, daß das Volk so verdummt und charakterlos ist. Die Geistlichkeit schiebt die Verderbtheit des Volkes auf die Regierung. Unzweifelhaft tragen beide Schuld. Noch sind diese Länder viel zu weit zurück und vor allem zu demoralisirt, um einer republikanischen Verfassung fähig zu sein.

Jede andere Regierungsform, auch die absoluteste, wäre für solche Staaten besser, als diese republikanische Karikatur. Ich bin nun schon zu alt, um in meinem Leben noch Gutes von jenen Gegenden zu hören; aber ich hoffe, daß sie mit der Zeit alle von den Amerikanern der Vereinigten Staaten verschlungen werden, die mit einem Theile Mexiko’s bereits den Anfang gemacht haben. Es ist wahr, ich sah auch in Kalifornien mitunter abscheuliche Handlungen, es waren aber mehr Einzelnheiten, wie sie unter jeder Regierung vorkommen, und besonders unter einer neuen und in einem Lande, in welches der Golddurst so viele Abenteurer lockt.

Am traurigsten ist in Ecuador das Loos der Indianer, dieser armen Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer des Landes.

Ich habe bereits erwähnt, daß während meines Aufenthaltes zu Guayaquil die Sklaverei aufgehoben wurde. Gänzliche Freiheit! Welche schöne Worte! — Man sollte glauben, daß Ecuador den übrigen Republiken weit voraus sei. Leider ist dem nicht so. Die Lage der Indianer ist schlechter als Sklaverei. Diese unglücklichen Menschen haben nicht einen, sondern mehrere Herren, denen sie dienen müssen, von welchen sie aber keiner kleidet oder speiset. Für ihre Bedürfnisse müssen sie selbst sorgen, das ist der einzige Vortheil, den sie von der Freiheit haben. Jeder männliche Indianer muß jährlich eine Kopfsteuer von drei Thalern zahlen, die mit seinem neunzehnten Jahre beginnt und mit dem fünfzigsten aufhört. Der sogenannte Alt-Spanier[22], er mag Bauer oder was immer sein, ist von dieser Steuer befreit. Eine Geldtaxe ist in diesem Lande, wo der Verkehr durch die hohen Gebirge, durch die grenzenlos schlechten Wege, durch Mangel an Brücken u. s. w. so erschwert ist, die härteste Last, besonders für den Indianer, der ohne Besitzthum, gedrückt und niedergehalten ist.

Die philanthropischen Ecuadorianer behaupten zwar, daß der Indianer, die Kopfsteuer ausgenommen, dieselben Rechte besitze, wie der Alt-Spanier, daß er Land bekommen könne, soviel er im Stande sei zu bebauen. Wie kann er aber Land begehren, wenn er keine Mittel hat es urbar zu machen, wie kann er die Zeit abwarten, bis es ihm Ernten gibt, und dabei noch der Regierung, die ihn mit nichts unterstützt, sondern nur von ihm haben will, die schwere Kopfsteuer zahlen?! —

Gewöhnlich vermiethet er sich als Arbeiter bei den Haziendas-Besitzern. Diese geben ihm ein Stückchen Land zum Unterhalte, unterstützen ihn mit allem was er bedarf, natürlich gegen Abrechnung, bezahlen seine Kopfsteuer und geben ihm einen jährlichen kleinen Gehalt. Der Hazienden-Besitzer sucht dem Indianer in Lebensmitteln, Branntwein, Kleidungsstücken fortwährend so viel vorzustrecken, daß letzterer sein Schuldner bleibt, denn so lange der Indianer Schuldner seines Herrn ist, kann er ihn nicht verlassen. Im entgegengesetzten Falle kann er es thun. Stirbt er als Schuldner seines Herrn, so ist die Schuld aufgehoben: sie wird nie von seiner Familie gefordert.

Ein ferneres großes Uebel für diese armen Menschen sind die Truppenmärsche. Der Indianer ist zwar als Ersatz für diese schwere Kopfsteuer von dem Soldaten-Dienste befreit; allein er muß bei den Märschen die Effekten, Lebensmittel der Soldaten auf seinem Rücken tragen und erhält als Entschädigung, Schimpfworte und Rippenstöße. Geht ein freier Indianer zufällig in dem Augenblicke an einer Kaserne vorüber, in welcher man eines Arbeitsmannes oder eines Gehülfen bedarf, so springt ein Soldat auf ihn zu und reißt ihm den Strohhut vom Kopfe, als Zeichen, daß er ihm folgen müsse. Folgt er nicht gutwillig, so wird er mit Prügeln dazu gezwungen. Ich selbst war in Quito mehrmalen Augenzeuge solcher barbarischer, widerrechtlicher Handlungen.

Kommt ein Indianer zum ersten Male von den Gebirgen in die Ebenen, so kann er von jedermann mit Gewalt auf eine bestimmte Zeit in Dienst genommen werden. Er wird zwar dafür bezahlt, aber natürlich sehr schlecht. Ich sah in einem Hause einen Indianer sammt seinem Weibe für einen Thaler per Monat ohne Kost und Kleider dienen. Die armen Menschen kamen mir wie die Parias in Hindostan vor; sie aßen alles was man im Hause weg warf, sie kochten die äußeren Blätter des Kohles, des Krautes, mischten etwas Gerstenmehl bei und genossen das Gericht ohne alle andere Zuthat, ja sogar ohne Salz; sie schliefen auf der Erde in einem Winkel der Küche oder der offenen Veranda, kaum zur Hälfte mit ihren zerrissenen Ponchos zugedeckt.

Diese bedauernswerthe Menschenklasse, noch die beste und rechtschaffenste im ganzen Lande, wird nicht nur von Alt-Spaniern, sondern auch von den Mischlingen, ja sogar von den Negern, als tief unter ihnen stehend betrachtet und mit Verachtung behandelt.

Während meines Aufenthaltes in Quito fügte es der Zufall, daß eine Theatervorstellung angekündigt wurde, eine Sache, die sich in dieser Stadt selten ereignet, da sich nicht leicht ein Trupp Schauspieler oder Künstler über die Cordilleren verliert. Ich freute mich sehr auf diese Vorstellung, da ich erwartete eine Gesellschaft zu sehen, wie sie bei uns auf dem Lande von Dorf zu Dorf wandern, die Bühne in der ersten besten Scheune aufschlagend.

Hier diente das Museum als Theater. Man stellte hölzerne Bänke hinein, brachte Stühle auf die Gallerie und zündete Talglichter an, die den Leuten die Kleider beschmutzten. Am Eingang des Vorsaales, in welchem man die Billete löste, paradirte ein wachthabender Soldat, sein Gewehr vor den Eingang pflanzend und die Leute mit dem „A donde va“ (Wohin geht Ihr?), so derb anschreiend, daß man ordentlich zurückprallte. Man mußte antworten: „In das Theater!“ Bei dem wirklichen Eingang in das Theater stand ein zweiter Posten, ebenfalls das Gewehr vor die Thür pflanzend und denselben martialischen Anruf wiederholend. Ist mir doch in meinem Leben kein ähnlicher Unsinn vorgekommen!

Das Publikum war echt republikanisch. Da sah man lumpig gekleidete Indianer, deren Weiber sogar ihre Säuglinge mitbrachten, Neger, deren Ausdünstung gerade keine Wohlgerüche verbreitete, Gassenjungen, die sich um Plätze balgten, als wären sie auf offener Straße; dazwischen saßen Herren und Offiziere mit ihren Frauen und Töchtern, erstere in ihren Ponchos, letztere in den großen Umschlagetüchern, die sie zugleich über den Kopf gezogen hatten. Nur eine Gesellschaft von drei Frauen und einigen Herren machte eine Ausnahme. Diese Leute waren geschmückt, als hätte es einen Besuch des Opernhauses in Paris oder London gegolten — die Damen sehr entblößt und beladen mit Schmuck, Federn und Blumen, die Herren in schwarzem Anzuge mit Glacé-Handschuhen. Das sah wirklich komisch aus inmitten dieser schmutzigen, etwas gar zu gemischten Gesellschaft.

Die Vorstellung selbst war nicht ein Theaterstück, wie ich erwartete; ein Taschenspieler machte die erbärmlichsten Kunststücke, die man nur sehen kann. Jedes Kind hätte sie zum besten geben können; es fand auch nicht die geringste Täuschung statt. Aber das Publikum war damit zufrieden, es klatschte dem Pfuscher aus Leibeskräften Beifall zu, erhob sich und stieg sogar auf die Bänke. Bei einem der Kunststücke wurde eine Pistole losgeschossen. Dieser unvermuthete Lärm schreckte die schlummernden Säuglinge auf, und sie fingen alle plötzlich aus vollen Kehlen zu schreien an, so daß der große Künstler mit seiner Vorstellung einhalten mußte, bis die kleinen Störer von ihren Müttern beschwichtiget und wieder eingeschlummert waren.

Nach dem ersten Akte verließ ich das Haus, es war mir nicht möglich länger zu bleiben. Die einzige Freude, die mir diese Unterhaltung verschaffte, war zu sehen, daß der Eintritt niemand versagt war. Der Indianer, der Neger hatte, sobald er bezahlen konnte, dieselben Rechte, wie jene geputzte und geschmückte Gesellschaft. Die Preise waren für Quito so hoch (der erste Platz einen halben, der zweite einen Viertel-Thaler), daß es mir ein wahres Räthsel wurde, woher das Bettelvolk und die Gassenjungen das Geld hiezu aufgebracht haben mochten.

Vor meiner Abreise von Quito besuchte ich noch die Hazienda des Generals Algierre, die von allen Hazienda’s, die ich in Ecuador gesehen, eine glänzende Ausnahme macht. Da herrscht doch geregelte Ordnung, Reinlichkeit und Wohlhabenheit. Das Wohnhaus ist eines der schönsten im Lande. Der älteste Sohn des Generals, Herr Carlos Algierre hat einen Theil seiner Erziehung in Paris genossen; er ist ein feiner, gebildeter Weltmann und verbindet damit, wie man mir allgemein versicherte, einen sehr gediegenen Charakter, wie überhaupt die ganze Familie. Ich fand bei ihm die auserlesensten Werke der französischen Literatur.

Vater und Sohn haben sich durch Anlegung einer Fabrik, in welcher weißes Kammertuch erzeugt wird, um ihr Vaterland verdient gemacht. Sie ließen die hiezu nöthigen Maschinen von Belgien kommen. Ueber neunhundert Lastthiere waren nöthig, sie von Guayaquil nach Chillo (so heißt die Hazienda) zu schaffen. Die größeren Maschinen mußten von Menschen getragen werden. Die Baumwolle wird angekauft, wie sie von der Ernte kömmt, und verläßt als fertiges Kammertuch die Fabrik. Ein Belgier leitet das ganze Werk. Außer dieser Fabrik gibt es nur noch eine im Lande, in welcher grobes Tuch für die Ponchos gemacht wird.

Chillos liegt fünf Meilen von Quito in einem herrlichen, fruchtbaren Thale, von mächtigen Gebirgen eingefaßt, über welche die Spitze des Cotopaxi ragt.

Die Briefe, die mir der Ecuadorianische Chargé d’affaires in Lima, Herr Muncayo, für den Präsidenten und die hohen Beamten mitgab, brachten mir nicht den geringsten Nutzen. Der Präsident dieser großen Republik von 400,000 Seelen fand sich im Gefühle seiner hohen Stellung zu stolz und zu gewichtig, mir den Anblick seiner Person zu gönnen. Er gab mir, nachdem ich ihm den Empfehlungsbrief gesandt hatte, weder eine Antwort, noch ließ er mich zu sich bescheiden. Ein anderer Großer des kleinen Reiches, ein Herr Larrea, an den ich ebenfalls einen Brief hatte, trieb die Höflichkeit noch weiter: er lud Herrn und Frau White zu einer Abendunterhaltung ein, ohne meiner zu erwähnen, obgleich ich Herrn White’s Gast war. Unter solchen Umständen war natürlich an meine projectirte Reise nach dem Amozonenstrom nicht zu denken, denn ohne kräftige Hilfe der Regierung, nicht etwa mit Geld, sondern mit sichern Leuten, konnte ich sie nicht unternehmen. Die wilden Indianer-Stämme, durch deren Länder die Reise geht, geben den Reisenden weder Boote noch Leute; man muß alles mit Gewalt erzwingen, oder durch seine eigenen Leute Boote zimmern lassen, und sogar die nöthige Nahrung theils mitnehmen, theils sich durch Erlegung von Wild verschaffen.

Ich war zu meinem großen Leidwesen gezwungen, diesem Plane zu entsagen, und wollte dafür zu Lande nach Bogota, der Hauptstadt Neu-Granadas, gehen. Diese Reise, fortwährend zwischen den Cordilleren hinführend, soll im Sommer herrlich, in der Regenzeit aber fürchterlich sein. Nichts destoweniger war ich dazu entschlossen, denn das schöne Wetter abzuwarten, dauerte mir zu lange, die Regenzeit endigte, nach dieser Richtung erst im Monate Juni, und jetzt waren wir noch im April. Ich handelte von dem Koche des Herrn White einen guten Sattel aus, bei welcher Gelegenheit ich abermals sah, wie geneigt dieses Volk zu Betrügereien ist. Der Mann verlangte drei Thaler für den Sattel in Gegenwart zweier Herren. Ich sagte ihm selbe zu, wenn der Sattel gut befunden würde (den Sattel hatten wir nicht gesehen, da er ihn in einem andern Hause bewahrte). Als ich ihn gesehen und bezahlen wollte, schob der Verkäufer die drei Thaler zurück, dreist behauptend, daß er vier Thaler gefordert habe. Alle diese Schlechtigkeiten und viele andere, mit deren Erzählung ich meine Leser verschone, ärgerten mich so sehr, daß ich sehnlichst wünschte, bald aus dem Bereiche der südamerikanischen Republiken zu kommen. Die größten Mühen und Beschwerden sind nicht vermögend meine Reiselust zu vermindern; allein Völker mit so schlechtem, nichtswürdigem Charakter würden es nur zu bald bewirken. Ich fühlte mich unter den Kannibalen Sumatras ungleich zufriedener, als unter diesem christlichen Gesindel.

Ich hatte schon Thiere gemiethet zur Reise nach Bogota, und ging nur noch zu dem Spanischen Minister, Herrn de Paz, um Abschied zu nehmen. Dieser gute Mann bot seine ganze Beredsamkeit auf, mich von der Reise abzubringen. Er sagte mir, daß ich sie, obwohl die Entfernung nur 250 Leguas (750 englische Meilen) betrage, in der jetzigen Jahreszeit nicht unter fünfzig Tagen machen könne, daß ich die größten Schwierigkeiten finden dürfte, einige der vorkommenden bedeutenden Flüsse zu übersetzen, und daß ich als Frau den unverschämtesten Betrügereien und Schlechtigkeiten von Seite der Eingebornen ausgesetzt wäre, da in dieser Entfernung Briefe oder selbst Befehle der Regierung sehr wenig oder gar nicht geachtet werden. Ich gab seinen Vorstellungen Gehör, wozu wohl auch mein Wunsch, diesen erbärmlichen Völkern baldigst den Rücken zu kehren, viel beitrug, und änderte meinen Reiseplan dahin ab, daß ich nach Guayaquil zurückkehrte.

Ich kann wohl sagen, daß ich Herrn de Paz mein Leben danke, da mich seine Vorstellungen dieser Reise entsagen machten. Meine Gesundheit hatte durch die beständig sich wiederholenden Anfälle des Sumatra-Fiebers sehr gelitten, und ich glaube kaum, daß ich fünfzig Tage voll Mühen und Entbehrungen mit stetem Regen und Klimawechsel hätte überstehen können.

Am 25. April verließ ich Quito, und zwar bloß in der Begleitung eines Arrieros. Ich hatte gelobt, keinen Diener mehr mit mir zu nehmen. Die Reise ließ sich sehr gut an, und ich genoß das Glück, viermal den Chimborazo in voller Schönheit zu sehen, das erste Mal bei meiner Ankunft in Ambato, das zweite Mal bei der Abreise, das dritte Mal bei dem Uebergange und das vierte Mal in Guaranda. Die Sonne selbst schien entzückt zu sein, das herrliche Werk Gottes beleuchten zu können; sie goß ihr ganzes Feuer, ihr volles Licht auf ihn und machte sein jungfräulich-schneeiges Haupt in unbeschreiblichem Schimmer erglänzen. Ich versank in Anschauung und tiefe Bewunderung. Leider währten diese erhabenen Anblicke stets zu kurz — Wolken und Nebel umschwebten bald die Spitzen, senkten sich immer tiefer und tiefer und verhüllten nur gar zu rasch dieß Heiligthum der Cordilleren mit ihrem undurchdringlichen Schleier. —

Ich bemerkte, daß der Chimborazo nicht in einer Spitze ausgeht: er hat eine Hauptkuppe und drei kleinere; zwischen der Hauptkuppe und den kleineren scheint sich eine ziemlich bedeutende schiefe Fläche von Westen nach Osten zu ziehen.

Am überraschendsten ist der Anblick des Berges von Ambato aus, welcher Ort bedeutend tiefer liegt, als Guaranda. Man glaubt wahrlich, den Koloß beinahe an die Himmelsdecke stoßen zu sehen. Das letzte Drittel seiner Höhe steigt in wunderbar ebenmäßiger, kuppelartiger Form empor.

Das Vergnügen, das ich in der Anschauung dieses herrlichen Berges fand, ließ mich alle Gefahr vergessen. Erst als ich auf die kleine Hochebene, an die Stelle gelangte, wo der Engländer von seinem Arriero ermordet worden war, machten mir die die ganze Gegend verdeckenden Nebelwolken die grausige Einsamkeit fühlbar, in der ich mich befand. Doch glücklich ward auch diese Tagereise (die vierte von Quito) vollbracht, und ohne Unfall erreichte ich Guaranda.

Hier kam ich abermals zu einer mir ganz neuen Scene zurecht. Es war gerade Sonntag, und die Leute unterhielten sich mit einem sein sollenden Stiergefecht, das aber eben so läppisch und erbärmlich war, wie die Künste des Taschenspielers in Quito. Dem Stier waren an den Hörnern Stricke befestigt, die von vielen Männern an zwei Seiten gehalten wurden, so daß er sich weder links noch rechts einen Schritt weiter bewegen konnte, als man es für gut fand. Man suchte ihn durch Zuwerfen von bunten Tüchern und anderen Gegenständen aufzureizen, allein ohne Erfolg; er blieb ruhig stehen und blickte die versammelte Volksmenge wie verblüfft an. Am Ende warf man ihm gar eine Schlinge um den Hals und band ihm die Füße. Nachdem er so gefesselt war, stürmten die Männer und Jungen auf ihn ein und quälten ihn auf allerlei Weise. Viele waren auch zu Pferde und jagten im Triumphe um ihn herum; es konnte kein grausameres und zugleich alberneres Kinderspiel geben als dieses. Was würden die guten, gemütlichen Hindostaner von diesen Menschen gedacht haben, wenn sie dieselben eine so schmähliche Tierquälerei hätten verüben sehen! Nachdem das Spiel mehrere Stunden gewährt, die Männer, gleich Schuljungen dem gefesselten Thiere gegenüber ihren Muth und ihre Unerschrockenheit gezeigt, machte die Nacht dieser edlen Unterhaltung ein Ende.

Ich mußte in Guaranda einen Tag bleiben, um frische Thiere zu miethen. Ich verstand nun schon so viel von der Spanischen Sprache, um mit den Leuten ein wenig verkehren zu können und ihre Gespräche aufzufassen. Zu meinem Erstaunen hörte ich Frauen in Gegenwart ihrer Kinder, in Gegenwart von Männern und Jünglingen Gegenstände besprechen, die bei uns kaum zwischen Frauen allein besprochen werden. Diese Leute haben nicht das geringste Zartgefühl. Ein Herr, der auf Besuch zu der Familie kam, bei welcher ich wohnte, zog ohne Umstände sein Reitbeinkleid, das er über ein anderes Beinkleid trug, vor der ganzen Gesellschaft aus.

Ich fand in Guaranda einen Italiener, den ich ersuchte, die Thiere für mich auszuhandeln, und die Dauer der Reise auf vier Tage festzustellen. Man macht sie, wenn die Regenzeit im Abnehmen ist, gewöhnlich in drei Tagen; ich wollte aber vier Tage dazu verwenden, weil man durch viele Waldungen und Gebüsche kommt, die von Insekten und Schmetterlingen reich belebt sind, so daß ich mir eine ausgiebige Jagd versprechen konnte. Ich bezahlte deshalb für die Thiere auch mehr als den gewöhnlichen Preis. Der Vermiether verlangte die ganze Summe in vorhinein; ich wollte nur die Hälfte erlegen, um den Arriero in meiner Gewalt zu haben. Allein der Italiener gab vor, den Mann gut zu kennen, und versicherte mir, daß ich nichts dabei wage, wenn ich das ganze Geld sogleich gäbe. Leider that ich es. Kaum waren wir eine Tagereise von Guaranda entfernt, so sagte mir der Arriero, daß ich die Reise in drei Tagen machen müsse, sein Herr habe es ihm so aufgetragen. Vergebens berief ich mich auf die Versicherung des Italieners, auf die größere Bezahlung. Das Geld war in den Händen des Eigentümers, und wie mir der Arriero sagte, hatte sein Herr dem Italiener einen kleinen Theil davon abgegeben, damit er mich zur Vorausbezahlung bewege. Gegen dergleichen Betrügereien ist freilich nichts zu machen — kein Mensch hätte meine Klage angehört, niemand mir Recht verschafft.

Die Wege von Guaranda nach Savanetta waren noch gefährlicher als auf der Herreise, da es viel und stark bergab ging. Die Thiere glitten beinahe bei jedem Schritte aus, oder stolperten über die Steine, oder fielen in die Löcher, von welchen die Straße voll war. Ich hatte das Unglück, daß mein Maulthier gerade an einem sehr steilen Abhange in ein Loch stürzte, wobei der Sattelgurt riß, so daß ich mit dem Sattel über den Kopf des Thieres flog. Der Arriero, statt mir zu helfen, lachte aus vollem Halse über meinen Sturz. Glücklicherweise kam ich unbeschädigt davon.

In die größte Lebensgefahr aber geriet ich auf dem Flusse Guaya. Ich mußte nämlich von Savanetta bis Guayaquil in einem kleinen Boote fahren (drei Tage). Während des Fahrens an die Außenseite steigend, hatte ich das Unglück auszugleiten und in den Fluß zu stürzen, der voll von Kaimans ist. Im ersten Augenblicke erschrack ich nicht so sehr, obwohl ich nicht schwimmen konnte, da ich dachte, daß die Bootsleute gute Schwimmer seien und mich gewiß augenblicklich heraus holen würden. Ich wußte auch, daß ich zweimal an die Oberfläche des Wassers käme, und sie mich derart leicht sehen könnten. Die Kaimans hatte ich ganz vergessen. Als ich aber das erste Mal an die Oberfläche kam, sah ich mich vergebens nach einem Retter um — ich hatte gerade nur so viel Zeit, das Boot zu gewahren und zu bemerken, daß die Leute gar keine Miene machten, mir zu Hülfe zu kommen. Ich sank das zweite Mal. Nun bekam ich wohl Angst, verlor aber zum Glück die Besinnung nicht; ich wußte, daß man die Hände vor sich strecken und gleich Rudern gebrauchen müsse — ich versuchte, was in meinen Kräften lag — auf menschliche Hülfe hatte ich nicht mehr zu rechnen. Und siehe — als ich zum zweiten Male auftauchte, befand ich mich unmittelbar an dem Boote; ich hatte nur nöthig, mich daran zu klammern. Die Bootsleute betrachteten dieß alles ruhig und gelassen; keiner reichte mir die Hand oder ein Ruder. Einer der Reisenden (ein Eingeborner) half mir in das Boot. Ich gestehe aufrichtig, daß, wenn ich dieser Scene gedenke, es mich heute noch kalt überläuft. Gottes Schutz schien mich auf allen meinen Reisen zu geleiten, bewahrte mich in zahllosen Gefahren; aber so augenscheinlich, so unverkennbar ruhte seine Hand nie auf mir wie dießmal. Ich kann mit Worten meine Gefühle nicht ausdrücken, aber tief fühle ich seine unendliche Güte und Barmherzigkeit.

Kaum war ich gerettet, so stürzten sich zwei Bootsleute in den Strom, um sich zu baden. Sie schwammen die längste Zeit um das Boot herum; es war gerade, als wollten sie mir zeigen, daß sie mir hätten helfen können, wenn sie gewollt.

Als ich in Guayaquil meinen Unglücksfall erzählte, und mich über die Schlechtigkeit der Bootsleute beklagte, wunderte man sich noch, daß sie mich wieder in das Boot gelassen und nicht weggestoßen hatten. Es soll sich manchmal ereignen, daß die Leute einen Reisenden, vorzüglich wenn er fremd ist, vorsätzlich in das Wasser werfen, um sich seiner Habe zu bemächtigen.

In Guayaquil widerfuhr mir zum Abschiede noch der letzte Betrug von Seite eines edlen Ecuadorianers. Das Boot, in welchem ich die Fahrt von Savanetta nach Guayaquil machte, gehörte einem reichen Kaufmann, Namens Alvaro, der gleichfalls nach Guayaquil fuhr, jedoch in einem andern Boote. In dem Preise der Ueberfahrt hatte ich mein kleines Gepäck ausdrücklich mit einbedungen. Nichts destoweniger war der reiche Mann so unverschämt, mir bei der Ankunft zu Guayaquil meinen Koffer nicht auszuliefern, bis ich ihm einen halben Thaler mehr bezahlte.

Geld, Geld ist das einzige, wornach die Leute in diesem Lande streben; die Menschen thun es zwar überall, aber doch nicht auf so niederträchtige Weise, durch ähnlich unverschämte Betrügereien wie hier.

Von Guayaquil fuhr ich mit dem Dampfer wieder nach Panama, wo ich am 21. Mai anlangte und von Dr. Autenrieth herzlich willkommen geheißen wurde. Wenige Tage später ging ich über den Isthmus nach Aspinwall, eine sehr kleine Reise (117 englische Meilen), die aber, wie ich bereits beschrieben, sehr großes Geld kostet. Eine Eisenbahn war nun schon zum größten Theile vollendet, man war der lästigen Flußfahrt überhoben und hatte nur mehr sechszehn englische Meilen zu reiten. Diese kleine Strecke kostete fünfzehn Thaler. Für das Gepäck mußte man per Pfund fünfzehn Cents (hundert auf einen Dollar) bezahlen. Ein Platz auf der Eisenbahn kostete 12½ Thaler. Glücklicherweise gehört die Eisenbahn einer Amerikanischen und nicht einer Englischen Gesellschaft; in Folge dessen gab man mir mit größter Bereitwilligkeit unentgeldlich eine Karte.

In einigen Monaten wird die Eisenbahn bis Panama beendet sein, und der Reisende diesen vor kurzem noch so beschwerlichen Uebergang in wenigen Stunden machen können.

In Aspinwall wird man von Trägern, Wirthen und dergleichen Volk auf wahrhaft Kalifornische Art mitgenommen. In den ersten Gasthöfen zahlt man per Tag vier und fünf, in den billigsten zwei Dollars.

Aspinwall besteht erst seit anderthalb Jahren. Dieses junge Städtchen hat ein ganz Nordamerikanisches Ansehen; die Häuser sind alle von Holz und wurden aus den Vereinigten Staaten herüber gebracht, wodurch sie billiger zu stehen kommen, als wenn sie bei der übertrieben theuern Arbeit hier angefertigt worden wären. Wo der Amerikaner etwas zu verdienen hofft, ist er flink bei der Hand; nur will er die Gelegenheiten gar zu gut benützen, und prellt den Reisenden wo er kann — das thut aber der Amerikaner nicht allein, das thun alle civilisirten und uncivilisirten christlichen Völker.

Am 31. Mai Abends verließ ich Aspinwall auf dem schönen Dampfer „Eldorado“, Kapitän Grey, mit der Bestimmung nach Neu-Orleans.

[21] Ich besuchte einige der vorzüglichsten Ateliers und fand überall die gleich schlecht geschnitzten, hölzernen Figuren, wie in den Kirchen.

[22] Hier wie in Peru nennt sich zwar alles „Alt-Spanier“, was nur einige Tropfen Spanischen Blutes in seinen Adern hat, und nicht reiner Indianer oder Neger ist; allein die Regierung geht, der jährlichen drei Thaler wegen, dabei etwas genauer zu Werke.