Die Umgebungen Neu-Yorks. — Die öffentlichen Institute. — Blackwells- und Randalls-Island. — Die Five-Points. — Reise nach Boston. — Der Empfehlungsbrief. — Festessen der Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. — Waisenhaus, Gefängniß u. s. w. — Cambridge. — Lowell. — Rückkehr nach Neu-York. — Die Wahl. — Abschied von den Vereinigten Staaten.
Ich benützte meinen Aufenthalt in Neu-York zu wiederholten Besuchen der nahen Umgebung, so wie auch zu zwei kleinen Ausflügen, den einen nach Herrn Bryant’s Landsitze auf Long-Island, den andern nach dem Landhause des berühmten Dichters Washington Irving.
Die nächste Umgebung der Stadt bilden die Städte Broklyn, Williamsburg und Hoboken, die man eigentlich als Theile Neu-Yorks betrachten könnte, denn sie sind nur durch den Fluß davon getrennt. Viele Leute wohnen da, welche ihre Geschäfte täglich nach Neu-York rufen, und Dampfer fahren jeden Augenblick hin und her.
Etwas weiter über der Bay liegt States’ Island. Aus der Bay machen die Amerikaner gar viel, und wollen sie mit jener von Neapel oder Konstantinopel vergleichen. Davon kann wohl keine Rede sein. Sie ist allerdings hübsch; allein ihre Breite ist zu groß, die Hügelkette zu niedrig. Von der Stadt aus erscheint die gegenüberliegende Hügelkette noch viel unbedeutender als sie ist, und von States’ Island aus verschwimmt Neu-York zu einem Steinhaufen, und man sieht von den Schiffen nichts als den Mastenwald.
Auf States’ Island selbst gibt es hübsche Landsitze mit schönen Aussichten. Schade daß alles mit Bretterwänden eingefaßt ist und man nirgend durch die Wäldchen und Wiesen gehen kann, sondern sich mit der staubigen Straße begnügen muß.
Greenwood (6 Meilen von Neu-York) ist der prachtvollste Friedhof nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die ehrwürdigsten Bäume beschatten die saftigsten Wiesen, spiegelhelle Teiche blicken dazwischen durch. Unter den Bäumen zeichnen sich ganz besonders die Trauerweiden aus: in keinem Lande sah ich sie so groß und umfangreich, als in den nördlichen Theilen der Vereinigten Staaten. Von den Hügeln hat man die bezauberndste Uebersicht der Bay und der Stadt sammt ihrer Umgebung. Wahrlich, ich würde meinen Wohnsitz ungleich lieber hier bei den Todten aufschlagen, als in der geräuschvollen Stadt!
Ohne Einlaßkarte erhält man keinen Zutritt in diesen Ort der Ruhe; an Sonntagen wird er leider ganz geschlossen, und somit ist der schönste Punkt um Neu-York für die arbeitende Klasse, die nur über den Sonntag gebieten kann, so viel wie gar nicht vorhanden.
Zu High-Bridge (10 Meilen) sind die großen Wasserwerke, welche den Bedarf Neu-Yorks decken; ein hoch gespannter Aquädukt leitet das Quellwasser über einen Arm des Hudson-Flusses nach der Stadt. Ueberdieß verdient dieser Ort auch seiner Landschaft wegen besucht zu werden, die zu einer der schönsten um Neu-York gehört.
Ich fuhr in einem Omnibus dahin, welcher im Innern Plätze für zwölf Personen enthielt. Dieser Omnibus geht nur alle halbe Stunden ab und weist niemanden zurück[21]. Ich zählte vierzehn Erwachsene und fünf Kinder, von welchen das jüngste über vier Jahre alt war. Zu meinem Erstaunen setzten sich Mädchen, junge Frauen ohne alle Umstände auf den Schooß ihnen ganz fremder Männer. Das nenne ich doch etwas gar zu frei! — Sittlichkeitsgefühl, Frauenwürde, sind dieß hier nur leere Worte? Ich würde eine solche Sache für kaum möglich gehalten haben, hätte ich es nicht selbst gesehen.
Herrn Bryant’s Landsitz liegt bei Roslin auf Long-Island (30 Meilen von Neu-York). Es gereichte mir zum größten Vergnügen, diesen Herrn kennen zu lernen, der als Herausgeber einer der gelesensten Zeitungen und als Schriftsteller, Poet und Uebersetzer Deutscher Dichter nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch außerhalb desselben rühmlichst bekannt ist. Er war so freundlich, mich auf einige Tage zu sich auf das Land einzuladen. Die kleine Reise dahin kann man auf der Eisenbahn oder zur See auf kleinen Dampfern machen. Beide Wege bieten viele hübsche Ansichten, besonders letzterer.
Das Landhaus liegt überaus reizend auf einer kleinen Anhöhe, nahe der See; Parthieen des Dörfleins Roslin umgeben es von allen Seiten, frische Laubbäume, stattliche Trauerweiden (mit Stämmen bis zu fünf Fuß im Durchmesser) gruppiren sich dazwischen. Das Ganze hat einen so ländlich stillen, ruhigen Anstrich, als gäbe es Hunderte von Meilen weit keine Stadt. Hier kann sich das Gemüth erholen und neue Kräfte für das stürmische Leben sammeln. Aber abgesehen von diesen Annehmlichkeiten fühlte ich mich von der herzlich guten Familie Bryant so angezogen, daß ich alles andere nur als schöne Zugabe betrachtete. In Frau Bryant lernte ich das vollkommenste Muster einer Hausfrau kennen. Sie beweist, wie gut man Häuslichkeit mit Bildung, Bescheidenheit und Anmuth mit Willensmeinung und Kraft verbinden kann. Wollte Gott, es gäbe nicht nur in Amerika, sondern überall viele so gediegene Hausfrauen!
Wie gern hätte ich auch hier wieder der Zeit in die Speichen gegriffen; die wenigen Tage eilten nur zu rasch dahin!
Washington Irving’s Landhaus liegt ebenfalls ungefähr 30 Meilen von Neu-York, aber in einer andern Richtung, am Hudson-Flusse. Auch dieser große Dichter nahm mich sehr zuvorkommend auf. In seinen ruhigen, freundlichen, wohlwollenden Zügen hätte ich eher einen gemütlichen Landmann als einen genialen Schriftsteller gesucht; wenn er aber zu sprechen begann, erglänzten seine Augen in Jugendfeuer, seine Gesichtszüge nahmen den geistreichsten Ausdruck an. Glücklich hat hier die Natur Geist und Gemüth zugleich begabt.
Washington Irving führt ein Junggesellen-Leben; doch wußte er sein Alter herrlich auszuschmücken. Mehrere sehr liebenswürdige Nichten (Töchter seiner Schwester) theilen die reizend gelegene Villa mit ihrem Oheim, der selbst im Winter diesen Ort der Zurückgezogenheit nicht verläßt.
Nun blieb mir von Neu-York nicht viel mehr zu besehen übrig, als die öffentlichen Institute, die Volksschulen, Armen- und Waisen-Häuser, Irren-Hospital, Gefängnisse u. s. w.
Mein Glücksstern führte mich zuerst nach den Tombs (Stadtgefängnissen). Ich sage „mein Glücksstern,“ weil ich da an der Oberaufseherin (Matrone) M. Flora Forster, eine der besten, treuherzigsten Frauen kennen lernte: ihr Charakter sprach mich sehr an, und gar manche Stunde, ganze Abende brachte ich bei ihr in den Tombs und in ihrem Hause zu.
Das Stadtgefängniß ist ein in Egyptischem Style gehaltenes Gebäude. Ich dachte, es hätte den Namen „Tombs“ von seiner Aehnlichkeit mit den Egyptischen Grab-Monumenten erhalten; das ist aber nicht der Fall. Man nennt es Tombs, weil es zur Zeit seiner Entstehung von Sümpfen ganz umgeben war, welche die Luft so ungesund machten, daß die meisten der Gefangenen starben.
In dieses Gefängniß kommen Verbrecher jeder Art und besonders alle Betrunkenen, die man auf der Straße findet. Die Verbrecher bleiben bis zu ihrer Aburtheilung. Sie haben nette, luftige Kämmerchen (in jedem Kämmerchen lebt nur ein Gefangener), mit Betten und einem Stuhle und eine einfache gesunde, genügende Kost. Die leichteren Verbrecher können einige Stunden des Tages im Hofe umhergehen, die schweren in den innern Gängen. So lange sie nicht verurtheilt sind, wird ihnen gestattet, sich so viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verschaffen, als es ihre Börse oder die Sorge ihrer Freunde erlaubt.
Die Betrunkenen kommen auf fünf Tage hieher, nach mehrmals wiederholtem Falle werden sie auf sechs Monate nach dem Strafhause auf Blackwells-Island verurtheilt.
Zu meinem Leidwesen sah ich in der Abtheilung für das weibliche Geschlecht meistens junge Mädchen und Weiber. Die Zahl solcher bedauernswerther Geschöpfe soll sich manchen Tag auf dreißig und vierzig belaufen. Im vergangenen Jahre wurden bei 6000 Weiber und Mädchen hieher gebracht. Wer das Laster der Trunkenheit in seiner vollen Entwürdigung sehen will, der komme hieher! — Ich begreife wirklich nicht, wie man ihm in den Vereinigten Staaten so viel zu Gute halten kann.
Die Oberaufseherin der weiblichen Abtheilung ist M. Forster, und wenn die Leute nicht gebessert herauskommen, ist es gewiß nicht ihre Schuld, denn sie sucht sie mit wahrer Herzlichkeit und Menschenliebe auf den Weg des Guten zu leiten. Ich hatte oft Gelegenheit, sie in der Ausübung ihres Berufes zu sehen und nahm den größten Antheil an ihrem Schalten und Walten.
Unter den Amerikanischen Frauen und Mädchen herrscht, wie in England und Deutschland, die schöne Sitte, daß sich gar manche unter ihnen zu zeitweiligen Besuchen der weiblichen Lehr- und Straf-Anstalten verbinden. Sie sehen nicht nur nach, ob die dabei Angestellten ihre Pflichten erfüllen, sondern sie bemühen sich auch selbst, durch gemüthliches Zusprechen, durch gute Lehren die Leute zu bessern, und wenn die Gefangenen ihre Strafzeit überstanden haben, sie an anständige Orte zu bringen, wo sie sich ihren Unterhalt verdienen können. Unter diesen Frauen, welche sich der Hülflosen und der Verbrecherinnen so liebevoll annehmen, lernte ich vorzugsweise Frau Gibbons (Gemahlin des Herrn J. S. Gibbons) und Fräulein Curtis kennen. Schon die Väter dieser beiden genannten Damen widmeten den Armen den größten Theil ihrer Zeit und vieles Geld, und bemühten sich besonders, die herangewachsenen Waisen, die gebesserten Sträflinge bei tugendhaften Familien unterzubringen; Frau Gibbons’ Vater ist bereits gestorben, Herr Curtis schon ein 81jähriger Greis. Die beiden Damen wirken aber ganz in dem Geiste dieser wahren Wohlthäter fort.
Ich besuchte mit ihnen und Frau Forster Blackwells-Island, ein winziges Inselchen, unferne von der Stadt, freundlich gelegen und mit einer herrlich gesunden Luft. Dieses Fleckchen Erde (eine Meile lang, eine halbe Meile breit) enthält ausschließend öffentliche Anstalten für alte, gebrechliche Leute, für Geisteskranke und solche Verbrecher, die auf sechs Monate verurtheilt sind.
Die drei Gebäude, in gehöriger Entfernung stehend und durch Gärten und Steinwänden von einander getrennt, gleichen an Größe und solidem Bau Palästen. Sie sind von Quadersteinen aufgeführt und wurden, wie man mir sagte, von den Verbrechern selbst gebaut.
Alle diese drei Anstalten kann man in jeder Hinsicht vollkommen nennen. Die Säle zum Arbeiten, zum Aufenthalte während des Tages, zum Speisen und Schlafen sind hoch und geräumig, die Kost ist gut, gesund und reichlich, die Ordnung und Reinlichkeit überaus groß. Wer arbeitsfähig ist, muß täglich eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten.
Unter den Verbrecherinnen fiel mir ein junges Mädchen von 18 bis 20 Jahren auf: sie trug das Haar kurzgeschnitten, nach Art der Männer. Als ich nach der Ursache frug, hieß es, daß sie sechs Monate als Matrose auf einem Schiffe gedient habe. Dieß war auch das Vergehen, wegen dessen sie sich an diesem Orte befand.
Die Verbrecher, Männer wie Weiber, verhielten sich äußerst anständig, man hörte weder Geflüster, noch Gelächter, wenn man in die Säle trat. Man behandelt aber auch die Leute nicht mit bösen Worten und mit Rohheit wie Verbrecher, sondern wie bereits Gebesserte. Man hat den Grundsatz, des Verbrechers That zu vergessen, kein Mensch darf derselben erwähnen. Die Frauen, mit welchen ich kam, reichten den Leuten die Hände und sprachen mit ihnen auf die herzlichste Weise. Gewiß muß solche Behandlungsart von guten Folgen sein.
Am allerbesten gefiel mir das Hospital für die Irren; ich ziehe es bei weitem Bedlam in London vor. Die Unglücklichen werden Nachts nicht in kleine Zellen gesperrt, sondern schlafen in luftigen, geräumigen Zimmern und (obwohl durchgehend Arme) in blendend weißen guten Betten. Die Fenster sind derart vergittert, daß man es gar nicht gewahrt; die eisernen Stäbe passen nämlich gerade auf die hölzernen Fensterrahmen. Die Mahlzeiten werden in Gemeinschaft eingenommen, auf reinlich gedeckten Tafeln, mit weißem Geschirre, mit Gläsern und Eßbestecken; nur den gefährlichen Irren wird dergleichen nicht anvertraut: diese speisen auf Blechgeschirr, und das Fleisch wird ihnen in Stückchen geschnitten, auf den Tisch gebracht.
Randall’s-Island, ein anderes Inselchen, enthält ebenfalls nur öffentliche Anstalten und zwar meistens für Kinder. Die größte hievon (Home of refuge) ein prachtvolles Gebäude, so eben beendet, ist für Kinder bestimmt, die wegen Vergehungen hieher kommen. Die andern kleinen Häuser sind für Waisen oder von ihren Eltern ganz verwahrloste, für blödsinnige und eines auch für kranke, besonders scrophulöse Kinder.
Alle diese Anstalten sind schön und trefflich eingerichtet; nur fand ich bei den kranken und blödsinnigen Kindern der Wärterinnen zu wenig, und deshalb die Pflege nicht ganz so, wie sie sein sollte. Wie kann eine Wärterin zwanzig und mehr solcher kleiner Geschöpfe besorgen! Auch die Bezahlung der Wärterinnen ist zu gering.
In dem Home of refuge werden die Kinder vom zehnten Jahre an aufgenommen, und je nach ihrer Besserung und Bekehrung kürzere oder längere Zeit behalten. Oft erlangen sie schon nach drei Monaten ihre Freiheit wieder, oft bleiben sie bis zur Mündigkeit, die bei Jünglingen mit dem vollendeten einundzwanzigsten, bei Mädchen mit dem achtzehnten Jahre eintritt. Wenn dergleichen Kinder aus der Anstalt austreten, sucht man sie bei Farmers in Dienst zu bringen.
Außer dem Waisenhause auf Randall’s-Island, gibt es in Neu-York noch zwei, eines für farbige, eines für weiße Kinder. Letzteres liegt im Herzen der Stadt, in den „five points,“ dem verrufensten Theile Neu-York’s. Kein wohlgekleideter Mensch dürfte es wagen, Abends dahin zu gehen, außer in Begleitung eines Polizei-Mannes. Beraubungen, Morde, alle möglichen Verbrechen werden da besprochen und verabredet. Und inmitten dieser überirdischen Hölle hat die Missions-Gesellschaft das Waisenhaus errichtet, in dessen einer Abtheilung auch Mädchen und Weiber aufgenommen werden, die auf unrechten Wegen gewandelt und sich bessern wollen. Man versieht sie mit Arbeit; einen Theil ihres Wochenlohnes geben sie an die Anstalt für Kost und Verpflegung.
An dem Schulunterrichte der Waisen können auch Kinder Theil nehmen, die nicht in Kost und Verpflegung sind. Diese Anstalt erfreut sich eines sehr schönen Erfolges; schon senden viele der verworfensten Eltern ihre Kinder zur Schule, und gar manche jugendliche Sünderin verließ den schlechten Pfad.
In dem Waisenhause der farbigen Kinder werden diese von dem zweiten bis zum zwölften Jahre behalten; dann sucht man sie auf Farms, bei Handwerkern oder in braven Familien unterzubringen. Für den Schulunterricht gibt es sonderbarer Weise nur einen gemeinschaftlichen Saal; die Kinder sitzen zwar in Klassen eingeteilt, aber ohne durch eine Wand von einander getrennt zu sein. Das Geschrei der Lehrerinnen[22] und der Kinder ist so arg wie in einer Judenschule. Wenn eine Lehrerin eine Frage stellt, gibt die ganze Klasse die Antwort, ob recht oder nicht, das kann man, des Lärmens wegen, gar nicht unterscheiden. Die unzweckmäßigste Methode, daß ganze Klassen antworten, fand ich nicht nur in diesem Waisenhause, sondern auch in andern öffentlichen Schulen.
Das Amt einer Lehrerin oder Professorin ist in den Amerikanischen Schulen (die hohen Mädchen-Seminarien nicht ausgenommen) sehr leicht und bequem. Die Lehrbücher sind der Art eingerichtet, daß der Unterricht ganz einfach aus den Büchern herausgelesen wird, und damit ist die Sache abgethan.
In der Gegend der five points sind für die Jungen, welche die Zeitungen austragen, einige Säle eingerichtet, in welchen sie gute Betten, Beleuchtung, Heizung und Unterricht in den Normal-Gegenständen und in der Religion für die geringe Bezahlung von zweiundvierzig Cents per Woche finden. —
Das Taubstummen-Institut unter der Leitung des Direktors Peck ist ausgezeichnet. Die Zöglinge sind in den verschiedenen Zweigen des Wissens so ausgebildet, als hätten sie nicht weniger, sondern mehr als fünf Sinne. Besonders thaten sie sich in der Aufsatzlehre und Arithmetik hervor. Einige sprachen wenige Worte, eine Erscheinung, die mir nicht neu war, da ich sie schon vor vielen Jahren in dem Taubstummen-Institute zu Wien beobachtet hatte.
Herr Peck Vater war abwesend. Die Anstalt wurde mir mit größter Bereitwilligkeit von seinem Sohne gezeigt, der an Jahren kaum das Jünglingsalter überschritten hatte, in der Art und Weise mit den Unglücklichen umzugehen, ihre Liebe zu gewinnen und sie zu unterrichten, aber den gediegensten und erfahrensten Männern an die Seite zu setzen ist. — Die Amerikaner werden schon in jungen Jahren für das praktische Leben gleich erfahrenen Männern ausgebildet, was hauptsächlich durch den frühen Eintritt in das Geschäftsleben geschieht.
Herr Peck Sohn hat sich ein sehr liebenswürdiges Mädchen aus den Zöglingen zur Lebensgefährtin gewählt.
Ich war nun schon drei Wochen in Neu-York und hatte das Merkwürdigste so ziemlich gesehen; man forderte mich auf, auch einige Ausflüge nach den andern großen Städten, Boston, Philadelphia, Washington zu machen. Aber aufrichtig gesagt, ohne Unterlaß große Städte besuchen, ermüdet mich; zudem bieten die Amerikanischen Städte, groß oder klein, zu wenig Abwechslung: sie gleichen einer der andern gar zu sehr. Doch gab ich endlich der Ueberredung meiner Freunde nach und entschloß mich, wenigstens Boston, das „Athen“ der Vereinigten Staaten zu besuchen.
Am 10. Oktober ging ich Nachmittags auf dem großen Dampfer „Van der Bilt“ den östlichen Hudson-Fluß 65 Meilen aufwärts, bis zur Eisenbahn. Diese Fahrt ist nur Anfangs hübsch durch die Ansichten der Städte Neu-York und Broklyn, durch kleine Hügelparthieen und die umherliegenden Landhäuser; später werden die Ufer flach und einförmig.
Sehr praktisch fand ich die Art und Weise, in welcher die Güter und das Gepäcke der Reisenden auf dem Dampfer geordnet werden, um allem Zeitverlust und allen Unordnungen bei dem Wechsel mit der Eisenbahn vorzubeugen. Es gab kleine Waggons, in welche das Gepäcke je nach den verschiedenen Stationen gelegt wurde. Bei der Ankunft an der Eisenbahn standen die Pferde schon bereit, die Waggons wurden herausgezogen und an den Zug angehängt. Dadurch ging alles schnell und ordentlich, ohne Gedränge und Laufen vor sich.
Was das Praktische in allen Einrichtungen anbelangt, sind die Amerikaner wirklich bewundernswürdig: in dieser Beziehung könnten alle Nationen bei ihnen in die Lehre gehen.
Um 2 Uhr Nachts wechselten wir den Dampfer mit der Eisenbahn, und nach ungefähr vier Stunden (120 Meilen) waren wir in Boston.
Ich stieg hier auch wieder in einem Boarding-house ab. Doch kaum hatte Dr. Hoffendahl (ein Deutscher) von meiner Ankunft gehört, als er mich sogleich in sein Haus einlud, obwohl ich keinen Empfehlungsbrief an ihn hatte. Ich sage ihm, wie allen Familien, die mich von dem lästigen Gasthofsleben befreiten, wiederholt meinen herzlichsten Dank.
Die Stadt Boston, mit einer Bevölkerung von 150,000 Seelen, liegt auf drei Hügelchen, und da die Straßen beinah durchgehends mit schönen Baumalleen bepflanzt sind, nimmt sie sich sehr gut aus; auch ist sie so rein gehalten, daß man sie im Vergleiche zu Neu-York ein „Schmuckkästchen“ nennen könnte. In den Geschäftsstraßen Washington- und Hannover-Street ist das Gedränge wohl auch bedeutend, aber nicht übermäßig. Ein Park in der Mitte der Stadt, mit wahren Prachtexemplaren von Bäumen, mit einem Teiche und vielen Bänken, bietet einen freundlichen Spaziergang und gewährt einen geräumigen Tummelplatz für die Jugend. Die öffentlichen Gebäude sind, wie in allen großen Städten der Vereinigten Staaten, schön und meistens aus Quadersteinen aufgeführt. An Museen, Bildergallerien u. dgl. ist nicht viel zu sehen. Das Lese-Athenäum enthält eine kleine Sammlung von Statuen, Büsten, Oelgemälden u. s. w., doch ohne besondern Werth; bedeutend ist dagegen die Bibliothek.
Dr. Warren, rühmlichst bekannt als Naturforscher, besitzt eine Sammlung seltener Fossilien, unter andern ein vollkommenes Skelett des Mastodon, welches auch zugleich das größte sein soll, das von dieser Gattung Thiere bisher gefunden wurde (Fundort: Nordamerika). Dr. Warren hatte die Gefälligkeit, mir selbst seine schöne Sammlung zu zeigen.
Das Bunka-Hill-Monument, für die Geschichte der Vereinigten Staaten gewiß das merkwürdigste, besteht aus einem einfachen Obelisken von grauem Stein. Es steht auf einem Hügelchen in der Stadt und wurde zur Erinnerung der Helden gesetzt, die in dem ersten Freiheitskampfe (1774), der wie bekannt von hier ausging, fielen. Gewiß ist dieser einfache Obelisk die schönste Zierde der Stadt und der Stolz der Vereinigten Staaten. Man kann bis an die Spitze des Monuments steigen, eine zwar etwas mühsame Arbeit, die aber durch einen schönen Ueberblick über Stadt und Umgebung belohnt wird.
Ich war so glücklich, in Boston die Bekanntschaft des Geistlichen Herrn Bernard zu machen. Derselbe war so überaus gütig, nahm so viel Antheil an mir, daß er mich persönlich überall hinführte. Wenn es seine Zeit erlaubte, kam er schon Morgens mich abzuholen.
Ich hatte zwar in Neu-York einen Empfehlungsbrief für eines der ersten Bostoner-Häuser (Ad. und Komp.) erhalten, mit der Versicherung, daß man mich da nicht nur sehr zuvorkommend empfangen, sondern mir auch vieles von Boston zeigen würde. Als ich aber den Brief abgab, betrachtete mich der reiche Herr höchst kaltblütig (ich war einfach gekleidet und kam nicht gefahren), las an den Paar Zeilen des Briefes eine ganze Ewigkeit (vermutlich überlegte er, wie er mich empfangen sollte) und fragte mich endlich: „Was wollen Sie?“ — gerade als wäre eine Arme vor ihm gestanden, mit irgend einem Anliegen. Ich antwortete ihm in demselben Tone: „Ich will nichts. Man hat mir diesen Brief an Sie gegeben, und zwar unaufgefordert, ich glaubte daher, ihn abgeben zu müssen.“ Als er sah, daß ich mit keinem Anliegen gekommen war (aus dem Briefe schien er das nicht heraus buchstabirt zu haben), fügte er in herablassendem Tone hinzu: „Wenn Sie einer Auskunft bedürfen, werde ich solche Ihnen ertheilen.“ Und damit schieden wir, ohne daß ich von diesem Herrn ferner etwas gesehen oder gehört hätte.
Das war ein echtes Beispiel eines Geldaristokraten, wie sie nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt sind. Ihr Hochmuth erscheint noch ungleich unerträglicher, als jener der wahren Aristokratie, die doch gewöhnlich Bildung und Benehmen hat, was dem Geldadel nur zu häufig fehlt. In Boston scheint diese Klasse von Menschen ärger zusammen zu halten, als irgendwo. In ihre Gesellschaft zu kommen, soll unendlich schwer sein, die Heirathen schließen sie nur unter ihres gleichen, ja sie wohnen sogar alle in einer Straße (Beacon Street). Und dennoch entschuldige ich den Stolzen eher, als jenen, der ihm huldigt. Wie bald müßten Geld- und Geburts-Adel von ihren Höhen herabsteigen, wenn es keine Speichellecker gäbe, die ihnen Ehrfurcht und Bewunderung bezeigten.
Ich kam, wie gesagt, am 11. October Morgens um sechs Uhr in Boston an und wurde noch denselben Tag dem Stadt-Mayor, Herrn Dr. Smith vorgestellt. Abends hatte ein großes Festessen der „Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft“ (wie alle drei Jahre) statt, welches in der Faneuil-Hall abgehalten wurde. Diese Halle ist geschichtlich eben so berühmt, wie das Bunka-Hill-Monument, denn hier fanden die ersten Zusammenkünfte, Berathungen und Beschlüsse statt, von hier zog man zu dem ersten Freiheitskampfe aus, und dem zu Folge trägt diese jedem Amerikaner unvergeßliche Halle auch den schönen Namen: „Wiege der Freiheit.“
Herr Dr. Smith lud mich zu dem Feste ein.
Mit tiefer Ehrfurcht der Vergangenheit gedenkend, betrat ich die Halle: sie war geschmackvoll ausgeziert und reich erleuchtet, auf der Gallerie befand sich ein Musikchor. Die Tafeln waren für 800 Personen gedeckt. An Gerichten gab es eine große Auswahl; statt der geistigen Getränke aber wurde Wasser, Kaffee und Thee gereicht. Der Staat Massachusetts gehört nämlich dem Temperance-Vereine an. Die Mahlzeit war in einer Stunde abgethan. Dann wurden durch zwei Stunden Gelegenheitsreden gehalten. Herr Mayor Smith hatte die große Aufmerksamkeit, in seiner Rede von mir sehr schmeichelhafte Erwähnung zu machen und mich der Gesellschaft vorzustellen. Als ich seinem Wunsche zufolge aufstand, empfing mich sogleich ein lautes Beifallklatschen, und wenn ich bisher nie bedauert hätte, der Englischen Sprache nicht vollkommen mächtig zu sein, so wäre es in diesem Augenblicke der Fall gewesen; ich konnte der Gesellschaft meinen Dank für ihr freundliches Wohlwollen nur durch stumme Verbeugungen bezeugen.
Zwischen den Reden wurden Hymnen, Arien und das berühmte Volkslied „Yankee-Doodle“ vorgetragen. Um elf Uhr ging die Gesellschaft auseinander.
Die öffentlichen Anstalten in Boston sind durchgehends musterhaft eingerichtet.
Das Blindeninstitut, welches zu den ausgezeichnetsten seiner Art gehören soll, fand ich leider geschlossen, die Ferien waren noch nicht beendet. Ich hatte aber dennoch das Vergnügen, den Direktor desselben, Herrn Howe kennen zu lernen, der sich hinsichtlich der Erziehung und Behandlung der Blinden einen großen Ruf erworben hat.
Unweit des Blinden-Institutes steht jenes der Blödsinnigen. Wahrhaft bewundernswürdig ist hier die Macht der Erziehung. Alle diese Blödsinnigen waren rein in Kleidung und Haltung, viele unter ihnen konnten lesen, wenige auch schreiben, manche hatten sogar Begriffe von der Erdbeschreibung.
Ein Geschwister-Paar fiel mir durch die auffallend kleine Bildung des Kopfes auf. Dieser Form und dem Gesichtsausdrucke zufolge, hätte man die Unglücklichen für vollkommen dumm halten mögen; sie konnten jedoch ein wenig lesen, die Farben unterscheiden, die Tage der Wochen hersagen u. s. w. Ein bildschönes, blondlockiges, sechsjähriges Mädchen war irrsinnig. Man sah diesem Kinde weder in den Augen noch in den Gesichtszügen an, daß es der Vernunft beraubt war. Das feurige blaue Auge schien eher das Gegentheil zu verrathen; aber außer kleinen Gesängen war ihm bisher nichts beizubringen gewesen — es hatte eine rastlose Beweglichkeit.
So lange diese Armen in der menschenfreundlichen Anstalt sind, geht es ihnen freilich gut; aber wenn sie in die Welt hinausgestoßen werden, in deren Kette sie kein Glied bilden, dann ist ihr Schicksal schrecklich. Und leider erreichen solche unglückliche Geschöpfe gewöhnlich ein hohes Alter, denn keine Sorge, keine Leidenschaft trübt ihre Ruhe.
Das Massachusetts-General-Hospital ist unstreitig das schönste und best eingerichtete, das ich in den Vereinigten Staaten sah. Ich stelle es beinahe den Hospitälern in Surabaya und Samarang auf Java gleich — das höchste Lob, das ich ihm ertheilen kann.
Das Bostoner Gefängniß gehört ebenfalls zu den prachtvollsten, die ich sah. Von außen sieht es einer herrlichen Kirche mit einer schönen Kuppel ähnlich. Das Innere bildet eine lange, hohe Halle, in deren Mitte ein schmales, dreistöckiges Gebäude steht, welches auf beiden Seiten durch alle Stockwerke in kleine Zellen getheilt ist. Jede Zelle hat ein Fenster und eine Thüre, die durch eiserne Gitter geschlossen sind und auf die ringsum laufenden Gallerien münden. Das Ganze gleicht einem eisernen Käfige.
Die Gefangenen erhalten hinlänglich Licht und Luft von der Halle und finden auch einige Zerstreuung, da es in der Halle immer etwas zu sehen gibt. Mit einander können sie nicht verkehren. Der Gefangenwärter sitzt unten in der Halle, von wo er alle Zellen mit einem Blicke übersieht. Ich war in der Küche bei der Austheilung der Kost gegenwärtig, und fand diese sehr gut. Es gibt fünfmal in der Woche Fleisch nebst guter Suppe, die andern zwei Tage Fische. Jeder Mann erhält Morgens Kaffee nebst einem Pfund Brot, Mittags ein Pfund Fleisch, drei große Kartoffeln und ein Stück gutes Brot, Abends Thee und Brot. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Leute kleine Verbrechen begingen, blos in der Absicht, auf einige Zeit hierher zu kommen. Sie essen und wohnen gut und haben nichts zu arbeiten.
Das Hospital für Irre besteht aus drei Gebäuden, jedes mit einem abgeschlossenen, schönen Garten. Die beiden Seitengebäude sind nur für wohlhabende Leute errichtet, das eine für acht Herren, das andere für acht Frauen. Jeder Kranke hat zwei überaus prachtvoll eingerichtete Zimmer, einen Badeplatz, einen eigenen Aufwärter und eine sehr gewählte, gute Kost. Für dieß alles, die ärztliche Pflege mit einbegriffen, werden per Woche zwanzig Dollars gefordert.
Das dritte Gebäude enthält billigere Plätze, für drei Dollars per Woche, und sehr viele unentgeldliche Plätze.
Von den Schulen, die ich in Boston besuchte, kann ich nur dasselbe wiederholen, was ich von jenen in Neu-York gesagt habe: sie sind alle als Musterschulen aufzustellen. Großes Vergnügen machte es mir, hier auch die farbigen Kinder so gut unterrichtet zu finden, daß man farbige Mädchen und Jünglinge als Lehrerinnen und Lehrer gebrauchen kann.
In der großen Volksschule, welche über 600 Schüler zählt und unter der Leitung Herrn Bernard’s steht, sah ich zum ersten Male, daß den Mädchen auch weibliche Handarbeiten, Nähen, Sticken u. s. w. gelehrt wurden. So viel ich glaube, ist diese vernünftige Einrichtung Frau Bernard zu danken, welche die Oberaufsicht über die Mädchen hat. Während der Tagesstunden wird die Schule von Kindern besucht, und drei bis vier Mal in der Woche sind zwei Stunden Abends (von sieben bis neun Uhr) für solche junge Leute bestimmt, die in ihren Kinderjahren keinen Unterricht genossen haben.
Herr Bernard ist von seinen Zöglingen so geliebt und geachtet, daß sie ihn nicht nur in der Schule freudig begrüßen, sondern ihm überall entgegen eilen, wo sie ihm begegnen. Häufig sah ich dieß mit eigenen Augen auf unsern Wanderungen durch die Stadt.
Der Gefälligkeit meines unermüdlichen Freundes verdanke ich auch zwei interessante Ausflüge in Boston’s Umgebung, den ersten nach Cambridge, den andern nach Lowell.
Cambridge (4 Meilen von Boston) ist das größte und bedeutendste Kollegium[23] in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Schüler betrug in diesem Jahre 900, von welchen 700 in Kost und Wohnung aufgenommen waren. Dieses Kollegium gleicht einer kleinen Kolonie: es besteht nicht aus einem einzigen Gebäude, sondern aus vielen Häusern, die auf Wiesenplätzen oder in niedlichen Gärten liegen. In einigen Häusern befinden sich die Lehrsäle für die verschiedenen Gegenstände, die andern dienen den Studenten zu Wohnungen; auch jeder Professor bewohnt ein eigenes Häuschen.
Die Bibliothek ist ebenfalls die größte und interessanteste in den Vereinigten Staaten: sie enthält 80,000 Bände, darunter zwei geschriebene Bibeln, von welchen die eine aus dem neunten, die andere aus dem vierzehnten Jahrhundert datirt, viele andere werthvolle alte Bücher mit schönen Handzeichnungen und Malereien, so wie auch die Kopie eines kleinen Werkchens von Hypokrates, mit der Feder dem Original so täuschend nachgeahmt, daß man sie davon nicht zu unterscheiden vermag. Man soll für dieses Kunstwerk 1500 £ St. geboten haben.
Ich lernte in Cambridge den Professor und rühmlichst bekannten Naturforscher Herrn Agassiz kennen, der, als er noch in seinem Vaterlande, der Schweiz, lebte, die vorzüglichsten Berge und Gletscher, darunter auch den Montblanc, bestiegen hat. Die Bekanntschaft dieses ausgezeichneten Mannes war mir um so werther, als ich auf meiner ersten Reise um die Welt im Jahre 1847 in China (Canton) von einem seiner nahen Verwandten, auch einem Herrn Agassiz, gar freundlich aufgenommen worden war.
Hier beschäftigt sich Herr Agassiz außer der Ausübung seines Lehramtes mit Sammeln von Insekten, Reptilien und allem, was in das Naturreich gehört. Er soll eine der reichsten Sammlungen von Insekten und Schmetterlingen, die in Nordamerika vorkommen, haben. Ich konnte leider wenig davon sehen, da gerade alles gepackt war, um in ein anderes Lokal gebracht zu werden.
Lowell, die berühmteste Fabrikstadt der Vereinigten Staaten, mit einer Bevölkerung von 33,000 Seelen, liegt 25 Meilen von Boston. Man verfertiget hier die ausgezeichnetsten Teppiche, Weiß- und Druckwaaren. Im Ganzen sind 11 Fabriken im Gange, welche 8476 Mädchen und 4507 Männer beschäftigen, und deren Betriebskapital man auf 14 Millionen Dollars schätzt.
Die Mädchen wohnen beinahe durchgehends in Boarding-Houses, die zu den Fabriken gehören, und in welchen eben so wie in den Fabriken die wohlgeordnetste Aufsicht über sie geführt wird. Ein Mädchen bezahlt per Monat für gute Kost und Wohnung 5 Dollars, ihr Erwerb beläuft sich auf 13 bis 14. Jene, die nicht in den Kosthäusern leben, müssen sich einen wöchentlichen Abzug von 25 Cents (¼ Dollar) gefallen lassen. Man will sie durch diesen Abzug zu bewegen suchen, in den Kosthäusern zu wohnen, wo sie mehr unter Aufsicht sind.
Die Arbeiterinnen haben hier ein so sittiges Aussehen und Benehmen, daß viele Eltern, der wohlerzogenen Klasse angehörend, keinen Anstand nehmen, ihre Töchter in die Fabriken zur Arbeit zu senden. Dieses schöne, sittige Benehmen der Arbeiterinnen war mir so neu, daß es mich bei weitem mehr überraschte als das Maschinenwesen, welches allerdings in den Vereinigten Staaten auf einen sehr hohen Punkt gebracht ist, von dem ich aber viel zu wenig verstehe, um darüber etwas sagen zu können.
Am 19. Oktober ging ich wieder nach Neu-York zurück, wo ich noch bis zum 10. November blieb.
Am 7. November hatte in Neu-York die Wahl des Bürgermeisters, Gouverneurs und noch einiger Beamten statt. Man fürchtete, daß es bei dieser Gelegenheit sehr stürmisch hergehen würde, man war sogar auf kleine Gefechte gefaßt, denn nie standen sich die Partheien bisher so schroff gegenüber: es handelte sich um die Einführung oder Ausschließung des Temperance-Gesetzes. Ich ging einen großen Theil des Tages in der Stadt, besonders in den five Points und auf dem sechsten Ward[24] umher, um das stimmende Volk zu sehen. Der Anblick der Wähler war gerade nicht geeignet, das Gemüth zu beruhigen: der anständigen Leute gab es nur wenige auf den Wahlplätzen.
Glücklicherweise gestaltete sich die Wahl diesmal ruhiger als je, und zwar selbst in den „five Points“ und in der sechsten Ward, welche Plätze sich bei derlei Gelegenheiten stets durch fürchterliche Schlägereien auszeichnen, besonders letztere, die dadurch den Namen „blutige Ward“ errungen hat.
Die Ursache dieser unerwarteten Friedlichkeit war gerade, daß jedermann sich auf das ärgste gefaßt, und daher sein Haus nicht ohne Schuß- oder Stich-Waffen verlassen hatte. Jede der Partheien hütete sich, den Anfang zu machen, und so ging der Tag, einen Todten und ein Paar schwer Verwundete in Williamsburg ausgenommen, ohne blutige Ereignisse vorüber.
Am 10. November verließ ich Neu-York auf dem prachtvollen Amerikanischen Dampfer „Pacific,“ der von hier nach Liverpool fährt.
Ich hatte nun das Land gesehen, dessen Besuch schon lange einen meiner sehnlichsten Wünsche bildete. Weniger reich an Naturschönheiten als die Länder der südlichen Hemisphäre, ist es mehr durch das industrielle und geschäftige Treiben seiner Bewohner, und vor allem durch seine Verfassung interessant.
Manches fand ich wohl anders, als ich es mir gedacht hatte, anders als es sein sollte und sein könnte, wenig übereinstimmend mit den Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, die den Grundpfeiler seiner Einrichtungen bilden. So die Sklaverei in den Sklavenstaaten — so in den freien Staaten die Ausschließung des freien Negers und Farbigen von aller Gesellschaft, von jeder bürgerlichen Bedeutung — so das grausame Gesetz, welches entflohene Sklaven gleich wilden Thieren aufzufangen und ihren barbarischen Peinigern auszuliefern befiehlt — so die nicht zu entschuldigende Nachsicht der Richter und Jury-Männer mit den weißen Verbrechern, die, wie die Amerikanischen Zeitungen selbst schreiben, ohne, oder mit höchst geringen Strafen davon kommen, sobald sie Geld oder gute Freunde haben — so die streng gebotene Feier des Sonntags, die den Armen, der die ganze Woche an seine Arbeit gefesselt ist, jeder Erheiterung beraubt.
Aber bei allen diesen Gebrechen und Unvollkommenheiten kann man doch nicht umhin, zu bekennen, daß (die Sklavenstaaten ausgenommen) das Gleichgewicht durch das Gute, welches der großen Mehrzahl der Menschen aus den freien Einrichtungen und Gesetzen erwächst, nicht nur hergestellt, sondern bei weitem überwogen wird, und daß die Vereinigten Staaten als Staat bisher einzig in der Welt dastehen.
Mit Recht ist der Amerikaner stolz auf sein Vaterland, in welchem der Mensch auf jener Stufe der Gleichberechtigung steht, auf die ihn Gott gestellt, und die in der Geschichte ihres gleichen nicht findet.
[21] Man sagt in den Vereinigten Staaten, daß ein Omnibus nie voll wird.
[22] In den Amerikanischen Schulen sind statt der Lehrer sehr häufig Lehrerinnen angestellt, selbst bei den unteren Schulen der Knaben. Man sucht in diesen Staaten auf alle mögliche Weise dem weiblichen Geschlecht Mittel und Wege zu verschaffen, sich anständig fortzubringen.
[23] Es wurde noch unter der Englischen Regierung gestiftet.
[24] Die Stadt ist in zwölf Wards eingetheilt.